Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900

Part 3

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=Gottfried Keller=, geb. am 19. Juli 1819 in Glattfelden bei Zürich, gest. am 15. Juli 1890, neben Conr. Ferd. Meyer die bedeutendste schweizerische Dichtererscheinung der letzten Litteraturperiode, trat zuerst mit »Gedichten« und dem autobiographischen Meisterwerk »Der grüne Heinrich« vor die Öffentlichkeit, der erst 20 Jahre nach seinem Erscheinen die verdiente Würdigung fand und oft mit Goethes »Wilhelm Meister« verglichen wurde. Das Reifste und Schönste seiner Kunst bot K. in seinem nächsten Werk, der Novellensammlung: »Die Leute von Seldwyla«, der 1872 die »Sieben Legenden« folgten. Kulturbilder aus Zürichs Vergangenheit enthalten die »Züricher Novellen« und ebenso spielt der Roman »Martin Salander« auf schweizerischem Boden. Lebendige Phantasie, vermischt mit einem Zug ins Hausbackene, Kleinstädtische und ein liebenswürdiger, goldener Humor bilden die Grundzüge seines dichterischen Schaffens. K.'s Domäne ist die Novelle, und wie sehr er diese meisterte, hat kein Geringerer als Paul Heyse anerkannt, als er ihn den Shakespeare der Novelle nannte.

=Theodor Storm=, geb. am 14. Sept. 1817 in Husum, gest. am 4. Juli 1888, folgte den Spuren Goethescher Lyrik. Ihn zeichnet ein feiner Natursinn und echtes tiefes Empfinden aus, so daß seine Lyrik vorbildlich für die besten dichterischen Talente unter den Modernen geworden ist. Stifter und Eichendorff, vielleicht noch Mörike, mögen sein Schaffen am stärksten beeinflußt haben. Neben der Lyrik (»Gedichte«) ist es besonders die Novelle, der Storm seine Thätigkeit zuwandte und für deren Entwicklung und Ausbau er das Meiste beigetragen hat. Als die besten novellistischen Erzeugnisse gelten Storms »Immensee«, »Von jenseits des Meeres«, »Vor Zeiten«, »Ein stiller Musikant«, »Psyche«, »Am Nachbarhause links«, »Der Schimmelreiter«.

=Paul Heyse=, geb. am 15. März 1830 in Berlin, wurde als Jüngling von Geibel dem König Maximilian mit den Worten vorgestellt: »Ein junger Goethe, Majestät!« Er ist ein moderner Dichter, wenn es auch eine Zeitlang zum guten Ton gehörte, ihn als abgethan zu betrachten. H. weiß immer etwas zu sagen und hat moderne Probleme lange vor der »neuen Schule« behandelt, von der ihn nur technische Fragen scheiden. Ein guter Schilderer menschlichen Innenlebens, wenns nicht zu tief nach »innen« geht, bekundet er in seinen Novellen und Romanen, von denen viele auf italienischem Boden spielen, eine Vorliebe für die Verirrungen des Weibes, namentlich der Frau von 40 Jahren. Eine vornehme, edle Sprache zeichnet alle seine Werke aus, er ist der Dichter der Schönheit und der Leidenschaft, wenn auch der Künstler mehr als der Mensch an ihnen Anteil hat. Von seinen Novellen und Romanen, die fast durchwegs moderne Menschen zu Helden haben, die sich über Gesetz und Sitte erheben, um der Stimme ihres Herzens zu folgen, seien hier nur angeführt: »Novellen« von 1855, 1858, 1859, 1862, »Meeraner Novellen«, »Troubadour-Novellen«, »Kinder der Welt«, »Im Paradiese«, »Roman der Stiftsdame«, »Merlin«, »Über allen Gipfeln«. Auch seine dramatische (»Ludwig der Bayer«, »Graf Königsmark«, »Elfriede«, »Alcibiades«, besonders aber »Hans Lange«) und lyrische Produktion (»Gedichte«, »Neue Gedichte und Jugendlieder«) verdient Erwähnung.

Die Formtalente der alten Schule.

