Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 3
»Schrei. Kriegst den Daumen drauf. Schreist? Also du ziehst meine Sachen an, gehst in die Ferme und holst das Mädel. Kein Mensch fragt nach dir.«
»Ich schrei doch.«
»Kriegst den Daumen.«
Der Soldat zieht sich, während er in dem Sandloch sitzt, atmet und wieder rosa wird, die Stiefeln aus, fragt unsicher, ob der andere einen Ausweis hat. Der taucht aus seinem Mantel, hat im Nu die Stiefel erwischt. »Drei Tage kriegst du meine Steigerkarte, für den Weg, für die Gendarme und so. Bis man raus hat, wo du steckst, bist du wieder da.«
»Meine Kluft.«
»Wirst du wiederhaben.«
»Alles?«
»Zehn Frank nachher.«
Beide frieren im Hemd, zusammengekrümmt im Sandloch, belauern sich, kratzen sich die Waden. Der schlanke, während er sich Armands Hosen anzieht, findet in der Hintertasche etwas Hartes, ein Messer, verlangt plötzlich fünfundachtzig Frank. Armand tut, als merkt er nichts, sagt zu und stellt den Fuß auf das Seitengewehr am Boden. Damit abgemacht.
Drüben knallt der Blessierte, der sie in den Chausseegraben setzen will, neben dem Wägelchen mit der Peitsche. Armand das leichte rote Käppi auf; Pioupiou schlurrt im Ledermantel, Blendlaterne am Knopf, zufrieden mit fünfundachtzig Frank Gold in der Faust. Wiedersehen hier in drei Tagen. Pioupiou tänzelt bartzwirbelnd in die Ferne, rafft den Mantel wie einen Damenrock.
Armand um den Wagen herum. Die Chaussee nach Nordosten. Wieder in die Gefahrenzone. Der Tag ist um. Scharf durch die gegenflutenden Menschenmengen, hinter Munitionskolonnen. Die Pferde stürzen auf dem Glatteis; Peitschen, Gewehrkolben über sie. »Dumm, Dumm« von rechts hinten; das Echo rollt »Dumm --« lang zwischen den Zähnen aus.
Kürassiere gehen ohne Pferd stumm jenseits des Bächleins. »Ich will zu meinem Regiment, Territorial-Ersatzbataillon 81.«
»Gibt's das noch, dein Regiment?«
»Territorial 81 Ersatz. Oha, oha. Wo werden die sein.«
»Bruder, komm mit, wir wischen aus. Ich weiß Bescheid.«
»Oha, oha, sein Regiment, 81 Territorial-Ersatz.«
Der Etappenaufseher, Unteroffizier, weißköpfig, schreit ihn durch ein Fenster am Torhaus an: »Sie hätten mit dem Zug fahren sollen um acht Uhr zwanzig von Craor. Ihr seid Drückeberger, Vaterlandsverräter.«
»Hier ist mein Paß.«
»Sie haben noch bis zum 26. Urlaub.«
»Ich verzichte.«
Ein Sanitätsauto rasselt an und trillert. »Den Mann mitnehmen.«
Unterwegs, als schon der hohe Granatengesang deutlich vor ihnen ist, lockert Armand heimlich den Drücker der Tür, denn er sitzt im Wagen auf der Trage; helle Angst, daß sie ihn zur Stellung der 81er bringen und entlarven. Läßt sich, als das Auto langsamer zu fahren scheint, der Weg dunkel und voller Lärm ist, rasch rückwärts in den Dreck fallen. Ein Radfahrer springt dicht vor ihm ab.
Heller Mond, durchsichtige Nacht. Rechts, links sanft ansteigende Hügel; glatt rasierte Abhänge. Chausseen in der Talwindung; an schwarzen geteerten Holzbaracken vorbei, Sägereien, auf vorgeschobenem Hügel eine drehende Windmühle. Weißer, flirrender Bündel von der Mühlenspitze nordwärts in die Nacht gebohrt, still sich kreuzend mit einem Schein, der von unsichtbarem Orte in die Finsternis sich schiebt und schleicht und verschwindet und plötzlich über das Tal mit aufblendendem Nebel schwimmt und kilometerweit abgleitet. Menschen, Wagen drängen auseinander. Armand mit einer Trainkolonne biegt links ab; bei Grandmoulin sind die Stellungen der Reserven und Louis Poinsignon. Matt ist Armand Mercier; er reitet auf einem Vorspannpferd und ißt Corned beef aus einer Schachtel. Immer neue Hügel. Wenn das Wagenknarren aufhört, »Hui -- i -- i -- iahh!« der Granaten, meckerndes »Päng --päng --päng« dazwischen. Die Eisschalen unter den Pferdehufen knacken.
