Part 3
»Nein. Ich ihn. Aber die Schwierigkeiten, was er mir gemacht hat! Ich sag' Ihnen, an der _Müh'_ hab' ich gesehn, was das für ein Mensch is!«
»Gut. Aber die Hauptsache: das Geld --!«
»Geld is da und is nicht da. Ich werd' Ihnen genau sagen, Durchlaucht. Zuerst -- er, der Baron selig, hat nicht ein Drittel von dem gehabt, was ihm die Lait' so nachgesagt haben.«
»Nicht? -- Interessant.«
»Nein. Er hat auf großem Fuß gelebt, hat für die Wohltätigkeit gearbeitet, hat Feten gegeben, hat sich die Baronie gekauft, aber gehabt -- so -- Fundus, Kapital hat er nix.«
»Nichts?«
»Na also -- nix is zu viel gesagt. Eins, zwei Millionen unberufen hat er gehabt und -- Kredit. Denn er war doch kein schlechter Kopf, Gott behüt'! Aber jedenfalls vor einem Jahr hat er bei der Baumwollbaisse mächtig Pech gehabt und sich sehr mühsam aus der Patsche gezogen. Nach dieser Sache hat er nicht viel mehr als eine Million in Konsols und seine Villa in Döbling -- Verkaufswert gut gerechnet 400.000 Kronen -- und seine aristokratischen Beziehungen gehabt.«
»Villa 400.000 Kronen -- seltsamer Zusammenhang.«
»Wieso seltsam? Die Gründe sind dort stark gestiegen.«
»Ja? Ja, Fanto. Ich weiß.« Traurig dämmert die Stimme durch den Raum.
»Schulden waren auch noch da aus der Baumwollpleite. Kurz, was soll ich Ihnen sagen, der Mann hat gewankt, ich sag' Ihnen, _so_ hat er gewankt.« Und Fanto wackelt pagodenhaft mit dem kurzen Oberkörper, daß Secundus, der den Mann wirklich _wanken_ hat sehen, erschauert.
»Aber er is _doch_ nicht machulle gegangen. Er hat sich nix ergeben. Der Nhilius war gute Klasse. Er hat sich gesagt: Entweder -- oder. Und ist Kopf voraus zurück ins Wasser gesprungen.«
»Das heißt? Sie meinen das ja wohl bildlich?«
»Natürlich, Euer Durchlaucht«, feixt Fanto. »Vor etwas über einem Jahr hat sich in Paris eine Gesellschaft konstituiert -- mit 'm pompösen französischen Namen, ich weiß ihn im Moment auf Ehre nicht -- etwa Aktiengesellschaft zur Verwertung mexikanischer Goldminen -- auf daitsch: eine ~Société~, was den Ankauf und die Ausbeutung eines neu entdeckten kolossalen Goldfeldes in Mexiko zum Ziel hatte. Dieses Minenfeld sollte sehr günstig -- nahe der atlantischen Küste und vom Kanal liegen -- fabelhafte Proben waren da -- kurz und gut -- eine große Sache! Die Gesellschaft hatte ein paar gute Namen angekauft, ein paar tüchtige Macher waren auch dabei, Primrose, Myers, Latour, also es wurden 25.000 Aktien ~à~ 500 Francs -- macht ein Aktienkapital von fünfzehn Millionen -- herausgegeben und, weil's doch Gott sei Dank immer Trotteln gibt, zum Teil auch abgesetzt. Mir war die Sache von Anfang an nix koscher -- Mexiko is ä dunkles Land und die Lait' dabei waren auch nicht die dümmsten. Daß a großer Bluff dahintersteckte, hab' ich mir an den fünf Fingern abgezählt. Die Geschichte hatte aber anfangs kein Glück -- Mai war sie gemanaged worden -- und im Oktober standen die Shares 100 unter Pari -- und die Nichteingeweihten, ich mein' die kleinen Lait', die Bluter, fingen an, rapid zu verkaufen. Damals hatte der Baron selig die Baumwollaffäre gerade abgewickelt und die Hände frei. Was glauben Sie, daß er tut? Geht hin und kauft auf _ein'_ Tag 7000 Stück Aktien, was herumschwimmen, auf, zum Durchschnittskurs von 450, macht rund drei Millionen!«
»Da er aber nur eine hatte --?«
»Deponiert er seine Konsols und läßt die anderen zwei Drittel von der Bank belehnen.«
»Von welcher Bank?«
»Einer daitschen. Mit österreichischen hat er doch nicht operiert, der Baron selig. Also er kauft, kauft wie ein Gott, ist über Nacht Großaktionär. Durch den Riesenkauf an sich steigen die Aktien und er sorgt dafür, daß sie weiter steigen. Im November geht er nach Paris.«
»November -- Paris --.« Das war damals. Dämonen, den Staub des Totenreiches auf den wunden Flügeln, streifen pfeifend Secundus' Schläfen.
