Chapter 3
Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde, was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er täuschte sich auch diesmal. Sie rief--wie alle Schwachköpfe--die Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.
Gleichmütig sagte er:
"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt--Kirche und Pfaffe-- Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält, sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht glauben, eher nicht!"
Er griff nach Hut und Stock.
"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden, natürlich--du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn du es nicht selbst tust?"--
Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen, sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben!
Und sie kämpfte mit ihren Tränen der Wut und des Zornes, als sie ihm gegen ihren Willen die Hand geben mußte. Er aber ergriff sie und schüttelte sie freundlich. Dann ging er mit seinen schnellen Schritten den Kiesweg entlang, durch den hohen und kühlen Flur an der weißen Treppe vorbei und über den weiten Platz, der verlassen lag wie vor einigen Stunden.
Als er in seiner Mitte angelangt war, kam von der anderen Seite her ein älterer Herr. Er ging schon gebeugt.
Grach sah ihn in die Tür treten, die er soeben verlassen. War das ihr Mann?
Wenn er mit den Blicken die Wände hätte durchdringen können, wäre ihm folgendes Bild erschienen: Frau Clara Boehmer hing am Halse dieses älteren Herrn, küßte ihn stürmisch und bettelte ihm die Erlaubnis ab, am nächsten Mittwoch den Ball im "Kasino" besuchen zu dürfen (--in einem ganz neuen Kleide--), während sie in ihrem Innern beschlossen hatte, ihm fürs Erste noch nichts von dem Besuch zu erzählen, den sie so schnell und dazu noch auf eine verhältnismäßig so gute Art und Weise losgeworden war.
XII.
Grach ging, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Während er noch in Gedanken versunken war, die ihm in diesen Stunden gekommen und die er nun weiter und zu Ende dachte, während er so in Gedanken zu Boden sah, ging er ganz instinktiv die Wege, die zur Höhe des Berges zwischen den Gärten und ihren Mauern hinführten, und die er so zahllose Male als Kind und als Knabe im Spiele gelaufen, lernend, erzählend, mit Kameraden und allein, traurig und fröhlich gegangen war.
Er sah nicht, wohin er ging. Nur ins Freie, hinaus, fort aus der Albernheit dieser Enge, die ihn eben stundenlang umschnürt gehalten hatte!
Er war wie zerschlagen.
Seit Jahren hatte ihn nichts, keine Unterredung, keine Diskussion, keine Verhandlung, so ermüdet, wie die Unterhaltung dieses Nachmittags.
Ihm war, als habe er Zuckerwasser trinken müssen, in großen Quantitäten, ein Glas nach dem andern. Ihm war als sei er umhergetappt in schwülen und haltlosen Nebeln, als habe er etwas Weiches, Zerrinnendes zwischen seinen Fingern gehalten, etwas, das formlos war und keine Gestalt annehmen wollte, er mochte bilden, wie er wollte.
Es war die Moral der Bourgeoisie gewesen, mit der er eben diesen Kampf gekämpft hatte, diese satte, selbstgefällige, verächtliche Moral, die keinem Gedanken Stand hielt, an jeder Wahrheit genäschig schleckte und alles, alles, alles herunterzog in den Staub ihrer Mittelmäßigkeit. Er haßte sie, diese Menschen, er fühlte erst jetzt, wie sehr er sie immer gehaßt hatte: ihre Anschauungen, ihre Sitten, ihre Gewohnheiten, ihr heuchlerisches Weinen und ihr oberflächliches, humorloses Lachen.
Was wollte denn diese Frau eigentlich?
Hatte sie nicht alles, was ein Mensch nur an äußerlichem Glück begehren konnte?
Sie war schön. Sie war noch jung. Sie war reich. Aber sie hatte einen Mann, der wohl zuweilen eine eigene Meinung zu haben sich erlaubte; einen Mann, der sie nicht so befriedigte, wie ihre Natur es verlangte. Nun, warum ging sie nicht von ihm, wenn sie es bei ihm nicht mehr "aushalten" konnte?
Nichts hielt sie, als die kindischen Anschauungen ihrer Klasse von Ehre und Sittlichkeit.
Die Welt lag vor ihr. Warum ging sie nicht hinein, lernte kennen, was dem Suchenden so interessant, so geheimnisvoll, so neu und so unendlich reizvoll erscheinen muß?
Weshalb genoß sie nicht die Schönheit dieser Welt, von der sie nichts kannte?
