Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 13
Und im Monat Juni, an einem schönen Sonntag, läuteten im ganzen lieblichen Herzogtum die Kirchenglocken, gingen alle Menschen in festlichen Kleidern, Musik und Tanz fing am frühen Morgen an; heute sollten die Lobensteiner ihre Wanderung antreten. Die Erwählten trugen blaugrünrote Bänder am Hut, die bis auf die Erde schleiften; das Rot war zu den Landesfarben hinzugekommen und bezeichnete das herzlich ersehnte Padrutz. Die Reisenden benahmen sich seit der Volksversammlung gerade so, als wenn sie das große Los gewonnen hätten; sie fühlten sich ganz als die Elite des Volkes. Einige hatten sich gleich nach jener Auslese Siegel und Stempel angeschafft, und wenngleich sie nicht lesen und schreiben konnten, so patzten sie überall, wo es ihnen gut dünkte, ihr schnörkliges Wappen hin, als wenn es ein Titel wäre. Die Auserlesenen hielten im ganzen Lande zusammen, hatten geheime Versammlungen und Beratungen, die nach außen immer damit endeten, daß eine Deputation an Stoffel abging und Treue über den Tod hinaus schwor. Stoffel sammelte solche Ergebenheitskundgebungen und klebte sie in ein Lederalbum ein, das er später seinen hohen Besuchern vorlegte. Ihre Äcker, Häuser und Güter hatte jene Elite längst verkauft und verschleudert. Den Batzen Geld, den sie bekommen hatten, verjubelten und vertranken viele, setzten Stiftungen für die hinterbliebenen Landsleute aus. Die vorsichtiger waren, schlugen öffentlich unter Lamento irgend einen Hund tot, zogen ihm jammernd das Fell ab und gruben den Leib in die Erde ein, nicht ohne heimlich ihr Geld mit in das Grab fallen zu lassen; sie hielten ihre Habe in dieser stinkenden Umgebung für doppelt sicher. Von Kurhessen her erfolgte damals ein großer Zustrom liederlicher Personen, die den vorhandenen Lobensteiner Übermut ausbeuteten; man sagte später nicht zu Unrecht, daß dieser Afflux staatlicherseits von Hessen begünstigt wurde; wo Lobenstein ein Abbruch getan werden konnte, war Kurhessen immer voran. Die Schankwirtschaften schossen in die Höhe, über Nacht bildeten sich Ruderklubs, Wandervereine, Keglerbünde und ähnliche Nichtstuereien, die sich mit einer Aureole von Heldentum umgaben und auf allen Plätzen breit machten. Allgemein hieß es in der Nachbarschaft: in Lobenstein geht die Welt unter.
Unter Böllerschüssen und Raketen setzte sich am Spätnachmittag der Zug in Bewegung. Sie mußten mit Pferd und Wagen und allem Gepäck erst den Rößleberg hinauf und dann in feierlicher Prozession an der anderen Seite herunter, wo der Herzog auf der Kuppe seines asiatischen Geschöpfs sie an sich defilieren ließ; der Herzog meinte, dieses Hinauf und Hinab mache sich weihevoll in der Abendbeleuchtung. Zweihundert Soldaten bedeckten den Zug mit zwei Batterien, hundert voran und hundert am Schluß; der Herzog selbst kam in einer sechsspännigen Kutsche nach und begleitete die Kolonne fünf Tage weit nach Deutschland hinein. Zigeuner, Diebsvolk, Dirnen, Gaukelspieler erwarteten sie an der Lobensteiner Grenze in Massen, sie umschwärmten den Zug wie Fliegen und Feldmäuse.
Sobald man über die blaugrünen Grenzpfähle hinausgeschritten war, veränderte sich rasch das Bild. Das lärmende Treiben verbot sich von selbst; man konnte nicht wissen, wie das von den anwohnenden Staaten aufgenommen würde. Das Einherspazieren mit Fahnen mußte aufgegeben werden; die Fahnen wurden sachte eingezogen und die ganze gestickte und bemalte Herrlichkeit fuhr man auf verdeckten Ochsenwagen hinterdrein. Die Gaukler und der ganze üble Troß roch frühzeitig den Braten, verzettelte sich, flirrte durch Deutschland, war lange vor den Bauern in Padrutz, wohin sie das Gerücht der drohenden Ereignisse trugen. Still und geduckt, nicht anders als sonst die Kuriere, mußten die Lobensteiner jetzt ziehen. Was war aus der schönen Staatsmusik geworden, aus den welschländischen Posaunen, wo lagen die Trommeln und Pfeifen, die man zur Reserve mitgenommen hatte? Nicht besser als eine gewaltige Diebs-Bettlerbande zog man einher, bei Nacht an den zweifelhaften Städten vorüber, bei Tag in Furcht vor jedem höheren Kirchturm.
