Part 4
Während sie die Woche im Gefängnis erleidet, in eine Zelle gesperrt mit zwei Gewohnheitsdiebinnen und einer alten lesbischen Dirne, die sie bei Nacht mit Anträgen und unzüchtigen Zärtlichkeiten verfolgt, geplagt von Unreinlichkeit, einer höllischen Wächterin Stößen und Speichel preisgegeben, sorgen anonyme Briefe, denen Zeitungsausschnitte über die Verhandlung beigeklebt sind, an ihre Vermieterin und die Familien, die ihr Stunden gewährten, für den völligen Zusammenbruch ihrer materiellen Existenz. Dem Gefängnis entlassen, findet sie sich wohnungs- und subsistenzlos. Ein neues Zimmer, das sie mit Hilfe des letzten verkauften Ringes mietet, und neue Stunden, durch Annoncen gewonnen, werden ihr nach Ablauf einer Woche auf Grund der anonymen Briefe aufgekündigt. Der Versuch, in eine Modisterei als Aufputzerin einzutreten, scheitert an der Wachsamkeit des Verfolgers. Auch in einem dritten Zimmer bei einer alten, hochmütigen Beamtenswitwe kann sie sich nicht halten und als sie es in einem vierten mit einer Falschmeldung wagt, wird sie von unbekannter Seite angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie entschließt sich endlich, ein allzu teures Zimmer in einer ziemlich fragwürdigen Pension zu nehmen, wo ihr wenigstens der Steckbrief kaum zu Schaden gereichen kann. Seitens der Pensionsinhaberin an sie gestellte Anträge, sich an einem der »intimen Abende« in der Pension zu zeigen, lehnt sie -- nicht mit Entrüstung oder Entsetzen -- nur mehr müde und aus Gleichgültigkeit fast schon erliegend ab.
Nun hält Secundus die Zeit für reif geworden und geht zur Adèle Osterer.
Die Osterer ist die Besitzerin zweier großen ~Maisons des rendez-vous~ in Wien und Budapest und des elegantesten Bordells der City. Sie ist etwas wie eine Präsidentin des internationalen Mädchenhändlertrustes, nimmt eine anerkannte soziale Position ein, protegiert manchmal die Polizei bei ihren Streifungen und ist ob ihrer Beziehungen, die von rumänischen Bauernhöfen bis in die höchsten Kreise reichen, gefürchtet und unantastbar wie ein Abgeordneter.
Bei dieser Dame läßt sich Secundus melden, wird in einem strotzenden Salon empfangen und steuert nach Austausch gegenseitiger Höflichkeiten direkt auf sein Ziel los.
»Sagen Sie mir, ganz im Vertrauen, beste Frau Adèle, haben Sie die Nhilius schon?«
Sie lächelt geschmeichelt, daß der Puder stiebt. »Durchlaucht überschätzen mich. Ich habe die Dame allerdings seit längerer Zeit ins Auge gefaßt, glaubte aber bisher den Moment für ein Eingreifen meinerseits noch nicht gekommen.«
»Ich wußte, daß Ihnen dieser interessante Fall nicht entgangen sein könnte.«
»Gott, Durchlaucht -- man muß doch ein Auge für die Vorgänge dieser Welt haben. Meine Hauptgeschäfte wickeln sich in der großen Gesellschaft ab. Ich spüre ihren Herzschlag, ich fühle gleichsam ihren Puls, die geheimsten Unregelmäßigkeiten seiner Schwingung, die feinsten Reize und Wünsche dieses Blutes muß ich kontrollieren und zu befriedigen suchen. Ließe ich nach, versagte die Feinheit meiner nachtastenden Finger, Durchlaucht können mir glauben, es käme zu