Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900
Part 5
=Nataly von Eschstruth= (Mädchenname der jetzigen Frau v. Knobelsdorff-Brenkenhoff), geb. am 17. Mai 1860 in Hofgeismar, wurde vom Deutschen Schriftsteller-Verband als die »beliebteste« Erzählerin proklamiert und ist bemüht, durch die Quantität zu ersetzen, was ihr an Qualität fehlt. Ihre »Werke« stehen noch unter denen der Marlitt, Heimburg etc.
Die »Jüngstdeutschen« und ihre Vorkämpfer.
=Karl Bleibtreu=, geb. am 13. Januar 1859 in Berlin, schrieb mehr Bände als er Jahre zählt und ist einer der großen Woller und kleinen Könner. Vielseitig veranlagt und ein geistreicher, witziger Kopf, irrlichtelierte er von einem Gebiete zu dem andern, ohne über Ansätze hinauszukommen und ohne Fähigkeit zur Konzentration und -- Bescheidenheit. Ist Feuer in seinen Werken, so ist es sicher Brillantfeuer, das keine Wärme giebt und dessen Abbrennen teilnahmlos läßt. Von seinen zahlreichen Werken nennen wir nur »Dies irae, Erinnerungen eines französischen Offiziers«; die Aufzählung seiner dramatischen, lyrischen und epischen Produktion, wie seiner Glaubensbekenntnisse, müssen wir uns Raummangels wegen versagen. Die Broschüre: »Die Revolution der Litteratur«, die zum ersten Mal dem großen Publikum Kenntnis von den Absichten der »Jungen« gab, hat ein gewisses litterarhistorisches Interesse.
=Michael Georg Conrad=, geb. am 5. April 1846 zu Gnodstadt in Franken, eine eigenartig und scharf ausgeprägte Dichternatur mit einer ausgesprochenen Neigung zu politischer Bethätigung, gab in Gemeinschaft mit Karl Bleibtreu die »Gesellschaft« heraus, die er ganz in den Dienst der modernen Ideen stellte. Seine von Zola und einem jahrelangen Aufenthalt in Paris beeinflußten Romane: »Was die Isar rauscht«, »Die klugen Jungfrauen«, »Die Beichte des Narren«, »In purpurner Finsternis« u. a. sind nicht frei von Kraftmeierei und Übertreibungen.
=Hermann Conradi=, geb. am 12. Juni 1862 in Jeßnitz, gest. am 8. März 1890, eins der Häupter der Stürmer und Dränger, schrieb »Brutalitäten«, »Lieder eines Sünders« und die Romane: »Phrasen« und »Adam Mensch«, Werke, die von Brutalitäten, Phrasen, Menschlichem und Allzumenschlichem strotzen, und nur als ~documents humains~ von einigem Interesse sind.
=Konrad Alberti= (~recte~ Konrad Sittenfeld), geb. am 9. Juli 1862 in Breslau, schrieb eine Reihe von Romanen, Novellen und Dramen im Stile der Jüngstdeutschen, unter denen die Romane »Wer ist der Stärkere?« und »Die Alten und die Jungen« die bedeutendsten sind. Seine spätere Produktion wandte sich dem Unterhaltungsroman zu und entbehrt jeder Eigenart. (»Die Rose von Hildesheim«, »Die schöne Theotaki« u. a.)
=Heinrich Hart=, geb. am 30. Dez. 1855 in Wesel, Kritiker der »Täglichen Rundschau«, gab in Gemeinschaft mit seinem Bruder die »Kritischen Waffengänge« heraus, durch die sie den Modernen, mit denen sie in ihrem dichterischen Schaffen sonst wenig Gemeinsames haben, nahetraten. Das hervorragendste Werk H.'s ist das Epos »Das Lied der Menschheit«.
=Julius Hart=, geb. am 9. April 1859 in Münster, Bruder des vorigen, schrieb teils selbständig, teils in Gemeinschaft mit seinem Bruder eine Reihe kritischer und dichterischer Werke, von denen wir die Gedichtsammlung »Sansara«, das Schauspiel »Sumpf«, die Prosadichtung »Sehnsucht« und das zweibändige, populär geschriebene Werk: »Geschichte der Weltlitteratur« hervorheben.
