Die Liebesbriefe der Marquise

Part 22

Chapter 223,643 wordsPublic domain

Sind so viele Tränen nötig gewesen, holde Freundin? War der Moment nicht der geeignete, um -- zu bleiben, während der Marquis ging?! Als uns vor einem Jahr die Nachricht von der Geburt Ihres Kindes erreichte, als dann der Marquis voll väterlichem Stolz von seinem Sohn und Erben sprach, war es mir gleich vollkommen klar, daß Sie nichts getan hatten, als Ihre Pflicht. Aber nun sind Sie ihrer entbunden, -- kommen Sie zurück, schönste Marquise, ehe der Abgrund zwischen uns unüberbrückbar wird.

Meine Devise bleibt: »Ma vie au roi, mon coeur aux dames;« seien Sie barmherzig und werden Sie nicht die Ursache, daß der zweite Satz mit dem ersten in Zweikampf gerät!

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 9. September 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit einer fluchtähnlichen Hast hat die Familie Montjoie Paris verlassen. Und doch wäre es von solchem Interesse gewesen, uns über die bedeutungsvollen Ereignisse der letzten Zeit mit Ihnen zu unterhalten.

Herr von Calonne ist von der Not zu einem Schritt genötigt worden, der unter Umständen der Anfang konstitutioneller Entwicklung sein kann, -- freilich nicht mit ihm, sondern gegen ihn. Im Kreise Neckers herrscht nur die eine schwere Besorgnis, daß er, der nur von Augenblickssorgen getrieben und von Augenblickserfolgen geblendet wird, töricht genug sein könnte, die finanziellen Verhältnisse in einer Weise zu enthüllen, die nur geeignet wäre, die Autorität der Regierung zu untergraben. Necker, der mir, -- das möchte ich gerade Ihnen anvertrauen, der gegenüber ich mich seinerzeit so rückhaltlos gegen den damaligen Minister aussprach, -- unter vier Augen mitteilte, daß er mit vollem Bewußtsein dessen, was er tat, im Compte rendu von 1781 die Wahrheit verschleierte, hegt nach dieser Richtung die ernstesten Befürchtungen.

Wissen Sie etwa Näheres?

Es wäre vielleicht noch möglich, wenn man beizeiten die nötige Kenntnis davon besäße, folgenschwere Entschlüsse rückgängig zu machen. Schreiben Sie mir, bitte, auch von Ihren nächsten Plänen. Bleiben Sie bis zur Notabelnversammlung in Froberg? Mein Dienst führt mich vielleicht nach dem Elsaß und ich möchte nicht verfehlen, der schönsten Frau Frankreichs die Hand zu küssen.

Lucien Gaillard an Delphine.

_Paris, den 11. Oktober 1786._

Verehrte Frau Marquise. Mit Freuden erfülle ich Ihren Wunsch, von dem ich nur bedaure, daß er sich so leicht erfüllen läßt. Sie werden stets im Besitz meiner Adresse sein, auch wenn sie noch so häufig wechselt. Meine Feder von der kein Geringerer, als der Polizeileutnant Lenoir behauptete, daß sie mit Gift statt mit Tinte schreibt, wird mich während der Notabelnversammlung zwingen, im Dunkeln zu bleiben. Selbst von meinen Gesinnungsgenossen verstehen nur wenige mein Entzücken über die Aussicht auf das Ereignis des nächsten Jahres.

Die Notabeln, die das naive Volk immer noch durch den Glanz ihres Auftretens und die gewandte Form ihres Benehmens zu blenden verstehen, werden jetzt vor aller Welt gezwungen sein, auch den Blindesten Einblick in ihr Innerstes zu gewähren. Man wird ihre Selbstsucht erkennen, die auch ihre guten Handlungen regiert.

Ihre Wohltaten sind Opium für das Volk; ihre Königstreue ist das Mittel, ihnen die reichsten Pfründen zu sichern, ihr Stolz die Maske für ihre innere Leere!

Nur unter den Frauen gibt es Ausnahmen. Durch die schönste und bitterste Erfahrung meines Lebens weiß ich es: eine gibt es, die alle Tugenden und alle Vorzüge des Adels in sich vereinigt, ebenso wie ich eine andere kannte, deren Seele die offene Gosse war, die die Schmutzfluten aller Laster des dritten Standes in sich aufnahm. Die eine war meine Mutter. Werden Sie verstehen, Frau Marquise, daß meines Daseins glühendste Sehnsucht ist, mich so weit als möglich von ihr zu entfernen? Daß Sie darum der Stern sind, zu dem ich den krummen Körper emporrecke?

