Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900

Part 4

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=Charlotte Niese=, geb. am 7. Juni 1854 in Burg auf Fehmarn, gewann durch ihre schleswig-holsteinischen Geschichten (»Aus dänischer Zeit«, »Geschichten aus Holstein«, »Auf der Heide«) die Gunst des Lesepublikums, so daß man über ihre Schwäche, die Socialdemokratie in Romanen zu bekämpfen, hinwegsieht.

=Ilse Frapan= (Pseudon. für Ilse Levien), geb. am 3. Febr. 1852 in Hamburg, ist ein starkes dichterisches Talent, dem auch der Humor nicht fremd ist. Sie gab heraus: »Bescheidene Liebesgeschichten«, »Zwischen Elbe und Alster«, »Enge Welt«, »Zu Wasser und zu Lande«, »Querköpfe«, »Flügel auf«, »In der Stille«, sowie einen Band »Vischer-Erinnerungen«.

=August Sperl=, geb. am 5. Aug. 1862 in Fürth, machte sich durch »Die Fahrt nach der alten Urkunde«, sowie durch den historischen Roman: »Die Söhne des Herrn Budiwoj«, der König Ottokars Glück und Ende und das Erstehen des habsburgischen Königshauses behandelt, bekannt. In dem Epos »Fridtjof Nansen« schilderte er mit Glück die Nordlandsfahrt des modernen Fridtjof.

=Heinrich Sohnrey=, geb. am 19. Juni 1859 in Jühnde bei Göttingen, Herausgeber von »Das Land«, zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit dem früh verstorbenen Heinrich Schaumberger, und gilt als einer der besten Vertreter der Dorfgeschichte. (»Die Leute aus der Lindenhütte«, »Der Bruderhof.«)

Die Kulturnovellisten.

=Wilhelm Heinrich Riehl=, geb. am 6. Mai 1823 zu Biebrich a. Rh., gest. 1897, war Professor der Kulturgeschichte in München und einer der geistvollsten kulturhistorischen Schriftsteller, in dessen Werken der Belletrist ebenso zu Worte kommt wie der Wissenschaftler. Von seinen Schriften, die eine Fülle von Anregung und Belehrung bieten, verdienen die »Kulturhistorischen Novellen«, »Geschichten aus alter Zeit«, »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten«, sowie der Roman »Ein ganzer Mann« besondere Erwähnung.

=Karl Emil Franzos=, geb. am 25. Okt. 1848 in Czortkow in Podolien, Herausgeber der »Deutschen Dichtung«, entdeckte »Halbasien« (den Südosten von Europa) für die Litteratur und verlegte dorthin den Schauplatz seiner ersten Kulturromane (»Aus Halbasien«, »Die Juden von Barnow«, »Junge Liebe«, »Stille Geschichten«, »Moschko von Parma«, »Ein Kampf ums Recht«, »Der Präsident«). Seine späteren Romane und Novellen begegneten nicht mehr dem gleichen Interesse.

=Leopold Kompert=, geb. am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz, gest. 1886, gilt neben Karl Emil Franzos als der kenntnisreichste Schilderer des jüdischen Volkslebens. (»Aus dem Ghetto«, »Geschichten einer Gasse« u. a.)

=Leopold von Sacher-Masoch=, geb. am 27. Januar 1837 in Lemberg, gest. 1895, als Litterat ein Pendant zum Marquis de Sade, besaß von Natur aus eine bedeutende Begabung, die jedoch in der Sucht nach der Darstellung erotisch-perverser Probleme in die Brüche ging. So besitzen seine Romane nicht viel mehr als pathologisches Interesse (Masochismus).

Die Dichter-Archäologen.

