Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten
Part 11
Es lag ihm nichts an ihr. Nun sollte sie gerichtet werden. Sie war ihm gleichgültig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen Füßen. Er bedauerte sie, während er nach ihr griff. Als das Mädchen mit heißem Wimmern über ein Rad in die Knie stürzte, fuhr eine ungesehene Hand vor seinen Hals, schnürte seinen Hemdkragen zusammen. Das Gespenst drängte sich, während er torkelte, in seine leer rudernden, schlingenden Arme, mit roten Äderchen überzogen wie ein angebrütetes Ei. Zwischen zwei Ställe schob ihn die bewegungslose, wie auf Rädern gleitende Gestalt, rammte ihn gegen einen Pfosten. Er rang mit ihr keuchend, sie zu bewältigen, sie totzumachen, wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwischen den Handtellern einspannte, wollte er ihr ins Gesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu verziehen, machte langsam langsam eine Bewegung von unten herauf mit beiden Mittelfingern, eine Bewegung, die er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen nachgebenden Händen rückwärts. Schamlos grinste sie lippenwulstend und kam näher. Sie strich dicht, Nase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn, unter seine Achseln. Und ihr Gesicht, -- er konnte aufseufzend nicht sagen, wie es aussah. Es war ihm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.
Er wollte, das Kinn andrückend, die gelähmten Arme von ihrem Hals sinken lassen, da hatte er dicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war aufgerissen und es klatschte gegen seine Brust. An die Hand faßte sie ihn und warf ihn mit einem Schwung herum, über die Beine der winselnden Liewennen, durch das offene Tor, in den Pferdestall zwischen die Pferde.
Der vertauschte Knecht
Der junge Graf Bertran vertrieb sich in Abwesenheit seines Vaters auf der Burg Beaucair die Zeit mit Spielleuten, Seiltänzern, Gauklern und anderem fahrenden Volk. Hinter dem Frauenhaus stand eine niedrige Halle mit kleinen Galerien, in der er das zweifelhafte Gesindel amüsierte mit Kampfwachteln, flinken kräftigen Tierchen, die sich in der Arena eines roten Holzbottichs anfielen. Die Wartung dieser Vögel unterlag einem Knecht, namens Philipp. Der alte Graf schätzte den dicken zuverlässigen Mann sehr, der jahrzehntelang in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt hatte. Und Bertran, der Sohn, behandelte ihn gut wie alle Leute aus den niederen Ständen; ignorierte Verstöße, die sich Philipp herausnahm im Hinblick auf seine angeblichen Verdienste um die herrschenden Grafen, so als er sich weigerte, die damals beliebten anderen Kampfvögel anzuschaffen und zu pflegen. Sogar die schlimme Sitte des Philipp, viel von gestohlenem Cypernwein zu trinken, beachtete Bertran nicht.
Dies wurde auch zunächst nicht anders nach der plötzlichen Abreise des regierenden Grafen. Die Ringkämpfer, Balanciermeister, Taschenspieler, Rezitatoren füllten das Haus Bertrans täglich; elegante Courtisanen wurden mit ihnen eingeführt und Philipp verfehlte nicht, seine Abneigung gegen diese Gesellschaft zu äußern, die sich auf der Burg den Leib vollstopfte, stahl, und offen über Bertran lustig machte. Die Schimpfszenen zwischen ihm und den geschäftskundigen Leuten waren an der Tagesordnung. Es gehörte zu den unvermeidlichen Späßen für die Besucher, den Neulingen Philipp als ehemaligen Burgvogt vorzustellen, der durch seine Wettleidenschaft bei Wachtelkämpfen sein Vermögen, seinen Rang, und was hinreichend laut gesagt wurde, seinen Verstand verloren hätte.
Einmal führten die Schauspieler nachmittags aus einem Kriegsstück eine Szene auf, in der der Sohn eines regierenden Grafen anscheinend schlafend einer Verschwörung gegen den Vater beiwohnt. Man suchte den Schauspieler, der diese Rolle zu übernehmen pflegte. Über den hinteren Hof in den Schneeballgärten laufend sahen zwei der Burschen Philipp vor seinem Wachtelstall schlafen, betrunken, in der Sonne.
Sie hoben ihn, noch zwei hinzurufend, auf, schleppten ihn in die Theatergarderobe, schminkten und putzten ihn, und als die Szene herankam, saß Philipp in dem prächtigsten braunen Pelzrock mit fliegenden Ärmeln auf der Bühne; seine schmutzigen Strohsandalen hatte man ihm angelassen, der edelsteinbesetzte Säbel hing am Silbergehenke über seine Brust; friedlich daneben der zerschlissene Strohhutteller des Tierwärters.
