Die Metalle bei den Naturvölkern

Part 2

Chapter 23,311 wordsPublic domain

Eisen im vorkolumbischen Amerika unbekannt 128. -- Verwendung von Meteoreisen bei den Eskimos 129.-- Meteoreisen in den Mounds 132. -- Einführung des europäischen Eisens in Grönland 132. -- Nordwestamerika erhielt das Eisen von Asien 133. -- Japanische Dschonken vom Kuro Siwo verschlagen 133. -- Der Tabak in Nordwestamerika durch die Russen eingeführt 134. -- Eiseneinführung in Unalaschka, am Nutkasunde, in Britisch Kolumbia 134. -- Europäisches Eisen in kalifornischen Indianergräbern 135. -- In Gräbern in Yukatan 136. -- Die Patagonier als Eisenarbeiter 136. -- Schmiede in Nordwestamerika 137. -- Tradition der Tinné 137. -- Sprachliche Bezeichnungen für Eisen bei den Amerikanern 137.

~Das Kupfer bei den Nordamerikanern~ 139

Kupfergerät der Eskimos 139. -- Der Kupferminenfluß 139. -- Kupfergeräte der Tinné 140. -- Der Athna oder Kupferfluß 140. -- Die alten Kupferbergwerke am Oberen See 140. -- Verfall derselben 141. -- Verbreitung der Kupfergeräte vom Oberen See 142. -- Funde in den Mounds 142. -- Beschaffenheit der alten Kupfergeräte 144.

~Kupfer und Bronze in Mexiko~ 145

Die Bronzegebiete Amerikas 146. -- Kultur der Mexikaner 147. -- Kupfergeräte der Mexikaner 148. -- Die Zinngruben von Tasco 150. -- Bronze der Mexikaner 150. -- Die Metalltechnik in Mexiko 151. -- Bergbau in Mexiko 152. -- Kupfer in Nikaragua 153.

~Die Metalle bei den Chibchas~ 153

Isolierte Kultur der Chibchas 153. -- Gold- und Bronzeobjekte der Chibchas 154. -- Goldarbeiten von Antioquia 154.

~Kupfer und Bronze in Peru~ 155

Metallgeräte der Inkaperuaner 156. -- Kupfer 156. -- Kupfergeräte in Chile 156. -- Analysen peruanischer Bronzesachen 157. -- Die Bronzen von Chimu 158.

~Die Verbreitung des Eisens auf den Südseeinseln~ 160

Bekanntwerden der Insulaner mit dem Eisen 160. -- Wertschätzung desselben 160. -- Eisen auf Neuguinea 162. -- Abschluß der Eisenverbreitung über den Globus 162. -- Archaistische Formung der neuen Eisengeräte bei den Naturvölkern 163 -- und in prähistorischer Zeit 164. -- Sprachliche Anpassung 164. -- Wirkungen des Eisens auf die Ozeanier 165.

Verzeichnis der Abbildungen.

