Die Liebesbriefe der Marquise

Part 18

Chapter 183,647 wordsPublic domain

Ich habe heute, zum Teil auch infolge dieses Ereignisses, sehr viel Korrespondenz zu erledigen und muß mich daher des Glücks Deiner Nähe berauben.

Sieh, meine Delphine, nun steht dieser Satz schwarz auf weiß auf dem Papier, damit Du selber erfahren sollst, daß ich nahe daran war, Dich zu belügen! Nein: es gibt keine Arbeit, die mir die Möglichkeit nehmen könnte, Dich, -- und wäre es nur auf Minuten --, in meine Arme zu schließen. Aber zuweilen ist mir, als könnte ich mich vor mir selbst nicht mehr sehen lassen, geschweige denn vor Dir! Gestern, als der Marquis zum ersten Male, seit ich in Straßburg bin, den Abend mit uns verbrachte und das Gespräch nur schwerfällig von der Stelle kroch, von Pausen unterbrochen, die endlos schienen, wobei Du jedesmal von wachsender Glut überhaucht das Köpfchen senktest, während er, schmal, müde, grau, die blassen Hände auf dem dunklen Samt der Armlehne matt ausgestreckt, mit den tief in ihren Höhlen ruhenden Augen langsam von Dir zu mir herüberblickte, -- da fühlte ich mit nagendem Schuldbewußtsein das Entsetzliche unsrer Lage. Nicht daß wir uns lieben, Geliebte, ist Schuld, sondern daß wir es vor ihm verbergen, wie ein Verbrechen!

Ich kann nicht leben ohne Dich, und ich kann doch so nicht leben!

Laß mir den einen Tag, damit ich zu mir selber komme!

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Chateau Larose, am 25. Januar 1783._

Teuerste Marquise. Meine arme Schwester ist von dem schweren Schlag, der sie getroffen hat, so erschüttert, daß sie noch nicht imstande ist, Ihren liebevoll teilnehmenden Brief zu beantworten; sie bittet mich, es an Ihrer Stelle zu tun.

Ich kann nicht leugnen, Allerschönste, daß ich trotz des Unglücks, das den Anlaß zu diesem Schreiben bietet, die Gelegenheit freudig ergreife, wieder in Verbindung mit Ihnen zu treten. Zwinge ich doch auf diese Weise Ihr Auge, wenigstens auf meiner Schrift zu ruhen!

Sie sind ungeduldig? Gemach, ich komme bereits zur Sache! Clarisse hat fast ihr ganzes Vermögen verloren, was sie um so härter berührt, als sie infolgedessen fürchten mußte, in Abhängigkeit von einem Gatten zu geraten, der sie fortgesetzt betrügt. Aber kaum erfuhr unsere Königin von dem Unglück, als sie ihr aus freien Stücken eine Rente anbieten ließ, die den Zinsen ihres einstigen Besitztums entspricht. Wenn irgendetwas uns an Ihre Majestät noch fester hätte fesseln können, so ist es diese große Gnade, die vielleicht mehr noch um der Art, wie sie gewährt wurde, zu schätzen ist als um ihrer selbst willen.

Die Königin leidet; es gibt Stunden, wo sie stumm vor sich hin brütet und niemand von uns die Stille zu unterbrechen wagt, die gespenstisch den Saal beherrscht. Aber sobald jemand aus dem Kreise ihrer nächsten Umgebung Kummer hat, ist sie die erste, die hilft und tröstet, und dabei ihre alte Fröhlichkeit wiedergewinnt. Sie fand sogar, was allgemein auffiel, scharfe Worte, um die offene Schadenfreude der Partei Choiseul angesichts des Bankrotts der Rohan zurückzuweisen.