Breit und lang die Chaussee. Nur die Munitionskolonne reitet hier. Dies ist der Weg zu Louis Poinsignon. Armand Mercier weint heiß vor Trauer, krampft mit der linken Hand in die Mähne des Tieres, zieht die Knie an dem atmenden Tierleib hoch. Wäre er zu Fuß, würde er sich haben hinsinken lassen und stundenlang nicht aufgestanden sein. Das Pferd trägt ihn zu Louis Poinsignon, der nicht da ist. Am Ende der Chaussee wird das Dorf mit dem Quartier sein, und Louis Poinsignon ist nicht da. Die Schwäche hält ihn auf dem Pferd; das trottet, hebt sich, senkt sich. Es geht wehrlos weiter durch die stille Chaussee. Hier kann kein Louis Poinsignon existieren, es ist unmöglich. Hier ist der Mann weggerafft.
Rot und röter loht von rechts der Himmel. Niedergebrochen blickt durch Tränen Armand Mercier auf den Himmel, stumm geradeaus bewegt sich die Kolonne. Seine Augen bleiben gefangen an der Röte, die hochdrängt, fast im Halbkreis des Horizontes. Mit Befremden, Bitternis und Abscheu betrachtet Armand den Flammenschein, die Chaussee, den vorüberziehenden Wald. Auf die linke Chausseeseite herüber biegt sein Zug, hält an. Und da rattert es vorbei, vom Dorf herunter, die hochtürmigen Transportautos, die strohgefütterten Wagen, die offenen ungeschützten Bretterwagen mit den Verwundeten, den zerschossenen Soldatenleibern, die angeblafft sind von den aufbäumenden Granaten, die stöhnenden, über deren Köpfe Mauerwerk gepoltert ist, die japsenden, halb erstickt aus den Giftdämpfen der Schützengräben gezogen, ausgestreckte Leiber in nicht endender Reihe hintereinander, in weiße Verbände geschlagen, durch die das Blut sickert, eine träumende delirierende Schar, der furchtbar drängenden Macht drüben aus den Zähnen gedreht.
Louis Poinsignon tot. Bevor das letzte Auto an der gebückt harrenden Kolonne vorübersurrt, ist Armand Mercier in den Wald geglitten. Wandert um das Dorf herum, er will nicht in das Quartier der Reserven. Von dem grauroten Flammengewölbe schmettert es in malmenden Lagen nieder, haushohe Feuergarben quellen aus der Erde. Eine Esse; Hammer, Amboß.
Schmerzvoll schleicht Armand Mercier aus dem Wald heraus; verstohlen Flüchtende auf allen Seiten um ihn; eine schattige Figur kommt über die Wiese gelaufen, hat einen weißgarnierten Hut in der Hand. Armand geht, ohne zu wissen, was er tut, neben ihr her, als sie zwischen die erste Stammreihe eingetreten ist. Das zarte Dämchen hat ein Plaid über der linken Schulter, ihr Rock ist bis zur Hüfte mit Lehm bespritzt. Sie sagt entrüstet: »Ich wohne in Roye; wir müssen fliehen, mein Vater und meine Schwestern kommen gleich nach.«
»Aber Fräuleinchen, Fräuleinchen Nini.« Er tatscht sie zutraulich.
