Part 1
Die Liebe
Novelle
von
Hans Kaltneker
Donau Verlag
Ges. m. b. H.
Leipzig und Wien
1921
Alle Rechte vorbehalten, insonders das der Übersetzung, der Dramatisierung und der Verfilmung.
Copyright 1920, Donau Verlag Ges. m. b. H. Wien
Druck der Offizin der Waldheim-Eberle A. G., Wien
Die Liebe
Aber sie stärker und stärker zu prüfen, Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen Lust und Entsetzen und grimmige Pein.
_Goethe_ »Der Gott und die Bajadere«
Aber ihr letztes Ziel wirkt die _Liebe_, die da stark ist wie der Tod. Und das ist, daß der Mensch auch auf sein ewiges Leben Verzicht leistet und auf alles, was er von Gott und seinen Gaben dereinst empfangen könnte.
_Magister Ekkehart_ »~Fortis est ut mors dilectio~«
»Ich liebe dich.«
»Ich liebe dich.«
Durch einen Regen verklärter Tränen brechen ihre Blicke und finden sich -- ein schimmernder Bogen -- Gesicht bindend an Gesicht.
»Dies -- daß es _sein_ kann --«
»Daß es _nicht_ sein konnte!«
Worte gehen nicht gerade, aufrechte Boten schwebenden Herzschlags von einem zur andern, Worte schwanken, taumeln, sind Mantel um den nackten Gedanken, in den der Sturm fährt, ihn bauscht und knittert, und der Gedanke ist ein strahlender Gott. Worte sind Hall zwischen Himmel und Hölle, Ruf und Gegenruf zwischen dem Wächter unten und oben und die erdämmernde Nacht dröhnt leise von den Rufen der Engel.
Der Mann: »Irre -- Suchen -- immer nur dich --«
Die Frau: »Nie gesucht. Seligkeit, gefunden zu werden, sich finden lassen. Ich wußte, wußte, daß du mich finden würdest. O Warten -- Jahre des Wartens --! Du warst noch weit, aber manchmal in Nächten fühlte dich näher nahen. Gläser klirrten von deinem entfernten Schritt, Kerze flackerte in deines entfernten Atems Wind und im Schlagen der Uhr metallen donnernd dein Herzschlag. Unendliche Nächte. Ich, geborgen in der Wärme meines Bettes, fliederfarbenes Dunkel leichter Decke über mir, warmer, süßer Schlaf meine Stirne umwehend --. Da wollte ich mir dich verdienen, opfern -- Gott und dir -- ein paar Schritte dir entgegenkommen auf deinem noch so weiten Weg. Und stand auf, tief in der Nacht, ging mit bloßen Füßen sechs Schritte neben dem Teppich über die kalten Parketten bis zur Türe. Und konnte nun erst schlafen. Lachst du? Geliebter.«
»Das hast du für mich getan!«
»Für dich -- für Gott -- für _dich_.«
»Und hast nie gezweifelt?«
»Lebte ich noch?«
»Du lebtest mit einem andern! Mein waren drei Minuten -- des andern die Nacht --«
»Still, still du --«
Über seinen Augen liegt weiße Nacht, ihr Arm. Seine sinkenden Wimpern streifen ihre kühle, lebendige Haut.
»Vor vier Jahren auf meiner Hochzeitsreise -- in Kairo -- sah ich einen leprakranken Bettler im Finstern eines Torbogens kauern. Er wagte sich nicht mehr ins Straßenlicht, sein Zerfall war so furchtbar, daß ihn die Menschen gesteinigt hätten. Aber aus dem Dunkel züngelte sein Blick rot und hündisch über meine Schuhe. So schrecklich war dieser Mensch, daß ich hingehen mußte und ihn streicheln -- mit dieser Hand. Damals hatte ich deiner vergessen. Wie hätte ich sonst meinen Leib -- _deinen_ Leib, dies Mein, das dein war vom Anbeginn meines Atmens -- solcher Gefahr preisgegeben? Willst du eifersüchtig sein auf diesen eiternden Brocken Fleisch? Ihm müßtest du mehr zürnen als dem Manne, der mein Sterbliches bis heute besessen hat. Damals brach ich dir die Treue.«
»Du --!« Als riss' er einen jungen Baumstamm mit allen Wurzeln aus feuchter Erde, reißt er seinen Mund von ihrem auf. Ihr Kuß ist bitter wie das klebrige Innere einer märzlichen Blattknospe. Den Oberkörper emporgehoben über sie wirft er ihr die Worte ins Gesicht. Ihre Lider schlagen in seinem Atem wie an Fenstern schwere Vorhänge im Sturm. »Oft, oft hast du mich betrogen. Du liebtest andere Dinge neben mir, tausend andere Dinge. Tand, Eitelkeit, Ungöttliches!«
Ihre wehenden Lider sinken schwer herab. Und siehe, im Zimmer, dem hell vermeinten, ist solche Nacht, daß sein Leib angstvoll an ihren fliegt.