=Hermann Heiberg=, geb. am 17. Nov. 1840 in Schleswig, Herausgeber der Halbmonatsschrift »Niedersachsen«, stand ursprünglich mit den Modernen in engster Fühlung, glitt jedoch später ganz in das Fahrwasser der Unterhaltungslitteratur. Zu seinen bekanntesten Werken sind die »Plaudereien mit der Herzogin von Seeland«, »Apotheker Heinrich« und »Eine vornehme Frau« zu zählen, die sämtlich seiner ersten Schaffensperiode angehören.
=Max Kretzer=, geb. am 7. Juni 1854 in Posen, arbeitete sich vom Fabrikarbeiter zum Schriftsteller empor. Seine Romane, die stark realistisch gefärbt sind und ihm den Namen: der deutsche Zola eintrugen, spielen meist in den Arbeiterkreisen der Reichshauptstadt, die er vorzüglich kennt und zu portraitieren versteht. (»Meister Timpe«, »Der Millionenbauer«, »Die gute Tochter« u. a.) Mit seinem letzten Roman: »Das Gesicht Christi« ging er vom Realismus zum Symbolismus über.
=Wilhelm Walloth=, geb. am 6. Okt. 1856 zu Darmstadt, kämpfte in den Reihen der Modernen an erster Stelle. Seine Romane aus dem Rom des Niederganges »Oktavia«, »Paris der Mime«, »Ovid«, »Dämon des Neides«, denen jede Konzentration fehlt, hielten nicht, was er früher versprochen. Mit seinem neuesten Roman: »Im Banne der Hypnose« erregte er statt Sensation Langeweile. Seine Dramen: »Marino Falieri«, »Johann von Schwaben« sind reich an schönen Einzelheiten, aber als Ganzes betrachtet verfehlt.
=Wilhelm Arent=, geb. am 7. März 1864 in Berlin, spielte früher auf der Bühne, später in der litterarischen Bewegung der 80er Jahre eine Rolle und war Mitherausgeber der »Modernen Dichtercharaktere«. Seine Poesie (mehr als 30 Bände!) ist überreich an Stimmung, aber form- und gedanken-, ja sinnlos.
=Wolfgang Kirchbach=, geb. am 18. Sept. 1857 zu London, schloß sich nur locker der »Moderne« an und ist immer mehr seinen eigenen oft sonderlichen Ideen nachgegangen. (»Ausgewählte Gedichte«, »Lebensbuch«, »Das Leben auf der Walze«.) Seine Dramen »Des Sonnenreiches Untergang«, »Gordon Pascha« fanden nur geteilte Aufnahme.
Socialistische Lyriker.
=Arno Holz=, geb. am 26. April 1863 in Rastenburg, ist allem Anschein nach ein Talent, das eine große Zukunft vor sich hat. Sein »Buch der Zeit« schlug neue, eigenartige Töne an und ließ H., der ursprünglich als Geibelianer auftrat, als den berufensten socialistischen Lyriker erscheinen. Aus seiner Verbindung mit Johannes Schlaf gingen die Novellen: »Papa Hamlet« und das naturalistische Drama: »Familie Selicke« hervor. Sein Drama »Socialaristokraten« fiel gänzlich ab und die neue Dichtkunst, die er im »Phantasus« predigt und für die er bereits eine »Revolution in der Lyrik« in Szene setzte, hat ihm nur mitleidiges Lächeln und Achselzucken eingebracht, obwohl sie sich schon durch ihre Einfachheit vorteilhaft vor anderen »Methoden« auszeichnet.
=Karl Henckell=, geb. am 17. April 1864 in Hannover, gab mit Arent die »Modernen Dichtercharaktere« heraus und stand mit seinen »Strophen« und »Amselrufen«, die sich durch Glätte und Formgewandtheit auszeichnen, an der Spitze der socialistischen Lyriker.
=Maurice Reinhold von Stern=, geb. am 3. April 1859 in Reval, hat eine außerordentlich bewegte Vergangenheit hinter sich, die ihn nach Deutschland, Amerika und der Schweiz führte. (Nach dem Zusammenbruch seiner Buchhandlung in Zürich postalisch und polizeilich nicht zu ermitteln.) In seinen »Proletarierliedern«, »Ausgewählten Gedichten« u. a. finden sich neben Naturbildern von Glanz und Stimmung, Plattes und Geschmackloses. Sein autobiographischer Roman »Walther Wendrich« zeigt seine Unfähigkeit, einen Stoff zu meistern und dichterisch zu gestalten. Großes auf kleines übertragen, gilt von ihm das Wort Goethes über Grabbe: »Er wußte sich selbst nicht zu zähmen, darum zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten«.