Seite

Fig. 1. Altägyptische Blasebälge. Nach WILKINSON 4

Fig. 2. Schmiede im Barilande. Nach V. HARNIER 9

Fig. 3. Tundsch, Schmelzofen der Djur. Nach SCHWEINFURTH 11

Fig. 4. Durchschnitt desselben 11

Fig. 5. Grundriß desselben 11

Fig. 6. Berr, Schmelzofen der Bongo. Nach SCHWEINFURTH 12

Fig. 7. Grundriß desselben 12

Fig. 8. Borro, Blasebalg der Bongo. Nach SCHWEINFURTH 13

Fig. 9. Zange der Bongo. Nach SCHWEINFURTH 14

Fig. 10. Bongolanzen. Nach SCHWEINFURTH 14

Fig. 11. Hammerstein der Mangandscha. Nach LIVINGSTONE 25

Fig. 12. Schmelzofen in Futa Djallon. Nach LAMBERT 30

Fig. 13. Blasebalg der Marutse. Nach HOLUB 35

Fig. 14. Zange der Marutse. Nach HOLUB 35

Fig. 15. Handakupferbarre. Nach CAMERON 47

Fig. 16. Kupferschmelze in Chetri. Nach BROOKE 64

Fig. 17. Eisenofen in Orissa. Durchschnitt. Nach BLANFORD 70

Fig. 18. Seitenansicht desselben 70

Fig. 19. Obere Ansicht desselben 71

Fig. 20. Aufgeblasener Balg in Orissa. Nach BLANFORD 71

Fig. 21. Ausgepreßter Balg in Orissa. Nach demselben 71

Fig. 22. Eisengewinnung in den Khasiabergen. Nach HOOKER 73

Fig. 23. Blasebalg der Zlotars. Nach KOPERNICKI 83

Fig. 24. Eisenschmelze der Dajaks. Nach TEMMINCK 87

Fig. 25. Malayisches Gebläse. Sammlung RIEBECK 88

Fig. 26. Eisenschmelze auf Madagaskar. Nach ELLIS 91

Fig. 27. Eisenschmelze der Cuois. Nach MOURA 100

Fig. 28. 29. Eisenschmelzofen aus Birma. Nach BLANFORD 102

Fig. 30. Chinesische Ting-Urne aus der Shang-Dynastie. Nach V. RICHTHOFEN 104

Fig. 30a. Chinesisches Gefäß aus der Tschóu-Dynastie. Nach V. RICHTHOFEN 105

Fig. 31. Eskimomesser mit Meteoreisen. Nach SABINE 130

Fig. 32. Europäisches Eisen von Indianern nach Art der Feuersteinspitzen in Holz gefaßt. Nach U. S. Geogr. Surveys, west of 100th meridian 135

Fig. 33-43. Nordamerikanische gehämmerte Kupfergeräte. Nach SHORTT 143

Fig. 44. Kupfergerät von Zocho-Xocotlan. Nach DUPAIX 148

Fig. 45. Kupferaxt von Venis Meicis. Nach PUTNAM 149

Fig. 46. Kupferaxt von Tlacolula. Nach PUTNAM 149

Fig. 47. Kupfergerät von Teotitlan del Valle. Nach PUTNAM 149

Fig. 48. Bronzefigur der Chibchas. Nach LEEMANNS 154

Fig. 49. Gegossener Kupferhammer aus Chile. Nach EWBANK 156

Fig. 50-53. Peruanische Ackergeräte. Nach SQUIER 159

Fig. 54. Peruanische Maurerkelle. Nach demselben 159

Fig. 55-56. Peruanische Bronzemesser. Nach demselben 159

Fig. 57. Peruanischer Morgenstern. Nach demselben 159

Das Eisen bei den Nigritiern.

~Eisen den Altägyptern bekannt.~ Wenn auch neuerdings Zweifel geäußert worden sind, ob die alten Ägypter das Eisen gekannt hätten[2], so sind doch solche Zweifel hinfällig gegenüber den thatsächlichen Funden von altem Eisen in den Monumenten jenes Volkes. Eisen existierte bereits vor 5000 Jahren, zur Zeit als die große Pyramide gebaut wurde; ja, es war damals, wie LEPSIUS sagt, »im gewöhnlichen Gebrauche«. Ein Stück davon, das beim Bau jener Pyramide verwendet wurde, ist 1835 aufgefunden worden, eine 14 cm lange und 5 cm breite Schabklinge, welche, luftdicht verschlossen, sich bis auf unsere Tage erhalten hat.[3] Schon WILKINSON hat darauf hingewiesen[4], daß in den Gräbern von Theben Fleischer dargestellt sind, die ihre Messer an einem runden Metallstabe schärfen, der an ihrer Schürze hängt; die blaue Farbe der Klingen und die Unterscheidung von Bronze- und Stahlwaffen im Grabe RAMSES' III., die einen rot, die anderen blau gemalt, lassen wenig Zweifel darüber, daß die Ägypter der frühen pharaonischen Zeit mit dem Gebrauche des Eisens vertraut waren, eine Beobachtung, welche in bezug auf die polychrome Behandlung der die Metalle darstellenden Hieroglyphen (rot = Kupfer, grün = Bronze, blau = Eisen) von EBERS[5] und LEPSIUS bestätigt wird.

