Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900

Part 6

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=Wilhelm Wolters=, geb. am 8. November 1852 in Dresden, ist durch seine Romane: »Sterbliche Götter«, »Helene Pawlowna« und Erzählungen (»Indian Summer«, »Ach wenn du wärst mein eigen!«), besonders aber durch seine erfolgreiche dramatische Produktion (»Tragische Konflikte« etc.) dem größeren Publikum bekannt geworden.

=Franz von Königsbrun-Schaup=, geb. am 22. Februar 1857 in Cilli, schuf und befestigte seine litterarische Stellung durch die beiden Romane: »Die Bogumilen« und »Hundstagszauber«, die ihn als feinsinnigen Erzähler erkennen lassen. Künstlerisch weniger hoch stehen seine »Gedichte« und »Märchen«, und der mit Wolters zusammen geschriebene Schwank: »Der Hochzeitstag«, wird auf litterarischen Wert wohl überhaupt keinen Anspruch erheben.

=Fedor von Zobeltitz=, geb. am 5. Okt. 1857 in Spiegelberg, gehört zu unseren besten Unterhaltungsschriftstellern. Von seinen letzten Romanen erregte besonders »Der gemordete Wald« Interesse. Um die deutsche Bibliophilie hat sich Z. durch Herausgabe der »Zeitschrift für Bücherfreunde« verdient gemacht.

=Hanns von Zobeltitz=, geb. am 9. Sept. 1853 in Spiegelberg, schrieb eine Reihe Unterhaltungsromane im Stile des »Daheim« und der »Velhagen und Klasing'schen Monatshefte«, deren Redakteur Z. ist.

=Ida Boy-Ed=, geb. am 17. April 1852 in Bergedorf, eine der begabtesten Schriftstellerinnen der alten Schule, veröffentlichte eine große Zahl von Romanen, von denen »Die Schwestern«, »Abgründe des Lebens«, »Fanny Förster« und »Aus Tantalus' Geschlecht« den meisten Anklang fanden.

=A. v. der Elbe= (Pseudon. für Auguste von der Decken), geb. am 30. Nov. 1828 in Bleckede, setzte die »Chronica eines fahrenden Schülers von Clemens Brentano« fort und wandte sich vorzugsweise historischen Stoffen zu (»Lüneburger Geschichten«, »Brausejahre«, »Apollonia von Celle«, »Die jüngeren Prinzen«, »Der Seekönig« u. a.).

=Claire Glümer=, geb. am 18. Okt. 1825 in Blankenburg, führte sich mit Novellen und Skizzen in die Litteratur ein. (»Düstere Nächte«, »Aus der Bretagne«, »Junge Herzen«.)

=Sophie Junghans=, geb. am 3. Dez. 1845 in Kassel, ist Verfasserin einer Reihe von Unterhaltungsromanen, von denen »Der Bergrat«, »Ein Kaufmann«, »Lore Fay«, »Schwertlilie« und »Um das Glück« die bekanntesten sind.

=Luise Westkirch=, geb. am 8. Juli 1858 in Amsterdam, behandelte in ihren Romanen und Novellen mit männlicher Kraft und Rücksichtslosigkeit sociale Probleme der Gegenwart: »Aus dem Hexenkessel der Zeit«, »Die Streber«, »Los von der Scholle« u. a.

Romanciers des ~High-life~.

=Rudolf Lindau=, geb. am 10. Okt. 1830 in Gardelegen, hatte durch seinen diplomatischen Beruf Gelegenheit, die halbe Welt kennen zu lernen. Er ist Weltmann großen Stils und in Paris und London ebenso zu Hause wie in Peking und San Francisco. L. verfaßte mehrere größere Romane, die in den Kreisen der internationalen Gesellschaft spielen (»Robert Ashton«, »Gute Gesellschaft« u. a.) und gab Beschreibungen seiner umfassenden Reisen heraus (»China und Japan« u. a.).

=Ossip Schubin=, mit ihrem eigentlichen Namen Lolo Kirschner, geb. am 17. Juni 1854 in Prag, läßt ihre Romane zumeist in den Kreisen des internationalen ~high life~, besonders der österreichischen Adels- und Offizierskreise, spielen. Ihrem ersten Roman »Ehre« folgten »Schuldig«, »Unter uns«, »Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre«, »Gebrochene Flügel«, »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht« u. a. S. schreibt fesselnd und interessant, doch haben ihre Romane etwas skizzenhaftes und der Stil ist oft salopp oder gesucht.