Die Frau, leise, gebunden: »Vergib. Ich weiß. Es war viel Äußeres um mich und an mir. Und manches davon gefiel mir. Ich war gerne schön gekleidet, edel frisiert und fühlte mich froh, wenn Menschen mich schön fanden. Ich liebte die Jagd, den Winter in der Schweiz, den Frühling auf dem Meer, Konzerte, meinen Hund -- du kennst ihn --«
»Und heute -- jetzt?«
Ganz zart, mit einem schwebenden Lächeln, in dem ein schwaches Licht ist wie am äußersten Rande des Himmels am Morgen: »Den Hund liebe ich vielleicht noch.«
»Ich werde ihn töten müssen!«
»Wilder du --« Unter ihren kindlichen Fingerspitzen knistert sein Haar, als sprängen Funken über.
Sein Leib stürmt verzweifelt wider ihren an. »Nur _mich_ lieben, du, _nur_ mich! Um uns, außer uns, das Nichts, luftleeres Chaos. Luft, Leben nur mehr in unsrem Atem, nur mehr aus meinem Mund in deinen und zurück. Lassen wir uns los, ersticken wir, stürzen ab in den brennenden Sternenraum --«
»Ja --! Doch noch der Sturz -- Seligkeit!«
»Noch nicht stürzen! Leben! Atmen!«
Sie sind eins. Eins und allein. Um sie Gemäuer mit tausend verschlossenen Toren. Tausend Türme stürzen, sich verjüngend, empor in den Raum und ihre Spitzen, ganz zarte Nadeln aus Stein, berühren den aufklingenden Himmel. An die Tore aber donnert in brünstigem Rhythmus graues, gischtiges Meer. In furchtbarer Rundung ist um sie Granit gegossen, nur ganz oben ist der Blick frei. Die Augen der Frau weit offen empfangen den ungeheuer fernen Himmel, Nachthimmel dunkel, blau und gestirnt, über den zuckende Bogen von Blitzen schießen, und der Mann sieht den Widerschein sterbender Sterne in ihren Augen und erschauert.
Ihre Körper entsinken einander. Die Frau weint leise. Ihr ist, als hätte sie den Tod in ihrem Schoß empfangen und müßte ihn nun in die Welt hinausgebären. So grauenvoll war die Lust. Gütig und bruderhaft geht die schöne Hand des Mannes durch ihr verwirrtes, strahlendes Haar.
»Wollen wir sterben -- jetzt -- jetzt gleich?«
Sie richtet sich dunkel erschrocken halb auf, die eine Hand mit seltsam keuscher Gebärde auf ihren lieben Brüsten.
»Jetzt? Nein. Wäre das nicht zu klein für uns? Wir haben doch noch nicht gelitten.«
»_Du_ nicht?«
»Nicht so. Nicht so. Versteh. Wir waren nie glücklich bis heute, weil wir nicht _aneinander_ glücklich waren. Und so haben wir auch noch nie gelitten, weil wir nicht aneinander gelitten haben. Wäre es nicht klein, uns darum zu betrügen?«
»Nie, nie -- nie wollen wir dieses Leiden erleiden! Wie kommst du darauf? Warum glaubst du daran?«
»Ich weiß nicht. Aber müßte die Welt nicht aus ihrer Bahn stürzen, die Erdenellipse zerreißen, wenn diese Stunde nicht ein Gleichgewicht fände? Und können für uns noch Schmerzen sein außer denen, die _wir uns_ zufügen?«
Angstvoll starrt er ihr ins Gesicht hinein: »Was meinst du? Was ahnt dir?«
»Nichts, nichts, Geliebtester. Du liebst mich!«
Ihr Lächeln, ein Sternenstrom, stürzt nieder über sein Antlitz und glüht Angst und Trauriges von seinen Schläfen ab.