=Georg Ebers=, geb. am 1. März 1837 in Berlin, gest. am 7. August 1898, berühmter Ägyptologe, war einer der beliebtesten Autoren der letzten Jahrzehnte. Seine Romane entrollen meist Kulturbilder aus dem Pharaonenlande oder aus dem deutschen Mittelalter. Ebers war der Hauptvertreter des geschichtlichen Romans, wenngleich ihm der Vorwurf nicht erspart geblieben ist, daß die meisten seiner Gestalten nichts als moderne Wesen in historischer Drapierung sind. Eröffnet wurde die dichterische Thätigkeit E.'s mit dem Roman: »Eine ägyptische Königstochter«. Fast jeder Epoche der ägyptischen Geschichte ist er in einem Romane gerecht geworden. (»Uarda«, »~Homo sum~«, »Der Kaiser«, »Die Nilbraut« u. a.) Unterbrochen wurde der Cyklus der ägyptischen Romane durch »Die Frau Bürgermeisterin« und »Ein Wort«. Seit 1889 wandte sich E. fast ausschließlich der Schilderung deutschen Lebens der Vorzeit zu: »Die Gred«, »Im Schmiedefeuer«, »Im blauen Hecht«, »Barbara Blomberg«. E. war trotz aller Anfeindung eine Dichternatur, die oftmals durch das Professorentum erstickt wurde, aber in einzelnen Zügen in jedem seiner Werke zutage tritt.

=Felix Dahn=, geb. am 9. Febr. 1834 in Hamburg, Professor und Dichter zugleich, wenn auch das erstere mehr als das letztere, schrieb eine Reihe Romane aus der Zeit der Völkerwanderung und der altnordischen Heiden- und Heldenzeit, unter denen »Ein Kampf um Rom« der erfolgreichste, »Julian der Abtrünnige« der beste ist. Von seinen Dramen verdienen »König Roderich« und »Rüdeger von Bechlaren« genannt zu werden. Durch umfangreiche Produktion von Gelegenheitsgedichten (nicht solcher im Goethe'schen Sinne) hat D. viel dazu beigetragen seinen Ruf als Dichter zu schädigen.

=Ernst Eckstein=, geb. am 6. Febr. 1845 in Gießen, kommt hauptsächlich als Unterhaltungsschriftsteller in Betracht, obgleich er später auch den Versuch gemacht hat, sich den realistischen Schriftstellern zuzugesellen. (»Prusias«, »Die Claudier«, »Nero«, »Dombrowsky«, »Familie Hartwig« u. a.) Einen großen buchhändlerischen Erfolg erzielte seine kleine Gymnasialhumoreske: »Der Besuch im Carcer«.

=George Taylor= (Pseudon. für Adolf Hausrath), geb. am 13. Jan. 1837, Professor an der Universität Heidelberg, geht in den Fußtapfen Georg Ebers', wenn auch seine archäologischen Romane (»Antionus«, »Klitia«, »Jetta«, »Pater Maternus«, »Unter dem Katalpenbaum«) mehr dichterische Fähigkeiten aufweisen als die seines Vorbildes.

=Oskar Linke=, geb. am 15. Juli 1854 in Berlin, berührt sich mit den Dichter-Archäologen. Äußerst vielseitig und dabei ein Meister der Form, läßt er seine erzählenden Dichtungen oft im klassischen Altertum, das er ausgezeichnet kennt und durchdringt, spielen. Seine Weltanschauung ist eine freie. (»Blumen des Lebens«, »Jesus Christus«, »Mylesische Märchen«, »Chrysothemis erzählt« u. a.)

Die Dramatiker der alten Schule.

=Rudolf von Gottschall=, geb. am 30. Sept. 1823 in Breslau, ein Jungdeutscher und Freiheitsänger der vormärzlichen Zeit, ist einer der vielseitigsten und fruchtbarsten Dichter, der sich auf allen Gebieten der Dichtkunst und Schriftstellerei umgesehen hat und seit einem Menschenalter den Mittelpunkt des schöngeistigen Lebens in Leipzig bildet. Als Bühnenschriftsteller ist G. wiederholt hervorgetreten: »Mazeppa«, »Katharina Howard«, »Pitt und Fox«, »Der Spion von Rheinsberg«, »Rahab« u. a. Von seinen Romanen, in denen er die Bahnen Gutzkows wandelt, ist »Im Banne des schwarzen Adlers« der erfolgreichste gewesen. Vielfache Anerkennung fanden auch seine litterarhistorischen Arbeiten (»Deutsche Nationallitteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrh.«, »Poetik« etc.), in denen die »Moderne« allerdings nicht immer glimpflich wegkommt, obwohl G. immer bestrebt war, mit dem Zeitgeist rege Fühlung zu behalten. Sein Leben bis zur Verheiratung schildert die Autobiographie »Aus meiner Jugend«.