den empfindlichsten Krisen des hiesigen gesellschaftlichen Lebens, zu Stockungen, die stationär würden, und jene sexuelle Revolution, die wir am Steuer Stehenden um jeden Preis verhindern müssen, da sie angesichts der Kreise, in denen sie ausbräche, leicht zu einer politischen werden könnte, stände uns unmittelbar bevor. In diesem Sinne kann auch ich mit Stolz sagen, daß ich den Posten, den mir die Gesellschaft -- fast drängt sich mir das Wort ‹Vaterland› auf die Lippen -- angewiesen hat, ganz ausfülle und trotz aller Schwierigkeiten, die Taktlosigkeit und Impotenz mir zwischen die Beine wirft, mit Gottes Hilfe aushalten werde.«
»Falls es bei uns zu einem passiven Wahlrecht der Frauen kommen sollte, stände ich nicht umhin, Ihnen als erster meine Stimme zu geben, verehrte Frau.«
»Ich danke, ich danke, Durchlaucht. Mir genügt mein stilles Wirken und der vertrauensvolle Dank der höchsten Stelle. Aber, um auf Ihre Anregung zurückzukommen, es ist mir nicht unbekannt, daß Durchlaucht ein gewisses Interesse an der Baronin haben.«
»Ein negatives, rein psychologisches, liebe Frau Adèle. Experimentalpsychologie.«
»Ich verstehe vollkommen, Durchlaucht. Da Sie zweifellos besser informiert sein dürften als ich, gestatten Sie die Frage: Sie halten den Moment für gekommen, an die Dame heranzutreten?«
»Soweit ich die Lage überblicke, glaube ich ‹Ja› antworten zu dürfen.«
»Sie halten also die Widerstandskraft der -- für hiesige Verhältnisse zweifellos ganz merkwürdig anständigen -- Frau genügend geschwächt, einem Anerbieten meinerseits nachzugeben?«
»‹Geschwächt› möchte ich nicht sagen. Aber ich glaube, daß jener psychologische Augenblick vollständiger Gleichgültigkeit, Nervenerschlaffung, Apathie, mit einem Wort, ~désinteressement absolu~ an der eigenen Person eingetreten ist, der bewirken wird, daß die Dame, schon um sich die Mühe weigernder Worte zu ersparen, bedingungslos auf jede halbwegs geschickt gestellte Proposition eingehen dürfte.«
»Ich würde natürlich mit der äußersten Delikatesse ans Werk gehen, die Baronin völlig als Dame behandeln, als meinesgleichen, wenn ich so sagen darf --«
»Auch das dürfte von guter Wirkung sein, da die Baronin seit jüngst in dieser Hinsicht kaum verwöhnt ist und jede Liebenswürdigkeit Ihrerseits in ihrem Unterbewußtsein sicher dankbar empfinden würde.«
»Verlassen Sie sich auf mich, Durchlaucht. Ich glaube auf diesem Gebiet alle Register zu beherrschen. Die Gräfin V. nach ihrer Scheidung zu dem ersten Schritt in mein Haus zu bewegen, war auch keine Kleinigkeit. Heute führt sie eine Maison in Petersburg.«
»Ich vertraue Ihnen unbedingt. Vor allem jedoch wird starke Energie, möglichst große persönliche Suggestion am Platze sein.«
»Wenn tatsächlich jener Moment seelischer Stagnation eingetreten ist, wie Durchlaucht es schildern, halte ich den Erfolg für sicher. Durchlaucht können überzeugt sein, daß ich alles einsetzen werde, schon aus Prestigerücksichten. Frau von Nhilius gilt als eine der anständigsten Frauen der Stadt, ihre Anwesenheit in meinem Salon würde triumphal für die Sache wirken, auch finanziell viel für mich bedeuten.«
