Die letzten zwanzig Jahre deutscher Litteraturgeschichte 1880–1900

Part 2

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Der deutsch-französische Krieg 1870/71 erfüllte das Sehnen der Nation nach Einheit und Macht unter einem neuen deutschen Kaisertum: eine neue Litteratur brachte er nicht. Selbst die Kriegslyrik trieb nur wenig neue Blüten; Schlag auf Schlag war draußen in Frankreich erfolgt, und ehe man Zeit fand, den jungen Ruhm dichterisch zu verherrlichen, war der Friede geschlossen. Was sehnsüchtig die Besten der Nation herbeigewünscht, war in Erfüllung gegangen, aber nach dem jahrzehntelangen Warten stand man zu plötzlich am Ziel, um die Wandlung begreifen zu können. In den Kabinetten war der Krieg beschlossen worden, die Volksseele hatte wenig Teil an ihm. Auch die Errichtung des deutschen Kaisertums war mehr ein Akt der Diplomatie, als der Ausfluß jenes Sehnens, das im Volke lebte und dessen Erfüllung man kaum noch erhoffte, als sie schon eingetreten war. Die wenigen großen Dichter, die wir um jene Zeit besaßen, waren in ihrer Entwicklung bereits abgeschlossen, als Bismarck Deutschland in den Sattel hob. Paul Heyse war zu sehr Künstler, Ästhetiker, als daß von ihm eine nationale Kunst ihren Ausgang nehmen konnte. Seine Sehnsucht ging mehr nach dem sonnigen Italien oder dem schönheitstrunkenen Hellas, als nach dem neuen Deutschen Reiche. Berthold Auerbach hatte sein Bestes schon geleistet und Gustav Freytags altfränkisch-philiströse Kunst fand sich ebensowenig im neuen Deutschland zurecht, wie Friedrich Spielhagens politisches Glaubensbekenntnis. Die beiden Schweizer Gottfried Keller und Conrad Ferd. Meyer standen zu weit ab vom Deutschen Reiche, um wirklichen Einfluß auf sein nationales Leben zu gewinnen. So verklang das Lied vom »Grünen Heinrich« in der Ferne und erst viel später wurde seine Melodie wieder gehört. Conrad Ferd. Meyers feinciselierte Kunst war nie Volkskunst, ihr Einfluß blieb auch später auf Litteraten- und Künstlerkreise beschränkt. Das Volk trug kein Verlangen nach Kunst; was es suchte, war Unterhaltung -- Genuß. Die Milliarden kamen ins Land und ein toller Taumel erfaßte alle Kreise: wer früher Wasser getrunken, berauschte sich jetzt in Champagner. Die Gründerperiode war angebrochen, das Gold übte seine Zauberkraft, alles in seinen Bann ziehend und alle anderen als vitale Interessen ertötend. Oskar Blumenthal und Paul Lindau, Namen, die heute schon vom litterarischen Schauplatz verschwunden sind, feierten ihre Triumphe, und das eroberte Paris war es, das seine litterarischen Schatzkammern öffnete und dem neuen Reich auch die »neue Kunst« gab. Sie war auch danach und ihrer Vertreter würdig. Die beiden Litteraturpäpste an der Spree waren aus dem Journalismus hervorgegangen. Beide suchten mit Pamphleten schlimmster Sorte ihr Ansehen zu begründen. Den »Allerlei Ungezogenheiten« des »blutigen Oscar« traten die »Litterarischen Rücksichtslosigkeiten« Lindaus ebenbürtig zur Seite. Alles, was in Deutschland einen Namen besaß, verfiel ihnen und wurde mit Spott und Hohn überschüttet. Paris war die Parole. Hatte das kriegerische Frankreich keine Lorbeeren gepflückt, so fielen sie jetzt dem künstlerischen Frankreich überreich in den Schoß. Selbst vor dem Kriege war die Abhängigkeit von unseren westlichen Nachbarn nicht so groß wie nach der Wiedergeburt Deutschlands, das sich erst auf seine Machtstellung besinnen mußte. Irregeleitet von falschen Propheten, die ihre Lehrjahre in Paris durchgemacht hatten, wußte das Volk nichts Besseres, als der leichtgeschürzten gallischen Muse zuzujubeln und ihre Kinder für den Inbegriff des Schönen und Wahren hinzustellen.

