Die Liebesbriefe der Marquise

Part 13

Chapter 133,664 wordsPublic domain

Sie beriefen sich auf meinen letzten Brief, teure Marquise, und verlangten von mir, daß ich Ihr Haus verlasse, Ihre Nähe meide, weil Herr Mesmer die Wirkung seiner Kur durch meinen dem seinen widerstehenden Magnetismus gefährdet glaubt! Obwohl ich genau weiß, daß Herr Mesmer nicht meinen Magnetismus, sondern meinen klaren Blick und meine Zweifel fürchtet, die ihm einen so wertvollen Patienten entziehen könnten, habe ich gehorcht. Ich bin ohne Abschied bei Nacht und Nebel wie ein Verbrecher von Ihnen gegangen. Ich hätte mich sonst vielleicht nicht beherrschen können.

Während eines unserer letzten langen Gespräche sagten Sie: »Wie viel glücklicher sind Homers Zeitgenossen gewesen als wir! Jeder Baum und jede Quelle war von Dryaden und Nymphen bewohnt; für uns ist sogar der Himmel leer geworden!« Ersetzt nicht aber unser Wissen den verlorenen Glauben, ist es notwendig, die Leere wieder mit Phantomen zu füllen, auf Hexenmeister und Zaubersprüche zu vertrauen, wie im dunkelsten Mittelalter? Sie sind müde, teuerste Delphine, von schlaflosen Nächten, erschöpft von selbstquälerischen Gedanken; sonst würden Sie nicht an all der Erkenntnis irre werden, die Sie vor kurzem noch reich und stark gemacht hat. Sie arbeiten an dem gräßlichen Werk der Selbstzerstörung, und das alles um eines Geschöpfes willen, das schlimmer ist als ein Tier. Noch einmal flehe ich Sie an: bringen Sie diesem Kinde, das kein Lebensrecht besitzt und in einer Anstalt für Unheilbare am besten untergebracht wäre, nicht sich selbst zum Opfer. Ich weiß, Sie antworten wie so oft: »Was habe ich dann noch vom Leben?« Das Leben, Delphine! Als Ihr Freund, der seinen kühnsten Traum, Ihr Führer in eine neue Welt sein zu dürfen, begraben hat, spreche ich zu Ihnen.

Sie klagen um die entgötterte Welt. Und doch gibt es eine Macht, die alle Götter Himmels und der Erde zu ersetzen vermag. Sie sieht tiefer in die Herzen der Menschen, als sie selber sehen, sie gewährt sichereren Schutz, als je ein Gott hat gewähren können, und verleiht stärkere Kraft als der Glaube, der Berge versetzte. Weil ich mich ihr ergab, von dem Augenblick an, da Delphine Laval in mein Leben trat, habe ich in Ihrem Innern lesen können, wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ich fand ein verschüttetes Gefühl, eine schlafende Hoffnung; die Glut meiner Sinne malte mir ein leuchtendes Bild eigenen Glückes, so daß ich nicht sehen wollte, was ich sah. Jetzt, da ich weiß, daß ich die Frau, die ich mit der ganzen Kraft meines Herzens liebe, nie mein eigen nennen kann, will ich sie wenigstens vor ihrem größten Feinde, sich selber, retten.

Sie lieben. Ihr Stolz verbietet Ihnen nur, es sich einzugestehen. Sie hoffen. Ihr krankes Gewissen hindert Sie nur, diese Hoffnung zu Ihrer Lebenskraft werden zu lassen. Haben Sie den Mut zu sich selbst. Erhalten Sie sich dem Manne, der in die Fremde ging, weil er sich von Ihnen verlassen glaubte.

Jedes Wort, das ich schreibe, stößt mir den Stahl tiefer ins Herz. Einerlei. Meine erste Aufgabe im Leben ist Ihr Glück.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 18. September 1778._

Wie soll ich Ihnen danken für die Wohltat Ihrer Zeilen, teuerste Delphine, die am deutlichsten durch das sprechen, was sie verschweigen. Sie nennen mich Ihren einzigen Freund, denn nur Freundschaft, sagen Sie, vermag selbstlos zu sein. Sie wollen mir dadurch beweisen, daß ich mich über meine eigenen Gefühle täusche --! Ich soll Ihnen weiter ein Freund sein, soll Ihnen sagen, wie es mir geht.