Das so harmlos und spaßhaft begonnene Spiel erhielt durch das ganz außerordentliche Vergnügen, das der vornehme Bertran an dem Anblick nahm, eine erregtere Wendung. Bertran ließ, als Philipp zu rülpsen und erwachen begann, das Spiel abbrechen, rief fünf Diener, befahl Philipp zu behandeln als wäre er ein Sohn des regierenden Herrn, man solle ihn rasch von der Bühne herunter in den Saal tragen; er selbst werde die Vorgänge durch einen Seitenvorhang beobachten.
Die Durchführung des Einfalls wurde im Beginn gehindert durch einen wasserköpfigen Meßdiener. Der klagte, man dürfe nicht Scherze treiben mit der Seele eines Christenmenschen, und suchte Philipp mit seinem dünnen Körper zu decken. Die Gaukler stülpten ihm einen Sack über, rollten ihn auf den Hof.
Leicht gelang dann alles bei dem eitlen, halb schwachsinnigen angetrunkenen Mann. Nach der ersten Verwunderung wurde mit starkem Realismus von dem Hofmeister Bertrans vorgetragen: Bertran sei in völlige Ungnade beim regierenden Herren gefallen; ein Kurier habe aus Toulouse einen gnädigen Brief gebracht, wonach dem alten verdienten Philipp der Rang eines Grafensohnes verliehen und das ehemalige Besitztum Bertrans übertragen sei. Ein Schriftstück mit dem hängenden Siegel, das in italienischer Sprache gehalten war, zeigte er dem glotzenden Fettwanst vor, der nicht italienisch lesen konnte und nur den gräflichen Siegel an der Rolle, einem Steuererlaß, erkannte.
Überaus rasch ernüchterte er sich; nahm das Schreiben des gnädigen Herrn mit Ehrfurcht an sich, riß sich den Strohhut ab, schimpfte grob über die unsaubere oberfächliche Art, mit der man ihn angezogen hatte; wo der Hut mit der Seidenbinde sei, und zeigte sich in seinem Benehmen derart völlig seiner Rolle gewachsen.
Bertran zog sich zurück, sobald er sah, wie rasch sich Philipp in die Situation einlebte, und gab Auftrag, die Täuschung nach Möglichkeit zwei drei Tage durchzuführen. Ihn fesselte die ungewollte Travestie auf sich.
Der Knecht warf den größten Teil der Lumpen und Schauspieler, der Nimmersatts heraus, rieb den vielen Bedienten ihre Unterschlagungen und sonstige Betrügereien unter die Nase, keifte über die eingerissene Lotterwirtschaft, war besorgt, seinen Stall in gute Hände zu bringen. Er ging in die Backstube, sah dem Werkmeister in den Teig, er zählte das Schlachtvieh, forschte nach den Frohngaben der Bauern.
Der schwachsinnige Mensch zeigte sich in einer bald langweilenden Weise vernünftig, mäklig. Er führte den Namen seines gräflichen Beschützers mit einer peinlichen Häufigkeit im Munde, trug sich damit, einen Besuch bei dem alten Herrn in Toulouse vorzubereiten, um ihn zu trösten über das schimpfliche Verhalten Bertrans, Äußerungen, die Bertran bestimmten, am dritten Tage seinen Spielgefährten den Auftrag zur Beendigung der Sache zu geben.
Man wollte nun den Spaß so enden, wie er begonnen hatte, aber dieser Plan scheiterte an der Entschiedenheit, mit der Philipp die Einladung zum Saufgelage ablehnte, sich sogar piquiert fühlte und einem von den Schauspielern, der ihm besonders zusetzte, einen derben Backenstreich überzog. Der Geschlagene, in Wut versetzt, fing an auf Philipp zu schimpfen, als wenn er noch Tierwärter wäre, ließ sich durch die Flüsterworte der beiden Kameraden nicht begütigen. Als der Knecht, außer sich, sein Schwert zog, blieb freilich auch diesen beiden nichts weiter übrig, als über ihn herzufallen. Und nun benützten sie die Gelegenheit, um ganze Arbeit zu machen: der feiste Mann wurde halbnackt ausgezogen, zwei Dirnen liefen, hinzu und halfen kreischend und kichernd, den Fettwanst durch den Kot zu rollen. Mit Schmutz beschmiert, verprügelt, warfen sie den Hilflosen auf den Hof vor seinen Stall.
