Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten

Part 16

Chapter 163,703 wordsPublic domain

Da hatte man in ein sonst unbrauchbares Häuschen ein altes Männchen hineingesetzt, das dort allein wohnte. Einige Zeit, nachdem die Erregung über den Barbier verklungen war, verfaßte dieses Männchen eine Eingabe an das Padrutzer Amt, daß auch er in einem verhexten Hause wohne. Drei Türen gäbe es hier, alle, soweit er sehen könne, gut gezimmert und in Angeln befindlich, aber keine vermöchte er zu schließen. Soviel man an den Klinken zöge, die Türen fielen nicht zu, und er sei, soviele Schlosser er auch gefragt habe, nicht mehr imstande, mit privatem Verstand die Sache zu klären und sich vor Zugluft zu schützen. Zwei behördlich ernannte Schreiner wurden angewiesen, die Türen herauszunehmen, alles gut abzumessen, zurecht zu hobeln; ein Schlosser hatte von neuem das Schloß zu kontrollieren. Alles vollzogen, lief eine neue jammernde Eingabe des Greises ein: nichts sei geholfen, die Sache vielmehr erschwert. Bei den Bemühungen, die Türe zu schließen, hätte er sich schon die Füße zerschunden; dick seien sie und verbeult; nur in Filzschuhen könne er noch gehen. Man lud den klagenden Herrn auf das Amt; es erwies sich, daß er tatsächlich in Filzschuhen ging; auch waren seine Füße rot und in einem unschönen Zustand allgemeiner Schwellung. Die Berichte von Schreiner und Schlosser ging man durch, die Türen seien nunmehr vollkommen und fügten sich in den Rahmen wie ein guter Lobensteiner in das Gesetz. Der Schlosser resümierte sich: die drei Schlösser sind tadellos, täten schnappen und schließen, wie man wolle; alles sei freundlich und adrett, daß man seine Freude an dem artigen Ding haben könne. Aber die Füße des Greises sprachen dagegen; er trug nicht ohne Not Filzschuhe. Ein junger Beamter, ein Referendar, wurde damit beauftragt, Pantoffeln und Füße des Greises zu beschreiben, dann die Akten zusammenzubinden und mit dem nächsten Kurier nach Lobenstein an den Herzog Stoffel zu schicken. Stoffel, im Besitz des Manuskriptes, dachte lange über den Fall nach; der Verdacht der Hexerei war nicht von der Hand zu weisen. Ein Entschluß war eilig zu fassen, da man fürchten mußte, daß dem verdienten Greis die Füße gänzlich abgequetscht wurden. Er schrieb: Die Füße des Greises sind mit Speck einzureiben und nicht zu benutzen, bis sie sich verdünnt haben; das Häuschen schlage oder schieße man ohne viel Aufsehen zusammen. Der alte Mann geriet außer sich, als ihm dieser Entscheid wurde; er weigerte sich, sein Haus zu verlassen, und der gute Speck jammere ihn. So griff die Regierung zu einem Gewaltmittel, um den offenbar Lebensüberdrüssigen zu retten. Sie versteckte eines Abends sechs Mann in dem Häuschen und ebensoviel vor der Tür, alle scharf bewaffnet, um einen eindringenden oder entweichenden Schatten sofort zu stellen; sollte sich nichts ergeben, so wollten sie den Todeswütigen kurzer Hand im Schlaf packen, herausschleppen und das Gebäude anzünden. Als die sechs nun verstreut im Hause herumlagen, sollten sie die Sache in einer überraschenden Weise geklärt sehen. In der Dunkelheit schlurrte der alte weitsichtige Mann an, suchte auf dem Tisch unter Käsetellern, Zeitungsblättern und Kartoffelpellen nach seiner Brille; die fand er nicht, aber einen Teller und mehrere Gabeln warf er herunter, so daß er mürrisch davon abstand herumzukramen und in dem fast leeren Zimmer ab und auf spazierte; der Greis konnte offenbar nicht den Abstand der Gegenstände richtig schätzen, denn er ging forsch auf nahe Dinge los, auf einen Stuhl, gegen das Bett, auf das Fenster, rannte im Sturmschritt gegen sie an. Mit Bedauern