Part 8
Sie hatte leider nicht die Gnade, mich in privater Audienz zu empfangen. Ich sah sie nur bei Gelegenheit einer offiziellen Festlichkeit in Versailles, ihre unbeschreibliche Lieblichkeit würde mich ganz bezaubert haben, wenn ich nicht inzwischen von der Schönheit einer Ihnen nicht unbekanten Dame selbst für den Reiz der Königinnen unempfindlich geworden wäre! Graf Chevreuse, ihr getreuester Kavalier, -- er gehört zu den wenigen Hofherren, die, als sie jüngst an den Masern erkrankt zu Bette lag, ihre Anhänglichkeit so weit trieben, daß sie nur nachts zu bewegen waren, das Schlafzimmer der hohen Frau zu verlassen, -- zeigte mir die entzückenden neuen Gärten von Trianon, die Herr von Caraman im englischen Stile anlegt. Der Königin ganzes Interesse gehört dieser neuen Schöpfung und ihr ganzer Zorn denen, die sie ihr durch grämliche Sparsamkeitsrücksichten vergällen wollen. Herr Turgot ist der erste unter den Spielverderbern. Als ob man einer Königin versagen dürfte, was jeder Parvenü heute schon besitzt! Die Rücksicht auf ihre Trianon-Phantasie vermag, was der Hinweis auf die politischen Interessen Frankreichs nicht vermocht haben würde: Marie Antoinette für unsere Intrigue zu gewinnen, vorausgesetzt, daß einer von uns sie beeinflussen kann.
Sollte mein Brief an den Herrn Marquis, der noch ein wenig trockner ist als dieser, -- ich fürchte fast, der Neckersche Salon hat seine Spuren bei mir hinterlassen und Sie werden sich beeilen müssen, sie zu verwischen! --, ihn noch nicht zu einem festen Entschluß geführt haben, so rechne ich, teure Marquise, auf Ihre ausschlaggebende Unterstützung.
Darf ich Ihrer gütigen Verzeihung sicher sein, wenn ich eine andere, Sie persönlich betreffende Sache dem Herrn Marquis gegenüber zu meinen Zwecken auszunutzen versuchte? Ich schrieb ihm, daß die Affäre des kleinen Kapitäns viel Staub aufgewirbelt habe und daß es im Interesse Ihrer gesellschaftlichen Stellung wünschenswert sei, Straßburg mit Paris zu vertauschen. So kann die voreilige Tat des jungen Mannes, -- hätte er nicht für die Unnahbarkeit der schönen Delphine gefällige Trösterinnen gefunden?! -- den Interessen des Vaterlandes doch noch zugute kommen.
Marquis Montjoie an Delphine.
_Paris, am 1. Juni 1775_.
Meine Liebe. Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise bin ich vor acht Tagen hier angekommen. Die Unsicherheit der Wege ist groß; lichtscheues Gesindel wagt sich mit frecher Miene und einer Art Bettelei, die fast eine Drohung ist, bis dicht an die Wagen, so daß wir bei Ihrer Übersiedelung nach Paris für eine größere Eskorte Sorge tragen müssen, als ich sie hatte. Sie sehen aus dieser Bemerkung, daß mein Entschluß nunmehr feststeht, und ich bitte, die Vorbereitungen für die Reise treffen zu wollen.
Es geschieht nicht leichten Herzens, daß ich mich der klar erkannten Pflicht, dem Beispiel meiner erlauchten Ahnen folgend, unterwerfe, in gefährlicher Zeit das Herrscherhaus nicht zu verlassen. Die Tage, die ich hier in fast ständiger Gesellschaft der Minister und des Hofes verlebe, genügten, um mir die Lage der Dinge sehr schwarz erscheinen zu lassen. Wir dürfen uns vor allem Eins nicht verhehlen: der König folgt in seinen Handlungen keinerlei festem Plan, sondern teils seiner Laune, teils den Ratgebern, die ihm im Moment das Meiste versprechen. Diese Tatsache bietet uns freilich die Gewähr, daß auch Turgot sich über kurz oder lang beseitigen läßt, aber -- dessen fürchte ich sicher zu sein -- nur um durch neue vorübergehende Experimente ersetzt zu werden. Vorläufig sucht der König sein Heil noch darin, den Freidenkern und Ökonomisten Konzessionen zu machen. Man spricht sogar davon, daß Herr von Malesherbes in das Ministerium berufen werden soll, der der offene Beschützer und Parteigänger der Leute vom Schlage der Herren d'Alembert, Diderot e tutti quanti ist. Die einzige Stütze für uns ist der ehemalige Polizeileutnant Sartine, der aber leider auch durch Frau von Maurepas' Boudoir den Weg zu seinem Posten als Marineminister gefunden hat. Sein augenblickliches Verdienst ist die geschickte Inszenierung der Brotrevolten, die Turgots Ansehen nicht wenig erschüttert haben.