Die Inschriften belehren uns vollkommen über das Vorkommen und den Gebrauch des Eisens in der ältesten Zeit in Ägypten. Die Reihenfolge der Metalle und einiger Mineralien, die auf den Denkmälern befolgt wird, ist dort: Gold, Silber, Lasurstein, Malachit, Kupfer und Men. Dieses Men nun ist, wie Lepsius gezeigt hat[6], die älteste Bezeichnung für Eisen. Es werden daraus Geräte gefertigt, Helme und Panzer wenigstens teilweise, auch Waffen. In der späteren Zeit wird das Eisen dann _tehset_ genannt und zu Thürschlössern, Beschlägen und ähnlichen Geräten verwendet. Man erhielt es aus Persien, von einer Insel Mas und einem Orte Bektot. Trotzdem meint LEPSIUS, daß die Entdeckung der Eisengewinnung sehr wohl von Ägypten ausgegangen sein könne, da das Material dazu genügend vorkomme und auch eine alte Eisenerzmine nachgewiesen worden sei.[7]

Eisen war ja außerordentlich früh auch bei den Nachbarvölkern der Ägypter im Gebrauch und »es ist klar, daß auch die Ägypter es noch viel früher, als bei jenen nachzuweisen ist, gekannt und allgemein angewandt haben werden«. LEPSIUS sieht auch im gehärteten Eisen den Stoff, mit welchem die Ägypter den Granit bearbeiteten, »doch ist es sehr bemerkenswert, daß in allen Darstellungen des alten Reiches blau gemalte Instrumente kaum nachzuweisen sein dürften«. Daraus geht, nach ihm, wenigstens hervor, daß das Eisen im alten Reiche sehr viel weniger im Gebrauche war und überall, wo es nicht wegen seiner Härte unentbehrlich war, durch das Erz ersetzt wurde.[8]

Über die Prioritätsfrage zwischen Eisen und Kupfer, resp. Bronze in Ägypten läßt sich LEPSIUS nicht näher aus, wiewohl er geneigt scheint, das Kupfer für älter anzusehen, was auch dadurch Bestätigung erhält, daß das Wort für Eisen durch das Zeichen für Kupfer, einen Schmelztiegel, determiniert wird.

Die alten Ägypter kannten also das Eisen, wiewohl die meisten Dinge des täglichen Gebrauches, die sich massenhaft in unseren Museen befinden, von ihnen aus Bronze dargestellt wurden. Von LAUTH ist die Ansicht aufgestellt worden, daß das erste Eisen, welches die Ägypter zu Geräten verarbeiteten, ~meteorischen~ Ursprungs gewesen sei. Mit Anlehnung an das koptische _benipe_ (_ferrum_), in dem der erste Bestandteil das altägyptische _ba_ ist, sucht er nachzuweisen, daß letzteres Eisen bedeutet. Er fand es mit dem Zusätze _ne-pe_, des Himmels, somit Metall des Himmels, meteorisches Eisen.[9] So verführerisch dieses aber auch klingt, so läßt sich hiergegen doch manches einwenden, wie denn andere Völker, die das Meteoreisen zu Messern etc. verwendeten (z. B. die Eskimo) dadurch auch nicht zur Gewinnung desselben geführt wurden. Was an sonstigen Gründen gegen die Ansicht, der Mensch sei durch die Benutzung des Meteoreisens zur Fabrikation des künstlichen Eisens gelangt, gesagt werden kann, hat L. BECK zusammengestellt[10] und mag hier einfach darauf verwiesen werden.

