Part 11
Er schien es sehr ernst zu nehmen, das versöhnte Virginia, und sie mußte sogar lachen. Im Grunde war sie froh, an den häßlichen Zwischenfall nicht mehr denken zu müssen. »Ich habe noch eine Bitte«, begann Erwin wieder; »ich gebe Ende nächster Woche meinen Freunden und vielen andern Leuten, denen ich gesellschaftlich verpflichtet bin, einen Abend, eine Art von Fest, wenn Sie wollen. Frau von Resowsky wird die Liebenswürdigkeit haben, die Honneurs zu machen. Darf ich Sie und Ihre Mutter dazu einladen?«
»Die Mutter geht nicht in Gesellschaft«, erwiderte Virginia rasch und im Gefühl, daß die Anwesenheit der Mutter gar nicht gewünscht werde; »davor hat sie Angst wie vor einem Eisenbahnunglück.«
»Das wird mich aber hoffentlich nicht Ihrer Gegenwart berauben«, versetzte Erwin förmlich. »Wenn ja, so würde ich allen Leuten noch in letzter Stunde absagen«, fügte er hinzu, als er eine Bedenklichkeit bei Virginia bemerkte. »Ich habe Sie mir versprochen; es ist mir wichtig, daß Sie da sind, und Sie werden da sein.«
Oho, dachte Virginia erstaunt, so spricht man mit mir? Sie versuchte zu lächeln, konnte aber Erwins Blick nicht ertragen. Es kam plötzlich etwas Schweres, schwer zu Tragendes über sie, und sie wußte nicht, woher es kam.
»Ihre Weigerung würde Unglück für mein Haus bedeuten«, fuhr Erwin hartnäckig fort.
»Sind Sie denn abergläubisch?«
»Ich bin abergläubisch wie alle, die nichts als sich selber haben, um daran zu glauben. Geben Sie mir Ihr Jawort und Ihre Hand.«
Virginia gab ihr Jawort, aber nicht ihre Hand. In der Küche draußen ließ Frau Geßner die Wasserleitung plätschern. Virginia trat langsam zum Fenster. Erwins Nüstern flogen, als er ihren edelschleichenden Gang bis in die Einzelheiten des Rockfaltenwurfs verfolgte. Mein, mein, mein, mein, jubelte es in ihm.
Ihre offensichtliche Verstimmung tat ihm wundersam wohl, wie ein Nachthauch, wenn man aus erhitzten Zimmern tritt. Es war etwas so Pflanzenhaftes an ihrem plötzlichen Traurigsein, etwas, was gleichsam mit dem Mond zusammenhing und an den Fall von Sternen erinnerte. Dies liebte er in den Frauen, dies Wurzeln in dunkler Erde und Auftasten zu den Sphären.
Es konnte ihm in der Folge nicht entgehen, daß sie scheuer geworden war, seit er sie vor den Nachstellungen des jungen Flügel gerettet. Ulrich Zimmermann hatte ihm da einen vortrefflichen Dienst erwiesen. Doch Ulrich selbst war untröstlich, denn er war von Marianne belehrt worden, wie sehr Virginia gegen ihn erzürnt sei. Der Anlaß wurde ihm nicht klar, er dachte entschlossen gehandelt zu haben, und als er eines Nachmittags zu Erwin kam und ihm dieser sagte, Virginia rechne ihm sein Benehmen als Feigheit, ja fast als Verrat an, war er wie aus den Wolken gefallen. Und plötzlich begriff er. Er sprang von seinem Stuhl und wollte fortstürzen. »Wohin?« rief Erwin streng. – »Zu ihr.« – »Das lassen Sie nur hübsch bleiben«, sagte Erwin stirnrunzelnd. »Eine Dummheit erklären wollen, heißt sie verdoppeln. Sie sind mir ein wenig Haltung schuldig, mein Freund. Am Samstag treffen Sie Virginia hier. Bei der Gelegenheit können Sie ihr sagen, daß ich mit Sixtus Flügel eine alte Rechnung ausgeglichen und zu meinen Gunsten bilanziert habe. Ich selbst habe mit ihr noch nicht über die Geschichte gesprochen, und ich wäre froh, wenn sie sich mir gegenüber frei fühlte. Das kann sie, wenn sie erfährt, daß ich dabei meinen Nutzen gehabt habe.«
»Diese Politik ist mir zu gewunden«, antwortete Ulrich Zimmermann mürrisch, aber er fügte sich, weil er mußte. Er war gekommen, weil er Geld brauchte. Stumm saß er hinter Erwins Sessel, der an seinem Schreibtisch arbeitete. Es vergingen anderthalb Stunden, deren Schweigen nur von den wiederkehrenden Glockentrillern der kostbaren Spieluhr auf dem Kamin unterbrochen wurde. Endlich stand Erwin hochatmend auf. »Wie viel wollen Sie?« wandte er sich freundlich an Ulrich Zimmermann, dessen Anwesenheit er vergessen zu haben schien.
