Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900
Part 8
Eine Ausnahmestellung nimmt der »Simplizissimus« ein, der ebenso wie die Münchener »Jugend« nur bedingungsweise in diese Übersicht gehört. Die »Jugend« hat sich nicht so ungebärdig gezeigt, wie das Langensche Blatt, obwohl sie schon durch ihren Titel ein größeres Recht auf Ungebundenheit herleiten könnte. Manch hübsche Zeichnung und manch guter Beitrag ist in ihren Spalten erschienen, und der frische, fröhliche Zug, der durch das Ganze geht, haben ihr, trotz manches Minderguten, das man schon der »Jugend« zu gute halten mußte, viele Freunde und Anhänger geschaffen. Anders der »Simplizissimus«, der seiner Zeit mit dem Anspruche auftrat, ein deutsches Familienblatt zu sein, in seinen Spalten die politischen und socialen Verhältnisse in humoristischer und satirischer Form widerzuspiegeln und lachend die Wahrheit zu sagen. Selten ist zwischen einem Programm und seiner Ausführung ein so großes Mißverhältnis eingetreten, wie dies beim »Simplizissimus« der Fall ist, selten ist das Wort Humor so falsch verstanden und interpretiert worden, wie bei dieser Zeitschrift. Die Mitarbeiter, die sich um die Fahne des neuen Blattes sammelten, sind fast sämtlich bei den Franzosen in die Schule gegangen und haben dort alles, was deutsch an ihnen war, weit hinter sich gelassen. »Die deutsche Sprak ist eine zu arme Sprak, eine plumpe Sprak« und das deutsche Wesen ein zu schwerfälliges, zu gründliches, als daß man es für ein Blatt hätte brauchen können, das in erster Linie auf starke Effekte berechnet war. Eine »Gartenlaube« oder ein »Daheim« hätte die Zeitschrift nicht zu werden brauchen, aber noch weniger das, was sie geworden ist: ein in deutscher Sprache geschriebenes französisches Skandal-Boulevardblatt. Was dem Blatte vor allem fehlt, ist der sittliche Ernst, den man auch aus Witz und Humor herausfühlen muß und der uns sagt, daß die Absicht des Zeichners wie des Dichters, trotz der stark aufgetragenen Farben, eine gute war, daß sie nicht _nur_ auf Skandal und Effekthascherei ausgegangen ist. Daß dieses Gefühl in uns nicht aufkommt, dafür sorgen die fast in jeder Nummer enthaltenen echt französischen Cochonnerien, die, man mag mit noch so viel gutem Willen versuchen, in sie etwas hineinzulegen, nichts anderes bleiben als »Caviar« für Lebemänner im Sinne des Herrn Grimm in Budapest[6]. -- Vom »Simplizissimus« zur »Zukunft« ist trotz der großen Verschiedenheit der inneren und äußeren Gestaltung beider Blätter kein allzuweiter Schritt: sie begegnen sich in der destruktiven Tendenz, die gegen alles Bestehende gerichtet ist und ihre Freude nur am Negieren und Verreißen hat. Wo der »Simplizissimus« grob und derb zugreift, da finden wir die »Zukunft« und ihren Herausgeber in stiller Minierarbeit thätig. Harden ist zweifellos ein begabter und tüchtiger Journalist mit einem Stich ins Exotische und einer feinen Witterung für das Aktuelle. Er geht selten gerade aufs Ziel los, aber er versteht es, in Gleichnissen, Bildern und Allegorien sein Ziel sicher zu treffen. Dabei besitzt er eine erstaunliche Bekanntschaft mit Büchern, die außer ihm kein Mensch kennt, oder vielleicht richtiger, die Gabe, seine gesamten Kenntnisse in jedem einzelnen Artikel in kursfähige, kleine Münze umzusetzen. Er ist ein Mann nach dem Herzen des Staatsanwalts, der schon wiederholt verlangend die Arme nach ihm ausgestreckt hat, ein Mann, dem der Erfolg und der Effekt über alles gehen, der sich in Gegensatz zur herrschenden Partei schon aus Freude an der Opposition überhaupt stellen würde. Maximilian Harden ist aber noch mehr. Er ist vor allem der Geschäftsmann ~par excellence~, der sein Publikum kennt und weiß, was er ihm vorzusetzen hat. Er vertritt das monarchische Prinzip, aber er mag den Kaiser nicht, er ist für Verfassung, aber sie paßt ihm nicht, er ist ein glühender Verehrer Bismarck's, aber er wäre es kaum, wenn Bismarck noch amtiert hätte, als seine Zeitschrift zu erscheinen begann. Auf diese Weise sammelte er die Partei jener um sich, die, wenngleich gute Monarchisten, mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, jene vor allem, die es als nicht in den Kreis der Herrscherpflichten fallend erachten, wenn ein Kaiser nicht nur ein guter Regent, sondern auch ein guter Redner sein will. -- Völlig bedeutungslos ist die von ~Dr.~ Wrede herausgegebene »Kritik« geblieben, die ursprünglich als Konkurrenz der »Zukunft« gegründet wurde. Trotz aller polemischen Versuche Wredes, die oft komisch genug ausfielen, hat sich die »Kritik« nie mit dieser ganz aus Persönlichem heraus geschaffenen Zeitschrift auch nur entfernt messen können. Harden ist auch als Journalist Schriftsteller und ein geistreicher Kopf, während sich Wrede von den Brosamen nährt, die von des Reichen Tische fallen.
