Part 2
Nun sitzt sie, fünf Schritte von ihm entfernt, in einer Loge. Blicklos weiß er, daß sie das türkisfarbene Kleid trägt, sein liebstes. Sie sieht ihn an, er spürt es und alles Blut hört auf durch sein Geäder zu gehen, sein Herz schlägt hart und laut ins Leere. Er wird jetzt aufstehen und zu ihr hingehen -- Irrsinn, _stürzen_ zu ihr, alles niederreißen, fortschleudern, was im Weg ist, vor ihr niederfallen, heulend den Kopf in ihren Schoß werfen --! Er wird es -- er hebt sich auf, etwas mühsam, einem Rückenmarkleidenden ähnlich, dem die eigenen Beine lächerlich fremd sind, wendet halb den Kopf, sieht ihren Blick dem seinen entgegenfliegen, aber den Ausdruck zu erkennen vermag er nicht mehr, vor seinen Augen ist Dunst, Rauch und Schwefel. Eine Wolke Haß und Hölle blendet und erstickt ihn. Trüb und zwinkernd glotzen seine Augen hindurch. Nur schlagen, treffen, bluten machen -- _Fangstoß_!
Und da sieht er, fast verwundert, daß er schon an dem Tisch der kleinen glitzernden Kokotte steht und hört sich ganz ruhig sagen: »Darf ich mich an Ihren Tisch setzen, Gnädigste? Sie gestatten? Mein Name --« und nimmt triumphierend und zerbrochen Platz.
* * * * *
In dieser Nacht ist es, daß ihn »der Traurige«, den er die ganze Zeit unsichtbar um sich gefühlt hat, zum ersten Male besucht.
Er hat die Hetäre ins Bristol begleitet, liebevoll der hellgelben Paquintoilette entledigt und sich -- trotz schönster Beine unter einem Anhauch von Seidenstrümpfen -- ohne jede Berührung nach reicher Entlohnung entfernt.
Es ist drei Uhr morgens und der erste Dezemberschnee flimmert seraphisch durch die schweigende Nacht. Er entläßt den schlafwarmen, nachtschweißigen Diener und betritt sein Arbeitszimmer. Das elektrische Licht überflammt es weiß und geheimnislos. An dem dunklen, eingelegten Tisch in der Mitte des Raumes sitzt der Traurige. Er hat die Züge Dantes und trägt ein Gewandstück, das ein Mittelding zwischen Frackmantel und Kutte ist.
Secundus ist weder erschrocken noch erstaunt. Er grüßt still, bringt das Licht zum Schweigen und läßt sich der Erscheinung gegenüber nieder. Bewundernd betrachtet er die überaus schönen florentinischen Hände des Gastes, die schmucklos und ruhig auf dem dunklen Holz der Tischplatte liegen, wie angeheftet an das Holz.
»Ich komme zu dir, weil du sehr leidest.«
Secundus blickt völlig spottlos auf: »Doch kaum, mir Trost zu geben?«
»Nicht Trost. Das ist Sache der Oberen. Dich wissen zu machen. Wissen ist tiefstes Erleiden. Du bist des besten Leides würdig.«
»Ich danke dir. Deine Meinung ehrt. Übrigens deine alte Aufgabe. ‹Und sie erkannten, daß sie nackt waren›.«
»Ja, aber sie machten schlechten Gebrauch davon. Sie legten Kleider an. Nun leben sie dafür, sie sich wieder abzureißen.«
»Fürchtest du nichts ähnliches von mir?«
»Nein. Du wirst nackt bleiben.«
»Doch wenn mich friert?«
»Du kennst das Mittel dagegen. Die Haut peitschen, bis sie rot und heiß ist.«
»Du ehrst mich. Überschätzest du mich nicht?«
»Schwerlich.«
»Ich leide manchmal so, daß mich Endenslust und Todesnotdurst überfällt. Flucht.«
»Du kannst nicht. Du mußt den Weg ausgehen.«