Ich möchte darauf nicht mit banalen Phrasen antworten, sondern lieber versuchen, unsere Gespräche von einst fortzusetzen, also möglichst unpersönlich zu sein. Die Eindrücke, die ich bei der Rückkehr in meine alten Kreise empfing, sind bedeutungsvoll genug, um Ihnen dargestellt werden zu müssen.

Seit dem Tode unserer großen Vorkämpfer herrscht eine tiefe Depression der Geister. Wir sehen uns einer neuen Generation gegenüber, finden eine beunruhigte, fiebernde, auch oft sentimentale Menge, in der das Vulgäre dominiert. Die wenigen Alten, die blieben, haben an Kraft und Einfluß verloren, sind in Cliquen zerrissen. Sollte die Zeit der Enzyklopädisten vorüber sein, ohne daß aus ihrem Samen die Frucht erwächst, für die wir allein gearbeitet haben?

Die Verfolgungen früherer Tage haben sie groß und stark gemacht. Um sich vor ihnen zu schützen, galt es alle Kräfte anzuspannen, galt es, sich fest zusammenzuschließen und mit dem Feuer ernster Überzeugung die geistige Welt zu erobern. So nur konnte im brandenden Meer des öffentlichen Lebens der Leuchtturm der Enzyklopädie errichtet werden, von dessen Spitze seine Erbauer das ganze Universum übersahen und allen Schiffen Richtung gaben. Ist nicht schon das Eine bezeichnend genug, daß die Männer, die dieses Werk geschaffen haben, heute für den Mercure de France Tagesartikel schreiben?!

Dann kam die Zeit, wo Europa die Verfolgten zu ihren Helden machte, wo der Ruhm eines Voltaire, eines Montesquieu, eines Rousseau über die Scheiterhaufen, auf denen ihre Bücher immer noch verbrannten, triumphierte, wo unterdrückte Menschlichkeit, vergewaltigte Unschuld bei dem Patriarchen von Ferney Zuflucht fand, und in seinem Namen Vernunft und Gerechtigkeit oft genug über alle Gewalthaber der Welt den Sieg errang.

Die Verfolgungen ließen nach; einige Prinzipien der Philosophen gelangten zu allgemeiner Anerkennung, ihre Ideen hatten sich, wie die Samenfäden von Bäumen und Blumen, von ihnen losgelöst und erfüllten die Luft. Aber indessen lockerte sich die Einheit der Menschen; Rousseaus Trennung von den Enzyklopädisten machte die innere Zerrissenheit zu einem öffentlichen Skandal. Seine Opposition gegen den Materialismus Holbachs und seiner Anhänger zeigte deutlich, daß auch die mit solcher Sicherheit verkündeten Überzeugungen und Erkenntnisse auf schwankendem Boden stehen.

Die Vertreter der Kirche und der Regierung, ja der Hof von Versailles selbst hörten auf, die Philosophen zu fürchten. Voltaires Triumphtag in Paris war seine Niederlage.

Als ich mich gestern, in meine pessimistischen Gedanken verloren, im Café de la Régence befand, traf ich Herrn Gaillard, mit dem ich mich lange unterhielt. Er lachte über meine Niedergeschlagenheit -- kein freudiges, sondern ein hartes Lachen. »Was tut's, daß Rousseau ein Schwächling, Voltaire ein Verräter seiner eigenen Lehre war,« sagte er, »die Ideen der Denker zeugen erst die Männer der Tat.« Ich glaubte, er spiele auf Necker an, dessen Tätigkeit im Volk eine so laute Anerkennung findet. Er lachte noch einmal. »Necker?!« rief er höhnend, »ein Mensch, der in seinen Schriften und öffentlichen Reden dem Volke schmeichelt, und im geheimen mit dem König die Waffen des Despotismus schleift!«

