Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten

Part 15

Chapter 153,748 wordsPublic domain

Keineswegs war mit dem Abzug der sechs Schelme die Angelegenheit erledigt. Der Anführer der Wegekommission bemerkte schon bald, nachdem er die Schärpe angelegt hatte, einen eigentümlichen Geruch an sich. Er schämte sich, gab das Blasen auf und schwand nach Hause. Während er in Anbetracht seiner Auszeichnung würdevoll spazierte, merkte er doch, daß er hinterwärts tropfte und daß die Schärpe auch seitlich etwas sickern ließ. In seiner Kammer vor der Welt verborgen, stellte er fest, daß das bunte Tuch mit saftigen Kuhfladen gefüllt war. Er hätte drüber geschwiegen, nur seine Frau, die ihn im Verpacken der ungewohnten Massen antraf, meldete den Betrug dem Amtmann, und heimlich vor dem Volk wurden im Schoß der Padrutzer Regierung Nachforschungen, Verhöre und Beratungen angestellt.

Die Einwohner blieben ruhig. Man diskutierte öfter, ob der Fluch des Schneemännchens seine Geltung habe oder nicht. Die mit der Sache nicht Vertrauten berichteten ihren Bekannten, es seien Vertreter einer großen, fischfangenden Nation dagewesen, aber abgewiesen worden, die Lobensteiner gäben sich nicht für fremde Affären her. Während die Regierung noch beriet, ob die sechs Gesellen Musikbeflissene oder Spione einer der umliegenden Großmächte wären, verfiel das Volk in einen kläglichen Zustand. Das Geld, das die Leutchen wenig brauchen konnten, nahmen ihnen die Zigeuner und Gaukler weg. Viele Padrutzer kamen aus der einmal überkommenen Feiertagsstimmung nicht heraus; sie blieben bei ihren Großmannsmanieren, der Spaziergängerei und dem Wirtshaussitzen. Sie waren die Auserwählten und bewiesen es in mannigfachen Wettläufen zu jeder Unzeit; es ließe sich nicht dran rütteln, wie tüchtig sie wären, und sie lauerten nur auf den Moment, wo sich junge Burschen der Nachbarschaft hereinverirrten nach Padrutz, um sie einzuladen und mit Trompeten unterliegen zu lassen. Mit dem Hereinverirren war es freilich solche Sache; die Stachelzäune um Padrutz waren hoch, viele Fuchsfallen hatte man gestellt und schon waren an dreihundert Mann damit beschäftigt, die Gräben und schlau versteckten Tümpel anzulegen, in die sich Eindringlinge stürzen sollten; es stank im Umkreis nach dem Unrat, den man hier anhäufte. Reich waren die Seen und Bäche des neuen Gebietes an Fischen, starke Karpfen sah man sich tummeln, räuberische Hechte und sonstiges Schuppengetier; man griff sie heimlich mit den Händen; aber Netze besaß man nicht; es war außerdem noch nicht heraus und stand nicht fest, ob die Behörden den Übergang von Fleisch- zur Fischnahrung billigten. Schon stach der Hunger und man verschlang, was in die Hände fiel. Da liefen traurige Räsonneure herum, die geradezu behaupteten, sie könnten die Fäuste nicht dauernd, bis alle Materialien und Erlasse kämen, in die Tasche stecken, und die Glieder würden ihnen klamm vom vielen Herumhocken. Schöne Weinberge gab es in Padrutz; scharf fuhr die Polizei dazwischen, wenn sich solch Räsonneur an den Reben zu schaffen machte; er solle gehen, wo er hingehöre; welschländische Sitten hier einzuführen solle niemand sich unterstehen; man bliebe Lobensteiner unter jedem Himmel. So trockneten die Weinberge; aber auch die Äcker wurden schlecht bestellt und brachten wenig, herein durfte nichts, die Amtmänner, Kommissare fingen an, selber unruhig zu werden. Es starben Leute weg, weil sie schlecht ernährt wurden; die Kinder sahen blaß aus und quarrten. Die Kommissare faßten Mut, schickten Boten in die nahen Ortschaften, ließen Brot und frisches Vieh aufkaufen. Nachts saßen sie in Gebüschen bei den duftenden Tümpeln mit den Juden, die hier ehemals gehaust hatten, und handelten. Bei Tag taten sie streng, sahen übernächtig aus und benahmen sich zum Schein, als ob sie nicht übel getafelt hätten. Erlasse und Verbote liefen weiter ein; es besserte sich manches, aber das meiste ließ sich nicht ändern. Die Lobensteiner waren nur an Lobensteiner Verhältnisse gewöhnt, dazu an das Drängen und Schieben von oben; hier wußte sich niemand aus; sie trösteten sich, sie stöhnten: »Unsere Kinder werden es besser haben.«

