Die Milchstraße

Part 3

Chapter 33,387 wordsPublic domain

Aber je weiter sich Herschel in die Wunder der Milchstraße versenkte, um so klarer erkannte er, daß sein Milchstraßenbild unvollkommen war und keineswegs die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen erschöpfte. Es war seinem Wissen als Forscher und seinem Scharfsinn als Denker nicht möglich, alle Widersprüche zu bannen und alle Probleme durch ein großes einheitliches Weltbild zu umspannen. Er widerrief in späteren Jahren seine Hypothese und bekannte resigniert, daß weder Fernrohr noch Gedanke reiche, ein zufriedenstellendes Bild der Welt zu geben, und daß es einem späteren Geschlecht vorbehalten sei, das Land, das er entdeckt, in seiner wahren Gestalt zu erforschen.

Daß Herschel als erster, mit großen Instrumenten ausgerüstet, zielbewußt die Milchstraße erforschte, und ein, wie er selber gestand, ungenügende Bild ihrer Natur entwarf, reicht wahrlich nicht hin, ihm eine so führende Stellung in der modernen Wissenschaft anzuweisen, daß man ihn den »Vater der Stellarastronomie« nennt. Herschels unvergleichliches Verdienst liegt tiefer: er lehrte uns das Fernrohr für die Erforschung der Fixsternwelt und des Milchstraßengürtels anzuwenden. Herschel lehrte uns sehen.

Das Auge des Menschen ist eine Camera obscura wie der photographische Apparat. Er besteht aus einer Linse, die das Licht der Außenwelt auffängt, sammelt, und als verkleinertes verschärftes Bild auf eine lichtempfindliche Platte, die Netzhaut, wirft. Linse und Netzhaut sind die beiden wesentlichen Teile des Auges. Das Fernrohr ist eine künstliche Linse, die sich der Mensch zur Verstärkung seiner natürlichen vor das Auge stellt. Die teleskopische Linse ist hundertmal größer, schärfer, lichtstärker. Dadurch verhundertfacht sie die Leistungen des menschlichen Auges. Während das Auge günstigenfalls 6000 Sterne am ganzen Himmel, also von einem Standpunkt aus 3000 wahrnimmt, die man nach ihrer Helligkeit in sechs Klassen von der ersten bis sechsten Größe einteilt, sieht das Fernrohr viele Millionen bis zur 12., 13. und 14. Größe. Auf einer Himmelsfläche von dem Umfang einer Mondscheibe zählte Herschel 2400 Sterne! Man sieht also im Fernrohr tatsächlich »wie Gras der Nacht Myriaden Welten keimen«.

Neben der Erkenntnis der ungeheueren Zahl der Milchstraßensterne ermöglicht das Fernrohr genaue Untersuchungen über die +Verteilung+ dieser Sternheere. Herschel begann diese Untersuchungen mit seinen berühmten Sterneichungen, d. s. Auszählungen der Sterne nach Stichproben; vollendet wurden sie in unseren Tagen durch die eingehenden »Untersuchungen über die Verteilung der Fixsterne« des Münchener Forschers v. Seeliger. Diese mühevollen Studien gipfeln in dem Ergebnis, daß alle uns sichtbaren Sterne tatsächlich, wie Wright, Kant und Lambert angenommen haben, in einer flachen, linsenförmigen Scheibe, dem Milchstraßensystem, angeordnet sind. Je mehr man sich von den Polen ausgehend dem Milchstraßenäquator nähert, um so zahlreicher, dichtgedrängter erscheinen die Sterne als Zeichen ihrer Anordnung in einer großen Ebene, der Milchstraße.

Fast noch wichtiger als die Bestimmung der allgemeinen Sternverteilung ist die genaue Ortsbestimmung einzelner Sterne durch gewissenhafte Fernrohrbeobachtung, da sie allein zur Ermittlung der +Sternentfernung+ führen kann. Die Kunst, das Fernrohr zu gebrauchen, sollte bald auf diesem Gebiet die schönsten Früchte reifen lassen.