Ein Ausspruch der Herzogin von Grammont macht die Runde in Paris: »Die Rohans,« so sagte sie, »beanspruchen seit langem den Titel eines souveränen Hauses. Man darf hoffen, daß ihre jetzt enthüllte Geldwirtschaft der letzte Beweis für die Berechtigung ihrer Prätensionen ist.«

Die Familie Rohan hat übrigens alles getan, um die Ehre ihres Namens zu retten: der Kardinal hat von seinem Schloß Savenne, wo er sich mit Cagliostro völlig einzuschließen scheint, die Nachricht von dem Bankerott mit der Zusicherung namhafter Summen beantwortet, -- man akzeptiert sie nicht ohne leichtes Gruseln, da ihre Herkunft unter Umständen aus der Garküche Beelzebubs stammt! Die kleine Prinzessin Guéménée-Soubise hat ihre Juwelen geopfert; die Prinzessin Marsan nahm den Schleier und opferte ihr ganzes Vermögen der Ehre der Rohan.

Aber rührender als alle diese im Grunde selbstverständlichen Opfer der Nächststehenden ist folgende Geschichte:

Wir saßen beim Souper im Hotel Guimard; der Champagner hatte uns in die goldenen Tage völliger Sorglosigkeit zurückversetzt; in griechischem Gewande tanzte die entzückende Herrin des Hauses auf dem Parkett zwischen den üppig gedeckten Tafeln. Zum ersten Mal führte sie uns vor, womit sie demnächst das große Publikum zu begeistern gedachte: eine antike Schale in der Hand, wiegte sie den schlanken Körper auf den nackten Füßen, um allmählich ihre Bewegungen, bei denen jede Linie ihrer Gestalt plastisch hervortrat, bis zum Taumel bacchantischer Lust zu steigern. Mit wogendem Busen, die Schale, die ich ihr füllte, in einem Zuge leerend, stand sie schließlich still, als vor dem Sultan der Oper, dem Prinzen Soubise, die Flügeltüren sich öffneten. Der Jubel über den Tanz verstummte bei seinem Anblick. Er brachte die Nachricht von dem Bankrott, der seine Tochter am schwersten treffen mußte. Ohne ein Wort zu sprechen, begab sich die Guimard an ihren Sekretär, schrieb ein paar Zeilen, reichte sie stumm ihren Kolleginnen vom Ballett, die sämtlich ihren Namen darunter setzten. Es war der formelle Verzicht auf die Rente, die der Prinz ihnen allen ausgesetzt hatte, zugunsten der verarmten Dienerschaft der Prinzessin Guéménée-Soubise! Sind sie nicht zum Küssen, diese kleinen lasterhaften Mädchen?

Wann wird Versailles Sie wiedersehn, reizende Marquise? Um das geschehene und das drohende Unheil zu vergessen, planen wir ausgelassenere Feste denn je.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 11. März 1783._

Tränen, Geliebte, habe ich dir erpreßt -- zum ersten Mal! Ich würde mich töten lassen, wenn ich sie dadurch trocknen könnte, aber zu handeln vermag ich nicht anders, selbst wenn ich weiß, daß Du darum weiter weinst!

»Ich gebe mich Dir ohne Reue hin,« sagtest Du vorwurfsvoll. Verstehst Du denn nicht, Delphine, daß eines Weibes Liebe alles heiligt, während über der Liebe des Mannes seine Ehre steht? Ich weiß recht gut: Die Hofherrn von Versailles sind stolz darauf, einen Ehemann so raffiniert als möglich zu betrügen; ihr Ehrgefühl steht auf derselben Stufe wie das Gefühl, das sie Liebe zu nennen sich nicht mehr schämen. Ich aber fühle es mit wachsender Angst: die täglichen, häßlichen Heimlichkeiten, die verschlossenen Zimmer, die Furcht vor jedem Schritt, die Scheu vor den Augen der Lakaien, sind imstande, selbst meine große Liebe zu Dir in den Schmutz der Auffassung jener Männer herabzuziehen.

Ich muß fort, nicht weil ich aufhörte, Dich zu lieben, sondern weil ich Dich zu sehr liebe. Die Rolle des galanten Kavaliers liegt mir nicht. Erst wenn ich fern bin, werde ich wieder des ganzen Glücks unserer Liebe froh werden. Und erst dann, dessen bin ich gewiß, wirst Du mich verstehen lernen.

