Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900
Part 7
=Ferdinand Avenarius=, geb. am 20. Dez. 1856 in Berlin, zeigt sich in seinen Gedichtsammlungen als objektiver Lyriker, der oft statt Empfindungen Grundsätze zum Ausdruck bringt. (»Wandern und Werden«, »Lebe« und das lyrische Epos: »Die Kinder von Wohldorf«.) Als Herausgeber des »Kunstwart« hat er auf unser litterarisches und künstlerisches Leben vielfach Einfluß gewonnen.
=Otto Ernst= (Pseudon. für Otto Ernst Schmidt), geb. am 7. Okt. 1862 in Ottensen bei Hamburg, von Beruf Lehrer, ist eine kampfesfrohe, polemische Natur, die sich gern gegen das Althergebrachte wendet und auch in der Litteratur oft den Herrn Lehrer spielt. (Gesammelte Essays aus Litteratur, Pädagogik und öffentlichem Leben unter dem Titel: »Offenes Visier«, »Buch der Hoffnung«.) Seine besten Werke sind die Novellensammlung »Aus verborgenen Tiefen«, die »Karthäusergeschichten« und die humoristischen Skizzen: »Ein frohes Farbenspiel«. Das Ende 1899 erschienene Schauspiel: »Die Jugend von heute« ist trotz stellenweise treffender Satire ein verfehlter Versuch zu einer »deutschen Komödie«.
=Wilhelm Weigand=, geb. am 13. März 1862 in Gissigheim, gab sich als geistvoller Essayist in seinen litteraturgeschichtlichen Schriften. Außer dem Roman: »Die Frankenthaler« und einer Reihe dramatischer Schriften »Die Renaissance« (Dramencyklus) u. a. gab er »Dramatische Gedichte«, »Sommer« (Neue Gedichte) u. a. heraus.
=Carl Spitteler= (Pseudon. Felix Tandem), geb. am 24. April 1845 in Luzern, der bedeutendste lebende Dichter der Schweiz, debütierte mit der Dichtung »Prometheus und Epimetheus«, der er die Gedichtsammlung »Schmetterlinge« und »Balladen« folgen ließ. Als geistreicher Causeur zeigt er sich in den »Lachenden Wahrheiten«.
=Josef Viktor Widmann=, geb. am 20. Febr. 1842 in Nennowitz i. M., bekannt als litterarischer Kritiker des »Berner Bund«, begann seine Laufbahn mit Dramen und Epen, die stark philosophisch angehaucht sind. Von seinen letzten Werken wurde das Epos »Maikäfer-Komödie«, das sich durch liebenswürdigen Humor auszeichnet und viele satirische Spitzen und Anspielungen enthält, beifällig aufgenommen.
=Christian Wagner=, geb. am 5. August 1835 in Warmbrunn, lebt als Bauer in seinem Geburtsorte. Er ist ein tüchtiger Botaniker und weiß in seinen prosaisch-poetischen Naturbetrachtungen die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Blumen zu kleinen Märchen auszugestalten. (»Märchenerzähler, Bramine und Seher« [in 2. Aufl. unter dem Titel: »Sonntagsgänge«], »Balladen und Blumenlieder«, »Weihegeschenke«, »Neue Dichtungen«.) Seine buddhistisch-brahmanistische Weltanschauung legte er in seinem letzten Werke »Mein Glaube« nieder.
=Wilhelm Bölsche=, geb. am 2. Jan. 1861 in Köln, hat sich durch seine auf naturwissenschaftlicher Grundlage aufgebauten Schriften über die moderne Dichtung und Wissenschaft einen Namen gemacht. Als sein reifstes und bestes Werk gilt der Roman: »Die Mittagsgöttin«.
=Walther Siegfried=, geb. am 20. März 1858 in Zofingen (Schweiz), errang mit seinem Künstlerroman »Tino Moralt«, der sich durch feine Seelenmalerei auszeichnet, einen vollen Erfolg. Auf nicht ganz gleicher Stufe stehen seine späteren Werke: »Fermont« und »Um der Heimat willen«.
=Benno Rüttenauer=, geb. am 2. Febr. 1855 in Oberwittstadt, machte sich durch gediegene litterarische Essays bekannt. Die alte gute Kunstüberlieferung suchte er, im Gegensatz zur modernen Schule, in seinen Romanen und Novellen (»Unmoderne Geschichten«, »Zwei Rassen«) wieder zur Geltung zu bringen.
