Die Macht der Drei: Ein Roman aus dem Jahre 1955
Part 25
»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? ... Was bin ich?! Bin ich der Herr? ... Ja ... ja! Ich bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu zwingen! ... Zwingen ... zum Guten zwingen. Ein guter, ein gerechter Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu trotzen wagen?! ... Trotzen ... wer will mir trotzen? ... Kein Sterblicher! ... Auf Erden keiner ... keiner! ... Silvester ... Atma? ... Auch die nicht ... Ha! ... der eine sicher nicht. Den hat das Schicksal genommen, als er sein Geschick erfüllt ... Der andere! ... Atma? ... Atma! ... Atma!! ... Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? ... Atma! ... Rief ich dich. Da kommst du ja ...«
Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er auf Atma, der langsam den Pfad emporklomm. Fester umkrampfte seine Hand den schweren Eisstock.
»Hüte dich, Atma!«
Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen lauerte es.
Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der ganzen Kraft seines zwingenden Auges an und sah, wie Erik Truwor kalt und fremd an ihm vorbeiblickte.
»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«
Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte den Inder mit einem flüchtigen kalten Blick.
»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.
»Fragst du so den Freund?«
Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich berührten. »Freund ...?«
Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.
»Erik ... besinne dich ... Was willst du tun? ... Denke an Pankong Tzo, an die Weissagung, an die Ringe! -- Es waren drei!«
»Was gilt mir noch Pankong Tzo? ... Und die drei Ringe ...«
»Hast du Silvester auch vergessen?«
»Silvester? ... Silvester ... Der hat sein Geschick erfüllt ... Seine Zeit war um ...« Erik Truwor stieß den schweren Stock in das Eis, daß die Brocken spritzten. »Jetzt geht es um größere Dinge!«
»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht mehr? ... Oh, daß ich bei Silvester im eisigen Grabe läge statt diese Stunde zu sehen ... Um größere Dinge geht es, sagst du ... Denke an die Worte Tsongkapas: ›Es mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als gute!‹ Was du sinnst, weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! Aber ich sage dir, nie wird ein Werk bestehen, das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache des Schicksals! ... Bedenke, daß du nur ein Werkzeug des Schicksals bist.«
Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der hageren, hochragenden Gestalt war gespannt. Noch schärfer, eckiger als sonst sprang die gebogene Nase über die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und doch gewaltsam in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos glitten Kraft und Willen Atmas an dieser Wandlung ab.
»Ich ... ein Werkzeug des Schicksals? ... Und wenn ich es verschmähte, ein Werkzeug des Schicksals zu bleiben ... und wenn ich« -- seine Gestalt reckte sich, als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle -- »... wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«
Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen wich Atma einen Schritt zurück.
»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt es, mir zu trotzen ... das Menschengeschlecht liegt zu meinen Füßen ... Die Elemente müssen mir gehorchen ... Ich will die Wogen des Meeres zähmen und dem Sturm gebieten, sich zu legen ... nie zuvor wurde einem Menschen solche Macht gegeben ... und ich soll sie nicht gebrauchen?«
Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal suchte und fand er Worte, um den Freund zu halten.
»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine Seele erschüttert, die Arbeit deinen Körper geschwächt.«
Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig ab.
»Krank? ... Erschüttert? ... Ha! Mein Körper ist kräftiger, mein Geist klarer und frischer denn je.«
Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch die Finger laufen.
»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. »Du frevelst! ... Du frevelst am Schicksal. Hüte dich!«
»Ich mich hüten? ... Vor wem? ... Vor dir?«
Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden schlagen. Dann stieß er ihn tief in das splitternde Eis hinter sich und reckte die Arme mit geballten Fäusten gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, und wie Krallen bewegten sich die Finger.
Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach aus seinem Halse.
»Hüten soll ich mich? ... Hüten? Vor wem? ... Vor euch Unsichtbaren da oben?! Haha ... Kommt heraus, ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren Verstecken. Kommt! ... Ich will mit euch kämpfen! ... Ha ... Haha ... wo seid ihr? Kommt! ... Habt ihr Furcht ... Haha ... Ich lasse mich von euch nicht äffen. Ha ... ha ... haha ... Ich nicht!«
Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am Horizont ließ Atma erschauern.