sah die versammelte Mannschaft, wie der verehrte Greis in seinem Ungestüm Beulen und Blessuren davontrug und nach kurzem Ausruhen die Jagd von neuem begann. Nebenan lag eine Kammer. Die Beobachter stellten fest, daß der Interpellant mit einem gewissen Argwohn vor der Tür herumschritt, sich über seine Füße ein Paar ungeheure Wollschuhe zog, die ihm von der Regierung zur Verfügung gestellt waren. Ein kühler feuchter Zug kam herein von nebenan; er schien den Greis zu beschweren. Er wich der Zugluft aus, stellte sich vor die Tür, ging wieder seitlich und rückte abermals an. Man sah, nicht er war der Angreifer. Mit einem Sprung packte er die Türklinke und riß die Tür wie einen Bock bei den Hörnern. Aus den Ecken, unter den Sofas richteten sich blasse Gesichter auf, Gewehrläufe wiesen ihre Mündungen gegen den Kampfplatz. Pappelnd und murmelnd arbeitete der Greis, ein lautes Stöhnen schwang aus seiner Brust; aber wie er zog, die Tür ging nicht zu. Ein Ingrimm schien den alten Mann bei den Schultern zu schütteln; er trommelte und spuckte gegen die rabiate Tür, er trampelte mit den Füßen gegen die Füllung, und schon hatte er sie wieder bei den Hörnern und zerrte. Aber statt des ersehnten Einschnappens hörte man nur das Jammergeschrei des Geklemmten. Ein Führer der Mannschaft unter dem Sofa vergoß Tränen bei dem Anblick, es war ein klügerer Bauer, den das Unglück der Lobensteiner gewitzigt hatte; er sah wie der Alte sich zwischen Tür und Schwelle klemmte; ja, zwischen Tür und Schwelle stand der altersschwache Lobensteiner Mensch, mühte sich die Türe zu schließen und wunderte sich, daß unten seine armen gepanzerten Füße gequetscht wurden. Neben diesem Führer lag einer, der flüsterte: »Wir müssen ihm die Brille geben; er weiß nicht, wo er steht.« Der erfahrene lächelte wehmütig: »Die Brille macht's nicht.« Er räumte heimlich die Porzellansplitter vor sich weg, gab den andern ein leises Signal, während der gequälte Greis in den höchsten Tönen Zetermordio schrie. Dann schmetterte ein Soldat einen Teller gegen die Wand; in gellender Angst stürzte der Greis, der sich von seinem Quälgeist übermannt glaubte, auf den Boden. Und nun packten ihn die Soldaten, schleppten ihn vor das Häuschen, nagelten rasch die Haustür zu. Die benachrichtigten Nachbarn, hinaustrabend ins Dunkle, fanden den Alten bei halber Besinnung vor seiner Wohnung hingestreckt. Sie fragten ihn, was geschehen wäre; er jammerte verwirrt, tastete nach seinen Füßen, sie mußten alle seine Füße anfassen und sagen, daß sie noch dran wären. Er wurde von den gutmütigen Leuten, da er nicht zu seinem Sohn ziehen wollte, aufgenommen. Von seinem Wunsch, in dem Teufelshaus zu wohnen, war er geheilt. Die Nachbarn banden ihm seine Brille an einer festen Schnur um den Hals, so konnte er sie nicht verkramen; die Füße heilten sie aus mit Binden und lauem Fencheltee. Dem Herzog Stoffel wurde der erfreuliche Verlauf der Sache mitgeteilt; er war befriedigt, daß in seinen Landen sich nichts Überirdisches und Abnormes ereignete. Aber er sann doch ernst in dem hohen Vortragszimmer vor sich hin: wie rasch das Augenlicht der Menschen abnehme; ob es sich nicht empfehle, schon frühzeitig die Lobensteiner daran zu gewöhnen, eine Brille zu tragen. Freilich; es sehe nicht schön aus: aber man könnte vielleicht für die Füße der Bauern Vorsorge treffen; bei kräftig entwickelten Füßen des Greisen wäre es auf die Stöße der Tür nicht zu Schwellungen und Schmerzen gekommen. Schmerzlich sei ein Hühnerauge nur, wenn es vereinzelt vorkommt; dagegen breit ausgedehnt über die ganze Fläche des Fußes könne es nur wohltuen. Die Minister notierten ehrerbietig die Weisung.

