Die Lobensteiner reisen nach Böhmen: Zwölf Novellen und Geschichten

Part 10

Chapter 103,852 wordsPublic domain

In dem stillen Haus lag sie stundenlang. Der Alte hob sie nicht heraus, sprach nicht. Nach drei Tagen lief sie wieder hin. Ob Ziwel kommen würde? Sie fürchtete, Ziwel könnte kommen. Eng wurde es im Bottich, sie gähnte, die Fische rochen; heimlich schlug sie die Finger um den Rand des Bottichs, konnte sich hochziehen; wie der Alte in den Wald stalpte, stand sie horchend auf der Leiter und war fort.

Und nun kam sie nicht wieder. Sie fürchtete sich vor dem Erlenbusch, daß er sie holen könnte; eine Kette ließ sie am Gartengitter anschmieden, einen bissigen Hund anlegen, daß niemand hinübersteige. Und bald blies Ziwel aus der dichten Aracee; eines Abends kletterte er vor ihr Fenster und blickte traurig durch die Scheiben. Sie stand dahinter. Sie wies ihm beide Fäuste und schüttelte den Kopf. Als er stumm auf dem Sims kauerte, riß sie den Flügel auf. »Ich bin eine Herrin,« schrie sie; böse war ihr Gesicht. »Du ein Strolch. Dein Vater ein Bettler. Ich werde euch bezahlen. Was willst du?« Als er wehmütig eine Hand nach ihrer Schulter bog, stieß sie ihn vor die Brust, daß er in den Kies stürzte. Die Dogge schlug vor ihm kurz an, kuschte vor Ziwels Hand.

Nun kutschierten die feinen Kaufleute mit ihren Stoffen täglich vor die Villa des Seelords. Französische Tänzerinnen kamen aus der Stadt und schwebten mit Julie durch leere Säle; man hörte ihre Füße und Julies Füße nicht auf dem Boden. Weit offen stand das Gartentor; das Gitter breit durchbrochen zur mächtigen Auffahrt zwischen Beeten, Bäumen und chinesischen Fabeltieren. Und niemand von allen Villenbewohnerinnen trug sich bei den Festen so hochmütig wie Julie, stieg so kühl in den Wagen zu Ausflügen, drehte sich so unberührbar im Tanze. Ein rehbraunes Kleid mit Gold gestickt hatte das zierliche Fräulein eines lauen Frühjahrabends an, die pfaugraue Schärpe fiel seitlich bis an den Käferschuh. Herr Wetzling, der Dragoner in lichtblauer Uniform, wickelte die Schleife um seinen Arm, damit er nicht darüber stolpere; unter der Aracee setzte er ihren Schuh vor seinen Mund, damit er den Käfer nicht zerträte. Dann hielt sie der Dragoner unter den Gummiblättern in den Armen und sie knisterte darin und dachte an nichts, er war so fröhlich. So glühend wie Pechfackeln brannte es aus ihren Augen gegen ihn; Julie lohte, wie eine Flamme, die trockenes Gebälk ergriffen hat und durch die der singende Wind streicht; ihr Leben lang, kam ihr vor, war sie nichts bis zu diesem Augenblick.

Die Felder, Wiesen und Berge nahmen Tag um Tag an ihrem Übermut teil. Sie hatte einen Schimmel und ritt auf die Jagd. Der Seelord trabte ihnen voran. Hand in Hand, eine rote klingelnde Schnur zwischen sich, ritten der Dragoner und Julie durch die dämmrige, knackende Schonung; dahinter fremde Herren und Damen. Die Damen zwitscherten und jauchzten von ihren hochbeinigen Pferden.