Wenn wir uns in einem Eisenbahnzug durch eine Landschaft bewegen, so fliegen die Bäume und Kirchturmspitzen an uns vorbei, wobei sie sich gegen ihren Hintergrund, den Horizont, verschieben. Je ferner ein Gegenstand sich von uns befindet, umso geringer ist diese scheinbare Verschiebung. Man nennt diese scheinbare Verschiebung eines Gegenstandes gegen seinen Hintergrund bei Ortswechsel des Betrachters die +Parallaxe+. Man halte seinen Zeigefinger vor dieses Buch und betrachte ihn abwechselnd mit dem rechten und dem linken Auge. Dann verschiebt sich seine scheinbare Stellung gegen den Buchhintergrund. Aus dieser Parallaxe des Fingers kann man seine Entfernung vom Auge berechnen, wenn man den Abstand der beiden Augen voneinander kennt.

Bekanntlich steht die Erde nicht still, sondern bewegt sich in einem Kreis um die Sonne. Der Durchmesser dieser Erdbahn beträgt 300 Millionen Kilometer. Wir stehen im Frühling um 300 Millionen Kilometer von jener Stelle entfernt, an der wir uns im Herbst befunden haben. Es müssen sich demnach die Gestirne zwischen der Frühlings- und der Herbstbetrachtung gegen den Himmelshintergrund genau so verschieben, wie der Finger, den wir einmal mit dem rechten, einmal mit dem linken Auge betrachten (Abb. 7).

