Die Milchstraße

Part 2

Chapter 23,421 wordsPublic domain

Als erster Sterblicher, der die Gedankenfahrt hinauswagt aus dem engen Bezirk unseres Sonnensystems in die unermeßliche Weite der Sternenwelt, berauscht sich Giordano Bruno förmlich an der Größe und Schönheit des Alls. »Einzig ist der Himmel,« so beginnt einer seiner berühmten Dialoge, »der unermeßliche Raum, das Universum, der allumfassende Äther, in dem sich alles regt und bewegt. In ihm sind unzählige Gestirne, Weltkugeln, Sonnen und Planeten, wahrnehmbare und unzählige andere nicht mehr wahrnehmbare müssen vernünftigerweise angenommen werden.« »Es gibt zahllose Sonnen und zahllose Erden, die alle in gleicher Weise ihre Sonnen umkreisen, so wie wir es an den sieben Planeten unseres Systems sehen. Wir erblicken nur die Sonnen, weil sie die größten Körper sind und leuchten. Ihre Planeten aber bleiben, weil sie kleiner sind und nicht leuchten, für uns unsichtbar.« Er durchdenkt diesen Gedanken bis in seine letzten Folgerungen und kommt zur Überzeugung von der Bewohnbarkeit der Welten: »Die unzähligen Welten des Alls sind um nichts schlechter und nichts weniger bewohnt als unsere Erde. Denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich einbilden, daß jene unzähligen Welten, die doch ebenso und vielleicht noch prächtiger sind als unsere, denen doch ebenso wie uns eine Sonne befruchtende Strahlen zusendet, unbewohnt seien und nicht ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner trügen als unsere Erde. Die ungezählten Welten des Alls sind alle von der gleichen Gestalt, demselben Rang, denselben Kräften und denselben Gesetzen untertan.« Mit seinem Seherauge schaut er in die Zukunft kommender Jahrhunderte und prophezeit der Wissenschaft ihre Aufgaben und Erfolge: »Schenk uns die Lehre von der Universalität der irdischen Gesetze auf allen Welten und von der Gleichheit aller kosmischen Stoffe! Vernichte die Theorien von dem Weltmittelpunkt der Erde! Zerschmettere die überirdischen Mächte, die die Welt bewegen sollen, und die Schalen der sogenannten Himmelskugeln! Öffne uns das Tor, durch welches wir hinausblicken können in die unermeßliche, einheitliche, ohne Unterschiede zusammengesetzte Sternenwelt, zeige uns, daß die anderen Welten im Äthermeer schwimmen wie die unsere! Erkläre uns, daß die Bewegungen aller Welten aus inneren Kräften hervorgehen, und lehre uns im Lichte solcher Anschauungen mit sicherem Schritt vorwärts schreiten in der Erforschung und der Erkenntnis der Natur.« Hoffnungsvoll ruft er seinen Jüngern das Zukunftswort entgegen: »Seid getrost, die Zeit wird kommen, wo alle sehen werden, was ich sehe!«

Schöner, als er es ahnen konnte, kam diese Zeit. Zwar schien es hoffnungslos, daß man jemals das Rätsel der Sterne lösen könnte. Keine Kunde dringt zu uns aus jenen Fernen, keine Sphärenmusik klingt, wie die Pythagoräer glaubten, durch den Weltraum. Nacht für Nacht zieht das Heer der Sterne schweigend herauf und hernieder. Nur ein einziger stummer Bote eilt vom Himmel zu uns herab: das Licht. Aber bringt uns dieser Bote auf leuchtenden Schwingen auch eine Kunde? Birgt sich hinter diesen Lichtpünktchen des Himmels eine Sprache wie hinter den Punkten des Morsetelegramms? Wird je eine Zeit kommen, in der die Menschen diese Himmelssprache auch enträtseln? Diese Zeit kam.