Als sie einmal über eine sumpfige Wiese setzten, kreischte eine Männerstimme hinten. Der rotverknüpfte Schimmel und Rappen hielten und machten kehrt; es trabten langsam zwei Damen näher, trieben zwischen sich etwas Menschenähnliches, das sich wand und oft auf den Rasen schlüpfte, ein Peitschenband um den nackten verbrannten Hals. »Der Rotkopf, der Rotkopf,« lachten sie und verdrehten falsch die sanften Augen zueinander und zu Wetzling, »wir haben ihn gefangen, den Wilderer, den Fallensteller.« Wie die Pferdepaare Kopf an Kopf rieben, kroch der Rothaarige am Boden, so daß sich die Reiterin ihm nach krümmen mußte; sie rief, schräg liegend: »Was wollen wir mit ihm machen? Julie!«

Das kleine Fräulein im schwarzen Jagdkleid schwankte blutlos auf dem Pferde, plötzlich zuckte ihr Tier hoch mit dem Kopf, schlug mit den Hinterbeinen aus, die rote Leine zu dem Rappen riß; der Schimmel galoppierte mit Julie tobend, graswerfend in den Wald. Am Rand des Waldes hörte sie den verwehten jauchzenden Aufschrei; Ziwel hatte die Dame vom Pferd gerissen; mit der Peitsche auf dem Rücken rannte, kroch, sprang er über das Gras, in ein Kohlfeld; die Damen standen vergnügt um das strampelnde Fräulein.

Als am Abend Wetzling sporenklirrend in die Villa kam, stellte sich ihm Julie mit finsterem Mund auf der Treppe entgegen; er strich ihr bedauernd das schlaffe Händchen. »Einen Spaß,« sagte er, »haben sich die Damen gemacht. Sie haben den Sohn deines Wunderarztes ausfindig gemacht, den Strolch. Er soll dich verehren. Sie wollten dich damit necken; nichts als necken, Julie.«

»Er soll mich verehren.«

»Du weißt es nicht. Er trägt ein Beutelchen auf der Brust. Sie haben es gesehen. Aber ich sage dir nicht, womit das Beutelchen gefüllt ist.«

Sie antwortete nichts. Mit ihren Schuppen war das Beutelchen gefüllt. Er legte einen Arm um ihren Leib, sie duldete es; als sie nach oben stiegen, fühlte sie staunend, erschreckt, wie er ihr mitleidig eine Wange strich.

Wetzling war ein Sammler von Perlen; die bleichen Ketten seiner Mutter hängte er um Julie. Wetzling hatte englische und französische Pferde; die leichtesten führte er in Juliens Stall. Julie war wie Eisen heiß; die Kühle von Wasser schenkte sie Wetzling; sie konnte bei Tag und Nacht wispern vor Verlangen, Stummheit; die unfaßbare Leere einer Sandwüste: damit kleidete sie sich für ihn. Die schöne prunkvolle Tante wandelte hoheitsvoll neben dem Fräulein durch die Villa. Ohne zu reden trug sie nach und nach jede Erinnerung an Juliens Jugend aus den Zimmern; kehrte Julie zurück vom Ritt, dem Spaziergang, dem Kirchweg, immer fehlte etwas, eine Decke, ein Bild, ein Kasten, ein Teppich, war ersetzt durch ein Neues. Die Dame nagte an dem Haus.

In den Vorgarten an den exotischen Baum zerrte der Dragoner einmal seine Geliebte; auch er war ernster geworden; er seufzte: »So still und fremd bist du; warum? Was tu' ich dir?«

Sie fragte zurück: »Hast du Auftrag gegeben, die Bäder, die Wannen und Salben aus meinem Zimmer zu schaffen?«

»Nein, nein. Aber du brauchst die Bäder und die Salben nicht mehr.«

»Ich kann so springen. Aber sie stören mich nicht. Sie können da stehen.«

»Du bist schön, die schönste von allen. Ich will dich nicht erinnern lassen an die Zeit, wo du leidend warst.«

»Wo ich nicht schön war. Herr Nikolaus, meine Hüfte ist nicht mehr aus Marmelstein.«

»Wir wollen gut zueinander sein.«

»Willst du aufhören zu sprechen. Glaubst du, daß ich ein Wort davon höre. Du kannst noch eine halbe Stunde sprechen.«