Ulrich errötete. »Riecht man denn das, wenn einer Geld braucht?« fragte er mit wehmütigem Humor. »Ach, könnten Sie ahnen, was es heißt, um Geld zu bitten!« fuhr er ungestüm fort. »Den Mörder bittet man um das Leben, und man fühlt sich nicht gedemütigt, aber vom Reichen, und ist er ein Freund, Geld fordern, heißt sich grenzenlos erniedrigen. Und das Furchtbarste: stets genießt der Gebende, was der Empfangende so schwer verwindet.«
»Der gibt schlecht, der nicht dankt, wenn er gibt«, stimmte Erwin bei, den die Großherzigkeit und Beschwingtheit in Ulrichs Worten sympathisch berührte.
Als Ulrich Zimmermann die Villa verlassen hatte, blieb er auf der Straße stehen und schaute nachdenklich zurück. Sein Blick fiel auf das Giebeldreieck, auf welchem in den Stein gemeißelt das Wort »Sansara« zu lesen war. Das war der Name von Erwins Haus.
»Sansara,« murmelte Ulrich, seinen Weg fortsetzend, »Sansara!« Das hat Pathos, grübelte er, das hat Hintergrund. Plakatierte Metaphysik. Der Übermut des Besitzes erweist der Religion der Armut seine Ehrfurcht. Die asiatische Firmentafel, gerade gut genug über der Zwingburg europäischer Geistigkeit. Der Bürgeraristokrat macht einen platonischen Purzelbaum zum Nabel des Buddha und verewigt sein Kunststück durch eine steinerne Fanfare.
Aber sollte darin nicht auch etwas Ergreifendes liegen? fragte sich der junge Dichter; der aufgestachelte Widerpart des Gottlosen gegen den Despotismus einer unbeseelten Ordnung? Flucht vor der dutzendmäßig beschnittenen Gemeinheit aller übrigen Geschicke? Tröstlich vermessenes Aug-in-Auge-stehen gegen eine Gewalt, die man am Ende doch selber aufgerichtet hat, um nicht in den luftleeren Raum zu stürzen? Ich könnte meinem Buch den Titel geben: Mirowitsch oder die wesenlose Opposition.
* * * * *
Virginia war um halb acht Uhr fix und fertig. Sie trug ein Kleid aus veilchenblauem Battistlinon, verziert mit irischen Spitzen. Der Brustausschnitt war bescheiden. Das Haar war zu einem griechischen Knoten geknüpft. »Nein, das ist zu schön, zu schön«, rief Frau Geßner immer wieder und streichelte das Kleid mit zagen Fingern.
Virginia wünschte, daß Manfred sie sehen könnte; doch stünd ich hier, fuhr es ihr durch den Sinn, stünd ich so hier, wie ich bin, wenn er mich sehen könnte? Sie heftete den Blick in den Spiegel, – fast mißbilligend. Man rief nach ihr, so schien es, und ungern folgte sie, obgleich erglüht.
Sie hatte einen Wagen bestellt und fuhr hinaus. Vor dem Eingang zur Villa stand eine lange Reihe von Fiakern und Automobilen. Man konnte einen Teil des Parkes wahrnehmen und sah Lampions unter den Bäumen.