Die Zeiten des Kulturkampfes waren der Entwickelung der deutschen Dichtung wenig günstig, die Handvoll wirklicher Poeten, die Deutschland besaß, ging unverstanden ihre Wege und viel später erst fand sie Anerkennung. Die Gründerperiode hatte bald abgewirtschaftet, der Krach kam, der Champagnerrausch verflog und nur der Katzenjammer blieb zurück. Damals wurde Schopenhauer Mode. Sein Schüler Grisebach sang seine Tannhäuserlieder, die die Stimmung des Volkes widerspiegeln, das von Genuß zu Genuß taumelt, bis ihm erwachend der Ekel kommt. Eine Zeit der Nüchternheit und Niedergeschlagenheit folgte den tollen Jahren, eine Zeit, in der die Litteratur auf die Zuneigung der höheren Töchter angewiesen war. Die Poesie flüchtete in die Gelehrtenstuben und drapierte sich malerisch mit griechischen und ägyptischen Gewändern, um sich ein besonderes Air zu geben. Es waren die Erntejahre der Dahn und Ebers. In ihrem Gefolge erschienen die Scheffel, Wolff und Baumbach und ließen ihre Spielmannsweisen ertönen. Die Romantik hat den Deutschen immer im Blute gesteckt und sie sollte auch im neuen Deutschen Reiche nicht zu kurz kommen. Was ihre Vertreter an gutem Geschmack noch übrig ließen, das richteten die Gartenlaube-Talente vom Schlage der Marlitt zu Grunde. Wohl hatte Storm bereits seine schönsten Lieder gesungen, Wilh. Raabe, Anzengruber und Rosegger waren bei der Arbeit und andere kleinere Talente ihnen gefolgt, aber was vermochten sie gegen die Protegés der höheren Töchter in einer Zeit, die die Kunst nur als angenehme Zugabe zum Leben betrachtete und keine Dichter haben wollte?

In dieser Zeit des Niederganges erstand dem litterarischen Deutschland ein Retter in einer Gruppe junger Schriftsteller, die dem allmählichen Versanden der Litteratur nicht länger teilnahmslos zusehen wollte. Sie empfand tief die Mißachtung, die man dem einheimischen Schrifttum entgegegenbrachte, eine Mißachtung, an der nicht sowohl das Publikum als auch die Litteratur selbst schuld war. Die erste Streitschrift »Kritische Waffengänge«, die der »neuen Litteratur« die Wege bahnen sollte, ging von den Gebrüdern Hart aus.

In einem einleitenden Aufsatze: »Wozu, wogegen, wofür?« entwickeln sie ihr Programm: Sie wollen aufräumen mit dem eklektischen Dilettantismus, der sich breit macht, mit dem um sich fressenden Kastratentum der Kritik. Sie wollen Platz machen für bessere und edlere Geister, weil sie nicht an einen Niedergang der Litteratur glauben können und wollen.

»Hinweg also mit der schmarotzenden Mittelmäßigkeit, hinweg alle Greisenhaftigkeit und alle Blasiertheit, hinweg das verlogene Recensententum, hinweg mit der Gleichgiltigkeit und hinweg mit allem sonstigen Geröll und Gerümpel. Reißen wir die jungen Geister los aus dem Banne, der sie umfängt, machen wir ihnen Lust und Mut, sagen wir ihnen, daß das Heil nicht aus Ägypten und Hellas kommt, sondern daß sie schaffen müssen aus der germanischen Volksseele heraus, daß wir einer echt nationalen Dichtung bedürfen, nicht dem Stoffe nach, sondern dem Geiste, daß es wieder anzuknüpfen gilt an den jungen Goethe und seine Zeit, und daß wir keine weitere Formenglätte brauchen, sondern mehr Tiefe, mehr Glut, mehr Größe.«