Sie konnte nicht allein sein. Zu flach, um sich selbst auch nur auf eine Stunde zu genügen, konnte sie auf eine Stunde nicht die Gesellschaft entbehren, deren Leben ihre Nahrung war. Machtlos, sich durch ihre eigene Persönlichkeit neue Verbindungen zu schaffen, wäre sie draußen in der weiten Welt gestorben vor Langeweile, verzehrt von Sehnsucht nach dem kleinlichen Getriebe ihrer früheren Tage.
Deshalb mußte sie bleiben, wo sie war, auf dem Platze, auf den sie ihr eigener freier Wille gestellt, und den zu verlassen sie nicht die Kraft besaß.
Sie mußte ihr "Unglück" weitertragen.
Er glaubte nicht an dieses Unglück. In Wirklichkeit hatte er nie geglaubt, daß diese Frau jemals unglücklich werden könne.
Außerdem würde sie ihren Mann allmählich besiegen. Eine echte Frau, die sie war, würde sie ihn mürbe machen--: langsam, nach und nach, mit aller Zähigkeit, würde sie ihm Locke auf Locke seiner Kraft rauben, bis er willenlos geworden war ihr gegenüber.
Der Mann war mehr zu bedauern als sie.
Für ihn aber war sie eine abgetane Sache. Es war eine Dummheit gewesen, daß er hierher gekommen war. Er gehörte nicht zu den Menschen, die sich schämen, ihren Dummheiten ins Gesicht zu sehen. Aber er glaubte doch, nun sagen zu dürfen, daß er so bald keine neue machen würde.
Am liebsten wäre er noch heute Abend abgereist. Doch er wußte nicht, wann die Züge gingen. Und außerdem--er war nun einmal hier. Die Hitze des Tages begann langsam nachzulassen. Er wollte noch einige Stunden verbringen auf dieser Höhe mit dem Blick auf die Stadt zu seinen Füßen. Irgendwo würde er schon ein grünes und kühles Plätzchen finden.
Und mit dem charakteristischen Ruck seiner Schultern schüttelte er die Erlebnisse dieses Nachmittages von sich: aus seiner Stirn und von seiner Brust.
Nun waren sie ihm erledigt für immer.
XIII.
"Eine komische, kleine Stadt!" hatte er noch vor drei Stunden zu sich selbst gesagt.
Aber von dieser Höhe aus gesehen schien die Stadt weder klein noch komisch, und er dachte, es müsse gräßlich sein, in ihr zu leben und zu sterben.
Gewiß--man wußte nicht mehr, was der Nachbar kochte und aß, aber was er trieb und ließ, man kümmerte sich darum noch immer bis in die kleinsten Einzelheiten hinein.
Daher wagte sich keiner zu rühren, und bei jeder Handlung, die er beging, sah er zuerst den anderen an, ob dieser dasselbe je getan oder je tun würde.
Es gab Männer von Genie in dieser Stadt: aber ihr Genie war völlig einseitig. Es war einzig darauf gerichtet, Geld in möglichst großen Massen zusammenzuspeichern. Ein schlechterer Gebrauch konnte von demselben nicht gemacht werden, wie es hier geschah: es blieb oft einfach liegen und vermehrte sich dann--infolge der Privilegien, die es schützten--von selbst. Es zog alle Kraft und alle Energie dieses ganzen Landes an sich. Es war ein kaltes, grausames, sinnloses Ungetüm, unersättlich und gierig.
Auch denen, die es besaßen, gab es nichts. Denn sie hatten keinen Geist. Sie hatten keine Spur von Geist. Sie machten alle Jahre eine vierwöchentliche Reise und schickten ihre Söhne einige Jahre in die Freiheit des Lebens.
Außerdem gaben sie alle paar Wochen ihrer ganzen Familie große Essen, bei denen es hoch herging. Man sprach im heimischen Dialekt und ergänzte die Familienchronik.
Das war aber auch alles. Für kein Vergnügen feinerer Art hatte man hier den geringsten Sinn. Man besaß kein Theater, keine Konzerthalle, und man kaufte nie ein Buch. Die Kunst war hier so heimatlos wie die Wissenschaft.
So war es vor zehn Jahren noch gewesen.
Ob es heute noch so war, wußte Grach nicht. Es war ihm auch gleichgültig. In der Zeitung der einen Stadt--die der einen war konservativ, die der anderen freisinnig, und sie lagen sich natürlich beständig in den Haaren--hatte sich noch kein Wort geändert gegen früher. Er hatte sie beim Essen durchflogen.