Jede Frau, die in festlichem Anzug einen Ballsaal, ein Theater, einen Salon betritt, zeigt das nämliche alberne, besorgte, trunkene und phantastische Lächeln, als ob sie sagen wolle: jetzt kommt das große Unerwartete. Virginia beobachtete dies, während sie sich in der Halle ihres Mantels entledigte. Ein Diener half ihr dabei. Wichtel, kaum daß er Virginia gesehen, ging, um seinen Herrn zu benachrichtigen. Erwin kam. »Ich muß zwei Worte mit Ihnen sprechen«, raunte er ihr zu. Sie folgte ihm betroffen in ein kleines, von dem orangeroten Licht einer Ampel beleuchtetes Gemach. Er schloß die Tür.
»Was bedeutet das?« fragte sie ängstlich.
Er legte den Finger an die Lippen, riß hurtig eine Lade auf und hielt ihr das Perlenhalsband zwischen beiden vorgestreckten Händen entgegen.
Ohne den Blick abzuwenden, trat Virginia einen Schritt zurück. »Sie haben mir versprochen –« stammelte sie.
»Ich habe nicht davon geredet«, erwiderte er mit verführendem Lächeln.
Virginia wich noch weiter gegen die Tür. Erwin folgte mit der Kette. »Wir haben keine Zeit zu Verhandlungen«, sagte er leise und mit einem Lachen in der Stimme. »Fragen Sie nicht! Fragen Sie nicht! Ja, Manfred hat geschrieben. Soll ich’s Ihnen schwarz auf weiß zeigen? Ich kenne sein Vertrauen. Er aber kennt Ihr schimpfliches Mißtrauen nicht.« Und als sie eine abweisende Gebärde machte, einen hilflosen, verwirrten, bittenden Blick auf ihn warf, flehte er: »Nur diese eine Nacht! Nur diese eine Stunde! Gönnen Sie meinen Augen die Lust!«
Schon hatte er die Kette um ihren Hals gelegt und klatschte nun begeistert in die Hände. »Herrlich! Göttlich! Unvergleichlich!«
Eine Uhr tat neun Schläge. Aufruhr und Zorn gegen den Mann, der sie schmückte, erwachte in Virginia; aber dahinter wirbelte eine ungestüme Freude. Gut, dachte sie, einen Abend lang, weshalb nicht. In ihrem Innern glaubte sie nicht mehr an so kurze Dauer. Sie hatte ein Weihnachtsgefühl, und fand es doch seltsam, daß Manfred eingewilligt, zumal die verflossene Frist ein wenig knapp schien. Bei alledem ist wesentlich, daß sie von dem Wert des Schmuckes weder einen Begriff hatte noch sich Gedanken darüber machte. Ganz von fern stieg in Sekunden eine Befürchtung auf, ein Schatten, die Schwere eines Unrechts, der Ruhm der Perle an sich, aber durch jedes Einzelne wähnte sie den untadeligen Sinn des Gebenden zu beleidigen.
»Vertrauen Sie mir«, sagte Erwin fest, und Kraft, Ermunterung, Ritterlichkeit, hochaufgerichtete Ritterlichkeit strahlten an ihm.
»Wenn es nur nicht eine Torheit ist«, sagte Virginia, reichte ihm aber doch die Hand, die kalt war vor Freude sowohl wie vor Bestürzung. An einem Spiegel vorüberschreitend, erblickte sie die Perlen. Dieser Moment erfüllte sie mit Glück und Stolz. Ihr war zumute, als sei sie in ein Märchen versetzt, – und heute wollte sie das Wunderbare gewähren lassen.
»Und wenn man mich fragte?« wandte sie sich treuherzig an Erwin. »Marianne zum Beispiel könnte doch fragen.« Sie zögerte wieder. »Nein, Erwin, nein,« flüsterte sie beklommen, »ich fühle, es geht nicht.«
»Marianne ist nicht hier«, antwortete er kurz, und ein Unwillen, der ihr Schrecken einflößte, malte sich auf seiner Stirn. »Haben Sie mich im Verdacht, daß ich mich brüsten werde? Glauben Sie mir nicht? Weiß ich am Ende Ihre Nachgiebigkeit nicht zu würdigen? Ist Ihr Verlobter nicht ein Mann, der so ein Halsband auf seinen Kredit beanspruchen kann?«
Virginia schwieg errötend. Er verließ durch eine Tür zur Linken das Gemach. Virginia trat wieder in die Halle. Erwin kam draußen auf sie zu; jetzt verstand sie den Umweg und erschrak aufs neue. Sie war nur wenige Minuten mit ihm allein gewesen, aber daß es heimliche Minuten waren, hatte sie nicht bedacht. Er führte sie zu Frau von Resowsky, die sich liebevoll ihrer annahm und sie von Gruppe zu Gruppe geleitete.