»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das Zeichen, das geschehen?«
»Ha ... ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das harmlose Wetterleuchten soll wohl ein Zeichen von deinem Schicksal sein. Ha ... ha ... Ihr Toren ... hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn nicht begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles ... Übernatürliches ... und wenn es euch paßt, einen Wink des Schicksals, dem ihr euch beugt ... dem ihr euch fügt ... Ich will mich nicht fügen ... ich nehme den Kampf mit euch auf ... ich forme mein Schicksal nach meinem Willen! ... Wehe, wer mich stört! ... Wehe euch da oben ... ich fürchte euch nicht ... hütet euch vor mir ... Hütet euch. Ich komme über euch mit meiner Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«
Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte Erik Truwors in die stille Polardämmerung. Und plötzlich eilte er springend und stürzend den steilen Hang des Eisberges hinunter und verschwand in der Höhle, die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte Atma seiner Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise ankam, gerade, wie Erik Truwor das Flugschiff aus seinem Versteck ins Freie brachte.
»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender Stimme.
»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie einst der jauchzende Kriegsruf der alten Waräger. »In den Kampf! Mit denen da oben! Heißa! ... Jetzt wehrt euch ... Erik Truwor kommt ... der Große kommt.«
Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in den Rapid Flyer hob und alle Vorkehrungen traf, die Kabine zu verschließen. Betend faltete er die Hände. Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes waren aufs höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben vermochten, konzentrierte er mit stärkster Energie auf den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist zu zwingen. Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.
»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem Herzen größere Kraft. Kraft, das kranke Herz zu zwingen und zu heilen. Dann nimm meine Seele dafür hin.«
Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich inne. Seine gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. Dann plötzlich schien er sich der fremden Kraft, die über ihn gekommen, bewußt zu werden. Er wandte den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander. Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. Ein Zweikampf ... furchtbar ... stumm ... Bebendes Hoffen zog durch Atmas Seele. Der Kampf war angenommen ... Durchhalten! Sein Gebet war erhört! ... Da ... ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball und raubte sein Licht. Einen kurzen Augenblick nur ... Da war es geschehen. In dem plötzlichen Halbdunkel verlor Atmas Blick die Schärfe ... für einen Moment nur entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.
»Ha ... ha ... haha ...« Da war es wieder, das kurze, abgerissene Lachen des Wahnsinns.
Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht und den bannenden Blicken Atmas entzogen. Mit schaurigem Hohngelächter sprang er in die Kabine und warf die Tür hinter sich zu.
Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der Rapid Flyer verließ den Boden und schoß in die Höhe.
»Erik ... Erik Truwor!« ... Der Ruf Atmas verhallte ungehört in der eisigen Luft. Schon ward das Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt nur noch ein Punkt ... Jetzt nicht mehr sichtbar.
Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des Schicksals. Er ging in den Berg zurück. Da fand er den Fernseher, fand den kleinen Strahler und suchte am dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt war und auf der Mattscheibe erschien. Da ... Einen Kampf sahen seine Augen ... Einen Kampf, wie ihn noch nie ein Sterblicher erschaut ... Einen Kampf gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen Naturkräfte des Firmaments.
Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust ... Entsetzen sprach aus seinen Zügen ... Seine Zunge stammelte Gebet ... Hilferuf ... Er barg das Gesicht in den Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.
* * * * *
Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten und der Plutokraten waren durch den Staatsstreich der Patrioten in gleicher Weise überrumpelt worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung in ihren Reihen. Die Revolution war von einer dritten viel jüngeren und, wie sie meinten, viel schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten sehen, daß die Masse des Volkes diese Revolution gut hieß, mußten mit der Macht der Tatsachen rechnen.
Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution von ihrer Seite den schärfsten Widerstand der Rechten finden würde, daß sie sich nur nach blutigen Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich unternahm. Und man wußte nicht, wie die unbekannte Macht sich zu blutigen Konflikten stellen würde.
So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes Programm ohne nennenswerte Widerstände durchzuführen. Viel glatter, schneller und besser, als es eine der anderen Parteien jemals gekannt hätte.
Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging sich in Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im neunzehnten Jahrhundert, in denen Amerika das wahre Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus allein den Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben hatte. Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe für Cyrus Stonard dem gestürzten Diktator gerecht. Sie achteten seine Größe und gaben der Meinung Ausdruck, daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch seine Mittel nicht immer die richtigen waren.
In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das Portefeuille des Äußern. Er erhielt es wegen seiner Verdienste um die Durchführung der Revolution und seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom ersten Tage seiner Amtsführung an, daß er auf unsicherem Boden stand. Die Patrioten hatten Cyrus Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der zwölften Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange Jahre sein williges Werkzeug gewesen war. Das brachte ihn in den schlimmen Ruf eines Renegaten, heftete seinem Namen einen schweren Makel an.
Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner Stellung festigen. Deshalb hatte er sich in Neuyork im Trinity Church District aufstellen lassen. Dort hatte er seine Anhänger, und dort hoffte er durch geschickte Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die Stimmen dieser Partei für sich zu gewinnen.
Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. Nur die raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte es wagen, die Stimmen einer fremden Partei im geheimen Einverständnis mit deren Führern zu erlisten. Er unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah, sich in der Regierung zu halten.
Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische Partei gab, die sich nach den Ereignissen des siebenten August von ihm düpiert fühlte und deren Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis seiner letzten Besprechung mit den Führern der Linken befriedigt, als sein Kraftwagen ihn in der Abendstunde des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.
Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine Aufmerksamkeit. Das Blatt der Neuyorker Konservativen. Er sah auf der ersten Seite ein Porträt, hörte, wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus dem Vorleben unseres Außenministers!!«
Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. Hörte, während er es erstand, aus dem Geschrei der Boys eine Fülle anderer Überschriften.
»Bekommt von England nicht genug! ... Die Millionen aus Japan! ... Doppelspiel vom ersten Tage! ... Englischer Abkunft! ... Amerikanischer Bürger! ... Japanischer Spion! ... Der Bravo des Diktators! ... Er verrät weiter! ... Wen verrät er? ... Das amerikanische Volk!« ...
Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt und machten sich den Spaß, ihm die einzelnen Überschriften des Artikels zuzuschreien, bis der Kraftwagen ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach dem Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. Den kleingedruckten Text zwischen den fetten Überschriften.
Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und sein ganzes Vorleben unheimlich genau kennen. Da war keiner seiner schlimmen Streiche vergessen, keine seiner Verrätereien und Meinungsänderungen ausgelassen. In schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko bis zu seinem letzten Doppelspiel mit den Führern der Roten dar. Er deckte den Artikel mit seinem vollen Namen. Der konservative Politiker MacClaß genoß auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine Achtung.
Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. Was tun? Eine neue Revolution versuchen? Offen mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war.
Jetzt gerade nach Washington und den anderen die eiserne Stirn gezeigt! Hatte er nicht allein die Revolution gemacht? Was waren die anderen ohne ihn? Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre es ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten sie alles. Mit ihm mußten sie weiter durch dick und dünn gehen, wenn sie an der Macht bleiben wollten. Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf zu bedeuten?
Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im Weißen Hause. Kühle Worte und kühle Mienen. Es war klar, daß der Artikel von MacClaß hier bereits bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche und warf es auf den Tisch.
»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem Broadway. Schwindel natürlich! Alles Schwindel!«
Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis William Baker die Frage stellte: »Alles ...?«
Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn mußte Glossin sofort ein einziges Wort sagen: »Alles!«
Als er den geraden durchdringenden Blick William Bakers auf sich ruhen fühlte, versagten ihm für einen Augenblick Entschlossenheit und Mut. Als sie ihm wiederkamen, war es für diese kurze knappe Antwort zu spät. Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und Entrüsteten spielen.
»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen nicht für wahr halten. Ich bin bereit, mich von jedem Verdacht zu reinigen.«
»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung sehr erwünscht, wenn Sie das könnten.«
William Baker sprach die Worte langsam, während er eine Mappe ergriff, aufschlug und vor Glossin hinschob.
Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag stockte ihm.
Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos mit England geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein Dechiffreur von Gottes Gnaden hatte den geheimen Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier standen die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen hatte. Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für ihn war. Dann weiter seine Verhandlungen mit den Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte mechanisch weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an den Beauftragten des amerikanischen Volkes William Baker.
Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er fühlte, daß sein Spiel verloren war. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte William Bakers an sein Ohr:
»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. Wir wollten nicht handeln, ohne Sie gehört zu haben. Was haben Sie zu sagen?«
Dr. Glossin schwieg.
»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie können aus diesem Zimmer als Untersuchungsgefangener des Staatsgerichtshofes hinausgehen ... oder ... als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen und die Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden Sie sich?«
Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten Tieres. Von irgendeiner Stelle erwartete er Beistand ... Hilfe ... zum mindesten Mitleid. Und fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß sich zur Antwort: »Für das letztere.«
William Baker drückte auf einen Knopf.
»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum Schiff bringen.«
Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte dem Arzt. Uniformen wurden sichtbar, als er die Tür zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des Generals umringten den Doktor.
General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied die Nähe des Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte er das Flugschiff und stand abseits, während seine Leute die Einschiffung Glossins überwachten. Anders als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr. Glossins.
* * * * *
Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine Anzahl von Dokumenten und Berichten bedeckte den großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen vor ihm. Die Feder ruhte in seiner Hand.
Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine Züge verrieten höchste geistige Anspannung. Seine Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen in der großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, um dann wieder mit dem Schreiben zu stocken.