=Emanuel Geibel=, geb. am 17. Oktober 1815 in Lübeck, gest. am 6. April 1884, war ein dichterisches Talent von großer Formgewandtheit, jedoch ohne besondere individuelle Prägung, wofür als Beweis gelten mag, daß seine »Gedichte« und »Neue Gedichte« mehr als hundert Auflagen erlebten. Den beiden ersten Gedichtbänden, deren Grundpfeiler deutsche Zucht und Art bilden, schlossen sich: »Gedichte und Gedenkblätter«, »Heroldsrufe«, »Klassisches Liederbuch«, »Romancero der Spanier und Portugiesen« (m. d. Grafen Schack) und »Spätherbstblätter« an, unterbrochen von der dramatischen Produktion G.'s (»Brunhild«, »Sophonisbe«). Die Kriegslyrik von 1870/71 hat ihm einige hübsche Gedichte zu verdanken. War G. auch keine eigenartige dichterische Persönlichkeit, so hat er doch eine Menge Nachahmer und Nachbeter gefunden.

=Friedrich von Bodenstedt=, geb. am 22. April 1819 in Peine (Hannover), gest. am 2. April 1892, wurde durch den Erfolg der »Lieder des Mirza Schaffy«, die man lange für Übersetzungen aus dem Orientalischen hielt, während es in Wirklichkeit eigene Fabrikate der B.'schen Muse sind, berühmt. Erfolgreich waren auch die Lieder »Aus dem Nachlaß des Mirza Schaffy«, während die anderen Dichtungen B.'s nur wenig von sich reden machten. Außer einer Reihe wissenschaftlicher Werke von zweifelhaftem Werte und meist recht gewandter Übersetzungen veröffentlichte B., den seine Zeitgenossen stark überschätzten: »Erinnerungen aus meinem Leben«.

=Adolf Friedrich Graf von Schack=, geb. am 2. Aug. 1815 zu Brüsewitz bei Schwerin als Sprosse eines alten Freiherrngeschlechtes, gest. am 14. April 1894, studierte Rechtswissenschaft und wandte sich dann der diplomatischen Carrière zu. Schack hat sich nicht nur als Dichter -- er war ein hervorragend formalistisches Talent, ohne starke Individualität -- sondern vor allem als Übersetzer und Litterarhistoriker einen Namen gemacht. Seine »Geschichte der dramatischen Litteratur und Kunst in Spanien« gilt noch heute als das bedeutendste Werk über diesen Gegenstand. Als Lyriker wurde er von Platen, als Epiker von Byron beeinflußt. Seine Romane in Versen: »Durch alle Wetter«, »Ebenbürtig« u. a. enthalten zahlreiche Schönheiten, ohne doch einen vollen künstlerischen Eindruck zu hinterlassen. Zu seinen interessantesten Werken zählt die Selbstbiographie: »Ein halbes Jahrhundert«. Auch auf dramatischem Gebiete hat sich der Dichter versucht, ohne jedoch auf der Bühne festen Fuß fassen zu können.

=Robert Hamerling=, geb. am 24. März 1830 zu Kirchberg am Walde in Niederösterreich, gest. am 13. Juli 1889, hat eine verschiedenartige Beurteilung nicht nur als Mensch, was hier wenig interessiert, sondern auch als Dichter erfahren. Während die einen in ihm nur den in Farbenrausch schwelgenden Erotiker sehen, ziehen die anderen die genialsten Dichter der Weltlitteratur zum Vergleiche mit ihm heran. Sicher ist, daß die beiden großangelegten Epen: »Ahasver in Rom« und »Der König von Sion« farbenprächtige Schilderungen aufweisen, die ein ungewöhnliches Talent bekunden. Eine treffliche Leistung ist auch das satirische Epos »Homunculus«. Weniger Erfolg als seine Epen war seinen lyrischen Gedichtsammlungen: »Sinnen und Minnen« und »Blätter im Winde«, wie auch der fünfaktigen Tragödie »Danton und Robespierre« beschieden. Sein Leben beschrieb H. in den »Stationen meiner Lebenspilgerschaft«.

=Albert Möser=, geb. am 7. Mai 1835 in Göttingen, gest. am 27. Febr. 1900, ist als Dichter von Platen und Hamerling (vergl. M., Meine Beziehungen zu Robert Hamerling etc.) beeinflußt. (»Gedichte«, »Nacht und Sterne«, »Idyllen«, »Aus der Mansarde« etc.). Als Übersetzer der Dichtungen Pol de Monts war er ein Vermittler zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Wesen.

