Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 8
Rutschinski hinkte herunter zu dem Alten, der sich nicht aus dem Haus bewegte und die Alte allein mit dem Wagen ließ; er fragte ihn, warum er sich denn aufhängen wollte. Naßke bellte: »Wat jeht denn dir det an? Ihr seid Grünschnäbel. Du fragst mir ooch nich, wennste deine Emma vermöbelst. Ick kann mir uffhängen, wenn ick will.« Rutschinski stellte ihm eine Flasche Schnaps auf das Fensterbrett: »Son oller Mann und sich uffhängen, det hat keenen Dreh. Naßken trinken Se man eins mit Muttern.« Der Alte winkte ab. Er saß in dem wüsten Zimmer allein auf der Matratze, hockte stundenlang. Sein welkes Gesicht war bitter. Wie es Abend wurde, die Vögel zankten und sangen, trank er in einem Winkel einen Schluck Schnaps, ging in den Hof, holte eine alte Hundeleine aus dem Schuppen und hängte sich an einem Fensterhaken auf.
Da hing er, hinter einem übergelegten Sacklumpen, mit zusammengeschnürtem Hals, wie ein leichtes langes Paket an einem Seil und schwankte nicht.
Der Brückenbogen schwamm über den Kopf weg; eine Schnelle hob den Kahn, senkte ihn in einen Brunnen; glatt und frei sank der Kahn, eine angeblasene Feder, versank.
Die Alte zottelte mit dem Hundewagen an; kauerte auf der Kiepe vor dem Gemüsegarten. Müde lahmte sie durch die Küche ins Zimmer. Als sie das Bündel am Fensterhaken hängen sah, stand sie gebückt, faltete die Hände über der Schürze und sah regungslos lange Minuten hinüber. Sie blieb ganz kalt, schüttelte den Kopf: »Nu hat er sich richtig uffjehängt, der olle Struckräuber. Der fragt ooch nich nach Gott und de Welt.« Durch die Tür keifte sie nach Emma und Rutschinski, zeigte ihnen die Leiche: »Da hängt er.« Rutschinski fragte: »Aber Großmutterken, warum schneiden Se denn Ihren Ollen nich ab?« Sie scharrte ärgerlich in die Küche; nach einer Weile piepste es zurück: »Ick soll ihn nu noch abschneiden, den Struckräuber. Vor sonen Doten ekle ick mir.« Später, als die Leiche auf der Matratze lag, sagte sie zu Rutschinski: »Raus mit dem. Mach dir uff die Socken.«
Die Tage vor dem Begräbnis fuhr die alte Naßke nicht mit dem Karren; Emma brachte ihr zu essen; wenn sie im Garten auf ihrer Kiepe saß, spielte Rutschinski der Großmutter auf seiner Mundharmonika vor, aber nur lustige Stücke, Gassenhauer. Und nach der Beerdigung, am Nachmittag nahmen Emma und Rutschinski die Frau unter die Arme, und sie marschierten langsam die sommerlich warme Chaussee herunter. Emma trug eine kleine schwarze Kapotte; ihr Gesicht war noch verpflastert, die Lippe geschwollen; an den Mundwinkeln der tiefe Dirnenzug; über ihr helles Kleid hatte sie ein dunkles langes Jackett gelegt. Der dufte Rutschinski, blaß, den schwarzen Schnurrbart mit Bartwichse hochgezwirbelt, ließ seine lebendigen Augen rechts und links gehen; auf dem glattgescheitelten Kopf saß der steife schwarze Hut schief, die Strizzilocke unentwegt in der Stirn, im schicken grauen Anzug mit einem Knotenstock; eine rote Nelke im Knopfloch. Sie schleppten die Alte, die unter ihrem neuen karierten Umschlagetuch verschwand, in den grünumzäunten Garten einer Budike, an dem Eingang war ein kleines Holzschild angebracht: »Hier spielt Bismarck.« Sie setzten sich; Emma raffte ihr Kleid, holte aus dem rechten Strumpf über dem Knie ihr Portemonnaie, gab es Rutschinski.
