Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten

Part 4

Chapter 43,745 wordsPublic domain

Armand Mercier knirscht die Zähne, hat das Gewehr weggeworfen, hebt abwehrend das Spatenblatt über den Kopf. Zieht und zottelt mit der linken Hand am Seitengewehr. Der Igel sticht ihn in den Oberschenkel. Hier müssen wir laufen. Er schwenkt die Arme wie alle, brüllt: Weiter, weiter, oh, oh, radum, radum, er ist das Echo, er blafft mit dem Mund zurück jeden Schuß; drängt die Augen heraus, wo sind die Geschütze, wir werden sie kriegen, es sind die Preußen, die haben das Land besetzt; die haben meinen Freund getötet.

Louis! Louis Poinsignon! Louis!

Rache! Rache! Maul und Beine und lauernde Bajonettspitze. Tausend hungrige Bajonette! Weiße auf- und abzappelnde Stacheln! Eisenwald, der heranschaukelt!

Wie sich alles bewegt!

Wie das ist! Vorn, rechts, links stolpern Soldaten, im Lauf, man hört nichts; Holzpuppen kippen vornüber; als wenn man einem Hammel die Beine wegschlägt.

Infamie! Verrat! Infamie!

Die Preußen schießen mit Wasser, mit kaltem Wasser, mit Eis! Von hinten! Stoß gegen den Rücken. Stich zwischen die Schulterblätter, etwas Kaltes, Langes, eine Fischgräte, die gar nicht aufhört sich nach vorn in den Hals hinaufzuschieben; sich nicht schlucken läßt. Das Bajonett des Pioupiou, der weitertorkelt. Halt! Zappelnd, sich stemmend über einem Tornister. Die Tritte der Folgenden über seine Knie, die rollenden Maschinengewehre. Kommen sie weiter? Kommen sie durch?! Kommen sie weiter?!! Rache! Ich will mit! Will mit! Der Igel sticht, eine halbgelähmte Hand knöpft das Tierchen los, es kullert aus dem Taschentuch, rollt weiter. Er blafft am Boden: »Vorwärts! radum radum dum!«

Platzender Vulkan eines Schrapnells. Noch ein Schrapnell. Sie rennen zurück. Klappern der Gewehrkugeln. Die deutschen Signaltrompeten. Hurra, hurra. Hurra! Eine schwarze Wolke, dann steinerner, eiserner; ein eiserner Wagen über Schottersteine. Näher!

Hurra! Hurr-aaa!! Radum!

Maschinengewehre zurück! Reserven zurück! Keine Gewehre, keine Mützen. Sie kommen ja zurück! Sie springen in die Löcher. Die Preußen.

Armand hat Erde zwischen den Zähnen und einen weißen Mund.

Zermanscht zehn Schritt vor ihm der Konditor, der die besten Witze machte vor dem Schlafengehen, ein alter Junggeselle; auf der Pike ein kleiner rundbäckiger Student, der wie achtzehn aussah und fünfundzwanzig war; der Hauptmann; zweiundachtzig weiter. Wer kennt alle ihre Geschichten. Der Wald bis an den Bahndamm verloren.

Der Kaplan

Weich dünstete der Nebel über den Potsdamer Platz und schwoll vom Tiergarten her. Die Bogenlampen auf den hohen Kandelabern schienen weiß in der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauchten auf, klingelten und verschwanden; zögernd schwirrten die Autos über das Asphalt. Über dem Spiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine, Röcke, von denen der Regen troff, verzerrte Konturen von lackierten Droschken, Stimmen, Traben, Klirren, Rollen über dem Platz; in regelmäßigen Intervallen ein Pfiff.

Der Kaplan stieg aus der Untergrundbahn herauf und stand vor Stillers Schuhgeschäft. Über das regenblanke Trottoir zog er, den Schirm aufgespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her, überholten ihn. Eine kleine Schlanke huschte ihm zur Seite über die Bordschwelle, in einem himbeerroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den Rock raffend, eine Pfütze umgehend; das schwarze Haar wippte in einem Knoten unter der runden Kappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans verfolgten die Bewegungen.

Dies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in der Beichte gehört hatte.