Sie reißt sich ab, sieht ängstlich um sich. »Ach Gott, Herr Mercier. Aber Sie sind es.«
»Fräulein Nini.«
»Sehen Sie. Sie sagen nichts zu Hause. Ich bin erst drei Tage weg. Ich habe George besucht, meinen Verlobten, den Buchbindersältesten, George steht hier.«
»Mit dem sind Sie verlobt?«
»Heimlich. Sie sagen nichts zu Hause. Gott, ist das ein Zufall. Sie sind's doch wirklich, Herr Mercier. Ich wußte gar nicht, daß Sie einberufen sind. Bei welchem Regiment stehen Sie eigentlich.«
Armand aber wundert sich wenig. Setzt ihr den Hut auf, steckt die Nadeln fest, nimmt das Plaid und legt ihn ihr um die Schultern, dann nimmt er sie unter den Arm: »Kommen Sie mit.«
Sie lächelt ihn glücklich an: »Armand, ich habe gar nicht gewußt, daß Sie eingezogen waren.«
»Ja, doch.«
»Sonst hätte ich Sie auch besucht.«
Er den Kopf tief zwischen den Schultern wandert mit ihr ziellos durch den Wald. »Nini, man müßte etwas zu trinken haben.«
Er kneift sie und pfeift. Sie kichert ihn an: »Wie nett Sie sein können. Wissen Sie, Armand, im Krieg sind alle Männer viel netter.«
Ihre Augen schließen sich, während sie sich an Armand schmiegt. Sie sind in eine Lichtung getreten, ein Reiter kommt aus einem Seitenweg im Galopp auf sie zu, ein Feldgendarm. Sie stäuben auseinander; beim Weglaufen winkt Nini Armand zu, weist, wo sie sich versteckt. Nach einer Viertelstunde knackt es im Buschwerk neben Armand; Nini zieht ihn am Arm: »Tippel, tappel, tippel, tappel,« kichert sie; sie kommandiert, als sie sich, die Hände voraus, vorsichtig durch das Dickicht drängen: »>Mann, wie heißen Sie? Wo stehen Sie im Quartier? Wie können Sie sich hier mit einer Weibsperson herumtreiben!< Hab' ich gehört; mit George. Der Unterleutnant hat gesagt: >Daß mir keiner eine »Sie« bei sich hat. Ein Soldat mit 'ner Ziege saust rin.< Armand, glauben Sie, daß ich Mut habe?«
Sie blickte ihn erwartend an.
»Doch, Nini.«
Ihr Gesicht leuchtet auf: »Oh! Aber pfui, das reißt ja. Ich war bei George im Schützengraben. Es waren noch andere Fräuleins da. Als der Wachhabende es merkt und mich sucht, versteckt mich George; er will mich verstecken, aber er hat nur eine Kiste da, vorn an der Brustwehr, eine Brotkiste, wissen Sie, so ein langes hohes Ding. In die Kiste bin ich reingesprungen, wie ich war; er hat mich hochgehoben; lieber mich von den Preußen totschießen, als von dem groben Kerl anfassen lassen. Oh, der ist grob. Der weiß gar nicht, was er tut, so wütend ist er immer. Und auf mich hatte er es immer abgesehen, der schlechte Mensch. Denken Sie, Armand -- Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie Armand nenne? Sie sind doch heute so nett zu mir. Da bin ich oben zwischen den Steinhaufen in der Kiste gesessen, die hatte vorn ein großes Loch, fast wie ein Kopf groß, von einem Stück Granate, und ich sitze da oben und höre den Wachhabenden schreien und tuen und brüllen, er sucht mich im ganzen Graben. Und George hat immerzu geschossen, oh, der kann schießen, ein Mal hinter dem andern, am fleißigsten von allen; ich hab' nicht gesehen, wo er hingeschossen hat. Die Preußen haben nichts dazu getan. Ich habe mich auch gar nicht gefürchtet; ich habe immer zugehört, wie George geschossen hat. Er hat mir gesagt, er hätte keinen Preußen an mich herangelassen; zwanzig oder dreißig hat er totgeschossen in einer Stunde, bums, bums, immerzu. Nachher war ich ganz glücklich. Ich geh' bald wieder zu ihm. Oh, mir gefällt der Krieg.«
Lichtschein zwischen den Stämmen vor ihnen; er arbeitet sich mit ihr gedankenlos drauf zu; frieren beide nicht. Plötzlich zehn Schritt vor ihnen grell bestrahlter Boden; geöffnete Blendlaterne im Moos, erzählende Männerstimmen. Zwei Posten in weißen Pelzen, Gewehre hingelegt, lachen, treten von Bein auf Bein, schlucken, kauen, was sie aus großem, dampfendem Blechtopf neben der Laterne mit Fingern fischen.
