Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 7
»Es ist einer aus dem Fenster gefallen.« Die fünf bewegungslos. Herr Lorenz wischte sich die Lippen ab. »Wo war das?« gellte ein Fräulein; sie rannte heulend über den Hof zum Tor, die beiden anderen nach. »Ich kann so was nicht sehen,« murmelte Herr Priebe, »mir wird ganz schlecht; ich leg' mich schlafen.« Im Hause klapperte es, wurden Fenster hell. Valentin bewegte die Lippen, was nun wirklich gewesen wäre, zitterte die Treppen hinauf in seine Wohnung, hüllte sich bis über die Ohren ein: »Ich will von dem ganzen Hause nichts wissen; ach, mir ist schlecht. Umziehen, umziehen.«
Morgens im Finsteren klopfte Antoniens Mutter bei Priebe an, schrie und schluchzte am ungeheizten Ofen, der Fensterriegel sei nicht zu gewesen in der Nacht, sie hätte es vergessen am Abend. Sie hielt auch einen alten Zettel von Antonie in der Faust; auf dem stand, Valentin solle ihre Puppe nicht bekommen, wenn sie wieder krank würde. »Da ist nun der Lumpen. Kommen Sie doch bloß mal rauf zu uns, Herr Priebe.« Valentin riß die kleine Ella bei der Schulter herum; sie solle ausspucken hinter der Frau; den Vater fuhr er an, wie er die Tür vor so was aufmachen könne. Das Kind bockte: »Grade machen wir die Tür auf.«
Nachdem man in der folgenden Woche Valentin nahegelegt hatte im Bureau, wegen seines maßlosen Brüllens mit dem Personal und wegen des unmotivierten Herumskandalierens in Urlaub zu gehen, zog er, ohne sich von Vater und Schwester zu verabschieden, nach der Woltersdorfer Schleuse und nahm ein möbliertes Zimmer. Der Wirtin erzählte er, man habe ihn beneidet in Berlin und ihn für einige Zeit kaltstellen wollen; natürlich Weibergeschichten, die unvermeidlichen Weibergeschichten; drei Wochen würde er bleiben. Er sprudelte in anklagender Rede von Gemeinheiten, Ruchlosigkeiten, die man gegen ihn begangen habe. In einer Sofaecke im dunklen Zimmer brummelte er, holte die Puppe zur Spielerei aus seinem Koffer. Der Wirtin erklärte er, man müsse sich mangels anderer Gesellschaft irgendwie unterhalten. Heiß schluchzend überfiel er den scheckigen Lumpen, pfiff: »Wir haben uns mit solchen Sachen aufzuhalten, Toni, wir könnten ganz anderes im Kopf haben.« Trostlos und verzweifelt weinte er drin so laut, daß die Wirtin ein Kreuz vor der Tür schlug.
Als die Frau beim Richten ihrer Resedenstöcke sagte: »Sie werden die Sachen schon überwinden,« meinte er mit schiefem Grinsen: »Wir haben Kräfte, liebe Frau. Was glauben Sie von uns? Wir werden das den Leuten heimzahlen mit Zins und Zinseszins. Lassen sie uns mal wieder zu Haus sein.« Und er sang so schön: »Wenn das der Petrus wüßte,« daß die Wirtin mit dem Kopf nickte: »Gott, haben Sie eine Stimme, Herr Priebe.«
Er dampfte schon nach zwei Wochen, Ende April, ab: »Der Landaufenthalt ist nichts für Berliner, wenigstens nicht für mich.«
Er packte zu Hause seine Sachen in den Schrank, kaufte sich einen grünen Schlips, einen Lavallier, der offen vor der Weste wehen konnte. Für elf Uhr abends verabredete er sich mit seinem Freund Lorenz, dem Kassierer. Er pomadisierte sich, als man drin schlief, zog neue graue Gamaschen über die Schuhe, schraubte die Hängelampe hoch, um sich vor dem Spiegel an seinen Bewegungen zu erfreuen. Da sah er aus dem schweren Holzkoffer einen Puppenarm ragen. Er kehrte dem Koffer den Rücken, rümpfte die Nase, sprang nach kurzem Herumstehen auf den Koffer zu, stopfte den Arm zurück. Wie er die Bartbinde abnahm und schräg nach hinten sah, ragte der Arm wieder hervor. Valentin riß den Deckel hoch, schmiß die Puppe in die Mitte des Wäschebündels, schniefte gehässig: »Den Dreck werd' ich dir. Dich rausholen. Die Zeiten sind vorüber. Den Dreck. Rin in die Kommode.