Und nun kommen die kritischen Abschlachtungen. Im ersten Heft muß der Dramatiker Heinrich Kruse herhalten, im zweiten wird Paul Lindau vorgenommen. Ihm folgen Hugo Bürger (Hugo Lubliner) und Albert Träger. Das vierte Heft enthält eine Beleuchtung des »Deutschen Theater« L'Arronges; im fünften wird Graf Schack gelobt und zum Schluß Spielhagen und dem deutschen Roman der Gegenwart näher oder besser zu nahe getreten. -- Den »Kritischen Waffengängen« folgte die Arent'sche Anthologie »Moderne Dichtercharaktere«, der sich Karl Bleibtreu mit seiner Broschüre: »Revolution der Litteratur« anschloß. Um den »Jungen« ein Organ zu schaffen, in dem sie ihre Meinungen ungeschminkt zum Ausdruck bringen konnten, gründete M. G. Conrad in Gemeinschaft mit Bleibtreu »Die Gesellschaft«. Sie wurde bald der Mittelpunkt einer Anzahl junger Schriftsteller, unter denen sich neben den Herausgebern Hermann Conradi, Wilhelm Walloth, Konrad Alberti bemerkbar machten.

Wie bei jeder neuen Kunstrichtung schoß man auch hier über das Ziel hinaus, und in dem Bestreben, alles Bestehende über den Haufen zu werfen oder doch zu reformieren, wurde man ungerecht und was noch schlimmer war, roh. Dazu kam, daß man an Stelle der alten Kunst zwar ein neues _Programm_, aber keine neue _Kunst_ setzen konnte. Auch da mußte Frankreich aushelfen. Der den Deutschen verwandte Meister Zola zog die Jüngsten in seinen Bann, und wie helle Fanfarenstöße klang sein Name in das Lager der »Alten«. Wahrheit und Natur waren die Schlagworte, mit denen man der Romantik zu Leibe ging. Die Großstadt mit ihrer Pracht und ihrem Elend wurde entdeckt, die Kellnerinnen und Dirnen in die Litteratur eingeführt und die vielgliedrige sociale Frage der Belletristik einverleibt. Aber dem großen Wollen entsprach nur ein geringes Können. Bleibtreu suchte den Satz zu erweisen, das Genie sei der Fleiß, und schrieb unermüdlich Band auf Band, M. G. Conrad schuf seine Münchener Großstadt-Romane nach Zola'schem Recept, Konrad Alberti wählte sich Berlin zum Schauplatz seiner socialen Romane und Hermann Conradi stammelte brünstige Lieder und »Phrasen«. Daneben sangen Arno Holz und Karl Henckell ihre Proletarierlieder, bei denen Geibel und Herwegh Pate gestanden, Liliencron sattelte seinen Pegasus zu den »Adjutantenritten« und Hermann Heiberg schrieb seinen »Apotheker Heinrich«.