Die Kinder der Zukunft dürfen keine Mütter mehr haben wie die meine. Das ist das höchste Ziel der Revolution.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Montbéliard, den 20. Oktober 1786._

Geliebteste. Endlich ein zärtlicher Gruß auf sicherem Wege. Wie danke ich Dir, du Süße, für all die liebevollen, sehnsüchtigen Zettelchen, die Du mir schicktest. Ich trage sie auf dem Herzen; sie könnten mich vor feindlichen Hieben schützen, wie Deine Liebe mich für alles persönliche Leid unempfindlich macht.

Was Du von unserem Sohne schreibst, beglückt mich aufs tiefste; daß er kräftig ist, wird ihn fähig machen, den Stürmen der Zukunft zu trotzen. Wie das Kind Dich über die Qual der Gegenwart hinweghebt, -- »wenn ich es sehe, sehe ich dich,« sagst du, -- so hilft mir die Arbeit.

Unter dem kleinen Landadel spürt man den Hauch eines neuen Geistes. Grade der Umstand, daß er verarmte, macht ihn fähig zur Aufnahme moderner Ideen. Um so leichter wird er die Steuerprivilegien fallen lassen, wenn er auf der anderen Seite sieht, daß die Finanziers, die »an Papieren Reichen« zu neuen Steuern herangezogen werden. Mit den großen Grundbesitzern allerdings steht es anders. Der Marquis Montjoie hat unter ihnen die stärkste Anhängerschaft, und wenn der schlanke Greis mit dem Adlerprofil und den ruhigen Bewegungen seiner langen, blaugeäderten Hand vor die Versammlung tritt, um das ganze ehrwürdige Rüstzeug der Tradition gegen unsere neuen, unerprobten, blanken Waffen ins Feld zu führen, so hat er von vornherein gewonnenes Spiel. Jede Interessengemeinschaft mit dem dritten Stand lehnt er ab, am energischsten die mit den Parvenus, -- »weil sie unsere Herrensitze usurpierten, glauben sie uns gleich zu stehen. Reich kann man werden, aber vornehm muß man sein.« Selbst im Kampf gegen mich verläßt ihn nicht seine äußere Ruhe; nur ich höre den schärferen Ton seiner Stimme, und sehe das Aufblitzen unversöhnlichen Hasses in seinen Augen. Aber wir sind ja erst beim Vorpostengefecht; der Feldzug beginnt in Paris.

Einen einzigen Mißton, geliebte Frau, hat Dein letzter Brief in den reinen Akkord Deiner Liebesworte gebracht. Du willst während der Notabelnversammlung des Kindes wegen, dem die Pariser Luft nicht gut bekommt, in Froberg bleiben, Du freust dich sogar, mit ihm allein zu sein, der täglichen, stündlichen Pein enthoben, die die Zärtlichkeiten des Marquis für den Kleinen dir verursachen. Und ich?! Und die Möglichkeit, daß wir den rechten Augenblick versäumen könnten, einander ganz zu gehören?!

Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, 16. Februar 1787._

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen Urteil trifft uns nicht.

Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören; stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm stumm die Hand gereicht!

Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt, läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre schlammigen Tiefen aufwühlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde, und man verbreitete, er speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht' und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht, die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde, begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den Machtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«

Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock, viele Priester mit arbeitsharten Händen.

Ehe Du diesen Brief erhältst, werden wir zusammengetreten sein. Eine eben erschienene Broschüre steigert noch die Erregung. Sie trägt den Titel: »Letzte Gedanken des Königs von Preußen«, und enthält unter anderem folgende Sätze, die heute früh in großen Lettern an den Straßenecken prangten:

»Nationen, die mit geborgtem Geld Kriege führen, werden niemals Frieden haben; nach dem Krieg mit dem Nachbarn beginnt der Krieg mit den Geldgebern; das Volk kommt nie zur Ruhe. Bleibt schließlich nur der Ausweg des Bankrotts, und er ist unvermeidlich.«

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 3. März 1787._

Meine Liebe. Die außerordentlich anstrengende Tätigkeit im dritten Bureau der Notabelnversammlung macht es mir erst heute möglich, Ihnen für die gewünschten regelmäßigen Berichte zu danken. Es freut mich zu hören, daß Sie und Godefroy sich wohlbefinden.