Von der Unbehilflichkeit der Leute sind zahllose Geschichten im Schwange. Sie alle zu erzählen ist ein einzelner gar nicht fähig. Worauf die Leute verfielen, zeigt sinnfällig die Geschichte von der Kuh. Eine Mutter hatte ein kleines Kind, das sie mit Milch füttern mußte. Weil sie nun viel ausging und ihr Mann zu den eingebildeten Springern und Flaneuren gehörte, so legte sie das Kindchen oft im Stall in eine Ecke, damit sie es gleich zur Hand hätte, wenn sie die Kuh melkte. Bald schien ihr auch das zu viel; sie flocht sich ein Körbchen und band es der Kuh auf den Rücken; oben lag in einem Bettchen das Kind und sie brauchte sich nicht zu bücken. Damit nun die Kuh niemanden heranlasse und das Kind ihr nicht gestohlen werde, vergaß sie nicht, dem Vieh einen großen Stein an den Schwanz zu knüpfen, damit es Angreifern eins vor die Brust versetzte. Es hätte natürlich nicht viel gefehlt, daß statt dessen das unvernünftige Tier das Kindchen in seiner Unruhe schlug. Wie die Mutter am Morgen das Tier wild mit dem Schwanz fechten sah, -- sie hatte sich schon Bänderchen um den Kopf und eine rote Schärpe umgehängt, weil heute ein noch unbekannter Heiliger durch eine Prozession verehrt werden sollte, -- traute sie sich nicht an die Kuh heran, denn das schlagende bewaffnete Wesen schien es nun auch direkt auf sie abgesehen zu haben. Das Kind schrie nach seiner Milch und in ihrer Not und Einfalt holte sie sich einen kleinen dünnen Schlauch, stieg, von dem grimmigen Rindsvieh entfernt, auf eine Leiter, rutschte auf einem Dachsparren entlang, bis sie über dem Kindchen saß mit ihrer Spritze und ließ die Milch dem Kind von oben in den Mund fließen, sachte und unter vorsichtigem Zielen. Es versteht sich, daß das Geschöpf sich oft verschluckte und völlig begossen wurde; daß auch die Kuh hin- und hertrabte und nach den Beinen der schwebenden Mutter schnappte. Bei dieser Prozedur kam eine andere Frau an, blieb im Stalleingang stehen und schrie, die Mutter solle der Kuh ordentlich eins mit dem Schuh auf die Nüstern geben. Die Mutter tat es, und diesen Augenblick der Verblüffung des Viehs benützte jene Frau, um hinterrücks anzuspringen, den Schwanz zu packen und den gefährlichen Stein abzuschirren. Froh kletterte die Mutter abwärts, lief, um mit der Hand noch einmal die Schwere des Steines zu prüfen. Die Nachbarin aber hielt sie mit schlauer Miene bei der schönen Schürze fest, steckte den Finger in den Mund, und nun setzten die ungezogenen Weiber folgendes ins Werk: sie drehten sachte das Körbchen, aus dem sie das Geschöpfchen herausgehoben hatten, abwärts, ließen es an dem Strick, der um die Kuh reichte, heruntergleiten um die Bauchwölbung des Tieres, bis es unten hing. Da hinein versenkten sie den Säugling, nahe dem Euter und der frischen Milch. Sie schlüpften zurück und bewunderten von der Stalltür entzückt ihre Arbeit, und wie gut das Würmchen aufgehoben war an der warmen Quelle. Es wäre wohl alles so verblieben, hätten nicht die Kuh selbst und zwei daneben stehende Ochsen der Sache ein Ende gemacht. Das Kindchen noch naß, ließ sein Stimmchen aus dem wogenden Versteck erschallen; die Kuh, wahrscheinlich in der Meinung, daß sie Bauchrednerin geworden sei, stand stumm und unbeweglich, glotzte entgeistert und horchte. Die beiden Ochsen stellten sich herzu, senkten die Köpfe und schwankten zwischen Ehrfurcht und Mitgefühl, äußerten sich in einem ungeheuren Brüllen, fragend, antwortend, tröstend. Auf das unglaubliche Getöse lugten einige Männer herein. Diese klärten die Situation allseitig. Sie holten das Kind; dann nahmen sie ihre Hosengürtel und schlugen damit den Weibern ums Maul; vielfach holten sie aus; die eine verlor dabei ihre Bänder, die andere verwünschte ihre Schlauheit. Kuh und Ochsen fanden sich erleichtert.