Kaum war die Asche verraucht auf dem Scheiterhaufen Giordano Brunos, auf dem er am 16. Februar 1600 zu Rom für sein Weltbekenntnis den Märtyrertod erlitten, da drang aus Holland die Kunde nach Italien, daß man durch Zusammenstellung mehrerer Linsen ein Instrument verfertigen könnte, durch das man ferne Gegenstände nahe sieht. Galilei baute ein solches Instrument: das +Fernrohr+ war erfunden. Das goldene Zeitalter der Astronomie brach an. Galilei richtete sein Rohr zum Himmel und machte wunderbare Entdeckungen. Er sah, daß der Mond eine Kugel war wie die Erde, mit Bergen, Tälern und Meeresflächen, daß der Jupiter von Monden umkreist wurde wie unser Planet, daß die Sonne ein glühender Ball war, auf dem es loderte und brodelte wie in Feuerschlünden, und daß er sich um seine Achse drehte wie Erde, Mond, Jupiter und Saturn. Die Einheit des Sonnensystems war erkannt, der Sieg der Kopernikanischen Lehre über die alte Weltanschauung wurde in allen Ländern proklamiert.

Aber für die Milchstraßenforschung war der Frühlingstag noch nicht gekommen. Sie hatte von der neuen Erfindung keinen Gewinn. Im Gegenteil, man war grenzenlos enttäuscht und konnte sich des Spottes der Gegner nicht erwehren. Die Fixsterne erschienen im Fernrohr noch kleiner und punkthafter als vordem. Die Milchstraße blieb ein undurchdringlicher Nebel, der im schmalen Gesichtsfeld des Fernrohrs noch geisterhafter, überirdischer, unerforschlicher aussah. Nur schüchtern wagte Galilei angesichts der Unzahl der im Fernrohr sichtbaren Sterne den Gedanken Demokrits aufzunehmen, daß die Milchstraße aus dichtgedrängten Sternscharen bestehe. Die Gegner des Kopernikus triumphierten. Ihr habt recht, sagten sie, Erde und Planeten drehen sich um die Sonne. Aber die Sonne ist der Mittelpunkt der Welt, »das Herz des Universums«. Jenseits des Saturn wird die Welt vom kristallenen Himmelsgewölbe begrenzt, in dem die himmlischen Lichter der Fixsterne aufgehängt sind.

Die beobachtende und rechnende Astronomie war ohnmächtig gegenüber der Erscheinung der Milchstraße. Aber der grübelnde Sinn des Menschen gibt sich nicht zufrieden mit den Schranken des Wissens. Was er sieht, will er begreifen, und was er nicht mehr zu sehen vermag, sucht er durch Ideen auszufüllen. Wo das exakte Wissen aufhört, setzt der Vernunftsschluß, setzt die Spekulation ein. Die Grenze der Wissenschaft ist der Markstein der Philosophie; wo jene endet, nimmt diese ihren Anfang. So finden wir im 18. Jahrhundert das Milchstraßenproblem wieder wie in den Tagen Alt-Griechenlands in den Händen der Philosophen und sehen, wie wissensdurstige Männer unabhängig von Berechnung und Instrument sich auf den Flügeln ihres Geistes erheben, um das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, und wir erleben abermals die Genugtuung, daß der kühne geistvolle Gedanke, daß die klare logische Idee über die Grenzen unseres ach, so beschränkten Wissens hinaus auch die letzten und größten Wahrheiten in ihren Grundzügen zu erfassen vermag; ja, was die Leser dieser Zeilen als Freunde der Natur ganz besonders fesseln wird, die befruchtenden Gedanken über das Wesen der Milchstraße, die zu den erhabensten gehören, die je dem Menschengeist entsprungen sind, gingen nicht aus von zahlenkundigen Astronomen, nicht von Männern mit Doktorhut und akademischen Würden, sondern von Menschen niederster Herkunft und einfachster Bildung, von Dilettanten in der Wissenschaft, die nichts anderes mitgebracht als Liebe zur Allnatur und ihrer Erkenntnis, Wissensdrang und unablässige Streben nach den Quellen der Wahrheit.