=Baron Carl Torresani=, geb. am 19. April 1846 in Mailand, war österreichischer Kavallerieoffizier, bewirtschaftete einige Zeit sein Gut als Ökonom und widmete sich dann der Bildhauerei. Seine Romane, in denen er sich ganz als Österreicher giebt, spielen teils in den Kreisen der österreichischen Armee, teils in denen der internationalen Gesellschaft, für deren charakteristische Merkmale er einen scharfen Blick besitzt. »Aus der schönen wilden Lieutenantszeit«, »Schwarzgelbe Reitergeschichten«, »Mit tausend Masten«, »Auf gerettetem Kahn«, »Die Juckerkomtesse«, »Der beschleunigte Fall«, »Aus drei Weltstädten« u. a. Seiner Selbstbiographie gab er den Titel: »Von der Wasser- bis zur Feuertaufe. Werde- und Lehrjahre e. österreichischen Offiziers«.

=Johannes Richard zur Megede=, geb. am 8. Sept. 1864 in Sagan, trat erst als reifer Mann mit einer Reihe von Romanen vor die Öffentlichkeit. »Kismet«, »Unter Zigeunern«, »Quitt«, »Von zarter Hand«, die in den exklusiven Adelskreisen spielen und den Verfasser als einen scharfen Beobachter, der einen sicheren Blick für das Charakteristische besitzt, erkennen lassen.

=Bertha von Suttner=, geb. am 9. Juni 1843 in Prag, errang ihren größten Erfolg mit dem Tendenzroman: »Die Waffen nieder«, der für die Weltfriedensidee Propaganda macht. Von ihren übrigen Werken, die sehr ungleich im Werte sind, verdienen noch »Inventarium einer Seele« und »Das Maschinenzeitalter« genannt zu werden.

Die Feuilletonisten.

=Paul Lindau=, geb. am 3. Juni 1839 in Magdeburg, machte sich als Kritiker einen Namen, den er als produktiver Dichter rasch wieder einbüßte. Auch in seinen Romanen, die meist in Berlin ~W~ spielen und starken ~haut-gout~ aufweisen, ist er der Feuilletonist von ehemals geblieben, der nichts anderes als Eisenbahnlektüre geschrieben.

=Max Nordau= (Pseudon. für Südfeld), geb. am 29. Juli 1849 in Budapest, errang seinen größten Erfolg mit den von Alltagsweisheit triefenden »Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit«. Als Verfasser von »Entartung« scheint er an Paradoxomanie zu leiden oder sie zu heucheln.

=Julius Langbehn= hat mit seinem Buche »Rembrandt als Erzieher« einen beispiellosen Erfolg gehabt, weil es »die Menschen zu verwirren weiß«. Seine »40 Lieder eines Deutschen« zeigen die ganze dichterische Unfähigkeit L.'s, dessen phantastisches und konfuses Erstlingswerk eine geraume Zeit im Mittelpunkt aller litterarischen Diskussionen stand.

=Emil Peschkau=, geb. am 19. Febr. 1856 in Wien, gab eine Reihe von Skizzen, Epigrammen, Novellen und Romanen heraus, die ein hübsches Talent auf humoristischem und satirischem Gebiete erkennen lassen.

=Balduin Groller=, geb. am 5. Sept. 1848 in Arad, gilt als der geistreiche Plauderer, der aus nichts eine schnurrige Geschichte zusammendrechselt. (»Wenn man jung ist«, »Zehn Geschichten«, »In den Tag hinein« u. a.)

=Ferdinand Groß=, geb. am 8. April 1849 in Wien, schrieb zahlreiche Skizzen, Novellen und Romane, die den liebenswürdigen Plauderer und Feuilletonisten der Wiener Schule erkennen lassen. (»Blätter im Winde«, »Litterarische Modelle«, »Zum Nachtisch«, »In Lachen und Lächeln«.)