»Ich tappe. Taste. Durch Blutrausch und dunkle Berge von Ekstasen. Blick' ich in mich, Mondlandschaft mit schroffen Kratern im Lichte fremder Planeten. Mich schaudert's. Ich weiß keinen Weg.«
»Ich bin die Wahrheit und der Weg.«
»Das sagt der andere auch.«
»Mein Bruder von oben. Wo ist Grenze zwischen uns? Sein Licht ging in der Nacht auf und sie sahen es. Ich leuchtete im Licht. Das gab Finsternis.«
»Den Weg! Den Weg!!«
»Dir ihn zu weisen sieh mich! Bisher brach er durch Dunkel. Ich atme Blitz auf ihn, daß du ihn wissend gehst.«
»Wird es leichter, etwas leichter so sein?«
»Tausendmal schwerer. Dazu kam ich. Kommt her zu mir, die ihr mühselig seid und beladen. Denn mein Joch ist hart und meine Bürde ist schwer.«
»Qualengel!«
»Schmäh' mich nicht. _Dich_ nicht in mir. Denn du bist ich.«
»Ich -- du --?«
»Das Wort ist Fleisch geworden.«
»In mir? In mir?!«
»Fühltest du nicht, daß ich deine Seele war, als du abfielst?«
»Erkläre. Mach' mich wissen um dies Entsetzliche. Chaos donnert an meine Schläfen heran.«
»Nichts Entsetzliches. Du mußtest tun, was ich tun mußte. Denn wir beide sind starke Liebende.«
»Auch du?«
»Von drei Stufen der Liebe spricht ein wissender Meister. Zum ersten scheidet die Liebe, das ist der Tod, den Menschen vom Vergänglichen, von Freunden, Gut und Ehren, daß er nichts mehr besitzt noch benützt um seinetwillen. Ist dies erreicht, fängt die Seele alsbald an zu suchen und auszuschauen nach den geistigen Gütern, nach Andacht, Gebet, Tugend, Verzückung, nach _Gott_. Und diese Freuden sind nun der Seele so lieblich, daß sie viel widerwilliger von ihnen scheidet als von den irdischen. Aber dies ist nur der Anfang von dem, was die Liebe wirkt. Denn ist sie wirklich »stark wie der Tod«, so wirkt sie weiter, daß die Seele auch vom geistigen Trost Abschied nimmt, daß der Mensch sich darein ergibt, für Gott alles im Stich zu lassen, woran seine Seele bisher Lust gehabt hat, daß er _Gott um Gottes willen fahren läßt und sich Gottes um Gottes willen entschlägt_. Denn wie könnte man Gott Besseres und Köstlicheres zum Opfer bringen _als um seinetwillen ihn selber_? Dies ist die zweite Stufe. Aber die dritte, die noch viel stolzer und vollkommener die Seele emporträgt ans letzte Ziel, der letzte Grad, den die Liebe wirkt, die da stark ist wie der Tod und das Herz bricht, der ist, _daß die Seele auf ihr ewiges Leben Verzicht leiste, auf alles, was sie von Gott und seinen Gaben besitzen könnte, daß die Hoffnung auf das ewige Leben in Gott sie hinfort nicht rühre, noch erfreue, noch ihre Mühsal leichter mache_! Hier hast du die Formel für dich und mich.«
»Dies wäre das Letzte?«
»Da ich die Cherubaugen von Gott wandte, liebte ich ihn am höchsten. So liebte ich Gott, daß ich nicht mehr _mich_ zum Opfer brachte -- was hätte das gewogen? -- sondern _ihn in mir_. Denn dies ist die letzte Liebe, die nicht mehr liebt, um geliebt zu werden -- das ertrüge sie bereits nicht mehr -- sondern sich verbirgt und mit Steinen wirft, um gehaßt zu werden. Unseren Feinden Böses zu tun, was ist da Großes dabei? Tun das nicht auch die Zöllner? Aber die wir lieben zu hassen und zu beleidigen, um nicht mehr wohlgefällig in ihren Augen zu sein, _das_ ist das Stärkste und Äußerste. Mit dieser Sünde erst trittst du aus dem Bereich der Gnade, denn wer _selbst_ auf das ewige Leben Verzicht leistet, stellt sich außerhalb Gottes und Gott vermag nicht mehr in ihm zu wirken.«