Diese Verschiebung ist so minimal, daß sie weder Galilei noch Herschel trotz eifrigster Bemühungen feststellen konnten. Dieses gelang erst im Jahre 1837 dem berühmten Königsberger Astronomen +Bessel+, der in seiner Jugend Kaufmann gewesen war, mit einem neuen stereoskopartigen Fernrohr, dem Heliometer. Das von Fraunhofer konstruierte Heliometer ist ein so feines Instrument, daß man damit in der Entfernung eines Kilometer die Verschiebung eines Körpers um ½ ~mm~ auf das genaueste bestimmen kann. Nach jahrelanger, unverdrossener Beobachtung bestimmte Bessel die Parallaxe eines kleinen Sternes 61 im Schwan und berechnete seine Entfernung auf 80 Billionen ~km~, d.h. auf das 500000fache der Sonnenentfernung, die 150 Millionen ~km~ beträgt. +Die unvorstellbare Entfernung der Fixsterne war bewiesen.+ Sternentfernungen zu fassen, ist Menschensinnen versagt. Wir können uns Meter und Kilometer vorstellen, aber nicht Sonnenabstände oder Sternenweiten. Die kühnste Phantasie scheitert an jedem Versuch, die Räume des Universums zu messen. Wir sind Erdensöhne und durch unsere irdische Organisation an planetarische Maße gebunden. Was jenseits dieser Erdenwelt gelegen, können wir bewundern, verehren, aber fassen können wir es nicht. Astronomische Entfernungen in Kilometer auszudrücken ist ebenso töricht wie ein Land in Quadratmillimetern zu vermessen. Fehler, die selbst Millionen dieser Einheiten betrügen, wären immer noch unbestimmbar klein. Daher hat man als Normalmaß in der Astronomie das +Lichtjahr+ eingeführt. Die Lichtschwingung des Weltäthers ist die schnellste Bewegung, die wir kennen. Die Lichtwelle pflanzt sich in einer Sekunde um 300000 ~km~ fort. Man lege seine Hand an seinen Puls und zähle. Zwischen zwei Pulsschlägen schwingt die Lichtwelle achtmal um den Erdball. Diesen Weg bezeichnet man als Lichtsekunde. Den Weg, den das Licht in einem Jahr zurücklegt, ein Jahr hat über 30 Millionen Sekunden, d.h. also 10 Millionen mal eine Million ~km~ = 10 Billionen ~km~ bezeichnet man als ein Lichtjahr und sagt, ein Stern ist 10 Lichtjahre von uns entfernt, wenn das Licht 10 Jahre braucht, um von ihm zu uns zu gelangen. 1 ~km~ verhält sich zu einem Lichtjahr wie eine Sekunde zu 60000 Jahren. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Sternen sind ungeheuer. Sie betragen Lichtjahre, Lichtjahrzehnte, Lichtjahrhunderte. Selbst zwischen den benachbarten Sternen einer Gruppe gähnen Räume von unheimlicher Länge und Weite, unüberbrückbar selbst für den Gedanken. Der nächste Stern ist von der Sonne über 4 Lichtjahre entfernt, ¼ Million mal weiter als sie von uns. Nur durch ein Bild kann man sich einer Vorstellung von den Maßen der Sternenwelt nähern. Denkt man sich die Erdkugel, unsere schöne große weite Erdkugel zu einer Erbse geschrumpft, so läge die Sonne 100 ~m~ von ihr als ein großer Kürbis. Läge dieses Sonnensystem in Berlin, wo würde dann das nächste Fixsternsystem liegen? Das allernächste? Draußen vor der Stadt? Oder in einem Vorort? Oder gar in Leipzig? In München? Vielleicht selbst in Rom, 1500 ~km~ weit entfernt? Nein, es läge über zehnmal weiter, 25000 ~km~ weit, also irgendwo im Innern Australien oder in der Südsee jenseits dieses Erdteils nahe dem Südpol. Der zweitnächste Stern, um die Hälfte weiter entfernt, fände auf Erden gar keinen Raum mehr und schwebte jenseits des Gegenpols draußen im Weltraum! Wir Menschen sind Wesen auf einer Erbse, die irgendwo im Grase versteckt in Mitteleuropa liegt. Im Polareis des Südpols zwischen den gefrorenen Schollen liegt ein kürbisgroßer Stein und einige Schritte von ihm entfernt liegen wahrscheinlich einige Erbsen, das ist unsere nächste Schwesterwelt im Universum! Wenn wir seiner überhaupt fähig waren, welch trostloses Einsamkeitsgefühl müßte uns ergreifen! Welch grauenhafte Öde umschauert uns als toter kalter dunkler Raum! Was ist der Mensch im All? Wenn die Erde eine Erbse wäre in einem Raum so groß wie ein Zimmer, so wäre sie schon klein zu nennen und nicht wert, den Mittelpunkt der Welt zu bilden. Schon dann wäre es Hochmut, wenn der Mensch, der auf dieser Erbse in ganzen Völkerscharen lebt, sich für den Herrn der Welt, für die Krone der Schöpfung hielte. Eine Erbse inmitten einer großen Stadt ist schon ein Nichts, ein unauffindbares, verschwindendes Nichts, dessen Dasein oder Nichtdasein am Bilde der Stadt auch nicht einen Deut veränderte. Aber irgendwo im Grase eines leeren Europa, vielleicht im Geröll der Alpen oder in einem Sumpfried der sibirischen Steppe oder im öden Sande der Sahara oder in den Wellen des Atlantischen Ozeans eine Erbse zu sein und auf ihr zu leben, weniger, 100000 mal weniger als ein Bazillus -- »wenn ich den Himmel anschaue, den Mond und die Sterne, was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und der Menschensohn, daß du auf ihn achtest?«

Nur von den allernächsten Sternen, die naturgemäß die größte Parallaxe besitzen, sind zuverlässige Bestimmungen gelungen, so daß wir von nur ungefähr 200 der nächsten Sterne die genaue Entfernung kennen, während wir von all den übrigen Millionen nur sagen können, daß sie um ein vielfaches ferner sein müssen als diese Schwesterwelten, mit denen wir zusammen eine Sterngruppe bilden. Von den bekannten Sternen sind von uns entfernt:

Alpha Centauri, der nächste aller Fixsterne 4,3 Lichtj. Sirius im Großen Hund 8,6 " Prokyon im Kleinen Hund 9,5 " Atair im Adler 14 " Kastor in den Zwillingen 17 " Aldebaran im Stier 30 " Regulus im Löwen 36 " Wega in der Leier 39 " Kapella im Fuhrmann 40 " Polarstern im Kleinen Bären 46 " Pollux in den Zwillingen 57 " Arktur im Bootes 136 " Beteigeuze im Orion 142 " Rigel im Orion 320 "

Man wende seinen Blick zum glänzenden Pollux*. Die Lichtwellen, die jetzt unser Auge treffen, haben vor 57 Jahren diese Sonne verlassen. Dieser Stern steht gar nicht an jener Stelle, wo wir ihn jetzt sehen, so wenig wie der Sirius oder die Kapella sich in Wirklichkeit jetzt an ihrem scheinbaren Platz befinden, sondern stand vor 57 Jahren an diesem Punkt. Als diese Ätherwellen, die jetzt unsere Netzhaut erregen, dem flammenden Chaos dieser Welt vor 57 Jahren entwirbelten, waren wir noch nicht geboren, unsere Eltern kannten sich in jener Stunde noch nicht, und während jener Strahl durch den Weltraum zu uns eilte, 57 Jahre lang in jeder Sekunde 300000 ~km~ fliegend, wuchsen wir heran aus einer kleinen Gallertzelle, wurden wir als ein hilf- und ahnungsloses Wesen geboren, lagen wir in der Wiege, lernten wir gehen und sprechen, lesen und schreiben vom ABC und Einmaleins durch Märchenbuch und Räubergeschichte bis zu diesen Zeilen, die uns Kunde bringen von den Wundern, die uns umschwingen. Was haben wir nicht alles in dieser Zeit gesehen und gehört, erlebt und erlitten? Was ist nicht alles geschehen auf diesem kleinen Erdball in 57 Jahren! Und was auf jener Sternenwelt dort droben? Vielleicht ist sie in dieser Zeit erloschen, vielleicht zusammengeprallt mit einem dunklen Körper und in den Weltraum zerstoben, ist vielleicht vor 30 Jahren in glühenden Nebel verdampft und existiert nicht mehr. Wir aber sehen dann in dieser Stunde etwas, was gar nicht mehr ist, und werden es morgen noch sehen und in zehn und in zwanzig Jahren, und wenn die Lichtwellen, die jetzt jene Welt verlassen, in 57 Jahren unsere Atmosphäre überfluten, liegen wir längst draußen im Feld unter dem Rasen, heimgekehrt in den Allmutterschoß der Erde, und kein Sehnerv zittert mehr in unserer Augenhöhle, keine Zellfaser schwingt mehr in unserer Hirnschale in dem Gedanken von der Größe und Erhabenheit der Welt -- kurz ist die Frist, die dem Menschen gegeben, zu forschen und zu fühlen, kürzer als die Spanne, die das Licht von einem Stern zum andern schwingt -- ~carpe diem~, nützen wir den Tag und die Stunde!

Die äußersten Sterne des Milchstraßensystems, deren verschwommener, zusammenfließender Schein das Milchlicht dieses Gürtels erzeugt, sind von uns 10000 Lichtjahre entfernt. Wenn wir auf den Planeten einer solchen Sonne lebten und unsere Erde beobachten könnten, so sähen wir die Welt vor drei-, sechs-, acht-, zehntausend Jahren. Die Bewohner einer Sternenwelt in der noch mäßigen Entfernung von 3000 Lichtjahren sähen heute Griechen und Trojaner in der Ebene von Ilion kämpfen, sähen den greisen Priamus im Kreis der Alten auf der Mauer, die schöne Helena auf ihrem Ruhelager im fürstlichen Gemach, Achill grübelnd in seinem Zelte sitzen und Hektor im Kampf mit dem fallenden Patroklus. Wenn wirklich denkende Wesen uns aus dieser Ferne beobachteten -- und wer will diese Möglichkeit in unserer Welt der Wunder einfach leugnen? -- so sähen sie Europa als Sumpf und Urwald, bevölkert von Heiden und Barbaren, und spotten vielleicht unserer, nicht ahnend, daß auf derselben Stelle, wo sie Götzenaltäre und Göttereichen sehen, in Wahrheit schon Kuppelhallen stehen mit gewaltigen Teleskopen, elektrischen Uhren, Tabellen und Sterntafeln, und daß Menschen unter ihnen sitzen, die die Geheimnisse des Weltalls bis in tausendjährige Lichtentfernungen ergründen ...