»Ich liebe dich. Nichts mehr, was uns trennt, kein Schatten zwischen uns. Über unseren Häuptern die Luft brennt von Glück. Schwere bindet uns nicht mehr. Soll ich fliegen? Jetzt, vom Lager auf, drei Fuß über dem Boden?«
»Ach du! Unerhört Geliebtester!« Sie lacht, lacht wie ein tolles Kind und küßt hunderttausendmal seine Haare.
»Morgen kommt _er_ zurück --. Ich suche ihn auf -- morgen, nein, das ist heute noch -- zu Mittag. Spreche mit ihm. Du sollst nichts, nichts damit zu tun haben, er gibt dich frei. Wie sollte er nicht? Du bereitest das Nötigste vor, wegzugehen. Du sollst ihn nicht wiedersehen. Nach der Unterredung rufe ich dich an, wie immer sie ausfällt. Dann gehst du -- kommst -- zu mir!«
»Das alles -- und das ist wirklich?«
»In zwei Monaten bist du meine Frau -- Und dann fort -- ganz, ganz weit fort, auf Jahre werfen wir uns in die Welt. Indien. Java. Japan. Yokohama und Singapore. Die Dschungeln. Der Orinoco. Die Wüste. Das Meer. Panther und Schlangen um uns. Böse gelbe und gute, demütige schwarze Menschentiere unsre Gesellschaft. Wir rauben eine Dschunke und treiben Piraterie in der Südsee. Denk' das alles --!«
Stunden kreisen, Welten altern. Geburt und Sterben ist in der Nacht. Kleine Kinder überwinden Fieberkrisen, Studenten stehen wüst und durstig von Dirnenbetten auf, Succubi mit pompösen Brüsten besuchen einen Einsiedler, in Grabkammern altern weißüberpuderte Skelette.
Um sie ist wieder das Zimmer. Stumpf und weiß tastet Morgenlicht in den todesdunklen Raum.
Der Abschied ist voll namenlosen, betäubenden Schmerzes. Zwölf Stunden Trennung sind vor ihnen, eine Zeitmasse, eine graue, gallertige Masse, ein unübersehbares Tangmeer Zeit, in das sie sich stürzen müssen. Und die träge Masse hindert Tempo und Kampf, sie müssen sich ergeben und -- warten.
Er ist gegangen. Die letzte Türe schließt er hinter sich, er steht im Garten. Hart und herbstlich sind alle Konturen. Dünne weiße Nebelfäden hängen sich an seinen Überrock. Ein großer schwarzer Hund kommt langsam und fröstelnd durch den erstorbenen Garten auf ihn zu, erkennt ihn und reibt stumm den riesigen Kopf an seinem Knie. Da erwacht er erst ganz, erst furchtbar. Beugt sich herab und streichelt mit sinnloser Zärtlichkeit das schwarzzottige Fell des Tieres. Der Hund wedelt zweimal, dreimal schwach und meint, daß der Morgen häßlich, Gott aber doch gut sei.
Der Herr nickt und zieht ein Fläschchen aus der Tasche, entkorkt es vorsichtig und schüttet ein paar Tropfen auf sein Taschentuch. Der penetrante saure Geruch macht das Tier zittern. Mit einer Hand hält er den schönen, schweren Kopf fest und drückt mit der andern das Tuch auf die Schnauze des Tieres. Es stirbt ganz ruhig und schmerzlos.
Er läßt es zu Boden gleiten, gerade vor die Türe, kniet nieder und küßt das lang herabhängende kühle, seidige Ohr. Dann geht er aufgestellten Kragens. Der Morgen ist sehr kalt.