»Das war es, daß du abfielst?«
»Daß _du und ich_ abfielen. Um des Guten willen tat ich das Böse, da Gott das Leben schuf, baute ich den Tod aus Mörtel und Lehm, um Gottes willen ward ich der -- andere.«
»Und so tat auch ich?«
»Du hattest die große Liebe. Darum wardst du zum Empörer gleich mir.«
»Und es gibt keine Hoffnung?«
»Hegte ich sie, wäre das Opfer vollkommen? Wenn du gemordet hast, wirst du bei der Leiche hocken und hoffen, daß sie dir die Hand reicht?«
»Wenn aber Gott es erkennte? Wenn seine Liebe so groß wäre, daß sie auch das Opfer in sich fassen könnte und über dich hinauswüchse und dich zu sich zöge, trotz deiner Verneinung?«
»Das Einzige kann er nicht. Alle Sünde kann Gott vergeben, denn Sünde ist nur Trübung des Guten. Und welcher Fleck hielte dem Lichte seines Blutes stand? Wer aber aus _Liebe_ ihm entsagt hat, in der freien Erkenntnis, daß Gott das völlig Gute sei, sich selbst dem völlig Bösen zugewandt hat, um seiner nicht teilhaft zu werden, dieser steht außerhalb seiner Gnade. Denn gerade in der Hoffnungslosigkeit, der vollkommenen Abgeschiedenheit von ihm besteht ja das Opfer. Die Liebe, die stark ist wie der Tod, _scheidet_, sagt der Meister.«
»Wenn es aber eine Liebe gäbe, die _stärker_ noch als der Tod ist? Die, das Opfer erkennend, als Feuer darauf fiele und es verzehrte? Die das Geschiedene unauflöslich aneinander bände? Wenn die Liebe, der du entsagt hast und die du mit Haß verfolgst, so grenzenlos wäre, daß sie sich nicht entsagen ließe?«
»Unmöglich. Das wäre die Harmonie.«
»Ist die Harmonie unmöglich? Glaubst du nicht an sie?«
»Da ich sie zerstörte, wie kann ich an sie glauben?«
»_Ist_ sie zerstört?«
»Fragst _du_ mich? In einer Woche ist deine Hochzeit.«
»Du hast recht. -- Warum hast du _mich_ erwählt? Warum hast du dich in _mir_ wiedergeboren?«
»Du bist edel. Nur der völlig Edle kann völlig böse sein.«
»Luzifer.«
»Der Stern, den mein Haar trug, war Gottes strahlendster. Ich zerschlug ihn.«
»Die Frau, die in meinen Händen lebte, war Gottes strahlendste. Ich zerbrach sie.«
»Mein armer Bruder Mensch.«
»Mein armer Bruder Satan.«
Der Traurige erhebt sich und geht zur Türe. Aus seines Mantels knittrigen Falten schmettert fahles Sternenlicht.
»Nun geh den Weg zu Ende.«
»Was bleibt mir noch zu tun, da alles in Trümmern liegt?«
»Auf die Trümmer treten und spucken.«
* * * * *
Die Trauung findet standesamtlich statt. Der Ehekontrakt schließt die sakramentale Verbindung für das erste Jahr aus. Zu dem kleinen Diner sind nur wenige Intime geladen, unter ihnen die Nhilius'. Der Baron entschuldigt sich höflich und bedauernd. Er und seine Frau sind am Tage der Trauung leider nicht mehr in der Stadt. Wie alljährlich Davos, Wintersport.
Sofort nach dem Diner reisen die Vermählten ab. Über Paris nach London. In Zürich steigt er aus dem Expreß. Ersucht seine Frau, vorauszufahren. Ihn in Paris zu erwarten. Vierundzwanzig Stunden später wird er dort sein. In einer heftigen Szene bleibt er Herr und sie handelt nach seinem Willen.