Über das Weltmeer fährt ein armer Matrose. Er war als Sohn eines Zimmermanns geboren, zwischen Takelwerk und Teerfaß aufgewachsen und führte nun ein hartes Dasein in Wind und Wellen. Stürmisch wie der Ozean war sein Leben, einsam und freudlos wie die Wasserwüste waren seine Tage. Aber nachts, wenn die Sterne heraufzogen über das Meer, dann lag er vorn am Bug des Seglers auf den Tauen und blickte auf zu den Lichtern, die über der Wasserfläche glänzten, und wenn in der Klarheit der Meeresluft das Band der Milchstraße mit all seinem Reichtum an Nebeln, Wolken, Unterbrechungen und Seitenarmen hervortrat, dann versenkte sich dieser einfache Seemann in die Wunder des Himmels und seine ganze Sehnsucht ging dahin, dieses Weltband zu enträtseln. Er erkannte auf seinen Reisen durch alle Zonen, daß die Milchstraße ein lückenloser Ring war um den ganzen Himmel. Als ihm später in seinem englischen Heimatland ein sorgenloses Dasein winkte, da schrieb dieser ehemalige Matrose eine Schrift über das Wesen der Milchstraße und den Bau der Welt unter dem Titel »Neue Hypothese über das Weltall« 1740.

Zwei Männer schöpften aus dieser Schrift des Seemanns +Thomas Wright+ ihre Ideen über den Aufbau des Universums. Der eine war ein Schneidergeselle aus dem Elsaß, der es durch Fleiß und Talent und durch die verdiente Gunst Friedrich des Großen bis zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften brachte, +Heinrich Lambert+. Seine populär geschriebenen »Kosmologischen Briefe« (1761) erregten überall durch ihren feurig-enthusiastischen Stil die Begeisterung des Publikums und wurden in vielen Tausend Exemplaren über alle Länder verbreitet. Der andere war der Sohn eines Sattlers. Er kam nie über die Grenze seiner abgelegenen Vaterstadt hinaus. Aber sein Geist kannte keine Schranken und erhob sich bis in die Weiten des Himmels, dessen Bau und Entwicklung er so grundlegend darstellte, daß wir noch heute auf seinem Werke fußen. Dieser dritte war +Immanuel Kant+.

Diese drei Männer, vor allem in höchster Vollendung Kant, bauten folgendes Weltbild auf. Wir leben auf unserer Erde im Sonnensystem. In der Mitte unseres Systems steht die strahlende Sonne, um sie kreisen in elliptischen Bahnen die Planeten, deren einer unsere Erde ist. Im Gegensatz zur leuchtenden Sonne sind die Planeten infolge ihrer Kleinheit erkaltet und dunkel. Dieses Planetensystem ist als ein System erster Ordnung zu betrachten. +Jeder Stern am Himmel ist eine glühende Sonne wie unsere.+ Diese Sonnen sind so unausdenklich fern, daß sie uns als Punkte erscheinen und selbst im Fernrohr kleinste Punkte bleiben. Mit größter Wahrscheinlichkeit besitzt jede dieser Sonnen um sich ein System von Planeten, die wir aber wegen der großen Entfernung und ihrer Dunkelheit nicht wahrnehmen. Mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit sind diese Planeten zum Teil bewohnt wie die Erde.