Am Abend führte er mich in seinen Klub, wo ich Zeuge leidenschaftlicher Diskussionen war. Junge Leute aus dem Bürgerstande überboten sich in wüstem Geschimpf auf alles Bestehende. Religion, Monarchie, Kunst, Frauen, selbst der sonst so verherrlichte amerikanische Freiheitskrieg, -- nichts blieb von ihrem bitteren Spott verschont. Mißmutig wandte ich mich zum Gehen; Gaillard begleitete mich. »Sind das Ihre Männer der Tat?« frug ich ihn. »Gewiß,« antwortete er; »um bauen zu können, muß man erst einreißen.«

Vor dem Palais-Royal begegneten wir übrigens dem Marquis, der sich zu spät in seinen weiten Mantel hüllte, um nicht erkannt zu werden. »Er ist ein häufiger Gast in den Hinterzimmern meiner Mutter,« sagte Herr Gaillard. Mir scheint, teuerste Delphine, daß eine solche Entdeckung Sie vollends jeder Rücksicht entbindet. Ich werde natürlich nicht versäumen, seiner Spur zu folgen, um Ihnen eine sichere Handhabe gegen ihn liefern zu können.

In vier Wochen also entscheidet sich das Geschick des Kindes; ich nehme an, Herr Mesmer wird klug genug sein, diese Entscheidung um abermals vier Wochen hinauszuschieben!

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, den 25. September 1778._

Ihre Rückkehr, verehrteste Marquise, hat mich mit den schönsten Hoffnungen erfüllt. Paris ist sehr öde geworden in den Jahren, die Sie fortgewesen sind. Der Salon Necker konnte, das brauche ich Ihnen kaum noch zu versichern, Menschen wie mir kein geistiges Obdach bieten. Sie selbst fühlten sich, wie ich bemerkte, recht unbehaglich im Kreise des Hauses, neben dem sentenzenreichen, tugendstolzen Minister, der nüchternen klugen Frau, dem frühreifen Töchterchen, dessen schriftstellerische Leistungen die Gäste zu bewundern genötigt wurden. Die Luft des achtzehnten Jahrhunderts weht hier nicht, und wenn es die des neunzehnten sein sollte, so möchte ich es nicht erleben.

Übrigens ist der Salon Necker typisch für alle jene vielen anderen, die heute, dank ihres Reichtums, den Ton angeben, Künstler protegieren und Kunstwerke sammeln. Wie ihre Frauen sich nur für die anderen anziehen, in der Intimität der Familie aber den ganzen Tag im Negligé bleiben, so schmücken sie ihre Zimmer mit berühmten Namen nicht zur Bereicherung ihres eigenen Lebens, sondern für den Eindruck nach außen. Sie können nicht anders, daher verzeihe man ihnen. Daß aber Künstler und Schriftsteller von Ruf sich dazu hergeben, ist ein trauriges Zeichen geistiger Dekadenz.

Das Theater bestätigt diesen Zustand, wie Sie gestern gesehen haben. Wir besitzen keine Schauspiele und keine Schauspieler mehr. Kleine Talente mit etwas Esprit aber ohne Geist. Raffinierte Dekorationen und reizende entblößte Glieder sollen uns darüber trösten, daß die Stücke nichts als Mittel zu diesen Zwecken sind.

Ich schlage Ihnen vor, schönste Frau, all diese mäßigen Vergnügungen aufzugeben und unsere jählings unterbrochenen Ritte in die freie Natur wieder aufzunehmen. Wenn wir auch gut tun, uns nicht allzu weit von Paris zu entfernen, -- seit dem trockenen Sommer dieses Jahres, der Mensch und Vieh mit der berechtigten Angst vor einer Hungersnot dem Winter entgegengehen sieht, -- muß man sich von den erregten Landleuten fern halten. Obwohl Grundbesitzer und Finanziers einander überbieten, durch Verteilung von Geld und Nahrungsmitteln, Gründung von Hospitälern und Asylen der Not abzuhelfen, läßt die Hast, mit der es geschieht, so viel mehr auf Angst als auf Menschenliebe schließen, daß die Empörung der Geister dadurch eher geschürt, als unterdrückt wird. Auch werden jene frommen Seelen immer seltener, die sich mit Wohltaten abspeisen lassen, während die Ideen der Menschenrechte schon ihre Köpfe erhellen.