So beachtenswert auch einzelne Leistungen waren, so wenig konnte das Gesamtbild befriedigen. Die neuen Stoffe besaß man wohl, aber die Künstler fehlten, sie zu gestalten. Auch sonst kam noch manches hinzu, was wenig geeignet war, der neuen Kunst Anhänger zuzuführen. Ästhetisch feiner empfindende Naturen fühlten sich abgestoßen von dem Gebahren der Jüngstdeutschen, die den weichen Künstlerschlapphut der Münchener Schule ostentativ mit der Ballonmütze des Proletariers vertauschten und in der Art sich zu geben vieles zu wünschen übrig ließen. Die Unzulänglichkeit in der Bewältigung der neuen Stoffe führte wieder zu einer Anlehnung an das Ausland. Dank den »Gründer«-Übeln übersah man Dichter wie _Otto Ludwig_ und vor allem _Friedrich Hebbel_, die zwar noch keine socialistische und Kellnerinnen-Litteratur geschaffen, aber den _natürlichen Übergang_ von der alten zur neuen nationalen Kunst darstellen. Ibsen und Tolstoi, denen sich Strindberg, Björnson, Dostojewskij u. a. zugesellten, wurden vielmehr neben Zola die großen Vorbilder, denen die Jüngstdeutschen nacheiferten. An Ibsen bewunderte man die Kühnheit, mit der er an alle ererbten Institutionen und Anschauungen herantrat und ihre Fäulnis und Verderbtheit aufdeckte. Und daneben lag in dem »Wunderbaren«, auf das der große Prophet des Nordens hinwies, ein eigener Zauber, der ebenso gefangen nahm, wie die Lehre von dem Erbarmen mit dem Elend der Gegenwart, die Tolstoi verkündete. Ibsen besonders hat das große Publikum mit dem Denken und Empfinden der Modernen vertraut gemacht: die Hunderttausende von Exemplaren, die Reclam von seinen Stücken in die Welt sandte, predigten das neue Evangelium der Kunst. Neben ihm aber war ein anderer Prophet aufgetreten, der über Stirner noch hinausgehend, die Philosophie des Egoismus predigte und das »robuste Gewissen« verherrlichte: Friedrich Nietzsche. Der Sklavenmoral des Christentums setzte er die Herrenmoral des »Uebermenschen« gegenüber und wenn er auch kein System auf- und ausgebaut hat, so hat seine Lehre doch den stärksten Einfluß auf die jüngste Dichtergeneration ausgeübt, die sich an seinen großen Worten berauschte und das von ihm verherrlichte Übermenschentum für sich zu pachten suchte.[2]

[2] Die Gebrüder Hart hatten in ihren »Kritischen Waffengängen« die Forderung aufgestellt: die deutschen Dichter müßten »aus der germanischen Volksseele heraus schaffen«; ihre modernen Mitstürmer aber vermochten, wie oben ausgeführt, die Stoffe, die in der deutschen Volksseele lebten, weder zu erfassen, noch zu gestalten. Sie verfielen vielmehr der krassesten Ausländerei und befriedigten ihren germanischen Litteraturdrang dadurch, daß sie gehorsam zu den Füßen der Franzosen, Russen und Norweger saßen. Gegen diese Versumpfung der »litterarischen Revolution« und »Moderne« trat eine Bewegung auf, die das »Nationale« wieder in den Vordergrund zu schieben und eine »Heimatkunst« zu schaffen suchte. Politisch schloß sie sich an die Deutschbewegung in Österreich und den russischen Ostseeprovinzen an und fand ihren stärksten Ausdruck in dem von Erwin Bauer gegründeten »Zwanzigsten Jahrhundert«, zu dessen Mitarbeitern Karl Pröll, Adolf Graf Westarp, Fritz Lienhard, Oskar Linke, Jeannot Emil von Grotthuß u. a. gehörten. Diese »nationale« Litteratur-Bewegung verfiel jedoch sehr bald dem politischen Antisemitismus und verlor dadurch den Einfluß auf die deutsche Jugend ebenso rasch, wie sie ihn gewonnen hatte. Erst in den letzten Jahren sind diese Bestrebungen, wenn auch in etwas veränderter Form, von Ferdinand Avenarius, Adolf Bartels, Fritz Lienhard u. a. im »Kunstwart« und neuerdings in der »Heimat« wieder erfolgreich aufgenommen worden.