Und der Gedanke bewirkte, daß er seinen Schirm tiefer über sich zog, den schmalen Kopf auf die fallende linke Schulter legte und ein paar Sekunden die Augen schloß. Ihre schlängelnden Bewegungen verschwammen im Nebel, das Rot leuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne Widerstreben. An den erleuchteten Läden vorbei, folgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit Fischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden Similibrillanten. Zigarettenreklame erlosch, grellte auf. Als sie in die Uferpromenade einbog an der Potsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem drehenden Hals, vorgebeugtem Kopf. Irgendwie dankbar sah er ihr in das volle, erhitzte Gesicht, hob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße ihrer langwimprigen Augen wurde sichtbar, der erschrockene schwarze Blick fuhr an seinem zugeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem Eisengitter. In französischem Akzent brachte sie heraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei, sie kenne Hochwürden nicht. Als er wieder langsam nach dem Hut griff, löste sie die Hände von der kalten Eisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch die Wasserflecke von den braunen Glaçes, sagte mit ruhigem Blick auf seine Tuchknöpfe und dann auf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches Gesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu sprechen; sie sei fremd in Berlin.

Sie gingen unter seinem Schirm am Kanal entlang; die Kastanien schnellten plötzliche Regenschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Boden, spazierte in Gummischuhen, die Füßchen spitzend, durch den Morast; ihre rote Hutschleife ragte wie ein Horn über der Stirn, über der verwirrten Linie ihrer Ponys. Sein magerer Oberkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.

Vor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie unter dem Schirmdach hervor: »Ich wohne drei Treppen; Mademoiselle Alice Dufoult.«

Ohne es zu merken, kehrte er die Potsdamer Straße zurück, gelangte auf den dunsthellen Platz. Er hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers Schuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen hatte; schließlich trugen ihn seine Beine vor die Schwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte in einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht begreifend, eine Büchse Schuhcreme und überlegte einen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben solle. Und dann nach einem Hin und Her im Regen, unter dem der Nebel sank, über den Kemperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens. Er öffnete, als er allein auf einem großen Sandplatz stand neben einer Holzbude, seinen verschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung hinein, stellte sich dicht unter ihn, geschmiegt unter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel gegen die streichelnde Hand hebt. So blieb er in der Lache neben der Holzbude minutenlang, länger; es war ihm, als wenn er in einem warmen Bett läge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich, ihn anrempelte und schreiend, als der Mensch hervortrat, davonlief quer über den Platz, purzelte, sich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge. Rasch klappte der Kaplan den Schirm zusammen. In einer hellen Querallee stellte er hochblickend einen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenkmals, umging mit den Augen die Gruppe des Pferdebändigers. Ein Passant, den Kragen hochgeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank aus, wie der Kaplan mit dem Kopf ruckte, freudig sich streckte, seine Glieder bewegte, mit den Fingern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte es, seine Knie krümmten sich; eine Ungeduld, wie plötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte mutig, wie das edle Roß da oben.

Seinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche; weiterschlendernd senkte er den Kopf über den Kragen, seine Hände falteten sich über dem Leib. Die kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der magere Kaplan murmelte abgeblendet seine Gebete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.

An dem sonnigen Mainachmittag war der Tisch in ihrem Zimmer mit einer zitronengelben Decke belegt; blauer Flieder duftete in einer kleinen Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer Schüssel mit Streuselkuchen. Alice schaukelte in ihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze; sein nackter spiegelnder Schädel glänzte; wenn er lachte und sein junges, blutrotes Gesicht ins Vibrieren kam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus; sie stopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das blaue, faltenreiche Kleid an, das ihr die Mutter vor einem halben Jahr in Grenoble mitgegeben hatte: »Wenn du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf sitzst, kannst du eine Weile damit auskommen.« Als sie es zum zweiten Male trug im französischen Klub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr und gab ihr den etwas lädierten Hornkamm wieder, der aus ihrem Haarknoten in seinen Schoß gefallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz hielte sicherer; zog aus seiner Brieftasche eins hervor und demonstrierte es ihr mit dem Bemerken, daß er weder Friseurgehilfe sei noch solche Instrumente fabriziere. Ein paar Wochen später zog er ihr eigenhändig das altmodische Kostüm aus und probierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelinjäckchen, eine Nachmittagstoilette aus altrosa Samt.