=Heinrich Vierordt=, geb. am 1. Okt. 1855 in Karlsruhe, machte als Balladendichter, der vielfach den Volkston glücklich getroffen hat, von sich reden. Er schrieb »Gedichte«, »Lieder und Balladen«, »Neue Balladen«, »Akanthusblätter« (Dichtungen aus Italien und Griechenland) und »Vaterlandsgesänge«, die sich durch farbenprächtige Schilderungen und poetischen Schwung auszeichnen.

Lyriker und Epiker der 70er und 80er Jahre.

=Julius Grosse=, geb. am 25. April 1828 in Erfurt, ist einer der fruchtbarsten deutschen Dichter, der sich auf dem Gebiete der Lyrik, des Romans und des Dramas gleich sicher zu bewegen verstand. Besondere Erwähnung von seinen Werken, die sich durch feine Entwicklung der Seelenzustände und Charaktere auszeichnen, verdienen die Dramen: »Der letzte Grieche«, »Gudrun«, »Judith«, »Tiberius«, von den epischen Dichtungen: »Das Mädchen von Capri« und »Gundel vom Königssee«. Originelle Schöpfungen sind auch sein Roman: »Der getreue Eckart« und seine Lebenserinnerungen »Ursachen und Wirkungen«.

=Martin Greif= (eigentlich Hermann Frey), geb. am 18. Juni 1839 in Speyer, ist der Meister des einfachen Volksliedes, dessen Ton er wie wenige trifft. Seinen Ruhm begründeten die bereits wiederholt aufgelegten »Gedichte«. Seine Dramen (»Heinrich der Löwe«, »Ludwig der Bayer«, »Francesca von Rimini«) werden das Schicksal der Uhlandschen Dramen teilen.

=Johann Georg Fischer=, geb. am 25. Okt. 1816 zu Großsüßen, gest. am 6. Mai 1897, gehört der schwäbischen Dichterschule an, deren Merkmale er trägt, und ist in seinem dichterischen Schaffen eine Goethe verwandte Natur. Mit 38 Jahren veröffentlichte er seine ersten »Gedichte«, denen noch drei weitere Sammlungen, zuletzt -- 1896 -- »Mit 80 Jahren« folgten. Wie alle Schwaben hat auch er an dem politischen Leben seiner Zeit teilgenommen, wenn auch nicht in dem Maße wie Uhland. Seine Dramen »Saul«, »Friedrich II.«, »Florian Geyer« und »Kaiser Maximilian von Mexiko« werden geschätzt, ohne jedoch bühnenfähig zu sein.

=Friedrich Wilhelm Weber=, geb. am 26. Dez. 1813 in dem Orte Alhausen bei Driburg in Westfalen, gest. am 5. April 1894, studierte Medizin und trat im Herbst 1878 mit dem lyrisch-epischen Gedicht: »Dreizehnlinden« vor die Öffentlichkeit, das ihn mit einem Schlage zum gefeiertsten katholischen Dichter machte. Außer »Dreizehnlinden«, von dem mehr als 70 Auflagen erschienen, sind noch seine Dichtung »Goliath«, sowie die Sammlungen »Gedichte«, »Marienblumen« und »Herbstblätter« zu nennen.

=Friedrich Theodor Vischer=, geb. am 30. Juni 1807 in Ludwigsburg, gest. am 14. Sept. 1887, bethätigte sich auf lyrischem Gebiet durch seine 1882 erschienene Sammlung »Lyrische Gänge« und auf epischem durch den eigenartigen humoristischen Roman »Auch Einer«. Viel Aufsehen erregte die Parodie auf den 2. Teil des Faust, die er unter dem Titel: »Faust. Der Tragödie dritter Teil. Von Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky« herausgab.

=Wilhelm Jordan=, geb. am 8. Febr. 1819 zu Insterburg, wurde bekannt durch sein Doppelepos »Die Nibelunge«, für die er selbst als wandernder Rhapsode eine Propaganda machte, die ihm zu einem starken buchhändlerischen Erfolge verhalf. J. übersetzte ferner die Edda, Sophokles, Homer, Ilias und Odyssee und gab eine große Anzahl eigener Dichtungen, Romane (»Die Sebalds«, »Zwei Wiegen«) und Theaterstücke heraus, von denen die Lustspiele »Durchs Ohr«, »Tausch enttäuscht« und »Sein Zwillingsbruder« sich als die erfolgreichsten erwiesen. Seine Lebensauffassung spiegelt sich am besten in dem dramatischen Werk »Demiurgos« wider.