« Der Deckel schmetterte herunter. Im Spiegel sah er bewegungslos, wie der Deckel zitterte, sich langsam hob, die Puppe durch die Spalte auf ein Handtuch am Boden raschelte. Mit plumpen Schritten, die Arme in Boxerstellung, bewegte sich Valentin in Hemdsärmeln auf das Handtuch: »Zeitversäumnis! Gemeiner Ulk!« Wie ein Stehaufmännchen wippte die Puppe auf der Diele und fiel wieder hin. Valentin gegen sie her. Sie schnellte, zappelte und kam vorwärts. Als er wuchtig über sie stürzte, stand sie am Spind, schlüpfte in den weißen Mondschein und glitt leicht gegen die Tür. Knarrte die Schwelle; mit einmal war die Puppe nicht mehr im Zimmer. Den Hut stülpte Valentin wutgeschwollen auf den glattgekämmten Schädel, schlug auf die Türklinke. Da schwang sich am Treppenabsatz das feine Geschöpf grade über das finstere Geländer.
Er stand im kalten Luftzug im Türrahmen; die Jacke unter dem linken Arm, der Riemen einer Gamasche hing. Er winselte, die Schultern senkend: »Heiliger Gott, was soll das? Soll ich Vatern wecken?« schlich schon die Stufen herunter, dem schleifenden Geräusch nach. Wie er durch den langen Hausflur stolperte, flüsterte er: »Du, du, halt, bleib doch stehen. Ich -- ich hab' nichts getan. Ich nehme dich mit zu Lorenz.«
Nach, nach.
Hagelwetter in der Brunnenstraße. An der Gaslaterne schlüpfte sie im Bogen herum. Große Schritte machte er schon, sie immer größere. Sie wuchs, war wie ein Junge, wie ein Mann. Stralsunderstraße. Er schwenkte seine Jacke in der Linken, schluckte Hagelkörner ein. Sie bog in die Hussitenstraße ein, hielt an der Ecke an, war breit wie ein Pferd. Er lief auf sie auf, saß, wie sie sich duckte, schwankend auf ihren Schultern fest, und sie rannte mit ihm fort.
Er biß in ihren Kopf. An der Sebastiankirche hörte er die ersten grunzenden Laute von unten, schüttelte an ihrem Hals, wimmerte: »Ich will ja ehrlich sein.«
Höhnend kam es herauf: »Willst du das? Willst du das?«
»Du kannst mich nach Hause lassen. Was hab' ich schon ausgehalten?«
»Noch nicht genug.«
Sie rasten vorbei an einem Schutzmann; der schnaubte sich die Nase. »Was hat der Mensch für einen Gang am Leibe! Hoppa, hoppa, Reiter.«
Valentin wollte den Schutzmann anrufen, es ging zu rasch. Er heulte in den Wind. »Ich verlier' meinen Hut.«
»Brauchst keinen Hut.«
»Meine Jacke, meinen Kragen.«
»Kannst nackt kommen.«
Greinend schlug Valentin die Hände vor die roten Augen: »Ich will nichts mehr wissen von diesen Sachen. Werd' ich doch mal den kleinen Lorenz fragen, was er dazu meint.«
Die Gleise der Maschinenfabrik tauchten auf, ganz in Finsternis gelagert. Valentin brüllte, warf sich: »Keiner hilft, keiner hilft.« Die Puppe hielt ihn fest wie Kautschuk. Und während er kratzte, mit Armen und Beinen in den weichen Massen wühlte und sich wand auf seinem Sitz, kam der schwarze Humholdthain heran, menschenleer, mit Eisengeländern, starren Bäumen.
»Hi, hi, hi!« würgte er. Dröhnend lachte die Puppe: »Nimmst du mich mit zu Lorenz?« Der leere Vorplatz. Der tintige Teich dehnte sich. Sie lockerte seine Beine; schnellte zusammen. Mit einem Ruck sauste er kopfüber in das Wasser.