Über die Zukunft nachzudenken, bin ich im Augenblick dieses schrecklichen inneren Aufruhrs außerstande. Nur eins ist mir gewiß: daß nichts, am wenigsten die äußere Entfernung, uns zu trennen vermag.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 6. April 1783._

Wie hätte ich mich in Dir täuschen können? Mit solcher untrüglichen Sicherheit würde Liebe nicht wählen, wenn Du nicht alles erfülltest, was ich von Dir träumte. Nur eine Liaison kann ein Ende nehmen --, gleichgültig ob sie durch das Sakrament der Ehe geheiligt wurde oder nicht --, wenn die Sinne sich nicht gegenseitig täglich aufpeitschen.

Meine Reise hierher war voller Abenteuer. Vielleicht wollte das Schicksal mir helfen, meine Gedanken abzulenken. Die Wege sind schlechter denn je, -- es gibt kaum noch einen Bauern, der für ihre Ausbesserung Frondienste leisten will --, zuweilen sogar in offenbarer Absicht mit großen Steinen besät. Zweimal brach infolgedessen ein Rad meines Wagens; es erschienen im Augenblick zweifelhafte Gestalten in zerlumpten Röcken, die mit den Händen in den Hosentaschen zusahen, wie meine Diener sich mühten, den Schaden wieder gutzumachen. In meiner Herberge verweigerte man mir Futter für die Pferde; schon gab ich Befehl zum Aufbruch, als der Wirt nach einem kurzen Gespräch mit dem Kutscher es mir aufdrängte, ohne eine Bezahlung annehmen zu wollen. Wie ich erfuhr, hatte der Name meines Kriegskameraden Lafayette genügt, ihn umzustimmen. Als ich weiterfuhr, hatte sich die ganze Bewohnerschaft des Ortes um mich versammelt, und in der Stille der Nacht tönten mir noch lange ihre Rufe nach: »Es lebe die Freiheit!« -- »Es lebe die Republik!«

Hier empfingen mich alarmierende Nachrichten. Die Schrift Mirabeaus über die Haftbriefe und die Staatsgefängnisse war trotz ihres Verbots in aller Händen. Sie ist eine glänzende Leistung voll Mut und Feuer, die die persönlichen Verfehlungen des Verfassers ganz vergessen läßt. Es gibt Zeiten, in denen Tatkraft und Kühnheit von so überwiegender Bedeutung sind, daß sie alle anderen Tugenden aufwiegen.

In den Cafés bilden noch immer die Ereignisse des letzten Opernballes den Gesprächsstoff, und auf der Straße den Gegenstand derber Chansons. Die Königin, die vollkommen maskiert und bis zur Unkenntlichkeit vermummt gewesen sein soll, wurde sofort -- wahrscheinlich durch den Verrat eines Lakaien -- erkannt und mit Späßen verfolgt, über die sie sich zunächst amüsierte, was natürlich ihre Dreistigkeit nur steigern half. Erst als eine Maske in Kardinalstracht sich ihr näherte und trotz aller Bemühungen nicht von ihr wich, brach sie schließlich in Tränen aus und entfernte sich rasch. Niemand hörte, was die Maske sprach; nur Guibert behauptet gesehen zu haben, daß sie ihr einen gefüllten Geldbeutel anbot. Erst widrige Szenen wie diese müssen die Monarchen davon in Kenntnis setzen, daß die auf ihren Empfang durch Hofansagen und Polizeimaßnahmen nicht vorbereitete Menge eher zu Pöbeleien als zu spontanen Huldigungen bereit ist.

Meine Feder stockt. Wie unwesentlich kommt mir vor, was ich schreibe, neben dem einen großen Gefühl, das mich beherrscht und das sich nicht in Worte fassen läßt. War es nicht doch Wahnsinn, daß ich von Dir ging? Ist nicht alles -- alles einerlei, wenn ich nur Dich habe?! Delphine, Du geliebte Frau, was hast Du aus mir gemacht?! Das ganze Gebäude meines Lebens ist wie ein Kartenhaus vor dem Hauch Deines Mundes.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, am 3. Mai 1783._