Bei den genauen Ortsbestimmungen, die zur Feststellung der Parallaxe notwendig waren, entdeckte Bessel an manchen Sternen kleine Verschiebungen, die sich nicht durch die Bewegung der Erde um die Sonne erklären ließen. Vor allem an den beiden hellen Sternen Sirius und Prokyon fielen ihm kleine periodische Bahnbewegungen auf, die er nach jahrelanger reiflicher Beobachtung und Überlegung auf die Anwesenheit unsichtbarer Trabanten zurückführte. Der Sirius sollte von einer Begleitsonne umkreist werden, die ihn in 50 Jahren umläuft und durch ihre Anziehungskraft die Störungen der Siriusstellung hervorruft. Dieser von Bessel vermutete Siriusbegleiter war aber selbst in den stärksten Fernrohren nicht zu entdecken. 18 Monate nach Veröffentlichung seiner Arbeit über den unsichtbaren Siriusbegleiter starb Bessel. Sein Nachfolger Peters führte die Untersuchungen fort und berechnete, daß dieser Begleiter augenblicklich in dem und dem Abstand an einem ganz bestimmten Punkt stehen müßte. Eine verwegene Behauptung! Einen Körper in einer Entfernung von ½ Millionen Sonnenweiten, den kein menschliche Auge sehen konnte, nicht nur zu vermuten, sondern sogar genau seine Bahn, seine Bewegungsgeschwindigkeit, seinen Standort zu berechnen! Klingt es nicht wie ein Märchen, daß ein Mensch im Dunkel nie gesehener Welten, in Fernen, die sich keine Vorstellung mehr auszudenken vermag, unsichtbare Trabanten berechnet, und mit der Bestimmtheit einer eidlichen Versicherung ihr Gewicht, ihre Entfernung, ihre Bahn und ihre Geschwindigkeit zu kennen behauptet? Wer sollte den Sternenguckern solche Phantasien glauben, zumal niemand selbst mit den immer besseren Teleskopen der folgenden Jahre diesen Begleiter zu entdecken vermochte! Aber es kam anders, als die Zweifler glaubten und die Spötter lachten. 20 Jahre nach dem Tode Bessels erprobte der berühmte amerikanische Linsengießer Clark sein neuestes Glas, richtet es auf den Sirius -- und entdeckt genau an der Stelle, die Peters für dieses Jahr als Stand des Siriustrabanten angegeben hatte, ein Sternchen! Man verfolgte seinen Lauf und siehe da, es bewegte sich in 50 Jahren um den Sirius und stand in jedem Jahr an jenem Punkt, den Bessel und Peters vor seiner Entdeckung für diese Zeit berechnet hatten! Welches Wunder ist größer? Daß es Welten gibt in dieser Fülle und in diesen Fernen, die sich umkreisen wie Sonne und Planeten, oder daß auf einem dunklen Sonnenstäubchen zwischen ihnen ein Eintagswesen lebt mit einer grauen Gallertmasse in seiner Schädelschale, das die Bahnen dieser Welten bestimmt, ohne sie in ihrer Größe und Entfernung sich vorstellen zu können, ja selbst ohne sie im schärfsten Fernrohr überhaupt zu sehen?