»Der merkt nichts. Der weiß nicht mal genau, ob er seinen Topf noch hat.«
»Ein Schaf. Ich kenn' ihn dafür.«
»Wer sollte das kriegen?«
»Na, wer wohl? Na, rat mal! Wer kann wohl ein Huhn kriegen?«
»Na.«
»Na, rat mal. Immer derselbe. Immer derselbe dicke Vize; aus dem Lazarett stiehlt er hintenrum, wo er's kann. Nebenbei schickt er das Schaf auf Suche. Abends sitzt ihm eine gewisse auf dem Schoß.«
»Pass' auf, heut kontrolliert er Lazarettposten. Von mir findet er nichts.«
»Von mir nicht mal ein Knöchelchen; fress' alles reinweg runter. Er kann schnüffeln.«
Hocken hinter der Laterne, gießen sich gegenseitig Suppe in zusammengelegte Handteller.
Jenseits der Lazarettlichter hinten flackert es auf einmal, erlischt oft, es ist Stroh, Männer schütten von einer Erhöhung Bettsäcke ins Feuer. Armand kann sich nicht rühren; langsam hat sich Nini, während er hockt, über seine Knie an seine Brust gedrückt, atmet tief und gleichmäßig.
Der Posten, schluckend: »Pierre Chavanne aus meiner Heimat ist gestern gestorben drüben. Hat drin eine feine Sache gehabt. Also er lag mit einem Pariser zusammen auf einer Stube. Wie es Chavanne schlecht geht, sagt der Pariser: >Du, schenkst du mir nicht deinen Trauring? Nachher klaut ihn ein Wärter.<«
Anderer Posten: »Chavanne, war der verheiratet?«
»Nein. Verheiratet? Tu doch nicht so? Hast du keinen.«
Der andere schluckt verdächtig laut, murmelt: »Ich hab keinen, habe keine Furcht vor den Preußen.«
»>Also du schenkst mir den Trauring<, sagt der Pariser zu Chavanne; und kriegt ihn. Aber Chavanne wird dir wieder besser und den Pariser packt es derbe. Und wie der Pariser schon fast auf der Nase liegt, wird Chavanne ihn bitten und sagen, er soll ihm seinen Trauring wiedergeben und den von dem Pariser dazu. Der tut's auch. Mein Chavanne freut sich, guckt jeden Tag hin, ob sein Nachbar noch nicht tot ist. Jeden Morgen guckt er rüber, jede Nacht. Bis der Pariser auch wieder lebendig wird und nun Chavanne auf einmal solche Wut darüber hat, daß er dir einen Herzschlag kriegt, gestern mittag. Und mein Pariser hat beide Ringe.«
»Ist er tot, der Chavanne?«
»Ist tot.«
»So ein Dämlack.«
»Nein, alle beide Dämlacks. Ich hätte --«
»Sachte, sachte, psssst! Kontrolle!«
Gewehre hoch, Laterne geschlossen, getrennt zwischen den Bäumen durch.
Armand verträumt biegt die Arme. Die Kleine fest eingeschlafen, Kopf zurückgefallen; ihr Hut schwebt frei abwärts am gelockerten Haar. Sie atmet mit offenem Mund; durch eine Zahnlücke wird die nasse Zunge sichtbar. Als er den Hut gegen ihren Kopf andrückt, sticht sie die Nadel, sie ist gleich hoch und munter.
Wieder plappert es nicht weit: »Päng, päng, päng.« Wie Armand, das Mädchen am Arm, über den Topf marschiert und die Knochen in Bewegung kommen, fühlt er, schön frisch ist die Luft. Denkt: Louis Poinsignon ist tot und es muß schön sein so wie er zu marschieren, zu rennen, zu klettern, zu schießen. Braver Junge, Armand freut sich über ihn. Der Nini erzählt er von ihm, sie lobt den Louis auch. Gar nicht traurig ist Armand über den Tod Poinsignons; es ist wirklich gerade so, als wenn Louis, der Lange mit dem blauen Schal, tot sein müßte. Kaputt muß doch alles gehen; es liegt hier so in der Luft. Ran woll'n wir alle an den Tod. Armand und Nini haben ihren Spaß an dem »Dumm dumm«. Beide hungrig, kommen ins laufen. Armand bittet: »Spring zu meiner Kompagnie, frag nach dem Unterleutnant, aber komm bald wieder. Wenn er abgeschossen ist, bin ich froh, dann tret ich in die Kompagnie ein.« Beglückt läuft Nini. Und bei grauendem Morgen hört Armand, daß der Unterleutnant und viele andere gefallen sind, fremder Nachschub, fast nur Fremdes in der Kompagnie. Juchzt Armand Mercier, macht einen Sprung, beschenkt Nini mit einem Schmatz, sagt: »Adieu!« Am Mittag schippt er hinter dem Schützengraben, für den schlanken Pioupiou, der in der Ferme flirtet. Zwei Tage: Schippen, Essenholen, Wachen.