In meiner Begleitung werden Sie trotzdem nichts zu fürchten haben, und ich darf hoffen, in der frischen Luft Ihre Wangen sich wieder röten zu sehen, -- ein um so holderer Anblick, als er uns Männern durch das stereotype Rouge, mit dem die Frauen die natürliche Farbe ihrer Haut versteckten, ein so vollkommen neuer ist.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 30. Oktober 1778._

Meine verehrte Frau Marquise! Endlich darf ich aufatmen! Wenn Sie mich auch noch nicht sehen wollen, so waren Sie doch gütig genug, mir durch ein paar Zeilen Ihrer eigenen Hand zu beweisen, daß ich nicht mehr um Sie zu zittern brauche.

Es waren entsetzliche Wochen seit unserem unglückseligen Ritt. Ich glaubte Sie schon verloren, als ich im Rasen neben Ihnen kniete und das rieselnde Blut aus Ihrer weißen Stirn vergebens zu stillen suchte; obwohl Sie die schönen Augen wieder aufzuschlagen vermochten, verging seitdem kein Tag, keine Nacht, ohne daß die Angst um Sie mir jede Ruhe benahm. In meiner ersten Verzweiflung erschoß ich den Rappen, der Sie trug; er starb unschuldig, aber ich hätte ihn nicht mehr sehen können.

Wie es möglich war, daß das ruhige Tier ohne jeden äußeren Anlaß über Stock und Stein mit Ihnen davonflog, um sich schließlich beim Sprung über die hohe Hecke zu überschlagen, ist mir noch heute ein Rätsel.

Sie waren seit langem nicht so heiter gewesen. Die mögliche Heilung Ihres Sohnes, von der Sie erzählten, machte mich mit Ihnen froh. Und der Herbsttag, der uns so sonnig umgab, schien nur ein Widerschein Ihrer Freude. Ich konnte an diesem Tage nur über Dinge sprechen, bei denen sich's lächeln läßt. Noch ganz erfüllt von der Neuigkeit, teilte ich Ihnen mit, daß unser tapferer Lafayette mit seinen Freunden sich in Amerika einzuschiffen im Begriffe wäre, um ihre Kräfte für den französisch-englischen Krieg dem Vaterland zur Verfügung zu stellen. In diesem Augenblicke sah ich Sie erblassen, sah Ihre Augen auf mich gerichtet, als wäre ich ein Gespenst, und fort ging's in wilder Jagd, als ob Sie stürzen wollten!

Mit bezaubernder Grazie haben Sie verstanden, während unserer Ritte das Gespräch von dem Thema abzulenken, auf das ich es zu richten suchte. Heute, holde Frau, wo die Freude über das Glück Ihrer Genesung mir jede Zurückhaltung unmöglich macht, können Sie mich nicht hindern, Ihnen zu sagen: wären Sie gestorben, auch ich lebte nicht mehr.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, den 3. November 1778._

Den grauen Novembernebel, der heute noch schwer auf meinem Herzen lag, hat Ihr Atem weggeweht, teuerste Marquise. Ein Blick in Ihr Antlitz zeigte mir, was ich Ihren Versicherungen nicht glauben wollte: nicht nur die Wunde auf Ihrer Stirne heilt, sondern auch die Ihres Innern. Ich vermag Sie mit meinen Zweifeln nicht mehr zu quälen, seit ich Sie wiedersah --, so wiedersah: schlank und blaß, zwei Augen wie glühende Kohlen unter der weißen Stirn mit der schmalen roten Narbe, um die sehnsüchtig geöffneten Lippen ein süßes Lächeln, der Körper, der noch matt in der Causeuse lag, in weiße Seide gehüllt, und die ganze Gestalt vom Feuer des Kamins übergossen. »Er sagt, der Knabe wird gesund«, flüsterten Sie und streckten mir beide Hände entgegen, »dann werde ich frei sein, ganz frei -- für ein neues Leben!«

Sie sind wie ein gläubiges Kind. Wer hätte den grausamen Mut, ihm zu sagen: Der Gott, zu dem du betest, existiert nicht! Ich will von nun an mit Ihnen glauben. Am Tage der Entscheidung -- Sie sprachen vom 21. Dezember? -- werde ich vor Ihrem Hause die Nachricht erwarten. Bis dahin ergebe ich mich wieder in meine Verbannung.