Frau Naßke schwieg hinter ihrem Kognak, sie schien zu frieren. Emma flüsterte: »Sie is noch jiftig auf den Ollen; nich dran tippen.« Der dicke Kneipier mit einer mächtigen Bierschürze stellte sich neben den Tisch; Rutschinski stand auf: »Ein scheener Dag, aber traurig. Der olle Mann hat mit Hundekuchen gehandelt und denn, wie et is in die schlechte Zeit, Se können sich denken --« »Is woll dot?« Rutschinski sagte bei Seite: »Hat sich das Jas alleene abjedreht.« »Ne sowat. Die arme olle Frau.« »Die redt keen Ton. Machen Se 'n bisken Musike. Wo is denn Bismarck?« »Wird gleich serviert.« Der Hausdiener mit der ungeheuren Glatze setzte sich drin an das Tafelklavier. Rutschinski faßte seinen Stock kurz; wenn mal der kleine Franz hier wieder einkehrte, solle der Kneipier nach ihm schicken: »Mit dem will ick mal unter vier Oogen sprechen. Det is mein Freind. Kucken Sie sich mal die Neese von meine Braut an.« Emma mit den blonden Haaren hielt die alte Naßken umfaßt, redete ihr zu einem Schnäpschen zu. Die nippte und lächelte schwach. Bismarck klimperte. Auf der Buche vor dem Lokal zwitscherten die Vögel; ein Junge klatschte mit seiner Peitsche: »Sie, mein Triesel, nich rufftreten.«
Der Stieglitz sang:
»Des Menschen Gemüt hoch aufgeblüht soll sich nun auch ergötzen zu dieser Zeit, mit Lust und Freud sich an dem Maien letzen. Und bitten Gott gar eben, er wolle weiter Gnade geben.«
Vom Hinzel und dem wilden Lenchen
Im Schwarzwald, nicht weit vom Mummelsee, wo es herunter geht nach Rappweiler, mitten auf einem grünen Wiesenanger lag ein Anwesen, das behütete allein der alte Herkel, Bill geheißen, mit seiner Tochter Lene. Sie wohnten in einem Häuschen, das ganz aus wurmstichigem Holz und verfallen war. Das schräge Moosdach fiel auf der einen Seite bis auf die Erde; die Schweine quietschten hinten im Stall und der große Hund Wulfi schnüffelte und kratzte am Zaun. Der alte Bill rasierte sich nicht und ließ sich nicht den Bart scheren, seitdem Frau Suse gestorben war. Mit Stiefeln, durch die das Wasser rann, mit einem Gesicht, bewachsen wie der Rübezahl, braunrot, schlurrte er morgens auf das Äckerchen; Wulfi bellte, bis er ihn losband. Und manchmal, wenn Bill spät aufstand und vor der Türe in der Sonne saß, nahm er einen Sack aus dem Stall, warf ein ganzes Brot und sechs Hände Kartoffeln hinein; er hustete lange und spuckte und sagte durch die Küchentür: »Ich geh mal rüber, ob die Zwetschgen schon reif sind.« Dann kramte er den Stecken aus der Lade, schulterte den Sack um und zottelte langsam über das Feld, tapps, tapps, tapps, bis er nicht mehr zu hören war. Lenchen wußte, daß er dann drei Tage nicht wiederkam.
Hinzel, der Knecht, schlurrte öfter herüber zu Lenchen, und einmal war der Vater nicht da, und am nächsten Tage war der Vater auch nicht da. Da fragte Hinzel: »Wo ist denn Bill, Lenchen?« Sie maulte: »Er ist krank und sitzt oben in seiner Stube.« Aber wie er mit einer Speckschwarte hinaufgehen wollte zum alten Bill, um ihm das Bein einzureiben, stampfte Lene: »Er sitzt neben dem Schweinestall und schneidet Pfeifen aus Weidenholz.« Hinzel fragte: »Für wen denn?« Da nahm Lenchen ihre schöne rote Schürze, weinte: »Du hast mich nicht lieb,« schluchzte sie, »mir tuen die Augen schon weh von dem vielen Weinen.« Und sie erzählte, daß sie den Vater schon mit einem Karnickelfell und einem Fuchsschwanz geschlagen hätte, aber er holte sich doch immer wieder den Sack mit Brot und Kartoffeln, und dann geht er zu ihr und bleibt drei lange Tage und kein Mensch ist da. »Zu wem geht er denn, Lenchen?«
»Was kann hier nicht alles passieren. Mir tuen die Augen schon weh. Wenn ich sie bloß zu sehen kriege, kratz ich ihr das Gesicht entzwei.«
Hinzel hob traurig den Kopf.