Sie stürzte sich glucksend nach. Er schluckte hochsteigend. »Ich sterbe schon, laß mich los.« Wie ein Schlagbaum lang war ihr Arm, mit dem sie ihn unter das Wasser drückte: »Es fängt erst an! Verlogener Hund!« Das Wasser spritzte nach allen Seiten; sprudelte, gurgelte minutenlang. »Verfaulen sollte ich dich lassen.«
Schräg über den Teich prasselte der Hagel in der Finsternis.
Von der himmlischen Gnade
Kein Land ist an Friedlichkeit jenem zu vergleichen, das in den Tod führt. Das Leben wölbt sich über dem Kopf wie ein Brückenbogen und unten fließt das Wasser, trägt den Kahn, nimmt ihn weiter.
Friedrichsfelde bei Berlin; ein heller Sommerabend. Die Fredersdorferstraße eng, schlecht gepflastert; eine Reihe niedriger verfallener Häuser, Kohlenplätze, Baustellen. Die schmutzigen, verwachsenen Kinder lärmten nicht mehr draußen. Gebückt zog ein altes Menschenpaar von der Chaussee her in die Gasse ein. Er an der Deichsel des ratternden Hundewagens, sie daneben, die Hände unter der schmierigen roten Schürze, die sie wie ein Muff aufgerollt hatte. Sie fuhren blicklos die Gasse herauf, unter dem blühenden Kastanienbaum hindurch, der schräg gegenüber ihrem jämmerlichen Häuschen wuchs.
Ein Stieglitz sprang auf den Baum, hüpfte Zweig auf, Zweig ab; nach einigem »Kiwitt, kiwitt, zwrr« sang er:
»Grün ist der Mai. Mit mancherlei schönen Blümelein gezieret sind Berg und Tal. Viele kalte Brünnlein rauschen, darauf wir Waldvögelein lauschen.«
Die äußeren Äste der Kastanien berührten den hohen Bretterzaun vor Naßkes Häuschen. Hinter einem verwilderten Hof, auf dem Brennholz und Ziegelsteine stapelten, einen schmalen Gemüsegarten vor der Front, stand das einstöckige Bauwerk. Die Fensterscheiben blind, mit Staub beladen, einige verhängt mit Lumpen und Laken. Im ersten Stock waren Fenster geöffnet; irgend wer bullerte oben und warf von Zeit zu Zeit etwas um. Sie fuhren in den Hof ein, trabten drin langsam und blicklos.
Der Alte schirrte den Hund ab, an die Leine unter einem niedrigen Schuppen, schüttete, den Eimer auf den Knien und geduckt, dem schnappenden Tier Abfall vor. Sie gingen nicht gleich ins Haus. Neben dem Wagen, der sich in den weichen Schutt tief mit den Rädern eingrub, saßen sie auf umgekehrten Kiepen vor dem Gemüsegarten. Die Spatzen schrien, der Stieglitz rief weiter. Der Alte murrte: »Wat die nu zu krähen haben.«
Sie saßen still nebeneinander und sahen geradeaus. Braune Klinkersteine von Öfen lagen da und blitzten. Dann fing der Vogel wieder an: »Kwiwitt, kwiwitt.«
»Man wird doch seine Ruhe haben können vor die Äser«; einen Stein nahm der Alte, schmiß ihn über den Zaun in das Laub hinauf, der Vogel flog fort. Nicht lange fing leise im ersten Stock eine Handharmonika an, wimmernd und stöhnend; die Musik kam hinter ihren krummen Rücken her und ging mit der Luft. Nach einer Weile wiegte die vertrocknete Großmutter den Kopf unter ihrem Umschlagetuch: »Et zieht; ick jeh rin.« Unbeweglich saß er, mit den Armen auf den Knien; die Klinkersteine flammten. »Jeh man.« Er hörte auf die Musik.
