Die Liebesbriefe der Marquise

Part 17

Chapter 173,652 wordsPublic domain

Ihre Kaiserliche Hoheit, die Großfürstin, hat auf mein untertäniges Gesuch, ihr »Figaros Hochzeit« vorlesen zu dürfen, schon von Stuttgart aus zustimmend antworten lassen. Da ich aber die Erfahrung gemacht habe, daß die Menschen um so höflicher sind, je höher sie auf der Stufenleiter des Ranges stehen, -- Höflichkeit ist immer nur eine Maske oder ein Parfüm, das die gute Gesellschaft allgemein anzuwenden für gut befand, nachdem sie ihres natürlichen schlechten Geruches gewahr wurde --, so glaube ich dieser Zustimmung nicht eher sicher zu sein, als bis Tag und Stunde mir angegeben worden sind. Das wird schwer halten. Um so mehr als die Gräfin du Nord das Versprechen der Großfürstin von Rußland vielleicht glaubt nicht erfüllen zu müssen. Das Vergnügungsprogramm der nächsten Wochen läßt kaum eine Stunde des Tages aus. Ich bedarf einer Zauberin, um Figaro einschlüpfen zu lassen. Wer anders könnte das sein, als Sie?! Das Bild Pariser Lebens, das den hohen Gästen vorgeführt werden soll, wäre wahrhaftig unvollständig, wenn mein Barbier neben Herrn Laharpe, der Euripides von den Toten erweckte, Madame Bertin, über deren Roben man die Trägerinnen vergißt, Marmontel, der das Geheimnis der schönen Verse Racines zu besitzen behauptet, und es so gut wie keiner zu wahren versteht, den Herren Gluck und Piccini, die dafür sorgen, daß die großen Geister von Paris etwas zu tun haben, -- fehlen würde.

Sie wissen, ich habe geschworen, daß Figaro die Bühne erobert. Sie sind zu gute Christin, teuerste Frau Marquise, als daß Sie einem armen Sünder nicht helfen würden, seinen Schwur zu halten. Hat erst der Großfürst von Rußland mir Beifall gespendet, wird der König von Frankreich mich -- aus Höflichkeit gegen den illustren Gast! -- nicht verdammen können.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 20. Mai 1782._

Meine Liebe. Sie sind nach Versailles übergesiedelt, und wenn schon Ihr Leben eine ständige Flucht vor mir bedeutete, so ist es jetzt fast ganz unmöglich geworden, Sie allein zu sprechen: In aller Frühe beginnt mit dem Eintritt des Friseurs die Toilette, es folgen die Morgenspaziergänge mit der Königin, die Besuche und Diners, die Exkursionen zu Wagen und zu Pferde, die Nachmittagstees, die Bälle, das Theater, die Soupers --, wo bliebe bei alledem für den Gatten noch eine Zeit übrig, der, durch die »väterliche« Stellung, die Sie ihm anzuweisen die Gnade hatten, gewöhnt worden ist, auch die wenigen Stunden Ihrer nächtlichen Ruhe zu respektieren?

Ich sehe mich infolgedessen zu brieflichem Verkehr gezwungen, wenn es sich um Fragen handelt, die weder vor der Dienerschaft, noch zwischen zwei Tänzen erledigt werden können.

Sie besitzen die Gunst der Königin und haben als Französin in diesen außerordentlich schweren Zeiten die Verpflichtung, sie nicht nur zu genießen, sondern guten Zwecken nutzbar zu machen. Es dürfte Ihnen bei den Neigungen der Königin nicht schwer fallen, einem Manne, wie dem Grafen Cagliostro, der all ihre unbefriedigten Wünsche zu erfüllen vermöchte, Zutritt zu verschaffen. Der Dienst, den Sie damit Frankreich geleistet haben würden, wäre von unschätzbarer Bedeutung. Zwar ist der Graf Ihnen antipathisch, -- die Furcht vor dem Unerklärbaren hält Sie von ihm zurück, -- aber seine Fähigkeit, Gold zu schaffen, haben Sie mit eigenen Augen gesehen. Und nur auf diese Fähigkeit, -- die unbedeutendste vielleicht, die er besitzt --, käme es an.