»Ist es die Frau Kirbelei?«
»Die Hexe ist es, ja die Hexe,« und Lenchen wurde ganz unbändig, schrie, daß Hinzel die Ohren klangen, warf sich lang hin auf die Diele.
Als der stille Hinzel gehört hatte, daß Bill zur Hexe Kirbelei ging, schlich er nach Hause. Er kehrte viele Tage nicht wieder. Lene nahm, wie sie ihn kommen sah, einen Schrubber aus der Ecke, goß Wasser auf den Gang und scheuerte, daß die Nähte ihrer blauen Ärmel krachten. »Ich habe viel zu tun,« sagte sie atemlos zu Hinzel, »komm ein andermal.« Er kam am nächsten Morgen: »Heute habe ich Schoten zu knacken. So viel Schoten hab ich zu knacken, oh!« Hinzel setzte sich mit ihr an die Schüssel, aber wie er den Haufen sah, bat er, sie möchte doch heut nicht alle machen. Der Vater Bill tue ihm solchen Herzenskummer an; er hätte so Angst vor Hexen. Ach wenn doch Bill nicht zur Frau Kirbelei ginge. Da wurde Lenchen wieder gut, streichelte und küßte den traurigen Hinzel.
Dem alten Bill aber versteckte sie das Essen; sie fütterte ihn mit rohem Salat und gab ihm salzige Schweinsohren zu essen. Und wenn er Durst hatte, lief sie ihm voraus, trank rasch das Bier aus und sagte unschuldig: »Es ist nichts da, ha, alles weg.«
Einmal klopfte Hinzel an die Fensterlade: »Ist Bill zu Hause?« Da lachte Lene heraus: »Seine Stiefel sind ja entzwei, zerschnitten habe ich sie mit dem Messer, jetzt sitzt er unter der Traufe und muß Tropfen zählen.«
Wie nun Hinzel immer betrübter wurde und jammerte, daß sie nicht heiraten könnten und die Hexe wäre ihre Schwiegermutter, machte sie die Türe zu und schlang ihre Arme um ihn: »Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr's unter die Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat's mir gesagt.«
»Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.«
»Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk herzlich an mich.«
Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel an seinen Schürzenlatz. Dann sagte er: »Adiö, liebes Lenchen,« und zog den Fußtapfen des Alten nach, über den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg entlang. Die Spechte klopften an den Stämmen, der Kuckuck rief. Zwischen gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrüner See lag da, viele Bäume waren über ihn gestürzt und faulten. Hinzel wußte nicht wo er gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Fußtapfen nach. Jetzt waren die Fußtapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schälte Rüben, die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal waren sie weg. Er wühlte mit seinen Haken, wo sie wären. Sie waren in ein Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein. Er hockte hin, räumte die Erde mit den Händen weg. So tief war das Loch, daß man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit nicht einer das Loche zuwerfe, und ließ sich herunter. Er schlüpfte voran; es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wände liefen auseinander. Da war es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter seinen Füßen, weißer Sand. Die Luft war grünlich, und ein Dämmern, Blinken, Wallen, daß er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen über sein Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie hängende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rücken flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwärmen zogen die Schlammpeizger mit ihren Bärten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel dachte: »Wie freundschaftlich sie miteinander tänzeln; sie säen nicht, sie ernten nicht.« Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie Flundern mit einem weißen Bauch, wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin und her und lagen auf dem Sande, so daß man sie gar nicht erkennen konnte; nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel fürchtete, sie zu treten, ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit einmal schwappte einer unter seinen Füßen auf. Hinzel schrie, schwankte.