Die Blicke der beiden waren wie Gummiringe, die allmählich überweitet wurden; die Haut hing als ein zu weiter Lumpensack um ihr Gestell. Grausam verrunzelte Gesichter boten sie dem Licht. Bei Tag fuhren sie Hundefutter durch die Stadt, an den Markthallen lasen sie Fleischabfall, halbverweste Fische, Kartoffeln, Schalen auf. Das Sprechen hatten sie sich abgewöhnt. Ihre Knochen taten unermüdlich den Dienst, Maschinen, die einmal angelassen waren, trugen das Herz, das träge und zögernd sein Ticktack machte, die keuchenden Lungen; und die Köpfe schaukelten auf den verdorrten Hälsen.
Rasch wurde es finster. Und wie die beiden auf ihrem stummen Zimmer wirtschafteten, schlug der Hund an. Mannesschritt auf den Stufen, eine derbe Gestalt steckte den Kopf in die dunkle Küche, knipste und der weiße Lichtkreis lief über Säcke, Töpfe, Herd und ein Durcheinander von Konservenbüchsen: »Sind Naßkes hier? Ist das dunkel! Ne, ist das dunkel!« Ein zweiter Mann kam herauf, stand neben ihm, behelmt, ein Schutzmann mit dem Revolver am braunen Gurt. Die beiden Alten saßen auf der Matratze im Zimmer nebenan. Sie knuffte ihn in die Seite, zischte: »Du« und zeigte nach der Küche. Er tat als ob er schlief. »Warten Sie mal, Fiebig, Sie brauchen nicht mitzukommen,« sagte der bärtige Mann an der Küchentür, »bleiben Sie draußen, lassen Sie aber die Hoftür offen.« Vorsichtig stieg er durch die verstellte Küche, stieß die Stubentür auf: »Warum meldet ihr euch denn nicht? Wenn man euch ruft? Was? Sie sind Naßke?« Der Alte krabbelte unter dem stechenden fahndenden Lichtkreis hoch, stützte sich gegen die Wand. »Sind Sie Naßke? Sagen Sies doch. Wo ist denn die Alte? Na, verkriechen Sie sich man nicht, Großmutterken; wir kriegen Ihnen schon.«
Er hob sie unter den Lumpen hoch: »Die Beenekens taugen wohl nicht mehr. Aber es langt noch.« Die Alte kreischte, hob die Hände über den Kopf und drehte sich nach der dunklen Wand zu. »Ne, olle Dame, schreien hilft nischt. Stehen Sie mal janz uff; Sie sollen mitkommen uff's Revier.« »Ick hab' nich jestohlen, Herr Wachtmeester,« plärrte die Frau. »Das können Se nachher erzählen. Hut haben Sie woll nich?« »Ick hab' nischt jestohlen und ick hab, nischt jestohlen.« Sie gingen vor dem kräftigen Mann mit gesenkten Köpfen her. »Nu mach man bloß kein Klamauk hier. Fiebig, Sie gehen mal rauf hier oben. Dett sind doch eure Freinde, die lange Emma und der dufte Rutschinski, alles auf einen Haufen. Den Leutchen gehört der Hund, Fiebig; sagen Sie von wegen Nummer sicher mit die Naßkes und kucken Sie sich bei die Jelegenheit ein bißchen um.« Er flüsterte dem Schutzmann ins Ohr: »Vorsicht; ich warte solange.«
Sie hatten am Vormittag in einem Haus von Rummelsburg den Mülleimer durchsucht. Als sie mit ihrem Sack durch den Hausflur kamen, stand ein Bierwagen vor der Tür; der Bierfahrer hatte einen leeren Bierkasten im Hausflur abgestellt, während er durch einen Hintereingang eine frische Ladung in die Restauration trug. Versehentlich tat der Mann sein Beutelchen mit Kleingeld statt in die Tasche in ein Schubfach des leeren Kastens. Naßke griff unbedenklich im Vorübergehen danach; sie fuhr ängstlich hinter ihm her, schimpfte leise: »Wat willste denn damit? Leg wieder hin.« Er tauchte den Beutel in seinen gleichmütig abgeschulterten Lumpensack, öffnete die Tür, sie sockten langsam mit ihrem Wagen um die nächste Ecke. Die Frau schob hinten an dem Karren; sie war ängstlich; er hatte das Gefühl: »Die Sache hat ihre Ordnung; dem Dicken haben wirs besorgt.« Er kaufte sich bei einem Händler in der Kneipe eine Stange extrafeinen Priem; sie ein paar wollene Pulswärmer, eine Flasche süßen Likör und ein kariertes Umschlagetuch. Der Rest des Geldes wurde am Boden zwischen die Bretter des Karrens geklemmt.