»Geht nach Paris und arbeitet mit Primrose zusammen. Zehn Zeitungen werden gekauft -- eine Reklame gemacht, daß mir sogar der Mund wässrig wird. Dazu tut Gott, daß sich die Lage in Mexiko zu konsolidieren beginnt, Huerta scheint das Regiment in der Hand zu haben, Rothschild in Paris interessiert sich für die Sache, der kleine Mann kauft, also was soll ich Ihnen sagen -- Ende Jänner stehen die Shares auf 800 -- Primrose und Myers beginnen ganz langsam im Dunkeln abzustoßen -- Nhilius hält und kauft noch 500 Stück dazu -- Nhilius hat recht -- an dem Tag, wo er selig gestorben ist, notieren sie 880, heute 904.«
»Also war die Spekulation doch gut?«
»Ich will Ihnen sagen, Euer Durchlaucht -- sie war gut, wenn Nhilius am Leben bleibt. Er hätt' den richtigen Moment erwischt zum Verkauf. Was aber Kopetzky damit machen wird -- denn die Baronin, eine feine, schöne Dame, kümmert sich doch nicht darum -- weiß nur Gott und der wird nix davon wissen wollen!«
»Ich verstehe. Das Unternehmen selbst halten Sie für völlig faul?«
»Durchlaucht, _wer_ hat schon mit Mexiko Geschäfte gemacht? Das Gold kann da sein, kann auch nicht da sein -- zu sehen wird's keiner kriegen. Die Sache steht so: Die großen Hintermänner stoßen seit einem Monat sehr vorsichtig in kleinen Posten ab, die kleinen Lait' kaufen wie wütig zusammen, darum steigen die Shares noch immer. Aber seien Sie sicher, wie Myers, Latour und Letellier ihr Schäfchen im Trocknen haben, beginnt die Kontermine und die Sache ist so labil, daß der kleinste Anblaser sie umwirft.«
»Aber warum hält Kopetzky dann?«
»Ich hab' mir die Sache so ausbaldowert. Kopetzky war ein Freund vom Nhilius, heißt Geschäftsfreund, und Nhilius hat ihn in ei'm Anfall von Geistesstörung in seinem Testament zum Sachwalter eingesetzt. Etwa was ich bei Ihnen bin, ist er bei der Baronin. Er hält die Aktien und wird sie halten, bis sie wieder glücklich unter Pari sind. Dann wird er als der Retter in der Not zur Baronin kommen, die doch wirklich nicht weiß, wo Gott auf der Börse wohnt, und ihr den Posten billigst abnehmen.«
»Ja, diese Theorie hat etwas für sich. Besten Dank, Fanto. Nun noch eine Frage. Es liegt in meinem Interesse, die Baronin zu ruinieren. Vollständig. Wie soll ich da Ihrer Meinung nach vorgehen?«
Fanto zeigt keine Spur von Überraschung und überlegt kurz und ruhig.