»In dieser Hinsicht liegt ein Scheck auf 100.000 Kronen bereit, an Ihre Adresse abzugehen.«
»Meinen herzlichsten Dank, Durchlaucht. Eine so enorme Summe gibt Ihnen natürlich Vorrechte. Haben Sie für den Fall eines Gelingens besondere Wünsche?«
»Ich möchte, daß alles geheimgehalten wird, bis ich selbst das nötige Arrangement getroffen habe. Und dann -- ich glaube, Sie werden die Dame wohl ziemlich mühelos herbekommen, sobald sie aber hier ist, dürfte starker Widerstand einsetzen.«
»Das ist meist so.«
»Für diesen Fall empfehle ich Ihnen äußerste Strenge. Schrecken Sie auch vor Erniedrigungen nicht zurück. Sie haben von mir aus völlig freie Hand.«
»Ich verstehe. Wir greifen nur selten und ungern zu körperlicher Züchtigung, aber wenn eine solche unvermeidlich ist --«
Secundus' Mund verzerrt sich leicht: »Es liegt mir daran, daß die Baronin alles auf diesem Gebiet kennen lernt -- alles --«
Die elegante dicke Dame lacht etwas tückisch und durch ihr Parfüm beißt leichter Hyänengeruch. »Sie werden zufrieden sein.«
* * * * *
Nicht ganz drei Wochen später -- der Umkreis des Jahres ist geschlossen, es ist wieder November und der Tag Allerseelen bricht mit heiseren Glocken aus schwarzen Nebelschwaden herauf -- erhält er ein sanft parfümiertes Billet, in dem eine zierliche Handschrift ihm mitteilt, daß die neulich gesprächsweis erwähnte Dame es nunmehr vorgezogen habe, ihr bisheriges Logis zu wechseln und die besprochene neue Wohnung zu beziehen, woselbst sie sich freuen würde, Seine Durchlaucht gelegentlich zu empfangen.
Er ruft sofort die Osterer an und erfährt von ihr, daß sich die Dame bereits seit drei Tagen in ihrer Obhut befinde. Alles sei programmgemäß verlaufen, der in der Tat völlig apathische Seelenzustand der Dame habe ihr die Aufgabe sehr erleichtert. Sie -- Madame Adèle -- hätte natürlich schon längst Mitteilung gemacht, aber nach vollzogener Übersiedlung habe die Dame, gleichfalls wie erwartet, Spuren von Renitenz gezeigt und einen hysterischen Anfall erlitten, man habe zu den bewährten Hausmitteln gegriffen und nun sei alles in Ordnung. Seine Durchlaucht könne jederzeit erscheinen, es sei kein wie immer gearteter Widerstand seitens ihres Schützlings mehr zu befürchten. Sie selbst sähe den Anordnungen Seiner Durchlaucht mit Vergnügen entgegen.
Secundus dankt höflich für ihr Bemühen und bittet sie, für den Abend ein Souper zu etwa zehn Gedecken herzurichten, da er einige seiner intimeren Bekannten zu der Première einzuladen gedenke, ferner die Dame auf die kleine Abendgesellschaft entsprechend vorzubereiten, jedoch ohne den Veranstalter zu nennen, das Menu sei von Sacher zu bestellen, er lege Wert auf schönes Blumenarrangement. Champagner ~Mumm extra dry~ und ~Moët et Chandon~ 1892.
Wie er abläutet und sich wendet, sieht er um sich zerreißendes Licht aufstieben und knapp vor seinem ungeheuer aufgetanen Antlitz die spiegelnde Schärfe eines breiten Beiles niederblitzen und stürzt -- das dumpfe, schwarze Rauschen aller Glocken der Erde enthallend in den Ohren -- gelben Schaum vor dem Munde zu Boden.
