Die Mädchen des Pensionats: Humoreske
Part 2
»Neidisch? -- Lächerlich! Ich neidisch auf Dich? Nein, dicke Iduna, da kennst Du mich schlecht. Gott, ich will ja nicht die Möglichkeit bestreiten, daß sich einmal Einer in Dich verliebt ... +De justibus+, sagt das Sprichwort, und Du bist ja soweit ganz nett -- aber diesmal befindest Du Dich schmählich auf dem Holzwege. Wenn er mir nicht zweimal unter dem Tisch auf die Füße getreten hätte, wollte ich nichts sagen ... aber so ... Nein, Dunchen, Polen ist für Dich verloren!«
»Pah, wenn er Dir zufällig an die Hacken kömmt ... Uebrigens läuft man bei Deinen langen Beinen immer Gefahr, mit Dir zu caramboliren.«
»Ich will nicht länger streiten. Glaub' was Du willst!«
»Das thu' ich auch! Mir hat er zugezwinkert!«
»Ja, er hat wahrscheinlich mit dem Lachen gekämpft, weil Deine untersetzte Statur sich in dem ausgeschnittenen Jäckchen so urkomisch macht. Das deutest Du nun nach Deinem Bedürfniß aus, ohne zu bedenken, wie gräulich Du Dich blamirst.«
»Nicht so, wie Du!«
»Runkelrübe!«
Iduna erhob sich.
»Wenn Fräulein Holger zurückkommt, will ich ihr erzählen, wie unanständig Du Dich beträgst. Du dumme, häßliche Gans!«
»Runkelrübe, Runkelrübe!« rief Rosa ihr nach. Die Schwergekränkte verschwand hinter den Taxushecken.
In diesem Augenblicke ließen sich Stimmen vernehmen. Martha, die ernste, bleiche Martha, und Asta, das frische Naturkind, traten auf Rosa zu und apostrophirten sie gleichzeitig mit großer Lebhaftigkeit.
Selbstverständlicher Weise handelte es sich wiederum um den schönen Unbekannten.
»Was sagst Du, Röschen?« fragte Asta eifrig. »Ist er ein Künstler, oder ein Gelehrter?«
»Nicht wahr, augenscheinlich ein junger Privatdocent?« rief Martha.
»Nicht wahr ein Maler? So genial zerstreut sind nur Künstler! Er hat ja nicht einmal seinen Kaffee ausgetrunken!«
»Das passirt just den Gelehrten am leichtesten«, meinte Martha.
»Sprich, Röschen, wer hat Recht?« fragte die Andere, indem sie der Freundin Hand ergriff.
»Mein Gott«, versetzte Rosa, »woher soll denn gerade ich wissen ...«
»Ach, Du bist immer so klug«, sagte Asta naiv ... »Virginie behauptete noch gestern, Du seist mit allen Hunden gehetzt.«
»Pfui! hat sie das gesagt? Aber diesmal kann ich demungeachtet nicht dienen ...«
»Sein Blick ist so geistvoll, so philosophisch«, seufzte Martha.
»Er ist ein Künstler, wie er im Buch steht! Ach, was gäb' ich darum, wenn ich Gewißheit hätte!«
»... Alles, was er sprach«, flüsterte Martha, »trug den Stempel einer tiefen, umfassenden Bildung.«
»Nun, nun«, versetzte Rosa, »spann mir die Seiten nicht zu hoch. Er hat ja kaum sechs Worte vom Stapel gelassen!«
Martha erröthete.
»Es ist wahr, er sprach wenig, aber _was_ er sprach, beste Rosa, _was_ er sprach ...«
»Bezog sich auf die alte Barbara, den Kaffee und Fräulein Holger. Nein, Martha, Du mußt Dir und Andern nichts vorschwindeln. Er ist nett, sehr nett, aber daß er auch nur Ein besonders tiefsinniges Wort gesagt hätte ... nein, das ist die pure Backfisch-Phantasie. Wozu auch? Die geistreichen Männer taugen alle nicht viel. Sie tyrannisiren uns, sie betrügen uns! Schön, stattlich, feurig muß der Mann sein, dem ich mein Herz und meine Hand schenke -- aber geistreich? nein ...!«
»Ach«, flüsterte Martha, »es ist doch so herrlich, dem Fluge kühner Ideen zu folgen, wie sie in der Seele eines Denkers reifen. -- Es wäre mir unmöglich, auf Geist zu verzichten!«
»Ich lege mehr Werth auf ein flottes, leichtlebiges Wesen«, sagte Asta. »Genial muß er sein, ausgelassen, toll, kurz eine echte Künstlernatur! Künstler machen wenig Ansprüche, sie begnügen sich mit einem Teller Suppe, und schelten nicht, wenn sie versalzen ist. Just aus diesem Gesichtspunkte hat mir der Fremde imponirt. Er trug nur _einen_ Handschuh; gewiß war der andere zerrissen. Ein Pedant würde hierüber außer sich gerathen: mein Künstler kehrte sich nicht daran!«
»Sagt einmal, Kinder«, begann Martha nach einer Pause ... »glaubt Ihr ... glaubt Ihr, daß ich dem Herrn Gelehrten ein wenig gefallen habe?«
»Möglich«, versetzte Rosa.