In dem rasch gekauften schnellsten Kraftwagen der Stadt wirft er, selbst steuernd, sich an die Grenze von Graubünden. In dem Kanton ist der Automobilverkehr untersagt. Er muß mit der Bahn weiter. Spät am Abend ist er in Davos. Blick in die Kurliste weist ihm das Belvedere. In der Nacht begibt er sich hin, nimmt unter falschem Namen ein Zimmer in der Nähe ihres -- schlau erkundeten -- Appartements. Verläßt es nicht mehr bis ein Uhr nacht. Dann tastet er sich durch den verdunkelten Gang zu ihrer Türe. Ihre Schuhe -- sehr schmale, längliche, hohe Schuhe mit dunkelgrauem, ganz weichem Lederbesatz -- stehen vor der Türe. _Aber nicht wagend, ihre Schuhe zu berühren, legt er -- lang hingestreckt -- die Stirne auf die Schwelle der Türe und küßt den vielleicht von ihr berührten Boden._ Witterung eines Menschen macht ihn auffahren. Hinter ihm grinst aus dem Dunkel die devot geile Fratze eines verspäteten Zimmerkellners. Ein Schlag an die Schläfe wirft das Gesicht betäubt auf den roten Teppichläufer. Den Hingestreckten packt Secundus an den Beinen und schleift ihn lautlos durch das lange Dunkel. Die Türe zu einem Liftschacht steht zufällig offen. Der Abgrund dreier Stockwerke gähnt herauf. Im Begriff, den befrackten Fremdkörper hinunterzuschmeißen, läßt er plötzlich angeekelt los. Mit in den Schacht hinabbaumelnden Beinen bleibt die leblose Hemdbrust liegen. Durch um seinen Leib zusammenschlagende Finsternis bricht Secundus in sein Zimmer zurück.
Mit dem ersten Morgenzug fährt er nach Paris weiter. Die Fürstin hat sich inzwischen von einem Liftboy entjungfern lassen und teilt ihm dies mit. Er nimmt es zur Kenntnis und gibt seiner Teilnahme für den Liftboy Ausdruck.
* * * * *
Nach Wien zurückgekehrt finden sie die Saison auf ihrem Höhepunkt. Premièren, Redouten, Soupers, musikalische Soiréen mit Bridge. Das Tempo ist entsetzlich schnell, der Rhythmus häßlich und stampfend wie der einer Lokomotive, die abwechslungshalber von Zeit zu Zeit schrille Pfiffe ausstößt. Zwischen den Rädern ballen sich Leichenklumpen. Jüdinnen reiten durch den Prater, Kommerzialräte verbrüdern sich mit Aristokraten, die Rammelei ist groß und man wahrt Formen, die keine mehr sind.
Er gibt große Feste in seinem Palais. Feste, die auch mit seinem Vermögen nicht im Einklang stehen. Die Nhilius sind nicht mehr geladen. Dies fällt auf. Der früher sehr intime Verkehr mit dem Emporkömmling und der zu schönen Frau ist schon längst in der »Gesellschaft« verurteilt worden. Viele andere »tonangebende« Salons (o Worte des Ekels!) folgen dem Beispiel. Die es nicht tun, veranlassen Secundus' Anspielungen auf die Baronin dazu. Sie wird fallen gelassen. Die giftige Atmosphäre des Skandals liegt dunstig um die Reine.
Ein alter, etwas lächerlicher Diplomat, der viel bei den Nhilius verkehrt hat, nimmt sich ihrer an und stellt Secundus zur Rede.
»Ihr Benehmen ist nicht so, wie es sich einer Dame gegenüber gehört.«
»Sie meinen --?«
»Sie haben diese Frau durch bewußte Verleumdungen um ihren Ruf gebracht. Ich finde das -- zum mindesten -- ~mauvais genre~.«
»Sie sind siebenzig, lieber Graf.«
»Leider. Das verbietet mir anders für diese Dame einzutreten.«
»Was auch eher Sache des Barons wäre.«
»Der in mexikanischen Goldminen spekuliert und derzeit für wenig anderes Sinn hat. Als ob _sie_ sich beklagte!«
»So bitte ich Sie, bei Ihrer nächsten Begegnung den Herrn darauf aufmerksam zu machen, daß _ich_ -- ausschließlich _ich_ es bin, der seine Frau unmöglich gemacht hat.«
»Nichts soll mir lieber sein als diese Mission. Es ist höchste Zeit, Ihnen Einhalt zu tun.«
»Das Recht der Kritik räume ich nur Leuten ein, deren rechter Arm -- Sie verzeihen -- noch gebrauchsfähig ist.«
»Damit mögen Sie allerdings im Recht sein. Aber -- begreifen kann ich Sie nicht. Zu meiner Zeit -- Sie werden lachen -- aber ich achte die Frau noch in der gemeinsten Dirne.«
»Ich im allgemeinen die Dirne noch in der anständigsten Frau --«
* * * * *
Drei Tage später -- an einem föhnigen Vormittag, in dessen dicker Luft furchtbare Ahnung unausweichbar neuen Werdens dampft -- meldet der Diener den Baron Nhilius.