Hast Du mich so lange auf einen Brief von Dir warten lassen, Geliebteste, damit alle anderen Empfindungen von der Glut meiner Sehnsucht verzehrt werden?! Und nun fragst Du mich, als wüßtest Du nicht im selben Augenblick schon die Antwort: »Darf ich kommen?« Wenn es zwischen uns etwas gäbe, das nur im entferntesten einem Befehl oder einem Verbot ähnlich sähe, so würde ich sagen: »Du mußt!« Du mußt, denn wenn ich auch lebe, atme, spreche, so bin ich es doch nicht selbst: mein ganzes Ich ist ja bei Dir! Nichts als ein Automat geht durch die Straßen von Paris, über das Parkett von Versailles. Komm, komm, so rasch deine Pferde den Weg von Froberg hierher zurückzulegen vermögen!

Die Königin frug oft nach Dir. Der liebenswürdige Empfang, der mir zu teil wurde, hatte mich zu der Hoffnung verleitet, sie vielleicht beeinflussen zu können. Aber schon die vierzehn Tage, die ich wieder in ihrer Umgebung bin, haben mir bewiesen, daß es nicht möglich ist. Sind es die Folgen der Monarchenerziehung, die sie zwingen, ihr eigentliches Wesen zu verstecken; oder -- ist sie nicht anders, als sie sich zeigt? Ich habe versucht, ernstere Interessen wachzurufen, aber nichts vermag sie zu fesseln, was nicht eine persönliche Beziehung zu ihr selber hat: die Kunst nur, wenn sie ihre Schlösser schmückt, ihre Langeweile vertreibt, die Finanzen Frankreichs nur, insofern sie ihr Budget beeinflussen. Sie ist niemals glücklicher, als nach einer Toilettenkonferenz mit Madame Bertin oder nach einem Besuch Monsieur Boehmers.

Schlimm genug, wenn ein König nichts anderes zu sein vermag, als der Träger der Krone, schlimmer noch, wenn eine Königin die Erde, auf der sie steht, nur insoweit bewertet, als sie ihr Nährboden ist!

Du schreibst mir noch, wann Du kommst. Ich wage nicht eher daran zu glauben, als bis ich Dich sehe, bis meine Arme Dich umschließen. Liebte ich Dich so wenig, daß ich sie jemals öffnen konnte, um Dich von mir zu lassen?

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 10. Juni 1783._

Teuerste Marquise. Ihre Rückkehr nach Paris ist für den Aberglauben eines Glaubenslosen wie der Aufstieg weißer Tauben über dem Tempel Apollos.

Seit drei Monaten proben die Schauspieler der Comédie française meine Komödie, seit acht Wochen habe ich das Versprechen des Grafen von Artois, daß sie auf der Bühne von Versailles das Licht der Welt erblicken wird, -- denn wo sie auch immer zur ersten Aufführung gelangt, und wäre es im kleinsten Theater vor einem Dutzend Zuschauer: es wird die Welt sein, die sie damit erobert!

Aber erst Ihre Ankunft, die Aussicht, Sie vor dem Vorhang zu wissen, im Augenblick wo er sich meinem Triumphe öffnet, bietet mir die Gewähr dafür, daß er nicht schließlich doch geschlossen bleibt.

In drei Tagen ist die Aufführung. Nachher werden Sie mir gestatten, Ihnen die Hand zu küssen.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Versailles, Freitag den 13. Juni._

Soeben -- fünf Stunden vor dem Beginn der Vorstellung -- überbringen die uniformierten Boten des Marschalls Duras und des Polizeileutnants von Paris den Schauspielern und mir den Befehl des Königs: Figaros Hochzeit darf nicht gespielt werden.

Ludwig von Frankreich wirft mir seinen Fehdehandschuh vor die Füße. Ich, Caron Beaumarchais, nehme ihn auf. Jetzt ringen wir nicht mehr um die Daseinsberechtigung eines Stückes, sondern um die eines Standes!

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 3. Juli 1783._

Verehrte Frau Marquise! Der Abend bei Ihnen war deliziös! Um Ihretwillen nehme ich das ganze achtzehnte Jahrhundert in den Kauf; ja, ich wäre geneigt, wenn der Herrgott mich zu seinem verantwortlichen Minister ernennen wollte, es in Permanenz zu erklären.