»Es ist ziemlich einfach und wird uns nicht einmal viel kosten. Sie kaufen zirka 500 Shares auf, lancieren dann -- das heißt, _ich_ lanciere zwei, drei Depeschen in meine Presse -- eine über politische Umwälzungen in Mexiko überhaupt, das kann immer wahr sein -- die zweite, daß neue Untersuchungen den Golddistrikt leider als völlig unergiebig erwiesen haben und eine dritte, daß in den Goldfeldern eine Überschwemmung oder meinetwegen ein Erdbeben alle Arbeiten für die nächsten zwei Jahre lahmgelegt hat. Zugleich stoße ich Ihre 500 Aktien unter Lärm an verschiedenen Plätzen ab und drei Tag' später haben wir den Krach. Die Bank fordert neue Deckungen, die Baronin kann sie nicht leisten, ihre Aktien kommen unter den Hammer, die Villa dazu, Kopetzky kauft und _sie_ behält, wenn's gut geht, ihr Hemd auf dem Leib.«
Secundus nickt langsam, fast feierlich! »Das ist gut Nur eines. Die Aktien sind heute bei kleinen Leuten, nicht?«
»Beinahe die Hälfte. Um so besser. Die verlieren am ehesten den Kopf und machen Panik.«
»Und sind mit ruiniert?«
»Natürlich.«
»Dann geht das nicht.«
»Wieso, Euer Durchlaucht?«
»Ich will nur die Nhilius treffen. Nicht die Kleinen.«
»Ach so -- von wegen Sozialismus? Euer Durchlaucht, glauben Sie mir, es hat _kan'_ überzeugteren Sozialisten gegeben als mich, wie ich jung war. Dann hab' ich gesehen, daß meine Lebensgewohnheiten zu meiner Überzeugung nicht passen und hab' meine Überzeugung geopfert.«
»Das war sehr hübsch von Ihnen, Fanto -- aber es geht so nicht. _Nur_ die Nhilius.«
»Dann müssen Sie sich gedulden, Durchlaucht, bis sich die Geschichte von selbst entwickelt. Kann auch nicht lang dauern.«
»Und inzwischen kann Kopetzky verkaufen.«
»Kann, aber wird nicht. Ich glaube, ich berechne ihn richtig. Übrigens können Sie sich seiner versichern. Man gibt ihm einen Wink und hundert Mille bar und der verkauft nicht bis an den jüngsten Tag.«
»Schön, das wird man für alle Fälle tun. Aber trotzdem will ich nicht warten. Sie müssen mich verstehen, Fanto, _ich_ will den Schlag selbst führen.«
»Ja, schon. Aber -- entschuldigen Sie, Euer Durchlaucht -- was _haben_ Sie gegen die Frau Baronin? Sie ist doch eine so eine nette Dame.«
Secundus lacht lieb und traurig wie als Kind von zehn Jahren. »Ja, das ist sie wohl, Fanto.«
Und er drückt dem gelben Juden die Hand, weil er schön von ihr gesprochen hat.
»Na also«, strahlt Fanto. »Wissen Sie übrigens, Durchlaucht, daß man sagt, _Sie_ hätten ihn -- Sie entschuldigen schon -- um die Ecke gebracht, den Baron?«
»Sagt man das?«
»Man spricht von ei'm Mal im Gesicht wie von e'm Faustschlag, das der Tote --.«
Gequält erhebt sich Secundus und geht, die Hände am Rücken verschränkt, auf und ab. »Ja, ja, Fanto -- und wenn schon?«
»Ja, das is auch wahr. Und wenn schon.«
»Übrigens!« Aufleuchtend bleibt Secundus stehen. »Ich weiß jetzt, wie wir's machen.« Er setzt sich fast fröhlich wieder in den schwarzen Klubsessel. »Hören Sie aufmerksam zu. Und keinen Einwand, Fanto. Keinen.«
Fanto weiß, was das bedeutet, und hebt beteuernd die Hände.
»Sie machen soviel Geld wie möglich flüssig, verkaufen meinetwegen Hoherode dem Springer und kaufen sämtliche Shares, das heißt, soweit sie eben bei den Kleinen liegen, auf.«
»Das dürfte aber eher eine Hausse geben«, bemerkt Fanto trocken.