Diese Szene hatte Bertran nicht mit angesehen; er wohnte wieder in seinem Palaste, nachdem er die beiden Tage vorher bei dem Burgvogt logiert hatte, und dachte nicht mehr an den langweiligen Einfall. Gegen Abend öffnete heimlich jemand ohne Anmeldung die Tür seines Zimmer. Im Dunkel schlich etwas Großes über den Teppich und der ganz entstellte Philipp, der alte Tierwärter, flegelte sich, die Arme über sein stinkendes Lumpenkleid, seinen Arbeitskittel verschränkend, vor den Grafen hin, der in eine Ecke gewichen war, aus Angst vor der Berührung. Philipp brach in lautes Höhnen und Lachen aus; also das sei die Ursache! Das verstoßene degradierte Gräflein habe die Abwesenheit seines Vaters benutzt und sich mit Hilfe seiner lausigen Spießgesellen wieder in den Besitz des Hauses gesetzt.
Bertran wehrte ab; er bat Philipp zu gehen; die Gaukler hätten sich einen Spaß mit ihm gemacht, und es sei doch das ganze Grafenspielen nur ein Scherz gewesen.
Das versetzte den Mann in die größte Heiterkeit, die in Wut umschlug; es sei vielmehr ein Übermaß von Frechheit, jetzt die Sache noch damit zu krönen, daß er behauptete, auch das gräfliche Siegel mit der Ernennung sei falsch. Er habe lange genug in Treue, Anhänglichkeit neben dem gnädigen Herrn gelebt, um sein Siegel zu kennen. Was soll denn noch alles falsch sein? Vielleicht, sei er, Philipp, schon gar tot?
Bertran bat ihn wieder, doch zu gehen, er sei mit Cypernwein wie so oft betrunken gelegen, die Urkunde enthielte einen Steuererlaß in italienischer Sprache. Aber Philipp blieb ungerührt, der das alles nur als Ausflüchte ansah, den jungen Grafen ruhig betteln ließ, und ihn angrinste: ob es nicht wahrscheinlicher sei, daß Bertran degradiert als daß er selbst betrogen sei, er der Günstling des gnädigen Herrn, wie der Dummkopf sich in diesen Tagen nannte. Kurz und gut, schloß er violett vor Zorn, Bertran solle keine Umstände machen und seiner Wege gehen.
Als er dabei die Schulter des Herrn berührte, sank dieser halb um und schlotterte aus dem Zimmer.
Philipps Freude war kurz; er wurde nach einer Viertelstunde in den Stall gesperrt, erhielt zwanzig Hiebe auf die Hände mit dem Stecken.
Es konnte bei dieser Strafe nicht bleiben. Dem jungen Grafen, der nach diesem Abend in den entsetzlichsten Zuständen lebte, konnte keiner helfen; nichts beruhigte ihn; der Gedanke, daß der schmutzige Tierwärter ihn angefaßt hatte, brachte ihn fast um.
Dann entwich der Knecht nach einer Woche aus dem Stall. Der rasende, von seinem Recht überzeugte Schwachsinnige wurde noch innerhalb der Burg festgenommen, wo er sich bei dem schmächtigen Meßdiener aufhielt; er wollte wirklich nach Toulouse hin, um seinen alten Herrn aufzuklären.
Der Jungherr raste, weil der Mensch schon unter dem Gesinde von der angeblichen Degradation Bertrans erzählt hatte, von seiner eigenen Beförderung; diesen Gerüchten mußte Einhalt geboten werden. Es ging nicht an, Philipp dauernd in seinem Stall festzuhalten. Ehe Bertran in seinen Zweifeln noch zu einer Entscheidung gekommen war, erzwang Philipp selber einen raschen Beschluß und ein Ende.
Nachdem die Schauspieler ihn in seinem lärmenden übelduftenden Vogelstall besucht hatten, ihn anflehend, die Verneigungen und Begrüßungen der Wachteln huldvoll anzunehmen und sich in diesem wahrhaft gräflichen Palast bei herrlichem Gesang und Geruch wohlzufühlen, wurde er vor Bertran geführt, der dem gereizten, gehässigen Mann freundlich zuredete, ihm Belohnungen versprach. Wie ein Käufer, der merkt, daß er übertölpelt werden soll, schüttelte der giftige Alte schlau seinen kugligen Kopf. Er stellte sich in eine gewisse vornehme Positur, die er dem alten Herrn abgesehen hatte, den Hals eingezogen, das Gesicht in strenge Falten geworfen, die Hände in die Hüften gestützt, einen Fuß vor den andern geschoben, lächelte ab und zu verständnisinnig. Dieses Benehmen des Mannes vor den Bedienten und Schauspielern ertrug Bertran nicht. Er stampfte mit dem Fuß, drehte sich um, gab einen raschen Befehl. Nach wenigen Stunden, vor Anbruch des Abends, schrillten hohe grauenvolle Töne über die Höfe.