Die Bekanntschaft mit dem Grafen Vaudreuil, die Sie vermittelten, ist unschätzbar. Ich fahre bereits morgen nach Gennevilliers, um die Bühne zu besichtigen, eventuell in aller Eile, -- der Graf gab mir plein pouvoir, -- umbauen zu lassen, und dann --!!

Seitdem der aerostatische Globus in die Lüfte stieg und die Brüder Montgolfier sich anschicken, in eigener Person allem, was Flügel hat -- den Adlern und den Engeln, den Amoretten und der Phantasie -- Konkurrenz zu machen, rückt das Unmöglichste in den Bereich der Möglichkeit, -- also auch die Geburt des Kindes meiner Laune.

Sie sollten nur hören, mit welch wahrhaft patriotischem Schmerz unsere Kaffeehauspolitiker die wachsenden Ausgaben erörtern, die die unabweisliche Schaffung einer Luftflotte notwendig verursachen werden, wie sie mit der Ausgestaltung der glücklichen Idee beschäftigt sind, für diejenigen, die vergebens auf einen irdischen Ministerposten warten, ein neues Departement der Lüfte einzurichten, und wie ernste Vaterlandsfreunde sich mit der brennenden Frage beschäftigen, was zu geschehen hat, um England beizeiten zu verhindern, daß es das Reich des Aeolos nicht usurpiert, wie es das des Poseidon bereits usurpierte. Was mich in Gedanken an all die luftigen Zukunftsmöglichkeiten am meisten lockt, ist die Aussicht, ganz sacht emporzusteigen und, mit einem guten Fernrohr bewaffnet, in aller Ruhe dort oben abzuwarten, bis unser Planet sich soweit gedreht hat, damit sich mein Ballon eines schönen Abends auf China herablassen kann. Für französische Dichter, Philosophen und Freiheitsschwärmer muß es ein ideales Land sein!

Marquis Montjoie an Delphine.

_Froberg, den 20. Juli 1783._

Meine Liebe! Für Ihre freundliche Erkundigung nach meinem Befinden danke ich Ihnen bestens. Ihr Interesse dafür hätte ich nicht erwartet. Von einer Reise nach Paris will ich in diesem Jahre absehen. Seine Vergnügungen sind mir zu anstrengend und zu kostspielig. Ich ziehe die stille Arbeit in meinem Laboratorium vor. Da Sie vor dem Spätherbst nicht zurückzukehren gedenken, wird es Sie nicht genieren, wenn der Graf Cagliostro, der vor kurzem aus England wieder hier eintraf, sich bei mir aufhält, sobald der Kardinal ihn freiläßt.

Ich wünsche Ihnen so viel Amüsement, als Ihre Gesundheit und Ihr seelisches Gleichgewicht es irgend ertragen kann.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 1. August 1783._

Du klagst über meine finsteren Mienen; Du grämst Dich, Geliebteste, weil Du meinst, ich verschwiege Dir aus Schonung irgend einen geheimen Schmerz. Ach, Du weißt nur zu gut, was mich quält! Ich ertrage die lächelnden Fratzen nicht und die vielsagenden Mienen und das heimliche Flüstern um uns her! Ich habe oft die Empfindung, als stündest Du -- Du, mein Heiligtum! -- aller Hüllen bar vor den lüsternen Augen der Menge. Unwillkürlich faßt meine Hand nach dem Degen --

Wie war es gestern auf dem Champ de Mars angesichts der ungeheuren Menschenmasse, die in atemloser Spannung den Aufstieg Mongolfiers mit dem Marquis d'Arlandes als erstem seiner Passagiere erwartete? Die Equipagen der Hofgesellschaft hielten nebeneinander; zu Fuß und zu Pferde umdrängten die Kavaliere die Damen darin. Als ich kam, suchte Dich mein Blick nicht lange, denn wo der Kreis am dichtesten war, da warst Du -- »die schöne Montjoie« -- »die süße Delphine« -- »die Rose der Vogesen«. Wie die anderen trat ich heran und grüßte Dich. Und alles wich mit verständnisinnigem Ausdruck zur Seite, -- etwa wie zu Zeiten Ludwigs XV. die Damen des Hofs, wenn die maitresse en titre hineingerauscht kam. Ich verbeugte mich stumm und ging davon, ohne mich von Deinen schönen, tränenfeuchten Augen rühren zu lassen. Ich beneidete den Luftschiffer, der in der Lage war, auf Nimmerwiedersehn in den Wolken zu verschwinden.