Obwohl die Geheimhaltung der Verhandlungen mir verbietet, Ihnen ihren Verlauf im einzelnen zu schildern, so halte ich mich doch für verpflichtet, Ihnen, im Vertrauen auf Ihre unverbrüchliche Verschwiegenheit, -- jede Veröffentlichung der Tatsachen würde unabsehbares Unglück heraufbeschwören --, den Ernst der Lage nicht vorzuenthalten.

Stutzig gemacht durch die Andeutungen des Finanzministers über die Höhe der Schulden, und empört über die uns zugemutete neue Grundsteuer, -- der Adel Frankreichs hat sich bisher die Steuer des Bluts und des Lebens für den König selbst auferlegt und braucht sich darum nicht wie ein jeder Krämer des dritten Standes behandeln zu lassen, dem man die Opfer für das Vaterland erst abzwingen muß, -- haben wir einen Rechenschaftsbericht verlangt, um ihn mit dem Compte rendu Neckers vergleichen zu können. Er ist uns gestern in unzureichendster Weise gegeben worden. Darnach scheint die Schuldenlast seit 81, wo ein Überschuß von 10 Millionen konstatiert wurde, auf nicht weniger als 112 Millionen angewachsen zu sein. Das bedeutet, wenn die Aufstellung richtig und wenn eine Deckung nicht zu beschaffen ist, den Staatsbankrott, und wenn die Öffentlichkeit unterrichtet wird, eine ungeheure finanzielle Deroute. Diese beiden Möglichkeiten bitte ich Sie, ins Auge zu fassen und sich darauf vorzubereiten, daß auch ich den größten Teil, wenn nicht den ganzen Rest meines Vermögen bei dem stark engagierten Bankhaus Saint-James verlieren könnte.

Es ist selbstverständlich, daß wir Alles tun, um ein Unglück zu verhindern. Es ist aber auch ebenso selbstverständlich, daß wir uns nicht, wie die Regierung zu erwarten schien, zu ihrem willenlosen Sprachrohr machen. Alle sieben Bureaux haben trotz des leidenschaftlichen Widerstandes des Herrn von Lafayette und seiner Anhänger, die um den Beifall der Straßenpolitiker zu geizen scheinen, die Grundsteuer abgelehnt, ehe uns nicht die detailliertesten Nachweise über die finanzielle Lage gegeben werden. Verschwendungen ungeheurer Art oder schmähliche Veruntreuungen innerhalb der Regierung sollen wir gezwungen sein, auf unsere Schultern zu nehmen? Der König, der sein Ohr schlechten Ratgebern lieh, hat es verstanden, den Adel, auf den er sich sonst allein stützen konnte, im Lager seiner Gegner zu sehen.

Sollte Außerordentliches geschehen, so werde ich Ihnen durch besonderen Kurier Nachricht geben.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 22. März 1787._

Verehrte Frau Marquise. Ihre Antwort auf meinen Brief war so diplomatisch, daß ich wieder einmal von der Begabung der Frauen für die Politik überzeugt worden bin.

Inzwischen haben die Ereignisse mir rechtgegeben. Calonne wird über ihnen stürzen, jetzt besonders, wo sein kopfloser Appell an die Öffentlichkeit sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen hat. Das Volk steht auf Seite der Notabeln, nur weil sie die Frondeure der Regierung sind. Die Zahlen, die allmählich, trotz des strengsten Schweigegebots durchsickern, steigern die Aufregung und rauben uns allen Kredit und alles Ansehen. Man hört von geheimen Rüstungen in England, von preußischen Truppen, die sich an der holländischen Grenze zusammenziehen. Der Tod Vergennes', eines tüchtigen Mannes, der verstand, unsere auswärtige Politik durch die bedrohlichsten Stürme zu steuern, die Unfähigkeit des Lakaien Montmorin, seines Nachfolgers --, das alles sind Vorboten trüber Tage.