Wie Robert gerade die Backen prall aufblähte, aus einem Mundwinkel schräg die Zigarettenasche von der gestickten weißen Weste paffte und mit der mächtigen beringten Hand nach einer Papierserviette tastete, klopfte es und der hagere Kaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchenkrümel auf den Teppich: »Nein, das ist nicht möglich.« Sie zog die Silben, blieb länger sitzen, um Zeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm ihm den Hut ab und erzählte freudig, als sie zu dreien an dem Tisch saßen, gegen Robert gewendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie reizend sich der Herr Kaplan ihrer angenommen hätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen ihnen beiden auf einem niedrigen Plüschfauteuil, mit dem Rücken gegen die Butzenscheiben des Fensters; Robert machte sich lang, betrachtete von oben die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher Dankbarkeit saß der Kaplan zwischen ihnen. Die zitronengelbe Decke betrachtete er mit den plattgedrückten Fransen, die Zinnkrüge auf den Konsolen. Dies stimmte alles, auch daß die Gardinen schmutzig waren und die Überhänge nicht paßten, die Brillanten dieses glattköpfigen jungen Menschen, das altmodische, blaue Kleid der Mademoiselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich nachdenklich und ihm kam, ohne daß er es wußte, warum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in der Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen auf dem blanken Parkett. Als aber Alice nach seinem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der Kaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte: »Bitte, fassen Sie mich nicht an.« Sie fragte: »Was haben Sie?« Er wurde blasser, sagte, er wäre so empfindlich an den Händen. »Aber doch nicht an den Armen.« »Etwas an den Armen auch, bitte!« Sie tupfte in seinen Handteller; er krümmte sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn, so daß sie sich abwandte: »Gott, sind Sie komisch.« »Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes Fräulein, Sie auch, mein Herr, es ist vielleicht Gewohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.« Darauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der Kaplan sich nicht wieder in die Höhe richtete, sondern immer die Parkettfugen studierte. Robert schnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den Kopf; er knipste an seinen Manschetten: »Aber das ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder wie nennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen, wie so, na, ich will mal sagen, ein Flaneur, und werfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des Landes.« »Ich freute mich über Mademoiselle Dufoult und war glücklich, sie kennen zu lernen.«

»Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich, Sie gefallen mir außergewöhnlich. Man soll niemals sagen, daß es irgend etwas im menschlichen Leben nicht gibt.«

Der Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf dem breitbrüstigen Herrn liegen.

»Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich bewundere Sie; Sie scheinen wie aus Eisen geschnitten.«

»Na, ich danke. Hab gedient: bin noch halber Soldat!« Er legte die Hände auf seine Knie: »Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie hier? Störe ich etwa jetzt, Sie und dich, Alice?« Er lachte und prustete gewaltig. Sie schwankte zwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre feine lange Nase bog und streckte sich:

»Robert, nimm dich doch etwas zusammen.« Sie konnte nicht weiter, platzte heraus in ihr Taschentuch.

»Soll ich rausgehen, Alice, ja?« Er quietschte schon. »Aber ich kann doch durchs Schlüsselloch gucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die Sache nimmt mich gewaltig mit.«

Der Kaplan lächelte freundlich von einem zum andern, zog sein Fauteuil ganz an den Tisch: »Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten ist. Ich bin gern unter fröhlichen Menschen.«

Der neben ihm schrie aus vollem Hals: »Gotteswillen, du mußt mir den Kragen aufmachen, Alice, den Schlips.«

Sie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: »Ich kann ja selbst nicht. Hochwürden muß eine schöne Meinung von uns kriegen, Robert.«

Und wieder sagte der Kaplan ruhig: »Aber nicht doch. Ich bin nur froh, daß ich hier sitzen und alles mit ansehen darf.« »Ja, ja, Alice, er hat recht;« mit tränenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete plötzlich gähnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil. »Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzählen Sie uns etwas von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation ausnutzen.«

»Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie nicht betrübt, ernste Dinge zu hören. Gern will ich Ihnen erzählen.«

»Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrüben?«

Während die Tassen klirrten, das junge Hausmädchen in hellblauer Schürze Milch brachte, fixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner melodischen Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte Gast machte sich in einer sonderbaren Weise breit.

Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: »Du, hab ich dich verletzt.« »Na, na, laß mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt geworden.« Der Kaplan schob den Fauteuil zurück: »Ich darf mich jetzt verabschieden?« Robert drückte sich hoch. »Lieber Herr, Sie laufen weg. Die Sache eilt nicht; übrigens: wir gehen zusammen.« Alice, ein Knie über ihren Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorübersah. »Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich.« Sie gingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben der Chaiselongue, brachte mit kalter Miene Robert die dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Nägel ihrer linken Hand betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräftig. »Ja, das ist mal reizend,« fing der robuste Mann an, »daß ich einen richtigen Menschen treffe, ein Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir ist zwar wirklich nicht klar, was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind vorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.«

»Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen gehe.«

»Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. Alles an seinem Platz. Also, ich wollte Sie um einen Gefallen bitten.« Er hakte sich bei dem langen Kaplan mit seinem linken Arm ein. »Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen. Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie solch besonderer Mensch und schließlich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!«

Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes Schauspielergesicht zu ihm: »Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?«

»Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem Wort gesagt: es handelt sich um ein früheres Verhältnis, genauer gesagt, um mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr Kaplan.«

»Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfügung. Erzählen Sie mir von der Dame, welche Situation vorliegt. Lassen Sie sich die Besprechung doch nicht schwer werden.«

»Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und Dame und so, lieber Herr. Sie sollen mir das Mädchen abnehmen, wenn ich's denn mal rausbringen soll!« »Wie meinen Sie?« »Scheußliches Wort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der Geschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie sind Menschenfreund und mein Mann.« »Ach, was soll ich mit dem Mädchen machen, Herr von Wahlen; ich tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.« »Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt nicht. Ich muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich nicht sträuben. Sie können dem Freund Ihrer Alice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.« Sehr bleich und schmerzlich verzog der Kaplan das Gesicht: »Lassen Sie das, lassen Sie das, das sind schon nicht mehr Witze.«

»Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Entschuldigung, Hochwürden, ist so meine Art Witze, ist mir vorbeigeraten.«

Dem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust, seine Hände falteten sich vor der schüsselförmigen Vertiefung, die sein Leib war: »Was soll ich mit der Dame, mit dem Mädchen machen?«

»Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und schlagen ihr einen Nagel in jedes Ohr, dann steht sie bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von mir in flagranti erwischen.«

Der Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann flüsterte er: »Das sind gräßliche Dinge.« »Weiß ich.« »Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.« »Weiß ich.«

»Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrauchen Sie mich nicht, Sie lieben Fräulein Alice Dufoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht kränken.« Dabei sah er dem energisch ausschreitenden breitschultrigen Mann, dem der weiße Strohhut schräg tief in der Stirn saß, bettelnd in die zwinkernden grauen Augen. Sie schwenkten in die Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren vorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und grüßte oft. Er kicherte, nervös belustigt: »Etwas komisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie wollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir an ihr.«

»Und es erfreut Sie, wenn ich diese -- Sache übernehme?« Der muskulöse Herr im Strohhut blieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig aus der Kehle: »Na, sind Sie komisch; ich komme doch zu Ihnen damit.«

»Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber Herr. Verzeihen Sie mir. Aber gehen wir doch weiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das alles nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.« Immer wieder errötete er und wich den scharfen Blicken des Leutnants aus. »Mal keine Redensarten, Hochwürden,« damit klopfte er dem Kaplan auf den Rücken, »wir haben es alle nicht leicht. Wenn ich Ihnen erzählen würde von mir allerlei, Sie würden staunen.« Der Kaplan atmete freier: »Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen gut geht und wenn ich Sie nicht gekränkt habe.«

Leicht angewidert wehrte der elegante Herr ab; er streckte die Hand hin, schob den Kaplan beiseite: »Na, Schluß. Mal keine Redensarten. Auslagen ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie zu und trösten Sie sich, wir müssen alle unser Päckchen tragen. Das ist mal so im Leben. Auto! Auto! Puh!«

Das war eine andere Wohnung, als die Alice Dufoults. In einem westlichen Gartenhaus ein mäßig dunkler Korridor und dann ein langes, schmales Zimmer. Eine Petroleumlampe auf der Kommode; eine gelbe spanische Wand vor einem Bett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand. Vor dem Fenster der unbedeckte vierbeinige Ausziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer Untertaille und rotseidenem Rock hinter der Gardine und kaute einen Apfel. Sie hatte ein festes energisches Gesicht und lebendige blaugraue Augen. Ihre nackten massiven Arme waren weißgeschminkt, die Hände noch rot.