Bei Kinzelheim im Bayrischen, nächst der Stadt Augsburg, gab es eine große Affäre. Kinzelheim war freie Reichsstadt geblieben und übte in seinem kleinen Gebiet eine Souveränität aus, die sich von besonderen Gesichtspunkten leiten ließ. Es herrschte da auf dem Magistrat neben den eigentlichen Magistratsbeamten gewissermaßen unbeamtet eine gelehrte Körperschaft, der alle Juristen, Professoren, Historiker, Ärzte der Stadt angehörten; an den Rathaussitzungen nahmen, das war Gewohnheitsrecht, immer vier, fünf der Gelehrten teil; sie schrieben sich gewisse autonome Funktionen zu; es war üblich, daß bei wichtigen Beratungen der Professorenpartei direkt Stimmrecht verliehen wurde und sie trotz ihrer privaten Natur eingreifen durfte. Nun waren durch die Napoleonischen Feldzüge, besonders durch die Truppenbewegungen nach Österreich zu, welche mit der Schlacht von Aspern zusammenhingen, in der ganzen Umgebung von Kinzelheim die Straßen ruiniert worden; die fliehenden Truppen hatten hinter sich von den Bergen herab Felsblöcke auf die Straßen rollen lassen; rücksichtslos war jede Brücke demoliert, Wegweiser waren abgerissen oder böswillig vertauscht; es herrschte um Kinzelheim ein kulturwidriges Durcheinander. Im Rathaus standen sich zwei Parteien gegenüber; die einen, es waren die Gelehrten, hielten den Zustand belanglos für die Entwicklung der Stadt; sie betonten die Kostspieligkeit der Neuanlagen, ja der Verfall der Straßen wäre opportun, weil er gleichsam eine Mauer um Kinzelheim setze und der Stadt ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten garantiere. Sie sahen nämlich mit dem zunehmenden Verkehr die Unabhängigkeit der Stadt gefährdet. Die andern von der Magistratspartei aber traten für Ausbau der Wege und freien Verkehr ein; hier ging man soweit, von Zollbündnissen mit Augsburg und der übrigen Nachbarschaft zu reden, von gemeinsamen Interessen mit Augsburg, gemeinsamen Wegebaukommissionen. Es waren die Händler, Krämer, Steuerzahler, die so zu Wort kamen, die glaubten, für ihr Geld auch etwas haben zu müssen; sie waren wie immer wütend auf die autoritativen Gelehrten, denen sie aber nicht beikommen konnten. Nachdem man sich beiderseits mancherlei vorgeworfen hatte, wurde der Streit durch eine Maßnahme des wegefreundlichen Magistrats auf die Spitze getrieben. Nämlich die Ehefrau eines Bürgermeisters hatte zu ihrer Steinkrankheit einen berühmten schwedischen Arzt, der sich Lysarius nannte, aus der Lausitz, wo er wohnte, zugezogen; der Fremde hatte damals nicht nur die Frau überraschend schnell kuriert, sondern auch durch sein kenntnisreiches weltmännisches Wesen sowohl Gelehrte wie Magistratler fasziniert. Als die Debatten über den Wegebau erregter wurden, faßte man im Rathaus den Beschluß, sich diesen Schweden zu verschreiben, er sollte sich rasch in die Materie einarbeiten und sagen, was er meine. Diese kompetente Persönlichkeit war mit vier Dienern angefahren, hatte sich über alles orientieren lassen und sich dann kurzerhand auf Seite der Gelehrten geschlagen. Er stöberte im Rathauskeller unter alten Büchern umher, las und kroch in die Kisten, bis sein langer brauner Bart voll Spinnweben hing, und entdeckte schließlich ein Edikt aus der Zeit Karls des Sanftmütigen, wonach alle Versuche, der Stadt Kinzelheim ihre Reichsunabhängigkeit zu nehmen, als Hochverrat zu bestrafen seien; als Strafe war für den mindesten Fall der Pranger genannt. Heimlich stellten nun die Gelehrten, die über den Fund des Lysarius entzückt waren, Nachforschungen nach dem Pranger an, sie konnten ihn