»Julie, ich will gut zu dir sein.«

»Willst du etwa sagen, daß du mich gesucht hast.«

»Ja.«

»Mach deine Brust auf, zeig deine Brust. Was trägst du da, zeig es mir.«

»Nichts, Julie.«

»Nichts, kein Beutelchen! Nein, wahrhaftig nicht, kein Beutelchen!«

Julie sperrte ihre Tür ab. Sehnsüchtig sah sie zum Fenster herunter auf den Araceenbaum. Voll Angst erwartete sie den Bräutigam: »Was werdet ihr mir heute tun? Was wirst du mir heute tun?« Sie hängte sich an seinen Hals: »Laß mich bleiben wie ich bin. Laß mich nicht werden wie früher.«

Sie weinte und küßte ihn. Er fragte: »Was fürchtest du, Julie?«

Sie strömte Tränen: »Ich muß wieder unter die Aracee.«

Und nach zehn Tagen zog sie in das stockdunkle Haus die Tante auf ihr Zimmer; eine Kerze trug Julie, ein kleines brennendes Licht vor sich. Der Bräutigam stieg hinter ihnen. Von dem Bett waren die dreifachen schweren Vorhänge gerissen, blütenweiße neue, mit Bändern geziert hingen an ihrer Statt. Die Kerze fiel Julie aus der Hand und zersprang. Sie schrie und schrie, daß die Tante davon lief im Finstern.

»Meine Vorhänge, meine Vorhänge? Herr Wetzling, wo stehen Sie?«

Die Tante erschien mit einem Licht.

»Sie fürchten sich vor meinen Vorhängen, vor meinen Salben, Herr Wetzling. Und meine Bäder mögen Sie auch nicht leiden. Dann will ich Ihnen etwas anderes melden. Hebe das Licht höher, Tante, damit er mir auch gut ins Gesicht sehen kann.«

Sie drehte sich um und zerrte die Bänder aus dem Bettvorhang und zerkrallte sie. Sie biß wie eine Rasende in die weißen Betttücher: »Ich schäme mich nicht, nein ich schäme mich nicht. Ich will mich nicht schämen brauchen.«

Sie brüllte, über dem Bett liegend; ein Schuh fiel ihr ab.

»Wo ist mein Kind? Wer hat mein Kind begraben?«

Der Freiherr zitterte mit den Lippen, die Tante drehte sich gegen die Tür.

»Wissen Sie nichts von meinem Kind? Man hat es ihnen nicht gesagt? Ich bin ein Krokodil und habe eins geboren. Mein Mann ist Ziwel, der rote, das ist mein Gemahl. Wissen Sie's nicht? Wissen Sie's jetzt?«

Die Tür schlug ein; man ließ sie im Finstern arbeiten.

Im Garten kroch am regnerischen Morgen eine große Weinbergschnecke über den Kies. Das Fräulein sagte, über die Schnecke gebeugt, auf den Knien: »Wenn man mich sticht, geh ich in mein Haus zurück; sonst krieche ich wie du. Man kann meine Spur sehen; jeder, der will, kann sie sehen. Schneckchen, wir dürfen uns nicht beschämen lassen. Wir sind keine Diener.« »Ach,« flüsterte sie nach einer Weile, streichelte an sich herum; sie war vom Wasser begossen, »mein süßer süßer Leib, ich bin froh, daß ich dich habe. Ich laß dich von keinem beschmutzen, und wenn ich auch noch Schuppen hätte. Es geht keinen was an. Wo kriechen wir hin, wir beide, mein süßes Schneckchen, mein feines Herrchen, mein schnupperndes Tierchen. Wohin, wohin.«

Die Schnecke kroch unter den Baum, die Aracee, blieb da. Julie glühte und jammerte, warf sich in den Klee, zog die Gummiblätter über das Gesicht.

