Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 12
In Lobenstein, dem Herzog und dem Kabinett hinterbracht, verursachte die Meldung höchlichstes Befremden. Der Herzog tanzte in seinem blaugrünen Schlafrock hin und her vor seinen Ministern, er schrie den ganzen sonnigen Tag: »Da haben wir's, da haben wir's.« Als Ursache für die ganze erschreckende Angelegenheit entdeckte er gegen Abend, als er sich nach dem Mittagessen erkundigte und die Schloßtore zugemacht wurden, das Fehlen eines Erlasses über die Aufbewahrung von Edikten und Verordnungen in Kolonien. Wie aber am nächsten Morgen nach dem Kaffee zur Unterschrift dieser Erlaß hereingetragen wurde, saß der kleine Herzog schon auf dem Balkon in voller prächtigen Uniform mit wallender Schärpe, hohen Glanzstiefeln. Er trug ein rotes Jägerhütchen mit goldenem Trottelband, war in heiterster Laune; mit seinem Fernglas blickte er nach Kurhessen herüber und sagte zu dem verblüfften Kavalier: »Heute schreiben wir nicht, rühren wir keine Feder an. Heute wird geredet. Eins, zwei, drei, in einer Viertelstunde sind alle Minister da!« Die Minister stürzten Hals über Kopf aus ihren Häusern, banden sich noch im Laufen ihre Orden zurecht, zwirbelten ihre Schnurrbärte und probierten mit ein paar Versen ihren Stimmklang, denn seine Durchlaucht liebte es nur, wenn man mit tiefer kloßiger Stimme zu ihm sprach; das schien ihm respektvoll. Sie wischten in das Schloßtor herein, an den Schranzen vorbei; der probierte: »Guten Morgen, schöne Müllerin,« der lächelte: »Frei ist die Schweiz,« der gröhlte andächtig: »Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas, einen Fleck, einen Fleck auf der Nas.« Sie waren so im Eifer und mit ihren Vorbereitungen noch beschäftigt, daß nicht viel fehlte, daß sie seine herzogliche Gnaden begrüßten mit einem zarten: »Guten Morgen, schöne Müllerin« und melodisch »Liebchen, du hast einen Fleck auf der Nas.«
Der Herzog aber frisch gewaschen, adrett, in seiner strahlenden Uniform sah sie ungemein verächtlich und überlegen an; sie wußten sofort, hier war etwas geschehen, was vernichtend für sie war. Der Kloß sank ihnen in den Magen. Der vierschrötige Kriegsminister suchte abzulenken, indem er untertänigst fragte, ob Parade befohlen werde. »Nein, nein, mein Lieber,« winkte der Herzog ab, »lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig etwas da stehen. Ich sage schon alles.« Damit ging er mehrmals säbelklirrend an der Herrenreihe auf und ab; der knüpfte sich noch heimlich die Weste zu, der polkte sich den Schlaf aus den Augen. Er blickte sie von Zeit zu Zeit triumphierend an, winkte nach einer reichlichen Pause seinem Kavalier; er solle Wein, Gernsheimer Auslese, bringen lassen. »Trinken Sie nur, meine Herren,« ermutigte er; es war ihnen klar, er bereitete einen Schlag von langer Hand vor. »Na,« fragte er dann den kirschroten Kriegsminister, der einen viereckigen Mund hatte wie ein Nußknacker, und zwei Schultern, die aussahen, als hätte er sich zwei Prellblöcke unter die Uniform gestopft, »was denken Sie nun? Was fällt ihnen nun ein?« Der kaute nach einer Pause: »Die Gnade Eurer Durchlaucht.« Der Herzog zum dickbauchigen Kultusminister: »Na Ihnen wohl auch nichts?« Und dann lächelnd: »Dann trinken wir noch eins.« Der Kammerdiener, wie eine Eidechse, brachte jedem ein frisches Glas, es war Rüdesheimer. Der Herzog spazierte weiter, hob den Finger: »Unbesorgt trinken.« Dann: »Wie steht's nun, Herr Kriegsminister?« Als der nur mit den Fußspitzen wackelte und etwas Tiefergebenes brummte wie »Guten Morgen, schöne Müllerin,« schüttelte der Herzog nicht unbefriedigt den Kopf, daß seine Troddeln schwankten, blickte lange auf seine Reiterstiefel, wippte versuchend seine schmächtige Figur hoch, seufzte beendend aus tiefem Herzen: »Na, nu setzen wir uns, meine Herren.«