War es um die Litteratur im allgemeinen schon schlecht bestellt, so hatte das deutsche Theater im besonderen unter dem Tiefstand des litterarischen Interesses und des herrschenden Geschmacks zu leiden. Erst Richard Wagners Schöpfung des musikalischen Dramas erinnerte daran, daß die Bühne anderen Zwecken zu dienen habe als der Darstellung französischer Possen und Zoten. Seine Dramen ließen die Vergangenheit wieder aufleben, in seinen stolzen Reckengestalten und heldenmütigen Frauen zeigte der Dichter-Komponist wieder Ideale, an die der Glaube längst abhanden gekommen. Aber Wagners Bedeutung liegt mehr auf musikalischem als dichterischem Gebiete und auf die große Menge hat seine Kunst kaum Einfluß gewonnen. Zudem waren die Wagnerianer, die heute eine Welt darstellen, damals wenig mehr als eine kleine Fanatikergemeinde. Von der jüngeren Generation war Wildenbruch der erste, der sich die Bühne mit seinen Stücken eroberte, in denen er dramatisch das Ergebnis der neuen Gestaltung Deutschlands zu ziehen suchte. Er schuf eigenartige Charakterbilder aus der brandenburg-preußischen Geschichte und das Schillersche Pathos, das er anschlug, gewann ihm die Gunst des Publikums im Fluge. Das eigentliche Drama der Gegenwart aber, das seinen Stoff dem modernen socialen Leben entnimmt, brachte der neuen Zeit zuerst Sudermann in seiner »Ehre«. Sie leitete eine neue Epoche unseres Litteraturlebens ein, nicht ihres künstlerischen Gehaltes wegen, sondern durch die Anteilnahme an dem dichterischen Schaffen unserer Tage, die sie in den Kreisen des Publikums weckte. Auf die unbestrittenen Erfolge Sudermanns folgten die lärmenden Kundgebungen, mit denen man die ersten Schöpfungen Hauptmanns empfing, die noch ganz unter dem Einflusse Ibsens standen. Andere jüngere Talente, wie Halbe, Fulda, Hartleben schlossen sich an. Durch sie und die späteren Triumphe Hauptmanns wurde die Bühne dem Naturalismus dauernd gewonnen: die Jüngsten hatten gesiegt, wenn auch auf einem anderen Plane als dem zuerst ins Auge gefaßten. Ihr Augenmerk war ursprünglich auf die Regeneration des Romans gerichtet, dem sie neue Stoffgebiete zu erschließen suchten. In Wirklichkeit war es nur die Technik, die eine Umgestaltung erfuhr, denn auch die Dichter der alten Schule, Spielhagen, Heyse, um nur zwei der noch lebenden zu nennen, hatten aus ihrer Zeit geschöpft und versucht, ein Bild derselben zu geben.

Das unbestrittene Verdienst der neuen Schule ist die stärkere Anteilnahme der Litteratur am Leben der Gegenwart, dessen Erscheinungen sie festzuhalten und künstlerisch zu gestalten sucht. Schon beginnt das Interesse für den romanischen Süden dem Zug nach dem germanischen Norden zu weichen und an Stelle der »Internationalität« sucht man wieder die volkstümlichen Grundlagen unserer Kunst auf: die Heimat und ihre Vergangenheit. Diese Errungenschaften der letzten Jahre werden durch die blutlose Nervenpoesie der Symbolisten, Neurotiker, Esoteriker und wie die neuen Kunstjünger alle heißen, kaum gefährdet werden, das bloße Spielen mit Inhalt und Form, das »halbe heimliche Empfinden« wird Menschen mit ganzem gesunden Empfinden schwerlich in seinen Bann ziehen. Denn wenn man auch von dem echten Dichter verlangt, daß er die ganze Empfindungsklaviatur beherrscht, also auch die »schwarzen Tasten«, die »halben Töne« kennt, so darf doch nicht vergessen werden, daß diese immer nur _den_ Wert haben, _die Gefühls- und Gedankenwelt des Dichters_ zu besserem, stärkerem Ausdruck zu bringen. Denn auf _diese_, nicht auf die Technik kommt es an, so sehr auch die letztere die Absichten des Dichters zu unterstützen vermag. Verheißungsvoll für das Gedeihen unserer Litteratur ist die Rückkehr vom Ausland und seinen Vorbildern zur Heimat, zu Goethe und die Annäherung an die Kunstprinzipien der Vergangenheit: nur in dem Kompromiß des Alten mit dem Neuen kann für die nächste Zukunft das Heil der deutschen Dichtung erblickt werden.