Am Mittag hörte der Regen auf. Den steinigen Weg herauf ratterte ein kleiner tropfender Wagen. Vor dem Baum hielt er; eine tiefe Stimme: »Hier stinkt es. Ziwel, halt an.«

Eisen klapperte, Meeren nahm seine Schippe über die Schulter, stieß ohne zu klingeln das Gartentor auf. Mit dem Fuß klopfte er an das Knie des Fräuleins am Boden: »Wer fault hier bei lebendigem Leibe. Ziwel, komm greif zu.«

Zwei Hände faßten Julie unter den Kopf und die Schulter, zwei an den Beinen. »Wir wollen sie begraben.« Sie schleppten Julie auf den harten Wagen. Julie blinzelte, ob die Dogge die Männer beißen werde; aber das gelbe Tier sprang vor die Deichsel und ließ sich anspannen. Im Wald, wo sie die Blätter beiseite schippten, winselte sie: »Ich will nicht. Ich will nicht begraben werden.«

»Was willst du denn,« schrie Meeren grimmig »glaubst du, du hältst uns zum Narren.«

»Ich will leben,« flehte sie, »bitte, bitte.«

Er schleuderte ihr die Schippe vor den Leib. Er schimpfte in seinen Bart. »Das weiß ich nicht, ob sich sowas wie du noch brauchen läßt zum Leben.«

Ziwel verkroch sich unter einem Haufen von Laub. Klein lag Julie neben dem angestochenen Grab. Der Alte schrie, ihr die Faust ins Gesicht steckend: »Wenn du nicht Mist schlucken kannst, können wir dich nicht brauchen.«

Sie warf sich und heulte. Er krümmte sich nach der Schippe. Sie bettelte: »Ich kann Mist schlucken.«

»Wenn du rohe Kartoffeln und rohe Rüben essen kannst, kannst du bleiben.«

»Ich kann essen.«

Sie warfen Julie auf den Wagen, fuhren nach Hause vor das Erlengebüsch. Sie half den Bottich zerschlagen, machte Feuer für Ziwel und den Alten.

Sie schluckte, was man ihr gab, brach, hungerte, aber wehrte sich nicht. Es war genug, daß sie leben blieb. Dann nähte sie aus alten Fellen und Säcken ein Kleid; ihr eigenes, aus rosa Seide, steckte sie in den Herd.

Die Tage gingen vorbei, die Wochen.

Sie diente den Männern und Tieren. Ziwel blieb gut zu ihr, sie verlangte nur den sanften Blick des alten Meeren wieder.

Die Kastanienblüte war zu Ende, überall lagen die weißen Blättchen auf den Wegen, bald mußte der Flieder kommen. Da ritt der alte Seelord auf schwerer brauner Stute hinüber in den Wald, ein Junge barfuß neben ihm mit einem Zobelpelz. Vier Tage wohnte der steife Mann in dem Häuschen des Meeren, bis ihn die Gicht in der Schulter und den Zehen zu heftig stach. Als am Morgen der Regen über den trüben Tümpel strich und Rauschen, Tropfen und Plätschern unter den Bäumen nah und fern zu hören war, half ihm Julie, mager, sonnengebräunt, klein und barfuß in den Steigbügel, küßte demütig seine geschwollene Hand am Hals der Stute. »Du bist so stolz, Julie, du bist zu stolz,« sagte er vom Pferderücken herab. »Du bist von meiner Art. Ich hätte es nicht gedacht.«

Er lobte sie und Meeren und den treuen Ziwel. Julie legte den Pelz vor ihm auf den Sattel. Sie winkte hinter ihm her; ihre gelben Augen und ihr gespitzter Mund waren freudig. Die hohe Dogge tanzte um sie. »Hui-ih,« machte der Wind.

In das Haus, in das Haus.