In letzter Zeit, wo er in fiebernder Erwartung der Stunde harrt, die ihn zum Retter Frankreichs machen soll, ist sie in merkwürdigster Weise erlahmt. Ein anderer könnte an ihm irre werden. Ich aber verstehe, daß gegenüber dem Schicksal eines ganzen Landes, das Schicksal des Einzelnen zurücktreten muß. Überdies weiß ich ja, daß mit der Erreichung des großen Zieles auch meine Interessen gewahrt werden.

Noch eins: Rohan setzt alle Hebel in Bewegung, um Cagliostro durch sich und sich durch Cagliostro bei der Königin einzuführen. Es bedarf um so weniger dieses Umwegs, als ich an der Ehrlichkeit der Absichten Rohans irre geworden bin. Er ersehnt, wie ich fürchte, die Rehabilitierung bei Hof und den momentan vakanten Posten des Kanzlers mehr um seine Finanzen, als um die Frankreichs aufzubessern.

Marquis Montjoie an Delphine.

_Paris, den 21. Mai 1782._

Sie lehnen es ab, meine Liebe?! »Gerade weil die Königin in gefährlicher Weise zu diesen Dingen neigt, will ich es nicht sein, die sie ins Unglück stürzt,« schreiben Sie. Verblendete! Sie verspielen vielleicht Ihre eigene Zukunft! Aber wir sind nicht so schwach, als daß mit Ihrer Weigerung unsere Hilfsquellen erschöpft wären!

Kardinal Prinz Louis Rohan an Delphine.

_Paris, am 24. Mai 1782._

Verehrteste Frau Marquise. Noch stehe ich unter dem Eindruck des Staunens, den unser kurzes Gespräch in der Oper hervorrief. Sie wollen für einen alten Freund Ihres Hauses, wie ich es zu sein mir schmeicheln darf, kein gutes Wort bei der Königin einlegen?! Sie wünschen auch nicht den Schein zu erwecken, als gehörten Sie in die Reihe jener Intriguantinnen, die Frankreich als ihre melkende Kuh betrachtet haben?! »Nur auf geraden Wegen werden große Ziele erreicht«, -- ich würde über diese Sentenz aus Ihrem blühenden Rosenmunde gelächelt haben, wenn nicht ein Blick auf Ihren illustren Nachbarn, der als Führer amerikanischer Rebellen gegen die geheiligte Majestät des Königs von England gekämpft hat, mich über ihren Ursprung und über ihren Sinn belehrt hätte.

Er ist der Freund Ihrer Kindheit, wie ich höre? Wie rührend ist eine solche Treue, die selbst die -- Freundschaften mit Karl von Pirch, Guy Chevreuse, Guibert, Beaumarchais überdauert!

Die entzückende Königin von Golconda auf der Bühne vermochte keinen Blick des Prinzen Montbéliard auf sich zu lenken; Vestries, der Abgott aller Damen, tanzte für die Marquise Montjoie umsonst!

Besinnen Sie sich noch einmal, schönste Frau; ein Rohan ist ein gefährlicher Feind, selbst wenn er in Ungnade ist.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

_Paris, am 27. Mai 1782._

Wo gäbe es eine Anrede für Sie, die imstande wäre auszudrücken, was ich sagen möchte?! Der gestrige Abend war im wechselvollen Feldzug meines Lebens der Einzug durch bewimpelte Siegespforten!