Von den Namen, die man ihr nannte, blieben wenige ihrem Gedächtnis eingeprägt. Der Glanz des Lichtes betäubte sie. Sie sah nur Umrisse von Gesichtern, blonde, schwarze, weiße Bärte, viele Blumen, die stark dufteten, viele Augen wie lebhafte kleine Tiere, die Kleider der Damen als zartestes Farbengemisch und die Haut ihrer Büsten verletzend wahr und nahe.
Fast alle blickten sie staunend an. Gleichwohl hatte sie den Eindruck, daß andere Frauen schöner seien als sie. Sie war durchaus nicht beengt, sie gewann im Gegenteil mehr und mehr Freiheit durch die Wahrnehmung, daß es zwischen ihr und den meisten dieser Menschen kein lebendiges Band gab.
Ulrich Zimmermann trat zu ihr und begrüßte sie. Sehr zur Unzeit fing er an, die Erklärungen zu stottern, die er sich vorgenommen hatte, sprach sogar, genau mit Erwins Worten, von einer Rechnung, die jener »zu seinen Gunsten bilanziert«, aber Virginia schüttelte verwundert den Kopf und schien alles vergessen zu haben. Plötzlich starrte Ulrich mit hochgeründeten Brauen auf die Perlenkette. Er hatte Virginia arm geglaubt, das war aus seinem Erstaunen zu lesen. »Sie tragen ja ein Vermögen an Ihrem Hals«, sagte er gedrückt, ohne zum Bewußtsein seiner Taktlosigkeit zu gelangen.
Virginia stutzte; der ferne Schatten wuchs. Dann aber lächelte sie an Ulrich vorbei. Ein Übermut war auf einmal in ihr, wie sonst nur, wenn sie tanzlustig war. Ulrich Zimmermann senkte die Stirn vor ihrer Schönheit.
Das Lampenlicht verlieh dem feinen Sammet ihrer Haut einen metallischen Glanz. Manche Herren wollten sich erinnern, sie schon gesehen zu haben, und drückten es in schmeichelhafter Weise aus. Graf Palester, blaß, ernst, kalt, verschlossen, verbeugte sich korrekt, ohne das Wort an sie zu richten. Jedoch war er nur ihretwegen der Einladung Erwins gefolgt.
Einige Attachees umringten sie; ein japanischer Arzt, ein paar junge Statthaltereibeamte wurden ihr vorgestellt. Sodann machte Erwin sie mit Helene Zurmühlen und deren Gatten bekannt. Helene erschien ihr wie ein Spielzeug, und in der Tat war die Gestalt der jungen Frau von einer fast unnatürlichen Schlankheit. In ihrem Gang war der edelste Anstand, und eine Vorsicht, als lägen überall Steine. Alles schien zerbrechlich an ihr, der rührend weiße Hals, die apathischen Arme, die mageren, gelben Hände, die oft zu Fäusten geballt waren wie bei kleinen Kindern, wenn sie schlafen, der schmale, stets seitwärts geneigte, von leuchtend schwarzer Haarflut übermäßig belastete Kopf, in dem ein lilienhaftes Antlitz, herzförmig geschnitten, von den Schatten einer süßen Melancholie überdunkelt war. Aber diese Melancholie hatte etwas Grelles, und die Natur selbst strafte sie Lügen durch den starken, brennenden Mund, welcher List, Neugier und Unruhe verriet.