Diese Idee von der Sonnennatur der Sterne, von den unsichtbaren Planeten dieser Sonnen und der Bewohnbarkeit dieser Welten hatte schon Giordano Bruno ausgesprochen. Nun aber überflügeln ihn die drei Weltdenker des 18. Jahrhunderts vermöge ihrer größeren astronomischen Kenntnisse. Es waren nämlich durch das Fernrohr am Himmel außer einer Unzahl kleinerer Sterne ungefähr 100 Sternhaufen und Nebelflecke entdeckt worden. Mit unbewaffnetem Auge sind die größten Sternhaufen eben als verschwommene Lichtpünktchen wahrnehmbar wie der berühmte Sternhaufen im Perseus*[1] genau in der Mitte zwischen dem ~W~ der Kassiopeia und den Hauptsternen des Perseus. Im Fernrohr enthüllt sich solch ein Sternhaufen als eine kugelförmige Anhäufung Hunderter, ja Tausender Sterne, die eng zusammengedrängt sind wie die Brillanten eines Diadems. Der Anblick eines solchen Himmelsdiadems gehört zu dem schönsten, das die Natur überhaupt dem Menschen zu offenbaren vermag (Abb. 3).

[1] Sämtliche mit einem Stern bezeichnete Himmelsobjekte sind auf der Sternkarte S. 21 hervorgehoben.

Außer diesen Sternhaufen entdeckte man noch nebelig verwaschene Gebilde von teils unregelmäßig zerklüfteter, teils regelmäßig scheiben-, ring- und linsenförmiger Gestalt, die man +Nebelflecke+ nannte. Auch von ihnen sind die größten mit bloßem Auge gerade noch wahrnehmbar, so der Nebelfleck im Bilde der Andromeda* und als größter von allen der berühmte Nebel im Orion* dicht unter dem Dreigestirn des Jakobstabes.

Die Sterne sind, so schlossen Wright, Lambert und Kant, nicht regellos im Raum verteilt, sondern zu Sternenhaufen gruppiert. Diese Sternenhaufen sind die Systeme zweiter Ordnung. Auch wir leben im Innern eines Fixsternhaufens. Unsere Sonne bildet mit allen helleren Sternen des nächtlichen Himmels zusammen einen Sternenhaufen, wie wir ihn im Bilde des Centaurn oder des Perseus aus großer Ferne erblicken. Uns erscheinen die helleren Sterne am Himmel so verstreut, weil wir uns inmitten dieses Haufens befinden und nach allen Seiten von diesen Nachbarsternen umgeben sind. Würden wir aber aus anderen Sternhaufen, beispielsweise aus dem abgebildeten Haufen im Centaurn auf unsere Sonne herniederschauen, so würden wir die Sterne des Centaurnhaufens rings um uns am Himmel verteilt sehen als hellere Sterne, unsere Sonne dagegen im Innern eines fernen zusammengedrängten Sternhaufens nach Art des abgebildeten als lichtschwaches Pünktchen erblicken. Aber auch diese Sternhaufen sind nicht regellos im Raum zerstreut. Sie sind genau so zu einem System geordnet wie die Planeten unseres Sonnensystems. Sie sind alle in einer Ebene neben- und hintereinander, aber nicht übereinander gelagert, so wie unsere Planeten alle in einer Ebene, der sogenannten Ekliptik, schweben, und kreisen in dieser Ebene wahrscheinlich um einen Weltmittelpunkt wie die Planeten um die Sonne. Während die Sternhaufen als Ganzes in dieser Ebene dahinfliegen, bewegen sich die Sonnen innerhalb ihres einzelnen Haufens um den Mittelpunkt desselben, so wie die Monde während der Sonnenreise ihrer Planeten diese in Kreisen umschwingen. Lambert hielt den Orionnebel, Kant den Sirius* für den Mittelpunkt unseres Sternhaufen. Alle diese Sternhaufen zusammen bilden ein System dritter Ordnung. Die Gestalt dieses Systems ist die einer Linse, wie man sie erhält, wenn man zwei Suppenteller mit ihren Rändern aufeinanderstellt. Der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört, befindet sich in der Mitte einer solchen ungeheuren Weltlinse. Schauen wir durch diese Sternenhaufenlinse nach den Breitseiten, den Polen zu, so sehen wir verhältnismäßig wenig Sterne. Blicken wir dagegen flach durch das ganze Linsensystem, in der Richtung der Sternhaufenebene, so müssen wir durch die ganze Masse der Sterne und Sternhaufen hindurchsehen, und sie erscheinen uns als ein Ring von dichtgedrängten Sternen und Sternhaufen, so fein und so dicht, daß wir ihre Gesamtmasse nur als einen zusammenhängenden, verwaschenen Nebelgürtel rings um den Himmel wahrnehmen, -- die Milchstraße.