~Ausbreitung der Eisenkenntnis in Afrika von Nord nach Süd.~ Es liegt nahe die Frage aufzuwerfen: Haben die Neger von den Altägyptern die Darstellung des Eisens erlernt? Wir wollen dieselbe nicht absolut bejahen, da es uns ganz denkbar erscheint, daß die schwarzen Afrikaner selbständig auf diese Entdeckung gekommen sind, wofür die große Verbreitung und Bodenständigkeit dieses Zweiges der Metallurgie bei ihnen spricht; aber es sind trotzdem Anzeichen vorhanden, welche einen uralten Einfluß der ägyptischen Kultur und damit der Eisenkenntnis auf die südlicher wohnenden Nigritier glaubhaft machen. Wer die Abbildungen in SCHWEINFURTHs Reisewerk und in dessen Artes africanae aufmerksam betrachtet, wird betroffen werden über die Übereinstimmung mancher Geräte und Waffen der Neger mit jenen der Altägypter. Da finden wir die Nugaratrommeln bei den Dinka genau so wie auf den Monumenten; Haarnadeln und Löffel der Bongo und der Altägypter sind fast identisch und wie diese ehemals die Schalen der Anodontamuschel als Löffel benutzten, so jene noch heute. Im hohen Grade auffallend ist die Übereinstimmung eines Kundih genannten Saiteninstrumentes bei den Niam-Niam mit einem ganz gleichen Instrumente, einem Mittelding zwischen Harfe und Laute, bei den Ägyptern. Der guitarreartige Resonanzboden, die harfenartig gespannten Saiten, die Wirbel, alles ist hier wie da.[11] Harfen und Lauten stimmen ja in ihrer Form bei verschiedenen Völkern und in verschiedenen Zeiten recht gut miteinander überein -- das merkwürdige ist aber hier die identische Wiederholung eines alten zwitterhaften ägyptischen Instrumentes bei den menschenfressenden Niam-Niam von heute und es wird schwer, hier von dem Gedanken einer Entlehnung in alter Zeit abzusehen. Demgegenüber muß aber auch nachdrücklich hervorgehoben werden, daß eine Menge Kultureinrichtungen, die den Negern bei den Altägyptern zu Gebote standen, nicht adoptiert wurden; ich erinnere nur an die Drehscheibe, die in Ägypten bekannt, bei den Negern fehlt, wie wohl letztere aus freier Hand Thongefäße von schönster Symmetrie bilden. Dagegen deuten wieder auf eine Anlehnung an Ägypten die altägyptischen ~Blasebälge~, die in ähnlicher Form noch heute über ganz Afrika verbreitet sind. Solche Blasebälge aus der Zeit des PHARAO THUTMES III. haben sich in Abbildungen (Fig. 1) erhalten[12]; sie wurden paarweise abwechselnd mit den Füßen getreten und dann mit den Händen wieder aufgezogen und waren auch bei den Hebräern im Gebrauche.[13] Die Pfeifen und Düsen daran, sowie die einfache Herstellung aus Lederschläuchen entsprechen ganz den weiter unten noch häufig zu erwähnenden Negerblasebälgen. Auch bei den Schmieden im heutigen Ägypten sind sie noch im Gebrauche.[14]