Um das ernüchternde Beisammensitzen an einer großen Tafel zu vermeiden, war im Speisesaal freies Büffet errichtet, und fünf Diener versorgten die immer wechselnden Gäste. Ein paar Räume weiter endete die Flucht in einem kleinen Gemach von köstlichem Luxus. Dorthin hatten sich Ulrich Zimmermann, Graf Palester und ein Freund des letzteren, ein Herr von Hefforig, zurückgezogen. Alle drei rauchten. Auf dem Tische vor ihnen stand eine Flasche Bocksbeutel, aus welcher Ulrich von Zeit zu Zeit in die Gläser nachgoß. Herr von Hefforig war ein schweigsamer junger Mann und beteiligte sich nur durch aufmerksames Zuhören am Gespräch. Man wußte wenig mehr von ihm, als daß er aus einer Familie von Selbstmördern stammte. Er war drei Jahre in Südamerika gewesen, wo er Studien über die Schädelbildung der Patagonier gemacht hatte.
»Charakteristisch find ich die jetzige Mode der Damen«, sagte Ulrich Zimmermann; »ich möchte behaupten, es liegt Verständnis für die Epoche darin. Wahre Prachtliebe neigt zur Unscheinbarkeit. Die ganze Farbenskala, die uns blendet, ist nämlich ein Betrug, denn alle diese Heliotrop und Violett und Blaßblau ergeben in Summa einen traurigen und kranken Ton. Man stellt sich lärmend und ist leise wie im Zimmer eines Sterbenden. Ich finde das stilvoll.«
»Ob ich Ihnen beipflichte oder nicht, kann das Ihre Meinung ändern?« versetzte der Graf.
»Man kehrt langsam zu den echten Spitzen zurück,« fuhr Ulrich Zimmermann hartnäckig fort, »und in New York versicherte mir eine junge Milliardärin, Perlenketten seien vornehmer als Diamanten, weil bei diesen die Imitationen von Jahr zu Jahr besser würden.«
Palester warf Ulrich einen kurzen, verleugnenden Blick zu.
»Ein solcher Abend ist für mich ein Alpdruck«, sagte Ulrich schuldbewußt. »Und doch ist alles in mir wach, alles bäumt sich auf, Scham, Ehrgeiz, Spott, Verachtung; ich denke die schlechten und selbstsüchtigen Gedanken einer ganzen Tafelrunde, ich möchte aufstehen und reden, alle sind meine Feinde, und alle will ich überzeugen. Aber niemand glaubt mir, und eh noch ein Wort über meine Zähne gekommen ist, werde ich aus einem Apostel zu einem Lakaien.«
»Sie haben damit den Kern des Prozesses treffend bezeichnet«, antwortete der Graf mit regungslosem Gesicht; »die Gesellschaft verwandelt den Apostel auf stummem Weg in den Lakaien.«
»Ja, so ergeht es mir«, sagte Ulrich mit lodernden Augen. »Ich werde in Sold genommen und festgeschmiedet. Meine Seele wird zum Wallfahrtsziel aller andern Seelen. Ich spüre die Vorwürfe der Ehebrecherin und die Angst der Modelöwin, die ihr Wirtschaftsgeld für einen neuen Hut verausgabt hat. Ich sehe das Zähneknirschen des präterierten Beamten und die sorgenvollen Berechnungen des Börsianers. Ich weiß, daß dieser junge Mann mit seinem gemeinen Grinsen irgendwo im Mundwinkel an eine Kokotte denkt, während er einer anständigen Frau den Hof macht, und daß diese anständige Frau von dem Gespenst einer unerwünschten Schwangerschaft gequält wird; ich kenne die verzweiflungsvolle Frechheit des Überlings, der da spricht: für mich gibt es keine Moral, sondern nur Zweckmäßigkeit, und mir graut vor den verbrecherischen Gelüsten des jungen Mädchens, das ins Leben tritt wie eine robuste Stallmagd, die die Kuh zu melken sich anschickt. Hinter dem geistreichen Geflunker gewahre ich Aktien und Kurszettel, hinter den sozialen Wohlfahrtsphrasen eheliche Zänkerei, hinter dem gebadeten Lächeln Gram, Eifersucht und Stumpfsinn, hinter dem diplomatischen Getue werden Völker in ungerechte Kriege verstrickt. Sie sind mir zu nackt, allesamt, sie vergiften mir das Gewissen, und erst das schlechte Gewissen verkauft mich an die Idee, und meine Idee muß noch größer sein als meine Demütigung, sonst kann ich aus der Sklaverei, in der ich mich befinde, kein Kapital schlagen.«
Es entstand ein Schweigen. Herr von Hefforig erhob sich, grüßte höflich und ging hinaus. Eine zu heftige Beredsamkeit beleidigt oft den feinfühligen Zuhörer.