Sterne, die mit einem anderen Stern ein kreisendes System bilden, nennt man Doppelsterne. Fast jeder dritte Stern unserer näheren Umgebung ist ein Doppelstern, so daß wir heute ungefähr 15000 Doppelsterne kennen. Weit auseinander stehende Doppelsterne wie das Sternpaar rechts neben dem Aldebaran* kann man mit bloßem Auge als solche erkennen, die meisten aber sind erst im Fernrohr und sehr viele auch mit diesem nicht mehr zu trennen. Die Umlaufszeiten der Doppelsterne schwanken zwischen einigen Tagen und mehreren Tausend Jahren, je nach dem Abstand der Sonnen, wie ja auch die Umlaufszeiten unserer Planeten von Merkur bis Neptun zwischen 88 Tagen und 165 Jahren voneinander abweichen. Die Umlaufszeiten betragen im Doppelsystem des

Prokyon 40 Jahre Sirius 50 " Alpha Centauri 87 " Kastor 997 "

Es gibt aber nicht nur Systeme von zwei Sonnen, sondern solche von 3, 4, 6, 8, 16, ja 20 Sonnen. Dicht neben der Wega in der Leier steht ein Sternsystem*, von dem ein mäßiges Auge nur ein Pünktchen sieht; ein gutes Auge sieht diesen Stern als längliche Linie; ein sehr gutes Auge erkennt zwei eng zusammenstehende Sterne 5. Größe. Schon ein kleines Fernrohr aber zerlegt jeden dieser beiden Sterne in zwei Körper, so daß wir hier ein Sternsystem von vier Sonnen vor uns haben. Der hellste Stern der Plejadengruppe,* Alkyone, ist ein vierfacher, der mittlere Deichselstern im großen Wagen Mizar* ist ein fünffacher Stern. Der Lichtschimmer des Orionnebels* unter dem Jakobstab geht von einem sechsfachen Sternsystem aus, das seiner Gestalt wegen Trapez genannt wird.

Die Entdeckung dieser Doppelsterne und ihrer Bewegungen bedeutet einen großen Fortschritt in der Erkenntnis des Milchstraßensystems. Diese umeinanderkreisenden Sonnen beweisen uns das Wirken der Schwerkraft zwischen den Sternsystemen anderer Welten. Dieselbe Kraft, die uns an den Boden unseres Planeten fesselt, die den Mond an die Erde, die Erde an die Sonne kettet, waltet droben zwischen den Sonnen der Milchstraßenferne und heißt sie umeinanderkreisen in nimmer endendem Doppellauf. +Die Doppelsterne beweisen die Einheit und Allheit der Schwerkraft im System der Milchstraße.+

Aber nicht nur dies. Die Planeten unseres Systems bewegen sich nach bestimmten Gesetzen um die Sonne, die nach ihrem Entdecker die Keplerschen Gesetze genannt werden. Die drei Keplerschen Gesetze sagen, daß die Planeten sich in Ellipsen um die Sonne bewegen, die im Brennpunkt dieser Ellipsen steht, daß die Bewegung der Planeten um so rascher wird, je näher sie der Sonne kommen, und daß ihre Umlaufszeiten in bestimmtem Verhältnis von ihrer Sonnenentfernung abhängig sind. Als man die Bahnen der Doppelsterne verfolgte, fand man, daß sie sich genau nach den Keplerschen Gesetzen wie die Planeten unseres Systems bewegen. Mit Hilfe der Keplerschen Gesetze kann man, und das haben ja die Vorentdecker des Sirius- und Prokyontrabanten getan, die Stellung jedes Doppelsterns für jeden beliebigen Zeitpunkt der Zukunft ebenso genau bestimmen, wie wir es von den Ortsbestimmungen der Planeten gewöhnt sind. +Durch diese Entdeckung ist neben der Einheit der Kraft die Einheit des Gesetzes innerhalb des Milchstraßensystems bewiesen.+

Die Planetengesetze wirken im All. Gibt es aber auch Planeten, die ihnen folgen? Werden die Sonnen von dunklen Körpern umkreist wie unsere?