=Hans Herrig=, geb. am 10. Dez. 1845 in Braunschweig, gest. 1892, schrieb »Mären und Geschichten« und wurde besonders durch sein »Lutherfestspiel« bekannt, dem eine Reihe dramatischer Arbeiten(»Kaiser Friedrich der Rotbart«, »Konradin« u. a.) vorausgegangen war.

=Arthur Fitger=, geb. am 4. Okt. 1840 in Delmenhorst, erwählte die Malerei als Hauptberuf und errang seine dichterischen Lorbeeren mit dem Trauerspiel: »Die Hexe«, dem er andere dramatische Gaben folgen ließ. Als Lyriker machte sich F. durch die Sammlungen »Fahrendes Volk« und »Winternächte« bekannt.

=Heinrich Kruse=, geb. am 15. Dez. 1815 in Stralsund, schrieb im Stile der alten Kunstüberlieferung eine Reihe von Dramen, unter denen »Die Gräfin«, »König Erich«, »Brutus«, »Nero« zu nennen sind. K. ist ferner Verfasser von »Seegeschichten« und »Gedichten«.

=Albert Lindner=, geb. am 24. April 1831 in Sulza, gest. 1888, wurde mehr durch sein tragisches Geschick (er starb im Wahnsinn) als durch seine Dramen bekannt, von denen nach seinem Tode »Die Bluthochzeit« wiederholt aufgeführt wurde. Seine Prosaerzählungen, von denen mehrere das Frauenleben in ernsten und heiteren Episoden behandeln, blieben fast unbeachtet.

Die sogenannten Lustspieldichter.

=Oskar Blumenthal=, geb. am 13. März 1852 in Berlin, schrieb Schwänke ohne künstlerischen Wert, teils allein, teils in Kompagnie, die nur für das Publikum, nicht für die Litteraturgeschichte in Betracht kommen.

=Hugo Lubliner= (Pseudon. Hugo Bürger), geb. am 22. April 1846 in Breslau, ist einer der Mitbegründer des deutschen Konversationslustspiels aus den siebziger Jahren, ein treuer Helfershelfer der Lindau, Blumenthal, Kadelburg, in dem Bestreben, dem deutschen Lustspiel mit französischem Esprit und französischer Technik aufzuhelfen.

=Gustav von Moser=, geb. am 11. Mai 1825 in Spandau, schrieb Lustspiele, teils selbständig, teils in Verbindung mit anderen. Zu seinen erfolgreichsten Stücken, die noch jetzt sich auf dem Theater erhalten haben, gehören: »Das Stiftungsfest«, »Der Veilchenfresser«, »Ultimo«, »Krieg im Frieden«, »Reif-Reiflingen«.

=Adolf L'Arronge=, geb. am 8. März 1838 in Hamburg, ist ein litterarischer Sprosse der Birchpfeiffer und Kotzebues und dadurch einer der erfolgreichsten Lustspielschreiber der Gegenwart. (»Mein Leopold«, »Hasemanns Töchter«, »Dr. Klaus«, »Lolos Vater« u. a.).

Die Übergangstalente.

=Hans Hopfen=, geb. am 3. Jan. 1835 in München, einer der besten Vertreter des humoristischen Romans, zeichnet sich durch eine gesunde Sinnlichkeit aus, die namentlich in seinen Gedichten und Balladen zum Ausdruck kommt. Echt volkstümliche, humorverklärte Figuren schuf er in seinen Romanen »Der alte Praktikant«, »Mein Onkel Don Juan«, »Die Heirat des Herrn von Waldenberg«, sowie in der Novellensammlung »Kleine Leute« und den »Geschichten« und »Neuen Geschichten des Herrn Majors«, während er sich in einigen Romanen (»Verdorben zu Paris«, »Glänzendes Elend« u. a.) als Dekadent giebt.

=Wilhelmine von Hillern=, geb. am 11. März 1836 in München als Tochter der bekannten Birch-Pfeiffer, entlehnte den Stoff ihrer realistisch gefärbten Romane dem bayrischen Volksleben. Ihr bekanntester Roman: »Die Geyer-Wally« erlebte mehrere Auflagen und fand auch als Drama freundliche Aufnahme.

=Karl von Heigel=, geb. am 25. März 1835 zu München, wandte sich der Unterhaltungslitteratur zu und schrieb Novellen, Romane und Dramen. Seine spätere Produktion (»Der Weg zum Himmel«, »Roman einer Stadt«, »Der Herr Stationschef« u. a.) steht unter dem Einfluß des Realismus.