aber in der Stadt nicht entdecken. So lange wollten sie nicht mit der Sache hervortreten. Erst als der Nachtwächter ein Liebespärchen auf dem Balkon eines verlassenen Hauses erwischte, -- ein Pärchen, das durch sein allnächtliches ungeniertes Schwärmen und Küssen Aufsehen erregte, noch mehr freilich Neid eines benachbarten hagestolzen Ratsherrn, -- kam man hinter das Geheimnis. Man sah, daß diese sonderbar schwebende Laube, dieses enge Asyl der Verliebten der ehemalige Pranger war. Noch konnte man die Richtschwerter sehen, die beiderseits an den Wänden aus dem Stein gehauen waren, noch bläkte oberhalb der Laube eine scheußliche Frauenmaske die Zunge; aber dem Pärchen hatte der schreckliche Wust nicht die Brust beklommen. Entschlossen holten die Gelehrten nach diesem Fund zu einem Streiche aus. Sie schickten, als die Ratsversammlung ohne sie tagte, Spitzel hinein in der Gestalt von Federschneidern, Sandstreuern, ließen auf Blättchen notieren, was ein Mann namens Schaffelhuber dort geredet hatte über den Weg nach Strunzelbach, und denunzierten den Schaffelhuber sowohl bei Gericht als beim Magistrat, da es sich um eine staatsfeindliche Angelegenheit handele. Sie verlangten Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person und nach dem Buchstaben Anwendung des Ediktes Karls des Sanftmütigen. In aller Form verlangten sie, daß sofort in den Etat einige hundert Goldgulden eingestellt würden zur Ausstattung und Wiederherstellung des alten Prangers. Die Erregung über das entschiedene Auftreten der Gelehrtenkorporation war allgemein; man war sicher, daß die Gelehrten noch andere Schritte planten. Der Name Lysarius' ging von Mund zu Munde; man amüsierte sich weidlich, was sich der biedere Magistrat für einen Floh ins Uhr gesetzt hatte. Am liebsten hätte der Rat ihn sofort ausgewiesen, aber man fürchtete, es mit dem Königreich Schweden zu verderben. Lysarius fuhr so stolz durch die Straßen; er war anzusehen wie die inkarnierte Arroganz, wenn er mit halbverschlossenen Augen die Rathaustreppe hinaufstieg; seine Diener in brauner Livree mit dem schnörklichen Wappen seines Herrn und dem schwedischen Löwen rissen vor ihm die Türen auf. Die jungen Männer in den Kantinen schlossen Wetten, wer siegen würde; die Bevölkerung begann sich zu gruppieren, auf den Straßen nach Gesinnung zu applaudieren und zu pfeifen. Die Gelehrten blieben dickfellig, sie traten mehr und mehr aus ihrer Reserve heraus und waren entschlossen, sich auf keine Konzession einzulassen und den Schaffelhuber auf den Pranger zu schaffen, koste es was es wolle. Da traf dicht hintereinander der Entscheid von Magistrat und Magistratsgericht: beide Instanzen lehnten ab, auf das Edikt Karls des Sanftmütigen zu rekurrieren, erklärten den Schaffelhuber für frei und gesetzlich; der Magistrat trieb die Sache sogar so weit, dem Beklagten, da er Steinmetz war im Privatleben, den Strunzelbacher Weg zur Pflege zu überantworten. Damit war der Krieg in brutalster Form erklärt. Die Gelehrten erließen Tags drauf eine Proklamation, die auf blaue zierliche Zettel geschrieben an alle Mauern angeschlagen wurde: Recht, Ansehen, Autorität werde in Kinzelheim zum öffentlichen Gespött gemacht, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei ruiniert, Magistrat und sein Gericht strebten nach Tyrannei; nicht anders könne daher die Parole von nun ab lauten als: Karl der Sanftmütige contra Schaffelhuber. »Lanzen heraus! Kinzelheimer, beißt zu! Euer Heiligstes steht auf dem Spiel!