In Padrutz wurde es Winter. Das Land hatte ein anderes Gesicht bekommen, auch das Volk sah anders aus. In Amt und Würden saßen noch die Lobensteiner Beamten, Registratoren, Oberregistratoren, Kirchenbehörden. Ihre Gaukler aber waren in die weite Welt zerstreut. Bei Fremden taten viele der Auserwählten Dienst, in Häusern, die ihnen selbst einmal gehört hatten, und waren damit zufrieden: denn überall in der Welt, so sagten sie, muß einer befehlen und einer gehorchen. Sonderbar waren manche anzusehen, die als Knechte Dung und Stroh fuhren und dabei nicht von ihren blaugrünen Schärpen ließen, mächtige Uhrketten aus Tombak trugen und allabendlich im Wirtshaus die hohen stolzen Lieder von Lobenstein und dem Stoffel sangen. Die Fremden, teils Böhmaken gewöhnlichen Schlages, teils ehemalige Padrutzer, blieben in der Minderzahl; sie behandelten die Lobensteiner wie große Kinder, aber auch boshaft, mit Ironie und als Ausbeuter. Wo die Fremden konnten, ließen sie die Lobensteiner ihre Dummheit spüren; sie engagierten sich aus ihnen Spaßmacher und Tölpel zur Belustigung der Familien. Darin sahen die Lobensteiner nichts; denn jene gaben ihnen Brot und Arbeit und waren ihre Herren. Die Fremden luden sich von weither, aus Prag und Wien, Gäste ein und zeigten ihnen ihre Tölpel, die großen gehorsamen Deutschen, die mit Bändern und Ringen einhergingen, von ihrem fernen Herzog sangen und die Windel der Kinder wuschen. Sie lockten auf jede Weise die eigentümliche Leichtgläubigkeit der Lobensteiner zutage, und hier ist wieder eine derart traurig-spaßige Geschichte zu melden und läßt sich schwer unterdrücken.

Die Fremden hatten einen Schornsteinfeger mitgebracht, der viel mit den Lobensteinern zusammensaß und sich an ihnen delektierte. Dieser erklärte eines Tages, er könne den Blitzschlag aus den Wolken herunterholen; er wolle eine Wette schließen auf zehn Gulden, daß er es vermöchte. Die Lobensteiner fanden, das wäre ein billiges Geschäft für eine so große Sache, schlugen ein und vertagten sich bis zum nächsten Gewitter. Als nach ein paar Tagen die ersten Wolken hinter dem Gemeindewald heraufzogen, stieg der Schornsteinfeger, ein langer Schlacks mit veilchenblauen Augen, auf das Dach des Wirtshauses und benahm sich da oben sonderbar unter Pfeifen, Flöten und Herumtänzeln, als ob er das Gewitter verlocken wollte. Wie er lange genug gewinkt hatte und halsbrecherisch seine dünnen Knochen über die Schiefer schleppte, standen auch ein Häufchen schwarzer Wolken über dem Dorf; es grollte recht vernehmlich, dicker blähte sich oben das finstere Getümmel, das Rumoren nahm erschreckende Formen an. Und immer noch ließ der Schornsteinfeger nicht ab zu locken, zu rufen, zu winken. Plötzlich riß sich der erste gezackte Blitz vom Himmel los, krachend warf sich der Donner hinterher und prasselte seinen Grimm aus mit Hall und Widerhall über Straßen, Türme und Giebel. Gleich nach diesem Vorkommnis tönte die Stimme des Schornsteinfegers herunter: »Teller herauf, Geschirr, Glas, Porzellan, was ihr mir bringen könnt.