=John Henry Mackay=, geb. am 6. Febr. 1864 in Greenock in Schottland, ist ein Dichter mit revolutionären und salonanarchistischen Tendenzen, in dessen Werken Denker, Dichter und Politiker in gleicher Weise zu Worte kommen (»Kinder des Hochlands«, »~Arma parata fero~«, »Sturm«, »Wiedergeburt«, »Gesammelte Dichtungen«, das Kulturgemälde: »Die Anarchisten« u. a.).
=Bruno Wille=, geb. am 6. Febr. 1860 in Magdeburg, zeigt sich in seinen Gedichten und philosophischen Schriften als freier unabhängiger Denker, der, vom Socialismus ausgehend, den Weg zum Individualismus findet. (»Einsiedelkunst aus der Kiefernhaide« u. a.)
Die Nationalen.
=Adolf Pichler=, geb. am 4. Sept. 1819, ist der älteste Tiroler Dichter: sein Leben und seine Werke reichen von der »Franzosenzeit« bis zur Gegenwart. Ein Gelehrter und von allseitiger Bildung, weiß er doch wahrhaft volkstümlich zu erzählen (»Allerlei Geschichten aus Tirol«, »Letzte Alpenrosen«, »Aus den Tiroler Bergen« u. a.). Er hat ferner als Lyriker »Hymnen« geschrieben, »Spätfrüchte« und »Marksteine«. Unter den Vorkämpfern einer liberalen Weltanschauung, aber milde und versöhnlich, steht er in vorderster Reihe.
=Karl Pröll=, geb. in Graz 1840, bekannt als journalistischer Vorkämpfer des Deutschtums in Böhmen, lebt seit vielen Jahren als Schriftsteller in Berlin, von wo er neben zahllosen politischen Schriften seine Lieder »Sturmvögel«, »Vergessene deutsche Brüder« u. s. w. und seine prächtigen Sammlungen von Skizzen und Novellen »Moderner Todtentanz«, Bd. 1--5, »Vogelbeeren«, »Spreu im Winde« etc. veröffentlichte.
=Fritz Lienhard=, geb. am 4. Okt. 1865 in Rothbach i/Els., war von 1893--1895 Redakteur des
»Zwanzigsten Jahrhunderts« und Anfang 1900 auf kurze Zeit Herausgeber der »Heimat«. Bedeutend sind seine »Lieder eines Elsässers«, sein Wanderbuch »Wasgaufahrten« und besonders seine Dramen »Naphtali«, »Weltrevolution«, »Till Eulenspiegel«. In seiner schriftstellerischen und journalistischen Thätigkeit sucht er der »Heimatkunst«, dem Nationalen in Dichtung und Leben, den Weg zu ebnen.
=Anton Ohorn=, geb. am 22. Juli 1846 in Theresienstadt, schrieb zahlreiche Romane, Erzählungen und Novellen, von denen das meiste Aufsehen die nationale Erzählung »Das deutsche Lied« gemacht hat.
=Anton August Naaff=, geb. am 28. Nov. 1850 in Weitentrebetitsch, Herausgeber der »Lyra« in Wien, veröffentlichte die Liedersammlungen im Volkstone: »Aus dem Dornbusch«, »Gartheil und Krauseminz«, »Der Sonn' entgegen«, »Gerda« u. a.
=Ottomar Beta= (eigentlich Bettziech), geb. am 7. Febr. 1845 in Berlin, wurde in England erzogen. B. veröffentlichte außer zahlreichen nationalökonomischen, socialpolitischen und politischen Schriften mehrere Dramen und Romane, von denen das Trauerspiel »David Rizzio«, das Lustspiel »Altmodisch und Modern«, das Schauspiel »Nichts halb!« und besonders das Lustspiel »Feurige Kohlen« Anerkennung fanden. Seine Novellen und Romane »Schmollis, ein Hundeleben«, »Unter Unkraut«, »Peregrine«, »Die Rache ist mein« u. s. w. verraten ein bemerkenswertes Erzählertalent. Beachtung verdient auch das satirische Epos »Barbarossa's Botschaft«.