Er sah zu, wie sie auf den Stühlen Platz nahmen, bemerkte schwermütig: »Ein Herr nach dem andern; sechs Herren, sieben Herren. Ich bin der achte.« Er rückte gemütlich dicht vor sie, lächelte ihnen unter die Augen: »Ja, da sitzen wir nun, acht leibhaftige Herren, alles echte Lobensteiner, bis auf unsern Konsistorialrat, der ist noch aus Zeuthen. Ja, Sie sind aus Zeuthen, lieber Konsistorialrat, aber selbst Zeuthen ist nicht das Land, in dem Milch und Honig fließt. Machen wir keine Vorreden. Die Gebrechen meines Staates sind mir heute nacht durch den Kopf gegangen, die schweren Ereignisse, über die wir gestern konferiert haben, ließen mir keine Ruhe. Durch Politik und unvergeßliche Taten sind meiner Dynastie die Padrutzer Erblande zugefallen, und: da haben wir's. Die Sache funktioniert nicht. Das Land liegt zu weit von unserem Mutterland entfernt.«
Der Kriegsminister beugte vor: »Näher bringen geht nicht, aber ich möchte vorschlagen, systematisch und sukzessive die zwischenliegenden Gebiete zu erobern, die Armee ist bereit.« Der Monarch spitzte kühl den Mund: »Sehr richtig. Ist alles von mir schon erwogen. Wird für später geplant. Für den Moment schaltet dieser Punkt aus. Es liegt überhaupt nicht an dem Lande, meine Herren; es denkt gar nicht daran. Das Land kann im Mond liegen. Das Land ist unschuldig an dem ungeheuerlichen Affront. Sondern es liegt,« und da bog er sich über den Tisch vor und spielte seinen ersten Trumpf aus, »es liegt an den Menschen, an den bodenständigen leiblichen Padrutzern.« Die Minister blickten sich an, wie aus den Wolken gefallen, der Stoffel genoß ihre Verstörtheit, er donnerte siegesbewußt: »Ändern Sie die Padrutzer, so ändern Sie die Verhältnisse. Das haben wir übersehen, als wir das Land eroberten. Setzen Sie die Menschen hin, die gehorchen, so tritt kein Ungehorsam ein. In den Padrutzern steckt Gedankenarmut, Leichtfertigkeit, Rebellenblut, vom jüngsten bis zum ältesten. Ich rasiere das Land, schaffe mir ein neues Padrutz.« Der schattenhafte Konsistorialrat konnte nicht an sich halten; er schrie: »Es lebe Groß-Lobenstein, es lebe seine erlauchte Dynastie.« Die Minister, fortgerissen, schwenkten die Arme. Stoffel stand auf, klopfte leutselig einem der Herren nach dem andern auf den Rücken: »Meine Herren, wir werden uns nicht lange unterhalten; wir werden kolonisieren. Trinken Sie nur aus. Es ist guter Wein, selbstgepflanzt. Lobensteiner müssen nach Padrutz. Ich mache keine Vorwürfe.«
Die Vorhänge wurden heruntergelassen an dem Balkon; ein gedämpft angenehmes Licht herrschte in dem zeltartigen Bereich. Denn der Herzog liebte es, sich bewaffnet in Räumen wie auf einem Feldzug aufzuhalten. Man debattierte noch hin und her. Den Ministern wurden die Stimmen freier. Dies war der politische Auftakt zu großen, erregenden Ereignissen im Lande. Es erschien am nächsten Morgen, getragen von büschelgeschmückten Soldaten, unter Trompetensignalen, ausgerufen an den Straßenecken, auf den Feldern, ein herzogliches Reskript. Wie es sich begeben habe in Padrutz, wo die bestgemeinten Erlasse an die Scheunentore gehängt wurden aus barem Padrutzer Unverstand. Wie sich herzogliche Regierung bemüht habe, dort in dem fernen Gebiet Glück und Ordnung zu schaffen. Vergeblich, vergebens! weswegen, weshalb und warum nunmehr beschlossen sei, die tüchtigsten Lobensteiner Bauern geradewegs nach Padrutz zu verpflanzen, auf daß sie dort Wurzel fassen, keimen und Blüten treiben auf die herkömmliche Art. Rundweg: Volksversammlung auf dem Gänsemarkt in acht Tagen. Trompeten schmetterten, Ausrufer wischten sich den Schweiß ab, Bauern und Bürger zogen weiter.