Man hatte Philipp mit Tüchern umhüllt, mit Wachs begossen, wie ein Licht angezündet.
Der Meßdiener, allein mit ihm auf dem Hof, wirbelte die Arme vor dem Balkon, wie ein Wechselbalg anzusehen, einen grauenvollen Fluch schmetternd auf die, die einem Christenmenschen die Seele gestohlen hätten und den Leib als eine Teufelskerze ansteckten. Er sprang tränenüberströmend um die lodernde Puppe, küßte sie und wurde halb verbrannt mit Zangen von ihr losgerissen.
Der große Bischof von Toulouse erschien nach einer Woche mit fünfhundert Mann vor Beaucair; den Meßdiener trug man dem Heere voran. Graf Bertran ließ die Fallbrücken herunter, öffnete die Tore der Burg und setzte sich an die Spitze seiner Knechte und der jubilierenden Gauklerbande. In einem blutigen Treffen schlug er wider alles Erwarten den Bischof auf der schönen Wiese Langedraine. Er zeigte mit seiner Lanze nach der Bahre, auf der jener angesengte Freund Philipps lag; unter Gelächter und kampfberauscht zog man mit ihm zurück auf die Burg. Als der wehleidige bigotte Geselle dort trotzig tat, geiferndes Gerede machte von der sündhaft vertauschten Seele des Knechts, ließ Bertran ihn zunächst in den Wachtelstall einsperren. Am Sonntag wurde dann die Glocke der Kapelle geläutet, aber statt in die Kirche, wie die Strolche unter Grinsen dem Mann versprochen hatten, führten sie ihn in einen runden Käfig, eine Art großen Vogelbauer, der vor der Kapellentür aufgestellt war im Grünen. Der Boden des Käfigs war aus Eisen, und wie die Orgelmusik drin anfing zu spielen, tanzte der gläubige Ankläger sonderbar, weil ein paar klingelnde Spielleute ein sanftes Holzfeuer schürten unter seinen Fußsohlen. Da über dem Kopf des Meßners die blanken Knochen des alten Philipp von den Käfigstangen herabhingen, so sah es aus, als ob ein Vogel nach den Knochen schnappte. Am Schluß der Andacht klirrte Graf Bertran waffenstrahlend an der Spitze seiner bunten Spießgesellen her, ließ den Mann fragen, da er sich vor ihm ekelte, ob also dieser betrunkene Philipp mit Recht gegen seine Behandlung protestiert hätte. Auf das bejahende Geschrei zuckte er mit der Achsel und ging weiter. Die Spielleute ließen den Meßner höher hüpfen. Eintönig brüllte der Krüppel seine Flüche, rief den Himmel an zur Bestrafung der teuflischen Sünder. Die Gaukler fiedelten.
Die Rückkehr des alten Grafen machte dem allen ein Ende. Er hatte schon von dem Sieg gehört und freute sich über seinen Sohn. Der alte Philipp tat ihm leid, und als er von dem Getu des Meßners hörte, sah er sich im Vorübergehen den krummen Narren an. Das Hüpfen langweilte ihn, auch das wichtigtuerische Beten des Menschen langweilte ihn, und so ließ er denn die springende Heuschrecke, wie er sich ausdrückte, auf eine neumodische Art mittels Rädern umbringen, auch für ein paar Tage in den Käfig hängen zu den andern Knochen. Dem Bischof von Toulouse nahm er noch ein Stück Land weg, das lange strittig war, so daß er schließlich meinte, im ganzen bliebe es doch erstaunlich, wie die Wege des Himmels seien. Und es hätte wohl niemand gedacht, wozu letzten Endes der abgelebte schwachsinnige Philipp gut wäre, angesichts der fünfzig Morgen Weideland und dieses reich bestandenen Weinberges.
Die Lobensteiner reisen nach Böhmen
Bei Olmütz in Böhmen liegt die schöne Landschaft Padrutz.
