Die Menschen der Ehe

Chapter 4

Chapter 43,246 wordsPublic domain

Und wieder betrachtete er sie mit den Blicken der Liebe, während er auf den Klang dieser tiefen, schönen Altstimme lauschte. Sie sprach langsam das Ernste, das sich in ihrem Gehirn bildete, und mit Nachdruck in jedem Wort. Leicht jedoch und ungezwungen beantwortete sie seine Fragen nach ihrem persönlichen Leben, mit einem ganz kleinen Anflug von Spott und Wehmut in ihrer Stimme.

Sie war wohltuend, diese Stimme. Unwillkürlich mußte er einmal diese einfache und schöne Sprache mit dem Geplapper vergleichen, das ihn den ganzen Nachmittag gefoltert. Auch in allen Nebensächlichkeiten war keine größere Verschiedenheit denkbar, als zwischen diesen beiden Frauen.

Welche wunderbare Frau! Welche wunderbare Frau! dachte er immer wieder und ließ keinen Blick von ihr. Immer mehr begann er sie zu verstehen. Täuschte er sich dennoch?--War sie glücklicher hier, als sie es früher gewesen? Oder war diese Resignation nur die Folge eines äußeren Zwanges.

Nein, er konnte sich nicht täuschen!

Sie litt.

Eine herrliche und fast unerschöpfliche Fülle von Lebenskraft hatte sie bisher aufrecht erhalten. Noch war nichts in ihr angegriffen, geschweige denn gestört.

Aber der äußere Dunst begann sie zu bleichen. Sie verlangte nach Leben, wie die Pflanze nach Wasser verlangt.

Drei Jahre schon hatte sie keinen Tropfen vielleicht äußeren Glücks genossen--jenes Glückes, welches ein tägliches Bedürfnis ist: für Körper und Geist eine Befriedigung.

Und noch immer stand sie aufrecht!--Aber von heute schon auf morgen konnte sich das erste dieser dunklen Haare bleichen, konnte sich diesem Munde zum erstenmal ein Schrei der Wildheit: der Wut und der Klage entlösen und er sich dann auf immer in Schweigen schließen, konnte dieser noch so helle und klare Geist sich trüben in der Nacht dieses Lebens . . . Und dann war es zu spät!

Nein, nie durfte das sein!

Er lachte plötzlich laut und bitter.

Sie sah erstaunt auf.

"Weshalb lachen Sie so?"

Alles in ihm schäumte auf.

"Dora Syk", rief er, und lachte wieder, wie eben, "Dora Syk--und zweite Klassenlehrerin in der Schule für höhere Töchter zu Abdera!-- Nun, wenn das kein Witz ist, über den man lachen darf, dann weiß ich es nicht!"

Sie erblaßte erst, dann überzog ein tiefer Unmut ihre Stirn. Zum erstenmal mischte sich ein Klang von Schärfe in ihre Stimme.

"Sie verstehen meine Stellung völlig falsch, Grach." Sie sah ihn fest an. "Ich bin nicht nur hierhergekommen, um für einige Zeit in sicherer, äußerlich sicherer Situation leben zu können, sondern ich bin auch hierhergekommen, weil ich--ich wiederhole: für einige Zeit --der inneren Ruhe bedurfte. Und das ist genug Entschuldigung für meine Flucht, wenn sie überhaupt einer bedarf."

Aber Grach war so erregt, daß er nur halb vernahm, was sie sagte.

"Ach was," rief er ungestüm, "eine Frau wie Sie hat überhaupt keine Entschuldigung! Die einzige, welche es gäbe, wäre die: daß Sie hier Ihr Leben wirklich leben. Aber zwischen diesen Mumien und Geldsäcken, in diesem stagnierenden Haufen müssen sie ja über kurz oder lang ersticken!"

Ihre Antwort erfolgte sofort. Sie war erzürnt.

"Sie gehen immer wieder von der unbegründeten und ganz falschen Voraussetzung aus, daß ich mich auf immer hier vergraben wolle. Ich denke nicht daran."

Er war aufgesprungen und ging auf und ab.

Sie war wieder völlig ruhig. Auch während der letzten Worte hatte sich keine Linie ihrer ruhigen Haltung verändert.

"Ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe. Und wenn Sie es durchaus wissen willen, nun ja, ich denke, ich gehe bald zurück in die weite Welt meiner Heimat . . ."

Er stand ihr zur Seite und sie hörte seinen schweren Atem.