Der Gänsemarkt war eine riesige Fläche Land. Da strömten nach acht Tagen, wie nur die Sonne aufging, die Menschen zusammen. Es war ihnen allen vorgeschrieben, was sie mitbringen sollten: den Bauern zwei Paar Stiefel, ein Paar dreckige fürs Land, ein Paar weniger dreckige für die Stadt. Den alten Weibern über sechzig je zehn Flaschen Pfefferminzgeist und Karmeliter, wenn ihnen üblig würde im Gedränge, jungen Weibern Brausepulver zur Beruhigung. Die Städter hatten Nahrungsmittel für zwei Tage und eine Nacht zu bringen; der Grund war nicht angegeben; bei den Ministerialbeamten aber war bekannt, daß man den Bauern das Schleppen der vielen Lebensmittel und noch dazu zweier Stiefelpaare ersparen wollte; man vertraute darauf, daß die kräftigen Bauern, wenn sich Hunger bei ihnen einstellen sollte, den Städtern das entsprechende Eßquantum wegnehmen würden, dazu den Weibern die Hälfte der Fläschchen. Man hatte Vorsorge getroffen, daß der Schutt und Müll des Herzogtums, der auf dem Gänsemarkt abzuladen war, schon drei Tage vorher zurückgehalten wurde; so daß also am Tage der Volksversammlung mächtige Massen anfuhren und den Kehricht dampfend und staubend zwischen die Menschen schleuderten; die Menschen, das berechnete man richtig, würden auseinander rennen und wenigstens um den Kehrichthaufen war kein Gedränge. Besonders viel Frauen und Männer mit Beingeschwüren, Hühneraugen und Krampfadern waren aus dem gleichen Grunde eingeladen worden und zwar planmäßig; man hoffte so Polizei zu sparen und Stauungen der Menge und großes Gedränge zu verhindern; die hühneräugischen Leute würden schon im Gedränge, getreten oder gestoßen, von Zeit zu Zeit ein derartig mordsmäßiges Geschrei erheben, daß sich die Menschenmassen wie Blasen von ihnen abheben würden, und so hatte man Fluktuation, Bewegung. Einzelne Dorfbehörden waren töricht genug, den Einwohnern ihres Bezirks Hängematten mitzugeben, zu bequemer Lagerung bei der Beratung usw., wobei sie ganz übersahen, daß auf dem Gänsemarkt keine Bäume wuchsen, abgesehen von zwei Wacholderbüschen und einer Radieschenpflanzung, welche der Frau Raspel gehörte. Es wäre noch sonst mancherlei zu berichten über die sonderbaren und einfältigen Vorbereitungen zu dem großen Fest; zum Teil zerschlugen sich diese Pläne; so die Absicht des Fürsten, sich dem Volk überhaupt nicht zu zeigen, sondern unnahbar hinter einem blaugrünen Vorhang zu thronen, der so groß sein sollte wie der ganze Gänsemarkt; man konnte in der Eile nicht genügend farbige Leinwand auftreiben; schließlich: wie hoch sollte der Vorhang sein, bis zum Himmel? Darüber zerfiel die Sache.