Es gibt dunkle Sterntrabanten. Rechts abseits von der hellen Sternlinie des Perseus steht ein einzelner auffälliger Stern 2. Größe, Algol*. Dieser Stern wechselt seine Lichtstärke. Zwei Tage 20 Stunden 48 Minuten 53 Sekunden ist er hell, dann sinkt sein Licht innerhalb 4½ Stunden von der 2. auf die 4. Größe, so daß er ein unscheinbares Pünktchen wird, verharrt 18 Minuten in dieser Lichtschwäche, um danach wieder in 4½ Stunden zur gewöhnlichen Helle anzusteigen. Derartige »Algolsterne« kennt man über 50, und jährlich werden neue Vertreter dieses Algoltypus entdeckt. Das charakteristische für die Algolsterne liegt in der astronomischen Pünktlichkeit ihrer Periode. Mit derselben Genauigkeit, mit der sich eine Sonnenfinsternis für 100 und für 1000 Jahre voraussagen läßt, kann man von jedem Algolstern die Zeiten seiner Verdunkelungen auf die Sekunde vorhersagen, so daß es keinem Zweifel unterliegt, daß wir hier tatsächlich die Verfinsterungen von Sonnen durch dunkle Begleiter wahrnehmen (Abb. 8). Alle Algolsterne sind Sonnen, die von dunklen Trabanten umkreist und verfinstert werden. +Die Algolsterne beweisen die allgemeine Existenz von Planeten um die Sonnen des Milchstraßensystems.+

Natürlich können wir nur große und den Sonnen nahe Planeten wahrnehmen, denn nur solche können eine merkliche Verfinsterung verursachen. Ein Planet von der Größe und der Sonnenentfernung der Erde, der sich zu seiner Sonne verhält wie einer dieser hier gedruckten Lettern zur ganzen Buchseite und dabei von dieser Seite noch 30 ~m~ entfernt wäre, kann keinen verdunkelnden Schatten durch den Weltraum werfen. Außerdem können nur solche Planeten nachgewiesen werden, deren Bahn in der Blickrichtung gelegen ist, also von uns aus gesehen an der Sonnenscheibe vorbei und nicht daneben oder darüber hinwegzieht, da sonst von uns keine Verfinsterung beobachtet werden kann. Infolge ihrer Größe und Sonnennähe leuchten diese Planeten vom Algoltypus meist noch selbstständig. Wenn es aber große leuchtende sonnennahe Planeten gibt, die nach den Keplerschen Gesetzen ihr Zentralgestirn umkreisen, so gibt es auch ganz gewiß kleinere kalte und sonnenferne Planeten, wie wir sie in unserem System sehen und wie einer von ihnen unsere Erde ist; und um diese Planeten schwingen ganz gewiß Ringe und Monde wie um Erde, Mars und Saturn. So erhebt uns die Kenntnis der Algolsterne abermals um eine Stufe auf der Leiter der Milchstraßenerforschung. Blicken wir empor zu den Sternen, die uns zu Häupten glühen und die zu Myriaden zusammengedrängt den Schimmer der Milchstraße zu uns niedersenden -- jeder einzelne von ihnen ist eine Sonne, umkreist von Trabanten, eine Welt von Planeten und Monden, von denselben Kräften, denselben Gesetzen beherrscht wie unsere, und so weitet sich uns der Anblick des sternbesäten Firmaments zu einem Gedanken von überwältigender Größe und Erhabenheit, während andererseits vor dem geistigen Auge des Weltbetrachters unser groß-gewaltiges harmonisches Sonnensystem mit all seinem Reichtum an Licht, Farben, Körpern und Leben abermals schrumpft, zusammenschrumpft zu einem Pünktchen im All, einem Lichtfünkchen in dem großen leuchtenden Sonnenkranz der Milchstraße.