Etwas rief fein: »Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.«
»Wo denn, wo denn?«
»Hierher, nein, hierher.«
Er strengte sich an. Rosigweiß bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte rote, starre Augen; zwei Zöpfe schwammen ihr nach vorn über die Schultern und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein großes braunes Schneckengehäuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: »Wohnst du hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen überall herum.«
»Bist du jung, bist du jung,« kreischte sie und zog ihn an seinem Schürzenband auf einen Steinblock; ihre Zöpfe tasteten vor ihr. Und während sie sprach, achtete er auf ihren Mund; denn kaum hatte sie ausgesprochen, kam es ihm vor, als ob sie gar keine Stimme hätte, und er hatte doch alles verstanden. Sie lächelte und blickte ihn an; ihr Gesicht war klein und aus rotem Korall. Er paßte ängstlich auf die Fische auf, weil sie gegen seine Stirn fuhren und es leicht passieren konnte, daß er einen Stichling, ein Moderlieschen verschluckte. Dann stand er ungeduldig auf: »Ich muß ja weiter, ich kann hier nicht bleiben.«
»Wo willst du denn hin?«
»Ich muß zu der Frau Kirbelei. Geht es hier lang?«
»Was willst du bei Frau Kirbelei?«
»Die will ich umbringen. Mein Lenchen ihr Vater ist ein schlechter Mann. Er nimmt alle Woche einen Sack mit Kartoffeln und geht zu der Hexe. Ich binde ihr Eppich um den Hals, und dann --«
»Und dann?«
»Und dann streich ich ihr mein Fingerblut unter die Sohle und denk herzlich an Lenchen. Aber ich kann doch nicht an ihre Sohle.«
»Warum denn nicht? Versuchs mal bei mir.«
»Ja, deine Sohle. Du hast eine feine Sohle. Ihr seid alle beinah wie Fische. Ich hab noch nie gehört, daß es bei uns im Schwarzwald sowas gibt. Dreiäuglein und Trullmänner wohl, Hochwürden hat uns erzählt. Was du für schöne Nägel an den Zehen hast.«
»Komm doch öfter zu mir.«
»Ja, und Lenchen bring ich mit.«
»Nicht. Komm allein und sag ihr nichts. Dann zeig ich dir den Weg zur Frau Kirbelei.«
Er stelzte nach Hause, dachte fröhlich, als draußen die Krähen und Rotamseln zankten und er seinen Hut nahm, wie verschieden die Welt sei an allen Orten.
Lenchen schluckte ihre Tränen herunter, als er zurückkam, und seine Tasche war noch voll und die Nadel steckte im Schürzenlatz. »Ihr Männer seid alles Tolpatsche. Du hast gewiß den Niklas aus Rappweiler getroffen, ihr seid ins Wirtshaus gegangen und dann habt ihr euch schlafen gelegt.«
Als er sie trösten wollte, patschte sie ihm über den Mund: »Ich will nichts von dir wissen.«
»Aber Lenchen, ich konnt' sie nicht finden.«
Sie streckte ihm die Zunge heraus: »Dann geh da hin und da hin und da hin und find sie. Wenn ich ein Mann wär, würd' ich sie schon finden.«
Und sie ließ ihn in der Küche stehen. Seufzend klopfte er Tags drauf bei ihr an, ließ sich frischen Eppich geben, marschierte zu dem Maulwurfsloche. Er schwitzte in der Sonne; in der Maulwurfshöhle ging es sich gut. Unten besah er sich einen Hecht, der still und silberglänzend an einem Fleck stand und sich nicht rührte; manchmal war er grünweiß und durchsichtig wie ein Geist. Hinzel überlegte, was sich wohl der Hecht die ganze Zeit dachte. Da kam das Schneckenfräulein und sie schwatzten zusammen. Sie gab ihm wieder ihren Fuß zu spielen; er sagte: »Wenn Lenchen das wüßte, würde sie mich schön knuffen.«
Schlief nachmittags müde im Garten Bills ein. Und als Lenchen ihn schlafen fand unter dem Apfelbaum, beschnüffelte sie ihn, fühlte sein warmes Gesicht ab. Er träumte von den Fischen, die so auf und nieder schwammen, von den drolligen Seepferdchen und Aalen. Sie krallte ihn in den Arm: »Woran du denkst! Nur an Saufen und Spielen denkst du. Da liegst du und schläfst. Wir können nicht heiraten!«
»Was soll ich denn machen?«
»Du sollst sie umbringen. Du sollst sie totschlagen. Du sollst einen Hammer nehmen und geradeaus laufen, bis du sie triffst und ihr vor den Kopf hauen, eins, zwei, drei, bis sie tot ist.« Und da geriet er in ein Zittern, seine Hände zitterten, seine Arme zitterten, sein Kopf zitterte: »Ich will nicht. Ich kann keinen umbringen.«
»Weil du mich nicht liebst,« schrie sie ihn an und warf ihm die ganze Tasche vor die Füße. »Wenn du sie mir nicht bringst, sperre ich dich unter das Dach und geb dir nichts zu essen.«
Er kam zu ihr gerannt am nächsten Morgen. Da spannte sie grade den alten Bill vor den Pflug wie einen Ochsen, nahm die Peitsche und schlug ihn: »hüah, hüah!« Sie fuhr an Hinzel vorbei ohne ihn anzusehen. Er lief heulend hinter ihr her. Sie zog ihm eins mit dem Riemen über, und als er nach ihrer Hand faßte, noch eins und trat ihm mit dem Fuß gegen die Wade. Er wankte auf den Feldweg, vergaß, daß er nichts gegessen und nichts getrunken hatte seit gestern abend, weinte, weinte. Bis er an den See kam.