=Hermann Lingg=, geb. am 22. Januar 1820 in Lindau, faßte durch Geibels Freundschaft festen Fuß in der Münchener Dichterschule. Sein Hauptwerk ist das großangelegte farbenprächtige Epos »Die Völkerwanderung«. Außerdem besitzen wir von ihm eine Reihe Dramen und Gedichte. Sein Leben und Schaffen beschrieb L. in dem 1. Bande der »Zeitgenössischen Selbstbiographien« (»Meine Lebensreise«).

=Stephan Milow= (Pseudon. für Stephan von Millenkovics), geb. am 9. März 1836 in Orsova, verdankt seine litterarische Stellung besonders seinen lyrischen Gedichten (»Gesammelte Gedichte«). Bemerkenswert sind noch die Novellenbände »Wie Herzen lieben« und »Höhen und Tiefen«.

=Ludwig Eichrodt=, geb. am 2. Febr. 1827 in Durlach in Baden, gest. 1892, ein Jugendgenosse Scheffels, dichtete eine Anzahl humoristischer Lieder, die besonders in studentischen Kreisen Anklang fanden (»Gesammelte Dichtungen«).

=Hermann Allmers=, geb. am 11. Februar 1821 zu Rechtenfleth, gab das »Marschenbuch« heraus, das im Stile der Riehlschen kulturhistorischen Novellen Bilder aus dem Leben der friesischen Marschenbauern enthält. »Dichtungen« und »Römische Schlendertage« schlossen sich an.

=Robert Waldmüller= (Pseudon. für Ed. Duboc), geb. am 17. Sept. 1822 in Hamburg, versuchte sich auf fast allen dichterischen Gebieten und hat sich auch als Übersetzer bekannt gemacht. Von seinen Romanen sind »Somosierra« und »Don Adone«, von seinen Gedichtsammlungen »Klänge aus der Fremde« und »Liebesstürme« die bekanntesten.

=Rudolf Bunge=, geb. am 27. März 1836 in Koethen, als Improvisator und liebenswürdiger Gesellschafter in allen litterarischen Kreisen geschätzt, errang seine größten Kassenerfolge mit dem Libretto zum »Trompeter von Säckingen«. Dichterisch höher steht die 5-aktige Tragödie »Der Herzog von Kurland«, das den Verlust von Straßburg und dem Elsaß behandelt. In seiner Gedichtsammlung »Heimat und Fremde« singt er von Lenz und Liebe, von deutschen Frauen, deutscher Treue, deutschem Wein und dem angestammten Herrscherhaus, das seine vielseitige litterarische Thätigkeit durch Verleihung von Titeln und Orden anerkannte.

=Adolf Brieger=, geb. am 12. Okt. 1832 in Greifswald, ein in den »weitesten Kreisen« unbekannter Dichter, veröffentlichte erst 1870 in Hexametern das kleine antikisierende Epos »Krösus und Adrastus«, 1885 aber, in die unmittelbare Vergangenheit greifend »König Humbert in Neapel«. Modern ist auch: »Stirb und werde«. Seine »Ausgewählten Gedichte« (1895) geben innerlich Erlebtes, meist an das Naturbild als Symbol (im Goethe'schen Sinne) anknüpfend. Zuletzt erschien: »Verirrt und heimgefunden«, zwei aus dem Leben der Gegenwart genommene Versnovellen.

=Heinrich Bulthaupt=, geb. am 26. Okt. 1849 in Bremen, zeigt sich in der Lyrik dem Schweizer Conrad Ferd. Meyer verwandt (»Durch Frost und Gluten«), versuchte sich auch wiederholt im Drama (»Der verlorene Sohn«, »Viktoria« u. a.), ohne jedoch große Bühnenerfolge zu erzielen. Dagegen erlebte seine »Dramaturgie der Klassiker« wiederholt neue Auflagen und gilt für das beste neuzeitliche Werk auf diesem Gebiete.