Was ich über den Herrn Marquis erfuhr, wollen Sie jetzt nicht wissen. »Es ist mir jetzt so gleichgültig,« meinten Sie. Aber wenn einmal Ihre Freiheit von der Kenntnis dieser Dinge abhängt, dann vergessen Sie nicht, daß ich zu Ihrer Verfügung stehe.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Paris, den 20. Dezember 1778._

Sie ließen mich zu sich bitten, schönste Delphine, Sie lachten über all die Geschichten, die ich vor Ihnen auskramte und an denen die Welt nicht arm wird, obwohl die Menschen vor lauter Eifer, Gott und die Könige zu entthronen, für den Unsinn keine Zeit mehr zu haben behaupten.

Hat der famose Dr. Mesmer Ihr gelähmtes Herzchen wieder zum Schlagen gebracht oder war es die Erschütterung des Sturzes, die es aus der Lethargie aufrüttelte? Jede einzelne Ihrer rosigen Fingerspitzen ließen Sie mich küssen; »aber nicht als Liebhaber!« drohten Sie. Fast wäre ich darüber schwermütig geworden, wenn ich nicht inzwischen für meinen schrecklichen Kummer um Sie eine Trösterin mir hätte suchen müssen. Besinnen Sie sich? Sie sahen die kleine Thévenin kurz vor Ihrem unseligen Ritt in der Oper; sie war die jüngste der Nymphen im Ballett La rose, hatte nichts als ein rosa Wölkchen um die Hüften, die schönsten goldenen Haare auf dem Kopf und ebenholzschwarze an anderer Stelle.

Bitte: bedecken Sie den Mund nicht mit der Hand, ich weiß trotz Ihrer entrüsteten Blicke, daß Sie lachen!

Ich bin der Marquise Delphine sprechender Papagei, dem alles zu sagen erlaubt ist, vorausgesetzt, daß es die Herrin amüsiert! Und Sie sind ja im Augenblick allein, ohne den schrecklich ernsthaften Hausphilosophen, und ganz gewiß ohne den Herrn Marquis. Soll ich weitere Proben meiner Künste zeigen?

Herr von Genlis überraschte neulich Mademoiselle Justine, seine niedliche Mätresse, im zärtlichen Tête-à-Tête mit dem Marquis Löwenstein. »Was wollen Sie, mein Herr«, sagte sie, als er ihr Vorwürfe machen wollte; »ich gebe mir die größte Mühe, den Herrn Marquis für Ihre Tochter zu interessieren --« Und schon am nächsten Tage war die kleine Genlis glückliche Braut. Haben Sie ihr nicht auch eine innige Gratulation zukommen lassen?!

Madame Chamans fand ihre siebzehnjährige Tochter vertieft in die Lektüre der Lettres du chevalier de Saint-Ilme. Sie riß ihr entrüstet das Buch aus der Hand. »Retif de la Bretonne«, sagte sie, »hat keine schlimmeren Bücher geschrieben.« Die Tochter starb fast vor Lachen. Der Roman ist nämlich von ihr!

Die Herzogin d'Anville wollte ihren Liebhaber, der an Leidenschaft manches zu wünschen übrig ließ, mit ihren Beziehungen zu Herrn d'Alembert eifersüchtig machen. »Er ist ein Gott!« schwärmte sie. »Ach, Madame, wenn er ein Gott wäre,« antwortete der Liebhaber gelassen, »so würde er damit angefangen haben, sich zu einem Manne zu machen.«

Und nun noch ein hübscher Spaß, der Paris während Ihres Krankseins tagelang amüsierte: Ein paar polnischen Edelleuten mit besten Empfehlungen erteilte der Graf Artois die Erlaubnis, seinen Pavillon de Bagatelle besichtigen zu dürfen. Vor einer Marmorbüste brachen sie in Tränen aus: »Wie gleicht sie unserer verstorbenen Schwester!« Zuvorkommend, wie er ist, machte der Graf die Büste noch am selben Nachmittag den Herren zum Geschenk. Sie wiederholten das gelungene Manöver bei einer Reihe unserer Mäzene und waren, ehe man den Schwindel entdeckte, mit ihrer reichhaltigen Kunstsammlung verschwunden.