Die Amazonen des Geistes.
=Marie Eugenie delle Grazie=, geb. am 14. Aug. 1864 in Unter-Weißkirchen, veröffentlichte Gedichte und Epen, von denen das moderne großangelegte Epos »Robespierre« das bekannteste ist.
=Helene Böhlau= (Mädchenname der Frau al Raschid Bey), geb. am 22. Nov. 1859 in Weimar als Tochter des dortigen Hofbuchhändlers Herm. B., gelangte früh durch diese ›Verbindung‹ in die »Deutsche Rundschau« und zur Anerkennung. Als ihre besten Werke sind die »Ratsmädel-Geschichten« und »Der Rangierbahnhof« anzusehen. Ihr neuester Roman »Halbtier«, der viel Staub aufwirbelte, gehört der hysterischen weiblichen Anklagelitteratur an.
=Anna Croissant-Rust=, geb. am 10. Dez. 1860 in Dürkheim a/H., ist die Naturalistin ~par excellence~ in der deutschen Litteratur. (»Feierabend und andere Münchner Geschichten«, »Lebensstücke«, »Der standhafte Zinnsoldat«, »Der Kakadu und die Prinzessin auf der Erbse«.)
=Maria Janitschek=, geb. am 23. Juli 1860 in Mödling, ist ein starkes, dichterisches Talent, das eine besondere Vorliebe für absonderliche und krankhafte ~fin-de-siècle~-Menschen bekundet. Mit Laura Marholm steht sie an der Spitze der weiblichen Emanzipationsgegner und giebt ihren Gedanken über das moderne Weib rückhaltlosen Eindruck. (»Gesammelte Gedichte«, »Raoul und Irene«, »Aus der Schmiede des Lebens«, »Vom Weibe«, »Ins Leben verirrt«.)
=Emil Marriot= (Pseudon. für Emilie Mataja), geb. am 20. Nov. 1855 in Wien, gehört der realistischen Schule an. In ihren stark katholisch gefärbten Werken »Geistlicher Tod«, »Die Unzufriedenen«, »Caritas«, »Der Heiratsmarkt« u. a. kämpft sie mit Vorliebe für die Frauenemancipation.
=Hermione von Preuschen=, geb. am 7. August 1857 in Darmstadt, die Gattin Konrad Telmanns, versuchte sich als Dichterin und Malerin, ohne jedoch trotz aller Sensationsbestrebungen und Effekthascherei zu reüssieren (»Regina Vitae«, »Tollkraut«, »Via Passionis« u. a.).
=Lou Andreas-Salomé=, ist eine der gehaltvollsten und tiefsinnigsten Erzählerinnen, auf deren künstlerischen Werdegang die Nietzsche'sche Philosophie großen Einfluß gewann. Ihre Stärke liegt vor allem in der Zergliederung des Menschencharakters, der Analyse der geheimsten Seelenregungen. (»Ruth«, »Aus fremder Seele«, »Fenitschka«.)
=Gabriele Reuter=, geb. am 8. Februar 1859 in Alexandrien, errang einen vollen Erfolg mit ihrem viel von dem eigenen Denken und Fühlen verratenden Roman: »Aus guter Familie«, der die Leidensgeschichte eines jungen Mädchens enthält, das an der Erziehungslüge zu Grunde geht. 1896 folgte ein Novellenband: »Der Lebenskünstler«. Anfang 1900 ein neuer Roman: »Frau Bürgelin und ihre Söhne«.
=Anselm Heine= (Pseudon. für Selma Heine), geb. am 18. Juni 1855 in Bonn, gewann mit ihren Novellensammlungen: »Drei Novellen« und »Unterwegs« die Gunst des Publikums und der Kritik.
=Hans von Kahlenberg= (Pseudon. für Helene von Monbart), geb. am 23. Febr. 1870 in Heiligenstadt, zeichnete sich in ihren Werken »Ein Narr«, »Die Jungen«, »Die Familie von Barchewitz« und dem Briefwechsel »Nixchen« durch eine Erotik aus, die die Wahl eines Pseudonyms zur unbedingten Notwendigkeit machte.