Bis ihm am dritten jählings die Hände lahm werden und ihm einfällt, daß alles schön und herzhafte Freude sei, aber schließlich ungewiß bliebe, was aus Louis Poinsignon geworden ist. Ihm ist gegen Mittag so drängend zumute und sein Gemüt so trübe verschleiert, daß er keine Ruhe findet. Muß seinen Tornister nehmen; ohne etwas zu sagen, die Knarre über den Buckel hängen und sich davonmachen. Und ehe er's sich versieht, ist er in der Nähe des Lazaretts. Man läßt ihn in die Wachtstube. Dann nimmt ihn ein Sanitätsfeldwebel mit, blättert in einem ungeheuren Buch, das auf dem Korridor an einer Kette auf besonderem Pulte liegt, dick wie ein Adreßbuch. Der glattrasierte Mann fragt, ob dieser Poinsignon Louis oder wie sonst geheißen habe. Und dann hört Armand, daß sein Freund am soundsovielten an Typhus gestorben sei.
Das wirkt gar nicht auf Armand Mercier. Grüßt stramm, geht und sagt sich: »Nun habe ich es doch herausgekriegt.« Erst in dem Wald, wo ihm Nini und der frische muntere Tag einfällt, an dem er zur Kompagnie gegangen ist, wird er betrübt, recht kläglich, als wenn er enttäuscht wäre. Zankt mit sich, hat Schmerzen im Kreuz; gar keine Freude werde ich mehr haben. Was hab' ich nun? Uniform und Schießknüppel. Keinen Sarg hab' ich von ihm; keine Leiche, nichts hat er mir hinterlassen. Sehr unfreundlich und ungnädig denkt er an Louis, der einfach gestorben ist, am Typhus, im Lazarett, womit sich nichts machen läßt.
Und in seinem Ärger marschiert er weiter, von ungefähr auf seine Stellung zu. Vergißt nach einer Weile ganz, daß er Uniform trägt, plärrt. Denkt an seine Heimat, an die Frau und Amélie, und das bereitet ihm alles solchen Gram, daß er nicht satt werden kann zu weinen. Weil er auch so sterben wird hier, an Typhus oder was sonst.
»Louis, Louis,« seufzt er und sitzt am Boden nahe dem Bagagewagen. Er ringt, mit sich beschäftigt, die Hände und schlägt die Arme auf und ab. Der Führer eines Wagens pflanzt sich vor ihm auf. Armand Mercier hört nicht, was der schimpft. Der Unteroffizier reißt ihn hoch, und unversehens hat ihm Armand, der ihm starr ins Gesicht geschaut hat, einen Faustschlag über die Nasenwurzel versetzt, setzt sich wieder neben das Rad, heftiger über sich und die Welt jammernd.
Wird nach fünf Minuten von vier Mann angefaßt, geschüttelt, Kolbenstöße. Auf freiem Feld wird er, Tornister angeschnallt, an eine Kiefer mit Stricken gebunden, Arme hoch. Zwei Stunden muß er stehen und frieren.