»Warum weinst du denn?« fragte das Schneckenfräulein.
»Weil ich die Frau Kirbelei nicht finde.«
»Hier hast du meinen Hals.«
»Ich will deinen Hals nicht. Ach meine Striemen brennen.«
»Wer hat dich denn geschlagen?«
»Lenchen.«
»Hier hast du meinen Fuß. Nimm die Nadel, streich mir dein Fingerblut unter die Sohle.«
»Was willst du von mir?«
»Ich bin ja die Frau Kirbelei.«
»Nein, nein, das bist du nicht. Du bist doch nicht schlecht. Mein Lenchen ist schlechter.«
»Nun kannst du mich totschlagen, Hinzel.«
»Ich geh' nicht zu Lenchen. Sie hat ihren Vater vor den Pflug gespannt. Ich möchte hier bleiben, bei dir bleiben.«
»Ja, du darfst bleiben.«
Und während er weinte um Lenchen, sah er sehnsüchtig hin zu einem Molch, der eben mit dem Schneckenfräulein gespielt hatte. Sein Mund wurde breit und breiter.
»Mir ist ganz lustig in den Gliedern,« sagte er zu dem Fräulein, das neben ihm schwamm. »Du heißest Schnickedei. Ich möchte mit dir walzen und schrammen wie der Molch.«
Er drehte sich mit ihr, da wurde sein Leib rund und schlank wie eine Rolle. Er warf sich zur Seite und in die Höhe, da legten sich die Arme dicht an und schrumpften ein wie die Beinchen. Lang wuchs ihm ein Schweif heraus, braun und goldig fing seine Haut zu schillern an. Ein schöner bunter Molch war er geworden, der tanzte mit der Schnickedei.
Seinen Hut hat ein Geisbub gefunden. Der lief zur Mutter: »Mutter, am Mummelsee ist ein Loch; da ist ein Mann reingefallen.« Die Mutter sagte: »Geh hin und grabs zu.« Da fand am Mittag der alte Bill, wie er antappste mit Sack und Stecken, nicht mehr herunter in den See. Lenchen lachte hell, als der Bauer brummig in die Stube kam, sich die Stiefeln auszog und sich auf den Strohsack legte unter dem Bilde der Frau Suse. Lange stand sie an der Zaunlücke neben dem Hundestall, wartete auf Hinzel. Der aber saß in dem kühlen See auf einem Stein. Die feinen Moderlieschen schwammen über ihm, er nickte mit dem Kopf und schnappte Fliegen.
Der Riese Wenzel
Hinter Jüterbog lag der junge Riese Wenzel auf dem Bauch und schlief. Als der Morgentau fiel, träumte Wenzel, er tauche mit dem Kopf in einen Pfuhl und eine Padde scharwänzele dicht unter seinem Gesicht. Drehte sich um, rieb sich die Nase mit einer Hand ausgerupfter Erde, wurde im Niesen wach. Quarig richtete er sich auf. Es regnete vom grauen Himmel in das Tal herunter. Er meckerte, arbeitete mit Borke an seinen schmierigen Fingern. Ein altes Strohdach hing ihm mit einem Bindfaden von der Schulter, auf dem spitzen Kopf saß ihm gestülpt ein Blechkessel mit Beulen und Löchern. Sein plattes langes Gesicht grün von dem zerpreßten Gras. Er sabberte in seinen Bart. Ein alter Gänsetreiber lahmte an mit einem Eimer Stutenmilch. Als Wenzel den Eimer glucksend absetzte, quetschte er versehentlich einem Gänschen den Hals; da weinte er: »Heut ist ein unglücklicher Tag.« Suchte seine Beine zusammen, um aufzustehen; eins lag in der Tannenschonung des Jochen Dietrich, das andere war dicht an die Chaussee nach Jüterbog gerutscht. Der Gänsetreiber flüchtete um die Ecke. Wenzel latschte fort, schrammte mit jeder Ferse eine Furche in den Acker.