Sie hatte die Herrschaft eines tüchtigen Grafengeschlechts zwei Jahrhunderte ertragen, war dabei leidlich gediehen. Etwa dreitausend Menschen hausten hier, bebauten das Land, waren Schmiede, Schreiner, Spengler, Bäcker, und was die Notdurft noch erfordert. Der Graf war Kirchenpatron und ließ Katholiken und Protestanten, dazu ein paar hergelaufene verwachsene Kalvinisten und dienstbeflissene Juden gleichermaßen ungeschoren. Die Linie erlosch nun im Mannesstamm und der letzte Graf hatte festgelegt, daß seine blühende Tochter das Reich übernehmen sollte, um mit einem rasch zu erwählenden Herrn Gemahl die Regierung über die dreitausend Menschen, Protestanten, Katholiken, Kalvinisten und Juden in die Hand zu nehmen. Leopold Christoph, Herzog in rheinisch Lobenstein bei Kurhessen, hörte davon und schickte seinen Generaloberst Ekbert hin, der sollte die Erbin heiraten. Sie mochte ihn nicht; wolle überhaupt keinen Generaloberst und im übrigen nur einen Mann aus Olmütz und zwar einen ganz gewissen. Das machte Leopold Christoph, genannt Stoffel, nachdenklich; er setzte sich mit seinem ältesten Kabinettsrat in die Bibliothek und diktierte dem Mann nach Einsicht in ein älteres Ehestandsregister, daß er ihre Wahl billige, im übrigen aber auf Grund einer genau explizierten Verwandtschaftstafel sie besuchen werde, aus welcher Tafel klipp und klar hervorgehe, daß man mit Fug von einer Padrutzer Seitenlinie der Lobensteiner Dynastie sprechen könne. Den Beweis, Beleg usw. dafür werde er der schönen Dame in zwei Monaten selbst überbringen. Vorläufig suspendiere er als Familienoberhaupt trotz erheblichen Wohlwollens das Fräulein von der Herrschaft und setze sie ab wegen landeskundiger Mesalliance.
Er schloß in Eile ein Schutz- und Trutzbündnis mit zwei kleinen Reichsfürsten an der Grenze Hessens, die versprachen, dies Gebiet zum Abschrecken auf sechs Meilen zu verwüsten, tobte waffenschüttelnd durch das erstaunte Europa, das sich von den Kriegen des Napoleon sehr langsam erholte und nicht daran dachte, wegen Lobenstein und Padrutz einem Soldaten die Patronentasche umzuhängen. Der versprochene Beweis, Beleg gelang unter diesen Umständen dem entschlossenen Stoffel außerordentlich glatt; er zwang die kratzbürstige Philine von Padrutz, die sich mit einer neumodischen Krinoline wichtig tat, sich sofort mit jenem gewissen Hauptmann und Fouragehändler aus der Stadt zu verheiraten, obwohl sie erklärte in Anbetracht der sechshundert blanken Gewehrläufe, daß sie sich besonnen hätte im letzten Augenblick und leidenschaftlich für Familientradition schwärme; auch Herr Ekbert wäre nicht ohne nennenswerten Charme. Aber der Herzog Christoph erklärte, daß eine schwankende Gesinnung keinen guten Eindruck auf ihn mache, bei den Lobensteinern auch der entfernten Linie nie vorkomme und daß er sich daher des Verdachts nicht erwehren könne, mit ihr als einer untergeschobenen Tochter zu verhandeln. Angesichts dieser Sachlage und des passiven Verhaltens der Wiener kaiserlichen Behörden ließ Philine dann ihr Reich, samt allem Volk, Kirchen, Boden, Vieh und Vogel auf knapp fünfundzwanzigtausend Gulden abschätzen, wurde Frau Hauptmann, zog nach Prag in die Nepomukgasse und war erledigt.