Laß mich Dich von nun an nur in Deinem stillen Zimmer sehen; morgens, ehe die Nichtstuer ihren Tageslauf mit Besuchen beginnen, mittags, wenn die von tausend Klatschgeschichten Erschöpften sich zurückziehen, und nachts, Du geliebteste Frau, wenn ein gütiges Dunkel allen neugierigen Blicken den Zugang verwehrt.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 26. August 1783._

Teuerste Marquise! Mein erster Weg nach meiner Rückkehr aus London war nicht zum Grafen Vaudreuil, sondern zu Ihnen. Ermessen Sie daraus, was ich für Sie empfinde! Und an Ihrer Türe erfahre ich, daß Sie krank sind --, grade jetzt!

In drei Wochen müssen Sie gesund sein, und wenn ich Ihnen die Wunderdoktoren der ganzen Welt verschreiben sollte! Haben Sie es schon mit den neuesten Heilweisen: den Zuckerkügelchen Herrn Dillons, dem Mäusefett Madame Renards, der elektrischen Behandlung Doktor Durands versucht?! Sie sind ja nicht Madame La France, der es für alle Kuren durch erste Autoritäten am Notwendigsten fehlt: am Gelde! Sie wird sich darum die Behandlung eines Barbiers gefallen lassen müssen, die Arme!

Darf ich auf Nachricht hoffen, sobald Sie mich empfangen können?

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, den 12. September 1783._

Sie sind nirgends zu sehen, Ihre Fenster sind verhängt --, und doch grübeln Sie nicht im einsamen Laboratorium über das Geheimnis des Goldmachens! Ihre Türe bleibt mir verschlossen und doch sah ich einen Gast, dem sie sich öffnete.

Fürchten Sie nichts: was sich laut oder leise gegen Gesetz und Herkommen empört, steht unter Figaros Schutz.

Wissen Sie, daß ich aus diesem Grunde beginne, eine sehr hochgestellte Dame unter meine Schützlinge zu zählen?! Sie denken vielleicht an die Herzogin von Bourbon, die ihrem ungetreuen Gatten mit gleicher Münze zahlte, an die kleine Prinzessin Chartres, die, während ihr Gemahl bei Madame Genlis die -- Harfe spielen lernte, mit seinem schönen Adjutanten -- Duette sang, oder an die hübsche Condé, die in süßer Mädchenunschuld von irgend einem unsichtbaren Gott erobert wurde, und, -- wahrscheinlich zur Belohnung ihrer Heiligkeit! -- doch noch einen Prinzen königlichen Geblütes fand, der sie zum Altar, aber nie zum -- Bett geleitete? Gehen Sie auf diesem Gedankengang nicht weiter, meine Schöne; er ist zwar fast endlos, aber er führt doch nicht zu meiner Dame.

Ich wollte Ihnen erzählen, was mir begegnete, in Ihren ausdrucksvollen Augen Neugier, Bewegung, Erschrecken lesen, kurz --, all die Empfindung, die Ihr Mund mir aus Diskretion verschweigen würde. Soll ich nun schweigen? Ich bin zu sehr Dichter, als daß ich es ertragen könnte, den spannenden Akt des Schauspiels, den ich sah, -- der zweifellos weder der erste noch der letzte gewesen ist! -- ganz für mich zu behalten. Hören Sie also:

Ich gehe, wie Sie wissen, nur des Nachts spazieren. Wenn die Körper sich ihrer Paruren entledigen, die rote Farbe von den gelben Wangen wischen, die Lockenperücke von dem kahlen Kopfe nehmen, die schönen reinen weißseidenen Strümpfe mit dem üppigen Wadenpolster von den schmutzigen, dürren, haarigen Beinen ziehen, dann entkleiden sich auch die Geister. Auch ihre Nacktheit ist nicht immer erfreulich, aber stets unglaublich interessant. Ich sah Marschälle von Frankreich als blutige Revolutionäre, Erzbischöfe als Teufelspriester, und auch Possendichter als tragische Helden, Hetären als Madonnen, Königinnen als --. Schweigen wir, um endlich zu meinem Abenteuer zu kommen!