Die Szenerie war so unvergleichlich wie die Akteure des Stückes, das der Rahmen meiner Komödie war: Der rote Salon im weichen Licht duftender Kerzen; vor dem weißen Kamin, dessen knisternde Flammen meine Vorlesung begleiteten wie eine darauf abgestimmte Melodie, die stolze Gestalt der Großfürstin im leuchtend-gelben Atlaskleide; auf dem Taburett ihr zu Füßen der kleine Gemahl mit dem häßlichen Slavengesicht, das man um seines Geistes willen lieben muß; dicht dahinter, geschmückt wie ein Pfau, aufgeblasen wie ein Truthahn, Monsieur Laharpe, von dessen immer gelber sich färbenden Zügen ich den Grad meines Erfolges ablas; neben ihm, klug wie immer den Schatten suchend, der Ausdruck und Meinung Geheimnis bleiben läßt, der Baron Grimm, der Freund aller unruhigen Geister und Korrespondent aller Potentaten. Auf der andern Seite aber meine reizende Gönnerin, von den durchsichtigen Falten himmelblauen Seidenmusselines weich umflossen, frische Rosen in den Haaren und ein Gesichtchen darunter, vor dem alle Blumen der Welt beschämt erbleichen müssen!

Wissen Sie, daß ich während des ganzen Abends mit Ihrer Schönheit kämpfte, wie mit dem gefährlichsten aller Rivalen?! Lenkte sie doch die Aufmerksamkeit von Figaro ab; der Prinz Yousoupoff richtete immer wieder seine schwarzen runden Augen auf Ihre blendenden Schultern, es bedurfte der drastischsten Witze um ihn loszureißen. Und der Graf Kurakin schien die geschwungenen Linien ihrer Füßchen studieren zu wollen, -- erst Cherubins Liebesseufzer lenkten ihn ab. Trotzdem besiegte ich Sie nicht ganz, holde Zauberin, -- den Prinzen Montbéliard, dessen gebräuntes Antlitz nur dann einige Bewegung verriet, wenn seine Blicke in die Ihren tauchten, gab ich auf!

Heute früh bereits bekam ich den Auftrag, meine Komödie der Kaiserin von Rußland einzusenden. Und das Frankreich der Encyklopädisten, das sich rühmt, die höchste Kultur der Welt zu repräsentieren, verbietet ihre Aufführung! Zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht, daß Voltaires Werke freigegeben wurden, -- sie scheinen darnach weniger gefährlich als Figaros Streiche!

Noch ein paar Jahre Kampf, -- mit Ihnen als Bundesgenossin, schönste Marquise, noch ein paar Jahre Finanzwirtschaft des Herrn von Calonne, -- und der Barbier besiegt den König!

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Versailles, am 7. Juni 1782._

Teuerste Marquise -- verzeihen Sie die Störung im Morgengrauen. Wir sind in schrecklicher Aufregung und fürchten einen Skandal von unabsehbarer Tragweite, wenn wir Sie nicht unbedingt zu den unseren zählen dürfen. Die Intimen des Herzogs von Choiseul, der Herzog von Brissac und der Marquis de la Suze haben bereits während der Nacht das Gerücht verbreitet, die Königin habe während des gestrigen Festes in Trianon dem Kardinal Rohan in der Fischerhütte ein Stelldichein gegeben. Vor Tau und Tage haben sie die Nachricht dem König überbracht. Es gab beim Lever Ihrer Majestät einen Auftritt, wie ich ihn noch nicht erlebte. Die Lakaien liefen vom Lärm erschrocken, aus allen Winkeln zusammen! Die Königin leugnet alles. Sie beruft sich auf Sie, die Sie stets in Ihrer Nähe gewesen seien, auf mich, auf den Grafen Vaudreuil, auf Madame Campan, auf die Prinzessin Lamballe. Wir dürfen sie nicht im Stiche lassen, -- wir dürfen nicht!

Man will den Schloßkastellan, der, wie es scheint, den Kardinal heimlich einließ, auf die Straße werfen. Er droht mit der Veröffentlichung der ganzen Affäre. Geschieht das, so haben wir bei der Stimmung in Paris noch heute die Revolution in den Straßen.

Der Überbringer des Billetts ist zuverlässig. Übergeben Sie ihm Ihre Antwort und teilen Sie mir mit, ob Sie mich in einer Stunde ungefähr empfangen können.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 7. Juni 1782._

Geliebteste! So greift der Arm der Kabale bis in unser Geheimnis! Er reißt uns grausam aus dem süßen Traum dieser Nacht! Um mich hätte die Welt zusammenstürzen können, ich sah nur Sie, die Sie die Sehnsucht meines ganzen Lebens gewesen waren, ich hörte nur Ihre Stimme, die mir sagte, was ich nie zu hören gehofft hatte. Im Rausche höchster Seligkeit untergehen --, wäre es nicht vielleicht das beneidenswerteste Schicksal gewesen?!