Diener finden ihn die Zähne in den Parkettboden verbissen und tragen ihn aufgerissenen Kragens nach dem Diwan. Erweckt, verweigert er die Hilfe des rasch herbeigeholten Arztes und schickt -- alles sehr sanften und gütigen Tones -- die Umgebung fort. Eine halbe Flasche Whisky, unverdünnt getrunken, setzt ihn instand, die Einladungen zu dem Souper zu schreiben, die sofort ausgetragen werden, und dann ein längeres Schriftstück aufzusetzen, das er auf der Schreibmaschine vervielfältigt. Letzteres enthält eine Selbstanzeige wegen Verbrechens der schwersten Verleumdung, Mißhandlung eines Toten, begangen an weiland Baron Nhilius, Verleitung zum Diebstahl, fälschlicher Anzeige, Meineides und Unterstützung von Kuppelei. Als Beweise führt er die Zeugenschaft des Grafen Kolosvary, den Obduktionsbefund an dem Baron, der von einem schweren Faustschlag im Gesicht des Toten sprach, das Dokument des von ihm gedungenen Diebes, das Protokoll über seine Aussage in der Verhandlung kontra Kathrin Nhilius sowie den Brief der Osterer an. Als Motiv seines Vorgehens bekennt er Rachsucht für die Ablehnung eines von ihm an die Baronin gestellten Antrages. Die Vervielfältigungen des Schriftstückes, das er an die Staatsanwaltschaft schickt, sendet er den meistgelesenen Tageszeitungen ein mit dem beigefügten Ersuchen um Abdruck im nächsten Morgenblatt zwecks völliger Rehabilitierung der genannten Dame vor der Öffentlichkeit. Die adressierten Briefe übergibt er seinem Kammerdiener zur Beförderung.
Gegen fünf Uhr nachmittag -- der werdende Abend dampft grau und naß an die hohen Fenster -- ist er mit seiner Arbeit fertig, begibt sich in die Appartements der Fürstin und bittet diese um eine kurze Unterredung. Sie empfängt ihn, damit beschäftigt, Schuhe und Strümpfe zu wechseln, ohne sich von ihm -- wie einem Nichtanwesenden -- stören zu lassen. Er erklärt ihr, daß es für sie am vorteilhaftesten wäre, noch im Laufe des Tages die Scheidungsklage gegen ihn einzureichen, da sein Name bereits morgen kaum mehr ehrenvoll zu tragen und es ihr sicher gesellschaftlich von Nutzen sein würde, wenn sie bereits vor Erscheinen der morgigen Zeitungen sein Haus verlassen hätte. Das ihr überwiesene Dritteil seines ehemaligen Vermögens stehe ihr völlig integer zur Verfügung, ein weiteres Verbleiben an seiner Seite hätte schon aus dem Grunde keinen Sinn, weil er selbst vollkommen ruiniert sei und nach Verkauf des Palais ihm kaum noch drei Millionen bleiben würden, die übrigens einer von ihm zu leistenden Entschädigung zur Verfügung gestellt werden müßten. Die Fürstin dankt für seinen Rat und erklärt, die Spange an ihrem Schuh schließend, ihn befolgen zu wollen. Sein Gesicht ist so völlig in Unirdisches getaucht, daß eine boshafte Abgangsglosse, die sie seit Monaten vorbereitet hat, unterbleibt. Sie scheiden höflich und in Form.
* * * * *
In der Einsamkeit seines Zimmers faltet er, betäubt von der Größe des aus ihm Geschehenen, hilflos und armselig vor der mächtig die Stirne ihm überschattenden Ewigkeit, seine Hände.