»I, keine Idee«, sagte Asta, »Du bist viel zu steif, zu altfränkisch. Du kannst ja nicht einmal lachen.«
»O, ich kann schon, aber ich finde es unschicklich, bei jeder Gelegenheit loszuplatzen, wie das so Deine Art ist.«
»Künstler lieben das!«
»Künstler?«
»Sie lieben das leidenschaftlich, sage ich Dir.«
»Wie heißt's doch bei Sophokles! -- ›Es lacht der Narr, selbst wo es nichts zu lachen giebt.‹«
»Du mit Deinem ewigen Sophokles!«
»Du natürlich hast für klassische Literatur keinen Sinn.«
»Ich habe Sinn für alles Vernünftige. Das griechische Zeug natürlich ist mir zuwider.«
»Du hast Sophokles nie gelesen.«
»Ich hab' ihn einmal angefangen. Gott behüt' mich! Keine sechs Worte hab' ich verstanden. Dumas schreibt weit amüsanter.«
»Dumas! Du kennst Dumas?«
»Weshalb nicht?«
»Hörst Du, Rosa? Sie kennt Dumas!«
»I,« sagte Rosa, »Du wirst uns doch nicht vormachen wollen, Deine ausschließliche Lektüre bestehe im Sophokles.«
»Wenn das Fräulein Holger wüßte!« rief Martha.
»Die ist die Rechte!« sagte Asta. »Uns giebt sie gute Lehren, aber sie selbst thut, was sie will.«
»Pfui, wie lieblos!« seufzte die bleiche Martha kopfschüttelnd. »Nein, ein Mädchen wie Du ... Ich steige in meiner eigenen Hochachtung. Ich bin jetzt überzeugt ...«
»Wovon?«
»Daß ich allein im Stande sein werde, die moralischen und intellektuellen Anforderungen des geistvollen jungen Mannes zu befriedigen.«
»Das war schön gesagt!« lachte Rosa ...
Jetzt rauschte eine Robe über den Kies des Weges; Virginie trat auf das diskutirende Kleeblatt hinzu. Sie schien außerordentlich heiter.
»+Mesdames+«, begann sie, »eine charmante Neuigkeit!«
»Nun, laß hören.«
»Ich gehe da eben an der Jasminlaube vorüber. Was glaubt Ihr, was ich erlauschte? -- Eulalie, die sanfte, hingebende Eulalie liegt weinend am Busen Josephinens!«
»Ah?« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.
»Ja, sie schwamm in Thränen. Und wißt Ihr, weshalb? Ich habe mich bis dicht ans Gatterwerk herangeschlichen und jede Silbe gehört. Sie ist verliebt!«
»Ah! In wen?«
»In den jungen Herrn von vorhin.«
»Ist's möglich?«
»Ja, verliebt wie eine Turteltaube, verliebt in einen Kavalier, der natürlich niemals daran denken wird, die Tochter eines Hotelbesitzers, eines gewesenen Kellners zur Frau zu nehmen.«
»Ah, Du kennst ihn, Du weißt was er ist?« fragte Asta.
»Ich kenne ihn, ja, denn ein Blick auf seine distinguirte Erscheinung genügt, um mir seine Verhältnisse zu entschleiern. Na, nun denkt Euch mein Amusement! Eulalie bekennt ihrer ›theuren Phina‹, das ›milde herzgewinnende Wesen‹ des Unbekannten habe ihr Ruhe und Frieden geraubt. Sie fühle, daß sie nur an seiner Seite leben und athmen könne. Eine innere Stimme rufe ihr zu. ›Er -- oder Keiner!‹ Josephine tröstete das arme Kind, so gut es gehen wollte. Ich hätte laut auflachen mögen.«
»Die gute Eulalie!« sagte Martha nachdenklich.
»Wir wollen sie heute Abend recht foppen«, proponirte Asta.