Secundus empfängt ihn in der Bibliothek, aufrecht stehend, den in drei Wintermonaten ergrauten Jünglingskopf leicht zurückgeworfen, zwischen zwei bronzenen Kandelabern an das dunkelbraune Holz der Täfelung gepreßt.
Der Baron ist fett und elegant. Sein Bauch schaukelt sanft in einer prallen, taufarbenen Weste. Sein Gesicht weist in den ineinander schwimmenden Konturen Spuren einer dumpfen, traurigen Schönheit. Die Augen sind von der unruhigen Müde schwer Herzkranker, die Lider klappen ab und zu wie Sargdeckel herab und sind dann mühsam zu heben. Der Atem weht asthmatisch durch blond behaarte Nasenlöcher.
Er verneigt sich stumm und höflich, Secundus dankt knapp und im Innersten fast ergriffen von diesem dicken, sterbenden Leib. Seine Handbewegung weist dem andern Platz an, er selbst setzt sich starr und leicht vorgeworfenen Oberkörpers auf den unbequemsten Stuhl.
Der Baron beginnt mit hoher, sanfter Stimme, die in einem unerklärlichen Zusammenhang mit angebrannter Milch steht:
»Sie werden natürlich über den Zweck meines Besuches völlig im Klaren sein, Durchlaucht.«
»Ja -- das heißt -- _Ihres_ Besuches --?«
»Ich weiß, ich weiß. Sie haben eher zwei meiner Freunde erwartet, nicht wahr? Es war ursprünglich auch meine Absicht so vorzugehen. Aber -- gewisse Motive sprachen dagegen. Ich glaube, daß die zwischen uns schwebende Angelegenheit doch kaum auf so primitive Art zu erledigen ist.«
»Wie Sie meinen.« Er hat tatsächlich Mitleid mit der dicken, sich mühenden Zunge.
»Ich möchte diese Sache etwas -- menschlicher behandeln, Durchlaucht. Ich hatte früher manchmal das Vergnügen Ihr Gast zu sein, und die Ehre, Ihnen die Gastfreundschaft meines Hauses anbieten zu können. Erinnerung daran läßt mich hoffen, daß vieles uns heute Trennende auf Mißverständnissen beruht und -- irgendwie zu ordnen ist. Ich kann mir nicht denken, daß Sie das Odium einer Tat auf sich genommen haben sollten, die schließlich doch immer auf Sie zurückfiele.«
»Ich möchte Sie bitten etwas deutlicher zu sein.«
»Gern. Wenn ich auch als Geschäftsmann im allgemeinen wenig Zeit habe mich um gesellschaftliche Angelegenheiten zu kümmern, so ist es mir doch aufgefallen, daß seitens verschiedener guten alten Bekannten -- Sie, Durchlaucht, an der Spitze -- mir und insbesondere meiner Frau mit einer Zurückhaltung begegnet wurde, die schließlich bei einigen Gelegenheiten geradezu beleidigende Formen annahm. Von manchen Seiten wurde mir angedeutet, daß dieses veränderte Benehmen oder sagen wir ruhig dieser Boykott auf gewisse Gerüchte zurückzuführen sei, die geflissentlich über meine Frau ausgestreut wurden. Diese Gerüchte beschuldigten meine Frau mehr oder minder offen mit zwei, drei namentlich genannten Persönlichkeiten in Beziehungen zu stehen, die mir angeblich nicht unbekannt wären und von mir aus Motiven persönlichen Vorteils geduldet würden. Also so ziemlich das Gemeinste, was man in dieser Hinsicht kolportieren kann. Und als Urheber dieses ganzen Klatsches wurden mir -- was mir eben völlig unglaubhaft schien -- wiederholt _Sie_, Durchlaucht, bezeichnet.«
»Sie sagen ‹wiederholt›. Dann wundert es mich im Grunde, Sie erst heute zwecks Aufklärung an mich herantreten zu sehen.«
Das ist offene Beleidigung und das graue Gesicht errötet in leichter Verstörung. »Ich sagte Ihnen ja, die Sache schien mir im höchsten Grad unglaubwürdig und meine Frau bestärkte mich in der Ansicht, daß Ihnen, gerade Ihnen eine solche Handlung in keinem Falle zuzutrauen wäre.«
»Ihre Frau?« Seine dünnen, knochigen Finger klammern sich aneinander. O, das ist gemein! Sie, die ihn haßt, hassen muß bis in die letzte Faser ihres Blutes, posiert Edelmut! ‹Ihm nicht zuzutrauen› -- der am Morgen nach der ersten Nacht um die andere Frau angehalten hat, der sich vor ihren Augen eine Kokotte genommen hat! Das ist Rache, kleine, gutsitzende Rache. Es ist gut so! So gut! Er fühlt sich um so viel leichter. Alles Mitleid zieht sich langsam aus seinen Augen zurück, die Pupillen bohren sich grün und spitzig in den Leib des Feindes. Nun ist er schlagbereit und harrt in grausamer Spannung der ersten Blöße, die der korrekte, fette Feind sich geben wird.