Die Milchstraße ist also nach der Hypothese dieser drei Männer die Erscheinung eines ungeheuren Sternsystems, einer linsenförmigen Weltinsel, in deren Mitte sich unsere Sonne als ein Stern in einem Sternhaufen befindet (Abb. 5). Von den sichtbaren Sternen gehören die helleren unserem Sternhaufen, die schwächeren und alle jene, deren Licht wir nur als Nebel wahrnehmen, den andern Sternhaufen an, alle aber dem einen großen Weltsystem der Milchstraße.

Man stelle sich vor, wir ständen nachts auf dem Deck eines illuminierten Schiffes. Vor, hinter, neben und über uns sehen wir die Lichter unseres Schiffes in den Masten und am Bordrand hängen. In allen Himmelsrichtungen sind wir also von einzelnen hellen, uns sehr nahen Lampen umgeben. In weiter Ferne ist das ganze Meer bevölkert von gleichfalls illuminierten Schiffen. Man sieht von diesen Schiffen, da es Nacht ist, nur die Lichter. Die näheren erkennt man als zusammengedrängte Haufen von Lichtern. Hier eine solche Anhäufung von Lichtern, ein Schiff, dort eine andere Lichtergruppe, ein zweites Schiff. Von den fernen Schiffen nimmt man keine einzelnen Lichtpunkte mehr wahr, sondern nur noch einen unbestimmten Schimmer. Da die Schiffe weiter verteilt sind, als unser Auge reicht, und allseitig um uns das Meer befahren, so sind wir rings umgeben von einem mattleuchtenden nebeligen Schein, von einem Lichtgürtel, der den Horizont ringförmig umschließt.

Das Meer ist der Weltraum. Das Schiff, auf dem wir uns befinden, ist der Sternhaufen, dem unsere Sonne angehört. Die nächste größte Laterne ist unsere Sonne selbst. Die kleinen Lichter über, neben und hinter uns sind die übrigen Sterne unseres Haufens. In mäßiger Entfernung, aber immer noch tausendmal weiter als die letzten Sterne unseres Haufens sehen wir andere Sterngruppen als Sternhaufen. Die weitaus meisten Sternhaufen aber sind von uns so weit entfernt, daß ihr Glanz mit dem der übrigen hinter, neben und vor ihnen verschwimmt, und so ihre Gesamtheit uns als leuchtender Gürtel, als Milchstraße umgibt.

Hört die Welt jenseits der Milchstraße auf? Nein. Die Milchstraßenlinse ist zwar unvorstellbar groß, aber ein durchaus festbegrenztes endliches Gebilde. Sie ist eine Weltinsel. Das Weltall aber ist unendlich. Andere Milchstraßensysteme bevölkern es. Diese fremden Milchstraßensysteme sehen wir als Nebel von Linsengestalt aus ungeheurer Ferne schimmern. Der Andromedanebel ist solch ein fernes Milchstraßensystem, das wir weit außerhalb unserer Weltinsel im Raum schweben sehen. Unendlich wie das All ist die Zahl solcher Milchstraßen. Auch sie sind wieder zu Systemen geordnet, Systemen 4., 5. und 6. Ordnung, kreisen um- und ineinander wie Räder, jede von ihnen ein Rad im Getriebe einer großen Weltmaschine, ein Rädchen an der großen Weltenuhr, deren unerforschlicher Gang dem Menschen ein ewiges Rätsel bleibt ...