Im Parke von Versailles war es. Niemand in Frankreich hat solch gesunden Schlaf wie seine Wächter, und in jener Stunde vollends hemmte kein Ruf, kein Säbelklirren meinen Schritt. Spätsommernacht. Der erste leise Duft der Verwesung, -- viel sinnenverwirrender noch als die ersten unschuldigen Frühlingsgerüche, -- lag schwer über dem Park.

Da hörte ich ein Rascheln, dann ein Knirschen im Kies, -- ich versteckte mich rasch hinter dem nächsten Boskett, -- nicht um den Späher zu spielen, sondern um das Liebespaar ungestört zu lassen. Aber die Männer und Frauen, die in Mäntel gehüllt hin- und herhuschten, führte nicht Liebessehnen zueinander. Zuweilen zuckte ein scharfer Strahl verborgener Blendlaternen unter den Mänteln hervor. Schon wollte ich die Wache alarmieren, »Diebe!« schreien, -- doch mein Blick fiel auf zarte Füßchen, elegante Schnallenschuhe.

Und plötzlich zogen sich die Gestalten zurück. Drei andere tauchten auf: ein schlanker Elegant, nur eine Halbmaske vor dem Gesicht, vielleicht: -- der Graf Chevreuse! -- ein kleinerer folgte ihm; ich sah den seidenen Mantel des Priesters, die Tonsur auf dem unbedeckten Kopf, vielleicht: -- Rohan, der Kardinal! -- und dann ein Weib, das Haupt von Schleiern umweht, unkenntlich, aber von einer Haltung! -- vielleicht --: die Königin Marie Antoinette. Ich hielt den Atem an. Die drei sprachen kein Wort. Irgend ein dunkles Etwas legte der Priester in zwei Hände, so schneeweiß, daß sie zu leuchten schienen. Pariser Klatsch fiel mir ein: daß Rohan sich mit dem famosen Halsband Böhmers die Gunst der Königin erkaufen wolle --, aber ich hatte keine Zeit, nachzudenken. Wieder ein Rascheln, ein Knirschen, -- ich rieb mir die Augen; vielleicht war alles nur nächtlicher Spuk! Vielleicht hat es mich gerade darum so erschüttert; ich glaubte bisher nicht an Geister.

Ist der Graf Chevreuse nicht Ihr Freund? Warnen Sie doch durch ihn die Dame mit der verräterischen Gestalt. Nicht alle unberufenen Lauscher sind Figaro!

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 15. September 1783._

Der Gedanke, verehrteste Marquise, daß ich mich bei meinem gestrigen Besuch ungeschickt benahm, erregter zeigte, als es der Sache entsprach, -- einer offenbaren Dienstbotenaffaire, wie ich Ihnen schon versicherte, -- nötigt mich zu diesen Zeilen. Die Parkwächter sind bereits aufs strengste instruiert, nächtlichen Spuck der Art nicht mehr zuzulassen. Um alle Ihre Befürchtungen zu zerstreuen, möchte ich Ihnen noch versichern, was ich gestern, -- empört über die Verdächtigung unserer teuren Königin, -- zu sagen vergaß: ich befand mich in derselben Nacht in Paris bei der Guimard; sie und alle ihre Gäste würden meine Anwesenheit bezeugen. Und Ihre Majestät hatte sich, wie mir die Prinzessin Lamballe erzählte, wegen starker Kopfschmerzen bereits um neun Uhr zur Ruhe begeben.

Die Pariser sehen überall Gespenster, seit Cagliostro Geister erscheinen läßt.