Ich fühlte Sie plötzlich in meinen Armen erschauern; ich sah Ihre Augen, aus denen noch eben die Glut der Liebe mir entgegengestrahlt hatte, sich vor Entsetzen weiten, und ehe ich noch selbst um mich zu sehen vermochte, flüsterten Sie mit blassen Lippen: »Der Kardinal!« Ein Feuerrad, das auf dem Rasen hinter dem Laubengang, der uns verdeckte, Flammengarben nach allen Richtungen schoß, beleuchtete grell die schwarzvermummte Gestalt, die roten Strümpfe und Absätze darunter. Und wenige Schritt davor die weiße, schlanke Erscheinung, -- und die stille Fischerhütte!!

Es war ein Weib und meine Ritterpflicht ist es, dieses zu schützen. Aber es war die Königin, und meine Bürgerpflicht gebietet mir, sie preiszugeben. Die absolute Monarchie, an der dies arme Land langsam verblutet, würde einen Stoß empfangen, von dem sie sich nie mehr aufzurichten vermöchte!

Wenn ich trotzdem schweige, -- nur schweige, denn ich wäre außerstande, das Gegenteil von dem zu bezeugen, was ich sah, -- so unterwerfe ich mich damit dem einen, ungeheuren Gefühl, das wie ein Unwetter alle Dämme niederreißt, die der Verstand mühsam baute, alle Leuchtürme umwirft, die die Pflicht aufrichtete, um irrenden Schiffen Wege zu weisen: die Liebe, Delphine, zu Ihnen!

Sie haben die Königin gerettet, -- durch eine Lüge! Und mich, geliebteste Frau, bitten Sie um Verzeihung deshalb?! O, daß ich die weichen Lippen um dieser Lüge willen, die sie aussprachen, küssen dürfte! Für das Weib ist rührende Tugend, was für den Mann eine schimpfliche Erniedrigung wäre.

Wäre ich der Beichtvater, zu dem Sie mich machen wollen, ich würde Sie freilich zu einer Buße verpflichten. Jetzt komme ich nur mit einer Bitte um unsrer Liebe willen -- unserer, meine Delphine!

Sie ist so rein, -- aber der giftige Atem dieser Gesellschaft droht, sie zu beschmutzen. Sie ist so tief --, aber die spürende Lüsternheit rings um uns wird kein Mittel scheuen, sie bis auf den Grund zu erforschen. Sie ist so heilig --, aber das ekle Gezücht der Hofschranzen wird alles daran setzen, sie ihren schmutzigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir müssen sie retten --, sie ist vielleicht im Augenblick das beste auf der Welt.

Drüben, in der Nähe der Wälder, deren üppige Pracht noch keines Menschen rohe Faust entweihte, wo die Natur den Bewohnern auf eignen Händen ihre Schätze entgegenträgt, wird sie frei atmen und zu wundervoller Schöne sich entfalten können.

Ich finde leicht ein Schiff, das uns hinüberträgt, und weiß hundert Arme, die sich uns zum Willkomm entgegenstrecken. Lassen Sie Ihr Herz entscheiden!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 9. Juni 1782._

Eben erst komme ich von Ihnen, noch den Hauch Ihres Mundes auf meinen Lippen, von dem ich nicht begreife, daß ich ohne ihn, der mich erst zum Leben erweckte, jemals habe atmen können! -- und schon muß ich in Gedanken wieder bei Ihnen sein.