* * * * *
Es ist eine Wohnung im zweiten Stock eines alten Hauses der inneren Stadt. Alte Wohnung in einem alten Haus einer alten Gasse. Die Wände des Treppenhauses sind frisch getüncht, aber die Stufen hoch und ausgetreten. Mürrischer, verrunzelter Stein. Er drückt auf den Knopf des elektrischen Läutewerkes, das störend und fremd wirkt. Noch fremder ein Gesellschaftstelephon in dem engen, wenig belichteten Vorzimmer, zu dem eine uralte, verdummte Magd die Tür öffnet.
»Die Exzellenz? Die gnädige Exzellenz seien nicht zu Hause, aber das gnädige Fräulein Tochter würden gewiß empfangen.«
Er tritt ein. Durch eine schmale Tür in unheimlich dicker Mauer. Die Luft des sehr hohen Zimmers ist bitter und staubig. Unter halb herabgelassenen Jalousien, zwischen halb zur Seite geschobenen schweren Stores bricht -- Staub auftanzen lassend -- graues muffiges Sonnenlicht herein. Wohin es fällt, Sammet, Teppiche, verblichene Seidenpölster, etwas fleckige Plüschmöbel, etwas blinde Spiegel, Bilder im Makartstil mit ausgegangenen Farben, vertrocknete Bukette in imitierten Vasen, kein Fuß Wand, kein Fuß Diele frei von Plüsch, Teppichen und Bildern. Und Nippes, Nippes in erschreckenden Quantitäten. Über einem breit ausladenden Kanapee ein stark gedunkeltes Porträt des Großvater-Feldzeugmeisters. Peinliche Erinnerungen an 59 und 66 steigen auf. Das Urbild des alten Generals -- Radetzkyschule -- der zehn Attacken reiten und keine Schlacht gewinnen konnte. Um ihn Türkensäbel und Reiterpistolen mit gezogenem Lauf malerisch gruppiert. Das Zimmer wirkt als Ganzes, als müßte sein bloßes Vorhandensein in dieser stillen Gasse und diesem ruhigen Hause durch furchtbare Ausstrahlung ungeahnter Kräfte lähmend auf allen Verkehr und alles Vorwärtskommen in hundert Quadratmeilen Entfernung wirken.
Secundus bleibt stehen und klopft leicht, gedankenlos, gewohnheitsgemäß den Staub aus der Lehne des riesigen, unheimlich tiefen Fauteuils, in den er sich dann setzen wird. Er vermag nichts zu denken. Das halbe Licht, die völlig staubgesättigte Atmosphäre, die verzeichneten Götter auf den antikisierenden Bildern üben selbstverständliche, erschlaffende Suggestion auf ihn aus. Jegliche Gefühlsregung muß mangels Resonanz in diesen Tapeten ersticken.
Betäubende Ruhe sinkt über ihn. Ekstasen, ungeheurer, tobender Gefühlsrausch verrieselt wie Sand, wird Moder, der vom Wind angeblasen zerstiebt.
In müder Gespanntheit hängen seine Blicke an sich öffnender Türe. »Das gnädige Fräulein« treten ein. Es ist schwarz gekleidet -- die Trauer um den verstorbenen Feldmarschalleutnant-Vater -- schlank, groß, edel, weiß und böse.
Die etwas schütteren Brauen leicht emporgezogen begrüßt sie ihn. Er verbeugt sich und spricht, scharf betonend, als richte er einen höheren Auftrag aus: »_Ich bitte Sie um Ihre Hand, Sabine._«
Beherrschtes Erstaunen erwidert seinen Worten. Aufflammender Blick wird mit wahnsinniger Selbstzucht niedergehalten, Mondkühle über das weiße Gesicht gebreitet. Nur die Nüstern beben gierig und bereit.
»Nehmen Sie Platz, Fürst.« Der sonst gebrauchte Vorname wird fallen gelassen, behutsame Konvention scheint am Platze. Das Niedersetzen, leichtes Überschlagen des rechten Beines, unmerkbares Glätten der Kleidfalten gewährt Gelegenheit, sich zu sammeln, die kreisenden Gedanken zu ordnen.
»Ich erbitte Ihre Antwort.«
»Sie fällt mir schwer. Nach Ihrem Benehmen erwartete ich kein Wiedersehen.« Kurzer sparsamer Aufblick kontrolliert die Wirkung.