=Karl Frenzel=, geb. am 6. Dez. 1827 in Berlin, weiteren Kreisen bekannt als Kritiker der Nationalzeitung, verdient seinen Platz in der Litteratur durch seine Romane, Novellen und wissenschaftlichen Schriften, die Gelehrsamkeit mit seiner Lebensbeobachtung verbinden, und deren Stoffe meist der Zeit des Rococos, dem 18. Jahrhundert, entnommen sind (»Melusine«, »Papst Ganganelli«, »Im goldenen Zeitalter«, »Renaissance und Rokoko«, »Des Lebens Ueberdruß«, »Dunst«, »Schönheit«, »Wahrheit«, »Frauenrecht«).

=Adolf Stern=, geb. am 14. Juni 1835 in Leipzig, lebt jetzt als Professor für Litteraturgeschichte am Polytechnikum in Dresden. St. ist Epiker und Novellist (»Jerusalem«, »Gutenberg«, »Aus dem 18. Jahrhundert«, »Die letzten Humanisten«) und wiederholt als feinsinniger Litterarhistoriker hervorgetreten.

=Ferdinand von Saar=, geb. am 30. Sept. 1833 in Wien, ist keine scharf ausgeprägte Dichternatur. Seine Erfolge verdankt er den »Gedichten« und den Novellensammlungen (»Novellen aus Österreich«, »Herbstreigen« u. a.), die ihm den Namen eines Walter Scott der Novelle eingetragen haben. Seine Dramen (»Heinrich IV.«, »Die beiden De Witt«, »Eine Wohlthat«) konnten sich nicht auf der Bühne behaupten.

=Heinrich von Reder=, geb. am 19. März 1824 in Mellrichstadt, begann seine litterarische Laufbahn mit »Soldatenliedern von zwei deutschen Offizieren«. Seine Hauptwerke, die »Federzeichnungen« und das »Lyrische Skizzenbuch«, tragen realistisches Gepräge.

Vaganten und Spielmänner.

=Josef Victor von Scheffel=, geb. am 26. Febr. 1826 in Karlsruhe, gest. am 9. April 1886, ist besonders der Lieblingsdichter der akademischen Jugend, der er eine große Zahl sangbarer Lieder schenkte, aus denen ein unverwüstlicher, feuchtfröhlicher Humor spricht. Sein lyrisch-episches Werk: »Der Trompeter von Säckingen«, das 1854 erschien, fand begeisterte Aufnahme. Weit bedeutender als dieses ist jedoch sein »Ekkehard«, ein trotz alles gelehrten Beiwerks und der fleißigen Quellenstudien von echter Poesie durchdrungenes Werk, das man als den besten kulturhistorischen Roman der letzten Jahrzehnte bezeichnen kann. Von Sch.'s weiteren Werken verdienen noch genannt zu werden: »Frau Aventiure«, »Gaudeamus« und »Bergpsalmen«.

=Rudolf Baumbach=, geb. am 28. Sept. 1840 in Kranichfeld in Thüringen, ist einer der »liebenswürdigen« Dichter, der Naturbursche unter den Poeten. Seine lyrischen Gedichte, die sich durch Natürlichkeit und Frische auszeichnen und vielfach zu Volksliedern geworden sind, erschienen in verschiedenen Sammlungen: »Lieder eines fahrenden Gesellen«, »Mein Frühjahr«, »Von der Landstraße«, »Krug und Tintenfaß« u. a. Außerdem besitzen wir von ihm Märchen und Epen, die ebenfalls in weitere Kreise gedrungen sind.

=Julius Wolff=, geb. am 16. Sept. 1834 in Quedlinburg, gehört zu den »Erfolgreichen« der 70er und 80er Jahre. Seine erste Veröffentlichung waren Gedichte »Aus dem Felde«. Einen durchschlagenden Erfolg errang er mit seinen Epen »Der Rattenfänger von Hameln«, »Der wilde Jäger«, »Der Tannhäuser«, »Lurlei« u. a., deren künstlerischer Gehalt zwar nicht hervorragend ist, die aber das große Publikum immer durch ihre Sentimentalität und Rührseligkeit entzücken werden. Der Beifall, den seine Epen fanden, übertrug sich auch auf seine Romane »Recht der Hagestolze«, »Der Sülfmeister«, »Das schwarze Weib«.