Selbst die Wunden, meine Delphine, die Sie schlagen, tun wohl. Ich wiederhole mir jedes Ihrer Worte; mein inneres Auge sieht sie, als stünden sie in Marmor gemeißelt vor mir: »Es kann nicht sein. Es wäre der Tod des alten Mannes, dessen Namen ich trage,« sagten Sie. »Ich habe ihm viel zuleide getan und er hat schließlich Alles ertragen. Er ist mir in der schwersten Zeit Freund und Pfleger gewesen, ohne mich daran zu erinnern, daß er auch Gatte ist. Und als er mich erinnerte, hat er gegenüber meiner Abwehr seine Rechte nicht geltend gemacht, wie er durfte. Jetzt ist er krank und vergrämt, -- ich würde mich ihm gern in Freundschaft nähern, wenn ich nicht fürchtete, daß er es anders auffassen könnte --; nur eins kann ich für ihn tun: den Skandal, den er über alles fürchtet, von ihm fern halten.«

Und dann, als Sie fühlten, wie Ihr »Nein« mich traf, sangen Sie mir unter Küssen und Tränen das Hohelied der Liebe, wie ein sterbliches Ohr es noch nie vernommen haben kann.

»Ich habe nie aufgehört, mich der Ehe zu schämen,« begannen Sie, »das verbriefte Recht auf Liebe ist der Liebe Tod. Liebe muß zwischen zwei Menschen das größte Geheimnis sein, wie sie das tiefste aller Mysterien ist. Auf den schwindelnden Höhen hoher Berge, die nur die Stärksten erreichen, in der Stille grüner Wälder, zu denen nur Weltflüchtige die Wege finden, sollen ihre Tempel stehen. Und auch dort dürften nur wenige im verborgensten Heiligtum die letzte Weihe empfangen.«

Zürne mir nicht, angebetete Frau, daß ich Worte zu wiederholen wage, die ohne den Klang Deiner Stimme nur stumme Vögel sind!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Versailles, den 1. Juli 1782._

Nur noch einen Gruß -- einen letzten vor Ihrer Abreise nach dem Gebirge! Daß ich mich Jahre von Ihnen zu trennen vermochte, wo vierzehn Tage mir wie eine Ewigkeit schienen!

Ich folge Ihnen nach Barrêge-les-Bains, der Verabredung gemäß, sobald der Hof Versailles verlassen hat.

Als ich gestern von Ihnen ging, traf ich den Herrn Marquis. Im trüben Licht der Öllampe an der Tür erschien er mir sehr blaß. Er grüßte mich mit einem Lächeln, das mein Herz zittern machte. Ich bin darum die ganze Nacht vor Ihren Fenstern auf- und abgegangen. Aber nichts rührte sich und Ihr zärtliches Billett heute morgen beruhigte mich vollends.

Ich küsse Ihre weiße Stirn, damit kein Gedanke hinter ihr wach wird, der einem anderen gehört, als mir, und Ihre weichen Arme, daß sie in Fesseln liegen, bis ich sie löse, um sich um meinen Hals zu schlingen, und Ihre roten Lippen, daß kein Liebeswort ihnen entschlüpfen möge, bis die meinen den Zauber brechen!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, am 25. September 1782._

Geliebte Frau! Nun tobt der Lärm der Straßen wieder um mich und mitten in der Menge fühle ich mich sehr allein. Aber während ich noch eben glaubte, nach Wochen seligsten Glücks im Schmerz der Trennung vergehen zu müssen, fühle ich plötzlich, wie reich, wie stark meine Delphine mich gemacht hat, -- so reich, daß ich ihren Besitz empfinde, auch wenn sie fern von mir ist, so stark, daß ich es ertragen kann, sie nicht mehr neben mir zu wissen.

Einer meiner ersten Wege führte mich nach dem Palais-Royal. Waren es die Monate der Ruhe, die mir das Leben dort so erregt erschienen ließen, oder ist das Fieber, das alle erfaßt hat, tatsächlich in der Zwischenzeit so gestiegen? Unsere klägliche Niederlage vor Gibraltar, die Bedingungen, unter denen der Frieden mit England verhandelt wird, bilden das Thema aller Unterhaltungen. Ich hörte Gaillard in einer eng geschlossenen Gruppe von Zuhörern eine Rede halten, die der Haß gegen die Regierung und die Liebe zum Vaterlande mit gleichem Feuer durchglühten.