»Warum?« Ekel und Stumpfheit. Worte. Unnütze Worte. Er kennt die Fechterpose drüben, will aber nicht fechten, schmeißt das Florett weg.
»Sie haben sich nach jenem Abend in der Loge nicht so benommen, wie man es Mädchen meines Kreises schuldig ist.«
Der Feldzeugmeister an der Wand!
»Sie haben, eine gewisse Neigung und ein vielleicht zu sehr geoffenbartes Vertrauen, das ich Ihnen entgegenbrachte, mißbrauchend, mich kompromittiert. Das liegt nun sechs Wochen zurück. Sie kommen spät.«
Ihre schöne, etwas harte Stimme reizt ihn unsäglich. Er wird brutal. »Nehmen Sie an, daß ich bis jetzt keine Zeit hatte.«
Sie öffnet haßvoll die ganz schmal gezogenen Lippen. Schweigt. Er hat sichtlich die Oberhand und beschließt, dies auszunützen.
»Sie können sich ja damit zufrieden geben, daß ich das Versäumte nachhole, Sabine. Im Übrigen bitte ich Sie, mich ruhig anzuhören. Absolute Klarheit zwischen uns scheint mir durchaus vonnöten. Ich stelle Bedingungen.«
»_Sie?_«
»Berechtigter Weise. Da Sie der empfangende Teil sind. Natürlich nicht, weil ich Ihr -- wie heißt das in französischen Schwänken? -- Ihr Gatte werde, Sie würden gewiß tausend bessere Männer finden, vielleicht wäre jeder andere besser für Sie, da ich Sie nicht liebe. Worauf es Ihnen aber ankommt, ist die soziale Position, der Reichtum, den ich Ihnen zu bieten habe. Die Luft dieses Zimmers ist schlecht für Sie, vielleicht nur für Ihren Teint, vielleicht auch für Ihre unsterbliche Seele. Sie müssen herrschen, umworben sein, ausstechen, niedermachen. Familientraditionen hindern Sie, Kokotte zu werden. Bleibt also nur die bekannte gute Partie, die Ihnen diese für Sie notwendige Atmosphäre schafft. Ich gebe sie Ihnen. Als meine Frau sind Sie -- Sie entschuldigen die Geschmacklosigkeiten, die ich als Argumente vorbringen muß -- eine der ersten Damen der internationalen Gesellschaft, mein Vermögen besteht aus etwa dreißig Millionen, zu einem Fünftel in durchschnittlich mit vier Prozent sich verzinsenden Latifundien, das Übrige in hochwertigen Konsols und Industriepapieren angelegt, das heißt, Sie verfügen als meine Frau über ein Jahreseinkommen von beinahe zwei Millionen. Das sind, wenn Sie es überlegen, zweifellos positive Werte, für die ich Gegenleistungen beanspruchen kann.«
Sie nickt, höhnisch und unsicher: »Worin würden diese bestehen?«
Er spricht ruhig und eindringlich: »In drei Stücken. Das erste: es kann zwischen uns keinen ehelichen Verkehr geben.«
Ihre Finger zerren an einem Taschentuch. Ihr Mund ist hochmütig und hexenhaft. »Sie kommen mir entgegen.«
»Umso besser. Ich bitte Sie nur, in dieser Forderung keine Beleidigung erblicken zu wollen. Es ist selbstverständlich, daß ich Sie begehre, es wäre lächerlich und kränkend meinerseits Sie das Gegenteil glauben machen zu wollen. Nehmen Sie also bitte an, daß es mir an der physischen Möglichkeit gebricht, diesem Begehren Handlungen folgen zu lassen.«
Sie lächelt, etwas versöhnt und etwas angewidert.
»Der zweite Punkt bezieht sich auf unsre Scheidung.«
»Daran haben Sie auch schon gedacht?«
Er verbeugt sich zustimmend: »Sie werden sich vertraglich verpflichten, Sabine, mir jederzeit, wann immer ich Sie darum ersuchen sollte, die Scheidung zu gewähren. Natürlich nehme ich für diesen Fall das Verschulden auf mich und Sie erhalten als Abfindung ein Drittel meines Vermögens, das ich zur Sicherstellung heute noch auf Ihren Namen überschreiben lasse.«
»Zehn Millionen?« Sie ist besiegt und vergißt fast das Gegenteil zu posieren.