Die schwankende Haltung des Königs ist jedoch nicht das einzige, was zu schweren Befürchtungen Anlaß gibt. Die Konflikte mit England nahmen leider in Verbindung mit den amerikanischen Unruhen eine drohende Gestalt an, umsomehr, als der König gewissenlosen Einbläsern ein geneigtes Ohr leiht, die ihn glauben machen wollen, daß ein Krieg der allgemeinen Erregung eine andere Richtung geben, und sein glücklicher Ausgang die seit der Schmach des Siebenjährigen Krieges rapid wachsende Mißstimmung beseitigen würde. Schwärmer, die in einem freien Amerika die Träume der Philosophen glauben verwirklichen zu können, schlaue Geschäftsleute, die überall im Trüben fischen und, wie ich von zuverlässiger Seite hörte, schon jetzt den Bostonianern heimlich Waffen liefern, haben sich zusammengetan und schüren die Flammen. Wie weit es ihnen gelingt, geht schon daraus hervor, daß ein so kühl-reservierter Edelmann, wie der Prinz von Montbéliard, mir gegenüber die Absicht aussprach, sich dem Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien anzuschließen, auch wenn Frankreich neutral bleiben sollte, und daß Herr von St. James mir ernstlich zumutete, mich mit einigen tausend £ an dem geschäftlichen Unternehmen zu beteiligen. Übrigens bat mich der Prinz, Sie als seine Jugendfreundin von seiner Absicht in Kenntnis zu setzen. Man müsse sich der Treibhausschwüle des untätigen Lebens entziehen, sagte er, um nicht zu enden wie Herr von Pirch.
Da, wo er sich aufhält, -- in der nächsten Umgebung der Königin, -- ist allerdings diese Schwüle am fühlbarsten, und von hier aus drohen uns, wie ich glaube, die schwersten Gefahren. Ich darf von Ihrem Charakter erwarten, daß Sie, meine Liebe, sich der Aufgabe, die sich Ihnen hier bietet, gewachsen zeigen werden. Sie besteht weniger darin, die Königin in ihrem Kampf gegen das Ministerium zu unterstützen. Das ist die Absicht des Prinzen Rohan, der nicht nur den Wünschen der Königin schmeicheln, sondern seine eigenen Interessen fördern will. Sein Ehrgeiz hat die Abberufung von dem Wiener Gesandtenposten nicht verwunden; der Kardinalshut ist das mindeste, durch das er befriedigt werden kann, und die Rücksicht auf seine einflußreiche und vermögende Familie wird den König schließlich zur Zustimmung bewegen, während die Königin den Prinzen nach wie vor zu empfangen sich weigert. Als Erklärung ihrer Stellungnahme, -- denn Rohans Wiener Ungeschicklichkeiten scheinen mir für ihre Schroffheit doch keine ausreichende zu sein, -- kam mir das Gerücht zu Ohren, daß er die kleine Erzherzogin mit deutlichen Liebesanträgen verfolgt haben soll. Ich halte es daher für ratsam, ihn etwas fern zu halten, um so mehr als sein Ruf auch hier in Paris der denkbar schlechteste ist. Er hat, wie er mir selbst erzählte, seit seiner Ankunft täglich im Hotel irgendeiner Kurtisane soupiert. Männer wie er würden die verderblichen Neigungen der Königin nur noch unterstützen, und den Kreis leichtfertiger Damen und Herren vergrößern, mit dem sie sich umgeben hat.