"Tun Sie es noch heute!" rief er leidenschaftlich, und mit bebender Stimme fügte er, kaum hörbar selbst für sie, hinzu: "Und--tun Sie es mit mir!" . . . .

Er sah auf sie nieder. Sie rührte sich nicht. Die leise Dämmerung, die unter den hängenden Zweigen lag, verhinderte ihn zu sehen, wie die Farbe ihres Gesichtes wechselte.

Sie antwortete nicht. Seine Hand lag auf der Lehne ihres Stuhles.

Dann sah sie auf seinen Sitz. Er verstand sie und setzte sich langsam.

Sie nahm das vor ihr stehende Glas und leerte es mit einem Zuge.

Sein Herz klopfte.

Da sah sie ihn an und lächelte. Noch immer entgegnete sie ihm mit keinem Worte. Aber er wußte jetzt, was er begehrte zu wissen.

Er nahm ihre schlaff herabhängende Hand. Er küßte sie nicht. Aber mit beiden Händen umfaßte er sie innig, mit einem zarten und zugleich festen Druck.

"Dora Syk," sagte er leise, und seine Stimme bebte noch immer, "die Erde ist so arm an Glück in unseren Tagen. Sollten wir nicht einmal versuchen, zusammen glücklich zu sein?"

Sie sahen sich an. In seinen Augen glühte die heiße, stumme, begehrende Bitte.

Er hatte gesiegt. Er sah es an dem Ausdruck ihrer Augen, dem Lächeln ihres Mundes, und er fühlte es an der Wärme ihrer Hand, die er nicht losließ.

Sie zog sie zurück. Sie wollte nicht, daß die Stimmung sie überwältigte.

"Schenken Sie mir noch einmal ein, Grach.--So.--Und nun lassen Sie uns vernünftig zusammen sprechen, nun, wie Leute, die nicht mehr ganz jung sind, über so etwas sprechen sollten."

Ihre Stimme hatte nur äußerlich den scherzhaften Klang.

Sie machte noch eine Pause, ehe sie begann.

"Ja" sagte sie endlich. "Sie haben recht. Ich muß fort von hier. Ich will es selbst. Und auch darin haben Sie recht: es soll bald, es soll sofort sein.--Meine Ferien beginnen erst in acht Tagen. Aber ich kann mich vertreten lassen. Es ist das erste Mal, daß ich eine Hilfe dieser Art in Anspruch nehme, und da es auch das letzte Mal ist, habe ich keine Ursache, eine Zustimmung erst abzuwarten. Es genügt, wenn ich dem Direktor die Anzeige meines Fortgehens mache.

Auch meine Verhältnisse kann ich sofort ordnen.--Aber bevor ich mit Ihnen gehe, müssen Sie die folgenden Bedingungen annehmen:

Ich liebe meine Freiheit über alles, wie Sie die Ihre. Wir werden also vollständig, in jeder Beziehung, unabhängig voneinander sein. Wir werden uns gegenseitig verschonen mit allen läppischen Zudringlichkeiten an Zeit und Stimmung. Wollen wir einen Weg nicht zusammen miteinander gehen, so geht jeder seinen eigenen. Und--was das Wichtigste ist--wir werden uns trennen in der ersten Stunde. in der wir--anfangen werden, uns miteinander zu langweilen."

Sie beugte sich vor und sah ihn mit ihren schönen, klugen Augen an.

"Wollen Sie auf diese Bedingungen eingehen, Grach, dann geben Sie mir nochmals die Hand."

Er griff nach ihren beiden Händen.

"Dora Syk," rief er in jugendlicher Begeisterung, "weiß der Himmel, aber Sie sind doch die herrlichste Frau, die ich je in meinem Leben kennen gelernt habe!"

Da lachte sie hell auf, und der Bann zwischen ihnen war gebrochen. Frage auf Frage und Antwort auf Antwort folgten nun in buntem Wirbel.

Nach Paris wollten sie gehen. Noch heute Abend. Mit dem Schnellzug um halb elf Uhr. Morgen früh waren sie dort. Er zweifelte, daß sie bis zehn Uhr fertig sein könnte. Gewiß, drei Stunden würden genügen für sie. Hatte sie doch von niemand hier Abschied zu nehmen.

Aber lange hier bleiben durften sie dann nicht mehr. Welche Zeit war es denn? Schon sieben! Ja, es war dunkel schon unter den Bäumen. Einen Abschied aber wollte sie doch noch nehmen: von der Kleinen, die sie so oft hier bedient, und mit der sie so manches freundliche Wort getauscht, in der Einsamkeit ihrer vielen Stunden, die sie hier verbracht.