« Beide Parteien gingen mit glühenden Backen herum; die Magistratler waren gedrückt, weil sie ohne Hilfe der Professoren keine Gegenproklamation verfassen konnten, und das Elaborat der Gelehrten stach ihnen, wo sie gingen, mit seinem satten Meeresblau in die Augen. Lysarius, obwohl nur Fremder, wenngleich Schwede, ließ seine vier Diener mit sonderbaren Hellebarden bewaffnen; sie lungerten in den Straßen und tauchten überall plötzlich auf, wo Menschen vor dem künstlerischen Maueranschlag standen und einer sich anheischig machte, er wolle das Blatt abreißen. Im Rathaus schwitzten die Magistratler ihre Giftigkeit aus; auf sonniger Straße unter jenem Pranger ratschlagten mit großem Pathos die Gelehrten; die wüste Laube war die Rednerbühne; und der Beschluß, den man unter Abnehmen der bekränzten Mützen und Aufheben der Hände faßte, lautete: man wirft alle Staatsgeschäfte dem verräterischen Magistrat vor die Füße; Diplomatie, Gericht, Unterricht, Gottesdienst werden den Kinzelheimern genommen, bis daß der Steinmetz Schaffelhuber auf dem Pranger angekettet schreit und die Gassenjungen mit Kieseln nach ihm werfen. Die Gelehrten aber werden jeden Stein zählen, den er nach Strunzelbach legt und ihn heimzahlen. Sie nehmen feierlich nunmehr vor aller Welt den Namen »Karolinger« an; sie verlassen die Stadt und beziehen vor der Mauer ein Lager.
Und dies war der Zustand, in dem die reisenden Lobensteiner die Stadt Kinzelheim antrafen. Sie hatten schon vorher bemerkt, daß man sich einem besondern Stadtwesen näherte, denn weit und breit waren die Chausseen verlassen, Leichen gefallener Pferde verwesten auf den Straßen, die Äcker brach; eine drückende Stille in der ganzen Umgebung. Vorsichtig brach die herzogliche Avantgarde in das verzauberte wüste Gebiet ein; man mußte auf Strickleitern und Balken über haushohe Steine klimmen. Wenn eine Kompagnie sich an eine gefährliche Partie machte, stellten zwei, drei Mann die Nachhut, schossen: piff paff ihre Gewehre in die Luft ab, recht oft hintereinander, um den Anschein einer großen Armee zu erwecken, auch die Wandernden schossen, sobald sie die Hände frei bekamen. So gelangten sie nach drei mühseligen Tagen und Verbrauch vieler Munition an einen weiten Platz, dessen letzte Barrikade sie unter Geknatter überwanden, als sich ihnen unvermutet und erschreckend der Anblick eines mächtigen wimpelgezierten Lagers bot; Zelte waren aufgeschlagen, Feuer brannten, Tiere wurden getrieben, Menschen in unbekannten Uniformen mit wilden Feldzeichen wimmelten in den Gängen; lautes Geschrei und Brodeln von Stimmen schwoll. Stoffel, benachrichtigt, stieg aus seinem Wagen, schwang sich auf seinen Hengst. Da er von dem langen Sitzen im Wagen mutig geworden war, wollte er erst das Zeichen zum Angriff geben, zumal ihm sein Kammerdiener einen samtumwickelten Feldherrnstab in die Hand drückte, mit dem sich große und mächtige Bewegungen machen ließen. Im letzten Augenblick besann sich der Held aber auf die Regeln der Strategie, schickte eine Umzinglungsmannschaft von achtzig Soldaten ab; einem Leutnant, der eine gute Figur hatte, zeigte er dann den graden Weg über den morgenlich beschienenen Plan ins Lager der Widersacher, ließ ihm eine weiße Fahne geben und die Augen mit einem Taschentuch verbinden; denn Stoffel hatte gehört, daß ein Parlamentär nur mit verbundenen Augen sich dem feindlichen Gebiet nähern dürfe. Der Marsch des blinden Leutnants begann. Alle Lobensteiner mit Sack und Pack machten halt, Allein über den großen Sand tappte der Parlamentär. Oft stürzte er, manchmal, wenn er hochkroch, verfehlte er die Richtung und kam mit vorgestreckten