~Die Steinzeit Afrikas.~ Will man für die Nigritier annehmen, daß sie nicht selbständig die Kunst, das Eisen herzustellen, erfunden, so lassen sich für eine Einführung dieser Kunst noch die Phönizier als Lehrherren oder später die Alexandriner annehmen, welche die Ostküste und die Häfen am Roten Meere beschifften. Wie wir aus dem Periplus des Erythräischen Meeres ersehen[15], wurden im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung (in welche der Periplus gesetzt wird) in Adulis und anderen Küstenplätzen neben anderen Waren eingeführt Messing (+oreichalkos+), das man zum Schmuck und zerschnitten statt Münze gebrauchte, Kupferbarren, »sowohl zum weiteren Schmelzen, als auch zum Zerschneiden für Arm- und Schenkelbänder für manche Frauen« und Eisen, das zu Lanzen gegen die Elefanten und andere wilde Tiere, wie gegen die Feinde verwendet wird. Ebenso importierte man kleine Beile, Holzäxte, Dolche etc., wofür dann im Tausch Elfenbein, Schildkrot und Rhinozeroshorn gegeben wurden. Daraus ergiebt sich, daß zu jener Periode die Metallindustrie bei den nordöstlichen Afrikanern, den heutigen Nubiern und Abessiniern, noch nicht so vorgeschritten sein konnte, daß sie den einheimischen Bedarf an Metallgegenständen deckte. Daß in jenen früheren Perioden aber noch Steingeräte bei den Afrikanern im Gebrauch waren, läßt sich aus historischen Quellen nur spärlich belegen. DIODOROS SICULUS[16] (erstes Jahrhundert vor Chr.) spricht von Schleudersteinen der Libyer. Ob die Lanzen, welche dieser Schriftsteller an der genannten Stelle erwähnt, eiserne oder steinerne Spitzen hatten, ist nicht ersichtlich. Dagegen findet sich beim AGATHARCHIDES eine Stelle[17], in welcher Pfeile mit steinernen Spitzen sehr genau geschildert sind. Sie lautet: »Es bedienen sich in Kriegsgefahren die Athioper großer Bogen, aber kurzer Pfeile; an der Spitze des Rohrstabes ist anstatt des Eisens ein seiner Gestalt nach länglicher Stein befestigt, der durch Sehnen festgebunden ist, übermäßig spitz und in tödliches Gift getaucht.« STRABO erzählt von den Sumpfbewohnern am Weißen Nil, daß sie sich »angesengter Pfeile« bedienen, worunter wohl solche von Holz zu verstehen, die durch Ankohlen der Spitze gehärtet sind, und von den »plattnasigen Äthiopiern« sagt er, daß sie die Antilopenhörner als Waffen gebrauchen.[18]

Die Steinzeit der Afrikaner läßt sich, abgesehen von diesen historischen Nachrichten, noch auf zweierlei Art beweisen: erstens durch die Überlebsel aus derselben, zweitens durch die Funde von alten Steingeräten.

Zu den Überlebseln rechne ich die Kornreibsteine, die noch überall im Gebrauche sind, die Verwendung von Steinen zu Hammer und Ambos beim Schmieden, die Verwendung von Knochen zu Pfeilspitzen bei den Buschmännern, die Benutzung knöcherner Schaufeln (aus dem Schulterblatte des Elefanten) zum Ackerbau bei den Jangbara im Westen von Gondokoro[19], die Pfeilspitzen aus hartem Holze neben solchen aus Eisen im Reiche des Muata Jamwo.[20]

Auch Traditionen aus der Steinzeit sind noch vorhanden. In einem Hereromärchen, das unserem deutschen »Was geschenkt ist, bleibt geschenkt« entspricht, hat das kleine Mädchen vom Vater ein Beil geschenkt erhalten. Damit geht es aus und trifft Burschen, die damit beschäftigt sind, Honig auszunehmen, »und um dieses thun zu können, mußten sie ~die Bäume mit Steinen fällen~. Und es sprach zu ihnen: Ihr Söhne unseres Hauses, warum gebraucht ihr doch Steine, um den Honig herauszunehmen? Weshalb sagt ihr denn nicht, unsere Erstgeborene, gieb uns das Beil?«[21] Eine Geschichte, die sicherlich eine Erinnerung an die Steinzeit der Herero bewahrt.

Was zweitens die Funde aus der Steinzeit selbst betrifft, so habe ich ein reichliches Material zusammengestellt[22], welches deren einstige Verbreitung über den ganzen Kontinent darthut. Die Steinzeit läßt sich auch für Ägypten nicht mehr leugnen. Der ganze Norden von der Oase Kufra im Osten bis zu der großen von Marokko nach Timbuktu führenden Karawanenstraße im Westen weist Funde von Steinwaffen und Geräten auf. Algerien, Marokko sind reich daran. Sie sind aus Oberguinea, sehr reichlich aus Südafrika, aus dem Somalland und Centralafrika bekannt, wiewohl die Berichte aus dem letzteren noch spärlich lauten, selbstverständlich aus Mangel an Beobachtung.[23]

Wie bei uns in Europa zeigen die Funde der Steinzeit Afrikas auch Entstehung in verschiedenen Epochen; alte Geräte vom Typus der Driftfunde und neuere, polierte aus anscheinend späterer Zeit mit verschiedenen Übergängen sind vertreten. Wunderbar ist die Übereinstimmung nach Material und Form der afrikanischen mit den europäischen Geräten und Waffen; dieselben Äxte, Schaber, Meißel, Speer- und Pfeilspitzen, die Sägen, Späne und Nuclei werden gefunden; auch »Ateliers« sind vorhanden und vom Material wird, wie anderwärts, der Feuerstein bevorzugt wegen seiner Härte und leichten Bruchfähigkeit. Daneben sind Basalte, Grünstein, kieselreiche Sandsteine u. s. w. benutzt.