« Der Lobensteiner Widerpart unten im Gastzimmer kaufte in Eile dem Wirt ab an Flaschen und zerbrechlichem Hausrat, was sich entbehren ließ, schickte es nach oben durch eine Magd. Und nun hörte das Flöten auf dem Dache auf; zwischen den langsamen schiebenden Geräuschen der geballten Luftmassen, klatschte und klirrte es Schlag um Schlag in den Kamin hinein, auf den Kochherd, splitterndes Glas, zerknackendes und zerstäubendes Porzellan; in Angst schrieen die Gesellen in der Stube, sie verkrochen sich vor den Splittern in alle Ecken, unter Tisch und Stühle. Dabei schrie der Dachbewohner zum Himmel: »Hoho, so so, so so, noch einmal!« Immerhin erreichte er durch seine Maßnahmen schon, daß es im Umkreis nicht einschlug; noch aber brummten und kolksten die Wolken und hatten sich nicht entleert; und plötzlich fing es erst richtig an, das Unwetter, das mit grausamem Pauken- und Trommelschall um die kleinen Häuser toste. Da benahm sich der verregnete Schornsteinfeger wie ein Narr. Man hörte ihn jauchzen in den Pausen zwischen den Donnerschlägen: »Jetzt hab, ich ihn! Noch einen! Immer her, immer ran!« Den Moment, wo es am Himmel aufflammte, machte er einen Satz in die Höhe, sperrte die Hand auf, griff zu in die Luft und steckte die geschlossene Faust sofort in die Tasche. Einen Lacher stieß er aus, wenn es hell wurde, das Gewitter erschreckte ihn nicht, er arbeitete droben in seinem Element. Als eine längere Stille eintrat, rief er atemlos durch den Schornstein herunter: »Sepp,« so hieß sein Hauptgegner, »komm ran, faß zu. Schon hab ich ihn. Ich schick dir runter den ersten Beweis, ho ho, vom Blitz. Sollst sehen, ho ho! Ich hab ihn, ho ho, den Beweis.« Sepp stelzte vor, streckte die Hände und Arme aus unter den Schornstein, dabei duckte er sich etwas, weil es eine schwere Last werden mußte. Und während er wartete, regnete es herunter, eine heiße Flüssigkeit, immer über die Finger weg, und dann einige absonderliche weiche latschige Klumpen, die von den Händen und Armen Sepps herabliefen. Der stieg mit seinen Beweisen wieder ins Zimmer zurück, wagte sich erst verdutzt, wie er war, nicht an den Tisch, sagte unter der Hängelampe stehend: »Man möcht's für was Menschliches halten.« Die anderen Wetthalter krochen heran, hielten sich die Nasen, tupften hinein: »Aber brühwarm ist's noch.« Sepp bestätigte unsicher: »Wie das heiße höllische Feuer brennt's.« Sie standen mit dem Wirt um den betroffenen Sepp herum, der seine Arme und Hände von sich abhielt und sie mit den Augen alle um Entschuldigung zu betteln schien. Sie sagten: »Gekommen ist's doch von oben?« »Freilich von oben, ganz von oben.« Sie schwiegen und blickten sich an. »Jedenfalls waschen wir's mal ab.« Sepp verduftete. Sie saßen finster und zweifelnd um den Tisch. Einer fing an: »Na, und ob's nun menschlich oder nicht menschlich ist, irgendwohin muß es der Blitzschlag doch auch tun.« »Ja, ja in die Luft geht's da auch nicht. Bei keinem Kaiser und Herren geht das so.« »Das meine ich auch.« Der Schornsteinfeger rief durch den Kamin: »Ist's angekommen?« »Ja, ja,« riefen sie gemeinsam, »ist alles schön angekommen. Ist schon da, jawohl.« »Kommt noch mehr.« »Nein, nein, ist nicht nötig; es langt schon.« Trotzdem bemerkten sie bald darauf, wie es rumorte im Kamin und dunkle dampfende Massen in großer Menge niedersausten auf den Herd. Der Wirt nahm einen Knüppel und schrie herauf: »Hast nicht gehört, es langt schon. Glaubst ich werd' mir den ganzen Herd versauen lassen mit deinen Beweisen? Es langt schon!« »Nun also,« klang es zurück, »dacht' nur, sicher ist sicher.«