Das große Geheimnis des Tages war, daß bis zuletzt niemand aus dem Volk wußte, was man denn auf dem Gänsemarkt sollte. Kein Minister wußte es, nicht einmal der Fürst; weit gefehlt, das dies irgendeine der Instanzen beunruhigte, erhöhte es nur die Feierlichkeit der Stimmung. Es konnte nach drei Tagen niemand leugnen, daß die Sache außerordentlich drängenden Charakter hatte. In den Ministerien saß man schwermütig herum; man zog sich schon jetzt festlich an und trug sämtliche Orden; man blickte erregt zum Fenster hinaus und erschrak beim Knarren der Gemüsewagen; man trank in den letzten Tagen nur Rum und aß eine gewisse Sorte gepfefferte Roulade, die, von der Witwe eines bei Zeuthen gefallenen Feldwebels hergestellt, das Allerheiligste des Ministeriums darstellte.
Am Tage vor dem Ereignisse wurden die Sachen des Herzogs auf dem Gänsemarkt gründlich ausgeklopft; er selbst mußte währenddessen im Bett bleiben. An solchen Tagen schwebte der Herzog in der größten Angst, daß ein Attentat auf ihn erfolgte oder daß man sich unziemlich gegen ihn benehmen könnte, denn wie Simson in seinen Haaren, fühlte er sich nur in seinen Kleidern geborgen. Heute rief er rasch die Minister in sein Schlafzimmer, befahl, seinen Holzelefanten, auf dem er Paraden abnahm, neu anzustreichen, und irgendein vertrauenswerter Mensch solle statt seiner während des ganzen morgigen Tages sich auf dem Ungetüm aufhalten; er selbst werde auf dem Pferde sitzen, so daß also das Volk nicht aus dem Staunen herauskäme, daß sein Herrscher einmal auf dem Elefanten, das andere Mal auf dem Pferde säße. Dies sei eine Überraschung, die er sich für morgen ausgedacht habe; es würde ein gewisses überirdisches Aufsehen geben. Die Minister bemerkten, das wäre ein grandioser Einfall, sie würden alles recht in die Wege leiten.
Alles kam wie vorausgesehen; die Bauern brachten zwei Paar mehr oder weniger dreckige Stiefel, die alten Weiber tranken Anis, die Hühneräugigen schrien und der Mist dampfte. Dann gab's ein Lamento, weil die Bauern mit den Hängematten nach Bäumen suchen gingen und sich überall Weg bahnten, und als sie keine fanden, rechts und links beschuldigten, man hätte ihnen zum Schabernack die Bäume ausgerissen. Schließlich zogen sie über den Gänsemarkt hinaus, wo hinter den ersten Straßen ein kleiner Park war, da hingen sie ihre Gurte an, legten sich hinein, schimpften gewaltig, daß sie nun nichts von der Versammlung hätten und die Häuser ständen ihnen gänzlich im Wege. Ein weiterer Trupp drang ganz frech in das herzogliche Schloß selbst ein und mußte mit Gewalt daraus verjagt werden; in ihrer Verfügung stand, sie sollten nicht vergessen, dem Herrn Herzog guten Tag zu wünschen; und weil der grauhaarige Bauernführer meinte, sein Gedächtnis wäre schon schwach, wollten sie es gleich bei der Ankunft abmachen. Man aß und trank und raufte sich; das Wetter war sehr schön. Als gegen Mittag alles verzehrt war, die Bauern sich in den Hängematten ausgeschlafen hatten, wollte alles zufrieden nach Hause gehen. Da sprengte der Fürst aus dem Schloß hervor und schrie: »Halt!« Rasch sagten die Bauern: »Guten Tag« und latschten weiter, waren guter Dinge, daß alles vorbei wäre und ihnen nichts zugestoßen. Der Herzog rief nochmal: »Halt.« Und in demselben Augenblick tauchten an den vier Seiten des Platzes mit erschreckendem Ernst Trompeter auf, schwenkten Fahnen, und neben ihnen blitzten gepanzerte Herolde mit riesigen schwarzen Schalltrichtern, die tuteten: es sollten alle Obacht geben auf den Herzog; er wolle jetzt die Tüchtigsten auswählen, die nach Padrutz, dem gesegneten Lande, übersiedeln dürften.