Die Romanciers der alten Schule.

=Gustav Freytag=, geb. am 13. Juli 1816 zu Kreuzburg, gest. am 30. April 1895, wird als der Dichter des deutschen Bürgertums gefeiert. Selbst durch die besten Werke, die er geschaffen, geht ein leiser philiströser Zug, den er vielleicht seiner Stellung als Privatdocent in Breslau verdankt. Fast allen Büchern Freytags sieht man an, daß ihr Verfasser Kulturhistoriker ist, der sein Material gewissenhaft zusammenträgt, ehe er an die Ausarbeitung eines Werkes geht. Fr., ein ausgesprochenes Erzählertalent, begann seine litterarische Laufbahn als Lyriker und Dramatiker. Sein erstes Stück führte den Titel »Die Brautfahrt«, ihm folgten die Gedichte: »In Breslau«, die Schauspiele »Die Valentine« und »Graf Waldemar«. Im Jahre 1848 übernahm er in Gemeinschaft mit dem Litterarhistoriker Julian Schmidt die Redaktion der »Grenzboten«, die er durch fast 25 Jahre fortführte. Seiner Beschäftigung mit Politik und Presse verdankt das nicht gerade tiefgehende Lustspiel: »Die Journalisten« seine Entstehung, das einen großen und dauernden Erfolg errang, der seinem nächsten, der Gegenwart abgewandten Drama: »Die Fabier« nicht beschieden war. 1855 entstand das Hohelied des deutschen Kaufmannes: der Roman »Soll und Haben«, nach dem Recept geschrieben, das Julian Schmidt aufgestellt hatte: »Der Roman soll das Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist: nämlich bei der Arbeit«. Das nächste Werk: »Die verlorene Handschrift« spielt in Professorenkreisen und gewann ihm die Herzen der akademischen Jugend. Seine kulturhistorischen Forschungen legte F. in den »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« nieder. Acht Jahre hat er dann an den »Ahnen«, einer Art historischen Familienromans, geschrieben, von dem jedes Jahr einen neuen Band brachte. 1. »Ingo«, 2. »Ingraban«, 3. »Das Nest der Zaunkönige«, 4. »Die Brüder vom deutschen Hause«, 5. »Marcus König«, 6. »Der Rittmeister von Alt-Rosen«, 7. »Der Freierkorporal bei Markgraf Albrecht«, 8. »Aus einer kleinen Stadt«. Das ganze Werk, dessen Schauplatz nach Thüringen verlegt ist, sollte die Wandlungen des deutschen Volkes darstellen: mit jedem Bande geht es mehr der Gegenwart entgegen, bis die Sammlung, mit dem Jahre 350 beginnend, mit einer Erzählung aus dem 19. Jahrhundert ihren Abschluß erreicht. Eine »Technik des Dramas«, die ihn als feinen Kenner der dramatischen Praxis zeigt, verdient noch Erwähnung, sowie eine Lebensbeschreibung Karl Mathys' und die mit geteilten Empfindungen aufgenommene Schrift: »Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone«. Sein Leben und Schaffen beschrieb der Dichter selbst in den »Erinnerungen aus meinem Leben.«