»Ja. Aber das nur nebenbei. Gestern erhielt nun die Affäre ein anderes Aussehen, das mich zu diesem -- mir mindestens wie Ihnen -- peinlichen Besuch zwang. Graf Kolosvary teilte mir gestern Abend mit, und gab an, dies auf Ihren ausdrücklichen Wunsch zu tun, daß Sie selbst sich offen als den Erfinder und Kolporteur dieser Geschichten bezeichnet, ja, sich dieser ‹Tat› geradezu gerühmt hätten.«
»Sie machen eine Pause. Verlangt diese Pause eine Antwort oder wünschen Sie noch --«
»Nein, nein, ich bin noch nicht ganz fertig!« Das kommt fast bittend. »Natürlich war daraufhin mein erster Gedanke der übliche an die zwei Freunde -- -- Wie Sie sehen, habe ich ihn fürs erste wieder fallen gelassen.«
Secundus' Mundwinkel biegen sich höhnisch herab. »Vielleicht _auch_ unter dem Einfluß Ihrer Frau Gemahlin?«
Das arme Tier stöhnt schwerfällig und gedrückt: »Ja. Teilweise vielleicht. Meine Frau hielt ein derartiges Vorgehen Ihrerseits auch nach dieser Aufklärung für unmöglich.«
»Ach -- wirklich --?«
»Und tatsächlich, es konnte ja in der Art, wie der Graf eine von Ihnen vielleicht gemachte Äußerung wiedergab, ein Irrtum -- er ist immerhin über siebzig und kann sich verhört haben --. Jedenfalls, ich hab' es vorgezogen in Gottes Namen unkommentgemäß zu handeln und mir aus Ihrem Munde Gewißheit zu holen, ehe nicht Gutzumachendes geschehen ist.«
»Sehr liebenswürdig.« Seine Stimme ist schneidend und ganz licht vor Haß. »Sie fragen mich also -- quasi offiziell -- als der Gatte --«
Der Baron hat sich erhoben und steht arm und gedunsen -- schwebenden Bauches -- im Raum. »Ja -- als Mann meiner -- meiner Frau -- und wenn ich so sagen darf -- als Ihr einstiger Freund frage ich Sie: sind wirklich Sie es, der diese Gerüchte --«
»Ja.« Klatschend wie ein Hieb fällt das Wort in das wehrlose Gesicht des andern.
Die Lider klappen haltlos und schwer herab. Wie sie mit Mühe wieder emporgezogen werden, erschrickt Secundus einen Moment vor dem schmachvoll bittenden Hundeblick in den kleinen schwimmenden Augen.
Schwerfällig werden drüben Worte geformt und schleppen sich zu ihm herüber.
»Wenn -- wenn das so ist, Durchlaucht, dann habe ich nur noch ein letztes Wort, eine Bitte -- Mensch an Mensch -- wir werden uns dann schießen, Sie dürfen mich ruhig erschießen -- nur das eine -- hatten Sie -- verzeihen Sie, es ist gemein, ich weiß, aber ich kann sonst nicht mehr so weiter -- hatten Sie einen Grund, von meiner Frau so zu sprechen? -- Meine Frau ist mir nämlich ziemlich viel --. Ist, kann es einen Grund geben, der Sie ermächtigt -- ist irgend etwas wahr von dem, was Sie --?«
Klar und kalt -- ein eisiger, giftiger Strom -- kommt die Antwort: »Genügt es Ihnen, daß ich bei Ihrer Frau im Bett gelegen habe?«
Zwei Schritte Vorwärtstaumeln -- dann ein jähes Stehenbleiben mit erzitternden, schwankenden Knieen -- -- die schon fremd gewordene Hand legt sich auf die Magengrube und tastet von dort herzaufwärts. Durch erblauende Lippen pfeift der Atem stoßweise Secundus' Gesicht an.