=Hermann Bahr=, geb. am 19. Juli 1863 zu Linz, kann als der Typus eines Journalisten gelten, der in allen Sätteln reitet, in Rom und Madrid zu Hause ist und überall sein Weanertum mitbringt. Ein geistreicher, talentierter Kopf, der sich gern die Bühne erobern möchte, aber auch als Schriftsteller immer Journalist bleibt. Er schrieb Romane, litteraturgeschichtliche Abhandlungen und Theaterstücke, von denen »Die neuen Menschen«, »Die Mutter«, »Tschaperl« und »Der Athlet« die bemerkenswertesten sind.

=Maximilian Harden= (~recte~ Witkowski), geb. am 20. Okt. 1861 in Berlin, Herausgeber der »Zukunft«, einer der gewandtesten und vielseitigsten Journalisten, veröffentlichte seine kritischen Aufsätze unter dem Titel: »Apostata« und »Theater und Litteratur«. (Vergl. Zur Charakteristik litterar. und verwandter Blätter.)

Die Industriellen.[4]

[4] Diese Rubrik, die ihrer Natur nach die umfangreichste des ganzen Werkchens darstellen müßte, wurde auf Veranlassung des Verlegers »als unerheblich« (?!) auf das »unbedingt Notwendige« beschränkt.

=Gregor Samarow= (Pseudon. für Oskar Meding), geb. am 11. April 1829 in Königsberg i. Pr., kultivierte besonders den sensationell gefärbten Zeitroman (»Scepter und Kronen«, »Europäische Minen und Gegenminen«, »Zwei Kaiserkronen« und Dutzend andere).

=Dr. Alfred Friedmann=, geb. am 26. Okt. 1845 in Frankfurt a. M., »ist seit 27 Jahren auf allen Gebieten erfolgreich thätig, seine Romane standen in der »Köln. Ztg.«, in »Westermanns Monatsheften«, »Nord und Süd«, »Berliner Tageblatt« etc., seine Gedichte in 3 Bänden gesammelt, standen überall. Zahlreiche Feuilletons trugen ihm Briefe bis aus Ostindien ein, Heyse, Geibel, Bodenstedt, Lingg etc. schrieben über den Dichter und waren ihm befreundet. F. war Redakteur in Wien, ist es in Berlin, reiste zu Kongressen und wurde von Reclam in 7 Bänden von je 8 Auflagen ~à~ 5000 Exemplare verlegt«.[5]

[5] Unverkürzt nach den eigenen Angaben des Dichters.

Die dramatischen Hauptmänner der Gegenwart.

=Ernst von Wildenbruch=, geb. in Beirut am 3. Febr. 1845, ist einer der erfolgreichsten Dramatiker der Gegenwart, seiner Artung nach mehr den Älteren, denen Schiller noch keine abgethane Größe ist, als den Modernen zuzuzählen. Wird auch bei ihm die Charakteristik sehr oft durch die Rhetorik ersetzt, so ist er doch unerreicht in der Schaffung wirkungsvoller Scenen. Von seinen erfolgreichsten Stücken der ersten Zeit führen wir an »Die Karolinger«, »Harold«, »Der Mennonit«, »Väter und Söhne«. Später entnahm W. hauptsächlich den Stoff seiner Dramen, in denen sich der Hurrahpatriotismus auf Kosten des dichterischen Gehalts breit macht, der Geschichte der Hohenzollern (»Die Quitzows«, »Der Generalfeldoberst«, »Der neue Herr«, »Heinrich und Heinrichs Geschlecht«). Den Einfluß Sudermanns zeigt das realistische Stück »Die Haubenlerche«. Neben dem Dramatiker W. feierte der Erzähler Triumphe (»Humoresken«, »Der Astronom«, »Eifernde Liebe«, »Schwester-Seele« u. a.). W.'s dichterisches Können findet den stärksten Ausdruck in seinen Kindergeschichten: »Das edle Blut«, »Kinderthränen«.