Armen auf die Lobensteiner zurück, aber orientierte sich immer wieder an dem Brüllen der Kühe im Lager. Denn nach den Stimmen der Menschen hätte er sich nicht richten können; wenn auch zuerst eine rege Bewegung von den Feinden herlärmte. Bald ließ alles nach; diesseits und jenseits standen die Scharen stumm, auf einander gemauert, und beobachteten atemlos und staunend, was der Leutnant mit den verbundenen Augen und der weißen Fahne machte und ob er sich wohl zurecht finden würde. Die Karolinger hatten sofort erfaßt, daß er zu ihnen wollte als Parlamentär; Lysarius hielt es sogar nicht für ausgeschlossen, ja für wahrscheinlich und verkündete volltönig, daß man ein nordisches Heer vor sich habe, das ihm zu Hilfe eile. Sobald aber der Offizier in die Nähe eines Zeltes tappte, -- Stoffel strahlte vor Vergnügen, die Lobensteiner jubelten, -- die Fahne schwang und rief: »Wer da? Wer da?« wichen die Karolinger vor ihm aus; keine Stimme antwortete; er stand allein vor einer Lagerstange, die er abtastete, hörte dicht neben sich die Kühe brüllen, ein Hund sprang an ihm hoch, beleckte seine Hand. Den Karolingern schien der Vorfall im letzten Augenblick zu wichtig; sie waren fortgeschlichen hinter die letzten Zelte und wollten beratschlagen. »Wer da, wer da?« schrie der blinde einsame Offizier; ein ganzes Rudel Hunde bellte besessen um ihn. Als der Herzog von seinem Pferd aus diese Behandlung seines Abgesandten beobachtete, sah er darin eine schnöde Verletzung des Völkerrechts; er gebot Ruhe, schwenkte mit der Linken den Samtstab; die beiden Posaunen des Veronesen, die man rechtzeitig neben ihm aufgestellt hatte, bliesen und dröhnten mit warnender Gewalt über das Feld. Und während Stoffel den Degen mit der Rechten zog und an der Spitze von fünfzig Reitern dahingaloppierte auf die blendende breite Sandfläche tauchte auf der anderen Seite des Lagers plötzlich die Umzinglungsmannschaft vor den flüsternden Karolingern auf, warf sich in Schützenlinie hin und legte an. Nicht Lysarius war es, der in diesem gefährlichen Augenblick der höchsten Verwirrung, der Todesrufe das Unheil abwehrte, sondern ein älterer Gerichtsdiener. Diesem tat schon vorher der adrette Leutnant leid, wie er so oft hinstolperte, sich den sauberen Anzug beschmutzte und sich wehtat. Er war heimlich zu dem Offizier geschlichen, hatte ihm die Binde abgenommen, ihn unter vielen Beileids- und Koseworten abgeklopft; dann gebeten, an der Stange einen Augenblick zu verweilen. Er selbst lief nun mit der Fahne, die er hoch schwenkte, spornstreichs an die Beratungsstelle zurück. Wenngleich er die Fahne weniger schwenkte, um Friedensliebe zu zeigen, als um seine Freude an dem schönen echt lobensteinisch prunkhaft bestickten Instrument zu bekunden, so bewirkte er doch, daß man vorn und rückwärts halt machte, hüben aus dem Sande sich unmutig erhob und herüberlugte, drüben von den schäumenden Pferden absaß. Der Herzog selbst stolperte, die Hand am Zaum, neben seinem Schimmel her; er zog, von zwei Mann gefolgt, kaltblütig ins Lager. Der Parlamentär salutierte; in einer Lagergasse trat Lysarius an der Spitze von zwanzig alten Männern heran und rührte sich dann nicht vom Fleck. Rasch sprang der Parlamentärleutnant her, entwand dem verblüfften Gerichtsdiener die weiße Fahne; hin- und herwandernd zwischen den beiden starren Gruppen vollzog er Vorstellung und Annäherung. Bald stand Stoffel in einem leutseligen Gespräch mit Lysarius, der sich vergeblich als Souverän aufspielte, vom Herzog aber wegen seines langen Bartes nicht estimiert wurde.