Sie wissen, wie wir uns beglückwünschten, als die Maitressenwirtschaft mit der Thronbesteigung des Königs aufhörte. Ich scheue mich nicht zu erklären, daß wir bei dem Changement eher verloren als gewonnen haben. Marie Antoinette lebt nur dem Vergnügen und geht darin so weit, daß sie ohne Rücksicht auf die Würde ihrer Stellung in den gewagtesten Komödien vor einem Parterre applaudierender Kavaliere auftritt und ihre Günstlinge auf Grund ihrer schauspielerischen Talente auswählt. Ist es doch bereits so weit gekommen, daß hohe Herren, wie der Graf von Artois, sich in Versailles als Seiltänzer produzieren, und die Gräfin Polignac Unterricht im Ballettanzen nimmt! Kein Wunder, daß die Ehrfurcht vor dem Herrscherhaus mehr und mehr schwindet und Couplets gesungen werden, die die Neigung der Fürsten, sich in dieser Weise zu encanaillieren, in bitterster Weise verspotten.
Ich habe Ihnen nur noch mitzuteilen, daß wir das liebenswürdige Anerbieten Ihres Herrn Onkels, des Grafen Waldner, zunächst in seinem Hause Wohnung zu nehmen, akzeptieren müssen, da es nicht leicht ist, ein passendes Hotel zu finden und unser Bleiben in Paris immerhin noch von der Gestaltung der Dinge abhängt.
Teilen Sie mir beizeiten Ihre Reisedispositionen mit.
Lucien Gaillard an Delphine.
Sehr verehrte Frau Marquise, Ihr Auftrag ist ausgeführt. Ich faßte den Prinzen Montbéliard ab, als er von einem Spazierritt mit der Gräfin Polignac nach Hause kam. Seine heitere Miene verfinsterte sich schon bei meinem Anblick. Als ich Ihren Brief übergab, färbte sich sein blasses Gesicht dunkelrot. Er entließ mich sehr ungnädig. Oder sollte mir Paris den Star gestochen haben, so daß ich die gewohnte schlechte Behandlung hoher Herrn erst jetzt als solche erkenne?!
Euer Gnaden sind gütig genug, sich nach meinem Ergehen zu erkundigen. Ich müßte Mémoires schreiben wie Herr von Beaumarchais, um darüber gehörige Auskunft zu geben. Ich erlebte in ein paar Monaten mehr, als in den fünfundzwanzig Jahren, die ihnen vorangingen. In aller Kürze will ich Bericht erstatten. Nicht, weil ich an das Interesse glaube, das Sie für mich haben wollen. Es gehört, wie ich nachgerade weiß, zur vornehmen Erziehung, Interesse zu zeigen, um harmlose Seelen dadurch zu gewinnen. Aber ich möchte es Euer Gnaden ersparen, mich wiederzusehen, wenn die neue Ausgabe eines gewissen Gaillard Ihrer Zensur verfallen sollte.
Ich reiste zu Fuß; der Notgroschen, den der Herr Marquis mir mitgab und den die Frau Marquise so erheblich vermehrte, sollte durch keine überflüssige Ausgabe verringert werden. Diese Sparsamkeit hat mich reich gemacht. Ich sammelte Erfahrungen, deren Menge oft erdrückend war.
Kaum hatte ich das Gebirge hinter mir, als sich auch schon Ländereien vor mir ausbreiteten, die eben von plünderndem Kriegsvolk verlassen schienen: Einöden, Heide und Brachland, von schlammigen Wegen durchzogen, meilenweit kein Mensch. Nur hier und da tauchte ein lebendes Wesen auf mit strähnigen Haaren über schmutzstarrenden Zügen, das mich aus roten Augen erschrocken anglotzte.
Vor dem Einbruch der ersten Nacht klopfte ich in der Gegend von Noroy an eine rußige Hütte. Mit einem Geheul, das an die Wölfe der Vogesen erinnerte, stürzte mir ein Mensch entgegen.