Aber nicht, um Sie mit ihnen zu schrecken, schreibe ich heute, sondern um Sie um die Gnade zu bitten, Sie bei meiner Inspektionsreise im Elsaß aufsuchen zu dürfen. Sollten Sie im Mai nicht in Froberg sein, so darf ich noch eine Nachricht erwarten. Oder dürfte ich, trotz Ihrer offenbaren Ungnade, darauf hoffen, auf alle Fälle eine Zeile von Ihnen zu erhalten? Meine unerschütterte Verehrung für Sie sollte wenigstens auf die Gewährung eines Handkusses rechnen können!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 9. April 1787._

Geliebteste Delphine. Ich beeile mich, Dir durch besonderen Kurier mitzuteilen, was Dich und uns auf das Nächste berühren muß. Calonne wurde heute seines Amtes enthoben. Über die schwindelnde Höhe des Defizits herrscht in der Pariser Bevölkerung kein Zweifel mehr. Die Bankhäuser Saint-James und Boutin sind seit gestern geschlossen. In der heutigen Sitzung erschien der Marquis als ein Gespenst seiner selbst, aber in grader, tadelloser Haltung. Er bat, wie ich erfuhr, um Urlaub. Wie weit er an dem Ruin des Herrn von Saint-James beteiligt ist, weiß niemand.

Ich hoffe mit Bestimmtheit, daß diese Zeilen Dich vor seiner Ankunft erreichen, und Dein gütiges Herz nicht unvorbereitet seinem Unglück gegenübersteht.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 9. April 1787._

Meine Liebe. Das Gefürchtete ist eingetroffen, ohne mich noch überraschen zu können. Ich habe mein Vermögen verloren. Das Wenige, was ich im Laufe der letzten Tage sicherzustellen vermochte, wird grade nur ausreichen, uns vor Entbehrungen zu schützen. Ich bedaure die Sachlage um Ihretwillen, die Sie an ein luxuriöses Leben gewohnt sind. Für meinen Erben möchte ich sie dagegen beinahe als ein Glück bezeichnen. Der Reichtum hat den Adel Frankreichs in Bahnen gelenkt, die ihn seiner besten Kräfte berauben; die Armut wird ihn unweigerlich vor die Wahl stellen, untergehen zu müssen oder sie zurückzugewinnen. Die Zukunft bedarf eines Geschlechtes von Eisen.

Ich werde meiner Gemahlin keine anderen Kleinodien, und meinem Erben nichts mehr zu hinterlassen haben als die Ehre meines Namens. Ich erwarte, -- das einzige, was mir das Leben noch zu erwarten übrig ließ --, daß sie sich dieses Schatzes würdig erweisen.

Ich folge diesem Brief auf dem Fuß, da ich zunächst in Straßburg alles Geschäftliche zu erledigen habe. Froberg bleibt uns. Wir werden uns jedoch auf die Burg beschränken müssen.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Saint-Cloud, den 4. Mai 1787._

Teuerste Delphine! Das Unglück, das Sie traf, hat mich mit betroffen, wenn ich auch zu sehr zur alten Schule gehöre, als daß ich öffentlich Tränen darüber vergießen könnte. Sie wissen doch: sogar die Notabeln weinten, als Calonne, der arme Prügelknabe, gegangen war und der König ihnen die Vorlage aller Rechnungen versprach; sie haben ihre Tränendrüsen offenbar für Schmerzen und Freuden ordentlich eingeteilt.

Die Königin erstarrte förmlich, als sie von Ihrem Schicksal erfuhr; sie kam gerade vom Krankenbett des Dauphin, wo sie ihren Vorrat an Tränen gelassen haben mochte. Heute sagte sie mir, ich möge Ihnen mitteilen, daß sie noch so glücklich ist, Ihnen beistehen zu können.

»Daß die kleine Marquise ihre Perlen verkaufen mußte, erregt mich nicht,« sagte sie, »vielleicht hing auch an diesem wundervollen Geschmeide ein böser Fluch! Aber daß sie verurteilt wurde, in der dunklen Burg zu wohnen -- ein sonnengewöhnter Paradiesvogel im Käfig! -- das macht mich schaudern.« Sie bietet Ihnen an, in ihren Hofstaat einzutreten, und würde Ihnen im geheimen aus ihrer Schatulle die Mittel dafür bewilligen.

Könnten wir nicht doch noch inmitten des schwarzen Weltmeeres eine Insel der Seligen mit den Flüchtigen vom anderen Ufer bevölkern?!

Eine Ahnung von ihrer Möglichkeit hatten wir kürzlich.

Die Guimard tanzte auf der kleinen Bühne des Schlosses, mit ihr die kaum zwölfjährige Laure, die wunderbare, jüngste Schülerin von Vestries. »Vergangenheit und Zukunft« war der Titel der Pantomime, die sie aufführten: die Guimard als Marquise Pompadour in der üppigsten Courrobe, übersäet mit funkelnden Juwelen, die kleine Laure in flatterndem Hemdchen, als einzigen Schmuck ein rotes Tuch turbanartig um das Köpfchen gewickelt. Sie hob und senkte sich, sie schwebte und wirbelte um die feierlichen Menuettpas der Marquise, daß diese »Zukunft« Jeden erobern mußte.