=Gerhart Hauptmann=, geb. am 15. Nov. 1862 in Salzbrunn, hat sich in verschiedenen Berufen versucht, bevor er den Dichter in sich entdeckte. Durch Arno Holz wurde er dem konsequenten Naturalismus gewonnen; sein erstes Stück: »Vor Sonnenaufgang« steht ganz unter dem Einflusse ausländischer Vorbilder, vor allem Ibsens. Nicht höher sind die nächsten Dramen: »Das Friedensfest« und »Einsame Menschen« zu werten. Erst das sociale Drama »Die Weber«, das ein Bild von der Lage des deutschen Arbeiters in der letzten Vergangenheit giebt, brachte ihm den ersehnten Erfolg, der durch die beiden nächsten Stücke »College Crampton« und »Der Biberpelz«, die hauptsächlich Charakterstudien sind, in denen sich eine humoristische, stark mit Satire vermischte Ader offenbart, noch mehr befestigt wurde. Die nun folgende Traumdichtung »Hannele« zeigt den Dichter im Lager der Symbolisten. Im »Florian Geyer« sucht er mit vergeblichem Bemühen das historische Drama zu meistern. Den Mißerfolg des letzteren Stücks, das alles andere, nur nicht historisch ist, glich H. mit der »Versunkenen Glocke« aus, die auf allen großen Theatern den Ruhm des Dichters kündete, der durch sein nächstes Stück »Fuhrmann Henschel« zu einem unbestrittenen wurde. Ein Mißerfolg war seiner letzten Schöpfung, »einer unbesorgten Laune Kind«: »Schluck und Jau, Spiel zu Scherz und Schimpf mit 5 Unterbrechungen«, die er noch bezeichnender Erlösungen hätte benamsen können, beschieden. Sie beweist aufs neue, welch' großer Dichter Shakespeare war, von dem sich H. zu dem Stücke »anregen« ließ. H. ist in erster Linie novellistisches Talent, (vgl. auch »Bahnwärter Thiel«), ein scharfer Beobachter und ein Meister der Kleinmalerei. Seine dichterische Entwicklung ist sprungweise vor sich gegangen, er hat sich auf allen Gebieten versucht, ehe er das Rechte fand, das ihn aus einem psychologischen Destillateur zum Dichter machte.

=Hermann Sudermann=, geb. am 30. Sept. 1857 in Matziken in Ostpreußen, ergriff zuerst wie Ibsen -- mit dem er sonst keine Berührungspunkte hat -- den Apothekerberuf, studierte dann in Königsberg und Berlin Geschichte und Sprachen und wandte sich später ganz der Litteratur zu. Ursprünglich als Romanschriftsteller thätig, errang er seinen ersten glänzenden Erfolg mit dem Schauspiel »Ehre«, das über sämtliche deutsche und ausländische Bühnen ging. Ein starkes theatralisches Talent, hat er es immer verstanden, Konzessionen an die große Menge zu machen. Er kennt sein Publikum und weiß, was er ihm vorzusetzen hat, daher findet er selten den Mut einer Tendenz. Ein trostloser Pessimismus geht durch seine Stücke, in denen er das Faule und Morsche mit besonderer Vorliebe behandelt, ohne jedoch den Weg zu einer besseren Zukunft auch nur anzudeuten. Über den Mangel an dichterischem Gehalt täuscht er hinweg durch eine brillante Technik und eine feine Witterung für die modernsten Probleme. Seine Kunst ist keine innerliche, sie läßt eine selbständige Weltanschauung vermissen. Das tritt nicht nur in seinem ersten Stück, sondern auch in seinen späteren Schöpfungen: »Sodoms Ende«, »Heimat«, »Schmetterlingsschlacht«, »Morituri«, »Das Glück im Winkel«, »Johannes«, »Die drei Reiherfedern« zu Tage. Über dem Dramatiker wird häufig der Romancier Sudermann vergessen, der uns mit einer Reihe spannend geschriebener Romane und Novellen: »Im Zwielicht«, »Frau Sorge«, »Geschwister«, »Der Katzensteg«, »Jolandes Hochzeit«, »Es war« beschenkt hat, unter denen »Frau Sorge« obenan steht.

Die kleineren Dramatiker der Neuzeit.

=Max Halbe=, geb. am 4. Okt. 1865 in Guettland bei Danzig, errang einen durchschlagenden Erfolg mit dem Stücke: »Jugend«, der ihn für kurze Zeit in die Reihe der ersten Dramatiker stellte. Es gelang ihm jedoch nicht, mit seinen späteren Stücken »Der Amerikafahrer«, »Lebenswende«, »Mutter Erde«, »Das tausendjährige Reich«, von denen das letztgenannte ein bedeutsamer Ansatz zum modern-historischen Drama ist, diese Stellung zu behaupten, so sehr sie auch Zeugnis von seinem ernsten künstlerischen Streben ablegen. H.'s Kunst wurzelt in seiner heimatlichen westpreußischen Erde und hat ihre stärksten Seiten in lyrischen Feinheiten. Von starkem dichterischen Gehalt ist seine Dorfgeschichte »Frau Meseck«.