»Ich habe nichts, gar nichts,« schrie er, »selbst das Schloß an der Tür hat der Steuereinnehmer schon genommen.«
Im Mondlicht sah ich erst, wen ich vor mir hatte. Es konnte nur eine Hexe sein: ein paar schmutzigweiße Haare standen um ihren gelben Schädel, über die bloßen Knochen ihres nackten Oberkörpers spannte sich die braune Haut, ihre Brüste hingen, leere Schläuche, über den gedunsenen Leib. Ich bekreuzigte mich. Da hörte ich ein Wimmern aus dem Dunkel der Hütte. Ich vermutete ein Verbrechen und sprang der Hexe nach, die hineinlief. Aber schon hatte sie ein Etwas vom nackten Boden aufgerissen, ein Bündel Lumpen, wie mir schien. Sie wiegte es in den Knochenarmen, sie preßte es an die welke Brust, und Tränen, die aus ihren Augen flossen, fielen darauf. Ich sah ein greisenhaftes Gesicht, nicht größer als meine Faust, sich aus den Lumpen heben. Sie küßte es.
Nun wußte ich, daß sie ein Weib war.
Allmählich im Weiterwandern hörte ich auf, mich zu entsetzen. Ich sah immer dasselbe: Häuser ohne Fenster und ohne Dielen, nichts darin als schmutziges Stroh. Die Möbel hatten im letzten Winter das Kaminfeuer nähren müssen, ebenso wie die letzten Obstbäume vor den Türen. Alles andere Besitztum hatten Steuererheber und Grundherren aufgefressen. Die Winzer in Laferté ließen den Wein ins Wasser fließen, weil sie zu arm waren, die Abgaben dafür aufzubringen.
Als ich bei Chatillon die Seine erreichte, kamen mir Banden von Bauern entgegen, die ihre Äcker im Stiche gelassen hatten, um in die Fremde zu wandern. Andere drängten sich in der Stadt, wo jedes Haus einer Ruine glich, und bettelten um Arbeit bei dem Schweizer Tuchhändler, der kürzlich gekommen war, um die Weiber für billiges Geld an seine Webstühle zu spannen. Viele priesen ihn, als wäre er der Herrgott selbst. Es waren Leute darunter, die wie das liebe Vieh schon Gras gefressen hatten. Daß sie jetzt schwarzes Brot bekamen, schien ihnen eine Erlösung, für die sie willig Tag und Nacht hinter dem Webstuhl schanzten.
Ich näherte mich Paris mit leeren Taschen. Angesichts all des Elends brannte jeder Sous mir in der Hand, bis ich ihn weggab. An üppigen Schlössern und wundervoll blühenden Gärten kam ich vorbei. Aber ob sich mir selbst jetzt vor Hunger der Magen zusammenzog, lieber hätte ich die Hand ausgestreckt, um eine Brandfackel in all die Pracht zu werfen, als um zu betteln!
Die Not trieb mich hin zu der Frau, bei der ich zu Beginn meiner Existenz schon neun Monate zu Gast war. An ihren Kaffeetischen, die von früh bis spät von aufgeregten Weltverbesserern besetzt sind, lernte ich Männer der Feder kennen, bei denen ich Schreiberdienste tat. Jetzt arbeite ich bei Herrn Linguet, einem Mann, dessen Eitelkeit noch größer ist als sein Geist. Weil einige Kaffeehausbummler sich über seine Prozesse und seine Artikel erhitzen, glaubt er die Augen von ganz Europa auf sich gerichtet.
Ich dränge mich auch in die Klubs und lese viel. Alle Augenblicke bilde ich mir ein, bei den Philosophen oder den Ökonomisten die richtigen Rezepte für die Volksseuche, die ich aus nächster Nähe kennen lernte, gefunden zu haben. Aber ich sehe immer wieder, daß selbst die berühmtesten Ärzte die Krankheit, die sie heilen wollen, gar nicht erforscht haben. Herr Necker schrieb neulich in einem Libell gegen die Ökonomisten: »die ökonomische Freiheit, die Ihr propagiert, ist die Tyrannei der Grundbesitzer,« und der Abbé Baudeau antwortete ihm: »Ihr Angriff auf den Grundbesitz ist der Kommunismus der Bankiers.« Ich fürchte, sie haben alle beide recht.