Er legte die Feder beiseite und griff nach einem Schriftstück, nahm ein zweites und drittes dazu. Überflog, las und verglich. Und dann plötzlich wichen die Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten der Befriedigung glitt über seine Züge ... ein leiser Ruf entrang sich seinen Lippen: »So ist's!«
Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück und deckte die Hand über die Augen. Noch einmal ließ er die Glieder der Kette, die er in angestrengter Arbeit aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.
Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von Halifax, datiert von dem gleichen Tage, an dem der Friedensvertrag zwischen England und Amerika unterzeichnet worden war. Um 8~h~ 17~m~ mitteleuropäischer Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen in nördlicher Richtung in der Zone der Polarlichter.
Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die Linien des Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen von Eisen und Aluminium. Die Astronomen von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin, daß die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer Tonerde betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, es waren nur Linien des reinen Aluminiums vorhanden ...
Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen nicht anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte reines Aluminium explodiert sein ... und dann die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch die sooft zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden war dem deutschen Gelehrten an diesem toten Punkt der Untersuchungen das erstemal blitzartig der Gedanke gekommen: Das war eine Wirkung der Macht! Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte Explosionen der Raumenergie. Aber waren sie gewollt? ... Waren sie ungewollt geschehen? ... Waren sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten? Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.
Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des deutschen Dampfers »Bismarck« aus dem Nordatlantik vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher Breite 35° 17′ westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See in 10 ~km~ Breite und 50 ~km~ Länge. Schwere Dampfwolken. Heißer Sprühregen auf Deck.
Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und Kommentare wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. Nach den Vermutungen der Gelehrten handelte es sich um einen unterseeischen Vulkanausbruch.
Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen Abend gelesen. Er vermißte die genaue Zeitangabe und war deswegen auf die Redaktion gegangen. Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8~h~ 13~m~ abends. Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit in der Hand behalten. Der Zusammenhang war zu frappant, zu augenfällig, um ihn nicht zu erschüttern. Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der Redakteur eine andere eben einlaufende Depesche des Forest Department of Canada vorgelegt. Ein Bericht über einen schweren Waldbrand, bei dem mehrere tausend Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich weitergefressen hatte. Die ganze riesige Fläche mußte beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und niedergebrannt sein.
Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem gleichen Tage noch eine eigentümliche Meldung veröffentlicht. Einen Funkspruch der indischen Großstation zu Dehli.
Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. Ghahngak, Burh Ghandk und Damla werfen Hochwasser in den Ganges. Überschwemmung bei Hajipur.
Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die Nachricht aus Dehli auch gebracht. Sie fügten aber eine zweite Depesche an, gleichfalls aus Dehli, daß die Schneeschmelze und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie sie aufgetreten waren, auch wieder nachgelassen hätten.
Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die wichtigsten Glieder der Kette.
Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. Die Gedanken kamen und gingen während der Stunden von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang. Sie überfielen ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder und immer wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in Zusammenhang zu bringen. Als er sich am frühen Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind keine zufälligen Naturereignisse ... es waren Wirkungen der Macht ... Was war geschehen? ... Raumenergie war an den verschiedensten Stellen der Erde fast gleichzeitig explodiert ... Warum? ... Weshalb? ... Vor dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich gewesen ... Warum jetzt? ... Jetzt war eine Probe der Macht nicht mehr nötig.
In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps ein Telegramm aus Hammerfest bekommen. Auch dort waren die beiden Explosionen im Spektroskop beobachtet worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die Linien reinen Aluminiums.
Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen ... hatte es noch Sinn ... war es am Ende auch sinnloser Kampf ... hatte die Macht sich selbst bekämpft? ... Drei waren es doch ... drei sollten es sein? ... Waren die drei Träger der Macht miteinander in Kampf geraten? Oder ... war es Selbstvernichtung? ... Selbstvernichtung? ... Das Korrigens? »So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als seine Schlußkette bis zu diesem Punkte geschmiedet war. Das Korrigens des alten Linnés hatte sich gezeigt. In gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte ... War es das? ... Es mußte so sein.
»So ist's! ... So ist's gewesen.« Die Überzeugung dafür trug er in Kopf und Herz.
Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über Elektrodynamik zu halten. Er verließ seine Wohnung und ging in die Hochschule.
Er sprach und war selbst über den Schwung, über das Feuer seines Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er merkte es an den Mienen der Zuhörer, daß er das Auditorium heute mehr denn je faszinierte. Es lebte und wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den logischen Schlüssen, den mathematischen Formeln seiner Vorlesung einen höheren Schwung gab. Und die Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das feine ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude glühte.