=Elsa Asenijeff= (Pseudon. für Elsa Nestoroff), eine aus slavischer Abstammung geborene Wienerin, greift in ihren mit philosophischen Anschauungen durchtränkten Schriften, die an Offenheit nichts zu wünschen übrig lassen, vorzugsweise das »Ewig-Männliche« an. (»Ist das die Liebe?«, »Aufruhr der Weiber«, »Sehnsucht.«)
»Artisten«, Symbolisten und Unverstandene.
=Johannes Schlaf=, geb. am 21. Juni 1862 in Querfurt, ging vom Naturalismus aus (»Papa Hamlet«, »Familie Selicke« [in Gemeinschaft mit Arno Holz], »Meister Olze«) und wandte sich dann dem Symbolismus zu (»Frühling«, »Sommertod«, »Gertrud«). Von seiner Romantrilogie, die den Entwicklungsprozeß eines »Neumenschen« hamletschen Gepräges zeigen soll, ist bisher nur der 1. Band unter dem Titel: »Das dritte Reich«, ein Berliner Roman, erschienen. Sch.'s Produktion nach seiner Emancipation von Arno Holz zeigt, daß er dichterisch der bedeutendere der beiden war, wenn ihm auch das Kraftvoll-Männliche abgeht und ein weicher, verträumter Zug über seinen Werken liegt.
=Otto Julius Bierbaum=, geb. am 28. Juni 1865 in Grünberg, redigierte eine Zeitlang die »Freie Bühne«, die er in die »Neue Deutsche Rundschau« umtaufte, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus, gründete mit dem Halbpariser Julius Meier-Gräfe den »Pan« und ist gegenwärtig Mitherausgeber der »Insel«. B. warf sich zum Herold der Symbolisten auf, mit denen er eine Versicherungsgesellschaft auf gegenseitige Hochachtung und Anerkennung gründete, schrieb »Erlebte Gedichte«, »Studentenbeichten«, »Nemt Frouwe disen Kranz«, »Pankrazius Graunzer«, »Stilpe«, »Das schöne Mädchen von Pao« u. a., und giebt mit Vorliebe seinen Bierulk für Humor aus. Der Originalität wegen sieht er sich gern im Mittelalter, wenn nötig auch im Auslande, nach Gewändern um, seine Figuren damit zu behängen und ihnen auf diese Weise ein »charakteristisches Gepräge« zu geben, das ihnen sonst abgehen würde.
=Franz Evers=, geb. am 10. Juli 1871 in Winsen, erweckte mit seinen ersten Gedichtsammlungen »Symphonie« und »Fundamente« Hoffnungen, verlor sich jedoch später ganz in die Irrgänge der Mystik (»Hohe Lieder«, »Maria«, »Paradiese«), aus denen er bisher noch keinen Ausweg gefunden hat.
=Stanislaw Przybyszewski=, geb. am 7. Mai 1868 in Lojewo (Prov. Posen) sucht in seinen Schriften den Beweis von der Verwandtschaft des Genies mit dem Irrsinn zu erbringen, oder ist wenigstens bestrebt, beide so mit einander zu verquicken, daß es dem Leser schwer fällt, in dem einen das andere und in dem anderen das eine herauszufinden. Seine dämonisch-verrückt-genialen Dichtungen peinigen den Leser geradezu mit der Darstellung all' der wirklichen und eingebildeten Schmerzen einer zerfaserten ~fin-de-siècle~-Seele. Für Gleichgesinnte, die erfahren wollen, wie schwer sich der moderne Mensch das Leben machen kann und wie sehr er leidet, wie nicht minder für Irrenärzte, sind die P.'schen Werke (»~Homo sapiens~«, »~De profundis~«, »Satans Kinder«, »In diesem Erdenthal der Thränen«) eine pathologische Goldgrube.