Sofort entstand große Zwietracht unter den Leuten. »Wer der Tüchtigste ist,« gifteten sie, »das wollen wir mal sehen!«
Sie ballten sich zu Haufen zusammen und bewegten sich nicht. Sie hielten sich fest an den Röcken. »Keiner läuft hin zum Herrn Herzog. Das machen wir erst unter uns ab.«
Und so standen sie mit funkelnden Augen in zusammengeknäulten Horden, bissig einer den andern einklemmend.
Plötzlich keifte und keuchte einer: »Was drückst du mich so. Willst mich wohl schwach machen?« Der andere: »Hältst mich für deinen Affen, daß du mir ein Bein stellst? Nimmst du das Bein weg!« »Laß du deine Hand von meiner Schulter.« »Reingeschmettert kriegst du eins, daß du Matthäi für Ostern hältst und deine Backen für eine Kesselpauke.« »Wo die Kesselpauke ist, wirst du bald besser wissen, als wo dein Maul steckt.« Und rasch sausten die Hiebe. Die Fesseln lockerten sich. Zwei stürzten in den Kreis hinein. Die entfernteren bekamen es mit der Angst, daß die beiden sich für die Besten hielten und hier ihren Entscheidungsmatsch ausfochten, ließen ihren jeweiligen Gegner los, sperrten um die Kämpfenden mit ihren Leibern ein Gitter. Rockzipfel, Kragen wurden frei. »Haut euch!« hetzten sie, freuten sich und griffen sich dabei eisern um die Taillen. »Nicht rauslassen, nicht heraus!« Zwei andere stürzten sich aber in den Kreis, Vettern der Kämpfer, ergriffen Partei, wieder andere wirbelten wie Häscher hinterher, einige lauerten im Hintergrunde. Und diesen Moment benutzten ein paar lange Kerle, die sich schon vorher bedeutsame Winke gegeben hatten, rasten wie die Windhunde davon zum Herzog. Ein Wutschrei der Hinterbliebenen, eine kurze Starre. Dann wälzte sich das strampelnde schlagende Feld über den Markt, mit Knuffen, Stoßen, Würfen, Purzeln. Die beiden Boxer blieben allein, bearbeiteten sich das Fell, blickten plötzlich um sich, schrieen, gaben sich verloren, verprügelten sich noch einmal in Verzweiflung und Ingrimm, schleppten ihre Lächerlichkeit über den Gänsemarkt.
Bei den Leuten, die mit den Hängematten gekommen waren, herrschte von vornherein Eintracht; sie sagten zueinander: »Wer mag wohl der Tüchtigste von uns sein, hä? Sepp, lauf du!« Und der lief. Damit waren sie zufrieden und sahen sich alles in Ruhe an.
Der Herzog Stoffel saß in seiner prächtigen Generalsuniform auf dem Pferde. Die Minister hatte er auf den Balkon geschickt, damit sie ihn gehörig bewunderten. Blindlings sprengte er in die Menge, geradenwegs und in Bogen sauste er, fünf Offiziere neben ihm. Er schwang den Ehrendegen, den ihm sein Kabinett nach der Okkupation von Padrutz überreicht hatte, und schrie: »Hierher die Tüchtigsten, hierher!« Er ritt den Menschen voran, die ihm wie eine Meute Hunde folgten. Wie der Blitz notierten die landeskundigen fünf Begleiter die Namen derer, die zuerst Hals über Kopf angeschossen kamen.