[6] In den gegen Ende 1899 gegründeten Zeitschriften »Münchhausen« (inzwischen wieder eingegangen) und »Satyr«, von denen die letztere auch schon wiederholt konfisziert wurde, hat der »Simplizissimus« bereits würdige Nachfolger gefunden.
Zu unseren bestgeleiteten Zeitschriften gehört der von Jeannot Emil Freiherrn von Grotthuß herausgegebene »Türmer«, der den Untertitel: Monatsschrift für Gemüt und Geist führt. »Der Türmer« will die Sehenden zu Schauenden machen, »umsaust von Schlagworten, von Parteien und Schulen umhergezerrt, will er den stillen Winkel bieten, wo ein jeder nach dem harten Tagewerk in Feierabendstimmung die Flut der Erscheinungen des socialen und künstlerischen Lebens erörtern und verarbeiten kann«. Diesem Programm hat der »Türmer« mit Erfolg gerecht zu werden versucht. Er ist kein Organ für Freidenker, wie sich das bei dem Herausgeber und dem lyrisch-religiös angehauchten Verlage von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, von selbst versteht, und es ist nur zu wünschen, daß er nicht im Laufe der Zeit in eine kirchlich-reaktionäre Strömung gerät, die ihn aus dem jetzigen Interessentenkreis hinaus in die enge Stube des Pfarrhauses trägt. -- Einen vornehmen Anstrich hat sich auch die von Karl Emil Franzos herausgegebene »Deutsche Dichtung« bewahrt, ohne daß man ihr jedoch einen besonderen Einfluß auf unser Geistesleben zugestehen könnte. -- Zu erwähnen wären hier noch zwei politisch-litterarische Zeitschriften, die vor Jahresfrist gleichzeitig unter dem vielverheißenden Titel: »Das neue Jahrhundert«, die eine in Köln, die andere in Berlin, erschienen, sowie die von August Scherl herausgegebene »Woche«, auf die die Tendenzen des »Berliner Lokalanzeigers« -- eine gesinnungstüchtige Parteilosigkeit -- litterarisch-künstlerisch gefärbt, übertragen wurden. Die Auflage der »Woche« ist infolgedessen binnen kurzem auf über 400000 gestiegen.
Sieht man von einigen kleineren Blättern ab, von denen man nicht weiß, ob sie bei Ausgabe dieses Werkchens noch existieren werden, so bleiben von jenen Zeitschriften, die man in den Katalogen als »Revuen für Kunst, Wissenschaft und öffentliches Leben« aufgeführt findet, die große Kunstzeitschrift »Pan«, einsam in stolzer Höhe thronend, für das Kunstverständnis und den Geldbeutel aller jener zu hoch, für die sie ins Leben gerufen wurde, und die im Oktober 1899 gegründete Zeitschrift »Die Insel« übrig. »Pan« hat die Erwartungen, die sich an sein Erscheinen knüpften, in keiner Weise erfüllt, er ist -- ohne jede feste, zielbewußte Redaktion -- so unverständlich und geheimnisvoll geblieben, wie sein Ahn, der große »Pan«, und wohl nur der Opferwilligkeit einiger Bankiers und sonstiger wohlsituierter Leute, die ihr künstlerisches Interesse durch Hergabe einiger Goldfüchse zu bethätigen suchen, ist es zu danken, daß er -- wenn auch fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit -- noch erscheint. -- »Die Insel«, herausgegeben von Otto Julius Bierbaum, A. W. Heymel und R. A. Schröder, von der jetzt 4 Hefte vorliegen, scheint sich nach Ausstattung, Inhalt und Preis -- Jahresabonnement 36 Mk. -- mehr an die Liebhaber und Sammler, als an die wirklichen Litteratur- und Kunstfreunde zu wenden. Die litterarischen Beiträge sind ohne jede Bedeutung, einzelne direkt albern, der »Bilderschmuck« primitiv wie der einer Kinderfibel und die Druckschrift so verschnörkelt und entartet, daß nur Leute, die über viel Zeit verfügen, als Leser in Frage kommen können. Alles in allem: schade um das schöne Papier.