Zweite Stunde ist um; lahm und böse geht Armand vom Baum weg. Gewehr und Säbel hat man ihm abgenommen. Da will er nichts weiter als über die Wiese rennen, sein Gewehr haben, gegen die Preußen rennen und schießen, schießen. Wird jenseits der Gräben zur Arbeitstruppe gejagt. Der vordere Teil des Waldes wird umgekappt, Stammenden fest, Wipfel gegen den Feind, über- und nebeneinanderlagernd weit vorgeworfen wie angewurzelte Kavallerie mit Lanzen. Sein Arbeitstrupp schlägt mit Kreuzhacke und Wuchtbaum zwei kleine Forsthäuser nieder. Von der gefrorenen Erde hauen und kratzen sie Staub ab, füllen die Tonnen, Sandsäcke. Die Flüche der drängenden Kolonnenführer, Klatschen der verirrten Sprengstücke gegen einen Stamm, das erregte Arbeiten. Die Unruhe aller, das Umsichblicken, das Rückwärtsblicken. Dichter, näher schießt es.
Wald nach rückwärts bis zur Eisenbahnböschung gebrochen, trampelt Armand fluchend mit fünf anderen in die Schleusen-Kneipe hinter dem Bahndamm.
Ein Dörfler, Weißbart, Stahlbrille, zieht mit knickrigen Knien hinterher; Fiedel unter dem rechten Arm, in der linken Hand im blauen Taschentuch einen Igel. Wer ihm die Fiedel abkaufen will. Spielt gegen zwei Schnäpse auf Armands galgenlaunigen Wunsch Ländler auf; ein Pionier sagt zu seinem Nachbarn: »Wenn der Alte herauskommt, nehmen wir ihm die Fiedel ab.« Draußen gleich neben der Tür fliegt der Alte in einen Asthaufen, Fiedel und Igel im Taschentuch drüber weg. Gekreisch des Alten; der Pionier hat die Geige unterm Arm; vier Soldaten heran. Der Pionier zerschlägt in Wut die Geige an seiner Stiefelspitze. Gebrüll von drei Seiten, der Räuber droht dem Weißbart mit den Geigentrümmern. Armand rafft mit: »Ei, ei« den Igel im Taschentuch auf, will ihn unter seiner Jacke aufhängen.
Als er am Ellenbogen gefaßt, rechts herumgeworfen wird. »Lump, Lump,« schreit was, »da haben wir ihn, meine Uniform.« Der verliebte schlanke Pioupiou im Bergmannsmantel, Laterne im Knopfloch, Feldgendarm neben ihm. Das Gekeif. Armand herausgerissen. »Spion,« brüllt der gefesselte Pioupiou. Vor den Hauptmann in den Unterstand geschleppt. Der Gendarm stellt seinen schwarzen Säbel vor, er hätte den Pioupiou in Wirtschaften herumstrolchen sehn, mit einer großen Goldsumme, die wohl gestohlen sei; Pioupiou behaupte Soldat und beraubt zu sein von diesem Bergmann Armand Mercier. Pioupiou flennt; er habe allein ein Korbwägelchen gelenkt, Armand und drei andere seien dem Pferde vor Dizennes in die Zügel gefallen, hätten ihn dann in eine verlassene Ferme gelockt, ihm die Uniform ausgezogen; die drei anderen hätten Pickelhauben gehabt, große Pickelhauben, es seien Deutsche gewesen, und mit Armand Mercier Spione. Und das Gold? Das hätte er sich in einem Wirtshaus geliehen.
Armand Mercier grollt, brummelt vor sich, sieht wehmütig allen drei unter die Augen. Bückt sich nach vorn über seinen Bauch, um nicht den kleinen Igel zu drücken. Er will im Krieg bleiben, will nicht wieder an den Baum. Louis hat er schon verloren, nun nicht noch mehr. Ist genug dran gegeben. Verflucht den Strolch von Pioupiou, der ihm in die Quere kommt. Leugnet, als er von dem einen gehässigen Blick kriegt, steif, Armand Mercier zu sein, hier seine Erkennungsmarke. Sie überschreien sich, Armand bettelt, ohne den höhnisch lächelnden Hauptmann zu beachten, der mit seitlich gelegtem Kopf dem Gendarm abwinkt. Bis schließlich Armand, als er nicht fertig wird, an den Kerl herantritt, ihm die Faust vor die Nase drückt: »Und du willst ein ehrlicher Kerl sein?« Wendet sich wutgeschwollen gegen den Hauptmann um: »Bezahlen hat er sich lassen, mit fünfundachtzig Frank. Meinen Freund Louis Poinsignon wollte ich begraben, der am Typhus gestorben ist im Lazarett. Aber der da ist ein Lump, der zehn Stunden an den Baum gehört. Herr Hauptmann, so ein Lump und verruchter Menschenverderber ist das. Kein Kamerad ist der Ihnen, der Strolch.« Vor dem Blick des Hauptmanns weicht Mercier zurück. Beide drei Tage je zwei Stunden an den Baum. Befehl an den Feldwebel: sind bei den Pionierarbeiten an den vorderen Schützenlinien zu beschäftigen. Brüllend lacht der Hauptmann hinter ihnen her; Armand denkt, der hat den heiseren wütenden Ton in der Stimme; der wird auch bald fallen.