»Warten Sie. Wir kaufen also gegen 10.000 Shares auf.«
»Zum Durchschnitt wahrscheinlich zu 1500 Kronen. Macht ~summa summarum~ fünfzehn Millionen. Kleinigkeit.«
»Natürlich werden Myers und Primrose darauf stutzig und halten mit dem Abstoßen vorläufig ein.«
»Anzunehmen. Sie werden sich denken, wenn Fanto kauft wie ein Meschuggener, ist am End' wirklich Gold darin.«
»Damit haben wir die Kleinen, soweit sie nicht ganz stützköpfig sind, aus dem Spiel. Und wenn die Macher dabei ein paar Millionen verlieren, schadet's nichts.«
»Nein. Aber ich seh' noch nicht ein --. Bisher haben wir die schönste Hausse und Kopetzky wird mehr verlangen, wenn er halten soll.«
»Wir geben ihm mehr. Er _muß_ halten.«
»Gut. Und dann --.«
»Dann kommen Ihre Depeschen und wir stoßen am selben Tag durch Strohmänner die Shares in Paris, London, New York, Hamburg und Wien _unter_ Pari ab, indem wir die Strohmänner sich gegenseitig unterbieten lassen.«
»Einen Moment, Durchlaucht, mir schwindelt ein bischen. Wir stoßen ab -- unterbieten uns -- überschwemmen den Markt -- auf daitsch: wir geben die zum Durchschnitt um 1500 gekauften Shares zum Durchschnitt von 300 her. Verlieren demnach pro Stück 1200 Kronen, macht rund zwölf Millionen bei 10.000 Stück.«
»Ja.«
»Sie erlauben einen Moment. Die zehn Millionen, die ihrer Durchlaucht, der Fürstin, verschrieben sind, müssen ja wohl unberührt bleiben. Sie verfügen heute, da Sie heuer zwei Millionen vom Kapital für Ihre Stiftungen usw. -- na, Sie wissen ja, Durchlaucht -- genommen haben, über rund achtzehn Millionen. Von denen zwölf für den Spaß weg, bleiben sechs.«
»Nun also, die bleiben doch.«
»Nicht ganz, Euer Durchlaucht. Selbstredend wird durch die ganze Transaktion auch Ihr übriges Kapital so erschüttert, unser Kredit so untergraben, daß ich froh sein muß, wenn ich Ihnen drei, vier Millionen aus dem Debakel rette. Das heißt, vorausgesetzt, daß ich die Güter gut anbringe. Auch das Palais können Sie nicht halten, es kost't zuviel.«
»Drei Millionen, das wäre ungefähr die Summe, die sie heute gewänne, wenn Kopetzky verkaufte --?«
»Das Palais geht dann weg, Euer Durchlaucht!«
»Drei Millionen --. Gut. Und?«
»Die Güter kommen in fremde Händ'. Und das Palais. Zweihundert Jahr' hat Ihre erlauchte Familie --!«
»Ja. Und?«
»Es stürzt.«
»Aber sie -- die Nhilius -- ist fertig?«
»Sie auch, Durchlaucht.«
»Heute Nacht noch sprechen Sie mit Kopetzky. Morgen beginnen Sie mit den Aufkäufen.«
Fanto verneigt sich: »Was sind Sie für ein Hasser, Euer Durchlaucht. Ich werde kaufen.«
»Danke, Fanto. -- Noch etwas?«
»Es ist das letzte Geschäft, das ich für Euer Durchlaucht mache.«
»Vermutlich, Fanto.«
Fanto verbeugt sich noch einmal. Noch viel tiefer als sonst. Fast bis zur Erde. Geht. Den Buckel gekrümmt. Von tausendjährigen Flüchen plötzlich müde und zur Erde gezogen.
Secundus steht allein und wachsend im Raum. Lichtstrahl um ihn.
* * * * *
Die Zeit erfüllt sich, das Maß läuft voll.
Unter schaudernden Sternen tritt der Traurige in das schlaflose Zimmer, dessen Grenzen seines Bruders edler, verfallender Körper abschreitet.
Diesmal spricht er nicht, legt nur seine krystallen ergrünenden Hände auf Secundus' dröhnende Schläfen. Seine Hände sind durchscheinend und kühl und vergottende Kraft strömt aus ihnen in den Zerbrechenden.
In dieser Nacht geht er ans äußerste Werk.
* * * * *
In einem Vorstadtnachtcafé, drin die Menschheit ihr letztes, konvulsivisches Gelächter ausstößt, findet er, den er braucht. Einen verkommenen, triefäugigen Burschen, der nicht schmutzig wie die anderen, sondern ungewaschen aussieht, allein in einer Ecke sitzt, hungrig die Schenkel einer auf dem Billard sich räkelnden Dirne blickkost und dabei -- kaum versteckt -- die ihm nicht erschwingliche Lust an sich selbst büßt.