Die Goldschnittlyriker der 80er Jahre.

=Karl Gerok=, geb. am 30. Januar 1815 in Vaihingen in Württemberg, starb als Prälat in Stuttgart 1890. Seine Liedersammlungen »Palmblätter«, »Neue Palmblätter«, »Pfingstrosen«, »Eichenblätter«, »Deutsche Ostern«, die ein liebenswürdiger Humor durchzieht, sind vorzugsweise geistlicher Natur und fanden große Verbreitung.

=Julius Sturm=, geb. am 21. Juli 1816 zu Köstritz, gest. 1896, war einer der fruchtbarsten Liederdichter. Die Natur seiner Dichtungen, die eine innige, aber nicht kopfhängerische Frömmigkeit auszeichnet, wird durch die Titel seiner Sammlungen: »Gott grüße Dich«, »Immergrün«, »Fromme Lieder«, »In Freud und Leid« charakterisiert.

=Albert Traeger=, geb. am 12. Juni 1830 in Augsburg, ist als Dichter in den Kreisen der Liebhaber von Gartenlaube-Poesie bekannt geworden, hat sich jedoch außer einigen Lustspielen und Novellen nur einen Gedichtband zu schulden kommen lassen.

=Emil Rittershaus=, geb. am 3. April 1834 in Barmen, gest. daselbst 1897, gab sich in seinen meist zuerst in der Gartenlaube veröffentlichten Gedichten als Sänger frischer, fröhlicher Lieder, die Wein und Liebe, Vaterland und Gartenlaube verherrlichen.

Die Beschaulichen.

=Wilhelm Raabe=, geb. am 8. Sept. 1831 in Eschhausen, früher Buchhändler, nimmt unter den deutschen Humoristen den ersten Rang ein und gilt seit 30 Jahren als einer der eigenartigsten Charakterköpfe der deutschen Litteratur. Ein goldener Humor, der an Dickens erinnert, durchzieht seine Schriften, die er meist in ein altertümelndes Gewand kleidet oder im Chronikstil abfaßt. »Zwei oder drei Zeilen in einer Chronik, eine halbe Seite in der Geschichte für den Forscher« genügen ihm, um eine Erzählung darauf aufzubauen. R. beschäftigt Geist und Herz seiner Leser in gleicher Weise und seine Bücher, in einem etwas krausen Stile geschrieben, rühren die Seele bis zum Grunde auf. Bei alledem ist er einer der am wenigsten erfolgreichen Autoren geblieben, trotz des großen Gehalts und der Zahl seiner Schriften, von denen wir hier nur die nachstehenden registrieren: »Die Akten des Vogelsangs«, »Die Chronik der Sperlingsgasse«, »Gesammelte Erzählungen«, 3 Bde., »Horacker«, »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Unseres Herrgotts Kanzlei«, »Alte Nester«, »Wunnigel«, »Horn von Wanza«.

=Wilhelm Busch=, geb. am 15. April 1832 in Wiedensahl bei Stadthagen, ist der bedeutendste zeitgenössische komische Humorist und Zeichner, wenngleich seine Wirksamkeit hauptsächlich in die 60er und 70er Jahre fällt. Seine Schriften (»Max und Moritz«, »Hans Huckebein«, »Der heilige Antonius«, »Die fromme Helene«, »Herr und Frau Knopp« u. a.) erlangten eine ungeheuere Verbreitung. Seine letzten Werkchen: »Eduards Traum« und »Der Schmetterling« sind symbolische Prosamärchen, die den Idealismus ironisieren.

=Hans Hoffmann=, geb. am 27. Juli 1848 in Stettin, zählt zu den besten Novellisten der Gegenwart. (»Von Frühling zu Frühling«, »Geschichten aus Hinterpommern«, »Ostseemärchen«, »Allerlei Gelehrte«, »Aus der Sommerfrische«.) Auch als Romanschriftsteller ist H. wiederholt hervorgetreten und hat sich auf diesem Gebiet als ein feinsinniger Dichter erwiesen, dem die seltene Gabe des Humors wie wenigen zu Gebote steht. (»Der eiserne Rittmeister«, »Landsturm«.) Ein echt nationales, von historischem Geiste getragenes Werk ist sein großer 3bändiger Roman: »Wider den Kurfürsten«.