Das Gespenst vom Ritthof

Wie des Karl Völkers Sohn Johann vom Ritthof herunterging, wo er den heißen Nachmittagskaffee getrunken hatte, rieselte am Wege nach Fechingen etwas Wolkigblaues, Niedriges von Menschengestalt an ihm vorbei. Er verfolgte den Schatten, träumend: »Dich kenn ich, oh, wir haben uns schon gesehen.« Die Haare der Gestalt wurden von dem Märzenwind lang und wagerecht ausgezogen, sanft lief sie und bewegte kaum die Füße und die Arme, als wäre sie mit Bändern umwickelt. Sie mußte von der Gegend der Fähre herkommen; gleichmäßig lief sie über das dünne Grün der Wiese wie aufrechter Rauch. Über den Bühlbach floß sie; er suchte lange, bis er eine schmale Stelle fand. In weiten Sätzen machte er sich hinter ihr her. An der Holzbrücke vor dem Dorf drehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus den Augen verloren.

Dicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf, wehte das Fähnchen vom Wirtshaus. Dort trank Johann Völker in der niedrigen langen Stube ein Glas gelben Saarwein. Und als er eine Viertelstunde am Kieferntisch gekauzt hatte, kam ein scheues, bäurisch gekleidetes Mädchen ohne Hut zur Tür herein, das einen Eimer und ein Tablett mit leeren Weinkaraffen trug. Sie bewegte sich, als sie den Eimer neben dem Schenktisch abgesetzt hatte, blaß und erschrocken zwischen den dicht belagerten Tischen herum, warf die Augen auf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas von sich schob, ob sie mit ihm trinken wolle und warum sie so erschrocken sei. Ach, lächelte sie, das sei nur, weil er eine blaue Mütze trüge, die stünde ihm so gut, darüber habe sie sich gefreut. »Wir wollen zusammen essen,« schlug Johann mit der Faust auf die Holzplatte, da er das Mädchen immer schöner fand. Aber sie zwinkerte mit den Augen, kniff ein verschmitztes Grübchen in die Wange, kicherte ganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen, ließ die Karaffen füllen.

Johann blieb die Nacht über in dem fremden Wirtshaus. Tags drauf und öfter begegnete er dem Mädchen mit dem Eimer; sie war die Tochter des Schmiedes Liewennen und hieß Kätti. Er wanderte mit seiner blauen Mütze, in dem jungen ebenmäßigen Gesicht die randlose Brille, an den dünnen langen Beinen Radfahrhosen und braune Segeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede und der Schenke des Nikolaus Schlöser her und hin. Sie freuten sich miteinander den ganzen Sommer. Sein Vater wußte nicht, wo er hauste, glaubte, Johann hätte eine Reise wieder über den Ozean auf einem Frachtdampfer oder auf einem Segelschiff angetreten.

Im August quartierten sich vier lustige Herren aus Trier beim Nikolaus Schlöser ein. Mit denen ritt Johann auf die Hühnerjagd; sie knallten den halben Tag über, abends warfen sie sich in der Laube neben der Bliesbrücke auf den Rasen, stießen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende Kerze in die Erde und spielten Karten, bis die Hühner krähten. Kätti hörte nichts von Johann. Feine Mädchen brachten die Trierer Herren in die Laube und zum Schlöser. Johanns Gesicht wurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der leichten Füße in Segeltuchschuhen scharrten die Latschen eines Jungen zur Schmiede herüber; er brachte Grüße und ein Bündel Rosen von Herrn Johann Völker.

Aber sie war schlauer als er hinter seiner gläsernen Brille. Sie ging in die Honoratiorenstube, wenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen und kreischten, ließ sich verschämt bei der Hand fassen, ihre hochausgeschnittenen Augen wanderten; den Fingern, die nach ihren Zöpfen tasteten, wich sie aus; sie warf sich dem schmunzelnden Johann, zwischen Tischkante und Stuhl sich einzwängend, brustangeschmiegt auf den Schoß. Und als sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte sie eines lärmenden Abends, während er im Korridor ihren Kopf nehmen wollte: »Guten Tag, Johann, lebwohl,« hing sich an den Arm des spitzbärtigen Jägers aus Trier, der eben in grünen Wickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck aus seiner Stube spazierte und im Vorüberziehen, elegant fußscharrend, Johann mit einem Finger auf die zuckende Schulter tippte.