Als das Gewitter abgezogen war, kam der Schornsteinfeger pitschnaß vom Dach, stellte sich in die Stube und sagte: »Hier riecht's aber nicht schön.« Sepp meinte traurig: »Freilich riecht's. Sind die Beweise.« »So so, die Beweise. Da haben wir's, da ist es heraus; wie ich gesagt habe, die Beweise. Es ist deutlich zu spüren.« Und dann stellte er sich hohnlachend an die Wand, hatte beide Fäuste in den Taschen, sah sie aus seinen veilchenblauen Augen an und sagte kein Wort. Sepp fuhr trotzig auf: »Was lachst denn du?« »Weil du wirst zahlen müssen, Sepp. Was glaubst du wohl, Sepp, was ich hier habe in beiden Taschen? Hä? In meinen Taschen?« »Deine Fäuste wirst du drin haben.« »Und was werd' ich wohl in den Fäusten haben? Hä?« Sie tuschelten untereinander, der lange Schlacks ließ sich nicht beirren. »Zeig einmal her,« rief Sepp. »Das könnte dir so gefallen. Damit du's mir wegnimmst, davonläufst und ich kriege keinen Heller. Was ich in der Faust habe, hä? Ich habe ihn selber, ja, ja, ich habe ihn eben.« »Na zeig ihn doch.« »Den Blitzschlag. Ich hab, ihn geholt. Drüben die in der Scheune haben gesehen, wie ich ihn geholt habe; dreimal; einmal ist er mir vorbeigefahren.« Als sie nichts erwiderten, schlängelte er sich vorsichtig näher an den Tisch, langte eine Faust heraus und schlug sie auf den Tisch: »Jetzt sollt Ihr einmal sehen, daß euch die Augen übergehen werden.« Und wie er die Faust öffnete, hatte er darin eine kleine Schachtel aus Holz; und wie er den Deckel der Schachtel abhob, saßen in der Schachtel zwei kleine Käfer. Die Bauern schoben die Köpfe übereinander, starrten hinein. Der Schornsteinfeger riß den Mund bis zu den Ohren auf, triumphierend spießte er seine Finger hinein: »Der Blitzschlag.« Die Bauern staunten: »Es sieht aus wie ein großes Marienkäferchen und ein kleines.« »Man möchte glauben nach dem Anblick, es sind zwei Marienkäferchen.« Der Schornsteinfeger bekräftigte nach einem kritischen Blick: »Ja, es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Marienkäferchen. Aber schon der Gang ist anders; ihr hättet sehen müssen, wie sie gehen, wie sie fliegen. Ich mach's euch nachher vor wie das Volk geht. Ich habe sie mit der Waschleine fangen müssen, als sie grade aufs Dach fahren wollten. Ungestüm wie zehn Männer haben sie daran gezogen und wollten mich runter kriegen, aber, da sitzen sie, und ich steh hier!« Er holte die andere Faust aus der Tasche: »Da sind noch zwei; aber fest, fest muß man sie halten, sonst schlüpfen sie davon und explodieren.« Er steckte sie sogleich in die Tasche und trank Sepp das Bier weg. Sepp fragte: »Sind immer zwei beisammen?« »Immer zwei sind ein Blitzschlag. Aber groß wie die Bullen sind sie, wenn sie aufs Dach stürzen. Erst wenn man sie fängt und in die Schachtel tun will, werden sie klein.« Die Bauern waren ganz gedrückt. Der Schornsteinfeger schlurrte an die Wand, zog seine nasse Jacke aus, nahm einen wollenen Überrock; seinen braunen Kinnbart streichelte er vor dem viereckigen Wandspiegel, über dem ausgestopft ein Igel und ein Marder hingen: »Das ganze Ohr haben sie mir zerkratzt, die Untiere, die mörderischen.