=Richard Dehmel=, geb. den 18. November 1863 zu Wendisch-Hermsdorf, ist einer der vielumstrittensten und einflußreichsten Litteraten der Gegenwart, der, selbst ein Grübler, es verstanden hat, unklare Köpfe durch seine lyrischen Stammeleien noch unklarer zu machen. Neben den barocksten und verworrensten Gedichten gelingt ihm hin und wieder ein sehr gutes. Wir besitzen von ihm die Gedichtsammlungen »Erlösungen«, »Aber die Liebe«, »Lebensblätter«, »Weib und Welt«, ein Drama: »Der Mitmensch« und das Tanzspiel: »Luzifer.«
=Frank Wedekind=, geb. am 24. Juli 1864 in Hannover, hat sich mit Vorliebe auf dem Gebiete des Dramas oder richtiger des Schwankes bewegt. Er ist der Litteratur-Clown ~par excellence~, dessen tolle Sprünge und Capriolen leider nicht für den Mangel an jeder Handlung in seinen »Dramen«, die Groteskes und Tragisches in kunterbunter Mischung enthalten, entschädigen können. (»Die junge Welt«, »Der Erdgeist«, »Der Liebestrank« u. a.). Um seine litterarische Art und Stellung noch präziser zu kennzeichnen, sei daran erinnert, daß er einer der Hauptmitarbeiter des »Simplizissimus« war.
=Wilhelm von Scholz=, geb. am 15. Juli 1874 in Berlin, ist Verfasser von Gedichten (»Frühlingsfahrt«, »Hohenklingen«), die eine Neigung zu altdeutsch-romantischer Mystik bekunden, wie auch zweier Dramen oder richtiger lyrischer Gedichte in dramatischer Form (»Der Gast«, »Der Besiegte«), denen dieselben Merkmale anhaften.
=Felix Dörmann= (Pseudon. für Felix Biedermann), geb. am 29. Mai 1870 in Wien, liebte frühzeitig »die hektischen schlanken Narzissen, alles was krank und faul und wund«. Dieser Geschmacksrichtung entsprechen seine Gedichtsammlungen »Neurotica«, »Sensationen« und die Sittenkomödie »Ledige Leute«, in denen er sich als krampfhafter Dekadent erweist.
=Hugo von Hofmannsthal=, geb. am 1. Febr. 1874 in Wien, schrieb formschöne, feincisilierte, wenn auch dem Leben abgewandte Dichtungen. Seine Begabung ist hauptsächlich formalistischer und stilistischer Natur und seine Dramen (»Der Thor und der Tod«, »Der Abenteurer«, »Die Hochzeit der Sobeïde«), deren Stoffe zumeist der Märchenwelt entnommen sind, erinnern in vielem an D'Annunzio's letzte Werke. Als eine Bereicherung unserer Bühne sind sie nicht anzusehen.
=Hugo Salus=, geb. am 3. Aug. 1866 in Böhm.-Leipa, machte sich zuerst durch Gedichte im »Simplizissimus« und der »Jugend« bekannt, in denen schwere Gedanken mit übermütiger Schelmerei, ~fin-de-siècle~-tum mit altdeutscher Romantik in buntem Reigen vorüberziehen. (»Gedichte«, »Neue Gedichte«, »Ehefrühling«.)
=Peter Altenberg=, geb. am 9. März 1862 in Wien, machte mit einer Sammlung von Stimmungsbildern: »Wie ich es sehe« in Litteratenkreisen Aufsehen. Sie ist ebenso wie »Aschantee« ganz im impressionistischen Stile geschrieben, der sehr bequemerweise nur Andeutungen giebt und es dem Leser überläßt, sie weiter auszuführen.
=Stephan George=, geb. 1868 in Bingen a. Rhein, schrieb »Hymnen, Pilgerfahrten, Algabal«, »Die Bücher der Hirten und Preisgedichte, der Sagen und Sänge und der hängenden Gärten«, denen sich 1898 »Das Jahr der Seele«, 1899 »Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod« anschlossen. Seine Dichtungen -- ihrem »Wert« entsprechend meist auf das feinste Büttenpapier gedruckt -- sind oft nicht weniger verworren als die Titel, unter denen er sie herausgab.
=Alfred Mombert= kann denjenigen jüngstdeutschen Lyrikern zugezählt werden, deren überreizte, krankhafte Phantasie sich jeden Stoffes, jeder Empfindung bemächtigt, um ihnen dichterischen Ausdruck zu geben. Sein Gedichtband: »Die Schöpfung« läßt nicht klar erkennen, ob es sich um einen langatmigen Scherz oder um Phantasien eines geistig Gestörten handelt.
=Paul Scheerbart=, geb. am 8. Jan. 1863 in Danzig, früher »Bureauchef im Verlag deutscher Phantasten«, ist einer der seltsamsten Käuze in der neuzeitlichen Litteratur, der neben phantastischen Einfällen eine gute Dosis Blödsinn in seinen Schriften ablagert (»Tarub, Bagdads berühmte Köchin«, »Der Tod der Barmekiden« u. a.).