Wenn Sie wieder lachen wollen, reizende Marquise, erinnern Sie sich meiner, der Vorrat ist unerschöpflich und mein Bestreben, mich Ihnen unentbehrlich zu machen, um so eifriger, als ich in der Ferne bereits die Rüstungen unserer heimkehrenden Kriegshelden klirren höre und leider weiß, wie oberflächlich alle Frauen sind: sie schwärmen für blutbespritzte Röcke und übersehen dabei die im stillen blutenden Herzen.

Übrigens bringen sie einen Harem bronzefarbener Indianerinnen mit, und ich sehe es kommen, daß ihre Toilette, -- drei Federn auf dem Kopf und zwanzig Ringe durch die Ohren --, die große Mode der nächsten Saison sein wird. Sie würde Ihnen, Holdseligste, zum Entzücken stehen!

Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht: übermorgen treffen wir uns auf dem Maskenball!

Johann von Altenau an Delphine.

_Den 21. Dezember._

Kniefällig bitte ich Sie: lassen Sie mich ein! Nach dieser Nachricht dürfen Sie nicht allein bleiben.

»Alles ist vorbei. Ich fahre morgen mit dem Kinde nach Hause, um mich mit ihm zu vergraben.« Dieser gräßliche Zettel kommt mir in die Hand. Sie dürfen nicht fort. Sie müssen dem Schicksal trotzen, nicht sich ihm ergeben. Ich weiche nicht von Ihrer Schwelle, und werde mich den Pferden in die Zügel werfen; hören Sie denjenigen, den Sie selbst Ihren einzigen Freund nannten.

Graf Guy Chevreuse an Delphine.

_Am 21. Dezember._

Sie halten sich allzulange mit der Toilette auf, Sie wollen zu schön sein, reizende Frau; nur darum, nicht wahr, lassen Sie mich warten? Bekomme ich keine Antwort durch meinen Jäger, so bin ich in einer Stunde bei Ihnen und entführe meine Schöne mit Gewalt.

Johann von Altenau an Delphine.

_Paris, am 22. Dezember 1778._

Es ist geschehen. Ich war es. Sie, die einzige, die es wissen, können mich als den Mörder Ihres Kindes verfolgen lassen und noch unter dem Galgen würde ich schwören, daß es die beste Tat meines Lebens war. Ich habe, barmherziger als die Mutter, einem armen Idioten eine Kugel in die Schläfe gejagt, und eine Frau, die sich selbst zum Tode verurteilen wollte, dem Leben zurückgegeben.

Daß ich in der Nacht, als ich zum Zimmer des Kindes schlich, dem Grafen Chevreuse begegnete, hat meine Freude gedämpft. Sie ließen ihn zwar abweisen, aber er schien zu seinem Kommen ein Recht zu haben. Ich bedauere Ihre voreilige Wahl, aber ich habe mich durch meine Tat aller Ansprüche der Freundschaft, also auch der, zu warnen, begeben.

Leben Sie wohl, Delphine. Werden Sie glücklich!

CAGLIOSTRO

Baron Ferdinand Wurmser an Delphine.

_Petersburg, am 2. Juli 1779._

Verehrte Cousine! Sie werden sich des blassen Jünglings kaum mehr entsinnen, der vor Jahren in Etupes die reizendste Nymphe dem kühnsten Schäfer vergeblich zu entreißen versuchte. Prinz Friedrich-Eugen blieb Sieger, und auf seine Stirn neigte sie sich zum Weihekuß, während ich im stillen Boskett meine Niederlage beweinte und tagelang den düsteren Gedanken erwog, nächtlicherweile im schwarzen Schwanenteich zu verschwinden.