Nein, es war keine komische Stadt, wenigstens nicht für den, der in ihr zu leben gezwungen war.
Es war auch eigentlich keine kleine Stadt, denn sie füllte, wie er jetzt sah, die ganze Breite dieses Tales. Sie hatte sich vergrößert. Man hatte--traurig genug--zu den drei alten noch zwei neue Kirchen gebaut.
Dieses Tal entbehrte der Anmut nicht. Der träge Fluß durchschnitt üppige Wiesen, und die Hügel waren bedeckt mit dichtem Tannen und Laubholz. Aus einer dieser dunklen Kuppen ragten die schlanken Turmspitzen eines modernen Schlosses in den sonnenheißen Himmel. Dort wohnte der König der Gegend. Er wußte, daß er das war: er redete seine Arbeiter mit Ihr an und sorgte für sie, wie "ein Vater für seine Kinder." Ihm ging es gut dabei; seinen "Kindern" weniger. Never mind!--
Und immer wieder wandten sich Grachs Augen nach rechts und nach links, dorthin, wo an den Grenzen seiner Blicke die Wolken des Rauches sich ballten zu seltsamen, fremdartigen, formlosen Gebilden.
Ideen schienen es zu sein, die nach Gestaltung rangen. Und er sah im Geiste den Tag, wo diese Ideen, nicht am hellen Nachmittag in heißer Sonne, nein, am kühlen Abend, beim Beginn der Nacht, in rußige, markige Gestalten verkörpert, von beiden Seiten dieses Tales herangezogen kamen und diese ganz abgelebte Gewöhnlichkeit, dieses ganze Nest von Aemtern, Titeln und Würden, diese ganze Uniformität der Gesinnung so durcheinander rüttelten, daß die friedlichen Schläfer dieser guten Städte am nächsten Morgen nicht mehr wissen würden, auf welcher Seite des Flusses sie eigentlich waren.
Dann würde er vielleicht endlich geendet sein, der erbitterte Streit um die Oberherrschaft.
Aber dann würde es auch zu spät sein.
Eine komische kleine Stadt!
Nein, es war weder eine komische, noch eine kleine Stadt.
Trotz der Hitze fröstelte Grach.
Die Sonne quälte ihn, und seine undankbaren Gedanken quälten ihn ebenfalls.
Hatte er nicht Grund, dankbar zu sein?
Dankbar dafür, daß er nicht mehr hier zu leben brauchte?--
Er wandte sich ab und stieg den Weg weiter hinauf. Ein Blechschild fiel ihm in die Augen:
"Gartenwirtschaft". Das war, was er suchte. Bäume und Schatten und Stille.
Er stieg eine Treppe empor und durchschritt die Tür. Da stutzte er plötzlich.
Vor ihm her ging eine Frau.
XIV.
Er erkannte sie sofort.
Nur eine Frau war ihm im Leben begegnet, der dieser feste, stolze Gang, diese aufrechte, und doch graziöse Haltung eigen war: Dora Syk. Sie mußte seine Schritte gehört haben, denn sie wandte sich um.
Zu gleicher Zeit streckten ihre Hände sich einander entgegen und faßten sich mit starkem, freundschaftlichem Druck.
Die Freude, sich wiederzusehen, war auf beiden Seiten gleich groß und ehrlich. Gleich war aber auch bei beiden eine gewisse Verlegenheit: man war hier auf fremdem Boden und wußte im ersten Augenblick nicht recht, wie man es dem anderen klar machen sollte, weshalb man hier war . . .
Dort, wo ihre eigentliche Heimat war, in der großen, weiten Welt, in dem Getriebe der ungeheuren Stadt, in den schrankenlosen Verhältnissen, deren Physiognomie wechselte wie der schwankende Tag, in der großen, geistigen Bewegung, waren sie sich zuerst begegnet, hatten sie sich gesehen, sich gesprochen, waren sie schnell wieder auseinander gerissen, hatten sich nicht vergessen, aber auch kaum mehr aneinander gedacht, vielleicht nur deshalb, weil sie keine Zeit dazu hatten.
Seinen Namen hörte sie oft: er wurde überhaupt viel genannt; ihren Namen hatte er lange gekannt, ehe er sie sah, denn er war eine Zeitlang viel genannt worden. Es war gewesen, als sie einundzwanzig Jahre alt war und ihr erstes Werk Aufsehen erregte. Vor etwa sechs Jahren.