Als der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem Umschlagtuch greifen, rief aber gleich: »Immer rinn!« Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie riß den Mund auf: »Nanu, was ist denn das für einer? Sie sind wohl von der Heilsarmee?«

Der Kaplan murmelte seinen Namen. Sie winkte ab: »Bei mir ist nichts zu machen damit. Hier wird überhaupt nicht hausiert.« Lauter nannte der Kaplan seinen Namen, buchstabierte, trat mit dem Hut in den Händen näher.

Da kreischte sie auf, warf ihren Apfel, daß er zerplatzte, über den Tisch: »Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft leisten soll, bis Robert wiederkommt. Nu schläg's aber dreizehn, nee, kommen Sie mal ran, setzen Sie sich mal hin.«

Der Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht: »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, liebes Fräulein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes von Ihnen erzählt.« »Nu fangen Sie mal nicht aus die Ecke an. Sie, die Geschichte mit dem Verreisen glaub ich schon lange nicht. Das können Sie Robert sagen. Das ist eine Drückebergerei. Aber --« und da quietschte sie auf und schlug sich die Hände vor den Mund: »Menschenskind, wie sehen Sie bloß aus! Was haben Sie für einen katholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen auch nicht zu gehen.«

Peinlich berührt seufzte der Kaplan: »Sprechen wir doch lieber von etwas Schönem. Wie mir Herr von Wahlen sagte, lieben Sie gelbe Rosen sehr. Ich habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträußchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen Sie meine freundliche Gesinnung daraus erkennen.« Sie betrachtete ihn aufmerksam und mit Teilnahme. »Da hat Sie Robert aber schön reingelegt. Der Filou, das sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade nicht. Warum machen Sie sich aber bloß nicht wenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden sich noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jungen Mann gar nicht.«

»Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten Knopf auf.«

»Natürlichement. Mit etepetete kommt man bei mir überhaupt nicht weit. Wissen Sie übrigens Männeken, was ich Ihnen sagen will?« Sie kaute ihren Apfel: »Ich meine von wegen die Geschichte mit Ihnen und Robert: da liegt eine gemeine Schiebung vor.« Und sie fixierte ihn schlau.

Gequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und studierte vertieft ihre Züge; er äußerte ein paar stimmlose Sätze.

»Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lieber. Lassen Sie man sein. Sie sind Strohmann von dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit Damen, ist Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so deichselt. Was?«

Nach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der Herr im schwarzem Gehrock stockend fort: »Ich will Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne haben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum Teil nicht unbegründet.«

Sie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tischplatte, fuhr hoch: »Wissen Sie, Sie sind zum Piepen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, -- wie ist es dann mit der Vermutung?« Er verfolgte sie freudig, seine Stimme klang befreit: »Ja, das wäre ganz passend und es würde mir recht geschehen.«

Das Gelächter Berthas wollte sich nicht beruhigen:

»Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen Vogelnamen haben, Sie sind zum Heulen. So ein Gerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder mal den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man sitzen. Sie können einem leid tun. Ich mache Ihnen noch einen Knopf auf.« Sie stand mit ihrem bloßen Arm hinter seinem Stuhl, drückte ihn an seinen Schultern herunter: »Ordentlich rausfüttern müßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum Essen. Na nu sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's denn eigentlich mit uns? Wie sind wir denn beide dran? Sie mögen mich wohl nicht?« Er steckte zwischen ihren Armen; sein glattes Gesicht füllte sich, wurde gedunsen.

Sie ließ ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen Hut patschte sie ihm auf die Erde; ihn zog sie zu sich auf den Schoß. Er schluchzte leise. Sie sah zu ihm herauf; er drehte den Kopf weg. »Was hast du denn, Mamsell?« »Nichts.« »Nanu, du heulst doch.« Er schluchzte unterdrückt: »Es ist wirklich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.« Er lächelte seitlich zu ihr herunter. »Lang bist du, Mamsell. Komm doch mal runter zu mir. Runter mußt du.«

Sie ließ das hilflose Menschengerüst halb über ihre Knie rutschen. Bertha erstaunte: »Gotte doch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein propperer Kerl. Mal was Besonderes. Das ist ein feiner Gedanke von Robert gewesen, statt dem ausgebliebenen Geburtstagsgeschenk.«

Der Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den Knien wippte er gegen den Boden; er balancierte sich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte sich oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl, fiel wieder zurück. Sie bückte sich über ihn. »Soll ich dich mal ordentlich abknutschen jetzt, Mamsell, weil ich dich grad so habe; für die gelben Rosen, daß dir die Ohrlappen brennen? Was meinste?«