Zwei Zeitschriften nicht rein litterarischer Art, aber für Kunstfreunde von besonderem Interesse sind die »Zeitschrift für Bücherfreunde« und »Bühne und Welt«. Die erstere hat sich die Aufgabe gestellt, alles in ihren Kreis zu ziehen, was für Bibliophilen besonderes Interesse hat. Ist auch diese Gemeinde in Deutschland gegenüber ihrer Verbreitung in anderen Ländern, besonders in Frankreich und England, noch eine bescheidene, so scheint es dieser Zeitschrift doch gelungen zu sein, festen Fuß zu fassen. Noch jüngeren Datums ist »Bühne der Welt«, die anfangs tastend und schwankend ihren Weg suchend, nach kaum Jahresfrist sich zu einer unserer vornehmsten Revuen aufgeschwungen hat, in deren Spalten sich das Kunstleben unserer Tage getreulich widerspiegelt. Sie kann sowohl denen zur Lektüre empfohlen werden, die unsere Bühnenkünstler »bei der Arbeit« und zu Hause sehen wollen, als auch dem Kreis derer, die sich für die dramatische Produktion der Gegenwart interessieren.
Übergehend zu den rein litterarischen Zeitschriften wären vorerst noch der »Kunstwart«, der den Untertitel »Rundschau über Dichtung, Theater, Musik und bildende Künste« führt, die »Deutsche Zeitschrift« (Fortsetzung des »Kynast«), Monatschrift für Politik und Volkswirtschaft, Kultur und Kunst, und die »Heimat« (Neue Folge des »Boten für die deutsche Litteratur«) zu nennen. Der »Kunstwart« hat vor Jahresfrist eine vollständige Umgestaltung erfahren, die nicht nur eine Änderung des äußeren Gewandes, sondern vor allem eine bedeutende Vermehrung des Textes unter gleichzeitiger Beigabe von Kunst- und Musikbeilagen herbeiführte. Sein Herausgeber Ferdinand Avenarius besitzt in künstlerischen Dingen ein feinsinniges Urteil, das er auch bei der Wahl seiner Mitarbeiter, zu denen Adolf Bartels, Oscar Bie, Schultze-Naumburg u. a. zählen, bekundet. So ist der »Kunstwart« eine unserer gediegensten künstlerischen Zeitschriften, trotz aller Vielseitigkeit von Einseitigkeit im Urteil nicht freizusprechen, aber ehrlich und vornehm geleitet. -- Die von Ernst Wachler herausgegebene »Deutsche Zeitschrift« bezweckt vorzugsweise die Pflege und Förderung unserer National- und Kulturinteressen im Geiste der Politik des Fürsten Bismarck. Gleich der »Heimat«, deren Gründung Ende 1899 erfolgte, sucht sie Kunst und Dichtung von der Ausländerei freizumachen und nationalen Zielen zuzuführen.