Verzeihen mir Euer Gnaden diesen langen Brief. Ich denke zu viel und spreche zu wenig, darum strömt mein Inneres in die Feder.
An Froberg denke ich zurück, wie an einen anderen Stern. Dort war alles satt und sauber. Euer Gnaden Brief riß die dunklen Vorhänge meiner Erfahrungen von dem Fenster meiner Erdenwohnung, sodaß ich plötzlich wieder in das ferne Licht hinübersehen mußte. Trotzdem möchte ich nicht zurück; kämpfen ist besser als leben. Nur daß sich die Herrin dieses Sterns mir wieder vor Augen rückte, war grausam. Ich könnte über ihr die Hexe von Noroy vergessen! Darf ich hoffen, daß Euer Gnaden sich in Paris meiner erinnern werden?
Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.
_Paris, am 2. Juli 1775._
Verehrte Frau Marquise. Ihr Schreiben hat mich überrascht, da ich mich der Ehre, Anspruch auf Ihr Vertrauen zu haben, nicht mehr rühmen darf. Ich glaubte einmal die Triebkraft erkannt zu haben, die Sie bestimmte, ein Wiedersehen mit mir zu verhindern, und mein Herz war so tief beglückt, daß es die gebotene Trennung ertragen konnte. Seit einiger Zeit weiß ich, daß es eine Täuschung war.
Der Prinz Rohan und der Graf Chevreuse wußten, begeistert von Ihrer seduisanten Persönlichkeit, die alle in ihren Bann zu ziehen versteht, viel von Ihnen zu erzählen. Noch mehr als durch ihr Reden erfuhr ich jedoch durch das Schweigen eines anderen, der um Ihretwillen auf ewig verstummte.
Sie verteidigen sich, Frau Marquise, wegen dieses Toten, als ob ich mir erlaubte, mich zu Ihrem Richter aufzuspielen. Da ich mich aber leider nicht taub und blind stellen kann, so gestatten Sie mir, Ihnen einige Tatsachen ins Gedächtnis zurückzurufen: Der Marschall von Contades hatte, als er zum Zweck seiner Rehabilitierung in Versailles erschien, ein Portefeuille des Herrn von Pirch in seinem Besitz. Es enthielt unter anderem ein Billett von Ihrer Hand mit der unverblümten Aufforderung zu einem auf das strengste geheim zu haltenden Rendez-vous, und einige Verse des Herrn von Pirch »an die Geliebte«, worin er den Duft Ihrer Haare, die Weichheit Ihrer Arme, die Wärme Ihres blühenden Busens in so stürmischen Strophen besingt, wie sie nur der Genuß all dieser Herrlichkeit, nicht aber die Sehnsucht darnach zu diktieren vermag.
Sie sind weiterhin so gnädig, an meinen Interessen und Plänen insoweit Anteil zu nehmen, als sie Ihnen »gefährlich« und »abenteuerlich« erscheinen. Zu Ihrer Beruhigung sei Ihnen von vornherein versichert, daß es nicht »Herzensenttäuschungen« sind, die den Wunsch in mir entstehen ließen, Frankreich den Rücken zu kehren. Es mag die Art der Frauen sein, ihre Überzeugungen und Interessen nach der Wetterfahne ihrer Gefühle zu drehen, die der Männer ist es nicht.
Meine Abneigung gegen die Hohlheit des Hoflebens, gegen meine eigene tatenlose Existenz wären schon Grund genug, eine andere Lebenssphäre sehnsüchtig zu suchen. Viel ausschlaggebender aber ist für mich der Einblick in die Tatsache geworden, daß alle Systeme und Ideen unserer Denker und Dichter, für die ich mich einst begeisterte, -- ich würde an dieser Stelle gern »wir« gesagt haben, Frau Marquise, wenn ich nicht wüßte, daß Sie jene Stunden in Etupes längst vergessen haben, -- nichts als Phrasen blieben, hohlere noch, als die der Priester, deren Versprechungen sich nur auf den Himmel beziehen, also völlig unkontrollierbar sind.
