Chapter 4
Und in dem Schweigen, das dann folgt, vollzieht sich die Dämmerung. Die Dinge treten lautlos aus dem Glanz zurück, wie aus einer Kirche, deren Thore geschlossen werden. Sie kauern sich längs der Wände, wärmen sich eines am andern, und es geht ein Schläfern von ihnen aus, welches die Uhr am Pfeiler mühsam überwindet. Im letzten Augenblick, da die Stunde schon unerkannt vorüber will, ruft sie sie an, hastig und hell.
Das macht Harald wach.
»... Bist Du da?«
»Ja, Liebling. Brauchst Du etwas?«
»Ich will nicht schlafen.«
»Doch, Harald, schlaf! Das giebt Kraft.«
»Mir ist zu gut zum Schlafen. Mir ist so gut. Wenn ich schlafe, vergesse ich es. Und ich möchte gern wissen, dass mir gut ist. -- Wir wollen reden.« Jetzt erst rührt sich Harald. Die Augen bleiben im Schlaf, aber die Linke streckt er so nach der Seite hin und bittet: »Hand!« Und dann, als sein Wunsch erfüllt ist: »Das ist Deine Hand ... Wenn ich erblinden müsste, ich würde Dich doch erkennen an dieser Hand ... Ich muss also keine Angst haben, nicht einmal vor dem Blindwerden ... nicht einmal -- -- -- wenn ... doch ... dann muss ich sie ja loslassen ...«
Frau Malcorn erschrickt, auch deshalb, weil sie sein »dann« gleich versteht. Unwillkürlich zieht sie ihre Hand zurück.
»O« -- macht Harald, als ob er etwas Gläsernes fallen gelassen hätte, und auf seinem Gesichte ist eine ängstliche Spannung, es aufklirren zu hören an dem harten Boden.
Aber schnell beschwichtigt Frau Malcorn seine Angst. »Ich bin ja da, Harald.« »Ja.« Und er lässt die Augen schlafen und spricht leise, wie um sie nicht aufzuwecken. »Es ist doch gut, dass ich krank geworden bin. Denk nur! Wenn ich nicht krank geworden wäre, das wäre so fort gegangen, da unten, immer und immer, bis ... Aber jetzt ... jetzt darf ich mein Leben wieder aufbauen ganz von Anfang ... Kindheit? Hm. Mit der war ich zufrieden. War da jemand, der mir sie so schön gemacht hat, so märchenhaft schön! Du wirst ... erraten ... wer ... Nicht gerade froh war sie, was man so froh nennt: voll von Gespielen und Festen. Ich war immer allein, oder doch allein mit Dir. -- Aber sie war so ... tief. Ich kann ihren Anfang nicht erschauen. Es könnten Jahrtausende gewesen sein -- Jahrtau ... Und doch, dann ist es wieder wie ein einziger Tag, der noch immer nicht zu Ende ist und von dem ich träume, dass er nicht enden soll. Kannst Du Dir das denken?«
Er erwartet keine andere Antwort, als die Stille. Und nachdem er dieser eine Pause lang zugehört hat, fährt er fort: »Es muss schwer sein, sich das zu denken. Ich hätte es selbst kaum gekonnt vorher; aber jetzt scheint es mir ganz natürlich. Die Kindheit ist ein Land, ganz unabhängig von allem. Das einzige Land, in dem es Könige giebt. Warum in die Verbannung gehen? Warum nicht älter und reifer werden in diesem Lande?... Wozu sich gewöhnen an das, was =Andere= glauben? Hat das etwa mehr Wahrheit, als was man glaubt im ersten starken Kindervertrauen? Ich kann mich noch erinnern ... da hatte jedes Ding einen besonderen Sinn, und es gab unzählbar viele Dinge. Und keines war mehr im Werte als ein anderes. Gerechtigkeit war über ihnen. Jedes durfte einmal das Einzige scheinen, durfte Schicksal sein: ein Vogel, der in der Nacht geflogen kam, und nun, schwarz und ernst, auf meinem Lieblingsbaum sass; ein Sommerregen, der den Garten verwandelte, so dass alles Grün Dunkelheit und Glanz bekam; ein Buch, in dessen Blättern eine Blume lag, Gott weiss von wem, -- ein Kieselstein von fremder deutsamer Gestalt, -- das alles war so, als ob man viel mehr davon wüsste, als die Grossen. Es schien, als könnte man glücklich werden und gross durch jedes Ding, aber auch, als könnte man an jedem Dinge sterben ...«
Dann rasch mit anderer Stimme die Frage: »Es ist nicht zu spät, hast Du nicht so gesagt?«
»Es ist =nie= zu spät, Harald.«
»Nie? Es kann doch einmal sein, wenn ich zum Beispiel .... Sagt denn der Doktor auch wirklich die Wahrheit?«
»Du hörst es ja. Er spricht doch immer ganz laut und froh ...«
Jetzt braucht Harald die Augen zur Zeugenschaft. Er sieht die Mutter fest an. »Und ... er sagt Dir nicht vor der Thür etwas Anderes?«
Frau Malcorn war auf diese Frage vorbereitet. Ruhig hält sie Haralds Blick aus, mit einem leisen, verschwiegenen Vorwurf im Gesicht.