=Julius Rodenberg= (Pseudon. für Levy aus Rodenberg) geb. am 26. Juni 1831 in Rodenberg (Kurhessen), der Begründer und Leiter der »Deutschen Rundschau«, schrieb Gedichte, Romane und Reisebeschreibungen (»Berliner Bilder«), die ihn als liebenswürdigen Poeten zeigen, der sich gern in die Erinnerung an die so ungleich bessere und vollkommenere Vergangenheit versenkt. (Vergl. auch R.'s »Erinnerungen aus der Jugendzeit«.)

=Karl Weitbrecht=, geb. am 8. Dez. 1847 in Neuhengstett, ist nach Form und Inhalt einer der bedeutendsten schwäbischen Epiker. Von seinen Büchern seien hier genannt: »Liederbuch«, »Sonnenwende«, die Novellensammlung »Verirrte Leute«, und der satirische Roman: »Phaläna. Die Leiden eines Buches«. Ein besonderes Verdienst hat sich W. in Gemeinschaft mit seinem Bruder Richard um die Pflege der Dialektdichtung erworben. (»Gschichta-n aus'm Schwôbaland« [1877] und: »Nohmôl Schwôbagschichta« [1882]).

=Eduard Paulus=, geb. am 18. Okt. 1837 in Stuttgart, besitzt unter den schwäbischen Dichtern der Gegenwart das stärkste lyrische Talent. Ein liebenswürdiger Humor, der auch oft satirisch gefärbt ist, zeichnet seine in der Form tadellosen Gedichte (»Gesammelte Dichtungen«) aus. 1897 ließ er »Arabesken« und im Vorjahre ein Epos in 12 Gesängen »Tillmann Riemschneider. Ein Künstlerleben« folgen, das wiederum Zeugnis von der starken lyrischen Begabung P.'s ablegt. Neben einem kecken, übermütigen Humor macht sich, namentlich in seinen letzten Schöpfungen, eine wehmütige Grundstimmung bemerkbar.

=Isolde Kurz=, geb. am 21. Dez. 1853 in Stuttgart, ein C. F. Meyer verwandtes Talent, hat nur wenige Bände (»Gedichte«, »Phantasien« und »Märchen«, »Florentiner Novellen«, »Italienische Erzählungen«) publiziert, aber das Wenige trägt den Stempel durchgebildeter Meisterschaft und ungewöhnlicher Fabulierkunst.

Die neuzeitlichen Romantiker.

=Otto Roquette=, geb. am 19. April 1824 in Krotoschin, gest. am 18. März 1896, gab eine Reihe von Dramen, Märchen und Romanen heraus, unter denen »Waldmeisters Brautfahrt« den größten Erfolg davontrug. Seine »Gedichte« erlebten mehrere Auflagen; als sein bester Roman gilt: »Buchstabierbuch der Leidenschaft«. Die nach seinem Tode herausgegebene Erzählung: »Die Reise ins Blaue«, mit verwässerter Eichendorffscher Romantik, ist nur geeignet, dem Ansehen des Dichters, der jetzt schon zu den halb Vergessenen gehört, zu schaden.

=Oskar von Redwitz=, geb. am 28. Juni 1823 in Lichtenau bei Ansbach, gest. am 6. Juli 1891, erregte zuerst durch sein lyrisches Epos: »Amaranth«, Aufsehen. Von seinen Dramen fanden »Philippine Welser«, »Der Zunftmeister von Nürnberg« und »Doge von Venedig« eine ebenso unverdient freundliche Aufnahme, wie sein Roman »Hermann Stark« und das patriotische »Lied vom neuen Deutschen Reich«.

=Heinrich Steinhausen=, geb. am 27. Juli 1836 in Sorau, trug seinen größten Erfolg mit »Irmela«, einer stimmungsvollen Geschichte aus alter Zeit davon. Seinen Werken, von denen wir noch den »Korrektor«, »Herr Moffs kauft sein Buch« und »Heinrich Zwiesels Ängste« anführen, fehlt es, trotz des vorwiegend religiösen Grundtons, nicht an heiteren Episoden.

=Wilhelm Hertz=, geb. am 24. Sept. 1835 in Stuttgart, ein Schüler Uhlands, machte sich durch seine sprachwissenschaftlichen Werke und seine »Gedichte«, in denen er sich jedoch nur als reines Formtalent erwies, einen Namen. Seine bekanntesten Epen sind »Hugdietrichs Brautfahrt«, »Tristan und Isolde« und »Bruder Rausch«.

Die Dichter mit dem Erdgeruch.