Kann etwas kühner sein als die Hypothese dieser drei Männer? Kopernikus stieß die Erde von ihrem ruhenden Thron und wälzte sie zu ewigem Lauf um ihre Sonne. Diese Männer hoben die Sonne aus ihrer Angel und stießen sie hinein in den Weltraum, daß sie in ihm kreise, ein Stern unter Sternen, ein Lichtpunkt im großen Weltgewühl der Milchstraße. Sie ordnen mit weltenschöpferischer Kraft das Heer der Sterne zum wahren Kosmos, zum Schmuck, zur Weltordnung, zur harmonischen Einheit von Raum und Materie, Kraft und Stoff, Masse und Bewegung.

Was konnten sie zur Begründung einer solch kühnen Weltanschauung vorbringen? Konnten sie beweisen, daß die Sonne nur ein Stern war und nicht, wie Kepler glaubte, »das Herz des Universums«? Daß die Sterne Sonnen waren und nur ihrer Ferne wegen als Punkte erschienen? Konnten sie beweisen, daß Planeten um sie kreisen, und sie sich wirklich zu Haufen gruppieren? Daß die Sonne sich in einem solchen Haufen befindet? Daß sich die Sterne im Raum bewegen und keine ~prima sphaera immobilis~, keine höchste unbewegliche Himmelssphäre bildeten? Daß sie eine Einheit waren aus gleichen Stoffen gebaut, von gleichen Kräften regiert? Daß die Milchstraße in der Tat aus Sternen zusammengesetzt und keine Fuge im Himmelsgewölbe ist, und daß die Nebelflecke ferne Milchstraßensysteme vorstellen?

Alles das hätten sie Punkt für Punkt beweisen müssen, wenn sie ihre philosophische Spekulation zum Rang einer wissenschaftlichen Hypothese erheben wollten. Und was konnten sie beweisen? Nichts. Der Mond war erforscht, die Sonne studiert, Planetenbahnen waren berechnet, Kometen bestimmt, aber die Welt der Sterne, die Milchstraße, war ein unerforschte Land. Sie schien aller irdischen Erkenntnis zu spotten und für die Menschheit, die auf diesem winzigen Erdplaneten gebannt ist, ein Rätsel ohne Lösung zu bleiben. Wer hätte auch in jene Fernen dringen können? In jene Fernen, in denen Sonnen zu Punkten werden und selbst im Fernrohr sich nicht einmal zur kleinsten Scheibe verbreitern, ja, in denen selbst diese Punkte schwinden und in ihrer Unzahl zu einem milchigen Schimmer verschwimmen, der uns als Nebelgürtel umleuchtet; und in jene noch tausendmal größeren Fernen, in denen ganze Systeme dieser Art, ganze Milchstraßen zu einem Wölkchen verblassen, so klein, daß das Auge sie kaum in den klarsten Nächten als Fleckchen wahrnimmt! Mußte nicht für alle Zeiten das junggeniale Machtwort Schillers hier dem Menschen eine ewige Grenze bieten:

»Steh! du segelst umsonst -- vor dir Unendlichkeit!« »Steh! Du segelst umsonst -- Pilger, auch hinter mir! -- Senke nieder, Adlergedank', dein Gefieder! Kühne Seglerin, Phantasie, Wirf ein mutloses Anker hie.«

Wer hätte in jene Fernen dringen können, in denen selbst die Phantasie ein mutlos Anker wirft? Wer?