Nationale Jungösterreicher.
=Arthur von Wallpach=, geb. am 6. März 1866 in Vintl (Tirol), Schriftleiter des »Scherer«, veröffentlichte »Im Sommersturm« und »Sonnenlieder«, ernste formvollendete Dichtungen, die von nationalem Bewußtsein beseelt sind.
=Franz Herold=, geb. am 15. Febr. 1854 in Böhmisch-Leipa, gab heraus »Wachsen und Werden«, »Spuren«, »Fremde und Vaterland«, meistens Gedankendichtungen, denen er eine ansprechende Form zu geben versteht.
=Hermann Hango=, geb. am 16. Mai 1861 in Wien, verfaßte: »Zum Licht«, »Neue Gedichte«, »Faust und Prometheus«, »Nausikaa« (Trauerspiel), die sich durch schöne Form und Gedanken auszeichnen.
=Josef Kitir=, geb. am 11. Febr. 1867 in Aspang in Niederösterreich, Herausgeber der »Poetischen Flugblätter«, hat die Gabe, Ereignisse des alltäglichen Lebens mit großer dichterischer Stimmung zu schildern. K. veröffentlichte »Leben und Stimmung«, »Lyrische Radierungen«.
=Oskar Weilhart= (Pseudon. für Oskar Gerzer), geb. am 26. September 1868 in Mattighafen, schrieb mit seinem Bruder Josef Hafner eine Reihe von Dramen: (»Keine Sühne«, »Der Frauenkongreß«, »Brotlose Kunst«), die trotz mancher dramatischer Unbeholfenheiten das Ringen ehrlichen Könnens mit großen Stoffen beweisen.
=Franz Adamus=, geb. am 15. Okt. 1867 in Auschwitz, wurde durch sein in den schlesischen Bergwerksdistrikten spielendes Drama: »Familie Wawroch« bekannt, in welchem er mit gutem Gelingen den gesunden Realismus aus den Anfängen der modernen Litteraturentwickelung wieder auf die Bühne bringt.
=Emil Ertl=, geb. am 11. März 1860 in Wien, hat sich durch seine Novellen »Opfer der Zeit«, »Miß Grant«, »Die Perlenschnur« u. a. als feinsinniger Erzähler einen guten Namen errungen.
=Heinrich von Schullern=, geb. am 17. April 1865 in Innsbruck, wurde durch seine Skizzen (»Helldunkel«) bekannt, in denen man Stil, Grazie und Esprit, oft auch nicht immer gut verteilte satirische Spitzen findet. In seinem stellenweise stark polemisierenden Roman »Im Vormärz der Liebe« schildert er die Geschichte einer zur Lebenserkenntnis gelangenden Jugend.
=Hanns Weber-Lutkow= (Pseudon. für ~Dr.~ Hanns Pokorny), geb. am 27. September 1861 in Lemberg, veröffentlichte zahlreiche Skizzen und kritische Arbeiten und entrollte in seinen »Schlummernden Seelen« ergreifende Bilder aus dem Fühlen und Leben des niederen Volkes in Kleinrußland.
=Hugo Greinz=, geb. am 3. Juni 1873 in Innsbruck, Herausgeber des »Kyffhäuser«, gilt als kritischer Vorkämpfer für die Idee einer von der Großstadt unabhängigen österreichischen Provinzlitteratur. Seine Novellen »Küsse« stehen unter Jacobsen'schem Einflusse. Mit Heinrich von Schullern gab er 1898 den modernen Musenalmanach »Jung-Tirol« heraus.
Zur Charakteristik litterarischer und verwandter Blätter.
An der Spitze unserer Revuen und litterarischen Zeitschriften marschiert noch immer die von Julius Rodenberg gegründete und geleitete »Deutsche Rundschau«, der in Inhalt und Ausstattung die »~Revue des deux Mondes~« als Vorbild gedient hat. Erreichte sie auch nicht die Verbreitung und den Einfluß ihrer französischen Schwester, so hat sie doch alle Eigenschaften, die sie als ein vornehmes Organ im besten Sinne charakterisieren, das die Lobsprüche, welche ihm anläßlich des 25jährigen Bestehens, im November 1899, gewidmet wurden, durchaus verdient. In gewissem Abstande folgen »Nord und Süd«, herausgegeben von Paul Lindau, und die »Deutsche Revue«, von denen sich die letztere in neuester Zeit besonders durch ihre zahlreichen und umfangreichen Bismarckpublikationen hervorgethan hat.