Es wohnte da auch in einem dunklen Hause ein älterer Barbier. Der hatte von seinem Vater ein großes Ofenrohr geerbt, welches unten zugelötet war. Warum es zugelötet war, ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls stand es seit altersher in der Wohnstube des Barbiers. Eine besonders finstere Ecke wurde stets ausgewählt für das Ofenrohr; da hielt sich das rauchschwarze zylindrische Instrument auf, zwischen hochlehnigen Stühlen und Körben, die vergeblich suchten, den ungewöhnlichen Gegenstand zu verdecken. Das zugeschweißte Ding wurde von dem Barbier benutzt als Opferstock und vorübergehende Depositenkasse; wenn er etwas wieder haben wollte, so nahm er eine reservierte Schere seiner Barbierstube, deren beide Flügel durch mächtige Holzgriffe verlängert waren und ließ sie in die Tiefe nach der Beute schnappen. Oder er griff zu einem übermäßig gestreckten Löffel, scharrte und angelte am Boden. Die Röhre war mit nach Padrutz gewandert, in dem Barbierhäuschen hatte sie ihren angestammten Eckplatz gefunden. Einmal ging der Mann am Feierabend in die Ecke, packte die Röhre bei ihrer Öffnung, wippte und drehte sie leicht, ließ Schere und Löffel herabspielen. Aber wie sie auch schnappten, sie fanden nichts. Der angeschweißte Boden hatte sich nämlich gelöst von dem Rohr; Geld und Boden stand etwas entfernt auf der Erde. Er schob alle Kästen, Koffer und Stühle beiseite, rollte die polternde Röhre an das Fenster, richtete sie auf und begann das Visitieren von neuem. Der Schweiß lief dem kleinen kahlköpfigen Mann über die Nasenflanken, sein schmales graues Gesicht vibrierte: mit Löffel und Schere spazierte er auf und ab, umging seinen Tresor, ließ seine Füße dagegen pendeln; aber kein herzliches Geld klapperte. Wie er auch entsetzt und giftig über die Röhre herfiel, sie drückte und rüttelte, ihr Bauch blieb still, »es ist weg!« Er hatte vor einer Stunde noch die letzten Heller hinuntergeworfen, nicht aus dem Zimmer war er gegangen! Der Barbier lief zu seinem Nachbar, der sein letzter Kunde gewesen war, holte ihn in die Stube und fragte, ob er ihn nicht vor grad einer Stunde barbiert hätte nach allen Regeln seiner Kunst. Der schmunzelte: »Ei ja,« und seine Frau habe ihn bewundert, weil er so schön gerochen hätte und acht Heller habe er dafür geleistet: »Ei ja, ist schon alles recht.« Der Mann wollte dem Barbier wieder die Hand geben, aber der verängstigte Mensch hielt ihn beim Rockkragen: »Und die acht Heller, die hab' ich da aus dem Fenster geschmissen oder aus dem?« »Ei nein,« brummte der andere und nahm die Pfeife aus dem Mund, »wie wirst du denn meine guten acht Heller aus deinem Fenster werfen. Das Geld steht zwar schlecht im Kurs hierzulande, aber hast sie dir doch sauer verdient an meinen Stoppeln.« Er lachte behaglich, betrachtete seinen Mann zweifelnd. Der ließ den Rockkragen los. »Es ist weg, die acht Heller sind weg; die zwanzig Heller für Pomade sind weg; das ganze Geld vom langen Tag ist weg.«