=Klaus Groth=, geb. am 24. April 1819 in Heide in Holstein, gest. 1899, stand im Mittelpunkt der plattdeutschen Bewegung. Er brachte diese bisher nur von Improvisatoren zu Possenreißereien benutzte Sprache wieder durch die Herausgabe seines »Quickborn« zu Ehren. Und wenn auch Reuter, der Humorist, mit seinen realistischen Darstellungen des Lebens mehr Erfolg errang als der Lyriker Groth, so gebührt diesem doch ein nicht minder großes Verdienst um die Erhaltung des Plattdeutschen. Sein Hauptwerk, der »Quickborn«, dessen Hintergrund die Plätze und Gassen eines vor einem Jahrzehnt noch kleinen und abgelegenen Fleckchen der Norderdithmarschen-Heide bilden, enthält Familienbilder, Lieder, Balladencyklen, Humoristisches etc.

=Ludwig Anzengruber=, geb. am 29. Nov. 1839 in Wien, gest. 1899, war ursprünglich Schauspieler, später mangels anderer Beschäftigung Beamter. A.'s Dramen, die stellenweise tendenziös gefärbt sind, behandeln religiöse und sociale Themata und spielen fast ausschließlich in Bauernkreisen. Sein erstes Stück: »Der Pfarrer von Kirchfeld« errang einen vollen Erfolg, der auch seinen späteren Dramen: »Der Meineidbauer«, »Die Kreuzelschreiber«, »Der Gewissenswurm«, »Der ledige Hof«, »Das vierte Gebot« treu blieb. Von den genannten Stücken haben »Der Gewissenswurm« und »Das vierte Gebot« die meiste Anerkennung gefunden. Von den Erzählungen A.'s steht der großangelegte Roman »Der Schandfleck« an erster Stelle.

=Theodor Herrmann Pantenius=, geb. am 22. Okt. 1843 in Mitau, Redakteur des »Daheim«, gehört zu den weniger bekannten Romanciers. Von seinen Romanen, deren Stoff meist seiner kurländischen Heimat entnommen ist, gelten als beste »Wilhelm Wolfschildt« und »Allein und frei«; sein in Livland spielender Roman »Die von Kelles« zählt zu den besten Schöpfungen der deutschen Litteratur.

=Peter Rosegger=, geb. am 31. Juli 1843 in Krieglach in Steiermark, erlernte zuerst das Schneiderhandwerk und wurde von dem Herausgeber der »Grazer Tagespost«, Albert Swoboda, für die Litteratur entdeckt. R. ist ein Autor von großer Gestaltungskraft und Phantasie, der sich seine Heimat, die steirischen Alpen, zur Domäne erkoren hat. Obwohl er der Tendenz nach Idealist ist, sind seine Schilderungen des Bauernlebens doch durchaus realistisch. Aus der Zahl seiner Werke -- Rosegger ist einer der produktivsten Schriftsteller, der gewissenhaft jedes Jahr seine 2, 3 Bände liefert --, heben wir hervor: »Die Schriften des Waldschulmeisters«, »Heidepeters Gabriel«, »Dorfsünden«, »Der Gottsucher«, »Neue Waldgeschichten«, »Höhenfeuer«, »Jakob der Letzte«, »Martin der Mann«, »Der Waldvogel«, »Das ewige Licht«, »Erdsegen«.

=Karl Stieler=, geb. am 15. Dez. 1842 in München, gest. 1885, der Dichter frischer, fröhlicher »Hochlandslieder«, machte den Krieg 70/71 mit und schrieb »Durch Krieg zum Frieden 1870/1«. Von seinen oberbayrischen Gedichtsammlungen, die auch in Norddeutschland weite Verbreitung fanden, nennen wir: »Bergbleameln«, »Habts a Schneid!?«, »Hochlandslieder«, »Neue Hochlandslieder«, »Um Sunnawend«, »Weil's mi freut!«

=Hermann von Schmid=, geb. am 13. März 1815 in Weizenkirchen (Österreich), gest. 1880, wurde durch seine bayrischen Dorfgeschichten bekannt. Von seinen historischen Werken hat der vierbändige Roman »Der Kanzler von Tirol« die meiste Beachtung gefunden.