"Franz Grach"--
"Dora Syk"--
Sich hier wiederzusehen, war für beide eine ganz außergewöhnliche Ueberraschung, und indem sie nach einem Wort suchten, um dieselbe auszudrücken, fingen sie beide plötzlich an zu lachen und gaben sich nochmals die hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie es wirklich waren.
"Fräulein Dora Syk!" rief er aus. "Also deshalb hört man nichts mehr von Ihnen--"
"Es ist sehr eigentümlich, daß wir uns hier treffen," sagte sie, indem sie ihre Hand zurückzog.
"Nicht so sehr, was mich betrifft: bin ich doch hier in der Stadt meiner Jugend. Ich bin nämlich hier erzogen."
"So. Und ich erziehe jetzt hier."
Er fuhr zurück.
"Das ist schrecklich. Wen erziehen Sie denn?"
Sie lachte herzlich. "Kinder", sagte sie, "Mädchen von zwölf und dreizehn Jahren."
"In der höheren Töchterschule?"--
"Ja, in derselben", entgegnete sie, und immer noch lag Lachen um ihren Mund. "Ich bewundere die Treue Ihres Gedächtnisses. Wie lange waren Sie nicht hier?"--
"Fast ein Jahrzehnt nicht.--Hören Sie:
Der Herr segne Deinen Ausgang und--"
"Und deinen Eingang--ja, so steht es über dem Tor geschrieben."
"Lachen Sie doch nicht, Fräulein Syk! Ich weiß, was es heißen will, Lehrerin an dieser Schule zu sein--für Sie ist es unwürdig."
"Nein," sagte sie schnell und wurde ernst, "es ist nicht unwürdig, um sein Brot zu arbeiten. Aber eines ist sicher: es ist lähmend, weil es unnütz, total unnütz ist. Denn ich bin gehindert, das zu sagen, was ich sagen möchte, wenn ich auch nicht gezwungen bin, zu sagen, was ich nicht sagen will . . . Unwürdig?--Nein, das Schweigen der Machtlosigkeit ist nie unwürdig."
Er sah sie inmitten dieser Gesellschaft, die er kannte--die Personen konnten sich geändert haben, die Tendenzen nie: der Direktor ein Pietist, die Lehrer zu halben Weibern geworden in ihrer falschen Stellung zwischen lauter Unterröcken, die Lehrerinnen alte Jungfern, verbittert die einen, emanzipiert im unguten Sinne die anderen--und er hörte nicht auf das, was sie ihm entgegnete.
"Wie können Sie hier leben?" rief er fast heftig. "Wie können Sie sich stellen zu diesen Mumien--"
"Sehr gut. Sie hassen mich so, daß wir fast nie zusammen sprechen--"
"Ja, was sollten Sie auch zusammen sprechen!" rief er. "Und machen Sie mir nur nicht vor, daß es anders ist mit dieser entzückenden Jugend, ich kenne sie, diese unreife Gesellschaft, schlimmer als die Buben sind sie: kokett schon, noch mit der Puppe im Arm, neugierig, naschhaft, und ganz schon von dieser entsetzlichen Schwatzhaftigkeit der Alten, dieser Schwatzhaftigkeit der Leere, die nichts zu sagen weiß und immer plappert, plappert--o, ich habe sie eben drei Stunden lang gehört!--"
Sie ging ruhig weiter, aber sie antwortete ihm nicht mehr. Ihr Beispiel, dachte er da, dieses herrliche Beispiel der Kraft und Gesundheit, der Vorurteilslosigkeit und Schönheit, des Geschmacks und der Gesundheit der Harmonie, ihr Beispiel, sollte wenigstens nicht dieses schweigend wirken? Und er fragte sie danach.
Mit einiger Ungeduld lehnte sie seine weiteren Fragen ab. Auch ihr Beispiel nicht, sie sagte es schon. Es war kein Boden bereitet.
Er merkte plötzlich, daß sie litt, und ward still.
XV.
Während ihres kurzen Gespräches hatten sie den Garten betreten. Ueber die ganze Kuppe des Hügels hin erstreckte er sich. Seine Bäume waren herrlich. Sie bildeten dichte und schützende Dächer über den Tischen und Stühlen, die überall auf die ansteigenden Terrassen gestellt waren.