Man fuhr die abgelebten widerspenstigen Geschöpfe nach Moabit hinaus. Ihn steckte man zusammen mit einem behäbigen schlauen Bruder, der schon öfter ein Ding gedreht hatte. Zuletzt hätte er eine schöne Stange Geld geerbt, erzählte er dem Alten, den er mit den Worten begrüßte: »Mensch, dir hätten Se ooch lieber gleich in de Müllkute lassen können.« Er suchte »die olle Mumie« zu bewegen, ihm etwas zu erzählen. Als der schwieg und immer giftig auf die Diele hinsah, reizte er ihn: »Wat hast du denn jeklaut? Nen doten Heringsschwanz, wat? Und denn gleich jekocht in de Sechserkneipe und alleene uffjefressen.« Der Alte blieb stumm. Er war mit einem dumpfen Grimm gefüllt; wenn er störrisch die Suppe herunterschluckte und seinen Teller ausleckte, fuhr der Dicke vor ihm zurück: »Beiß mir man nicht; sonstens bestell ick 'nen Maulkorb.«
Eines Morgens greinte und quakte Naßke: »Mein Zahn wackelt.« »Wat soll ick denn damit?« »Ick will 'nen Balbier haben für mein Zahn.« »Wat is?« »Ick will 'nen Balbier haben.« »Laß dir ausstellen im Zoologischen, oller Affe mit dein Zahn.« Der Alte knarrte weiter; der andere meinte ruhig: »Wenn de noch viel jaulst, kriegst eins in die Fresse und der Zahn hoppst raus.« Zwei Wochen saß Naßke; am Abend bevor er entlassen wurde, brummte er wieder. Der Gauner fragte: »Wat möchste?« Naßke sah vergrämt vor sich hin und sagte nach einer Pause: »Wat man möchte? Man möchte am liebsten dot sin.«
Im ersten Stock bei Naßkes wohnte Emma mit dem duften Rutschinski. Rutschinski ging in der Zeit, während die beiden festgenommen wurden, nicht aus, weil er sich den Fuß auf der Treppe umgeknickt hatte. Er war ein großer schlanker Mann, hatte ein schönes volles Gesicht. Seine schöne Figur hatte sein Schicksal bestimmt. Sobald er das erste Mal keine Arbeit fand und spazieren ging, entdeckten zwei ledige Fräuleins seine schwarzen Haare und die stumpfe Nase, dazu ein Paar grade Beine. So spazierte er bald weiter mit einer samtenen Mütze und der kecken Strizzilocke auf der Stirn; die ledigen Fräuleins arbeiteten für ihn. Nun beschützte er die lange Emma, ein blondes ehemaliges Kindermädchen. Wenn es soweit war mit dem Geld, wollten sie heiraten und ein Gemüsegeschäft aufmachen. Als die Naßkes in Moabit saßen, sagte Rutschinski, Emma solle flott verdienen gehen, sie wollten den alten Leuten ein kesses Abendbrot zukommen lassen und einen Anwalt bestellen.