Mehr dem Gebiet und dem Geiste der »Gartenlaube«, des »Daheims« u. s. w. nähern sich »Westermann's Monatshefte«, eine sehr konservativ gehaltene Zeitschrift, und »Velhagen und Klasings Monatshefte«, die dem litterarischen Schaffen unserer Tage, besonders dem der Tagesgrößen, aufmerksame Beachtung schenken und das Publikum gern einen Blick in die litterarischen Werkstätten thun lassen. Nicht für das große Publikum berechnet ist die »Neue Deutsche Rundschau«, die aus der »Freien Bühne« hervorging, eine der »freiesten« Monatsschriften, in der sich oft die wagehalsigsten Geschichtchen im Stile der Allermodernsten finden. Sie hat den Erfolg Hauptmanns und seine litterarische Stellung mit begründen helfen und uns mit einer Reihe Ausländer, namentlich nordischer Schriftsteller, bekannt gemacht, die ohne dieses Organ schwerlich in Deutschland zu Gehör gekommen wäre. Die »Neue Deutsche Rundschau« hat in den 90er Jahren im Litteraturleben fast dieselbe Stellung eingenommen, wie im vorausgegangenen Jahrzehnt »Die Gesellschaft«. Als die Sturm- und Drangperiode der 80er Jahre inauguriert wurde, scharten sich die neuen Streiter, alles was in Litteratur machte und revoltierte, aber keinen Verleger finden konnte, um das Banner der »Gesellschaft«, an deren Spitze M. G. Conrad und Karl Bleibtreu standen. Wie die Mitarbeiter der »Neuen Deutschen Rundschau« in S. Fischer, Berlin, so fanden die Jüngsten der »Gesellschaft« in Wilhelm Friedrich, Leipzig, ihren Verleger. Als die Bewegung, deren Bedeutung man nicht unterschätzen darf, wenngleich ihre Haupthelden viel gethan haben, sich um allen Kredit zu bringen, in ein ruhigeres Fahrwasser glitt, als man das Geschrei von der Wolle sonderte, da sank auch die »Gesellschaft« von Stufe zu Stufe, trieb sich, ohne festen Fuß fassen zu können, bei allen Verlegern umher und ist jetzt endlich im Verlage von E. Pierson, Dresden, vor Anker gegangen. Sie büßt nun ihre litterarische Vergangenheit, und es wird der energischen, zielbewußten Leitung des jetzigen Redakteurs, Dr. Ludwig Jacobowskis, bedürfen, sie in litterarischen Kreisen wieder »gesellschafts«fähig zu machen.
Mehr auf politischem als litterarischem Gebiete liegt die Bedeutung der »Grenzboten« und der »Preußischen Jahrbücher«. Ihre Glanzperioden gehören der Vergangenheit an, und namentlich die erstere, die früher auch in Österreich eine Rolle spielte, ist jetzt nur der Schatten von ehedem, als noch Gustav Freytag auf dem Redaktionssessel saß. Als gut geleitete, angesehene Zeitschriften sind noch die Zolling'sche »Gegenwart« und die »Nation«, das Organ des freisinnigen Abgeordneten Dr. Barth, zu nennen. Den gleichen Rang, nur mit stärkerer Betonung des politischen Teiles, nehmen in Österreich »Die Zeit« und die von Dr. Rudolf Lothar geleitete »Wage« ein. Zu ihnen hat sich seit April 1899 »Der Kyffhäuser«, eine von Hugo Greinz geleitete Monatsschrift, gesellt, die ihre Hilfe und Unterstützung den bedrohten nationalgesinnten Deutschen leiht. Von geringer Bedeutung und wohl nur in Litteratenkreisen begehrt, ist die »Wiener Rundschau«, eine von Constantin Christomanos und Felix Rappaport geleitete Halbmonatsschrift, die einen starken Zug nach Mystik und Symbolismus ~à la~ Strindberg und Maeterlinck bekundet.