In Amerika sehe ich ein Volk, das um seine Freiheit kämpft, statt nur über sie zu reden. Dort würde ich also erfahren können, ob sie ein Gut ist, für das es sich lohnt, Kraft und Leben einzusetzen.
Ich gedenke demnächst zur Vermählung meiner Schwester mit dem Großfürsten Paul von Rußland nach Petersburg abzureisen, um darnach Europa zu verlassen.
Vielleicht vermögen Sie diesen kurzen Zeilen wenigstens das Eine zu entnehmen, daß ich nicht gewillt bin, in Hofintriguen und Liebesgetändel mich zu verlieren, auch keine Anlage habe, den tragischen Helden zu spielen.
Damit, Frau Marquise, dürften wir wohl das letzte Wort miteinander gewechselt haben.
Ich hoffe, Paris wird Ihre Ansprüche und Erwartungen ganz befriedigen.
SCHÄFERSPIELE
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Paris, am 1. August 1775._
Hiermit sende Ich Ihnen, schönste Marquise, Ihre Rolle als Daphnis. Die Königin ist entzückt in dem Gedanken an Ihre Mitwirkung, und ich -- oh, es gibt keinen Ausdruck für meine Empfindung!
Delphine lacht über Guys Liebesschwüre -- Daphnis wird sogar Philidors Zärtlichkeit dulden müssen!
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 15. August 1775._
Holdseligste! Noch fühle ich Ihren Atem auf meiner Wange, Ihren schwellenden Körper in meinen Armen, und Ihre Lippen, kühl und weich wie Rosenblätter auf meinem glühenden Mund. War es nur Daphnis, war es Delphine?!
Ach, als ich noch trunken vor Seligkeit im Schatten der Kulissen Ihnen zu Füßen sank, bereit, für ein zärtliches Wort mein Blut tropfenweise zu verspritzen, rissen Sie mich mit Ihrer Frage: »War Friedrich-Eugen unter den Zuschauern?« aus allen Himmeln. Als ich durch stummes Nicken bejahte, tief verletzt durch Ihr dauerndes Interesse an einem unliebenswürdigen Sonderling, und meine Leidenschaft die quälende Frage laut werden ließ: »Lieben Sie den Prinzen?« Da erfüllte mich Ihre rasche Antwort: »Ich hasse ihn!« mit neuer seliger Hoffnung. Und als Sie, an mich geschmiegt, strahlend von Schönheit, leuchtend von Übermut, vor dem entzückten Hof erschienen, und ein leiser Druck Ihres Arms mir die Erlaubnis gab, neben Ihnen bleiben zu dürfen, fühlte ich mich dem schwindelnden Glück Ihres Besitzes nahe.
Ihr kühler Abschied im Morgengrauen stürzte mich wieder in ein Meer von Zweifeln. Retten Sie einen Schiffbrüchigen, und wenn Ihnen das nicht der Mühe wert erscheint, die Hand auszustrecken, so retten Sie Ihre eigene blühende Jugend! Erinnern Sie Sich, süße Delphine, daß Ihre Schönheit zwar göttlich, Sie aber trotzdem nicht unsterblich sind! Soll der Frühling ihrer Jugend welken, noch ehe die Sonne der Liebe den Sommer entfaltete?
Sie leiden; ich weiß es; denn ich kenne alle Qualen wie alle Wonnen des Herzens. Die Sehnsucht glänzt aus Ihren Augen, glüht aus Ihren Fingerspitzen.
Wenn ich die Rosen, die ich Ihnen sende, heute abend an Ihrem Busen wiedersehe, soll mir das ein Zeichen süßester Hoffnung sein. Mag dann immerhin Guiberts Trauerspiel, dem der ganze Hof mit Spannung entgegensieht, so langweilig sein, wie seine Kriegskunst, ich werde es unterhaltend finden; Sie werden also, reizende Daphnis, nicht nur für Ihres Schäfers Glück, sondern auch für des Dichters Ruhm verantwortlich sein.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, den 20. August 1775._
Seit jenem Abend, wo ich die dunkelroten Rosen meiner Leidenschaft an der weißen Seide Ihres Kleides glühen sah und, hingerissen, mitten im Spiegelsaal von Versailles das Knie vor Ihnen beugte, bin ich im Zweifel, ob das Leben vorher mein Leben war, ob all die Liebe, die ich früher genoß, Liebe gewesen ist.