Die Königin befahl die Tänzerinnen zum Souper. Noch einmal hatte die Göttin der Freude der hohen Frau ihr Szepter in die Hand gedrückt. Immer wieder sprangen die Korke der Champagnerflaschen gegen die Decke und trafen wie Pfeile Amors die bloßen Brüste gemalter Najaden; immer kecker wurden die Chansons, vom perlenden Lachen der Königin unterbrochen.

Es war wie einst!

Gegen Mitternacht öffnete sich die Türe zu den Gemächern des Königs. Er trat ein, fahl im Gesicht; der Gesang verstummte, die Tänzerinnen standen still, angstvoll flüchtete sich die zitternde Zukunft in die Arme der blassen Vergangenheit; der König flüsterte mit seiner Gemahlin; das Licht in ihren Augen erlosch.

Es war der Tag, an dem Lomenie de Brienne Finanzminister geworden, Calonne nach England entflohen, und das böse Wort vom Staatsbankrott in der Notabelnversammlung zum ersten Mal gefallen war!

Von der Insel der Seligen waren wir allzu rasch an das Gestade der Wirklichkeit zurückgekehrt. Aber wenn Sie bei uns sind, Holdseligste, werden wir uns nicht mehr von ihr vertreiben lassen.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 27. Mai 1787._

Geliebteste, ich höre nichts von Dir und bin in größter Angst. Da ich nicht weiß, was geschehen ist und was geschehen kann, habe ich der Post oder einem gewöhnlichen Kurier diese Zeilen nicht anzuvertrauen gewagt. Gaillard hat es übernommen, sie sicher in Deine Hände gelangen zu lassen.

Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der Notabelnversammlung, die stürmische Forderung nach der Einberufung der Generalstände, -- das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an den König, -- haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer -- die Ehe, die Familie, die Freundschaft, die Königstreue -- der juwelenbesetzten Gewänder entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige Gerüste uns nur noch entgegenstarren, -- jetzt, meine Delphine, können befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen. Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 19. Juni 1787._

Meine Delphine -- mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem Innern erst austoben lassen; -- nun ist von ihm nur die Verwüstung übrig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst --, ich würde Dich erobert haben! Aber da Du selbst -- Du selbst! -- Dich in Ketten schlägst, wer vermöchte Dich zu befreien!

Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen, die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!

»... Mit eiserner Kraft hielt der Marquis sich noch in Straßburg aufrecht. Als der Marstall sich leerte, als die bepackten Möbelwagen sich unter Peitschenknallen und Räderknarren schwankend von Montjoie fort bewegten und der alte Gärtner mit zitternden Händen die Läden des leeren Schlosses über die schwarzen Fensterhöhlen legte, als die Dienerschaft Abschied nahm --, einer nach dem anderen in endlos scheinender Reihe, da stand er immer noch gerade aufgerichtet und hatte ein Lächeln für jeden wie bei einem großen Empfang...«

Rühmst Du nicht mit jedem Wort den hartherzigen, alten Mann, der für scheidende Untergebene ein Lächeln, für sein Weib nur die Folter hat?!

»Am Abend aber fand ihn der einzige, alte Diener, den wir behalten haben, bewußtlos am Boden neben seinem Schreibtisch. Erst nach Tagen der Sorge« -- (Sorge um einen Menschen, der Dich kaufte?!) -- »kam er zu sich. Seitdem wird das Sprechen, das Gehen ihm schwer. Unermüdlich läßt er sich im Rollstuhl durch die düsteren Räume fahren. Nur die Arme kann er bewegen, wie immer.« --

Um Dich zu halten, Dich und unser Kind! --

»Und gerade jetzt, in dieser gräßlichen Not sollte ich von ihm gehen, sollte in dem Mann, der alles verlor, den Glauben erwecken, daß ich wohl seinen Reichtum genießen, nicht aber seine Armut teilen kann? Die Frage, die zu stellen Du von mir verlangst, die Flucht, die mir übrig bleibt, wenn ein hartes Nein seine Antwort ist, würden den Geschwächten töten. Kannst Du verlangen, daß ich seine Mörderin werden soll?«