Von den rein litterarischen Blättern stand das »Magazin für die in- und ausländische Litteratur« jahrelang an der Spitze, und es verdiente diese Stellung noch anfangs der achtziger Jahre, als Wilhelm Friedrich, Leipzig, noch Verleger des Blattes war, das seinen Ursprung bis auf das Jahr von Goethes Tode zurückführt. Seinem alten Programm, eine Übersicht über die Litteratur aller Länder und Völker zu geben, ist es ganz untreu geworden, eine redaktionelle Leitung, trotzdem oder weil? drei Herausgeber (Rudolph Steiner, Otto Erich Hartleben und Moritz Zitter) vorhanden sind, ist kaum noch wahrzunehmen; das »Magazin für Litteratur«, wie es sich jetzt nennt, bringt Artikel aus allen möglichen Gebieten kunterbunt durcheinander ohne jede Bezugnahme zu seinem Titel. Seit Wilhelm Friedrich, Leipzig, den Verlag des Blattes nicht mehr führt, ist es fast immer »unterwegs« auf der Suche nach einem Verleger gewesen. Hin und wieder ist ein neues, wenn auch schwächliches Reis dem alten Stamme aufgepfropft worden, ohne daß die Lebenssäfte des Blattes durch diese Okulation gewonnen hätten; auch die Beigabe der »Dramaturgischen Blätter« konnte dem steten Sinken des »Magazins« keinen Einhalt thun. Ob jetzt das Blatt im Verlage von S. Cronbach, Berlin, eine Heimstätte gefunden oder ob auch dieser nur eine Durchgangsstation bedeutet, vermögen wir nicht zu entscheiden.
An die Stelle des »Magazins«, was Einfluß und Bedeutung anlangt, sind die »Internationalen Litteraturberichte« (Herausgeber Emil Thomas) getreten, die auch der Abonnentenzahl nach die anderen Litteraturblätter weit hinter sich lassen. Sie haben sich die Aufgabe gestellt, alles in ihren Kreis zu ziehen, was an litterarischen Bestrebungen im In- und Auslande in Erscheinung tritt und es in Artikeln, Übersichten, Einzelbesprechungen etc. festzuhalten. Eine Konkurrenz ist ihnen durch das im Verlage von F. Fontane & Co., Berlin, erscheinende »Litterarische Echo« erstanden, das gut geleitet ist und eine Fülle von Notizen bringt, unter denen die Übersichtlichkeit etwas leidet. Ob und inwieweit sich für die Dauer die ständige Berücksichtigung kleinerer Litteratur- und Sprachgebiete, wie des Polnischen, Czechischen u. s. w., für die in Deutschland nur ein ganz bescheidener Interessentenkreis vorhanden ist, empfiehlt, wird der Herausgeber, z. Z. ~Dr.~ Ettlinger, bald herausfinden. -- Eine besondere Erwähnung, wenngleich infolge ihres unregelmäßigen Erscheinens kaum noch als Zeitschrift aufzufassen, verdienen die »Jahresberichte für deutsche Litteraturgeschichte«, die in übersichtlich geordneten und zusammenhängenden Abschnitten zeigen wollen, welche Bücher, Aufsätze, Artikel und Kritiken auf dem Gebiete der jüngsten Geisteswissenschaft erscheinen, und was sie Neues und Wertvolles enthalten. -- Fast ganz auf wissenschaftliche Kreise und Bibliotheken beschränkt war das 1850 von dem hervorragenden Leipziger Germanisten Prof. Friedr. Zarncke gegründete »Litterarische Centralblatt«, das lange darauf verzichtend, eine _Übersicht_ der deutschen Litteratur zu geben, fast ausschließlich Rezensionen einzelner Werke brachte und es dem Einzelnen überließ, aus diesen Bruchstücken sich das Gesamtbild der Litteratur zusammenzusetzen. Erst seit Januar 1900 erscheint eine Beilage zum »Centralblatt«, die vor allem größere zusammenfassende kritische Übersichten der verschiedenen Gattungen dichterischer Werke und orientierende Aufsätze allgemeinen Inhalts enthält.
Dem »Litterarischen Centralblatt« verwandt sind »Euphorion«, die »Deutsche Litteraturzeitung«, das »Allgemeine Litteraturblatt« (das früher unter dem Titel »Österreichisches Litteraturblatt« erschien), die »Zeitschrift für vergleichende Litteraturgeschichte« und die vor kurzem von ~Dr.~ Erich Bischoff gegründete »Zeitschrift für wissenschaftliche Kritik und Antikritik«. Sie sind alle auf einen kleinen Kreis beschränkt und ein wirklicher Einfluß auf unser Litteraturleben ist ihnen kaum zuzusprechen. Die »Blätter für litterarische Unterhaltung«, eine sehr alte und angesehene Zeitschrift, ist seit Januar 1899 aus den Reihen der Litteraturzeitungen verschwunden; selbst der Klang der Weltfirma F. A. Brockhaus, Leipzig, war nicht stark genug, um sie am Einschlafen zu behindern. -- An der Spitze der katholischen Litteratur stehen der »Litterarische Handweiser« und die »Deutsche Rundschau für das katholische Deutschland«, beide -- sehr oft zum Schaden einer objektiven Kritik, -- bemüht, litterarische Interessen mit religiösen Fragen zu verquicken.