»In einem finsteren Zimmer, oder im Freien, auf einer Wanderung im Gebirge, würden mir Ihre Worte einen stärkeren Eindruck machen«, sagte Palester seltsam.
Da trat Erwin unter die Tür und drohte scherzhaft mit dem Finger. »Eine kleine Verschwörung?« fragte er.
Ulrich trat zu ihm und ging mit ihm hinaus. »Haben Sie sich nicht über das Perlenkollier gewundert?« begann er mit verräterischer Hast. Erwin blieb stehen und wandte ihm das Gesicht voll entgegen. Sein blitzender Blick war kalt, durchbohrend und mitleidig.
Ulrich griff mechanisch an die Stirn. Erwin kehrte sich ab und ging allein weiter.
Aber Ulrich hatte verstanden. Er irrte eine Weile zwischen den Menschen umher, dann begab er sich in die Garderobe, warf den Überzieher um die Schultern und, den Hut in der Hand tragend, verließ er das Haus. Sein Gehirn war wie erfroren. Er wanderte weit, weit; durch die ganze Stadt und in den Prater und bis zur Donau. Auf dem Rückweg sang er laut, um nicht denken zu müssen. In der Hauptallee setzte er sich auf eine laternenbeschienene Bank und stocherte in kummervoller Zerstreutheit mit der Stockspitze im Sand herum. Endlich schrieb er, schrieb Verse:
Die Seele, die berührst du nicht, die ist im Leib vergraben; sie weiß nicht, was die Lippe spricht, will’s auch nicht Kunde haben.
Im stillen träumt und blüht sie hin, läßt Leid und Glück verfluten und ziehet ewigen Gewinn vom Bösen und vom Guten.
Beim Morgengrauen trat er in ein mit Dirnen und Zuhältern besetztes Kaffeehaus. Sein Frack erregte hämisches Aufsehen. Der beginnende Marktlärm verscheuchte mit den übrigen Gästen auch ihn. Er hatte sich verwandelt, aber keineswegs in den Lakaien.
* * * * *
Da die Hitze in den Zimmern zu groß wurde, hatten sich viele Gäste in den illuminierten Teil des Gartens begeben, wo Kaffee, Eis, Früchte und Likör serviert wurden. Erwin wanderte mit Frau von Resowsky und einem würdigen Exzellenzherrn auf der Terrasse auf und ab, deren massive Brüstungen sich zu beiden Seiten der flachgestuften Treppe mit anmutigen Bögen zum Garten hinabschwangen. Sie sprachen von den politischen Verfinsterungen, die sich im Osten des Reiches erhoben, und die Exzellenz erstaunte über die Einsicht und Tiefe in den Urteilen des jungen Mannes. »Und eine solche Kraft soll für den Staat verloren sein!« rief er scherzend.
Erwin lachte. Er war gespannt und ungeduldig; er bohrte die Nägel in die Handflächen und hielt die Daumen wagrecht wie kleine Balanzierstangen; sein Blick war zerstreut, nur seine Zunge redete. Sie hatte seit neun Uhr gerade so einsichtig und tief mit den Medizinern über Medizin, mit den Agrariern über die Landwirtschaft, mit den Fabrikanten über Zölle und Rohprodukte, mit den Frauen über Erziehung und Lebenskunst gesprochen.
Nach einer Weile bemerkte er Helene Zurmühlen, die an der Glastüre stand, den geöffneten Straußfedernfächer vor Brust und Hals, das Auge wie gebrochen ins Weite gerichtet. Der Ausdruck ihres Gesichtes mißfiel ihm, ihr wehmütiges Lächeln erbitterte ihn; dennoch trat er mit einer Verbeugung zu ihr.
Sie wußte nichts zu sagen, sie bebte vor Ergebenheit. Was sie verschwieg, war Furcht vor Virginias Bild, Schmerz über deren Gegenwart, Gefühl von deren Überlegenheit.