=Adolf Graf von Westarp=, geb. am 21. April 1851 in Breslau, erregte Aufsehen durch sein Buch »Fürst Bismarck und das deutsche Volk«, sowie durch sein Lied »An den Kaiser« (nach Bismarcks Entlassung). W. ist ein ebenso eigenartiger wie talentvoller Lyriker. (»Deutsche Lieder«, »Idyllen und Elegieen aus den bayrischen Bergen«.)
=Erwin Bauer=, geb. am 9. Jan. 1857 auf dem Gute Techelfer bei Dorpat in Livland, begründete in Reval die »Nordische Rundschau«, 1890 in Berlin »Das zwanzigste Jahrhundert«. Außer einigen Dramen gab B., dessen Talent frühzeitig von der Politik beschlagnahmt wurde, die Novellensammlungen »Aus dem Zarenlande« und »Einfache Geschichten«, sowie die Erzählung »Der Selbstmord des Leutnants Mergenthin« heraus. Sein bestes Werk ist der in Rußland spielende Roman »~Aut Caesar, aut nihil~«.
=Carl Kerstan=, geb. am 22. Okt. 1847 in Prag, machte sich als Historienmaler einen Namen. Sein philosophischer Roman in 3 Bänden »~Sapaere aude~« gehört zu den besten unserer Litteratur und verdiente mehr Beachtung, als er gefunden.
Die großen neuzeitlichen Erzähler.
=Theodor Fontane=, geb. am 30. Dez. 1819 in Neuruppin, gest. am 20. Sept. 1898, war wie Sudermann und Ibsen ursprünglich Apotheker. Eine Reise nach England weckte sein dichterisches Talent, so daß er sich bald ganz der Schriftstellerei widmete. F. ist besonders der Dichter des Preußentums oder im engeren Sinne der Mark, Berlins. Er schrieb die Romane »Irrungen, Wirrungen«, »Stine«, »Quitt«, »Frau Jenny Treibel«, »Effi Briest« u. a., die zu den besten der neuzeitlichen Erzählungslitteratur zu rechnen sind. Schon seit den vierziger Jahren zählte F. zu den bedeutendsten Balladendichtern und Schilderern der Mark Brandenburg. Seine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« sind Landschaftsbilder von entzückender Anmut, sinniger Feinheit und zugleich von frappierender Treue. Tüchtige litterarische Leistungen sind außerdem seine Darstellungen der drei Kriege 1864, 1866 und 1870, die wiederholt aufgelegt wurden. Mit zwei Bänden Erinnerungen aus seinem Leben: »Meine Kinderjahre« und »Von Zwanzig bis Dreißig«, schloß er seine dichterische Thätigkeit ab.
=Wilhelm Jensen=, geb. am 15. Febr. 1837 in Heiligenhafen, ist einer der eigenartigsten und markantesten Erzähler. Er ist der Dichter des Meeres und der Heide und alle Stimmen, die er ihnen abgelauscht, klingen in seinen Werken wieder. So ungleich auch die einzelnen Werke J.'s untereinander sind, allen gemeinsam ist die melodische, wunderbare Sprache und eine weiche, stillverträumte Stimmung, die über ihnen liegt und den Leser gefangen nimmt. J. ist ein ungemein produktiver Dichter, der sich jedes Jahr mit zwei, drei Bänden einstellt. Von seinen Werken seien genannt: »Die braune Erica«, »Karin von Schweden«, »Tagebuch aus Grönland«, »Aus den Tagen der Hansa«, »Jenseits des Wassers«, »Luv und Lee«, »Sehnsucht«. Auch als Lyriker ist J. wiederholt hervorgetreten und darf wohl den Anspruch erheben, als solcher neben Keller, Meyer und Storm genannt zu werden. (Gesammelte Gedichte: »Vom Morgen zum Abend«.)
=Marie von Ebner-Eschenbach=, geb. am 13. Sept. 1830 in Zdislavic in Mähren, ist gegenwärtig die bedeutendste lebende deutsch-österreichische Schriftstellerin. Sie ist eine Meisterin des künstlerischen Realismus, den sie so sicher wie die besten Meister der Erzählungskunst beherrscht. (»Bozena«, »Dorf- und Schloßgeschichten«, »Zwei Komtessen«, »Das Gemeindekind«, »Rittmeister Brand« u. a.)