Am nächsten Morgen um sechs entstand vor der Rettungswache Ecke Fredersdorfer Straße ein großer Lärm. Emma wurde von einem Mann hereingeführt am Arm. Sie torkelte. Sie hatte eine Kratzwunde an der Stirn, ihre Nase und Oberlippe blutete; in Strähnen fiel ihr das blonde Haar zottelig auf die Schulter. Die Blumen auf ihrem Hut halb heruntergerissen; die weiße Bluse mit Straßenschmutz beklebt. Der Mann hielt ihren Sonnenschirm in der Hand; er war mitten entzweigebrochen, die Stangen mit dem roten Bezug hingen. Aus einer Seitentür des hellen viereckigen Raumes, in dem Instrumentenschränke, Verbandkästen standen, stampfte gewichtig ein älterer Mann in einer weißrotgestreiften Bluse mit bloßen Armen; er trug eine Stahlbrille, in der Mitte des Schädels waren ihm die Haare ausgegangen; an den Seiten wuchsen sie buschig, bösartig nach vorn, schwarz und grau. Er sah, die Arme in die Seiten gestemmt, zu, wie der Arbeiter prustend das Mädchen über den Boden schleifte und hingleiten ließ. Er kommandierte grimmig: »Legen Sie den Schirm daneben. Die Person kennen Sie natürlich nich? Na, dann kennen Se gehen.«
Emma schnarchte am Boden; der Schleim hing ihr aus dem Mund und bildete schon eine Lache auf dem Linoleum; ein Dunst von Schnaps und Tabakrauch ging von ihr aus. Die Treppe im Hintergrund des Raumes sprang ein Herr im weißen Mantel herunter; lang, schmalwangiges Gesicht, geschäftsschlaue Züge, muntere Bewegungen. »Herr Doktor,« rief ihm der Heilgehilfe entgegen, der noch immer mit eingestemmten Armen vor Emma stand, »ein neuer Fall.« »Das sieht ein Blinder, Walter. Wenn Sie weiter nischt von mir wollen, kann ich ja wieder gehen. Aber 'ne feine Nummer für den frühen Morgen. Man sollte es nicht für möglich halten. Die hat sich aus der Linienstraße hier rauf verirrt.« »Haben wir jetzt alle selber hier am Ort, Herr Doktor.« »Na sehen Sie zu, Walter, klingeln Sie's Revier an.«
Der Heilgehilfe war mit dem Mädchen allein. Er ging um sie herum, spuckte verächtlich zu ihren Füßen aus: »Pfui!« Aus dem Verbandsschrank holte er einen Wattebausch, goß einen Schuß Salmiak darauf, stubbste es hinkniend der schnarchenden Person unter die Nase. Die drehte den Kopf ab, spuckte aus. Er folgte hingekniet mit dem Bausch, klammerte ihren zerzausten Kopf in seinen linken Arm fest. Sie schlug mit den Beinen. »Wat hat det Luder für 'ne Kledasche an. Stiefeletten bis unter die Knie.« Ihre blauseidenen durchbrochenen Strümpfe kamen zum Vorschein. Mit einem Ruck wand sie ihren Kopf aus seinem Arm, kauerte hin, dann kroch sie wie ein Hund auf allen Vieren bis an den Verbandtisch, während ihr die Haare über das verschwollene Gesicht hingen, richtete sich prustend hoch; er dicht hinter ihr mit dem Lappen. Sie taumelte zur Wand hin, zerrte an dem Schloß des Verbandskastens, beschmierte die Scheibe mit ihrem angepreßten Gesicht. Er schleuderte sie zur Seite: »Mensch, nimmste die Pfoten weg.« Von hinten preßte er der Torkelnden wieder den scharf riechenden Bausch von den Mund, sie würgte, brüllte, stürzte seitwärts auf die Hände. Der Doktor rief hell von drinnen: »Sie werden wohl mit dem Weib nicht fertig, daß die so schreit?« »Wird eben wach, Herr Doktor.« »Na schön.« Das Gesicht Emmas war dick gequollen, ihre Augen tränten. Der Mann mit der Glatze nahm sie, die wieder kroch, von rückwärts über sie gebeugt, die Zähne zusammenbeißend, auf den Arm, schleppte und krachte sie auf den Verbandstisch hin; er flüsterte: »Jetzt bleibste aber liegen, olle Toppsau du.« Schwapp, die feuchte Ladung saß wieder im Gesicht. Sie fing an zu ringen, mit den Beinen zu strampeln, um vom Tisch zu kommen und dem stechenden Dunst zu entgehen. Er drückte sie mit seinem breiten Oberkörper nieder, stemmte ihre Knie herunter, hielt sie umklammernd gegen die Tischplatte. Er knirschte, der Schweiß machte seine Glatze feucht und glänzend: »Läßt du meine Bluse los, Dreckfink gemeiner. Schämen sollste dich, daß du dich so aufführst, schämen sollste dich, schämen sollste dich!« Sie kämpfte erwachend immer heftiger, er ließ von ihrer Nase nicht ab. Wie sie, während ihr die Kleider bis an das Gesäß hochrutschten, vom Tisch herunterstrampelte und ihm über die Backe kratzte, wuchtete der grimmige Mann zurückfahrend, atemlos seine rechte Faust mit dem Lappen zweimal auf ihrem Mund, gegen ihre Zähne, daß sie stöhnte, geiferte, die Augen aufriß. Sie saß auf dem Boden vor dem Tisch, sabberte: »Herr Rat, ich kann ja nichts davor. Tun Sie mir nichts.« »Tu man nich noch so dämlich.« »Der Franz hat mir zuerst geschlagen mit mein Schirm, Herr Rat.« »Jetzt stehste uff und hältst die Klappe.« Er ging an den kleinen Spiegel über dem Waschbecken, wischte sich mit einem Sublimattupfer die lange Kratzstrieme.
