Die Liebe: Novelle

Part 5

Chapter 5866 wordsPublic domain

Secundus, vom Sessel aufwachsend, die Lider ganz hoch gehoben und die Augen weit und offen für die Ewigkeit, sieht Decke zerreißen, Wände stürzen und den Boden des Zimmers mit sich, der Frau und den Tieren -- eine schwankende Platform -- in das azurene Dunkel des Raumes getragen. Und plötzlich entzünden sich Millionen Gestirne, die Milchstraße steht in Flammen und brennend blauer Äther umströmt in reißendem Wirbel seine Stirne. Von der Erde, der entsinkenden, aber weht ein würziger Geruch von Harz und Ölgärten ihm nach und läßt ihn tief und beruhigt aufatmen. Und einen unbeschreiblichen Frieden auf dem weiß verkohlten Antlitz, zieht er einen kleinen Browning aus der Tasche und schießt dem über ihr Antlitz gebeugten Tier knapp an ihrer Wange vorbei in den halb geöffneten Mund. Einen gurgelnden Blutstrom über ihr Gesicht erbrechend, stürzt der Erlegte, die Schläfe im Fall an der Tischkante aufschlagend, zu Boden. Zwei Schüsse in die auf ihn Eindringenden, die zwar nicht töten, aber stark blutende Fleischwunden reißen, genügen, diese zum Rückzug zu veranlassen. Sie gewinnen -- den Körper des unter Blutstößen noch japsenden Rittmeisters mit sich schleppend -- die Türe, die er ruhig hinter ihnen schließt und versperrt.

Wände und Decke begrenzen den Raum wieder. Der Tisch steht da mit dem halb herabgeglittenen Tischtuch, den zerschmissenen Gläsern, den zerscherbten Tellern, Blumen in umgeworfenen Vasen, Champagnerflaschen in Eiskübeln und Blut, Blut, Blut. Starr und müde, fast schläfernd blickt er in das stellenweise schon krustende, schwärzlichrote Blut.

Draußen verhallt Lärm, eilige Schritte, eine Telephonklingel schrillt auf entferntem Korridor. Dann Ruhe.

Langsam, leicht schwankenden Ganges tritt er an den Tisch heran, auf dem sie nackt und weiß, von fremdem Blut übersprungen liegt, nimmt sie leicht in seine Arme und bettet sie auf den breiten, prunkvollen Diwan, der fellübergossen -- anderen Zwecken bestimmt -- in der Ecke steht. Dann kniet er still vor ihr nieder und senkt seine Stirne auf ihre Brüste.

Leise und spielend geht ihre Hand durch sein Haar. »Lieber du. Armer du.«

An dem krampfhaften Schüttern seiner Schultern merkt sie, daß er weint, ein lautloses, zwischen den Zähnen zerrissenes Weinen.

»Nicht, nicht, Lieber, Lieber. Alles ist gut. So gut.«

Er hebt, wie aus äußerster Finsternis herauf erschaffen, noch am Lichte zweifelnd, sein Haupt und blickt in ihr Angesicht: »Und du hast -- alles gewußt? Immer alles?«

Ihr Lächeln -- ein Sternenstrom stürzt nieder über sein Antlitz und glüht Angst und Trauriges von seinen Schläfen ab. »Immer alles. Das heißt -- nein. Die erste Zeit -- die ersten Tage -- gab es Stunden -- nein, das nicht -- Minuten -- nein, nicht so lang -- Sekunden gab's, wo ich zweifelte. Dann erzählte mir jemand, er hätte dich gesehen, wie du einem alten Schimmel, der vor einem Lastwagen auf der Straße, schlecht zugedeckt, dampfte, die Decke über den Rücken zogst. Seither wußte ich, daß alles nur _Liebe_ ist.«

»Und hast nie gezweifelt?«

»Lebte ich noch?«

»Ich habe so viel gelitten, weißt du --?«

»Kind du -- meinst du, ich weiß es _nicht_? Mir war ja alles leicht, denn ich wußte es doch, daß das Ende solche Seligkeit sein würde. Aber du, du littest ja hoffnungslos, _mußtest_ hoffnungslos leiden, denn du glaubtest außerhalb der Gnade zu stehen und wußtest nicht, daß Gott dein Opfer wog und wertete. _Mich erniedrigend, hast du mich erhöht, mich hassend, hast du mich besser geliebt als je Liebe auf Erden war, denn du hast nicht Dich mir dargebracht, sondern, was dir tausendmal mehr galt, du hast in dir mich selber mir geopfert. Du hast deiner Liebe die Liebe selbst verbrannt!_«

»Das alles -- wußtest du! --«

»Ich liebte dich doch. Und hätte _das_ nicht wissen sollen? So gerne hätte ich dir geholfen, mein Geliebter. Aber auch _das_ mußte geschehen. Auch meinen Körper mußtest du mir opfern. Du bist doch ein Mann. Gesteh nur, daß dir das am schwersten fiel?«

»Aber _warum_, warum _mußte_ das sein?«

»Entsinnst du dich nicht? Damals, als du mit mir sterben wolltest, sprach ich zu dir: Wäre das nicht zu klein für uns? Wir haben doch noch nicht aneinander gelitten? Nun haben wir gelitten, mein Geliebter, bis aufs Blut, bis aufs Herz, bis in die Seele. Denn auch mir, ob ich auch alles verstand, weh tat es mir schon. Ich bin ja nur eine Frau. Aber nein, was war das? Tausendfach littest du mehr, mein Geliebtester.« Und mit einem ganz kleinen, fast beschämten Lächeln: »Vergib mir, daß du mich so lieben mußtest.«

»Dies -- daß es _sein_ kann --«

»Dies -- daß es _sein_ kann --«

Worte gehen nicht gerade, aufrechte Boten schwebenden Herzschlags von einem zur andern, Worte schwanken und taumeln, sind Mantel um den nackten Gedanken, in den der Sturm fährt, und der Gedanke ist ein strahlender Gott.

Plötzlich erlischt das Licht. Secundus wendet, durch die unerwartete Finsternis unwillkürlich betroffen, halb den Kopf und sieht in undeutlichen Konturen den Traurigen im Dunkel stehen und _lächeln_.

Da kehrt er sich zu ihr zurück. Durch einen Regen verklärter Tränen brechen ihre Blicke und finden sich -- ein schimmernder Bogen -- Gesicht bindend an Gesicht.

»Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich.«

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Antiqua~.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

auf Seite 36: im Original "gerade Ihnen einen solche Handlung" geändert in "gerade Ihnen eine solche Handlung"

auf Seite 38: im Original "Und im Anhauch dieses fremdestens Atems" geändert in "Und im Anhauch dieses fremdesten Atems" ]