Chapter 3
Plötzlich bemerkt Harald, dass er steht und es sich gefallen lässt, dass seine Mutter den nassen Mantel von seinen Schultern nimmt. Er macht eine erschreckte Bewegung, als ob er ihre feinen Hände schützen wollte.
»Es regnet?« fragt Frau Malcorn besorgt.
»Nebel ist, greulicher, dicker Nebel. Man sieht nicht drei Schritte vor sich. Das legt sich so in die Kleider und auf die Lunge. Wenn nur erst die Herbsttage wieder vorüber wären.«
Marie Holzer hat inzwischen den Inhalt der Mappe flüchtig durchgesehen. Sie wendet ihre ruhigen, klugen Augen zu Harald.
»Hast du heute gesprochen?«
»Ja, im Studentenverein.«
»Nun -- und?..«
»Was?«
»Wie war's?«
Harald sieht auf seine fröstelnden Hände. »Na, wie immer, du weisst ja. Bist du schon lange hier?«
Frau Malcorn beeilt sich teilzunehmen. »Ich war so froh, sie hier zu haben. Mir war schon bange nach dir, Harald.«
»Ja, Mama, du weisst ja: ich bin nicht Herr meiner Zeit.« Haralds Stimme und seine Bewegungen haben noch die Maasse des Saales und es fällt ihm schwer, sie an die kleine Stube zu gewöhnen. Deshalb wendet er sich an Marie. »Aber, wollen wir das nicht gleich durchsehen?..«
Die Holzer bemerkt die Enttäuschung von Haralds Mutter und versucht ihn zurückzuhalten. »Nein, Harald, jetzt will ich dich erst mal wiedersehen, weisst du. Wenn du deine Augen erst wieder in diese schrecklichen Papiere steckst, sind sie mir doch für heute verloren. Und ich hab' doch auch ein Recht auf sie -- nicht?«
»Ja, ja, Marie,« und Harald ist es, als ob man etwas ausgedacht hätte, um ihn zu quälen. »Ihr habt alle ein Recht auf mich, ich weiss. Alle, -- alle, alle ...«
Frau Malcorn ist sehr erschrocken. »Komm, setz dich da an den Ofen, du musst ganz durchgekältet sein.«
»Ja, ja, an den Ofen, immer sich an den Ofen setzen, hinter den Ofen womöglich ...« Aber plötzlich tritt Harald auf die Mutter zu, ganz beschämt. »Mama, verzeih mir ... Du siehst, es steckt wieder mal so ein boshafter Aerger in mir, der noch nicht herauskam. Marie weiss, das hat nichts zu bedeuten, nicht wahr? Das kommt schon so mit. Und hier soll er mir, weiss Gott, nicht heraus, hier nicht!« Er führt Frau Malcorn sanft zu ihrem Lieblingsplatz bei der Lampe, und seine Stimme findet eine ungeahnte Zärtlichkeit. »Du hast ganz rote Augen, Mama. Wahrhaftig, deine Augen sind ganz rot! Hast du mir auch nicht zu viel gearbeitet? Was? -- Dieses schreckliche Rot in deinem Stickmuster ... Ja, muss es denn gerade dieses Rot sein, dieses blutige? -- Was wird es denn überhaupt?«
Frau Malcorn kann so viel Glück gar nicht glauben. »Ein Tischläufer --,« sagt sie leise, mit vor Rührung zitternder Stimme.