»Nicht doch«, rief Martha. »Unglückliche Liebe ist ja kein Verbrechen.«
»Aber eine Dummheit«, versetzte Virginie. »Denkt Euch, Laurentia befindet sich in dem gleichen Fall!«
»Ist's möglich? Die verhimmelte Laurentia hat wieder einmal Feuer gefangen?« lachte Asta. »Nun wird's wieder Verse regnen in allen Tonarten.«
Virginie erzählte ihre Unterredung mit der Aschblonden, ohne indeß anzudeuten, was sie ihrerseits von der Situation halte.
Da erscholl die Glocke.
»Der Professor ist da!« klang es von den Lippen der Jungfrauen. Bald darauf versammelte man sich im Unterrichtszimmer, um Doktor Flexberger's Vorlesungen über deutsche Literatur zu genießen. Doktor Flexberger war, wie wir zur Beruhigung des ahnungsvollen Lesers in Parenthese bemerken, ein dürres, wackliges Männchen von sechzig Jahren, also in jeder Beziehung ungefährlich. Wie hätte auch sonst der schöne Unbekannte so plötzlich und universell zünden können?
* * * * *
Die Frist bis zur Rückkehr der Vorsteherin verfloß den aufgeregten Mädchen nur sehr zögernd.
Laurentia verfaßte in der englischen Stunde -- Miß Jobbington hatte sich inzwischen wieder erholt -- ein Liebeslied im Style Robert Burns', mit dem Refrain:
»+My darling, oh, my dear!+«
Virginie zeichnete auf ihre Schreibmappe eine Grafenkrone über die andere und skizzirte alle erdenklichen Wappen.
Iduna verfertigte aus geknetetem Brote einen Degen von zwei Zoll Länge und bediente sich seiner als Buchzeichen.
Martha bemühte sich, ein paar griechische Lettern in möglichster Vollkommenheit nachzumalen.
Asta schnitt ein großes »Er!« in den Tisch und umzirkelte die bedeutungsvolle Silbe mit einem flammenden Herzen.
Eulalie schwieg und seufzte.
Rosa komponirte einen feurigen Liebesbrief, der mit den Worten begann:
»Schlanker, strahlender Götterjüngling!«
Josephine warf Eulalien freundliche, verständnißinnige Blicke zu.
Die Vorsteherin kam gegen Abend zurück und fragte ob Jemand dagewesen sei.
»Ja, ein junger Herr«, sagte Josephine.
»Hat er nichts hinterlassen?«
»Er will morgen früh wiederkommen.«
»Gut!«
Hiermit war die Angelegenheit erledigt. Niemand wagte zu fragen, denn Fräulein Holger war sehr streng.
Des andern Tages um zehn Uhr befanden sich die Mädchen wieder im Garten. Die Freistunde hatte gerade begonnen. In dem blühenden Jungfrauenkreise fehlte nur Rosa.
»Ob er wohl kommen wird?« flüsterte Eulalie mit bebender Stimme.
»Ohne Zweifel«, beschwichtigte Josephine.
»Ach, wenn er ausbliebe, es wäre mein Tod, Phina! Du weißt ja, was es heißt, im tiefsten Herzensgrunde ...«
»Ja, ja, ich weiß, Kind! Fasse Dich nur, damit Niemand merkt, wie gewaltig Du ergriffen bist.«
»Ich hätte große Lust, einmal nachzusehen!« rief jetzt Asta mit heller Lebendigkeit. »Rosa läßt uns warten, wie komplete Einfaltspinsel! Ich wette, er ist längst da. Sie mißgönnt uns nur seinen Anblick!«
»Nicht doch«, sagte Martha. »Wir haben geloost, Rosa muß aufpassen, und sie wird ihre Schuldigkeit thun. Seit heute früh hat sie für Nichts Auge und Ohr, als für ihre Pflicht. Wenn nur ein Bleistift zu Boden fällt, zuckt sie zusammen, wie eine Schildwache auf dem Vorposten. Sie ist von uns Allen die Schlauste.«
»Aber schaden kann's ja nichts ...«
»Doch, doch! Sobald Fräulein Holger merkt, daß wir uns für den Herrn interessiren, wird sie ihre Vorsichtsmaßregeln treffen, so daß wir unter Umständen nicht das Geringste erfahren. Bitte, bitte, bleib' hier an meiner Seite.«
»Ja, ja, Du mußt hierbleiben«, riefen jetzt auch Iduna und Virginie.