»Mein Bruder in der Nacht, Engel aus den Engeln, dessen Weg meine Seele gegangen ist, du äußerster Liebender, Schatten, den das Licht wirft, weil es das Licht ist, du weißt, was das Licht nicht wissen kann, _weil_ es das Licht ist, du weißt um das letzte schauderndste Dunkel der Seelen, du weißt, daß ich in äußerster Liebe gehandelt habe, daß ich aus Liebe meine Liebe geopfert habe, daß ich mich selbst verstieß, weil ich es nicht mehr tragen konnte, aufgenommen zu werden, daß ich schuldig wurde, weil ich schuldlos nicht mehr leben konnte, daß ich haßte und schlug und quälte und mordete, um gehaßt, geschlagen, gequält, gemordet zu werden, weil meine Liebe zu groß war, sich noch _lieben_ lassen zu können! Du weißt, daß ich myriadenfach alles erlitten habe, was ich erleiden machte, daß ich zehntausend Tode gestorben bin ohne die Hoffnung der Auferstehung. _Dies_ weißt du vor allem, daß ich gänzlich _hoffnungslos_ gelitten habe, seit du mich wissen machtest, daß ich mir bewußt war, außerhalb der Gnade und der Vergebung zu stehen, daß ich so inbrünstig um die Verdammnis gerungen habe wie kein Mensch um seine Seligkeit. Nun bitte ich dich, du lässest meine Seele hinfahren in diese Verdammnis, du bindest mich an Händen und Füßen _und werfest mich in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird -- dahier ist mein Weg zu Ende_. Ich bin ihn aufrecht gegangen, aufrecht mit zerschmetterten Gliedern, getreu bis in den Tod!!«
Aber das Schweigen wächst und das Dunkel wächst und strickt sich netzhaft um seine geschüttelten Glieder. Hölle und Himmel sind stumm und verfinstert; und ihm ist, als hinge er klein und nackt und gekrümmt an einem riesigen, blutbespritzten Kreuz und es wäre die sechste Stunde angebrochen, von der da geschrieben steht: Und es ward eine Finsternis über das ganze Land.
Der Eintritt des Dieners, der Licht macht und ihm den Smoking bringt, reißt ihn aus seiner entsetzlichen Halluzination. Verstört und naß von fiebrigem Schweiß kleidet er sich um, läßt das Auto vorfahren und begibt sich ins Johann Strauß-Theater, wo er den beiden ersten Akten der neuen Operette beiwohnt. Mehrere der zum Souper eingeladenen Freunde, die sich gleichfalls im Theater befinden, kommen im Zwischenakt in seine Loge und bedrängen ihn neugierig um das Geheimnis, das er bei Madame Adèle für sie vorbereitet habe. Er schweigt, geheimnisvoll schmutziges Lächeln um die grauen Lippen gelegt. Nach dem zweiten Aktfinale, es ist halb zehn geworden, fahren sie zur Osterer. Der erste Stock des unauffällig eleganten Hauses ist hell erleuchtet. Ein reinigender Wind hat die dicken Allerseelennebel auseinandergefetzt, der ungeheuer hohe Himmel beginnt sich zu bestirnen und in Strahlen zu werfen. Musik flattert aus einem nahen Restaurant, da sie in das Haus eingehen.
* * * * *
Frau Adèle in großer Toilette -- distinguiert und busig -- macht die Honneurs und empfängt die Gäste mit liebenswürdigen Scherzreden. Im ganzen acht Herren. Einer hat mit Berufung auf seine leider am Vormittag stattgefundene Verlobung abgesagt. Zum größern Teil Offiziere, darunter die beiden, die an jenem Abend in der Manhattan-Bar mit den Nhilius waren, lauter junge Leute, von denen Secundus weiß, daß sie die Frau umworben und nicht bekommen haben, lauter Menschen, von denen er weiß, daß sie an ihrem Tisch gesessen sind, ihre Hand geküßt und ihr Fleisch verehrt haben, weil es ihnen unerreichbar war. Menschen, die er haßt wie Aussatz und für würdelos genug hält, die Statisten in dieser letzten großen Entwürdigung zu spielen.
Eine Zigeunerkapelle beginnt gedämpft und geil den Walzer aus der neuen Operette zu spielen:
»Eine nur, das ist die Echte, Eine nur, das ist die Rechte --.«
Auf eine einladende Geste Frau Adèles begeben sie sich ins Nebenzimmer, wo die Tafel, festlich in Weiß und Rosa gedeckt, sie erwartet. An dem einen Ende der Tafel steht, mit Rosen und Flieder bekränzt, etwas erhöht -- gleichsam als Thron gedacht -- ein prunkvoller Lehnstuhl mit Brokatüberzug Secundus, der am unteren Ende der Tafel Platz genommen hat, gegenüber.