Bei Kräknitz dampfte eine Wolke um den Berg, zwei Riesen qualmten Buchenblätter aus ihren Pfeifen. Wenzel schwenkte von weitem die Arme: »Ich halts nicht mehr aus.« Brüllte, wie er hinaufkletterte: »Ich will in die Stadt gehen.«
»Hast keine Milch gekriegt?«
»Trink keine Milch, will Besseres saufen. Hab genug von Jüterbog.«
Sie lachten so grob, daß den Bauern die Erbsen von den Tischen hopsten und einer zum andern sagte: »Wir wollen Hasenpfeffer auf die Wege streuen, daß die Riesen gute Laune haben.«
Die drei stalpten herunter nach Luckenwalde auf ein verlassenes Schienengleis. Neben dem Rangierbahnhof saß ein Alter, dem die Augen schon erloschen waren; er hatte sich Igel in die Augenhöhlen gesetzt, die für ihn sehen mußten. Einen zerrissenen Teppich hatte er um und fror sehr in dem Regen. »Gebt mir eine Pfeife,« dröhnte er, als er den Qualm schnubberte.
»Wenzel will in die Stadt,« grunzte einer.
Der alte Kilian schmauchte: »Was willst du in der Stadt?«
»Will tanzen, will mich amüsieren.«
Seufzte Kilian: »Oh weh.« Seine Nase, über die Hirschkäfer krochen, fing an zu zittern; sie war dürr und blaublaß wie ein Spargel.
Plärrend drohte Wenzel mit den Fäusten und trampelte: »Will in die Stadt, in die Stadt!«
»Hornvieh,« schrie der Alte, schwang die Pfeife, »dumme Kröte. Werden dir die Lumpen abreißen, dich ins Wasser schmeißen, daß du versaufst.«
»Die mir was tun in der Stadt?« Wenzel kicherte, wie wenn eine Fliege am Fenster brummt. »Die sind ja so sanft, so fein, so gut. Sind nicht wie Bauern. Nehmen den Hut ab, machen Knix und noch Knix: >Lieber Wenzel, liebes Wenzelchen, guten Tag, wie gehts?< Kenne sie schon, hab gesehen, wenn sie vorbeigefahren sind im Zug. Haben samtene Kleider, essen Marmelade und geben mir davon, soviel ich will. Und dann sage ich: >Ich komm ja schon, ich komm ja schon. Da bin ich.<«
Den beiden jüngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem uralten Kilian aber tropfte das Wasser über die geriefte Lippe; er fütterte sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete, mit der Hacke wühlte er voll Wut ein Loch in die Erde, daß eine Schiene heraussprang: »In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeißen. Wirst schreien nach uns, daß wir dir helfen.«
»Und dann versauf ich lieber, äh, als daß ich fresse trockene Kastanien in Jüterbog und laß mir die Zehen abfrieren.«
Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern klafterten Fuder Sand über Wenzels Buckel.
Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen; eine Tanne riß er hoch und soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht frieren.
Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebückt unter den blanken Drähten der Elektrischen, vor denen er sich fürchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn, Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Männer, kleine Frauen stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straßen vor ihm frei. Es stank nach Qualm, bösen Dünsten. Wenzel zog beschämt von Häuserreihe nach Häuserreihe, drückte eine Scheibe ein, bog sich eine Regenröhre um; guckte hindurch zum Himmel. Über leere Plätze schlurrte er; als er mit krummen Knien sich über ein Häuschen bückte, auf die Nachbarstraße hinübersah, rief er leise: »Ihr! Nehmt mich mit. In euren Ballsaal.« Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. »Wo habt ihr eure Marmelade?«