=Adolf Wilbrandt=, geb. am 24. Aug. 1837 in Rostock, gab zuerst ein Werk über Heinrich von Kleist heraus, dem er eine Reihe von Dramen: »Arria und Messalina«, »Gracchus«, »Kriemhild«, »Graf Hammerstein«, »Die Tochter des Herrn Fabricius«, »Der Meister von Palmyra« u. a. folgen ließ, unter denen das letztgenannte das bedeutendste ist. In den letzten Jahren hat sich W. fast ganz dem Zeitromane zugewandt (»Hermann Ifinger«, »Die Osterinsel«, »Vater Robinson« u. a.). W. ist eine der vornehmsten Erscheinungen unter den Schriftstellern der Gegenwart und sowohl der Schiller- als auch der Grillparzerpreis sind ihm zugefallen.
=Richard Voß=, geb. am 2. Febr. 1851 in Neugrape in Pommern, ist eine reiche phantasievolle und starke Dichternatur, die sich leider nicht zur künstlerischen Vollendung durchringen konnte. Ein nervöser, dämonischer Zug geht durch alle seine Romane und Dramen, die bald in Deutschland, bald in Italien, im Mittelalter oder in der Neuzeit spielen. Eine zerrissene, unbefriedigte Natur, vermögen auch seine Schöpfungen nicht zu befriedigen, von denen die meisten den Leser narkotisieren oder peinigen. Seine erfolgreichsten Dramen sind »Schuldig«, »Alexandra«, und »Eva«; von seinen Novellen und Romanen sind »Römische Dorfgeschichten«, »Mönch von Berchtesgaden«, »Villa Falconieri«, »Unter den Borgia«, die bekanntesten.
Realistische Erzähler.
=Ernst von Wolzogen=, geb. am 23. April 1855 in Breslau, ist einer der ungleichmäßig schaffenden Dichter. Seine Tragikomödie: »Das Lumpengesindel« ist noch immer sein bestes Werk. Einst erhoffte man vieles von dem Talent dieses fabulierenden Freiherrn, der die schöne Gabe des Humors besitzt und es versteht, seine Personen treffend zu charakterisieren, doch produziert er seit langem nur Unterhaltungslitteratur, wenn auch im besseren Sinne. Seine besten Romane sind »Die Kinder der Excellenz« (auch als Lustspiel bearbeitet), »Die tolle Komteß«, »Die Entgleisten«, »Der Kraftmayr«.
=Konrad Telmann= (~recte~ Zitelmann), geb. 1854, gest. 1897, wurde durch körperliches Leiden zur Aufgabe seines Berufes gezwungen und lebte seit Jahren in Rom. T. hat eine außerordentlich große Anzahl von Werken hinterlassen und eine rastlose Thätigkeit entfaltet, die seiner Kunst nicht immer zum Vorteil gereichte. Er ist ein Übergangskünstler, der sich Friedrich Spielhagen zum Vorbild nahm und über ihn hinaus den realistischen Roman auszubauen und mit neuen, meist »interessanten« und exotischen Zügen auszustaffieren suchte. Zu seinen besten Romanen, von denen viele in der zweiten Heimat des Dichters, in Italien, spielen, zählen: »~Vox populi~«, »Unterm Strohdach«, »Unter römischem Himmel«, »Unter den Dolomiten«, »Götter und Götzen«, »Vom Stamme der Skariden«.
=Alexander Baron von Roberts=, geb. am 23. Aug. 1845 in Luxemburg, gest. 1896, zählte zu den besten Unterhaltungsschriftstellern, besonders in den Romanen, die das Militärleben zum Gegenstand haben. (»Es und Anderes«, »Götzendienst«, »Lou«, »Die schöne Helena«, »Schwiegertöchter« u. a.) Sein Drama »Satisfaktion« ging mehrfach mit Erfolg über die Bühne.
=Georg von Ompteda=, geb. am 29. März 1863 in Hannover, veröffentlichte (teilweise unter dem Pseudonym Georg Egestorff) »Von der Lebensstraße u. a. Gedichte«, sowie die Romane »Drohnen«, »Unter uns Junggesellen«, »Sylvester von Geyer« u. a., deren Stoff er vorzugsweise der deutschen Armee entnahm. Als Übersetzer machte er sich durch die Übertragung der Werke Guy de Maupassants bekannt.