« »Na sag aber mal, du Turnmeister, was ist denn da heruntergekommen von oben, und der Sepp hat's in die Stube tragen müssen auf den Armen; da liegt's noch auf dem Herd?« »Ja, das ist gekommen -- man möchte sagen, wie es gekommen ist. Direkt ist es gekommen. Gekommen ist es von ihnen, wie sie mich nur gespürt haben. Sind einmal an den rechten geraten, die Untiere, die Landsverderber. Man möchte es Angstschweiß nennen. In ihrer Not ist es von ihnen gelaufen. Ich hab' sie grade über den Schornstein gehalten, damit Ihr was merkt.« »Oh ja, man merkt's. Daß kleine Tiere so stark schwitzen können.« »In ihrer Angst, in ihrer Angst.« Nachdenklich saß man bei offenem Fenster um den Tisch. Draußen tropfte es sanft, Der vielfarbene Regenbogen spannte sich über den Kirchturm. Sie fragten den Schornsteinfeger noch einmal, ob in der Schachtel also der wirkliche Blitzschlag säße; und sie wollten das auch schriftlich haben von ihm. Er gab ihnen den geschriebenen Beleg und sie bezahlten darauf die Wette. Als der Fremde fortging, saßen sie noch stundenlang beisammen, beobachteten, wie der Wirt wütend die »Beweise« vom Herd räumte; er schimpfte, es sei leibhaftiger Menschendreck und der Schornsteinfeger ein Durchtriebener. Sie legten Streichhölzchen in die beiden Schächtelchen, aus denen der Fremde je ein Tier herausgenommen hatte und stritten sich über den Gang des Tieres. Urteilen könne man ja über die Sache nicht, da nur ein Tier noch drin säße, aber der Schweiß der Käfer rieche sehr verdächtig. Der Wirt meinte, Sepp stinke so, aber Sepp blieb dabei, es habe seine Richtigkeit, die Käfer hätten einen beweiskräftigen Geruch, einen sehr überzeugenden Geruch. Und alle schüttelten an der Schachtel, schüttelten daran und suchten die Tiere zum Stinken zu bringen. Und dann wurde man grob gegen den Wirt, wies auf den Zettel und parlierte ostentativ über die Wunder dieser Welt. Bis der Nachtwächter blies und der Wirt kurz Feierabend gebot.

Solche Stücke blieben keineswegs ohne Einfluß auf die Lobensteiner. Die vielen Nasführereien machten die Leutchen kopfscheu. Sie nahmen etwas Mürrisches an, das ihnen sonst ganz fremd war. Das Mißtrauen schlich sich bei ihnen ein gegen alle Welt. Sie brachten einen summarischen Widerwillen hervor auf dies böhmische Land. Ihre Erbitterung machte sich in häufigen Schlägereien mit den Fremden Luft. Schließlich überkam sie der Unmut über sich in so verzweifelter Weise, daß sie beschlossen, die Nachbarschaft einmal gründlich allerlei kosten zu lassen. Das war ein Vorhaben, aus dem Nichts geboren und momentan feststehend wie eine bereits geschehene Tat. Agitatoren rollten in den Häusern mit den Zungen: »Sind wir Laffen, daß man uns zum Besten hält? Wir sind fröhliche Leute und tun unsere Arbeit.« Den Behörden gaben sie nichts kund davon. Die Frauen weinten, aber billigten die Sache. An zweihundert Lobensteiner kamen in den Wirtshäusern zusammen, trotzige ehrenhafte, wenn auch etwas langsame Männer, gute Bürger und Bauern; sie nahmen sich vor, in der Padrutzer Umgebung bis nach Olmütz hin totzuschlagen, was ihnen in die Quere kam. Einige kramten bedächtig ein paar Fähnchen aus, die sie aufbewahrt hatten von dem Herzog Stoffel und dem Auszug; man wies sie zurück und ohrfeigte sie, auch die, welche mit Bändern und