Das war an einem Sonntag. Karl Völkers Sohn vergaß den Tag nicht. Und im Moment, wo sie vorüber waren, fühlte er einen Zwang, aus dem Flurfenster nach der Brücke hinzusehen, und wie er sich abwandte und nach unten vor die Haustür blickte, da hatte sich die Liewennen, -- im sauber gewaschenen weißen Kleidchen hüpfte sie hinter einer kleiderrauschenden Dame in das Kabriolet, -- da hatte sich die Liewennen verändert. Über ihrem gebügelten Rock lag es, der Rock dampfte; streifig, der Länge nach war er tausendfach gefältet; von dem rosenblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken stülpte, goß sich ein Staub, ein feiner Ruß, der um ihre Schultern schwelte.

Johann verließ seine Stube nicht; eine höllische Wut und Raserei nahm ihn gefangen. Er berührte keine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein begossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den Flur vor die Stube der vier. Dann machte er sich verbissen hinter die Schmiedstochter her. Er sah, er übersah dieses Flüssige, Dünne, Zittrige, das sie umgab, das aus ihren Kleidern, von ihrem freudevollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Wasser aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brütete, war der Spürhund hinter ihr, haßte sie. Aber so oft er sich auch in seiner Stube einschloß und den Federhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht entschließen, dem alten Karl Völker im Hessischen zu schreiben, daß man mit der Schiffahrt mal ein Ende machen müsse; im Mittelmeer sei es jetzt sehr heiß, sein Kapitän wolle nach Rumänien, um Petroleum zu laden, und das könne er nicht mehr riechen. Er kaufte sich einen grünen Jägerhut, ließ sich die Haare bis auf den Wirbel scheren, frech wuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbärtchen. So ritt er und schlampte mit den Tieren, den wilden Vögeln. Seine schlanken Rennerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis, wenn sie Arm in Arm auf den finsteren Kuckucksberg seitlich von Ransbach schlenderten und Speere warfen nach einer angebundenen schneeweißen Geiß, die ängstlich meckerte, Blut spritzte, unter Gebrüll zertreten wurde. »Aas!« keifte Hannes Völker heiser, zog sich die rotbefleckten Schuhe aus und hackte tobend dem verreckenden Vieh rechts und links in das Maul auf die Zähne; Gras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu, während die anderen vier ihre Eisenstäbe gegen die entzündeten übernächtigen Larven drückten, vor Lachen den Buckel krümmten.

Des Schmiedes Liewennen Kätti mied das Wirtshaus; es hieß, der Pfarrer habe mit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut nicht. Im bäurisch weiten Rock, mit berußter armloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die Wassereimer Tag um Tag; schon wurden die Blätter an den Bäumen bunt; warm und traurig hielt sie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr über den Weg stolperte. Wenn sie lief und die Eimer schwappten über, sah er ihr nach, und da liefen doch zwei. Gedoppelt lief es, machte ihn eine Minute stumm, hielt sein Herz an. Zweimal waren es zwei bloße Arme, zweimal schoben sich zwei Füße eng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke, festgesteckte und bebänderte Flechten, der andere war glatt, er schwankte bald rückwärts bald seitwärts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust legte, so stand der andere dünn in der Luft da, gegen dunkle Baumstämme hob er sich hell ab; so glattgestrichen war er von allen Seiten. In einem dunklen Grimm duldete er den Anblick: »Das ist das Zeichen; daran sollst du sie erkennen.« Sie blieb eines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem Denkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz stehen neben ihm und flüsterte rasch, das schräge Hütchen kleide ihn nicht gut, er solle sich die Haare wachsen lassen und die blaue Mütze aufsetzen. Johann schnalzte verächtlich mit der Zunge, daß es über den Platz knallte, schleuderte mit einem stolzen »Juhu« das Hütchen an der Krempe in die Luft, fing es auf, während er ein Bein hochzog, wie ein Storch auf einer Spitze stand. Die Eimer schlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte gegen ihren Rock, rasch lief sie.