Der Nachbar begütigte unverändert lächelnd: »Ei nein. Wie wird doch das ganze Geld weg sein, für die Pomade und das Barbieren? Wo wird es sein? In der Röhre, in der Röhre; bei der alten Tante.« Der Barbier auf dem niedrigen Schemel, der mit Blutflecken bedeckt zum Zahnziehen diente, stöhnte: »Nicht bei der Tante.« Resolut nahm der Nachbar Löffel und Schere vom Fensterbrett, suchte erst in der Ecke nach dem Rohr, stieg am Fenster in den Abgrund. Er machte den Mund nicht wieder zu. Flüsternd kam er hinter dem Barbier her: »Bist du nicht rausgegangen?« »Nicht rausgegangen.« »Giebst dein Wort drauf, Barbier?« Da pfiff der Nachbar, ging auf den Spitzen mit Löffel und Schere ans Fenster, legte alles vorsichtig nebeneinander, schlüpfte ohne eine Silbe, nur mit der Hand den Barbier leicht am Ärmel streifend, zur Tür hinaus. Allein saß der kleine Meister in der Stube mit der schwarzen Ofenröhre.

Nach einer Viertelstunde stiegen drei Männer unter Führung des Nachbarn ein, flüsterten mit dem Nachbarn, der zeigte: »Da am Fenster.« Sie hatten alle vier bebänderte Mützen in der Hand, taten sich ein Langes und ein Breites mit Dienern und Grüßen vor dem Barbier im Angststuhl, umstanden, Arme über den Leib geschlagen, im Kreis die schwarze stille Blechrundung. Der Nachbar klopfte dagegen: »Es ist Blech.« Die nickten: »Blech, von oben bis unten.« Als ein jüngerer die Fingerspitze nach dem Rand ausstreckte, hielt ihn mit hohen Augenbrauen ein anderer zurück: »Was mußt du gleich anfassen?« Der ernste Nachbar bog die Knie, stelzte zum Barbier, hauchte ihm gebückt ins Ohr: »Verhext.« Der Barbier stellte sich leicht zitternd unter sie; die drei neuen befühlten nacheinander das glatte Kinn des offiziell dreinschauenden Nachbarn, der auch seinen Geldbeutel klappern und drücken ließ. Im Gänsemarsch zogen sie hinaus, schüttelten draußen ihre Jacken. Vorübergehend sagte der Nachbar noch, nicht anrühren sollte der Barbier die Röhre; wer weiß, wenn man sie sich über den Kopf zieht, wird man unsichtbar und nachher findet man nicht heraus oder was sonst.