=Wilhelm von Polenz=, geb. am 14. Januar 1861 in Ober-Cunewalde, debütierte mit dem Roman »Sühne« und ließ diesem dramatische und novellistische Arbeiten, sowie die Romane »Der Pfarrer von Breitendorf«, »Der Büttnerbauer«, »Der Grabenhäger« und »Wald« folgen, in denen er hauptsächlich brennende Zeitfragen des gutsherrlichen und bäuerischen Besitzstandes behandelt.
=Adolf Schmitthenner=, geb. am 24. Mai 1854 in Neckarbischofsheim, schrieb den Roman »Psyche« und »Novellen«, die eigenartige, fast »gewagte« Probleme zu lösen suchen und sich durch feine Seelenmalerei auszeichnen.
=Karl von Perfall=, geb. am 24. März 1851 in Landsberg a/Lech, behandelt in seinen Romanen gern moderne Probleme, ohne jedoch dem Naturalismus große Konzessionen zu machen. (»Vornehme Geister«, »Die Langsteiner«, »Die fromme Witwe«, »Sein Recht«.)
=Anton von Perfall=, geb. am 11. Dez. 1853 in Landsberg a/Lech, hat sich besonders durch seine Jagdgeschichten bekannt gemacht. Seine Romane »Die Krone«, »Sein Dämon«, »Die Sonne« tragen zum Teil realistisches Gepräge.
=Oscar Mysing=, geb. am 1. Nov. 1867 in Bremen, schrieb seine ersten Romane und Novellen, die zum größten Teile erotischer Natur sind (»Überreif«, »Moderne Liebe«), unter dem Pseudonym Otto Mora und ging später zur Familienblattlitteratur über. (»Die Bildungsmüden«, »Verfolgte Phantasie«, »Nach der Sündflut«, »Beresina«.)
=Richard Nordhausen=, geb. am 31. Januar 1868 in Berlin, war zuerst politisch thätig und schrieb dann eine Reihe Epen (»Joß Fritz der Landstreicher«, »Vestigia Leonis«, »Sonnenwende«), die sich durch farbenprächtige Schilderungen, glühende Leidenschaft und große Plastik auszeichnen. Mit dem Roman: »Die rote Tinktur« betrat N. die Pfade der Unterhaltungslitteratur.
=J. J. David=, geb. am 6. Febr. 1859 in Weißkirchen, schrieb Schauspiele, Gedichte, Erzählungen u. a., die ein eigenartiges, etwas widerborstiges Talent verraten. In seinen Werken »Höferecht«, »Blut«, »Hagars Sohn«, »Gedichte«, »Probleme«, »Ein Regentag« u. a. schildert er mit Vorliebe Menschen, die auf die Schattenseite des Lebens zu stehen kamen.
=Felix Hollaender=, geb. am 1. November 1867 in Leobschütz, debütierte mit dem Roman »Jesus und Judas«, denen sich die Berliner Romane: »Ellin Röte« und »Sturmwind im Westen« anschlossen. Mit Hans Land schrieb er »Die heilige Ehe«.
=Heinz Tovote=, geb. am 12. April 1861 in Hannover, suchte die Bahnen Maupassants zu wandeln, ohne jedoch auch nur annähernd sein Vorbild zu erreichen, mit dem er nur hinsichtlich der Pikanterie verglichen werden kann. Seine Romane und Novellen aus der Berliner Demimonde: »Im Liebesrausch«, »Fallobst«, »Frühlingssturm«, »Ich«, »Mutter«, »Das Ende vom Liede«, »Die rote Laterne« u. a. erlebten viele Auflagen.
Die Unterhaltungstalente.
=Ernst Wichert=, geb. am 11. März 1831 in Insterburg, verfaßte zahlreiche Lustspiele, von denen »Der Narr des Glücks«, »Als Verlobte empfehlen sich« und »Ein Schritt vom Wege« sich noch auf der Bühne erhalten haben. W. ist außerdem Verfasser vieler Romane und Novellen: »Litauische Geschichten«, »Heinrich von Plauen«, »Hohe Gönner«, »Anderer Leute Kinder«, »Vom alten Schlage«, »Der große Kurfürst in Preußen«, u. a., von denen der letztgenannte, ein historischer Roman größeren Stils, besonders hervorgehoben zu werden verdient. W., der bis 1896 dem Richterstande angehörte, schrieb seine Selbstbiographie 1899 unter dem Titel: »Richter und Dichter«.