Im Jahre 1759 zog die Regimentskapelle der Hannoverschen Grenadiere nach England. Mit ihr wanderte ihr Hoboebläser, ein blutarmer 19jähriger Musikant, dessen Vater selbst Militärmusiker gewesen war, aus seiner Heimat aus. In England entsagte er bald dem Dienst und schlug sich kümmerlich als Musiklehrer durch. In den Pausen zwischen den Stunden aber setzte er sich hin und studierte die Gesetze der Optik, um sich ein Fernrohr zu bauen, da er kein Geld besaß, ein fertiges zu erwerben. Des Nachts richtete er seine selbstkonstruierten Rohre gegen den Himmel und studierte die Welt der Sterne. Das Geheimnis der Milchstraße zu entschleiern, war das Ideal seines Lebens. Bruder und Schwester entflammte er für sein hohes Ziel, und dieser arme, aber erlauchte Kreis der drei Geschwister wetteiferte im Studium der Milchstraße. Kein Rohr genügte dieser Aufgabe. Da die Linsen, je größer sie geschliffen wurden, um so unschärfere Bilder lieferten, baute er Spiegelteleskope, in denen ein Hohlspiegel das Bild der Sterne auffängt und in einem Brennpunkt sammelt. Immer größere Spiegel stellte er her, immer längere Rohre setzte er zusammen. Es entstanden Teleskope von unerhörten Dimensionen. 1781 entdeckte er mit seinem Rieseninstrument den Planeten Uranus, sein Ruhm drang bis zum König, der ihn zum Hofastronomen ernannte und ihm ein sorgenfreies Leben für weitere Forschungen verschaffte. Mit seinem neuen Instrument, dessen Spiegel 126 ~cm~ Durchmesser und dessen Rohr 12 ~m~ Länge besaß, »durchbrach« der ehemalige Militärmusiker +William Herschel+, wie es auf seiner Grabschrift heißt, »die Schranken des Himmels« und begründete so die moderne Fixstern- und Milchstraßenforschung.

Herschels Riesenteleskope waren die ersten Instrumente, die die Milchstraße wirklich auflösten. Er berichtet über seine erste Beobachtung der Milchstraße der Kgl. Gesellschaft im Juni 1784: »Als ich mein Fernrohr auf einen Teil der Milchstraße richtete, fand ich, daß es den weißen Nebel in kleine Sterne auflöste, was meine früheren Rohre nicht vermocht hatten. Die bewunderungswerte Zahl von Sternen aller Größe, die sich hier meinem Blick offenbarten, war in der Tat zum Erstaunen. Ich ließ während einer Stunde die Sterne der Milchstraße durch das Gesichtsfeld meines Teleskopes ziehen und vermochte nicht weniger als 50000 einzelne zu zählen. Aber es waren gewiß doppelt so viel, von denen ich aber wegen ihrer Lichtschwäche nur einen unbestimmten Schimmer wahrnehmen konnte.« Die Zahl aller mit seinem Rohr erkennbaren Sterne schätzte Herschel auf ungefähr 30 Millionen. +Die Unzählbarkeit der Sterne, die Sternnatur der Milchstraße war bewiesen.+ Auch Herschel kam zu der Überzeugung, daß das Milchstraßensystem tatsächlich eine Weltinsel aus vielen Millionen Sternen sei. Die meisten dieser Sterne sind zu Haufen gruppiert, die in einer linsenförmigen Schicht von großer Ausdehnung und verhältnismäßig geringer Dicke verteilt sind. Zwischen diesen Haufen von Sternen schweben weite Nebelmassen von verschiedenster Gestalt. Da ihm aber seine Rohre in der Milchstraße jene mannigfachen Einzelheiten, Verzweigungen, Wolken, Schattierungen, Spalten und Öffnungen enthüllten, die wir bei der Beschreibung des Lichtgürtels erwähnten, konnte das Milchstraßensystem nach seiner Ansicht nicht die Gestalt einer regelmäßigen Linse, sondern nur die Form einer unregelmäßig verzweigten Sternenplatte besitzen, deren Umrisse er durch sorgfältige Studien zu bestimmen suchte (Abb. 6).

Auch die Stellung der Sonne in diesem System suchte er durch folgende Überlegung zu bestimmen. Da der Milchstraßengürtel uns allseitig fast in gleicher Breite erscheint, müssen wir uns ungefähr in der Mitte des Systems befinden. Die nördliche Hälfte ist etwas breiter als die südliche, also stehen wir dieser etwas näher und nicht genau im Zentrum. Außerdem schwebt die Sonne nicht ganz genau in der Mittelebene des Systems, sondern etwas nördlich über der allgemeinen Ebene der Sternhaufen.