Wie im Traum höre ich noch Grétrys schmelzende Weisen, an deren Tönen das Licht in Ihren Augensternen sich entzündete, sehe in Ihren Händen das Glas mit dem perlenden Wein, dessen Feuer sich langsam in Ihre Adern ergoß, und fühle den heißen Atem all der schönen Frauen, all der glänzenden Kavaliere, der allmählich die duftenden Kerzen flackern, die schwüle Luft vibrieren ließ, und Sie hineinzog in sein Fieber. War es nur die Pracht dieses königlichen Festes, die Sie berauschte, war es der Duft meiner Rosen?
Ich will keine Antwort auf diese Frage, ich will sie nicht! Nur dem göttlichen Augenblick will ich leben, süße Frau, gleichgültig, welch einem Wunder ich ihn verdanke.
Was in Paris an Blumen aufzutreiben war, sende ich Ihnen heute. In Lilienblätter will ich das Köpfchen der Geliebten betten, wenn ich komme, roten Mohn will ich über ihre weissen Glieder streuen, und Amor selbst erfülle mich mit seiner Kraft, daß ich die schönste der Frauen zum Leben der Liebe erwecke.
Graf Guy Chevreuse an Delphine.
_Versailles, am 10. September 1775._
Holde! Süße! Daß ich Sie gestern nicht sehen durfte! Und doch empfingen Sie den Grafen Guibert! Die wütendste Eifersucht würde mich plagen, wenn ich nicht wüßte, daß der berühmte Poet und Kriegsmann ebenso berühmt als der Liebhaber der Lespinasse ist. Aber ich gönne es ihm nicht, auch nur den Geist meiner Geliebten anbeten zu dürfen.
Selbst die Königin bemerkte meinen Unmut. »Wo ist Daphnis, armer Philidor?!« neckte sie. Wo ist Daphnis? wiederholt mein Herz jede Stunde, die ich fern von ihr bin.
Und auch heute wollen Sie mich nicht empfangen, weil Ihre Majestät die Schneiderin Bertin Ihnen Audienz erteilt?! Grausame, bedarf es wirklich noch neuer Spitzen, Gaze und Seidenstoffe, ist es nötig, die zarte Tüllwolke um den Busen, den schweren Brokat um die Hüften immer raffinierter zu falten und zu raffen? Sind Sie nicht verführerisch genug für mich, oder haben Sie die Absicht, mich durch die Liebestollheit anderer Männer rasend zu machen oder durch ihre neidischen Blicke zu spießen?
Unten im Hof pfeift ein Schweizer sein Liedchen, drüben aus den Zimmern der Polignac klingen schwärmerische Harfentöne, aus den Hecken trillert ein Vogel, der vom Frühling träumt --, ich höre nur ein Wort aus allen Tönen: Delphine, Delphine! Und seine Melodie begleitet meines Herzens sehnsuchtsvoll-stürmisches Pochen: Denn in wenigen Tagen wird meine Geliebte mit mir in den Zaubergärten Armidens sein!
Keinen preise ich heute mehr, als den Prinzen Condé, der Chantilly zum Sitz der Musen und Grazien schuf. Herr von Beaumarchais, der diesmal bei ihm den Zeremonienmeister spielt, machte mir mit seinem beziehungsvollsten Figarolächeln allerlei Andeutungen über die Wunder, die sich begeben werden.
»Für Liebhaber der Einsamkeit«, sagte er, »finden sich im meilenweiten Park stille Einsiedeleien, für philosophische Gespräche, die ungestört bleiben müssen, gibt es im riesigen Schloß hinter unsichtbaren Tapetentüren sichere Verstecke.« Alles, was jung ist und schön, hat der Prinz geladen: »damit weder die bösen Zungen alter Weiber, noch die lüsternen Blicke verlebter Gecken die Liebe hindern, sich selbst zu leben.«