=August Niemann=, geb. am 27. Juni 1839 in Hannover, früher Hauptmann, führte sich mit einer Geschichte des französischen Feldzuges 1870/71 in die Litteratur ein. Sein bedeutendster Roman »Bakchen und Thyrsosträger«, zieht gegen die materialistische Weltanschauung zu Felde. In Buchhändlerkreisen fand besonders der Roman »Eulen und Krebse«, das »Soll und Haben« des Buchhändlers, Beachtung.
=Gerhardt von Amyntor= (Pseudon. für Dagobert von Gerhardt), geb. am 12. Juli 1831 in Liegnitz, war Offizier und wandte sich dann der Litteratur zu. Von seinen Werken, in denen sich oft ein Hang zum Übersinnlich-Mystischen und zur Behandlung philosophischer und religiöser Themata bemerkbar macht, ist der Roman »Gerke Suteminne« das bedeutendste. Die »Hypochondrischen Plaudereien«, sowie die Gegenschrift zur Tolstoi'schen Kreutzer-Sonate: »Die Cismoll-Sonate« sind etwas hausbacken, aber erfüllt von echt vaterländischem Geiste, der allezeit und unentwegt für deutsche Frauen, deutsche Treue, Gott und Religion eintritt. Interessante Lebenserinnerungen legte A. in dem Werke: »Das Skizzenbuch meines Lebens« nieder.
=Otto von Leixner=, geb. am 24. April 1847 in Saar, bis vor kurzem Redakteur der »Deutschen Romanzeitung«, schrieb im Sinne derselben eine Reihe Romane, Aphorismen und Plaudereien, von denen die »Ästhetischen Studien für die Frauenwelt«, »Laienpredigten für das deutsche Haus«, »Aus meinem Zettelkasten«, und der Roman: »Also sprach Zarathustras Sohn« am bemerkenswertesten sind. Seine »Geschichte der deutschen Litteratur«, der nur feuilletonistischer Wert beizumessen ist, erlebte vier Auflagen.
=Fritz Mauthner=, geb. am 22. November 1849 in Horzitz, einer der einflußreichsten Kritiker der Reichshauptstadt, zeigte seine Begabung besonders in den in parodistischer Form auftretenden Kritiken: »Nach berühmten Mustern« u. a. Mit seinen modern aufgeputzten Romanen aus dem Altertum »Xantippe« und »Hypatia«, sowie »Der letzte Deutsche von Blatna«, »Die Geisterseher«, »Die bunte Reihe« u. a. machte sich M. als Romancier einen Namen.
=Theophil Zolling=, geb. am 30. Dezember 1849 in Scafati, Herausgeber der »Gegenwart«, zählt zu den besten Sittenschilderern Berlins. Von seinen das hauptstädtische Leben behandelnden Romanen: »Der Klatsch«, »Frau Minne«, »Kulissengeister«, »Die Million«, »Bismarcks Nachfolger« erregte namentlich der letztere einiges Aufsehen.
=Rudolf Stratz=, geb. am 6. Dez. 1864 in Heidelberg, wandte sich dem Zeitroman zu und schrieb: »Unter den Linden«, »Belladonna«, »Die kleine Elten«, »Der weiße Tod«, »Montblanc«, den Novellenband »Buch der Liebe«, sowie einige Schauspiele. Sein Roman aus dem Bauernkrieg von 1525, »Der arme Konrad« und das Drama: »Jörg Trugenhoffen«, eine Konkurrenz des »Florian Geyer« von Hauptmann, beruhen auf tüchtigen Quellenstudien und geben ein anschauliches Bild der damaligen Zeit.
=Hans Land= (Pseudon. für Hugo Landsberger), geb. am 25. August 1861 in Berlin, Herausgeber der Wochenschrift »Das neue Jahrhundert« (Berlin), schrieb realistisch gefärbte Romane (»Der neue Gott«, »Um das Weib« u. a.), sowie in Gemeinschaft mit Felix Hollaender das sociale Drama »Die heilige Ehe«.