Am allerreichlichsten sind die Steinobjekte aber in Südafrika vertreten; hier haben wir auch die lebendige Tradition aus der Steinzeit gefunden, hier benutzt der Buschmann noch Steingeräte beim Ackerbau; nach allem zu schließen, hat gerade in Südafrika die Steinzeit am längsten gedauert, ist hier am spätesten die Kunst, das Eisen zu schmelzen, zur Ausübung gekommen. Zwar meint O. SCHRADER[24]: »Jedenfalls muß das Eisen im südlichen Afrika am ersten bekannt gewesen sein«, allein er weiß dafür keinen anderen Beweis anzuführen, als daß die Bachapin, ein Kaffernstamm, alle Metalle vom Standpunkte des Eisens _tsipi_ aus benennen, nämlich Gold _tsipi e tseka_ gelbes Eisen, Silber _tsipi e shu_ weißes Eisen, Kupfer _tsipi e kubila_ rotes Eisen. Dieses zeigt jedoch nur, daß ihnen unter den Metallen das Eisen am frühesten bekannt war, beweist aber nichts dafür, daß zuerst Südafrika das Eisen kannte.

Gerade das Gegenteil war der Fall, wofür außer den in Südafrika am lebendigsten vorhandenen Traditionen aus der Steinzeit und den reichsten Funden aus derselben noch die Berichte der ersten europäischen Händler sprechen. Die am Kap und überhaupt im Süden wohnenden Stämme warfen sich nämlich mit Begierde auf das ihnen zugeführte europäische Eisen, was nicht der Fall gewesen wäre, wenn die heimische Eisenindustrie irgendwie entwickelt gewesen wäre. An der Westküste, nördlich vom Kap, traf 1598 JOHN DAVIS (an der Saldanha Bai) auf viehzüchtende Hottentotten. Für ein Stück von einer alten eisernen Schaufel erhielt er ein fettes Schaf oder einen Ochsen; doch bereits sechs Jahre später, 1604, klagt NICHOLAS DAUNTON, Kapitän des Schiffes »Pepper Corne«, daß dieser schöne Zustand der Dinge, der Verkauf eines _beife for a piece of an iron hoope of fourteen inches long and a sheepe for a lesser piece_ zu Ende sei, da die Holländer _by their ouer much liberalitie_ den Markt verdorben hätten.[25]

Das deutet doch alles auf eine späte Einführung der Eisenschmelzkunst im Süden. Dazu nehme man die lebendige Tradition, in der selbst von Messern aus der Rinde des Zuckerrohres die Rede ist, welche ähnlich wie Bambussplitter benutzt wurden.[26]

Auch auf der Insel Fernando Po ist das Eisen erst durch die Europäer (entdeckt 1471 durch FERNAO DO PO) bekannt geworden. »Mir wurde mitgeteilt,« erzählt Konsul HUTCHINSON, »daß an einem Orte mit Namen Bassakatu, bei Ballilipa, der König noch Steinäxte aufbewahre. Mit diesen Geräten spaltete man Holz oder hieb die Palmnußbündel von den Bäumen ab, ehe man dort das Eisen kannte. Dieses Metall lernten sie zuerst im Austausch von Früchten und Vieh gegen unsere Schaufeln kennen bei den frühesten Besuchen europäischer Händler auf ihrer Insel. Jetzt sind sie zur Kultur der Birminghamäxte, Messer und Beile vorgeschritten, welche sie im Tauschhandel gegen Yams und Palmöl erhalten.«[27] Dabei hat aber der Kontinent seit langem das Eisen gekannt.