Eine große Halle lag auf der höchsten Höhe des Hügels. Sie war roh aus Holz aufgezimmert und dazu bestimmt, großen Massen bei schlechtem Wetter Aufenthalt zu gewähren. Denn an allen Sonn- und Feiertagen belebten Hunderte und Aberhunderte von Menschen die Stille dieser fast einsamen Höhe; an Wochentagen verlief sich selten ein Gast hierher. Die reiche Natur konnte ungestört die Schäden wieder heilen, welche trampelnde Füße, die keiner Wege achteten, und rohe Hände, die frevlerisch in dieser grünen Pracht wühlten, ihr schlugen.
Keine Großstadt besaß einen größeren, in seiner rauhen und nie gepflegten Wildheit schöneren Garten.
Grach breitete die Arme aus vor Freude.
"Das ist herrlich!" rief er.
Sie lächelte.
"Ja, es ist herrlich!" sagte sie auch. "Es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht die letzten Stunden des Nachmittags hier verbringe. Hier stört mich kein Mensch. Ich kann sitzen, wo ich will, ich kann gehen, ich kann lesen, ich kann tun, was ich will. Mir ist, als sei sie mein, diese ganze Höhe."
An dem Wirtshause vorbei, wo der Besitzer des Gartens mit seiner Familie wohnte, führte sie ihn langsam empor.
"Ueberall können wir uns setzen, Grach," sagte sie. "Wollen Sie die Stadt sehen? Oder wollen wir hier bleiben auf dieser Terrasse, wo es am kühlsten ist?"--
"Hier," bat er, "lassen Sie uns hier bleiben. Hier ist es einsam, kühl und schön."
So setzten sie sich, einander gegenüber, an einen der Tische. Ein Mädchen kam mit einer Flasche und einem Glase. Als sie den gewohnten einsamen Gast in Gesellschaft eines zweiten sah, malte sich sprachloses Erstaunen auf dem frischen, jungen Gesicht.
"Kein Bier heute, Käthchen," sagte Dora Syk, "ich habe Besuch heute. Eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser."
Das Mädchen entfernte sich nur zögernd.
"Sie ist völlig außer Fassung, die Kleine. In den drei Sommern ist ihr das nicht vorgekommen. Und, daß ich es Ihnen nur gestehe, auch ich bin etwas verwundert.--Also die Sehnsucht hat Sie einmal wieder hierhergetrieben? Sie wollten einmal wieder wandeln auf den Fluren Ihrer Kindheit?"
"Ach was," rief er fast barsch, "ich habe eine Dummheit gemacht, eine große Dummheit."
Er erzählte ihr in hundert Worten, was er soeben erlebt.
XVI.
Der Wein glänzte in den Gläsern vor ihnen. Sie stießen miteinander an.
"Aber ich bin ausgesöhnt mit meiner Dummheit--" rief er in ehrlicher Freude, während er sie ansah.
Sie war es wert, angesehen zu werden.
Fest zurückgelehnt in den Stuhl und die Füße gegen den Boden gestemmt, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie in der unbewegten Ruhe von Menschen da, die viel arbeiten, und diese Ruhe, derer sie bedürfen, dann wenn sie ihnen wird, auch wirklich genießen.
Ihren Hut hatte sie abgenommen, und Grach bewunderte die einfache Kunst, mit der sie ihr dunkelbraunes Haar in einen griechischen Knoten gebunden trug.
Alle Linien an dieser schönen Gestalt waren groß, kühn und frei; lang und natürlich, durch keine künstlichen Mittel verziert, fielen die Falten ihres Kleides nieder.
Ihre Hände, an denen sie keine Ringe trug, waren groß und weiß, und ebenso waren ihre Zähne, keine "Perlen"-Zähne, aber Zähne von tadelloser Ebenmäßigkeit.
Das Gleichmaß der ruhigen, großen Schönheit war in ihr verkörpert. Und wie es unmöglich war, sich dieses Gleichmaß ihrer Erscheinung durch irgend etwas: durch eine eckige, unbehilfliche Bewegung, durch die Wildheit eines fassungslosen Schmerzes, die Raserei einer zügellosen Leidenschaft, die Unschönheit einer Erniedrigung oder einer gewaltsamen Ueberhebung gestört zu denken, so unmöglich war es auch zu glauben, daß das Alter jemals diese hohe Gestalt beugen, das Elend diese einfache Würde knicken, Krankheit diese verkörperte Gesundheit brechen könne.