»Waren Sie gestern beim Rennen?« fragte Erwin und sah aus, als hätte er die weichste Liebkosung geflüstert.
Sie schüttelte den Kopf, und die Spannung ihrer Züge milderte sich.
Er wollte erzählen, sie unterbrach ihn jedoch, nachdem sie einen forschenden Blick umhergesandt, und murmelte mit erstickter Stimme: »Du hältst mein Leben in deiner Hand.«
Unwillkürlich starrte er auf seine Hand. Sie ist eine Närrin, die nicht einmal versteht, sich im Preis zu halten, dachte er.
Da ging Virginia vorbei und über die Treppe in den Garten. Hochaufgerichtet ging sie vorbei, strahlend und in ein heiteres Lächeln versunken. Alsbald tauchte sie in die violette Parkdämmerung. Erwin zuckte empor. Sein Gesicht wurde gesammelt und unbeweglich. »Wir werden uns an einem so schönen Abend nicht zur Trauer verführen lassen«, sagte er zu Helene, die in freudiger Unterwürfigkeit vor ihm stand. Seine Worte sollten offenherzig und tröstend klingen, aber indem er hinwegeilte, spürte er selbst, daß er nur ungenügend zu täuschen vermocht hatte.
Helene hielt sich an der Steinbrüstung fest und schloß die Augen. Sie wollte nicht sehen, ihr graute vor der Klarheit der Dinge. Ihr Name wurde dicht neben ihrem Ohr genannt. Es war ihr Mann. Er legte den Arm um ihre Schulter und küßte sie auf die Stirn. Dann führte er sie in die Halle und wickelte sie in den Mantel wie ein müdes, krankes Kind.
Der Garten duftete von Rosen und Jasmin. Er war von herrlichen Bäumen bestanden, Blutbuchen und Edelkastanien, Sumpfzypressen und Mangos, birkenblättrigen Pappeln, Ahorn- und Gingkobäumen. Virginia hatte ein wenig Sekt getrunken, und sie fürchtete Dummheiten zu reden, wenn sie sich mit Menschen ins Gespräch einließ, deshalb wich sie einer angeregt plaudernden Schar von jungen Männern und Mädchen aus und lenkte den Schritt unbedenklich über ein Stück Rasen. Erwin verlor sie an dieser Stelle aus den Augen, und er ging am Tisch der Lustigen vorbei, die ihn anriefen und ihn zu bleiben aufforderten. Er winkte ihnen zu und eilte weiter, sah auch von fern Virginias Gestalt durch die dunkeln Büsche schimmern und hatte sie bald erreicht. Jene aber wollten sich nicht zufrieden geben, und übermütig riefen ihre Stimmen immer wieder seinen Namen.
»Kommen Sie, Virginia«, sagte Erwin, als ob er sie vor Verfolgern in Sicherheit bringen wollte; »kommen Sie!« drängte er und ergriff ihre Hand. – »Warum denn?« versetzte sie verwundert, »ich kann nicht so laufen, hier ist’s zu finster.« – »Fliehen wir, Virginia, verstecken wir uns vor ihnen, sie mögen uns nur suchen.« Seine elastische Raschheit brachte die Luft ins Wirbeln; Virginia lachte, und um nicht Spaßverderberin zu sein, ließ sie sich zur Eile überreden. »Schnell, schnell,« drängte er von neuem, sonderbar gepreßt und wild, »noch fünfzig Schritte und wir sind oben im Pavillon, und keiner wird wissen, wo wir hingeraten sind.«
Und wirklich, Virginia lief, was hier im Dunkeln, wo die ebene Fläche sich zu einem Hügelanstieg entschloß, nicht eben leicht war. Es ähnelte einer Trunkenheit, daß sie lief; die Sommergerüche, nächtlich schwül, der schwüle Bodenhauch und das lebendigere Blut trieben sie hin, und sie atmete mit offenem Mund, lachte lautlos mit offenem Mund. Erwin, der sein Entzücken über ihre Schlankheit und Gazellengrazie hinter geschlossenen Zähnen verbarg wie man einen Aufschrei zurückhält, konnte nicht den Blick von ihr wenden und ließ ihre Hand erst los, als sie vor dem Pavillon standen.