Beginn der Nacht bricht die Kolonne Armand Merciers aus einem zerschossenen Dörfchen hinter der Bahnüberführung auf. Pioupiou mit der Beilpicke im Zug. Voll Wut marschiert er hinter Armand, möchte ihn erschlagen für die zwei Stunden am Baume, Mercier weicht aus, wie er die Fußstöße von hinten kriegt; grollt dem Pioupiou nicht; lohnt nicht, hier fluchen; man muß sich schlagen, man wird fallen oder die Preußen werden fallen. Was der Igel für ein drolliges Tier ist; ei, ei; ein Igel hängt im Taschentuch unter seinem Waffenrock. Aus dem Dörfchen unterhalb des Bahndammes laufen zwei brennende Kühe; ein brennender Hund, tanzend, heulend, findet Asyl in einem klaffenden Pferdebauch, der zischt und qualmt. Die Schützengräben; gedrängt hinein hintereinander Mann hinter Mann durch die schmalen Verbindungsgräben, rechts links sich teilend, zusammenfließend; an den Latrinen vorbei, durch die völlige Finsternis, die Meldestelle mit den Telephonen, der stinkende gestöhnerfüllte Verbandraum. Jetzt die vorderste Reihe; in dem kurzen Licht der Taschenlampen werden die stummen Gestalten unter der Brustwehr sichtbar, in ihren lehmerstarrten Mänteln, den abgemergelten grauen Gesichtern, den hohlen Augen, die Gewehrmündungen in die Finsternis da draußen gerichtet. Lautlos über die Ausfallsstufen heraus, zwischen den Drahtgassen über Granatlöcher auf den ebenen Boden gedrückt vorwärts, Gewehr an der linken Schulter, Spaten mit Blatt unter der rechten Achsel. Horchposten vor der Front am Boden. Das Richtband. Heimlich gräbt die Schippe; nichts klappert, man wühlt, flüstert, ächzt im Finstern. Oh, naht etwas? Man flüstert, tastet seinen Nachbarn. Die Nacht vergeht, Horchposten zurück, Ablösung. In die eisigen Gruben rücken von hinten die Arbeitsreserven an, schleppen Eisenbahnschienen für Eindeckungen, Blech für die Scharten, Handsägen, Schrotsägen, Balleisen, Stoßäxte, Taue, Eisenklammern; Telephondraht rollt.
Da schmettern die ersten Lagen aus den Feldhaubitzenbatterien von drüben. Und dies ist der Moment des Sturms. Die hohläugigen Männer aus den Gräben sind alle herausgestiegen, ihre starren Mäntel haben sie abgeworfen. Überall sind sie in die graue Dämmerung heraufgestiegen, immer mehr quellen herauf. Sie haben an der freien Luft die steifen Grimassen von Sterbenden und Besinnungslosen. Sie sind wie Katzen, die in den Sumpf springen und ertrinken, vor Durst, vor Durst. Sie rennen gegen das schwingende leere Feld in einer blutroten Wildheit. Aber das ist nicht still, das Feld, das schweigt, atmet, wartet. Die kleinen Flintenlagen, die herankommen. Verlogener Köder; es sind mehr, viel viel mehr drüben, mit Speck fängt man Mäuse.
Da!! -- Radumm, dummdumm, päng-päng, päng!!
So ist es. Barmherziger Gott, das ist es also.
Wie schießen die Preußen. Die prasselnde Angst, die schreiende Wut. Weiter, weiter, wenn wir erst drin wären; nicht schießen, die Bajonette. Tornister weg, Mützen weg, Stiefel aus, den Kolben hoch.
Radumm, dumm, päng, päng.