Gürteln ankamen. Bei der Padrutzer Grafschaft lagen zwei große Ortschaften, Reutte und Kamsen. Da hinaus liefen die Padrutzer eines Morgens. Nicht schön waren sie anzusehen. Wie sie von ihrer Morgenarbeit kamen, stelzten sie. Viele trugen keine Waffen und Geräte; an den Armen baumelten ihre schweren Fäuste; die sollten Hämmer sein. Einige beugten die dicken Schädel und glaubten, die besten Sturmböcke da zu haben. Geschosse führten sie nicht, aber laufen konnten sie wie Kugeln. Wenn sie brüllten, sollte keiner Trommeln vermissen. Die, welche Waffen trugen, hatten sich auf ihre Weise versehen. Auf den Schürzen und Jacken schaukelten ihnen wie Hampelmänner die Bilder ihrer besten Heiligen, aus buntem Papier roh mit der Schere geschnitten. Einige sah man lose Wagenräder neben sich rollen; die waren an einer Speiche mit einem Strick befestigt; die Bauern wollten sie um sich wirbeln über die Köpfe und alles einklaftern um sich. Viele hatten weiter nichts bei sich, als das kurze breite Messer, mit dem man Schweine absticht. Rodehacken und Eisen von zerbrochenen Pflugscharen nahm man mit, ließ aber manches davon unterwegs fallen. Wie überhaupt der Zug der zweihundert Lobensteiner über den Grenzäckern von Stunde zu Stunde weniger kriegerisch erschien, so daß man sie bald gänzlich für betrübte Bittsteller halten konnte. Gegen Mittag, eine halbe Stunde vor Reutte, standen auf einem Acker zwei junge Männer mit Dünger in der Schürze; die grinsten behaglich, und zogen in demütiger Unverschämtheit ihre Mützen, als sie die Lobensteiner erkannten. Nach einer knappen Minute waren sie erstochen von den vordersten Wanderern, ohne daß die folgenden die Köpfe hoben. Ein paar Weiber liefen darauf unter entsetzlichem Gekeif und Händeschwingen querfeldein auf Reutte zu. Die Bauern hielten am Kragen fest zwei hitzige Kameraden, die mit Beilen hinter den Weibern her wollten. »Wir sind keine Füchse und Bären, daß wir springen.« Ein Viertelstündchen vor Reutte hörte man es blasen in dem Ort, wie wenn Feuer wäre. Als die Lobensteiner über die Brücke gingen, fing man an auf sie zu schießen. Wer getroffen war kippte rechts und links in das helle Wasser und kam nicht wieder hoch. Die Schützen von Reutte hatten sich in einigen Häusern dicht am Fluß verschanzt und schossen in Ruhe die vordringenden Lobensteiner ab; zwanzig kamen immer über die Brücke, acht warfen die Hände in die Luft, machten einen Bogen nach rückwärts wie Fische im Netz, und ließen den Boden unter den Füßen. Jenseits des Flusses im Ort fing das Schlagen und Morden an. Die von Reutte wußten nicht, was die Lobensteiner im Sinn hatten; darum hielten sie sich eifrig daran sie umzubringen. Man schob sich ineinander und suchte zu sehen, was sich machen ließ. Sehr langsam kamen neue Lobensteiner über die Brücke, und das war ihr Fehler. Denn die ankommenden Haufen wurden von denen drüben nur erwartet, empfangen, und nach einigem Stich, Stoß und Wurf auf den Boden gelegt. Die Reutter arbeiteten wie eine Walkmühle. Fünfzig bis sechzig Mann waren zum Schluß übrig von den Padrutzern, die blieben jenseits der Brücke stehen, drohten herüber. Die Reutter foppten und hetzten: »Späßchenmacher, Zigeunerchen, Zigeunerchen!« Wütend liefen sie davon: »Wir holen uns Gewehre!«