=Ludwig Fulda=, geb. am 15. Juli 1862 in Frankfurt a/M., erweckte bei dem Erscheinen der Schauspiele »Das verlorene Paradies« und »Talisman« große Hoffnungen, die jedoch nicht verwirklicht wurden, da sich seine Muse immer mehr zu Roderich Benedix hingezogen fühlte. F. ist ein geistreicher, formgewandter Causeurpoet, seine Stücke hübsch gedrechselte Salonware, ohne großen Gehalt, aber amüsant und auf Massenerfolg hin geschrieben (»Die Kameraden«, »Robinsons Eiland«, »Der Sohn des Kalifen«, »Jugendfreunde«, »Schlaraffenland«). Bemerkenswertes leistete F., der über große Formgewandtheit und sprachliches Talent verfügt, auf dem Gebiete des Epigramms und der Spruchdichtung, sowie als Übersetzer (Molière, Rostand).

=Arthur Schnitzler=, geb. am 15. Mai 1862 in Wien, hatte bedeutende Bühnenerfolge mit seinen Schauspielen »Anatol«, »Märchen«, »Liebelei«, »Freiwild«. Er ist der Liebespsychologe der Halbwelt, ein Dichter der tändelnden, leichten, freien Liebe, der »kleinen süßen Mädels«, wie sie Wien kennt. Seine Männer sind echte Lebemänner, die skrupellos ihrem Vergnügen nachgehen und es dort suchen, »wo man lächelnd den ersten Kuß empfängt und mit sehr sanfter Rührung scheidet«.

=Josef Lauff=, geb. am 16. Nov. 1855 in Köln, begann seine litterarische Laufbahn mit epischen Gedichten (»Jan van Calker«, »Der Helfensteiner«, »Die Overstolzin«, »Klaus Störtebecker« u. a.) und wandte sich dann unter kaiserlicher Protektion dem Drama zu (»Der Burggraf«, »Der Eisenzahn«). In seinen Epen ist er ein verwässerter Julius Wolff, in seinen Dramen ein verwässerter Wildenbruch.

=Felix Philippi=, geb. am 5. Aug. 1851 in Berlin, wandte sich fast ausschließlich der dramatischen Produktion zu (»Daniela«, »Wohlthäter der Menschheit«, »Wer war's?«, »Das Erbe«, »Der goldene Käfig« u. a.). Seine letzten Stücke, die meist sensationellen Hofgeschichten oder politischen Vorkommnissen ihre Entstehung verdanken, wurden beifälliger vom Publikum als von der Kritik aufgenommen.

=Max Dreyer=, geb. am 25. Sept. 1862 in Rostock, führte sich vor ein paar Jahren mit dem Drama »Eine« verheißungsvoll in die Litteratur ein, schuf jedoch bald Stücke (»In Behandlung«, »Großmama«, »Hans«, »Der Probekandidat«), an denen der klug rechnende Verstand mehr Anteil hat, als das künstlerische Gewissen. Sie sind weniger Dichtungen als Rechenexempel, deren Richtigkeit allerdings durch den Erfolg bestätigt wird.

=Josef Ruederer=, geb. am 15. Okt. 1861 in München, schuf in seinem Erstlingsromane: »Ein Verrückter. Kampf und Ende eines Lehrers« prächtige Gestalten und in der »Fahnenweihe« eine lebendige Sittenkomödie. Seine neuesten Veröffentlichungen: der Novellenband »Tragödien« und »Wallfahrer-, Maler- und Mördergeschichten« stehen nicht ganz auf gleicher Höhe.

=Caesar Flaischlen=, geb. am 12. Mai 1864 in Stuttgart, Redakteur des »Pan«, ist ein sprödes und nicht sehr ergiebiges Dichtertalent, das stets die »Moderne« auf sich einwirken ließ. Seine Dramen: »Toni Stürmer« und »Martin Lehnhardt, ein Kampf um Gott« stehen ganz unter dem Einflusse Strindbergs.