Draußen klinkte die Türe; ein fahler junger Mann in einer blauen Pelerine polterte herein. »Franz,« gröhlte Emma heiser, »Liebling, Liebling! Komm doch her. Es ist mein Bräutigam.« »Ja, sie meint mir.« »Ick tu mir was an, wenn du nicht zu mir kommst.« »Beruhige dir doch, Emma; es is weiter nischt.«
Mit einmal blinzte sie gegen ihn hin: »Det will 'n Rechtsanwalt sind,« sagte sie blickend, am Boden herumkrabbelnd, »det will mein Bräutigam sind? Un nachher wird er mein Schirm an mir kaputt hauen. Wat willste denn hieer? Die Naßkes kommen ooch ohne dir raus.« »Aber Emma.« »Wo bin ich denn deine Emma, du Bedrieger. Herr Rat, det is ein Bedrieger.« Sie hatte sich am Tisch aufgerichtet, schimpfte lauter und drohte gegen den kleinen Mann, der sich neben den Heilgehilten stellte: »Mit dir wer ick schon mal abrechnen. Erst macht er ein besoffen und nachher will er Vorschuß von eim habn. Wofür denn? Der 'n Rechtsanwalt? Du --« Sie wollte auf ihn zu, der Mann mit der Bluse hielt sie fest; er drückte sie auf den Stuhl: »Setzen Se sich man und quasseln Se hier nich noch.« Sie fuchtelte, rückte sich den Hut zurecht. Der alte Mann verpflasterte ihre Nase, steckte ihr mit bösen Blicken die Haare fest.
Am folgenden Tage wurde Emma von der Polizei entlassen. Die Naßkes hockten schon wieder zu Hause. Rutschinski empfing seine Braut mit den Worten: »Dir sollten sie lieber rausgeschmissen haben auf der Unfallstation statts dir zu verbinden.« Sie holte aus ihrem Strumpf Geld, das sie von ihrem ersparten genommen hatte; er zählte besänftigt: »Na fleißig bist ja gewesen, Emma, olle Schmalzbacke. Aber mach mir bloß nich sone Zicken, besonders wenn ick een krankes Been habe und nicht mitkann.« Als er nach ihrem Schirm fragte, erzählte sie ablenkend, schmeichelnd von dem kleinen Franz, den er kannte; er kriegte einen Grimm, versprach, indem er sich in die Hand spuckte, die Handflächen gegeneinander rieb und dabei pfiff, Abhilfe zu schaffen.
Naßke konnte sein Hundefutter nicht mehr loswerden. Zwei Kollegen waren ihm zuvorgekommen. Er fand aus seinem Groll nicht heraus. Der Hunger war in ihrer Wohnung; der Alte ließ sich nicht bewegen zu arbeiten. Wenn er bloß den dicken Bierfahrer unter die Finger kriegte. Sie wickelte sich große Zeuglappen um ihr geschwollenes Bein, legte gekautes Brot unter. Er näselte: »Wat pusselste immerzu an det Been? Det schene Brot rufflegen. Wennstes bloß ausspucken tust, brauchst et ooch nich zu essen.« Sie keifte und stubbste ihn unter das Kinn: »Und wenn du oller Dusselbart bloß quasseln tust, kannste gehn. Mit deine Schlauheit brauchste dir nich dicke zu tun.« Sie schwiegen auf ihren Matratzen. Dann sagte er: »Ick häng mir uff.« Sie packte ihn vor Wut und schüttelte ihn: »Uffhängen kannste dir soviel du willst. Und ick zahl noch een Jroschen zu und jeh mit Emman in 'nen Kientopp.«