Er setzt sich zu ihm auf die Bank, bestellt Kirsch für beide und legt einen Tausendkronenschein vor sich hin.
Bursche blinzelt blöd und verschlafen nach der Note.
»Den kannst du haben.«
»Wie denn? Ach so, ich soll mit Ihnen? Na meinswegen.« Er spielt kokett mit der Zunge.
»Nein. Das nicht.« Brechreiz zu vertreiben stürzt er den Kirsch herunter. »Bist du jeder Gemeinheit fähig?«
»Ich weiß nicht. Bisher hab' ich mir meinen Unterhalt mehr oder minder ehrlich durch Diebstahl verdient.« Er zeigt elegante, griffige Finger.
»Die sind gut. Ich brauche dich zu einem Diebstahl.«
»Ach so. Große Sache dreh'n? Na, schieß los.«
»Ich miete dich für zwanzig Kronen pro Tag und freie Station, Mädels extra. Du bekommst einen neuen guten Anzug und folgst mit mir im Auto einer Dame. Wir passen auf, bis sie in ein Geschäft eintritt. Sie wird wahrscheinlich Schmuck verkaufen. Ist es so weit, folgst du ihr in das betreffende Geschäft. Stiehlst ein Schmuckstück oder ein Stück Spitze, je nachdem, um was für ein Geschäft es sich handelt, und schmuggelst es ihr in die Tasche. Dann machst du dich aus dem Staub. Das Weitere ist meine Sache.«
Der überwache Bursche starrt ihn verständnislos an. »Pfui Teufel, das ist aber schon ganz fis. Woher kommst du auf so 'ne Idee?«
»Wenn's gelungen ist, kriegst du _das_« -- er deutet auf den Schein -- »drauf«.
»Donnerwetter. Du läßt's dich was kosten.«
»Dafür unterschreibst du mir einen Revers, daß du diese ganze Sache in meinem Auftrag gedreht hast und die Dame unschuldig ist.«
»Das tu ich nicht. Dann haben Sie mich in der Hand.«
Secundus lacht. »Das will ich ja. Und was tut's dir? Kommt die Sache auf, halten sie sich doch an mich. Du kriegst höchstens einen Monat. Das sind tausend Kronen schon wert.«
»Das schon. Gib Angeld, so unterschreib' ich.«
»Zwanzig Kronen. Nicht mehr. Jetzt schreib!«
»Nein -- nachher.«
»Jetzt.«
»Also -- leck' mich -- da hast es! Wann geht mein Dienst an?«
»Morgen, neun Uhr. Pestsäule wartest du. Erst wirst du ausstaffiert.«
»Schön -- Also morgen. Servus.«
Er streckt ihm frech die Hand hin. Secundus berührt sie lächelnd.
Er ist dreißig Schritte in die Nacht gegangen, hört katzenhaftes Anschleichen hinter sich, geht noch fünf Schritte, dreht sich dann blitzschnell um und fängt das auf seinen Nackenwirbel gezückte Messer auf.
»Ich würde dir dein Handgelenk auskegeln, wenn ich's nicht brauchte.«
»Sie entschuldigen schon. Der Tausender schien mir so einfacher zu verdienen.«
»Nein, du mußt schon _meinen_ Weg einschlagen. Gute Nacht. Morgen neun Uhr. Und gewaschen.«
Schwachen Mond überjagt Gewölk. Der Himmel ist wunderlich wolkengetigert. Der Wind dreht sich. Der du vom Himmel bist -- --
* * * * *
Die Verhandlung gegen die des Ladendiebstahls beschuldigte Kathrin Nhilius findet Ende Juli im Bezirksgericht L. statt.
Die Stadt ist ausgestorben und nur wenige ehemalige Freundinnen der Angeklagten, die ein Zufall noch zurückgehalten hat, können sich's nicht versagen, dem interessanten Schauspiel beizuwohnen.