Von der Aufzählung der Winkel- und Cliquenblättchen, die ein kärgliches Dasein fristen, um -- nachdem Drucker und Verleger um einige Erfahrungen reicher und ein paar Hundertmarkscheine ärmer -- wieder in den Orkus zu versinken, wollen wir Abstand nehmen: der Litteratur nützen sie so wenig wie ihren Herausgebern, die da hofften, durch sie eine litterarische Position oder pekuniäre Vorteile zu erlangen.
Der deutsche Verlagsbuchhandel und sein Anteil an der Litteratur der Gegenwart.
Die Cotta, Goeschen, Brockhaus und wie die bedeutenden Buchhändler alle heißen, sind tot, und an Stelle der großen, von weitausschauenden, scharf ausgeprägten Persönlichkeiten getragenen Verlagsgeschäfte, die bestimmenden Einfluß auf die Litteratur ausübten, sind zwar nicht minder große, aber desto unpersönlichere Aktiengesellschaften getreten, die zum weitaus größten Teil den litterarischen Markt beherrschen. Für diese Geschäfte handelt es sich nicht so sehr um die Förderung des Schrifttums durch den Verlag guter Litteratur, sondern in erster Linie um die Erzielung hoher Dividenden, zu deren Erhalt weniger Wert auf die litterarische Bedeutung eines Buches, als auf seine Gangbarkeit zu legen ist. Gerade das Fehlen jedes persönlichen Moments und das ausschließliche Werten eines Werkes nach seiner Absatzfähigkeit, für die ein Anhalt in dem Namen des Autors, hin und wieder auch in dem behandelten Stoffe oder einer momentan herrschenden Strömung liegt, läßt fast alle großen Verlagsfirmen aus einem großen Aufsatz scheiden, der von der Anteilnahme des Verlagsbuchhandels an unserem modernen Schrifttum sprechen soll. Nichtsdestoweniger stehen diese Firmen in erster Reihe, nicht zuletzt durch die großen mit einem enormen Kapitalaufwand gegründeten Familienblätter, durch die sie auf die Geschmacksrichtung und das Urteil des großen Publikums den bedeutendsten Einfluß ausüben. »Über Land und Meer«, »Buch für Alle«, »Zur guten Stunde«, »Moderne Kunst«, »Daheim«, »Gartenlaube«, »Vom Fels zum Meer«, »Für alle Welt« u. s. w. sind Unternehmungen, die das Lesebedürfnis von Hunderttausenden befriedigen, neben den Tagesblättern den größten Teil der litterarischen Produktion an sich reißen und den Wünschen ihres Publikums entsprechend beeinflussen und zustutzen.
Der Buchverlag ist für den Schriftsteller wie für den Verleger in den meisten Fällen nicht mehr lohnend genug und der vom Ertrage seiner Feder lebende Autor gezwungen, Konzessionen zu machen, sein künstlerisches Gewissen auszuschalten und das zu produzieren, was der Moloch, das große Publikum, am liebsten verschlingt: leicht verdauliche Unterhaltungsware. Gerade in der letzten Zeit sind aus den Kreisen der Schriftsteller Stimmen laut geworden, die auf den verderblichen Einfluß hinwiesen, dem ihre eigene Produktion unterworfen ist, seit man sie in die Zwangsjacke der Familienlitteratur gesteckt hat. Das Publikum hat an diesen Zuständen sicher mehr Schuld als die Verleger und Redaktionen der Zeitschriften, die nicht mit dem gebildeten Geschmack einer kleinen Gemeinde, sondern mit dem rechnen müssen, was Hunderttausenden gefällt. Um keine Abonnenten zu verlieren und sie der Konkurrenz in die Arme zu treiben, müssen sie, deren Unternehmungen auf Massenabsatz angewiesen sind, geben, was das große Publikum verlangt, müssen -- im Gegensatz zu der Aufgabe eines wahren Familienblattes -- verzichten, bildend und veredelnd auf den Geschmack des Volkes zu wirken. Was immer auf dem Gebiete der Litteratur bezw. der Ästhetik seit der politischen Wiedergeburt Deutschlands geleistet wurde: das große Publikum ist davon unberührt geblieben; ja es betrachtet noch heute die Litteratur nicht anders als eine angenehme Spielerei für müßige Stunden. Nur die eine Forderung: die nach mehr Wirklichkeitssinn, nach einer stärkeren Betonung des Lebens und seine Erscheinungen in der Litteratur hat -- vielleicht mehr unbewußt, mehr vom Leben und seinen Forderungen selbst beeinflußt -- auch im Publikum Anerkennung gefunden. In Bezug auf künstlerisches Verständnis sind keinerlei Fortschritte zu verzeichnen und die Existenzbedingungen des Buchhandels, in dem sich immer mehr eine rein kaufmännische Auffassung des Berufes geltend macht, sind nicht derart, um sich den Luxus gestatten zu können, in künstlerischer Hinsicht erzieherisch auf das Publikum zu wirken.