=Maximilian Schmidt=, geb. am 25. Febr. 1832 in Eschlkam, wählte als Hintergrund seiner Erzählungen den Bayrischen und Böhmer Wald. Seine Werke zeichnen sich durch volkstümliche Darstellung, hübsche Naturschilderungen und treffende Charakteristik aus. (»Gesammelte Werke« 1884 u. ff.)

=Ludwig Ganghofer=, geb. am 7. Juli 1855 in Kaufbeuren, verlegt den Schauplatz seiner Romane und Schauspiele meist in das bayerische Hochgebirge. Von seinen konventionell-volkstümlichen dramatischen Arbeiten fanden besonders »Der Herrgottsschnitzer von Oberammergau« und »Der Prozeßhansl« Anerkennung, obwohl seine »Jagerleut« die Verwandtschaft mit dem »Salontiroler« nicht verleugnen können. Zu seinen besten Romanen und Novellen, in denen die Natur meist symbolisch verwertet wird, zählen »Hochlandsgeschichten«, »Der Klosterjäger«, »Die Martinsklause«, »Der laufende Berg«.

=Arthur Achleitner=, geb. am 16. Aug. 1858 in Straubing, machte sich durch seine Schilderungen aus dem Wild- und Waidmannsleben der Hochgebirge bekannt. (»Geschichten aus den Bergen«, »Grüne Brüche«, »Grenzerleut'«, »Der Stier von Salzburg«, »Der Hirsch von Eßlingen« u. a.)

=Johann Meyer=, geb. am 5. Jan. 1829 in Wilster in Holstein, veröffentliche plattdeutsche Erzählungen und Schwänke, »Dithmarscher Gedichte« und hochdeutsche »Lyrische Gedichte«, die ein eigenartiges poetisches Talent bekunden.

=Joh. Heinrich Fehrs=, geb. am 10. April 1838 in Mühlenbarbeck, begann mit Epen (»Krieg und Hütte«, »Eigene Wege«) und schloß daran plattdeutsche Erzählungen und Gedichte. (»Lütt Hinerk«, »Allerhand Slag Lüd«.)

=Timm Kröger=, geb. am 29. Nov. 1844 in Haale (Holstein), debütierte mit dem Novellenband: »Eine stille Welt«, der Bilder und Geschichten aus Moor und Heide enthält, die sich durch feinsinnige Naturbetrachtungen auszeichnen. Ein kleines Meisterwerk ist sein psychologischer Roman »Der Schulmeister von Handewitt«, der in 2. Auflage unter dem Titel: »Schuld?« erschien.

=Heinrich Hansjakob=, geb. am 19. Aug. 1837 in Haslach in Baden, ist ein Meister der Dorfgeschichte, der zwar in seinen Schriften den katholischen Priester nicht verleugnet, dies aber durch einen urwüchsigen Humor und echtes Empfinden vergessen läßt. (»Aus meiner Jugendzeit«, »Aus meiner Studienzeit«, »Wilde Kirschen«, »Schneeballen«.)

=Hermine Villinger=, geb. am 6. Febr. 1849 in Karlsruhe, legte den Schwerpunkt ihres litterarischen Schaffens auf die Dorfgeschichte. »Aus dem Kleinleben«, »Unter Bauern«, »Kleine Lebensbilder«, »Aus dem Badener Land« u. a. enthalten reizende, humorvolle Genrebilder aus dem badischen »Ländle«.

=Clara Viebig= (Mädchenname von Clara Cohn), geb. in Trier, entnimmt den Stoff ihrer oft graß naturalistischen Werke mit Vorliebe dem Gebiete der Eifel. Sie debütierte 1897 mit der Novellensammlung »Kinder der Eifel«, denen weitere Novellen (»Vor Tau und Tag«), die Romane »Dilettanten des Lebens«, »Es lebe die Kunst!« und »Das Weiberdorf« folgten, die jedoch künstlerisch nicht auf der Höhe ihrer ersten Publikation stehen. Eine ihrer Eifelgeschichten lieferte den Stoff zu ihrem Drama »Barbara Holzer«. Ihr neuestes Bühnenwerk »Pharisäer« spielt im Posenschen.

=Adolf Bartels=, geb. am 15. Nov. 1862 in Wesselburen, erwarb sich als Litterarhistoriker der Kunstwart-Schule einen Namen. Seine historischen Romane »Die Dithmarscher« und »Dietrich Sebrandt« sind vom streng geschichtlichen Standpunkt aus geschrieben.