Der plötzliche Tod meines älteren Bruders zwingt mich, meine Stellung am Hofe des Großfürsten Paul aufzugeben, um mich der Verwaltung unserer Güter zu widmen. Ich reise in diesen Tagen ab, und wenn der Schmerz, meine gütige Herrin, die Großfürstin, verlassen zu müssen, durch die Freude auf die Rückkehr in die Heimat gemildert wird, so trägt der Gedanke an Sie, deren Schönheit und liebenswürdige Gastfreundschaft ich oft genug rühmen hörte, viel dazu bei.

Aber ich wäre vielleicht nicht so unbescheiden, meine Ankunft in Straßburg jetzt schon anzukündigen, wenn nicht die Großfürstin mich beauftragt hätte, Ihnen in Erinnerung an die schöne Zeit gemeinsamer Jugendtage in Montbéliard und Etupes die herzlichsten Grüße zu übermitteln. »Sagen Sie der Marquise, daß Sie meinen scheidenden Kammerherrn als meinen Freund empfangen möchte,« war sie gütig genug, mir aufzutragen. Sie hofft, in nicht zu ferner Zeit während des lange geplanten Besuchs in Frankreich die Beziehungen zu Ihnen wieder anzuknüpfen. Mit aufrichtigem Bedauern hörte sie von dem Schicksalsschlag, der Sie, teure Cousine, betroffen hat.

Mir war es besonders schmerzlich, erst nach dem entsetzlichen Ende Ihres Kindes von seinem Leiden erfahren zu haben. Wäre ich doch imstande gewesen, Ihnen den richtigen Arzt zu empfehlen. Vielleicht haben Sie schon von der außerordentlichen Erscheinung gehört, die plötzlich hier auftauchte, ohne daß jemand zu sagen vermocht hätte, woher sie kam, welches ihr Ursprung war. Ich spreche vom Grafen Cagliostro. Er geht umher und heilt Kranke, wie Christus; verteilt Geld unter die Armen, wie Harun-al-Raschid, und zwingt Verstorbene, aus der Tiefe ihres dunklen Grabes an das Licht seiner mystischen Lampe.

Sie werden ihm sicherlich noch begegnen, denn er ist überall.

In fünf bis sechs Wochen hoffe ich im Elsaß zu sein, um Ihnen meine Aufwartung machen zu können. Empfehlen Sie mich, bitte, unbekannterweise dem Herrn Marquis, den mein Bruder mir als das Vorbild des Edelmannes der alten Schule geschildert hat.

Graf Guibert an Delphine.

_Paris, am 25. August 1779._

Die Begegnung mit Ihnen, teuerste Marquise, hat mich wie ein erschütternder Traum, der uns auch am Tage nicht los läßt, von Spa hierher verfolgt.

Keiner der Eindrücke der Reise, -- und sie waren stark genug --, vermochte das rührende Bild der zarten, von schwarzen Schleiern verhüllten Gestalt zu verwischen, aus deren marmorweißem Antlitz der Blick dunkelglühender Augen mich bis ins Innerste traf. Sie waren gekommen, um in dem berühmten Bade Heilung zu suchen.

»Der Marquis hat es gewünscht,« sagten Sie mit einem bitter-schmerzlichen Lächeln. Der Marquis?! wiederholte ich im Stillen erstaunt; wußte ich doch, was alle wußten. Sollte die Tragödie Ihres Kindes mit ihrem rätselhaft schauerlichen Schluß zwei Getrennte wieder zusammengeführt haben? -- aber noch ehe ich zu Ende gedacht hatte, bekam ich die Antwort: der Marquis trat herzu, -- ein alter Mann mit gebeugtem Rücken und eingefallenen Zügen, -- ich hätte ihn fast nicht erkannt! Einen Augenblick lang erinnerte ich mich erschrocken der dunklen Gerüchte, die mir von den großen mißglückten Spekulationen des Herrn von Saint-James, an denen der Marquis ebenso wie der Kardinal Rohan stark beteiligt sein sollen, vor kurzem zu Ohren gekommen waren. Aber bald sah ich, welch andere Sorgen ihn bedrückten. Sorgfältig wie ein Vater hüllte er Sie in den Mantel und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit, die ich nicht begriff, -- hatten wir uns doch mehr als fern gestanden.