=Friedrich Spielhagen=, geb. 24. Febr. 1829 in Magdeburg, ist der Dichter der Reaktion, jener Zeit, die dem tollen Jahre folgte; seine Romane suchen vor allem die Erscheinungen der Zeit, die socialen Kämpfe, den Sturm und Drang der letzten 50 Jahre festzuhalten und dem Leser verständlich zu machen. Sp. hatte bereits das 30. Jahr überschritten, als sein erster großer Roman »Problematische Naturen« erschien, der seinen litterarischen Ruf begründete. Sein zweiter großer Roman »Die von Hohenstein«, hat als Hintergrund das Jahr 1848, ihm schlossen sich »In Reih und Glied« und »Hammer und Amboß« an. Von weiteren Werken Spielhagens, die fast alle tendenziös gefärbt sind, nennen wir noch: »Hans und Grete«, »Unter Tannen«, »Die Dorfkokette«, »Deutsche Pioniere«, »Allzeit voran«, »Was die Schwalbe sang«, »Ultimo«, »Sturmflut«, »Das Skelett im Hause«, »Platt Land«, »Quisisana«, »Angela«, »Uhlenhaus«, »An der Heilquelle«, »Was will das werden?«, »~Noblesse oblige~«, »Ein neuer Pharao«, »Sonntagskind«, »Stumme des Himmels«, »Susi«, »Selbstgerecht«, »Zum Zeitvertreib«, »Faustulus«. Auch als dramatischer und lyrischer Dichter hat sich Spielhagen, wenngleich mit geringem äußeren Erfolge versucht. Von seinen Schriften, deren Gesamtausgabe in vorläufig 22 Bänden erscheint, verdienen noch Erwähnung: »Beiträge zur Theorie und Technik des Romans«, »Aus meiner Studienmappe«, sowie der 1899 erschienene Band: »Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik und Dramatik«, besonders aber seine Autobiographie: »Finder und Erfinder. Erinnerungen aus meinem Leben.« -- Spielhagen ist in der Reaktion der 50er und 60er Jahre stecken geblieben: er verstand die neue Zeit nicht mehr und suchte in seine neuen Romane noch die alten Ideale hineinzutragen. Auch das antiquierte Motiv von der Liebe eines mit allen Vorzügen des Geistes und Herzens ausgestatteten Bürgerlichen zu einer Adeligen, das in fast allen Werken wiederkehrt und eine heimliche Vorliebe Sp.'s für den Adel erkennen läßt, vermochte auf die Dauer nicht mehr zu fesseln, und so sehr sich auch Spielhagen, mehr als jeder andere der »Alten« bemühte, in die »Moderne« hineinzuwachsen: er verstand sie nicht, so wenig wie er verstanden wurde.

=Berthold Auerbach=, geb. am 28. Febr. 1812 zu Nordstetten, gest. am 8. Febr. 1882 zu Cannes in Frankreich, wurde durch seine »Schwarzwälder Dorfgeschichten« berühmt. Wenn A. auch nicht wie Rosegger, Anzengruber u. a. in das Wesen des Volkscharakters eingedrungen ist -- es als Jude auch gar nicht konnte, -- so hat er doch das Verdienst, einer der ersten gewesen zu sein, die die Dorfgeschichte wieder zu Ehren gebracht haben. Zu seinen besten Novellen, die allerdings auch von Schönfärberei nicht frei sind, zählen: »Barfüßle«, »Joseph im Schnee« und »Edelweiß«. Mit den großangelegten Werken »Auf der Höhe«, »Das Landhaus am Rhein« und »Waldfried« betrat A. das Gebiet des liberalen Tendenzromans.

=Luise von François=, geb. am 27. Juni 1817 in Herzberg, gest. am 26. Sept. 1893, eine der talentiertesten Romanschriftstellerinnen, erwarb sich ihre litterarische Stellung durch den historischen Roman: »Die letzte Reckenburgerin«, dem sich »Frau Erdmuthens Zwillingssöhne«, »Stufenjahre eines Glücklichen« u. a. anschlossen.

Die großen Novellisten der 70er und 80er Jahre.

=Conrad Ferdinand Meyer=, geb. am 12. Oktober 1825 in Zürich, gest. am 28. November 1898, ist der Meister der historischen Novelle, ein Dichter, der zwar nicht Gemeingut des deutschen Volkes werden wird, der aber den Kenner mit seiner fein ciselierten Goldschmiedearbeit immer entzücken wird. M.'s Novellen haben meist das Reformationszeitalter oder die Renaissancezeit als Hintergrund. Seine dichterische Laufbahn begann er mit dem Epos »Huttens letzte Tage«, ihm schlossen sich »Jürg Jenatsch«, »Hochzeit des Mönchs«, »Der Heilige«, »Versuchung des Pescara«, »Angela Borgia« u. a. an.