»Verzeih, Mama. Aber es könnte ja sein. Ich habe das oft gesehen früher in Häusern, wo Kranke waren. Ich hatte ja bisweilen Gelegenheit ... Aber was wollen wir denn nur Marien sagen?«
Ganz unvermittelt sagt er das. »Was meinst Du?« staunt Frau Malcorn.
»Nun, damit sie nicht mehr wiederkommt.«
»Meinst Du das im Ernst?«
»Ja. Sie wird keinen Raum haben in der Zukunft, die ich mir denke. Das Leben ist eng, und ich muss so vieles darin unterbringen. -- Marie gehört in das andere, in das Eintagsleben, das ich vergessen habe. Ich will nicht daran erinnert sein. Sie aber mahnt mich an das Vergangene, selbst wenn sie nicht davon spricht, durch ihr blosses Dasein. Sie muss fort!« Das klingt entschlossen und rücksichtslos, und Frau Malcorn kann es gar nicht gleich fassen. Eine Menge Fragen steigen in ihr auf, für die sie keinen Ausdruck findet, und Harald ist auch schon wieder mit seinen Worten voraus und froh, wie erleichtert durch diese Erledigung.
»Ich werde malen ... oder vielleicht ein Buch schreiben: Kindheit und Kunst. Mir ist so manches eingefallen in diesen letzten Wochen; ich werde es Dir diktieren. Du musst nicht Angst haben, dass ich Dich überanstrenge. Jeden Tag nur ein paar Zeilen, aber vollendet, schön ... Einmal ersinn' ich vielleicht ein Lied, -- dann musst Du es spielen. Und wenn es mir mal einfällt, ein Haus zu bauen, dann musst Du darin wohnen natürlich ... das heisst: wir, -- denn wir werden nie voneinander gehen ... Nicht wahr?... Sag!...«
Frau Malcorn lächelt zerstreut: »Du wirst heiraten ...«
»Heiraten?«
»Nun doch -- einmal ...«
»Glaubst Du, dass ich Marien geheiratet hätte?«
Frau Malcorn nickt zustimmend.
»Ich habe nie daran gedacht.«
Ganz verwirrt lenkt Frau Malcorn ab: »Und was wolltest Du malen? Das hast Du nicht gesagt.«
»Malen? Wolken.«
»Du Träumer!«
»Frühlingswolken! Ein Wolkenkleid! Dein Kleid!... Dich!«
»Ich habe keine Wolkenkleider mehr.«
»Dann musst Du Dir eines machen lassen ...«
Ganz wehmütig lächelt die zarte Frau. »Nur ein altmodisches weisses Atlaskleid hab' ich noch, vom letzten Ball her.«
»Ja, -- weiss --« plant Harald. »Ich müsste Dich in weiss malen und -- mit Blumen. Mit irgend welchen heissen, roten Blumen. Mit Blumen, die es nirgends giebt. Mit solchen, roten ... (wo hab' ich sie doch gesehen?...) In Deinem Läufer. Mit solchen Blumen. Hast Du die selbst erfunden?...«
»Durch Zufall --« flüstert sie und wird ganz rot.
»Seltsam, -- o!... Blumen erfindest Du!« Und Harald sieht sie forschend an, als ob ihr Gesicht in seiner scheuen, schamhaften Befangenheit ihn an etwas erinnern müsste. Dann unterbricht er sich kurz. »Es ist vielleicht kindisch, dass ich so spreche. Ich habe doch eigentlich nie versucht, zu malen. Aber soll ich es deshalb nie versuchen? Vielleicht bin ich wieder ... ein Beginn ... Mir ist, als hätten wir mal davon gesprochen, dass die Malcorns immer wieder Könige werden ... Und die kein Volk haben, -- das sind vielleicht die wahren Könige ...«
»Auch in der Kunst kannst Du Dich über ein Volk setzen ...«
»Vielleicht. Vielleicht kann der Künstler sich aus allen Völkern sein Volk bilden, kann es sich erziehen .. Aber ich will es nicht. Ich werde es nie wollen. Ich will nicht erziehen. Ich will nicht den Erfolg, keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...«
»Ja --« sagt Frau Malcorn, wie zu sich selbst.