Man setzt sich, etwas erstaunt, etwas leiser werdend, zu Tisch. Madame Adèle ist verschwunden, acht Herren allein, damenlos, in einem Bordell bei Tisch, die Situation ist entschieden originell. Bemerkungen wagen sich vor, Witze werden versucht:
»Hören Sie mal, lieber Fürst, ich hoffe doch entschieden, daß die Geschichte allmählich 'n weniger Liebenbergischen Anstrich bekommt?«
»Du hast uns doch nicht zu einem Junggesellensouper ausgerechnet zur Osterer bestellt! Das wär' doch auch im Bristol gegangen.«
»Nein, nein, Kinder, der Secundus hat noch a besondere Gaudee für uns ~in petto~. Schauts doch den Thron an!«
»Aber nachher fix. Ich weiß nicht, der Hummer is doch sicher vom Sacher, aber mir schmeckt's gar nicht, wenn ich nicht a hübsches Weib zum Fußeln neben mir hab'!«
»Ich kenne diese deine Gewohnheit, lieber Kiki«, lächelt Secundus höhnisch. »Wie du siehst, habe ich darauf Rücksicht genommen und dich neben die Dame des Festes placiert.«
»_Die_ Dame? Also kommt doch wenigstens _eine_?«
»_Nur_ eine, Fürst? Neun sind wir -- das wird schwer halten!«
»Also jetzt zum Teixel, wer is denn dieser steinerne Gast? Schau, Secunderl, ich bin solchen Aufregungen nicht gewachsen --«
»Das tut mir leid um dich, so jung --«
»Also, Kinder, nach den Zurüstungen serviert er uns entweder die Gaby Deslys oder die Kaiserin von China zum Dessert!«
»Aber um Gottes willen, Kinder, das ist ja --!«
Alle haben sich wandweiß und erschrocken erhoben, machen eine unsichere, halb wieder fallen gelassene Verbeugung, starren mundoffen auf die Erscheinung der Frau. Secundus allein ist sitzen geblieben. Langsam hebt er den Blick von den fleischigen Blumen auf, die in einer schlanken, grünes Licht versplitternden Vase vor seinem Gedeck stehen, und sagt, den Blick ganz fest in ihrem, leicht und nonchalant in die peinliche Stille:
»Sitzen bleiben, Kinder. Nur kein Zeremoniell. ~Voilà la dernière acquisition de madame Adèle.~ -- Guten Abend, Kathrin, nimm Platz. Eine Vorstellung erübrigt sich. Du kennst ja alle, nicht? Es ist alles wie immer, nur daß wir hier ‹Du› zu dir sagen. Du erlaubst doch?« Und leert langsam mit einer niederträchtig höllischen Gebärde sein Glas gegen sie.
Sie steht starr und heilig lächelnd vor sich schließenden Vorhängen. Ihre Schönheit ist dem Ewigen so nahe, daß sie Stille und Schatten auch über diese wirft. Sie ist fast nackt, trägt ein phantastisches Kostüm, etwa im Stil des Directoire, aus dünnster, leuchtendster Gaze, das ihre Brüste frei und den völlig edlen Körper in triumphierender Enthüllung allen Falten entstrahlen läßt. An die bloßen Füße sind rotseidene Sandalen gebunden, die Hände sind nackt von Schmuck, in das griechisch zurückgetürmte violette Haar ist fahles Laub des Ölbaumes geflochten. Das zu weiße Antlitz ist sanft und stilisiert geschminkt und macht aus dem Todesgenius eine Kokotte.
Allen ist sie ungeheuer unwirklich und alle, auch die Verhärtetsten unter ihnen, erwarten unklar ein Wunder. Herabsturz von Engeln durch gebrochene Decke rauschend, der sie ihren Blicken entzöge, eine Blendung, ein Gericht. Aber da nichts Entscheidendes geschieht, da sie unter Secundus' Worten widerstandslos den ihr zugewiesenen Platz einnimmt und schamvoll lächelnd, fast grüßend die Gesichter entlang blickt, löst sich langsam der würgende Bann, der ihren Atem in der Kehle zurückhielt, und der Ausbruch -- eine ganze Weile noch verhalten unter peinlichen Erinnerungen und letzten Resten von äußerer Form und Zucht -- ist endlich riesenhaft und satanisch.