Sie ging in das Haus und bat ihn, zu warten.

Nach zehn Minuten--zehn Minuten, in denen er wie betäubt von seinem neuen Glück dagesessen hatte--kam sie zurück.

"Armes kleines Ding, sie hätte beinahe geweint. Aber ich habe ihr gesagt, sie solle es so machen, wie ich."

Da hielt er sich nicht mehr und nahm sie in seine Arme. Sie ließ es geschehen, daß er sie küßte.

Ernst, Würde, Fassung--Liebreiz, Güte, Harmonie, der Witz der Feinheit--ein außergewöhnlicher Verstand, ein unergründbares Herz: wie, alles dies besaß er plötzlich, ohne es sich erworben zu haben?--

Das letzte Glas stand vor ihnen. Der gelbe Wein schimmerte in der Dämmerung.

"Auf unsere Liebe!--Dora!" rief er.

"Nein, auf die Freiheit unserer Liebe, die sie so schön macht!" sagte sie langsam, bevor sie trank.

XVIII.

Sie verließen den Garten.

Sie sprachen nicht mehr. Schweigend gingen sie hin.

Aber als sie eine helle Kinderstimme singen hörten--grell und falsch, doch unbekümmert klang es von den Lippen:

"Nur einmal blüht im Jahr der Mai--

"Nur einmal--im Leben--die--Lie--be!--"

sahen sie sich an und lächelten.

"Es ist nicht wahr--" sagten sie sich mit diesem Lächeln, "hundertmal blühen sie, und immer von neuem, oft zusammen, oft der eine ohne die andere . . ."

Und sie sagten sich:

"Aber nie hat sie uns so schön geblüht, wie dieses Mal . . ."

Wieder hörten sie die Stimme und die Worte.

"Es ist nicht wahr--"

"Es ist ewig nicht wahr--"

An dem Kreuzwege blieb sie stehen. Laut sagte sie ihm:

"Ich gehe jetzt nach Hause. Ich komme schneller dahin, wenn ich allein gehe.--Um zehn Uhr bin ich auf dem Bahnhofe."

Sie gab ihm nicht die Hand, sie grüßte ihn nur mit dem Neigen ihrer Stirn.

Er verstand sie. Er hatte den Hut abgenommen und er verbeugte sich, als sie ging. Er verstand sie: es war nicht Feigheit, daß sie nicht in den Gassen der Stadt mit ihm zusammen gesehen sein wollte. Nur _jetzt_ wollte sie unbehelligt bleiben von den frechen Blicken der Neugier, deren Worte sie von nun an nicht mehr berühren, deren Taten sie von nun an nicht mehr hindern konnten . . .

Aber er konnte sich nicht enthalten, ihr nachzusehen. Nur eine ging so: sie. Ohne das Wiegen der Hüften, das Schwanken der Schultern, ging sie stets mit denselben ruhigen, auch in der Eile, wie jetzt, noch gleichmäßigen, festen, kühnen Schritten die mehr als alles die Gesundheit ihres Wesens zeichneten.

Die steile Straße abwärts führten sie diese Schritte; dann verbarg ihren Kopf der hängende Zweig eines Baumes und gleich darauf ein Haus ihre Gestalt, die der dämmernde Schatten des Abend bereits verwischte.

So lange seine Augen sie noch faßten, sah er ihr nach. Nicht eher ließ er los, was er leibhaftig mit den Sinnen zu fühlen noch vermochte.

Auch durch die Dunkelheit der Entfernung hin versuchte er ihr noch zu folgen.

Aber er war bereits lange allein.

XIX.

Er sah nach der Zeit: halb acht Uhr.

Also noch nicht drei Stunden waren vergangen, seit er zuletzt auf diesem Platze gestanden hatte!--

Fast begann er irre zu werden an der Wirklichkeit seines Glückes.

War es nicht alles ein Traum?

Wie wunderbar: er stand als Mann wieder auf der Stätte seiner Kindheit. Vor Augenblicken hatte er sie wieder gesehen, nach Augenblicken sollte sie--und voraussichtlich--für immer wieder hinter ihm liegen.

Kurze Augenblicke im langen Leben--: noch die Zeit eines Tages nicht war vergangen. War sie vorüber, so faßten ihn wieder die Hände _seiner_ Welt.

Alles war wunderbar.