Was die Lobensteiner, die nun in Scharen friedfertig und neugierig, anzogen, bei den Karolingern vorfanden, war so merkwürdig, wie sie nie erlebt hatten. Die Karolinger hatten sich mehr oder weniger fragmentarisch in geradezu vorweltliche Kostüme geworfen. Alles, wessen man in Kinzelheim habhaft werden konnte an Panzern, Arm- und Beinschienen, heldenhafter Maskengarderobe, legendären Perücken hatten sie an sich gerafft und trugen es am lichten Alltag. Da tänzelte mit einem Besen in der Hand eine junge Dame einher in grünem ungegürteten Kleid, blonde Haare bis auf die Hüften, von der Achsel an bloße Arme; sie fegte ein Zeltdach und war wie Thusnelda anzusehen, hätte sie nicht ein spitzbübisch kleines kokettes Mundwerk nach allen Richtungen hören lassen. Man mochte von Karl dem Sanftmütigen und seiner Zeit nur eine unklare Vorstellung haben, denn durcheinander hatten diese Historiker geschlitzte grellfarbige Pluderhosen an, Bärenfelle, die vielleicht sonst als Bettvorleger dienten, Lederriemen, Fuß- und Kniebinden, die aus der Südsee zu stammen schienen. Theatralisch stolzierten junge Herrchen in roten und braunen Togen; sie schnitten finstere, prähistorische Grimassen, ließen ihre gekräuselten oder aufgelockerten Haare von Zeit zu Zeit auf die Stirn und dann zurück in den Nacken fallen; sie lugten eifrig, ob ihnen einer mit Gefallen zusähe; keiner von ihnen hielt die rechte Hand anders als unter der Toga verborgen, den Dolch im Gewande. Friedlich spazierten neben der Römerin klobige Urgermanen, die ihre Stammesangehörigkeit durch mitgeschleppte Methörner mächtigen Volumens, Fellkleidung und rasselnde Armspangen kundtaten; die glatten Holzkeulen schwangen sie verbrüdert neben dem kurzen Schwert jener Gladiatoren; sie taten Wachdienst auf den Chausseen und vor den Stadttoren. Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten hatte seine Vertreter entsandt vor Kinzelheim; die Geistlichen gingen wie spanische Großinquisitoren in wallenden Federhüten, in engem schwarzem Talar mit Ordensketten. Nicht mehr brauchten die Pärchen sich nachts auf jenem verhängnisvollen Pranger treffen; sie legten die Gewande der klassischen Liebespaare an, als Hero und Leander begegneten sie sich und niemand konnte den Schlauköpfen mehr die Aufwallung klassischer und authentisch belegter Gefühle verwehren. In diesen heißen Tagen erstach sich zahllose Male die unselige Lukretia, Gemahlin des Königs Tarquinius Collatinus, nicht ohne vorher von einem der vielen Söhne des Tarquinius Superbus mit schmachvoller Gewalt umarmt zu sein. Den Lobensteinern wurde in der Umgebung schwül, mancher leckte sich die Lippen. Der Herzog aber bewies ungerührt materielle Gelüste. Er ließ zum allgemeinen Erstaunen seine beiden Kanonen auffahren zwischen Stadt und Lager, dann schickte er trotz der Vorhaltungen des Lysarius einige Männer in die Stadt, um in den Büchern nachzuforschen, ob eine Verwandtschaft zwischen ihm und irgend jemand, gleichviel auf welcher Seite, bestände. Er plante dann die andere Partei niederzuwerfen und einige Lobensteiner hier auf der Etappe anzusiedeln. Als sich nichts Verdächtiges ergab, der Herzog auch keinen sonderlichen Gefallen fand an der Stadt und der Umgebung, bestimmte er den Abzug.
Da zeigte sich bald, wie heimtückisch die Karolinger an ihm gehandelt hatten. Nämlich zwei tüchtige Lobensteiner Offiziere, darunter der Parlamentär, waren zu den Gelehrten übergetreten. Bei Gelegenheit der mehrfach geübten Ermordung einer gewissen klassischen Dame hatten die Opfer vor ihrem jeweiligen Tode die fremden Henker ausspioniert und die so erlangte Kenntnis schnurstracks bei ihren Vätern verbreitet; die Karolinger, noch wütend über das anmaßliche Auftreten des entschwundenen Stoffel, schickten alsdann Kundschafter weithin auf die Dörfer und Städte, warnten vor den nahenden Lobensteinern; die hätten wenig Geld, täten nur schießen und würgen und seien von einer ganz afrikanischen Wildheit. Sobald Stoffel hiervon Lunte bekam, trennte er sich zorngeschwollen von den Lobensteinern. Er kehrte mit achtzig Mann Bedeckung und einer Kanone um. Von nun an waren die Lobensteiner ohne ihren Herzog und vollendeten allein ihre Reise nach Padrutz.