Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955
Part 27
Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für Tropfen auf den Boden. Traumhaft, nebelhaft kam dem Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor seinen geschlossenen Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.
Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und blickte ihn mit Verachtung an. Wandelte sich dann in die Gestalt William Bakers und wandte ihm mit der gleichen Verachtung den Rücken.
Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, Menschen, die er vor langen Jahren bekämpft, verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus dem dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden wieder.
Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu werden. Mit verzweifelter Anstrengung zwang er sich zum Denken.
... Ich habe mich schlecht getroffen ... Stockender Puls ... Delirien der beginnenden Auflösung ...
Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese huschenden, blickenden und anklagenden Gestalten verschwanden. Nur ein matter, blasser Nebel blieb ihm vor den Augen.
Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, ob es Sekunden oder Jahrhunderte waren.
Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete sich in ihm.
Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm so wohlbekannt erschienen, ihn an lange vergangene Zeiten erinnerten.
Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge um die einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen blonden Bart.
So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. Jetzt trat auch die ganze Gestalt hervor. Im weißschimmernden Tropenanzug, den er damals in Mesopotamien trug.
Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich muß die Augen aufmachen, dann wird alles verschwinden.
Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu heben, glaubte, daß es ihm gelungen sei. Er empfing einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und Fenster. Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. Sie wurde nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß die Möbel des Raumes hinter der Figur wie durch einen Schleier zu erkennen waren.
Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die Gesichtszüge bis auf den Bart die gleichen. Die Augen dieselben. Fragend und anklagend.
Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal sah, als R. F. c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.
Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher, weniger durchsichtig. Der Vater an ein altes, schon verblaßtes Bild gemahnend, der Sohn in den frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen die beiden Gestalten vor ihm.
Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine Anstrengung, es zu halten. Er sehnte sich fort von allen quälenden Bildern und Erinnerungen in ein Land des Vergessens, des Nichtwissens.
Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. Die braune Figur eines Inders. In dem dunklen Antlitz standen groß und strahlend die Augen, ruhten mit bannender Gewalt auf dem Sterbenden.
Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken Glossins mitfühlte, als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.
Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach wunschloser Ruhe.
»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«
Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte Dr. Glossin den deutlichen Eindruck der Worte:
»Die Stunde ist gekommen.«
Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut begann wieder zu fließen, und mit dem roten Strom entwich das Leben. Ein Seufzer, ein letztes Zucken. Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es keine Wiederkehr gibt.
* * * * *
Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und die Schatten beginnender Dämmerung breiteten sich über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus. In dem alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, die lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß in langen Pausen kräuselnde Wolken bläulichen Rauches in den Raum. Frau Luise ging ordnend im Zimmer hin und her.
Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, die den mächtigen Delfter Ofen umzog.
Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane ließ ihr Buch sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, die der alte Termölen zwischen den Dampfwolken von den Lippen fallen ließ.
»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein Freund, der Inder, immer davon?«
Jane blickte sinnend auf.
»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir alle gebunden sind.«
»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das Rad der Weltgeschichte, das die Völker herauf- und herunterbringt. ... Heute ist die Berliner Konferenz zu Ende gegangen ... Wie weit muß ich zurückdenken ... bis in meine früheste Kindheit ... Meine Eltern sprachen von Bismarck und vom alten Kaiser ... später hörte ich von der Berliner Konferenz, die unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck getagt hatte ... Anno 1879 ... Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, berieten im Herzen Europas über das Schicksal ihres Erdteiles ... Jetzt war wieder eine Konferenz in Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«
Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Jane nahm den Faden seiner Rede auf.
»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor vierzehn Tagen mit mir nach Deutschland fuhr. Er war ernster als ich ihn sonst kannte.«
»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die Engländer haben keinen Grund, fröhlich zu sein. Sie dachten, was Englisch spricht, gehört auch zum englischen Weltreich. Australien, Afrika, Amerika ... alle Weltteile wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien und Portugal vergessen. Glaubten, die gemeinsame Sprache und Sitte müßten die Kolonien ewig an London binden.
Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien verlangen ihre volle Selbständigkeit, und das Mutterland hat sie nicht halten können.
Die Welt gehört den ~English speakers~! Das Wort kam wohl so um 1900 auf und schien mit jedem folgenden Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu werden ...«
Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte zurück.
»1904 ... wir waren damals im ersten Jahr verheiratet ... da ging der Kampf in Ostasien los. Zur höheren Ehre Englands schlug der Japaner den Russen.
Und dann kamen die Balkankriege ... und dann kam der große Weltbrand Anno 14 bis 18 ...«
Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. Schon warfen die Straßenlaternen ihre Lichtreflexe gegen die Zimmerdecke. Schweigend saßen die beiden Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, der abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre vorüberziehen ließ.
»... und da waren wir ganz unten. Man wußte in Deutschland nichts mehr von Bismarck und seinem Vermächtnis. Die anderen im Osten und Westen machten mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen ließen ... gefallen lassen mußten ... Europa war krank, weil sein Herz krank war. Die Welt gehörte den ~English speakers~ ...
Und dann kam Rußland wieder hoch ...
Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs überrannte den Amerikaner ...
Und dann kam die amerikanische Revolution ... und dann kam Cyrus Stonard ...
Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg ... und dann kam die Macht ... Die geheimnisvolle Macht. ... Wie ein Komet glänzte sie plötzlich auf ...«
Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch des alten Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung an ihr kurzes Glück überwältigt, die Tränen nicht zurückhalten konnte.
»Silvester ... Erik Truwor ... Soma Atma ... Wo sind sie? ... Wo sind sie geblieben? Silvester ist tot, mir auf immer entrissen ... Erik Truwor ging in Sturm und Brand zugrunde ... Die Macht ist verschwunden, wie sie kam ...«
Der alte Termölen antwortete:
»Verschwunden ... vielleicht ... verloren ...? Es waren drei ... drei Träger der Macht. Zwei sind tot. Der dritte, der Inder, lebt noch ...«
»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte es. »Soma Atma blieb am Leben, während Silvester sterben mußte ... Soma Atma. Warum ... warum ...?«
»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist ...«
Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.
»Atma! ... Soma Atma, bist du hier?«
Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und meinte im letzten Dämmerschein die dunkle Gestalt Atmas vor sich zu sehen.
»Atma, du?«
»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal ist noch nicht erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis der Erbe Silvesters sein Schicksal selber formt. Die Macht ist nicht verloren. Nur verwahrt und verborgen, bis der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach ihr greift.«
Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand sanft über ihren Scheitel strich, wie irgend etwas leise in ihren Schoß fiel. Sah die Gestalt Atmas nach der Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.
Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie er noch eben gesessen. Auf die dämmrige Straße schauend, auf der sich die ersten Lichter entzündeten. Da schaffte die alte Frau nach wie vor an den Tassen und Gläsern der Servante.
Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War das alles nur ein Spiel ihrer überreizten Sinne oder Wirklichkeit?
Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr klingen:
»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach der Macht greift.«
Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis Silvesters in der alten deutschen Heimat aufwachsen sollte.
Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten kühles Metall.
Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und sah den schweren alten Goldreif mit dem wunderlichen Stein, den sie sooft an der Hand Silvesters erblickt hatte. Den Ring, der Silvester an die Macht gebunden, ihn bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen hatte.
Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers der Macht für sie ... für ihren Knaben.
Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:
»... Die Macht ... die unendliche Macht. Woher kam sie? ... Wohin ging sie? ... Warum?« ...
* * * * *
Im gleichen Verlage sind erschienen:
~Johannes Schlaf~
Ein freies Weib
Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird alle interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme am Herzen liegen. Das Buch regt an zu Ideen über eine Lösung der Jünglingsfrage, ohne die die Frauenfrage nicht beantwortet werden kann.
~Grazia Deledda~
Die Mutter
Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das Zölibat, die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken das Buch ohne Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit lesen können. Von reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn, das zuweilen die Höhe göttlicher Symbolik erreicht.
~Felix Philippi~
Liebesfrühling
Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber dieser vergangenen Welt umfangen zu lassen.
~Adelheid Weber~
Die Hauensteinerin
Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität und Gegenwartsflucht, dichterische Ausgestaltung der Zeitprobleme und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre Welt in harmonischer Einheit.
Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H. Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden beibehalten.
Korrekturen (der korrigierte Text ist in {} eingeschlossen):
S. 42: de → des Die drei Ringe {des} Tsongkapa
S. 58: Glady → Gladys die sterbliche Hülle von {Gladys} Harte barg
S. 63: ein → eine schon {eine} alte Negerin entgegen
S. 67: Sie → sie Ich vergaß, {sie} ist verschlossen
S. 70: eine → einer Joe Williams, {einer} der zwölf Zeugen
S. 77: Werstatt → Werkstatt in seiner Abgelegenheit sollte die {Werkstatt} abgeben
S. 77: restloser → rastloser zwang den Forscher zu harter, {rastloser} Arbeit
S. 115: ein → eine Stamford wollte {eine} Million Tonnen Rohstahl
S. 141: Steinbock → Steinblock den wandernden Schatten und einen {Steinblock}
S. 142: Jetzte → Jetzt {Jetzt} streifte der Schatten den Stein
S. 143: übernächtigen → übernächtigten einen übermüdeten und {übernächtigten} Eindruck
S. 157: Ihrer → ihrer Durch Jane, die es von {ihrer} Mutter weiß
S. 159: Unkle → Uncle John Bull und {Uncle} Sam sich an die Kehle wollen
S. 180: Zunkunft → Zukunft das uns die {Zukunft} bringen wird
S. 180: Diana → Jane Dann legte {Jane} ihre Arme um Silvesters Hals
S. 209: folgten sich → folgten Aber nun {folgten} die englischen Salven
S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt (Textergänzung) Es wird dich interessieren, {welche Nachrichten er überbringt}
S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers in die Hände des {Kriegsministers}
S. 273: wervolle → wertvolle in ihm eine {wertvolle} Hilfe
S. 291: Die → Der {Der} Verantwortung, dem verhaßten Entschluß
S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung dichterische {Ausgestaltung} der Zeitprobleme