Der deutsche Buchhandel früherer Zeiten hat für Litteratur und Wissenschaft viel gethan und manches Werk, das weder die Unterstützung einer Regierung, noch einer Akademie oder eines Instituts gefunden hat, verdankt ihm allein sein Erscheinen. Nicht aus Liebe zum Geld, sondern aus Liebe zur Litteratur und Wissenschaft wurden Werke publiziert, für die kein Kaufmann, kein Geschäftsmann eine Hand gerührt hätte. So schrieb noch 1839 ein Gelehrter: »Der deutsche Buchhandel hat von jeher bewiesen, daß er seine eigentümliche Stellung in den nachbarlichen Grenzen der Intelligenz und Industrie zu würdigen wisse. Man prüfe die neuesten Kataloge und entscheide dann, ob jener ehrenhafte Grundsatz: einen Teil des Gewinnes, den die Muse dem häuslichen Altar beschieden, der Muse selber zu opfern, nicht bis auf unsere Zeit herab sich fortgesetzt habe.« Der Anteil, den der Verlagsbuchhandel an dem Wachstum unserer Litteratur, insonderheit an der deutschen Wissenschaft hat, ist sicher ein nicht geringer, aber er ist in den letzten Jahren, seitdem das Großkapital seinen Einzug im Buchhandel gehalten hat, bedeutend zurückgegangen. Die Aktionäre unserer großen Verlagsanstalten legen auf hohe Dividenden bei weitem mehr Gewicht als auf den Ruhmestitel Förderer der Litteratur und Kunst zu sein. Wirft man heute einen Blick in Kataloge, so wird man bei näherem Zusehen finden, daß das litterarische Interesse dem merkantilen gewichen ist, daß alljährlich Tausende von Schriften erscheinen, die nicht in der Absicht, eine Bereicherung unserer Litteratur, sondern eine solche des verlegerischen Geldbeutels herbeizuführen, publiziert wurden. War früher das jüdische Element hauptsächlich im Antiquariats- und Ramschbuchhandel thätig, so hat es sich in neuerer Zeit in hervorragender Weise des Verlagsbuchhhandels als Spekulationsobjekt bemächtigt, und neben angesehenen Firmen, die sich in jüdischen Händen befinden, ist eine ganze Reihe jüdischer Verleger aufgetaucht, die das Buch als Ware ausschließlich als Ware ansieht und demgemäß behandelt. Daß die Litteratur der Neuzeit so wenig Förderung seitens des Buchhandels findet, hat nicht sowohl seinen Grund in der materialistischen Anschauung, die in dem Buche nur ein Handelsobjekt sieht, aus dem so viel als möglich Kapital zu schlagen ist, sondern zum guten Teil auch in dem Mangel an Urteil, der viele Verleger von heutzutage nur nach dem greifen läßt, was sich durch einen klangvollen Namen oder eine hübsche Etikette auszeichnet. Andere wieder sind so im Banne der Moderne, daß sie sich für jedes Werk begeistern, das modern um jeden Preis, selbst um den des guten Geschmacks, erscheinen will, mag es künstlerisch auch noch so unbedeutend sein. An dieser Verständnislosigkeit in künstlerischen Fragen ist nicht zuletzt die Stellung schuld, auf die im Laufe der Zeit die Litteraturblätter und die Revuen mit litterarischem Anstrich herabgedrückt worden sind.
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