»Warum sind wir an den Felsen Gibraltars gescheitert?« rief er aus; »weil unser Heer vom Ruhm der Vergangenheit zehrt, statt den Ruhm der Zukunft in täglicher Arbeit vorzubereiten. Hunderttausende sind fortgeworfen worden, um die famosen schwimmenden Batterien d'Arçons zu bauen, die Englands glühende Kugeln in wenigen Stunden in Brand geschossen haben, statt daß dieselben Hunderttausende verwendet worden wären, um aus hungernden Arbeitslosen kräftige Soldaten zu machen. Niemals werden Maschinen Männer ersetzen!... Warum werden wir beim Friedensschluß tatsächlich die Unterlegenen sein? Weil ein Volk, das keine Knechte mehr kennt, unser Gegner war. Weil statt verantwortlicher Minister, statt eines Pitt und eines Fox, feile Höflinge die Regierung in Händen haben... Und trotzdem preise ich diesen Krieg, für den wir uns in seinem Beginn begeisterten, -- weil er uns im strahlenden Lichte des Freiheitskampfes der Amerikaner erschien, -- und der uns ein so bitterer Lehrmeister wurde. Mehr als durch alle Bücher der Philosophen ist uns durch ihn eingeprägt worden, was uns fehlt. Und wir haben gelernt, was wir lernen mußten, wenn anders unser eignes Vaterland nicht zugrunde gehen soll: für Ideale zu bluten.«

Der häßliche kleine Mann wurde schön, während er sprach. Ich konnte nicht anders, als ihm dankbar und hingerissen die Hand zu schütteln, wie einem Kameraden, dann aber, als ich mich umsah unter denen, die ihm Beifall klatschten und sich in der Kommentierung seiner Worte ins Maßlose verloren, kam -- ich will's nicht leugnen -- etwas wie ein Gefühl innerer Feindschaft über mich. Diese Männer mit den rohen Begierden, beherrscht vom Rachedurst, mehr als vom Durst nach politischer Freiheit, sollten je die Macht in ihren harten Fäusten haben?! Wäre letzten Endes die Tyrannei der Masse nicht fürchterlicher, als die des Einzelnen?

Als ich dann am Abend einer Einladung unseres neuen Schatzmeisters der Marine, Herrn Boutin, nach seinem herrlichen Lustschloß gefolgt war, wo eine Gesellschaft von einigen hundert Herren auf goldenen Schüsseln mit allen Delikatessen der Welt bewirtet wurde, schämte ich mich eines Gefühls, das zwar einem Aristokraten natürlich, für einen Bürger des heutigen Frankreich aber nichts als ein Zeichen jämmerlicher Feigheit ist. Selbst wenn die Masse uns erdrücken sollte, hat nur die Gerechtigkeit gesiegt. Wir haben unser Leben verwirkt.

Verzeiht mir meine süße Delphine, daß es Momente gibt, in denen meine Gedanken sich von ihr verirren? Du mußt verzeihen; denn sieh: auch die allerentferntesten lege ich schließlich Dir, meine einzig Geliebte, zu Füßen!

Werde ich bald von Dir hören und wissen, wie Du die Reise bis Straßburg überstanden hast? Und wann, Geliebteste, -- ach wann! -- werde ich Dich wieder umarmen können?!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Paris, den 8. Oktober 1782._

Wie Du mich glücklich machst! Wie jedes Deiner Worte mich berührt! O, daß ich jetzt die Flügel hätte, die Monsieur Blanchard der kommenden Menschheit prophezeite!

Es bedurfte nicht mehr Deiner rührenden Bitte; meine eigene brennende Sehnsucht zieht mich unaufhaltsam zu Dir. Ich werde über Montbéliard, wo meine Anwesenheit dringend nötig ist, -- seit dem Tode meiner guten Mutter bin ich nicht mehr dort gewesen --, im Laufe des nächsten Monats nach Straßburg gehen. Die Geschäfte, die ich dort in Verbindung mit meinen Besitzungen im Elsaß habe, rechtfertigen meine Anwesenheit.