Am nächsten Morgen rückte die Bauernkommission an, sechs Mann stark, nahm vor der Tür den blanken Barbierteller ab, damit sie keiner störe und begann das Untersuchen. Zwei Goldgulden hatte jeder mitgebracht, darauf das Kreuzzeichen mit Kohle gemalt. Das graue Männchen rollte seine Röhre in der dunklen Ecke; dann wurde er beiseite gewiesen. Ein Bauer trat nach dem andern an die Höhlung heran, warf seine Gulden herunter. Man hieß den Barbier nun das Möbel ergreifen, und während alle beiseite traten, an das Fenster wälzen und aufrichten. Gewichtig trampste ein Bauer an das Regal, nahm Schere und Löffel herunter und fing an nach abgelegter Jacke zu scharren, zu angeln und zu schnappen. Es währte geraume Zeit, bis er abließ. Von allen Seiten versuchten sie ihr Heil, schweißtriefend scharrten sie sich um das wackelnde Rohr und unternahmen Angriffe. Nunmehr hieß der Anführer der Kommission den Barbier, das Rohr zu kippen; zwei Mann luden es sich auf die Schulter und postierten sich damit vor ihren Befehlshaber. Der ließ Platz machen und schaute in die Höhlung hinein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Als das Fenster geöffnet war, richtete er sich auf, schüttelte den Kopf: »Der Boden ist durchsichtig, völlig durchsichtig! Man sieht den leibhaftigen Himmel.« Die Übrigen nahten sich hintereinander, das Kopfschütteln und betretene Herumblicken nahm kein Ende: »Man kann den Himmel erblicken durch den Boden.« Der Barbier hatte die Nacht über geweint nach seinem Geld; nunmehr drückten ihm die Bauern einer nach dem andern die Hand, sahen ihn ernst und gefaßt an und verschwanden. Draußen standen sie noch in einer Reihe unter dem Scheunendach, guckten und zeigten nach dem Haus herüber. Bald hinter ihnen her spazierte der Nachbar mit Frau und Schwagersleuten herein zum Barbier, sie hatten die Kommission draußen parlamentieren hören und wollten einmal sehen, was die Röhre blicken lasse. Abwechselnd hielten sie das Blech auf ihren Buckeln; der Nachbar äußerte befriedigt: »Ja es ist ein schöner Durchblick.« Und alle sahen hindurch und freuten sich des schönen Himmels; und erzählten zu Hause, welch schönen Himmel man dies Jahr durch die Wunderröhre des Barbiers sehen könne, so daß am selben Nachmittag schon welche gelaufen kamen mit Würsten, Pulswärmern, Messingknöpfen, Schnupftabak und zu der Stube hereindrangen. Der wollte wissen, ob man auch fragen könne, wie es der Schatz mit einem meine, der, wie das Bier wird, der, ob das Rohr auch wisse, wo Geld vergraben liege; er wüßte nämlich ein sonderbares Loch in der Nähe. Der angestaunte Besitzer ging erregt durch das Zimmer: »Man muß halt alles versuchen: fragt's mich nicht. Die Haare können einem zu Berge stehen ob dero Geschichten.« Er erinnerte sich in all dem Gedränge, daß sein Großvater, der erste Besitzer des Rohrs, ein frommer, seliger, freilich auch verdächtiger Mann gewesen sei, sofern er nämlich unter merkwürdigen Umständen starb mitten beim Essen, nachdem er dreimal auffällig mit dem Mund geschnappt hatte. Das war ein Zeichen, er hatte etwas sagen wollen wegen des Rohrs. Ein altes Weib tat wehmütig einen flüchtigen Blick durch das Rohr, dann machte sie den Mund ganz schief, schluchzte und bellte: »Man kann den Himmel sehen samt den Englein. Mein Philipp ist da, ja mein Philipp ist da.« Ein dickes junges Wesen mit vielem Putz tröstete die Witwe, meinte: »Ich schau nicht durch. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen. Der Magen könnt' sich einem umkehren.«

Der Barbier machte hinter den Leuten die Tür zu; er stellte das Rohr in seinen finstern Winkel, legte das Ohr an das Blech; er hörte es deutlich flattern und pfeifen von vielen himmlischen Vögeln; dann gab es eine beängstigende Stille. Er warf einen Heller hinein, wartete etwas; dann kniff er die Augen zu, faßte sich ein Herz, angelte und schüttelte das Blech. Die Buben standen vor dem Fenster, schrieen: »Gold macht er, Gold macht er.« Er drohte hinaus, zog die Vorhänge zu, schmunzelte bösartig: »Nun, wenn ich schon Gold mache; ihr kriegt nichts ab, verschmutztes Gesindel.«

Mariandel hieß seine Tochter, sie war nicht sonderlich schön; sie erlebte in diesen Tagen eine feine Zeit. Die Burschen liefen ihr zu Dutzenden nach. Sie ließ ihre böse Zunge, wegen der sie auch gehaßt war, gehen, fischte sich die am meisten umschwärmten Burschen heraus und führte ein großes Getue mit ihnen beim Kirchgang und auf dem Marktplatz. Die Burschen, ob der drohenden fabelhaften Mitgift, ließen die Weinflaschen anspringen, schmeichelten der dürren eitlen Person um Schulter und Brust. Die Mädchen weinten zu Dutzenden. Ein furchtbares Regiment führte sie, ja der ganze Tanzhoden zitterte vor ihr, und manche Wirte klagten über das hochmütige Volk, weil die Barbierstochter den großen Schwarm der Burschen hinter sich herzog und sich nach Laune bald da, bald da blicken ließ.