Die Hitze ist unerträglich. Der Himmel ungeheuer gelb und staubig. Am Horizont ziehen violette Gewitter auf. Hinter scharf grauen Dunstfetzen Wetterleuchten in fahlen Garben. Die paar Menschen im Saal halten sich geduckt, als sei Vernichtung auf ihre Nacken gezückt.
Der Strafrichter, ein großer, nachtköpfiger Aasgeier, sitzt, die Gedärme des letzten Opfers noch blutig aus dem Schnabel hängend, mit sieben Schrecken gerüstet auf seinem erhöhten Sitz hinter dem grünen Tisch. Seine Stimme, schriller Vogelschrei über falbe Wiesen geworfen, heischt gierig ihr Kommen. Ein Schutzmann schleppt sie unter dem gedämpften »Ah« des Auditoriums zur schmerzlichen Bank.
Über Stirne und Haar schmiedet die Sonne eine schwere Glorie. Kaum noch erträglichen Glanz. Der übrige Saal liegt in bösem, gelbem Schatten.
Über die Geschehnisse selbst berichten die Blätter am nächsten Tage folgendes:
»Sehr interessant gestaltete sich eine Verhandlung, die gestern vor dem Bezirksrichter Dr. Hanka, Bezirksgericht L., stattfand. Raffinierten Ladendiebstahls war eine noch vor kurzer Zeit in der Wiener Gesellschaft bekannte und gefeierte Dame, Frau Baronin N., angeklagt. Nach dem im Februar erfolgten plötzlichen Ableben ihres Mannes war Frau von N. infolge verfehlter Börsenspekulationen desselben in finanzielle Bedrängnis geraten, die schließlich zur Versteigerung ihres ganzen Besitzes führten und die schöne Frau zwangen, ihr Leben durch Sprach- und Klavierstunden zu fristen. Natürlich sagte diese Beschäftigung -- wie auch der Richter im Verlauf des Verhörs konstatierte -- der verwöhnten Weltdame nicht sehr zu und mit wenig Skrupeln behaftet entschloß sie sich, auf einem andern Weg eine Vergrößerung ihres Einkommens zu erreichen. Am 2. Juli besuchte die Dame gegen sechs Uhr abends das Kaufhaus Gerngroß und erstand daselbst eine einfache Waschbluse. Als sie sich entfernen wollte, machte ein Herr -- Fürst C., eine in Wien gleichfalls sehr bekannte Persönlichkeit -- den Abteilungschef darauf aufmerksam, daß sich die Dame nach seiner Wahrnehmung mehrere Meter einer kostbaren Spitze angeeignet und in ihrem Täschchen versteckt habe. Man holte Frau von N., die das Geschäft bereits verlassen hatte, zurück und untersuchte das Täschchen, in dem sich tatsächlich der Spitzenrest fand. Frau von N. wurde daraufhin der Polizei übergeben.
Das Merkwürdige an der gestrigen Verhandlung, die sich mit diesem Diebstahl befaßte, war, daß die Angeklagte anfangs trotz des klaren Tatbestandes hartnäckig leugnete und die etwas romanhafte Geschichte von einem Unbekannten erzählte, der sich beim Ausgang angeblich an sie gedrängt und ihr bei dieser Gelegenheit die Spitze in das Täschchen geschmuggelt haben müsse. Vom Richter auf das Unwahrscheinliche ihrer Darstellung aufmerksam gemacht, erklärte Frau von N. ganz ruhig, sie sähe diese Unwahrscheinlichkeit selbst ein, könne sich aber den Vorgang nicht anders erklären. Ihr den Diebstahl einer für sie doch wertlosen Spitze zuzutrauen sei absurd.
_Richter_: »Gar so absurd wär's schließlich nicht. Sie hätten immerhin 50 bis 60 Kronen beim Trödler für die Spitzen bekommen. Das wär' doch ein ganz hübsches Nadelgeld gewesen.«
_Angeklagte_ schweigt.