Seit meinem letzten Brief bin ich mit den verschiedensten Menschen in Berührung gekommen. An der Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände zweifelt niemand -- außer dem Hof von Versailles! Die Königin tanzt und spielt Theater --, selbst die Wohltätigkeit, die sie ausübt, sieht einem sentimentalen Rührstück ähnlich. -- Der König jagt, und empfängt, um sein Verständnis für den Geist der Zeit zu markieren, hie und da einen biederen Bourgeois, dem er jovial auf die Schulter klopft und -- wenn er reich genug dazu ist -- adelt. Dann reden die Träumer wieder ein paar Tage lang von der »Leutseligkeit des Monarchen.«

»Die Schwäche, die weder das Übel zu verhindern, noch das Gute zu fördern weiß, befestigt die Tyrannei« --, für diese Sentenz ist Diderot kürzlich nur mit knapper Not der Bastille entgangen!

Ich war auch in Saint-Quen bei Herrn Necker, und kehrte enttäuscht zurück. Man muß in seinen Ansprüchen sehr bescheiden geworden sein, um ihn für bedeutend zu halten. Er läßt sich vom Strom der öffentlichen Ereignisse hin und her werfen und ist dabei natürlich außerstande, ihn in die richtigen Bahnen einzudämmen. Eine überraschende Erscheinung ist seine Tochter; sie gleicht ihren Eltern nur in einem Rest nüchternen Genfertums; ihre prachtvollen Augen, ihre schöne Gestalt versöhnen mit ihrer sonstigen Häßlichkeit. Ihre überlegene Klugheit zwingt zur Bewunderung. Trotzdem ist sie mir in tiefster Seele antipathisch. Nicht ohne Mitleid mit den Männern der Zukunft möchte ich sie für einen Typus kommender Frauen halten. Wie glücklich preise ich mich, daß ich die holdseligste Inkarnation des achtzehnten Jahrhunderts noch mein nennen darf!

Ich traf den Grafen Guibert bei ihnen. Die Art seines Verkehrs mit der Familie Necker ließ auf seine Intimität im Hause schließen, was mich nach seiner bisherigen Stellung zur Neckerschen Politik nicht wenig in Erstaunen setzte. Der Reiz Fräulein Neckers besiegte alle Bedenken der Überzeugung! Männer wie er sind zugleich die Voraussetzung und die Konsequenz solcher Frauen.

Weißt Du, Geliebteste, daß ich meiner Schweigsamkeit wegen bekannt bin?! Vor Dir werde ich zum Schwätzer: jedes kleinste Ereignis, jedes vorüberhuschende Gefühl, jeden auftauchenden Gedanken habe ich das Bedürfnis, Dir mitzuteilen. Ich glaube, diese vollkommene geistige Hingabe unterscheidet Liebe von Liebelei.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Etupes, den 26. Oktober 1782._

Mit den letzten, blassen Rosen aus Etupes sende ich diesen Gruß, Du Einzige, zu Dir. Ich ging allein durch die verwachsenen Laubengänge, und, tiefer Andacht voll, sank ich vor dem Tempel der Venus in die Kniee. Wie eine Erleuchtung kam es über mich: seitdem ich Dich einstmals dort fand, Delphine, habe ich Dich nie verloren!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

_Straßburg, den 3. Januar 1783._

Der Kurier brachte mir heute früh die erschütternde Nachricht, daß der Neffe des Kardinals, der Prinz Rohan-Guéménée Bankrott gemacht hat. Ich teile sie Dir, Geliebteste, unverzüglich mit, weil auch Deine Freundin Clarisse ihr Vermögen dabei verloren haben dürfte. Zahllose arme Leute, unter anderem seine eigene Dienerschaft, die dem Prinzen in ehrfürchtigem Vertrauen ihr bißchen Erspartes überließen, hat sein verbrecherischer Leichtsinn an den Bettelstab gebracht. Daß die Empörung eine allgemeine ist und, statt des Zorns gegen die Vorrechte der Stände den persönlichen Haß gegen den einzelnen Aristokraten züchtet, ist nur allzu begreiflich.