Aus allem diesem scheint mir soviel hervorzugehen, daß die Kenntnis der Eisengewinnung in Afrika von Nordosten nach Süden und Westen vorrückte und ohne irgend eine Zwischenperiode der Steinzeit folgte. In der That treffen wir auch bei den Völkern im Gebiet des Nil und bei den benachbarten Stämmen die Eisenindustrie am höchsten entwickelt, weil dort wohl am ältesten. Ich will es nun versuchen, einen Überblick über den Stand und die Ausbreitung der Eisenfabrikation in ganz Afrika zu geben, wobei ich in geographischer Reihenfolge verfahre. Wiederholungen lassen sich dabei nicht vermeiden, aber es liegt mir daran, das Material zusammenzubringen, um damit auch anderen zu einem möglichst genauen Einblick zu verhelfen. Vorausgeschickt werde mögen, daß Eisenerze, die bei niedriger Temperatur geschmolzen werden, kein Gußeisen liefern, sondern ein unreines Schmiedeeisen. In unseren europäischen Hochöfen, wo eine große Hitze erzeugt wird, sickert das ausgeschmolzene gekohlte Eisen im dünnflüssigen Zustande in den Herd des Ofens und wird hier »abgestochen«, d. h. es läuft, nachdem das Öffnungsloch des Herdes frei gelegt ist, in einem Strome heraus. Das so gewonnene und in Sandformen abgekühlte Eisen ist sprödes, nicht schmiedebares Gußeisen (Roheisen). Anders bei dem ursprünglichen und von den Naturvölkern angewendeten Verfahren, wo nicht so große Hitze erzeugt wird und eine andere Art Eisen entsteht, ein nur weiches, nicht flüssiges Schmiedeeisen, das am Grunde des Ofens mit Schlacke und Kohle vermischt als »Stück«, »Luppe« oder »Wolf« sich absetzt und das dort herausgenommen werden muß.

~Eisenindustrie im Gebiete des Nil.~ Den Schmied bei der Arbeit am blauen Nil in Sennar hat MARNO abgebildet[28], doch lassen die Zange und die Form des Hammers, beide europäischer Gestalt, hier bereits auf fremden Einfluß schließen, da der Afrikaner sonst erstere durch ein Stück gespaltenes Holz ersetzt und an Stelle des Hammers einen Stein oder ein konisches Stück Eisen ohne Stiel anwendet. Nach der von MARNO gegebenen Abbildung schließen die Blasebälge hinten mit einer Klappe.

Bei den Bari unter 5° nördl. Br. am Weißen Nil sind die Wanderschmiede eine verachtete Pariakaste, dennoch aber den Schwarzen unentbehrlich. »Aus eisenhaltigem Kies, der vielfach in diesen Ländern oberflächlich zu finden ist, wird das Roheisen auf höchst einfache Art gewonnen; sehr primitiver Art sind auch die Blasebälge, deren sich die Schmiede bedienen. Zwei thönerne Gefäße, ähnlich einem Trichter, dessen sich verengernder Hals seitwärts gebogen ist, werden auf dem Boden so aufgestellt, daß die beiden Mündungen gegen die Feuerstelle gerichtet sind; ihre obere breite Öffnung wird mit einem Stück durch Anfeuchten dehnbar gemachter Tierhaut, in der Mitte mit einer Handhabe versehen, fest zugebunden. Durch rasches Auf- und Niederbewegen dieser Haut und das dadurch entstellende Ein- und Ausströmen der Luft durch die Mündung am Feuer wird ein doppeltes Gebläse und die nötige Hitze bewirkt. Das von Natur äußerst weiche, so glühend gemachte Eisen wird von dem Schmiede auf einem als Ambos dienenden Stein mit einem den Hammer ersetzenden zweiten Stein geschmiedet, indem er es mit einer leichten Zange handhabt (Fig. 2). Das Stählen und Schweißen des Eisens ist nicht bekannt.«[29] Genau so sind die Schmiedevorrichtungen weiter östlich bei der Latuka.[30]