Primitive Geilheit und Lust an dem halbnackten, edlen Fleisch, gewürzt von dem Reiz der Situation, die ihnen das längst verloren gehaltene Genußmittel plötzlich in unwahrscheinlichster Erfüllung unter Finger und Atem wirft, gestachelt von dem männlichen Rachekitzel für den immerhin noch nicht verziehenen Abfall, dazu der Triumph der brutalen Überlegenheit über die überlegen Geglaubte an sich entladen sich in einer wilden, fanatischen Zügellosigkeit. Der ganze Haß des Geschlechtes steht nackt und roh auf und wirft sich -- ein brünstiges, boshaftes Tier -- auf die Wehrlose. Die unkomplizierteren Smokings begnügen sich damit, sie als Dirne zu behandeln und ihr ein schmutziges »Du« oder eine Zote ins Gesicht zu werfen, die feiner Organisierten machen es geschickter, sprechen zu ihr wie zu einer Dame, sagen sogar »Sie«, erinnern an gemeinsam Erlebtes, die Dolomitentour, das Fest bei der Croy, um plötzlich, wenn sie in Sicherheit gewiegt scheint, unter Tisch nach ihrem nackten Bein zu tasten oder einen Kuß auf ihre Brüste zu wagen oder ihr eine dreckige Liebkosung ins Ohr zu flüstern.
Sie spricht nicht, versucht sich innerlich ganz fern zu machen, von den obszönsten Scherzen fortzuhören, den gemeinsten Berührungen auszuweichen; gewohnt an die häßliche Entzündung des Fleisches rings um sie, hofft sie noch immer, daß die völlige Makellosigkeit ihres Selbst das Äußerste von ihr abwenden werde, aber sie muß erfahren, daß hier, wo sie keinen äußern Rückhalt mehr besitzt, wo sie nur als Weib, »nacktes Weib« eingerechnet wird, diese Makellosigkeit zur Stimulanz dient. Sie fühlt, entsetzt lächelnd, wie der gelbe, trübe Gischt näher an sie heranbrodelt, ihre Knöchel umspült, ihre Kniee bespeichelt, ihre Stirne mit schmutzigen Flocken überwischt.
Die Stimmung ist auf jenen Siedepunkt gestiegen, wo hinter der Begierde schon Verbrechen und Mord hockt. Das Zimmer dampft von Schweiß und Geschlecht, fad und süß geilt die Musik im Nebenzimmer, niemand berührt mehr eine Speise, kaum führt der eine oder der andere noch das Champagnerglas an die Lippen, ihre Münder sind trocken und klebrig, die Stimmen werden gedämpft und lallender, der Atem wird in kleinen, kurzen Zügen durch witternde Nasenflügel gestoßen.
Sie blickt in furchtbarster, letzter Todesangst um sich und starrt in verzogene Tierfratzen, schaudert in der plötzlichen völligen Stille und öffnet die gerougeten Lippen zu einem kleinen halben Schrei. Da fühlt sie sich schon in jäh sie überstürzendem Geheul von ihrem Stuhle gehoben, auf den Tisch geworfen, zwischen stürzende Flaschen und noch nicht abgespeiste Teller gebettet, sieht zerbrechenden Blickes, wie ein beschnurrbarteter Mann ihr die Sandale vom Fuß reißt, spürt einen Biß in die linke kleine Zehe, ringt mit unsicher tastenden, feuchten Händen, die die kaum hüllenden Gazeschleier zerreißen, und windet sich in irrer Verzweiflung unter Lippen, die sich keuchend in ihre Lippen, ihre Brüste, ihren Schoß wühlen --!
_In diesem Augenblick vollzieht sich das Wunder._