»Du fühlst das?« Und beinahe überrascht sieht Harald sie an.
»Ja ...« wiederholt sie leiser und wagt kaum die Augen zu heben.
Und nach einer kleinen Stille hört sie ihn sagen: »Wie schön Du bist!« Und schauernd fühlt sie sich von ihm angeschaut.
Und wieder: »Wie schön Du jetzt bist.«
Mit ganz leisen, verhaltenen Bewegungen steht sie auf und wartet, bis er ruft: »Du warst nie so schön!«
Aber diesmal erkennt sie seine Stimme nicht. Und unsicher geht sie von ihm fort und stellt sich ins Dunkel, wie unter den Schutz der Uhr, deren Atem ganz nahe geht. --
»Wie Du gehst! Junge Mädchen gehen so.«
Und sie steht zwischen den beiden Fenstern und horcht.
Und er fragt sie: »Wie heisst Du eigentlich?«
Sie rührt sich nicht, denkt aber: das Fieber, und fühlt eine grosse Erleichterung, aber zugleich ist ihr traurig, als ob ihr etwas wieder genommen würde, etwas kaum Geschenktes.
Und er sagt: »Ja, ich habe Dich nie beim Namen genannt. Ich hab' ihn vergessen.«
Eine Weile hört sie ihr Herz und wieder ihn. »Ich weiss jetzt: Edith heisst Du --« Und wenn es doch das Fieber ist, denkt sie und horcht.
»Aber wie haben Dich die genannt, die ... die ... die Du lieb gehabt hast?«
Sie weiss kaum, dass sie antwortet und mit einer anderen, jungen Stimme: »Edel.«
Und er nimmt den Namen und liebkost ihn: »Edel -- ja, so musst Du heissen. Edel: das ist weiss, ganz weiss ... Aber Du hast ja immer noch das alte Kleid, das Kleid von gestern und vorgestern, das schwarze Kleid, das kranke Kleid ... Du bist ja nicht weiss. Du hast Deinen Namen verraten. Du darfst ihn nicht mehr verleugnen jetzt; geh, hol' Dir Dein weisses Kleid!« Sie klammert sich an den schwarzen Kasten der Uhr.
»Geh!«
»Morgen!...«
Er hört nicht. »Worauf sollen wir warten? Schönheit will über uns kommen.«
Und seine Worte drängen sie zur Thür, aber sie zögert noch.
»Eil' Dich! Mach' Dich schön und komm bald. Indessen wird hier alles festlich sein. Alle Kerzen, alle Lampen werden brennen, wenn Du wiederkommst, weisse Edel!« Und da macht er eine Bewegung, als ob er sich erheben wollte. Und sie will hin zu ihm, will es verhindern, will mütterlich sein. Aber er steht schon da, stark, gross, die Arme wie Flügel und lacht ihr zu.
Und jetzt gehorcht sie und geht.
Und selig sieht er ihr nach. Und lächelt.
Aber das Lächeln hat nicht Halt auf seinen schmalen Lippen. Wie die Uhr sich regt, fällt es ihm ab, und erschrocken deckt er sein leeres Gesicht mit den Händen zu. Und fühlt sie kalt. Und er ist allein, und das Dunkel ist gross und drückt ihn in den Stuhl zurück, in dem er stumm versinkt.
So bleibt er, vielleicht lange.
Denn als er zu sich kommt, ist Nacht.
Seine Augen sind der schwarzen, schweren Dinge entwöhnt und gehen bang in der Stille umher. Plötzlich werden sie gross. Eine Thür bewegt sich und es kommt heraus, als ob Mondlicht ginge. Und vor dem Fenster sieht man: es ist eine Frau, ganz weiss ...
Da wehrt sich Harald mit den hageren Armen und schreit, hässlich vor Angst, heiser: »Noch ... nicht! Walpurga!«
Jemand hat Licht gemacht.
Harald sitzt entstellt in den Kissen, den Kopf noch vorgestreckt, mit herabhängenden Händen. Und vor ihm steht Frau Malcorn, welk, in Atlas, mit Handschuhen. Und sie sehen sich mit fremdem Entsetzen in die toten Augen.
=Ende.=
GEDRUCKT BEI I. S. PREUSS, BERLIN S.W., KOMMANDANTENSTR. 14, IM NOVEMBER 1901.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da waren das nicht Schloss, bitte, und diese Stadt und Ihre Haide da, waren das nicht
Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab. »Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab.
Harald -- ja, auch Harald. Harald -- ja, auch Harald.«
Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?«..« Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..«
Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?«...« Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...«
keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ... keinen Erfolg auf keiner Seite. Ich will einfach: Schönheit ...« ]