Nur einen Menschen vielleicht gab es in dieser Stadt der Kleinheit, der Selbstgefälligkeit, der Enge, nur einen einzigen wirklichen, eigenen, freien Menschen, mit dem er zusammen zu leben vermochte-- und diesen Menschen hatte er gefunden! Seltsamer Zufall!

Hier gefunden--nicht in der Länge der Zeit, die auf kleinem Räume alle Menschen, die ihn bewohnen, einmal aneinander vorüberzugehen zwingt, nein, durch den seltensten Zufall der Welt, an den Grenzen dieses Raumes, in der Freiheit der Natur, in der stillsten Stunde, die keiner ihnen störte.

Er hatte erkannt, daß das Meiste von dem, was die Menschen Glück nennen, sich erwerben läßt in Erfahrung und Ausdauer: Ruhe, Klarheit, Sicherheit und eine gewisse Unabhängigkeit.

Die großen Zufälligkeiten des Glückes waren ihm nie begegnet und wenig war, was er sich nicht hatte erringen müssen in eigener Kraft. Daher fühlte er um so tiefer, wie ungeheuer groß der Zufall dieses Glückes war, welches ihm hier entgegengetreten war, schimmernd, blendend aus dunklem Rahmen hervor, dicht vor ihn hin--

Und eine wahnsinnige Seligkeit überkam ihn! . . .

Die Dämmerung nahm zu, und die Kühle mit ihr. Aus den Gärten kehrten die Bürger mit den Ihrigen heim--zum Nachtessen, danach zur Kneipe. Lichter flammten zu seinen Füßen auf. Ineinander zerrannen die Umrisse der Häuser und Straßen, und scharf ragten nur noch die spitzen Türme der Kirchen, der alten und der neuen, empor. Am hellsten erstrahlten die Lichter drüben am anderen Bergeshang, wo der Bahnhof lag. Flimmernde Linien liefen von dort aus nach beiden Seiten und erloschen in den Nebentälern.

An den Enden des Tales aber lohten die mächtigen Brände der Hochöfen in das Dunkel empor, riesige Feuergarben, dort wo eine Tag und Nacht nicht rastende Arbeit in siegreichem Ringen lag mit einer barmherzigen Natur und in fruchtlosem Kampfe mit unbarmherzigen, ererbten, allmächtigen, verschimmelten Vorrechten.--

Ein Kätzchen in weißem Fell schlich über den Weg. An einem Kinde, das auf der Bank vor einem der zerstreuten Häuser saß, wand es sich vorüber und dann mit schnellen Sprüngen an Grach.

Dieser sah das Kind. Er griff in die Tasche, gab ihm alles, was er an Geld erfaßte, hob es in die Höhe und küßte das Erschrockene auf den Mund, gleich als müsse er sie stillen, die Erwartung nach seinem Glück, die er nicht mehr ertrug.

Dann eilte er schnellen Schrittes und wie beflügelt die engen Pfade zwischen den Gärten hin und den Berg hinunter.

XX.

Da war er wieder, der große, totenstille Platz, jetzt eingehüllt in das Dunkel des Abends, da war sie wieder, die alte Kirche, an der er jetzt vorbeischritt und die er als Knabe so oft zu betreten gezwungen war, um tötliche Stunden der Langeweile auf ihren Bänken zu verbringen, da waren sie wieder, die alte Brücke von Stein und der alte Fluß.

Er stand lange über das Geländer gebeugt. Ein Gefühl von Versöhnung begann sich in sein Inneres zu schleichen.

Er haßte sie nicht mehr, diese Stadt; er haßte sie nicht mehr, diese Menschen.

Was waren sie ihm denn, daß er sie hassen sollte? Nichts.

Mochten sie leben und sterben, wie sie wollten, ihm war es gleich. Litten sie selbst nicht am meisten darunter, daß sie so dicht aufeinander saßen, einer in dem Genick des anderen, und sich so gegenseitig langsam zu Tode quälten?

Und warum sollte er ihnen nicht das harmlose Vergnügen der Selbstgefälligkeit gönnen? Mehr als ein Lachen war die Eitelkeit dieser aufgeblähten Kleinheit sicher nicht wert.

Sie hatte hier gelebt und gelitten, drei Jahre lang. Er schämte sich, wenn er seinen eigenen Unmut über den einen heutigen Tag verglich mit ihrer vornehmen, schwermütigen Ruhe und ihrem milden, starkem Ernst, der diese Menschen nicht ändern wollte, sondern sie gehen ließ, aber sie bei Seite schob, wenn sie ihr lästig wurden.

Arme Stadt! lächelte er vor sich hin. Und er nahm ihr noch ihr kostbarstes Gut . . .