Für den Barbier lief die Sache nicht gut ab. Ein anderer Bartscherer trug gegen ihn eine große Wut zur Schau, weil zu dem Zauberer die Leute liefen wie in eine Schenke; es hofften nämlich viele, der Barbier würde gelegentlich etwas für sie abfallen lassen. Jener Bartscherer gewöhnte sich in seinem Grimm ein besonderes Zucken der linken Backe an; er kehrte den Spieß um; der alte Barbier und Kollege sei ein Hexerich, und was für einer, und was es da zu bewundern und was es zu beneiden gäbe? Seit wann werden Hexeriche angestaunt? Wer garantiere, was dieser Mann alles vor habe? Alles, alles, noch alles! An euren Früchten soll man euch erkennen; man frage einen gewissen Wirt zum Goldenen Elch, wie lange sich nächtens eine gewisse unansehnliche Dame, Fräulein oder Jungfer, Mariandel geschimpft, in einem gewissen Garten mit Burschen aufhalte, heute den, morgen den, und übermorgen den umhalse? Wie gewonnen, so zerronnen, hieße es, und ferner: Untreue schlägt seinen eigenen Herrn, und ferner: es ist noch nicht aller Tage Abend. Der Widersacher, in seiner mageren Existenz bedroht, bestimmte einige ausgeschlossene Freiersleute, dazu eine kleine Horde unbegüterter Mädchen, sich ihm anzuschließen und einen Vorstoß zu unternehmen gegen das Hexen- und Zauberwesen im neuen Padrutz. Sie schmiedeten mancherlei Pläne und schließlich wurde ein Komplott reif gegen den Barbier. Eines sehr dunklen Abends rückte eine Schar Mädchen mit wenigen Männern in den Garten zum Goldenen Elchen ein, schwang Besenstiele und Stangen, vertrieb und prügelte die hinter Bäumen lauernden Burschen, die auf einer Wiese kosende Mariandel wurde aus ihren Träumen gerissen, windelweich gegerbt, alsdann gebunden in eine entfernte Scheune transportiert. Inzwischen marschierte der hetzende Widersacher mit seiner Mannschaft vor das Barbierhaus; ganz still war es da und schöne Sommerluft wehte; der gewandte Mann schwang sich anschleichend durch ein offenes Fenster, wand sich ohne zu poltern in die Nähe der gefährlichen Röhre und plötzlich, als er den Barbier schnarchen hörte, gab er einen lauten Schrei von sich, die Mannschaft stürmte herein durch die springende Türe. Eine rasende Schlägerei entspann sich mit Möbeln, Gegenständen, denn man fürchtete überall Hexenkram. Der Zauberer suchte in seiner Todesangst nach dem Rohr zu entwischen; sobald er nackt den Angreifern ausglitt und fortschlüpfte, stand der andere Pomadenkünstler drohend mit seinem Knüttel da, wie der Erzengel vor dem Paradies, und die Hiebe sausten auf den kollegialen Buckel. Wie man ihn im Finstern überwältigt hatte und zwischen Betten festgeschnürt auf den Boden legte, stürzte unvermutet das Rohr um; es hatte sich nämlich der Widersacher unter heftigem Zucken seiner Backe daran zu schaffen gemacht, um hinterrücks zu seinem Glück zu kommen. Aber in dem kleinen Zimmer purzelte alles durcheinander; mehrere rutschten aus über das rollende Blech; es war im Nu verbogen, und wurde von einem, der sich die Hose daran aufriß, in der Wut zertreten, zerbogen und völlig seiner Form beraubt. Nachdem die höllische Schar das Geschirr im Laden, Seifenbecken, Waschkanne und Zierkrüge kurz und klein geschlagen hatte, verschwand sie im Dunklen, von wo sie angeschwirrt war. Unter den heißen Betten wimmerte der geprügelte Barbier; die unansehnliche Tochter wurde vor Anbruch des Tages noch von drei Mädchen, die in ihrer Rachsucht nicht schlafen konnten, zwei- dreimal in einen der nahen Stinkseen getaucht und so besudelt am Ufer hingeworfen. Mit der nächsten Morgensonne ward alles aufgedeckt. Der Barbier erstattete Anzeige, er sah sich vor dem Ruin. Bei der ersten Vernehmung jedoch ließ er die Anklage fallen, denn er durfte nichts von dem Zauberrohr verlauten lassen vor der Behörde. So wäre der graue geplagte Mensch schrecklich von dem Schicksal gefoppt worden, nachdem er sein Rohr, viel Handwerksgeschirr und manchen Kunden verloren hatte. Aber wie er einmal auffegte in jener dunklen Stubenecke, sehnsüchtig bei der Erinnerung an sein Rohr, erfüllte sich ein Wunder: plötzlich lagen da, von Staub bedeckt, zahlreiche blanke Goldgulden und massenhaft kleine Heller. Auch der Boden des Rohres lag da, freilich das Trümmerstück war ganz gewöhnliches Blech und nicht mehr durchsichtig. Beglückt und gequält sammelte er alles zusammen; er dachte, am Boden hockend, den Fund im Schoß, was sich alles hätte erreichen lassen mit dem Rohr, wenn es sogar in der Abwesenheit an seiner Wohnstatt Geld hinstreute, wie eine Henne, die nach ihrem Tode noch Eier legt. Als er jegliches in Gedanken durchgegangen war, hob er sein mageres Körperchen auf, legte alles Geld in seinen Beutel, umstellte nun die Fundstelle, wie früher das Rohr, mit Kästen, hohen Stühlen und Gerümpel. Er gelobte in dem ungezäunten Revier über Jahr und Tag wieder zu fegen. Die mißachtete Mariandel wagte sich kaum ans Licht; sie war von ihrer Höhe gestürzt. Es dauerte lange, bis sie ihr Zünglein wieder entdeckte, und das Zünglein, nicht mehr als zehn Zentimeter lang, fünf breit und kürbisrot, half dem schweren verzagten Körper wieder auf. Mit Schnattern und Sticheln kam Mariandel wieder angerückt. Das Geheimnis der Ofenröhre hat bis heute kein Lobensteiner entdecken können.