Es gibt Profile, die hingekritzelt scheinen, stümperhafte Dilettantismen, verzerrte Karrikaturen in die Breite oder in die Länge, hingeklatscht von ungeübter Hand und dann verwischt durch Zerknitterung des Papiers; und es gibt Profile, die mit Künstlerhand schnell entworfen scheinen in verräterisch-schönen Linien voll Weichheit, Grazie und Liebreiz, oder aber hingezeichnet in einem großen, wundervollen Zuge in seltener Stunde . . .
Zu den letzteren gehörte Dora Syks Profil. Ein Ansatz, ein kühner Zug, rasch, energisch, meisterhaft--tadellos: so war ihr Profil, das Grach in erwachender Leidenschaft mit dem Auge sich immer wieder heimlich nachzeichnete, während er es betrachtete.
Nie war ihm früher die bestechende Harmonie ihres Wesens so aufgefallen, wie jetzt. Der beschäftigte Tag hatte damals seinen Blick getrübt. Nun saß sie vor ihm und sah vor sich hin, während er sprach.
Und mehr als alles bezwang ihn der Ausdruck einer beginnenden Müdigkeit, die sich über dies schöne Antlitz ausbreitete. Keine Spur von der Unschönheit der Bitterkeit, nur das ganz allmähliche Erlahmen . . .
Ein noch fast unsichtbares Erlahmen.
Aber er sah es.
Dieser schöne Mund begann sich zu schließen in der Herbheit des Stolzes--wann durfte er einmal sprechen in den Lauten, die er gewohnt war, den Lauten der Erkenntnis, der Freiheit und des Verständnisses der Liebe?--Diese tiefen Augen umschatteten sich bereits. Gewöhnt, in die weiteste Ferne zu schauen, Abwechslung, Fülle, Reichtum alles äußeren Lebens zu trinken, fingen sie an sich zu trüben zwischen den Dunstwolken dieses ärmlichen Tales, dem Rauche der Feuerherde dieser erbärmlichen Stadt, der Stickluft einer ungelüfteten Schulstube.
Er dachte an anderes, während er ihr erzählte, weshalb er hierhergekommen war. Er wurde unruhig.
XVII.
"Menschen der Ehe!" sagte sie, als er geendet hatte. Er sah auf. Sie hatte also sein Werk gelesen. Er wußte nicht, daß es seit Jahren keinen Mann gab, den sie im Stillen seines Mutes und seiner unerschütterlichen Energie wegen so bewunderte wie ihn.
"Menschen der Ehe!" wiederholte sie, ohne Geringschätzung oder Verachtung, sondern mit der Ruhe, mit welcher der Forscher das Objekt seines Studiums benennt. Aber lachen schien sie doch nicht zu können über Grachs hastige Erzählung. Dazu war sie diesen Menschen doch zu nah.
Mehr und mehr überzeugte sich Grach während des Gespräches der nächsten Stunde, wie sehr sie es verstanden hatte, sich allem, was die Zeit an Gutem, Bedeutendem und Großem leistete, nah zu halten. Fast nichts war ihr unbekannt geblieben: jedes Buch hatte sie gelesen, jedes Ereignis mit dem ihr eigenen Scharfblick betrachtet und beurteilt, jede neue Erscheinung in den Kreis ihres Verstehens gezogen.
Sie sprachen von allem, wie es ihnen kam. Ueber vieles gingen ihre Ansichten auseinander, aber über jedes hörten sie des anderen Meinung, und über nichts verschwiegen sie ihm die eigene.
Er forschte sie aus. Aber es war so, wie er dachte: sie stand hier ganz allein, ohne Freunde, ohne Verkehr, ohne Verständnis bei irgend einem Menschen. Sie las viel. Aber sie war die einzige vielleicht in der ganzen Stadt, die anderes las als Zeitungen und die Romane der Leihbibliotheken.
Kein Mensch auch wußte hier, wer sie war. Eine fremde Erscheinung, war sie hierhergekommen, und mit scheuer Achtung ging man ihr aus dem Wege, während man ihr nach den ganzen Klatsch der Verständnislosigkeit und des Hasses, weil sie "anders war", schüttete.
Wer sollte hier auch ihren Namen kennen? Hier waren nur die Namen berühmt, welche die Schilder der Straßen und die Zeitungen des Tages nannten.
Sie war plötzlich verschollen, und der Laut ihres Namens war schon fast verhallt. War sie hier untergetaucht in diesem Sumpf, um hier zu sterben?--Der Gedanke machte Grach schaudern.