=Otto Erich Hartleben=, geb. am 3. Juni 1864 in Clausthal, ist der Ironiker unter den Modernen, der bei Maupassant in die Schule gegangen ist und mit liebenswürdigem Humor seine Geschichten und Schnurren, die er vorsorglich meist irgend einem Philister in den Mund legt, zu erzählen weiß (»Die Geschichte vom abgerissenen Knopf«, »Vom gastfreien Pastor«, »Der römische Maler«). Als Dramatiker ist er Thesendichter (»Ein Ehrenwort«, »Die Erziehung zur Ehe«, »Ein wahrhaft guter Mensch« u. a.).

=Philipp Langmann=, geb. am 5. Febr. 1862 in Brünn, errang einen großen und verdienten Erfolg mit seinem socialen Arbeiterdrama »Bartel Turaser«, der seiner späteren dramatischen Produktion (»Die vier Gewinner«, »Gertrud Antleß«) ebenso verdienter Weise versagt blieb. Seine ganz in impressionistischem Stile geschriebenen »Realistischen Erzählungen« und »Ein junger Mann von 1895 und andere Novellen« sind bedeutungslos. Hübsche stimmungsvolle Bilder enthält dagegen sein neuester Novellenband »Verflogene Rufe«.

=Ernst Rosmer= (~recte~ Frau Elsa Bernstein) schrieb »Wir Drei«, »Dämmerung«, »Königskinder«, sowie den Novellenband »Madonna«, in denen sie den Spuren Gerhart Hauptmanns folgt.

=Georg Hirschfeld=, geb. am 17. Febr. 1873 in Berlin, schuf seine Schauspiele aus dem engen Kreise seiner (jüdischen) Familie heraus. »Zu Hause«, »Die Mutter« und »Agnes Jordan« errangen daher bei dem Berliner Premièrenpublikum freundliche Erfolge.

Tendenzfreie Lyriker der jüngsten Zeit.

=Detlev von Liliencron=, geb. am 3. Juni 1844 in Kiel, war Offizier und wandte sich erst im reifen Mannesalter der Litteratur zu. Seine litterarische Stellung verdankt er hauptsächlich seinen Gedichten, in denen er sich als durchwegs subjektiver Dichter zeigt, dessen Werke den Stempel der Ursprünglichkeit und des Selbsterlebten tragen. (»Adjutantenritte«, »Gedichte«, »Der Haidegänger«, »Neue Gedichte«, »Ausgewählte Gedichte«, »Kämpfe und Ziele«.) Die Form seiner Werke ist nicht immer einwandfrei, weil oft ein burschikoses Sichgehenlassen hervortritt, aber die Unmittelbarkeit seiner Empfindungsdarstellung und die Frische seiner Gedanken vermögen wohl für diese Fehler zu entschädigen. Sein bester Roman ist »Breide Hummelsbüttel«, der in den Kreisen des holsteinischen Landadels spielt. Viel Lob ernteten auch seine Novellensammlungen: »Eine Sommerschlacht«, »Kriegsnovellen«, »Unter flatternden Fahnen« und sein neuester Roman: »Mit dem linken Ellenbogen.«

=Gustav Falke=, geb. am 11. Januar 1853 in Lübeck, steht hinsichtlich der Begabung Detlev v. Liliencron am nächsten. Obwohl seine Lyrik viel Formales enthält, hat er doch die Mittel, die höchsten und reinsten Wirkungen zu erzielen und den Leser in seine Stimmungen hineinzuzwingen. Gedichte: »Mynheer der Tod und andere Gedichte«, »Tanz und Andacht«, »Zwischen zwei Nächten«, »Neue Fahrt«, »Mit dem Leben«. Seinem stark realistisch gefärbten Hamburger Roman »Landen und Stranden« ließ er vor kurzem den psychologischen Roman eines ~fin-de-siècle~-Menschen: »Der Mann im Nebel« folgen.

=Carl Busse=, geb. am 12. Nov. 1872 zu Lindenstadt in Posen, lenkte schon als Schüler die Aufmerksamkeit litterarischer Kreise auf sein dichterisches Schaffen. In seinen »Gedichten« und »Neuen Gedichten«, die in der Form von größter Reinheit sind, ist alles Farbe, Glanz und Stimmung. Seine Romane und Novellen entbehren der Charakteristik, während seine litteraturgeschichtlichen Untersuchungen feine Bemerkungen und treffende Urteile aufweisen.