Im Laufe von wenigen Monaten vollzog sich in Padrutz ein mächtiger Umschwung. Die Beamten, die das Volk zugrunde gehen sahen, duldeten bedenkenlos mehr, daß Fremde eingelassen wurden. Insbesondere war die Sehnsucht der alten Padrutzer groß nach ihrer Heimat. Philine schmeichelte zwar, sie möchten zusammenhalten, aber sie mischten sich mehr und mehr unter die Lobensteiner, wurden Gläubiger der lustigen Rheinländer und setzten sich nach und nach in ihre Häuser. An den Herzog Stoffel ließ man nichts verlauten. Er wußte nicht, daß nach einer scharfen Hungersnot viele Stacheldrähte entfernt und die Stinkseen eingetrocknet wurden, daß die Beamten die alten Landstraßen wiederherstellten. Ihn ehrte man nach wie vor mit den fröhlichsten Berichten und feierte seine Erlasse, die zweifellos nach dem Abgang der Kuriere in einen der Seen versenkt wurden, friedlich zu heimlicher Nachtzeit. Die Scheunentore, wie einstmals die alten Padrutzer, wagte man nicht zu behelligen. Was für Fälle man dem Stoffel in dieser Zeit zur Beurteilung und Anweisung unterbreitete, soll an dem Beispiel der fatalen Tür gewiesen werden.