Einmal da, besah sich Herzog Stoffel Land und Leute, ließ alles Hab und Gut von seinem Sekretariat in zwei Folianten nebst Anhang und Register aufschreiben; die bemerkenswerten Menschen- und Tiertypen des Gebiets ließ er zeichnen und kolorieren, und zog wieder unter großem Gedröhn, furiösen Siegesbulletins quer durch das schlafende Deutschland nach dem stillen Lobenstein. Da sagte er: »Wir wollen uns jetzt einmal in Ruhe des neuen Besitztums erfreuen.« Stracks ging die Regiererei los. Herzog Christoph verlangte von seinem Ministerium täglich nach dem Morgenkaffee eine gewisse Mindestzahl von Edikten, Erlassen zur Unterschrift; lieferte das Ministerium weniger Erlasse, so war es notorisch faul. Jetzt schwelgte er; genoß die Padrutzer Akquisition; in Stößen rückten die Manuskripte und Aktenbündel an, krachten auf seine Dielen, Das Kabinett lieferte dem Padrutzer Lande, Mann und Maus, in Vor- und Nachsitzungen neue Schlachten. Es waren die mannigfachsten Behörden einzusetzen über die Padrutzer Erblande, Steuer-, Kirchen-, Verwaltungsbehörden, Gendarmerie, Obergendarmerie, ein Heroldsamt, Unter- und Oberrechnungskammer. Man gab den Metzgern die Lobensteiner Originalvorschriften über das Schlachten, den Böttchern einen erprobten Anweis über die Zahl der Hiebe, nach denen ein regelrechtes Faß rund wird; sollte es in dieser Zeit nicht rund werden, so fange man getrost ein neues Faß an, denn aus dem widerwilligen alten wird doch nichts. Um etwaigen Hungersnöten vorzubeugen, belehrte das bewegte Kabinett die Insassen der Padrutzer Erblande im vornherein, man könne mit den Bissen in guten Zeiten sparen; ein Maul, das sich gewöhnt hätte, in zehn und zwanzig Bissen einen Wecken klein zu kriegen, würde viel eher dem grausen Hungersgespenst entrinnen als eins, das »Haps« macht und schon ist alles verschlungen wie ein biblischer Jonas von seinem gefräßigen Leviathan. Man hatte damals noch keine regelrechten Posten oder Telegraphen; das Befördern der herzoglichen Edikte stieß auf Schwierigkeiten; jetzt waren immer an zweihundert Mann mit Pferden, Wagen, Gewehren, großem Proviant unterwegs, zogen zur Donau herunter, durch das rauflustige Bayerland, auf Schlängel- und Schleichwegen, heimlich und verschwiegen mit ihren gewichtigen Dokumenten, fingen, sobald sie zwischen den Padrutzer Grenzpfählen einrückten, ein gräßliches Tuten und Trompeten an auf Lobensteiner Art und rächten sich in dieser Weise für ihre Verschwiegenheit während der Fahrt.
Die Padrutzer waren wie Bauern, kümmerten sich den Teufel um Grafen, Patrone und Erbfolge, um Ekbert, Wien und die Nepomukgasse, stachen ihre Schweine, fuhren ihren Mist. Wie der Lobensteiner Herzog für das Regieren sein Kabinett hatte, so hatten sie für das Regiertwerden ihre drei Schultheiße. Die schwitzten sich zusammen auf ihren Ämtern die Kleider naß, wenn eine Fuhre Erlasse gekommen war. Als sie aber mit dem Lobensteiner Stil nicht fertig wurden und ihre Frauen gewalttätig gegen sie verfuhren wegen ihres langen Ausbleibens, hingen sie den ganzen Plunder an ein paar Scheunentore, damit die Bauern selbst nachläsen, was sie tun und unterlassen sollten, ließen die Sonne drauf scheinen, den Regen drüber gehen. Die Bauern besahen sich den Behang, wußten nicht genau, was das bedeutete, und dachten, das mochte wohl zum Auslüften dahängen oder von der Art der neuen Herrschaft sein und waren damit ganz zufrieden. Als alle größeren Scheunentore des Hauptdorfes Padrutz behängt waren, und nun auch die kleinen Kaschemmen und Kossätenbuden um ihre Erlasse einkamen, bestimmten die Schultheiße hochfahrend: »Nein, wo das Papier blaß geworden ist, da gehört neues hin.« Diese Ungerechtigkeit trieben sie einige Monate so, bis einmal vor die Kuriere beim Einzug das Schimpfen drang, warum sie, die Kuriere, nicht selbst die Papiere an die Bauern verteilten und zwar mit gleicher Hand; denn wer schon zehn schöne dicke Lagen auf seiner Tür hätte, kriegte noch zehn mehr und ein kleiner Mann kriege nichts. Die aufsässigen Bauern schleppten ihren lamentierenden Schultheiß vor die erstaunten Kuriere, verlangten Ordnung und Bestrafung. Die Kuriere stießen sich mit den Ellbogen an, knauten »hm hm und so so,« schnitten sich eine Kerbe in ihre Gewehrläufe, um diese absonderliche Sache nicht zu vergessen, gaben vorläufig den Schultheißen einen kräftigen Kolbenstoß gegen die Schulter auf Abzahlung, weil Gerechtigkeit in jedem Falle zum Lobensteiner Regime gehörte.