Es verstrich eine Viertelstunde. Die Mädchen waren schweigsamer denn je. Laurentia betrachtete die weißen Wölkchen, die hoch im Aether segelten, und murmelte durch die Zähne:
»+My darling, oh, my dear!+« ...
Da endlich! Sie ist's! Rosa, Rosa, die Botin der Liebe! Sie winkt schon von Weitem mit dem Taschentuche! Flüchtig, wie eine Sylphide, hüpft sie über den Rasen! ...
»Hier, kommt einmal alle dicht zu mir heran!« ruft sie athemlos. »So ... Bildet einen Kreis! Und nun sperrt die Ohren auf!«
Die Mädchen thaten, wie geheißen.
»Nun rathet!«
»Was, was?« stammelten die Kinder.
»Rathet, was ich gehört habe.«
»Wie können wir ...!«
»Nun, ich will's Euch erzählen. Ich habe keine Silbe verloren. Ich war im Alkoven verborgen, während die Alte mit ihm verhandelte.«
»Sprich, sprich!«
»Der schöne, heißgeliebte Fremdling ist --«
Athemlose Spannung.
»-- Der neue Hühneraugen-Operateur, den die Hofräthin der Alten so dringend empfohlen hat! -- Kinder, wer hat's nöthig?«
Allgemeines Erbleichen. Rosa schüttelte sich vor Lachen. Auch Asta stimmte, nachdem die erste Verblüfftheit verwunden war, herzhaft mit ein.
»Unmöglich!« rief Virginie.
»Sie träumt!« sagte Martha.
»Welche Blasphemie!« seufzte Laurentia.
»Ich gebe Euch mein Ehrenwort! Er ist gegenwärtig damit beschäftigt, der leichtfüßigen Fräulein Holger ...«
»Pfui!« klang es im Chore.
»Ich machte, daß ich fortkam«, lachte Rosa. »Nochmals, wer von Euch hat Lust ...?«
»Pfui, Pfui, Pfui!« wiederholten die enttäuschten Jungfrauen.
Eulalie vermochte sich nicht mehr zu beherrschen. Sie warf sich Josephinen in die Arme und brach in Thränen aus.
Noch desselbigen Tages vernichtete Iduna ihr brodgeknetetes Buchzeichen, Virginie ihre zierlich gekritzelten Grafenkronen, Asta ihr geschnittenes »Er« und Rosa ihren Liebesbrief.
Nur Laurentia hob ihre Poesien für künftige Fälle auf, da sie ja im Grunde nur an Ewald gerichtet gewesen, nicht aber an Isidor Hefenträger, wie der schöne Unbekannte sich laut Visitenkarte betitelte.
Noch lange hänselte man sich gegenseitig mit dem geheimnißvollen Jüngling, bis das wunderbare Abenteuer durch andere Ereignisse in den Hintergrund gedrängt wurde. Für die Genauigkeit seiner Berichterstattung leistet der Verfasser unbedingte Bürgschaft. Er hat die Daten aus erster Hand, denn -- (nicht ohne eine gewisse Verlegenheit schreibt er dies Bekenntniß nieder) -- eine der sieben verliebten Damen ist später im Lauf der Jahre seine glückliche Gattin geworden. Sie hat sich inzwischen für »schöne Unbekannte« Gott sei Dank in gebührender Weise abgekühlt! Nicht wahr, Schätzchen?
Druck von W. Schuwardt & Co. (F. Heiniz), Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Die Verzierungen der Copyright-Notiz wurden entfernt.
Die Schreibweise der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 11: _ihre_ zu _Ihre_ »Nein, nein, das hieße _Ihre_ Güte mißbrauchen.
S. 12: _sie_ zu _Sie_ wollen _Sie_ wirklich schon gehen?«
S. 13: _Daß_ zu _Das_ _Das_ heißt, ich will sagen,
S. 16: _hälst_ zu _hältst_ Für was _hältst_ Du den Herrn,
S. 17: _schmärmerische_ zu _schwärmerische_ ... so süß _schwärmerische_ Blick,
S. 27: _unn_ zu _nun_ Was _nun_ den zweiten Punkt betrifft,
S. 49: _Eine_ zu _eine_ Virginie zeichnete auf ihre Schreibmappe _eine_ Grafenkrone ...
S. 54: _Operatur_ zu _Operateur_ Der neue Hühneraugen-_Operateur_,
S. 55: _Eulalia_ zu _Eulalie_ _Eulalie_ vermochte sich nicht mehr zu beherrschen.
End of Project Gutenberg's Die Mädchen des Pensionats, by Ernst Eckstein