=Heinrich Seidel=, geb. am 25. Juni 1842 in Perlin, wurde Ingenieur, dann Schriftsteller in Berlin. Er ist der Dichter der kleinen behaglichen Lebensverhältnisse; seine Poesie und seine Ideale haben einen philiströsen Zug und es sind fast immer dieselben Mittel (Pastorenhaus, Fliederbüsche, Tabakspfeife und schüchterne Liebhaber), mit denen er in seinen Lebrecht Hühnchen-Geschichten operiert. (»Aus der Heimat«, »Vorstadtgeschichten«, »Lebrecht Hühnchen u. a. Geschichten«, »Neues von Lebrecht Hühnchen u. a. Sonderlingen«, »Lebrecht Hühnchen als Großvater«, »Gesammelte Gedichte« u. a.) S's. Autobiographie führt den Titel »Von Perlin nach Berlin«.

=Victor Blüthgen=, geb. am 4. Januar 1844 in Zörbig, ein liebenswürdiger, feinsinniger Dichter, schrieb Gedichte (vor allem Kinderreime), Novellen und Humoresken (»Henzi u. a. Humoresken«, »Badekuren«, »Amoretten« etc.) Von seinen Romanen sind »Der Friedensstörer«, »Aus gährender Zeit«, und »Der Preuße« zu nennen.

Die Behaglichen.

=Julius Stinde=, geb. am 28. Aug. 1841 in Kirch-Nüchel in Holstein, führte die »Frau Buchholz«, den Typus des Berliner Spießbürgertums, in die Litteratur ein und wurde durch zahlreiche Auflagen seiner Werke dafür belohnt. Von seinen weiteren Schriften fanden noch die »Waldnovellen« und »Pienchens Brautfahrt« größere Verbreitung.

=Johannes Trojan=, geb. am 14. August 1837 in Danzig, Redakteur des Kladderadatsch, schrieb hübsche, humorvolle Kinderlieder und eine Anzahl ansprechender Gedichte: »Scherzgedichte«, »Für gewöhnliche Leute«, »Das Wustrower Königsschießen u. a. Humoresken«.

=Julius Lohmeyer=, geb. am 6. Okt. 1835 in Neisse, machte sich als Jugendschriftsteller einen Namen, ohne jedoch auf diesem Gebiete viel mehr als guten Willen und einen bescheidenen liebenswürdigen Humor mitzubringen. (»Gedichte eines Optimisten«, »Die Bescheidenen«, »Humoresken« u. a.)

=Edwin Bormann=, geb. am 14. April 1851 in Leipzig, machte sich als sächsischer Humorist in seinem engeren Vaterlande einen Namen (»Mei Leipzig low' ich mir«, »Herr Engemann«, »Schelmenlieder« u. a.) So gut einige ältere Dialektdichtungen B.'s sind, so flach und schal ist die Mehrzahl seiner jüngsten fabrikmäßig hergestellten Poesien. Seinen humoristischen Werken nicht beizuzählen, nach Ansicht B.'s vielmehr durchaus ernsthaft zu nehmen, sind »Das Shakespeare-Geheimnis« und die im Anschlusse daran erschienenen Schriften, in denen der Nachweis geführt werden soll, daß Shakespeare nicht Shakespeare, sondern Francis Bacon ist.

=Georg Bötticher=, geb. am 20. Mai 1849 in Jena, ein feinsinnigerer und vielseitigerer Humorist als Bormann, schrieb in Gemeinschaft mit Victor Blüthgen »Schüler-Novellen«, und selbständig zahlreiche humoristische Schriften, von denen viele durch die »Fliegenden Blätter« und die »Reclam-Bibliothek« weiteren Kreisen bekannt geworden sind. (»Schnurrige Kerle«, »Schilda, Verse eines Kleinstädters«, »Allotria, humoristische Geschichte«, »Neue Allotria«, »Bunte Reihe« u. a.)

=Hans Arnold= (Pseudon. für Frau Babette von Bülow), geb. am 20. Sept. 1850 in Warmbrunn, schildert in ihren Novellen und Erzählungen mit Vorliebe in humoristischer Weise die kleinen Verdrießlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens. Ihre Werke besonders anzuführen, erübrigt sich: sie amüsieren und werden vergessen.

Die Dichter der Dekadenz.