_Richter_: »Gestehen Sie's lieber ein. Leugnen hilft doch nichts. Wir haben doch einen Zeugen, der beobachtet hat, wie Sie sich die Spitze angeeignet haben.«
_Angeklagte_: »Konfrontieren Sie bitte den Zeugen mit mir. Er soll vor meinen Augen seine Aussage wiederholen.«
_Richter_: »Das wird ohnehin sofort geschehen. Aber ich rate Ihnen, legen Sie lieber vorher ein volles Geständnis ab. Das wird Ihnen als mildernder Umstand angerechnet. Die Sache ist doch klar. An Luxus gewöhnt, konnten Sie sich nicht so rasch in Ihr neues Leben schicken und haben eben zu diesem Mittel gegriffen, sich etwas von diesem Luxus zu verschaffen. Sie sind die Erste nicht!«
Da die Angeklagte trotzdem bei ihrer Verteidigung beharrt, wird unter starker Spannung des kleinen Auditoriums Fürst C. als Zeuge einvernommen. Zeuge gibt unter Eid an, er habe beim Vorbeigehen in der Auslage ein hübsches Blusenmodell gesehen und dasselbe gekauft mit dem Auftrag, es seiner Frau ins Palais zu senden. Beim Bezahlen habe er zufällig bemerkt, wie Frau von N., die er nicht gleich erkannt habe, in einem scheinbar unbeobachteten Moment den aufgewickelten Spitzenrest, der auf einem Ladentisch gelegen habe, schnell an sich genommen und in das Täschchen gesteckt habe. Er habe den Abteilungschef darauf aufmerksam gemacht und sich sodann entfernt, um nicht Zeuge der folgenden peinlichen Szene sein zu müssen. Erst später habe er sich erinnert, daß die Diebin eine ehemalige Bekannte seiner Frau sei, und das sei ihm natürlich sehr unangenehm gewesen.
_Richter_: »Soll das heißen, Durchlaucht, daß Sie, wenn Ihnen diese Tatsache früher eingefallen wäre, von der Anzeige abgesehen hätten?«
_Zeuge_ (zögernd): »Kaum. Ich hätte wohl auch in diesem Falle meine Pflicht erfüllt, zumal ja sonst die arme Verkäuferin die Geschädigte gewesen wäre.«
_Richter_: »Diese Anschauung macht Ihnen alle Ehre. Man muß ja gegen derartige ‹Damen› schonungslos vorgehen, sonst könnte man sich bald nicht mehr vor Ladendiebstählen schützen.«
_Verteidiger_ Dr. _Morgentau_: »Ich protestiere gegen den neuerlichen Angriff auf meine Klientin, der in der ironischen Betonung des Wortes _Dame_ liegt.«
_Richter_ (scharf): »Ich muß den Herrn Verteidiger bitten, nicht über Betonungen zu Gericht zu sitzen. (Zur Angeklagten:) Leugnen Sie auch diesem Zeugnis gegenüber?«
Zum allgemeinen Erstaunen legt die Angeklagte nunmehr ruhig _ein volles Geständnis_ ab. Über ihre Motive befragt, verweigert sie jedoch jede weitere Auskunft und verhält sich auch bei der Urteilsverkündung völlig teilnahmslos.
Der Richter sprach die Angeklagte der Übertretung des Diebstahls schuldig und verurteilte sie, indem er ihre bisherige Unbescholtenheit und das schließliche Geständnis als mildernd annahm, zu einer Woche Gefängnis.
Ein schneller Sturz von der Höhe der Gesellschaft in die Tiefe des ersten Verbrechens!«
Und das sozialdemokratische Organ fügt hinzu: »Da sieht man wieder, wie sich die kapitalistische Moral bewährt, sobald ihr die nötige Unterlage -- das Kapital -- entzogen wird.«
An anderer Stelle der Blätter aber findet sich der Bericht über das furchtbare, von einer Windhose begleitete Gewitter, das sich zur selben Zeit über der Stadt entlud, in vier Häusern zündete und sieben Todesopfer forderte. _Denn zwischen zwölf und ein Uhr, da Kathrin Nhilius zum Gefängnis verurteilt wurde, hatte die Hölle Macht über die Stadt_ und aus gelbem rauchenden Gewölk zerleuchteten Blitze ehernen Glanzes das Dunkel des Bezirksgerichtssaales L., aus dem sie abgeführt wurde.
Secundus aber ging hinaus und weinte bitterlich.
* * * * *