Noch zwei Stunden. Immer noch zwei Stunden?

Er überschritt die Brücke und bog in die Hauptstraße ein. Dann betrat er eine große, öffentliche Wirtschaft und setzte sich still in eine Ecke.

Er bestellte sich zu essen. Aber als das Fleisch vor ihm stand, erlosch plötzlich sein Hunger vor dem warmen Geruch, und er schob es wieder von sich.

Innerlich--er fühlte es jetzt deutlich--war er dennoch aufs höchste erregt.

Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch, der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja--es war kein Zweifel mehr möglich--die "Schlitzohrigen", die größten Männer der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.

Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt-- welcher Unterschied--saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!

Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die von dort zu ihm herüberflogen.

Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte, über Politik zu sprechen, war hier verpönt.

Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin. Kannte er dieses Gesicht?--Nein, es war nicht möglich.

Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter, lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der spätesten aller späten Stunden!--

Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.

"I--e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."

Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend gewesen.

XXI.

Er war in seinem Hotel gewesen, um seine Sachen zu packen und seine Rechnung zu bezahlen. Dann war er zum Bahnhof hinaufgestiegen und hatte zwei Billets erster Klasse nach Paris gelöst. Er wußte, wann er extravagant sein durfte. Heute. Im Wartesaal kaufte er dann noch von dem alten Zeitungsverkäufer,--er erkannte auch ihn wieder-- einem alten Original, Fahrplan und Zeitungen.

Nun ging er auf dem Perron auf und ab mit großen und unregelmäßigen Schritten.

Er wußte, sie würde kommen, denn sie hatte es gesagt. Eher ging die Welt unter, als daß sie ihr Wort nicht hielt.

Und dennoch quälte ihn die Unruhe, die Unruhe der Erwartung.

Noch war die zehnte Stunde lange nicht gekommen. Der große Zeiger auf der weißen Uhr hatte kaum die Sechszahl erreicht. Er wußte, daß sie auch nicht früher kommen würde, als sie gesagt; und doch kehrten seine unruhigen Blicke immer wieder zu der schwarzen, gähnenden Oeffnung des Aufstiegs zurück, aus der von Zeit zu Zeit die Menschen emporstiegen: Beamte, Reisende, Kofferträger, ein buntes Durcheinander . . .

Der sommerliche Abend lag schwül unter dieser weiten Halle, die das Dröhnen der Züge und hundert Rufe durchtönten und erzittern machten. Ein und aus rasselten die Züge. Nur das Gleis für den Expreßzug, der hier drei Minuten halten sollte, blieb frei. Die von den Rädern abgeschliffenen Schienen glänzten weiß.

Grach hatte alles vergessen, was er heute gesehen--außer ihr.

Nur an sie dachte er noch und an sein Glück.

Er nannte nicht viel sein eigen. Jeder seiner Jugendfreunde in dieser Stadt lebte sicher besser als er, und unter allen diesen Menschen hätte wohl nicht einer mit ihm getauscht.

Und doch war er ein seliger Mann. Denn er war ein freier Mann.

Niemand hatte ihm zu befehlen, und niemandem hatte er zu gehorchen. Er konnte gehen und kommen, wie er wollte, die ganze Welt war sein.

Nicht zu hassen und nicht zu verspotten, nicht zu beneiden, nein, zu bemitleiden waren sie, die Menschen dort unten in der Stadt, die nur ein Glück und nur eine Zufriedenheit kannten: Geld, Geld, Geld zusammenzuscharren in mühseligem Erwerben, dem alle große Freude fehlte: die Freude des echten Genießens! . . .

Und er wandte sich ab von ihnen.

Mit jeder Minute, die der zehnten Stunde nahte, wurde er ruhiger. Seine Schritte wurden langsamer.

Als der Zeiger auf der Uhr den erwarteten Punkt ereicht hatte, lehnte er sich mit verschränkten Armen an einen Pfeiler und ließ keinen Blick mehr von der Treppe des Aufgangs.

Viele und verschiedene Menschen stiegen noch in den nächsten Minuten vor ihm empor und gingen an ihm vorüber. Wohl an die hundert. An keinem blieb sein Auge haften.

Dann aber sah er sie: langsam und sicher hob sich ihre hohe, stolze, jetzt in einen grauen Staubmantel gehüllte, geliebte Gestalt von Stufe zu Stufe.

Ihre Blicke waren gesenkt, und noch bemerkte sie ihn nicht.

Er ging ihr entgegen.