Ein Jammer war bei alledem der Anblick biederer Bürger. Diese würdigen Männer traten sonst ansehnlich als Seifensieder, Tuchverkäufer in ihren Läden auf, drückten sich als Bürokraten gewichtig den Hosenboden durch. Der Herzog sah sie stehen, spannte sich in dem Bügel hoch, schwenkte ihnen den Degen zu. Die Ehefrauen keiften und stießen sie: »Lauft doch.« Sie drehten sich verlegen, schielten hochrot um sich, probierten unglücklich ihre Beine auf dem Fleck. Die Frauen schrieen: »Er ruiniert uns, er ruiniert Frau und Familie; die Kinder müssen betteln.« »Wo müssen denn die Kinder betteln?« »Wir verlieren alles. Sieh, der kleine Drogenmax von drüben läuft schon. Zieh dir die Stiefel aus, Vater.« Stoßseufzend ließen die Väter mit sich geschehen: »Gott mit uns;« sie sockten davon.
Sooft Stoffel den Haufen wachsen sah, gab er den Offizieren einen Wink; sie schwenkten um und horridoh! ging die Jagd einen unerwarteten Weg über den Markt. Während er am Balkon vorüberritt, riefen die Minister herunter: »Es gibt Schwierigkeiten, Durchlaucht.« »Warum?« »Die Stadt wird leer.« »Lassen Sie mich nur machen,« rief er im Feuer seiner Tätigkeit zurück, galoppierte weiter. Und während die Minister sich stritten, reizte, lockte unentwegt sein: »Hierher die Tüchtigsten, hierher!«
Einen drolligen Eindruck machten die Kaufleute, die sich nach und nach bis auf die Hosen entkleideten und sachte Bogen auf Bogen abschnitten von einem Kampfplatz zum andern. Sie trabten ruhig und geduldig. In dieser trägen Art liefen ganze Gilden zusammen nebeneinander; es hieß immer an der Spitze: »Jetzt geht's dahin. Jetzt geht's dahin.« Während sie zuerst vor Eile die Blicke nicht von dem Boden nahmen, sahen sie jetzt gelassen um sich. Sie waren ganz friedlich, amüsierten sich: »Die Hutmacher habens aber mal eilig. Immer mit der Ruhe.« Bei diesen Kämpfern verbreitete sich das Gerücht, daß es überhaupt nicht auf die Schnelligkeit ankomme; solche Dummheit habe herzogliche Regierung nicht vor, sondern auf die Qualität des Laufens, die Beherrschung der Gangart. Die Vorsicht in der Bewältigung des Geländes, überhaupt auf die durchscheinenden Charaktere. Der Herzog wolle auch sehen, ob sie zusammenhielten oder nicht. Und so explodierte von Zeit zu Zeit, wenn der Herzog mit Halloh an ihnen vorbeiflitzte, aus der Mitte einer geschlossenen Mannschaft ein kerniges: »Hoch die Dynastie!« »Hie gut Lobenstein!« Dieser friedliche Wettstreit brachte ein gewisses männlich ruhiges Element in das Hasten und Jagen.
Inzwischen vollendete der Herzog sein Examen. Die großartigsten Evolutionen ließ er sein gesamtes Volk machen, die Masse folgte in stufenweiser Behendigkeit. Der Staub schwebte über dem Markt, die Luft hallte von Schreien, Brüllen, Juchzern. Unter dem Trampeln wogte der Boden; der Schweiß eines ganzen Volkes machte die Luft feucht.
Vor dem Palast, zur Seite des Balkons, stand der hölzerne Elefant, sein Leib war grün bemalt, die Augen rot, die Ohren schwarz und weiß; das Gesäß hatte man planvoll angestrichen mit den Farben Kurhessens. Oben im blaugrünen Zelt saß ein einsamer Lobensteiner und ließ es sich gut sein beim Weine, hochbeneidet von den wissenden Ministern. Der Herzog hatte das Arrangement längst vergessen und brauste in heller Begeisterung an seinem thronenden stummen Widerpart vorüber.