»Die Ihnen, der freien Frau, dann vollkommen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Sie können sofort den hierauf bezüglichen Vertrag beim Notar unterzeichnen. Er hat ihn bereits aufgesetzt, natürlich vorläufig ohne Kenntnis Ihres Namens.«
»So sicher waren Sie?«
»Der dritte Punkt wird Sie vielleicht etwas in Erstaunen setzen.«
»Nach diesen beiden kaum.«
»Eigentlich nicht gerade eine Bedingung. Eher eine Bitte. Ihrer Freundin, Frau Kathrin Nhilius, als der ersten Ihre Verlobung telephonisch mitzuteilen.«
Sie hebt sich schroff auf, mißt ihn, erschrickt vor dem Blick, der ihren erwidert. »Ach so, das ist der Sinn? Warum haben Sie die Pointe so lange aufgespart? Abgefallen? Und für die kleine Rache, die vielleicht keine ist, eine Ehe und zehn Millionen? Sie sind großzügig in Ihrer Kleinlichkeit.«
»Nehmen Sie es an. Ich habe nichts zu entgegnen. Willigen Sie ein?«
Sie zaudert. Schließt die Augen. Eine Unterschwingung in seiner Stimme macht ihr Angst. Etwa die Angst einer Dirne, die sich mit einem Manne zu gehen entschließt, den sie für einen Lustmörder hält. Grauen, Lust und Angst. Ganz leise, wie eine Liebkosung fast, kommen ihre Worte zu ihm: »Sie sind eigentlich schlechter, Secundus, als ich mir's in diesen sechs Wochen ausgerechnet habe.«
»Sie nicht besser, Sabine, als ich es annahm, da ich _Sie_ zu meiner Frau wählte.«
Sie zuckt, als hätte er ihr mit einer Rute über die Augen geschlagen: »Ich werde telephonieren.«
Er küßt ihre schmale, entartete Hand: »Fürstin!«
* * * * *
Aber dann, da das Brausen des steinernen Meeres, eingefangen in der mißtönenden Muschel, an sein Ohr schlägt, da Ruf und Gegenruf sich antworten, Laute aus Lärm sich ballen und endlich aus schwarzen Wogen Getöses ein nackter, blendender Engel ihre Stimme steigt und elektrische Wellen die Todesbotschaft an ihr unbereites Ohr schwingen, läßt er den Hörer fallen und entstürzt, von wütendem Grausen geschüttelt, die abgetretene Treppe hinab.
Sein Auto rast durch den Mittag, endlose, zum Erbrechen volle Vorstadtstraßen durch. Die Menschheit wimmelt dem Mittagessen entgegen, das Leid der Kreatur erstickt im Suppendampf. Ladenmädchen, von verseuchten Jünglingen gefolgt, lüften unreinliche Jupons, verschimmelte Beamte eilen speisegeil nach Hause, aus einem Fabrikstor donnern dunkel und geschunden Arbeiter auf das Pflaster.
Sein gemartertes Herz grüßt sie mit tausendfacher Liebe. Er läßt das Auto kehren, fährt dann in rasendster Eile zur Bank und bestimmt dort die Satzungen einer Einmillionenstiftung für kranke Arbeiter und erwerbsunfähige Prostituierte. Und fühlt sich nicht entsühnt, vermag seine stürzende Seele nicht an das gute Werk zu klammern, das fremd und leuchtend ihm entschwebt, saust tiefer, gräßlicher und fühlt den Druck eines Meeres auf seinem keuchenden Leib.
* * * * *
Tage und Nächte vergehen. Wie? Wer weiß es? In Kleinlichstem, Unwichtigstem. Der große, strahlende Gottestag -- der jungfräuliche Marmorblock, den seine Seele jeden Morgen umarmt hat, demütig wartend, wie die Hand der Mächte ihn formen würde -- zerrieben in Minuten und Sekunden von Alltäglichkeit, Vorbereitungen zur Hochzeit, ein paar Diners, Spiel im Klub, bei dem er lächerlich hohe Summen gewinnt, und nichts, nichts, nichts -- der Abgrund, durch den er geschlossenen Auges immer weiter sinkt -- mit pfeifender, gellender Seele.