=Dranmor=, mit seinem eigentlichen Namen Ferdinand von Schmid, geb. am 22. Juni 1823 in Muri bei Bern, gest. 1888, wanderte nach Brasilien aus und wurde weiteren Kreisen durch seine »Gesammelten Dichtungen« bekannt, die neben lyrischen Gedichten Balladen und Epen aus dem südamerikanischen Leben in düsterer, pessimistischer Färbung enthalten.

=Eduard Grisebach=, geb. am 9. Okt. 1845, gab den »Neuen Tannhäuser« und »Tannhäuser in Rom« heraus, leichtgeschürzte Poesien, die viel Anerkennung fanden. G. hat sich ferner als Bibliophile und Herausgeber der Werke Schopenhauers u. a. verdient gemacht.

=Emil Prinz von Schönaich-Carolath=, geb. am 8. April 1852 zu Breslau, lieferte in seinen Dichtungen den Beweis, daß jemand Prinz und doch ein großer Dichter, Zigeuner und Weltmann zugleich sein kann. Wenn auch die Schöpfungen dieses modernen Byron (»Lieder an eine Verlorene«, »Tauwasser«, »Dichtungen«, »Geschichten aus Moll« u. a. m.) von Koketterie und Salon-Zigeunertum nicht frei sind, so kommen ihm doch an Größe und Leidenschaft nur wenige der Modernen gleich.

=Hieronymus Lorm= (Pseudon. für Heinrich Landesmann), geb. am 9. Aug. 1821 in Nikolsburg, seit seinem Jünglingsalter taub und erblindet, schrieb Romane und Novellen und that sich besonders als pessimistischer Lyriker hervor (»Am Kamin«, »Gedichte«, »Nachsommer« u. a.). In seinen philosophischen Schriften unternahm er, wenn auch mit wenig Glück, wiederholt den Versuch, eine allgemein-verständliche Erörterung des Lebensproblems zu geben.

=Alberta von Puttkamer=, geb. am 5. Mai 1849 in Glogau, debütierte mit dem Schauspiel »Kaiser Otto III.«, dem sie »Dichtungen«, »Accorde und Gesänge«, »Offenbarungen« und »Aus Vergangenheiten« folgen ließ, in denen sich ein glühendes Verlangen nach erträumtem Glück, Trauer und Sehnsucht nach verlorenem ausspricht.

=Ada Christen= (Pseudon. für Christiane Breden, geb. am 6. März 1844 in Wien, ist eine Dichterin stark realistischen Gepräges, in deren Gedichten (»Lieder einer Verlorenen«, »Aus der Tiefe«) sich das seelische Unbefriedigtsein des Weibes ausspricht.

Die Marlitt und ihre Schule.[3]

[3] Paul Lindau siehe unter »Feuilletonisten«.

=E. Marlitt= (Pseudon. für Eugenie John, geb. am 5. Dez. 1825 in Arnstadt in Thüringen, gest. 1887, wurde viel verlästert von den Modernen, aber viel geliebt von dem Publikum der Gartenlaube, das ihre Romane »Goldelse«, »Das Geheimnis der alten Mamsell«, »Das Heideprinzeßchen« u. a. nicht las, sondern verschlang.

=W. Heimburg= (Pseudon. für Bertha Behrens), geb. am 7. Sept. 1850 in Thale am Harz, ist ein Gartenlaube-Talent, das sich in wenig oder nichts von der Marlitt unterscheidet. Ihre Produktion wird schon durch die Titel ihrer Werke charakterisiert: »Aus dem Leben einer alten Freundin«, »Lumpenmüllers Lieschen«, »Ein armes Mädchen«, »Herzenskrisen«, »Trotzige Herzen« u. s. w.

=E. Werner= (Pseudon. für Elisabeth Bürstenbinder), geb. am 25. Nov. 1838 in Berlin, gehört zu denjenigen Schriftstellerinnen, die ein Motiv so lange variieren, bis es sich zu »Gesammelten Werken« ausgewachsen hat. (»Ein Held der Feder«, »Am Altar«, »Gesprengte Fesseln«, »St. Michael« u. a.)

=Marie Bernhard=, geb. am 7. Nov. 1852 in Königsberg i. Pr., widmete sich der Schriftstellerei im Genre der Gartenlaube (»Forstmeister Reichardt«, »Im Strom der Zeit«, »In Treue fest«, »Schule des Lebens«, »Unweiblich« u. a.)