Dann war der Streit beendet. Steifbeinig stieg Stoffel vom Pferd. Über tausend Namen standen auf den Tafeln. Das treue Volk wurde entlassen und nach Hause geschickt. Während sich tosend das dunkle Feld leerte, plumpste eine reife Frucht vom Elefanten herunter ins Gras: »Jetzt kommen wir; hierher die Tüchtigsten, hierher!«
Nun verstrichen Wochen, während derer das ganze Land unter den Vorbereitungen der Padrutzer Reise stand. Keine Kuriere wurden mehr dorthin geschickt; man überließ die Padrutzer sich selbst; der Stoffel sagte, sie hätten kein anderes Schicksal verdient. Den Padrutzern schwante nichts Gutes; sie dachten bei der eingetretenen Stille an die blanken Gewehre zu Lebzeiten der seligen Philine, nunmehrigen Fouragehändlerin zu Prag. Die Schultheiße und ein großer Teil des Volkes machten heimlich Hab und Gut mobil, um, sobald das Massaker losging, Reißaus zu nehmen. Der Bischof von Prag, von Philine gedrängt, schickte den Schultheißen durch Sendboten seinen Segen, verhieß den Padrutzern für schwierige Fälle freies Asyl.
In Lobenstein waren mit Weib, Kind und Kegel an dreitausend tüchtige Menschen auf die Beine gestellt, um nach Böhmen zu reisen. Festliche Gottesdienste fanden allerorten statt. Eine Woche vor der Abreise veranstaltete der Herzog eine große Feier im Schlosse für die Obrigkeiten des Landes. Es kam bei dieser Gelegenheit auch die Frage der Musikinstrumente zur Entscheidung, die gelegentlich während des langen Marsches geblasen werden sollten. Nämlich verlockt durch die vielen sonderbaren Begebenheiten, Feste und Affären in Lobenstein war damals grade eine südländische Musikkapelle an dem Hof eingetroffen, welche dem Herzog enorm imponierte. Sie brachte mit aus Verona ein wunderbar gebogenes Horn, auf dessen einer Biegung ein schlafender Bernhardinerhund in Silber angebracht war, ferner zwei verschiedene Posaunen, die je einen tiefen kräftigen Ton von sich gaben und wie Fernrohre von den Musikern vor die Münder gefahren wurden auf einem Holzgestell mit Räderchen. Der Herzog hörte sich bei schönem Wetter täglich die neue Musik an und schalt auf die einheimischen Künstler, die den Auszug der Kolonisten mit Trommeln und Pfeifen begleiten wollten, was er im höchsten Maße ordinär und direkt gräßlich fand. Als er bei der gedachten großen Feier wieder die Südländer lobte, erklärte der bullenbeißige Kriegsminister untertänigst mit massivem Kloß, daß sich die Instrumente anhörten wie das perpetuirliche Leibweh und in Gegenwart von Frauenzimmern leicht unziemlich wirken können. Der Herzog aber, der sich die Nase putzte, fand, es höre sich an wie das Rülpsen und Röcheln eines Zugstieres voll Kraft und Zufriedenheit; soweit die Posaune. Das gebogene Horn freilich mit dem silbernen Bernhardinerhund keifte erbärmlich, und man könne dies nicht anders vergleichen als mit dem Schmerz eines eingewachsenen Nagels am Fuß, günstigsten Falls wirke es beunruhigend wie ein Faserchen Fleisch nach der Mahlzeit, das zwischen den Zähnen stecken geblieben sei und sich mit dem Zahnstocher nicht fassen lasse. Dazu fiele ihm zum Überfluß jetzt auf, daß das Ding verschiedene Töne blase, welche wechselnden Äußerungen für ein Instrument von so gewaltiger Größe wie eine Armbrust ungehörig seien und bei Bürgern und Bauern leicht schlechtes Beispiel gäbe. So wurde bei der Gelegenheit allein die welschländische Posaune in die Lobensteiner Staatsmusik aufgenommen, das Horn aber, trotz Anerkennung seiner unglaublichen Biegung und prunkvollen tierischen Ausstattung, blieb den Fremden überlassen zu ihren übrigen Kinkerlitzchen.