Manchmal glaubt er sich endlich wahnsinnig und lächelt dumm und tragisch. Aber dann wirft er angeekelt auch diese Pose von sich und weiß sich alles unendlich wachen Sinnes erleben, weiß, daß er sein Erleben fest in der Hand hält, furchtbaren Willens gestaltet, und weigert sich, den Dichter zu spielen, der sein eigenes Erleben zum schlechten Drama geformt noch obendrein gerührt und weinend für die Bühne inszeniert.
Nur wenn der Diener die Post überreicht oder der Telephonapparat auf dem Schreibtisch ihn anschrillt, erschrickt er und -- völlig gefaßt, zwar wissend, daß kein Wunder geschehen kann -- erwartet er es dennoch mit der tierischen Andacht des Negers, der, eine weiße Maske vor dem Gesicht, seinen Fetisch umtanzt.
Von ihr weiß er nichts mehr. Nur daß sie lebt. Und wünscht sie tot, um tot zu sein.
* * * * *
Er verläßt spät das Palais durch einen Seitenausgang und wirft sich in die Gassen. An den Himmel gekreuzigt stirbt grandios und blutig der Abend. Gott geht riesig und dunkel durch die Stadt, über Häuser und Dome bricht sein Schatten herein, Schlotrauch umweht, gerade aufsteigend, seine schwebende Stirne.
Ehrfürchtig entweicht Secundus in eine schmale Seitengasse. Ein geschlossener Wagen rollt langsam an ihm vorbei. Hinter dem Coupéfenster erkennt er, vom Licht einer eben entzündeten Gaslaterne magisch umwölkt, ihr Antlitz. Der Wagen ist an ihm vorbeigefahren. Lautlos fällt er, mit der Stirne voraus, auf das Pflaster. Den Beschmutzten, Blutenden richtet ein von der Ecke herbeieilender Schutzmann auf und hilft ihm in einen Taxameter, der ihn nach Hause bringt.
* * * * *
Zwei Nächte später sitzt er, das Gesicht noch etwas zerschunden, das Nasenbein angeschwollen vom Falle, in der Manhattan-Bar. Allein. Trinkt. Scharfe giftige Getränke, die reizen, nicht einschläfern. Vor dem Schlafe fürchtet er sich und meidet ihn seit Tagen. Das Wachsein in seinen entsetzlichsten Formen ist nicht so grauenvoll wie das Erwachen nach dem Schlaf. Um dieser zwei Minuten Erwachens willen bleibt er lieber schlaflos.
Ihm gegenüber am nächsten Tische sitzt eine schöne, lauernde Dirne mit glitzernden Nägeln und einem phantastischen Reiher im irrlichternden Haar. Sie lächelt süß und mädchenhaft. Der Alfons an ihrer Seite blickt frostig und würdevoll und taxiert seine graue Hemdperle.
Er trinkt seinen Cocktail und lauscht, dem Weibe abgeneigt, gedämpften Orchesterklängen, die dem Publikum einzureden suchen, »ein Mäderl müßt' es sein, ein Mäderl lieb und fein.«
Aber siehe, durch die lange Zeile zwischen den weißgedeckten, runden, kleinen Tischen stürzt ein Strom von Harmonie und trägt ihn liebend hoch, die bunten, verschleierten Glühblumen an der Decke beschreiben feurige, kristallene Kreise, das Weltall steht in Musik. Und das Barorchester wird hymnisch und stimmt einen gregorianischen Choral an. Ohne die Augen aufzuheben weiß er jeden Schritt, den sie näher tut, weiß um ihr Vorbeigehen und daß sie jetzt vorüber ist, daß er wieder aufschauen kann, und empfängt eben noch den höflich devoten Gruß des Barons und zweier ihn begleitenden Offiziere, von denen der eine, ein »Freund«, ihn ansprechen will, doch sichtlich erschrocken den an seiner Stirne abprallenden Vorsatz aufgibt und der übrigen Gesellschaft folgt.