Und im Anhauch dieses fremdesten Atems, den er in tausend qualendurchschmetterten Nächten _ihre_ Lippen abweiden geahnt hat, packt Secundus wilde, zerreißende Tierwut und macht ihn zum Sekretär stürzen, aus irgend einer Lade irgendwelche alten Briefe oder Rechnungen ans Licht reißen und schreiend dem halb schon Gefällten vor die zerbrechenden Augen zu halten.
»Wollen Sie _den_ lesen -- und _den_ -- und _den_ -- ?! Wollen Sie -- Genügt's? Ihre Frau war meine Geliebte, meine Hure -- meine Bett- --!!«
Schmerzlich aufblöckend stürzt der Mensch ein, rollt, mit beiden flachen Händen den Boden schlagend, zweimal um die eigene Achse und bleibt dann mit traurig hängender Zunge und in dem straffen Gilet etwas eingezogenem Bauche liegen.
Die Beine ganz gerade -- uneingeknickter Kniee -- den Rumpf im rechten Winkel weit vorgebeugt starrt Secundus herabgebogenen Gesichtes mit unterlaufenen Augen in das schon göttlich werdende Totenantlitz.
»_Meine_ Frau -- ‹_meine_ Frau› -- -- du, du Besitzer -- Gottgehaßter, der sie _gehabt_ hat -- -- Hund -- Hund -- Kanaille!!«
Und schlägt mit voller Kraft die geballte Faust in das entschlafene Angesicht.
* * * * *
Er besucht Fanto in seinem Bureau. Das geschieht sehr selten und Fanto weiß die Ehre zu würdigen, breitet Sonnenschein über sein quittengelbes Gesicht und lacht knöchern und ergeben.
Fanto war früher Direktor einer unter unsäglichen Operationen gegründeten Winkelbank und stand infolge genialer, aber nicht ganz einwandfreier und vor allem durch unerhörte Schicksalstücken mißlungener Finanztransaktionen vor der Krida. Secundus rettete ihn damals durch ein nicht unbeträchtliches Darlehen, das jenem ermöglichte, anständig und ohne Kollision mit leider bestehenden Gesetzen zu liquidieren. Dann ernannte er ihn zum Verwalter seines Vermögens. In dieser Stellung leistete der Mann Unglaubliches und hob im Verlauf seiner fünfjährigen Geschäftsführung die Verzinsung des sehr vernachlässigten Riesenvermögens um fast zwei Prozent. -- Fanto ist ehrwürdig, orthodox, gerissen, zu jeder Schurkerei freudig bereit und dem Herrn gegenüber von stiefelleckender Treue.
»Danke. Ich lege nicht ab, Fanto. Nur ein paar Worte. Ich möchte bis Abend wissen, wie es um die Vermögensverhältnisse der Baronin Nhilius steht. Sie wissen -- Nhilius, der vor einer Woche --. Ja. Der. Ich möchte alles genau hören, wie das Geld angelegt ist, wer ihr Sachwalter ist, das Testament usw. Heute Abend werden Sie mir berichten.«
Um neun Uhr Abend erscheint Fanto. Er schwitzt und lacht knöchern und glücklich.
»Setzen Sie sich, Fanto, und erzählen Sie. Was haben Sie herausgebracht?«
»Nix Schönes, nix Erfrailiches, Durchlaucht -- ich mein' für die Frau Baronin. Also zuerst: Der Mann, was die Sachen in der Hand hat, der Advokat von der Frau Baronin Nhilius, was ihr jetzt die Geschäfte führen tut, vor dem soll ein' Gott behüten! Kopetzky heißt er und Schuft is er, so weit er warm is. Ich hab' mit ihm zu tun gehabt!«
»Hat er Sie hereingelegt, Fanto?«