=Ludwig Jacobowski=, geb. am 21. Januar 1868 in Strelno, Herausgeber der »Gesellschaft«, ist einer der fleißigsten und begabtesten der jüngeren Dichtergeneration. Seine Gedichte (»Aus bewegten Stunden«, »Funken«, »Aus Tag und Traum«, »Leuchtende Tage«), zeigen ein eigenartiges Gepräge, das auch in seinen Romanen »Werther der Jude«, »Loki« und der Novellensammlung »Und Satan lachte« zu Tage tritt.

=Richard Zoozmann=, geb. am 13. März 1863 in Berlin, mehr Dilettant als Dichter, gab eine ganze Reihe von Gedichtsammlungen heraus, von denen hier »Minneborn«, »Lieder, Romanzen und Balladen«, »Neue Dichtungen«, »Aus Herz und Welt«, »Aus allen Zonen« genannt sein mögen.

=Reinhold Fuchs=, geb. am 8. Juni 1858 in Leipzig, ist gleich ausgezeichnet als Lyriker wie als Epiker. Die Versnovellen »Strandgut« und »Herzenskämpfe«, drei Erzählungen in Versen, sind »goldene Früchte in silbernen Schalen« und brauchten den Vergleich mit Tennyson nicht zu scheuen.

=Jeannot Emil Freiherr von Grotthuß=, geb. am 5. April 1865 in Riga, Chefredakteur des »Türmer«, zeigt sich in seinen auch formell einwandfreien Gedichten »Gottsuchers Wanderlieder«, sowie in der Erzählung: »Der Segen der Sünde« als ein überzeugungstreuer Christ.

=Ricarda Huch= (~recte~ Frau Ricarda Ceconi), geb. am 16. Juli 1864 zu Porte Alegre, bekundete in ihren im Denken und Fühlen modernen »Gedichten«, sowie in dem Roman »Erinnerungen von Ludolf Urslen dem Jüngeren« ein starkes poetisches Talent.

=Alfred Beetschen=, geb. am 8. Okt. 1864 in Aarau, ist ein feinsinniger, liebenswürdiger Dichter, dem auch Witz und Satire nicht fremd sind. Seine »Gedichte«, die er 1898 herausgab, spiegeln fast durchweg Selbsterlebtes und -empfundenes wider. Ein hübsches wenn auch nicht gerade bedeutendes novellistisches Talent spricht aus den »Flegeljahren der Liebe«.

=Hans Bethge=, geb. am 9. Januar 1876 in Dessau, der Jüngsten einer in der Litteratur, debütierte mit dem Skizzenbuche »Syrinx«, dem er Gedichte: »Die stillen Inseln« folgen ließ, in denen sich eine frische, fröhliche Jugend ausspricht, die aber dank des Storm'schen Vorbildes künstlerisch nicht auf Abwege gerät. Er ist ein Moderner und doch »unmodern«, weil er noch Ideale hat.

=Anna Ritter=, geb. am 23. Febr. 1865 in Coburg, gab 1898 »Gedichte« heraus, die die leidenschaftliche hingebende Liebe des Weibes in formvollendeten Versen zum Ausdruck bringen.

=Johanna Ambrosius= (~recte~ Johanna Voigt), geb. am 3. August 1854 in Lengwethen, führte sich als »arme Bäuerin« in die Litteratur ein und verdankte dieser Darstellung einen großen buchhändlerischen Erfolg ihrer »Gedichte«.

=Ludwig Palmer= brauchte kaum als »Arbeiter« gleichsam entschuldigend in die Litteratur eingeführt zu werden. Ein großer Teil seiner »Lieder eines Arbeiters« sind, bei tiefem Gefühlsgehalt, in der Form tadellos.

=Gustav Renner=, geb. am 17. Oktober 1866 in Freiburg in Schl., war ursprünglich Buchbinder und ging dann zur Kunstmalerei über. Seine »Gedichte« erregten Aufsehen und wurden von der Kritik ebenso günstig aufgenommen, wie die »Neuen Gedichte«, die eher eine Steigerung als eine Abnahme seines dichterischen Könnens verraten.

Philosophische und polemische Dichter.