Und eines Sonntags fuhr ein Wandertheater auf den Marktplatz vor das Gemeindehaus mit drei grünen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich vom heiligen Quirin auf. Da brachte der geschminkte Ausläufer des Direktors dem Hessen ein Billett, das habe, so erwähnte er mit graziösen Hin- und Herwinden und süßem Gurgeln vor dem Herausgehen, eine bekannte unbekannte Person bezahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kaiserin Dorothea von Byzanz würde nach dem Gottesdienst die Bewohner von Bliesschweien erschüttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teilnahme, kein Auge würde tränenleer bleiben.

Der Hesse nahm ein rotes Taschentuch und legte es auf seinen Platz, erste Bank vor der Bühne, stellte sich an sein Fenster, um das rote Taschentuch und den Nachbarplatz zu beobachten. Nun sollte die Liewennen, die Liewennen bestraft werden für ihren Verrat. Das Theater begann. An dem Haustor des Bäckers, im Schatten, spielte Kätti mit den Kindern, in ihrem weißen bauschigen Kleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick gegen das Seil am Denkmal, wo die Billettabnehmerin auf einem Stuhl schlief. Dreivierteldes Stückes waren zu Ende, längst ging keiner durch die Billettsperre, schon wanderten ältere Leute zurück, um noch vor Nacht ihre Dörfer zu erreichen oder sich einen Platz in der Schänke zu sichern. Die Liewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte vorgebeugt, an der mörtelstreuenden Wand sich haltend, über das leinwandumspannte Karee; ganz leer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfältig hingebreitet ein rotes Taschentuch.

Sie fühlte einen Stich im Herz, vorsichtig, blaß stieg sie den Tritt herunter, dann rasch zum Seil über den leeren heißen Platz, scheuchte die Kinder zurück, die weinten und mit hineinwollten; gleich wäre sie wieder da. Das Gedränge im Gang; »ach, bitt euch, mein Platz ist vorne, laßt mich durch.« Nun saß sie vorn, drückte zitternd das Tuch gegen ihre weiße Bluse, wagte nicht, von allen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der Bühnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zettelchen zu lesen, das wohl drin lag. Schon waren oben die vier Anstifter und Mörder der gottesfürchtigen Kaiserin handelseins; wieder drängte ein Ehepaar heraus. Die Liewennen, glühend, kopfgeduckt, schob sich hinter sie, wie ein Hähnchen unter die Flügel der Henne. Aufgeschreckt rückte die hutzlige verschlafene Frau, die Billettabnehmerin, mit dem Stuhl nach rechts. Die Liewennen rannte an den jauchzenden Kindern vorbei; »Kättchen« riefen sie, »komm her; hier sind wir ja, hier.« In die Blindgasse des Fuhrherrn Bell floh sie; nichts in dem Taschentuch; ein blaues Zeichen, J. V. Da knüllte sie es in dem kühlen Gang vor ihrem gespitzten Mund zusammen, weinte und hatte den Wunsch, das Tuch sich über die Stirn, die Augen zu legen, über den Kopf zu breiten.

Plötzlich hörten die Kinder auf zu kreischen. Hinter ihr, neben ihr bewegte sich der verlumpte Hesse in rosa Hemdsärmeln, hatte die Brille auf die Stirn geschoben und stierte sie mit wasserblauen Blicken über ihre Schulter an; sein Atem strich an ihrem Hals entlang.

»Für wen willst du dich mit meinem Taschentuch putzen?«

Sie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem roten Lappen auf ihrem Haar, stopfte ihn in ihren Brustausschnitt, hatte die Hände frei, tastete flehend nach seinem Ärmel.

»Wen willst du mit meinem Taschentuch locken?«