»Soso« macht Harald, schon wieder weit, von ganz Fremdem erfüllt und wendet sieh an Marie. »Es ist nämlich wichtig, dass wir die Sache heute noch erledigen. Es kommt jetzt so viel. Als ob es auch in den Herzen nicht Tag würde jetzt, -- wie draussen. So viel Elend überall. Physisches Elend, Not, Armut, Krankheit; -- geistiges Elend, Dünkel, Vorurteil und Eigennutz. Und zu allem: Das Beharren darin, die Trägheit. Die fürchterliche, dumpfe, unheilbare Trägheit! Dieses grosse Joch des Gestern, in dem sie alle gehen. Sie haben ihre Leiden und ihre Freuden. Unbedeutende, gehässige Schmerzen und ein banges, falsches, ängstliches Glück. Aber sie bleiben dabei. Versuch's, sie heraus zu heben: sie wehren sich. Und reisst du sie einfach los von ihrer armseligen Gewohnheit, -- so sind sie wie Ausgestossene und wollen zurück in die Pesthütte ihrer Vergangenheit. Alles umsonst.« Und nach einer ratlosen Pause: »Und dabei hat man doch diesen ehrlichen Willen, diese ehrfürchtige Kraft, die nicht herrschen will, die bereit ist zu dienen und die kleinste, geringste Arbeit nicht scheut, wenn sie nur auf dem Wege nach vorwärts liegt. -- Du weisst doch, Marie, wie gut, wie gerne ich überzeugt bin vom Ziel, nicht wahr? Du weisst doch, aus welcher Tiefe mir das alles kommt? Du hast's ja selbst einmal empfunden, nicht?«
»Lieber, ich empfind es jeden Tag wieder!«
»Und du glaubst an mich?«
»Wie an die Sonne.«
Da hält Harald ihr dankbar die Hand hin und fragt: »Heisst das: Blüten oder Früchte glauben?«
»Beides. Eines nach dem andern, Harald.«
»Eines nach dem andern?.. Das braucht Zeit, Marie, viel Zeit ...«
»Wir sind jung.«
»... und Geduld ...«
»Die hast du.«
»Weisst du das so bestimmt?«
»Weil du die Liebe hast, Harald.«
Beide schweigen. Bis Harald, wie erleichtert, aufatmet: »Dank dir.« Und gleich darauf versucht er wieder froh zu sein. »So ... du, ... Mama, -- sag, darf ich mir mal den Läufer ansehen, deine Arbeit?«
Frau Malcorn will es lächelnd verwehren. Aber nun wird der Läufer geholt und unter der Lampe langsam aufgerollt. »O -- o --« macht Harald, noch ehe er die Stickerei ganz geöffnet hat, »schau Marie, da reden wir so viel und reden, aber wenn wir zeigen sollten, was wir gemacht haben -- hm? da würden wir wohl in Verlegenheit kommen! Und da, Mütterchen, macht so etwas ganz in der Stille, ohne ein Wort, -- etwas so Prächtiges. Und das wird nur ein Läufer. Nur ein Läufer. Wie man sich doch irren kann! Das hätt ich nun für ... für irgend etwas viel Festlicheres gehalten.«
Marie ist neugierig: »Zum Beispiel?«
»O -- für ... für ein Kleid ...«
»Kleid!« lacht die Holzer ausgelassen. »Trägt man bei dir solche Kleider?« Harald schaut auf. »Bei mir? Bei mir? Wie merkwürdig das klingt: bei mir. Ich glaube es ist zum erstenmal, dass ich diese Worte nebeneinander ausspreche. Wie eine Erfindung ist das. Und doch so einfach. Eben wie alle Erfindungen .... Bei Gott, -- bei den Menschen, bei -- dir, -- bei .... und nun, ganz analog konstruiert: bei mir, .... bei mir. -- Ja, aber, was wollte ich doch?... Wovon sprachen wir?« Und er erinnert sich seiner Zärtlichkeit. »Ja -- und wozu stickst du denn diesen Läufer, Mama? Wollen wir ein Fest geben?« Traurig sieht Frau Malcorn ihn an. Aber Marie Holzer weiss Rat. »Gott, man feiert eben mal irgend was. Man kann alles feiern. Den ersten Frühlingstag und den ersten Schnee. Na, und wenn sonst nichts zu finden ist, feiert man eben den Läufer selbst, wenn er fertig ist, nicht?«
Aber die andern scheinen ihren lustigen Vorschlag gar nicht gehört zu haben, so ernst und still sind sie beisammen. Und Harald fragt nur, aus Gedanken heraus: Das dauert wohl lang, so eine Decke zu vollenden? --«
»Wenn man fleissig ist ...« seufzt Frau Malcorn. Aber Harald geht in seinen Gedanken weiter. »Ich« -- lächelt er -- »würde gewiss nie ganz fertig werden damit. Ich würde sitzen und sticken, und lauter recht dunkeltiefe Farben haben, in denen man so verloren geht. Und immer weiter wandern durch den Canevas. Immer ins Dunklere hinein, wie in einen Wald -- und nie das Ziel finden ... Ich würde mich fürchten, zu Ende zu kommen!
Jetzt ist Harald weit fort von den beiden Menschen, die ihm erstaunt und besorgt zuhören; sie verstehen ihn nicht mehr. Er aber geht immer mehr weg von ihnen. Ueber die geschlossenen Augen hebt er seine Arme.
»... Und doch: ich habe solche Sehnsucht nach Festen, nach einer einzigen ungemeinen Stunde! Nach Rot und Rosen, nach Duft und Gold, nach Glanz, nach unerhörtem Glanz! Man müsste erblinden davon, nichts mehr sehen hernach, -- nie mehr. Aber wissen: es war. Und das Gefühl haben von einer namenlosen Verschwendung.
Es kommt manchmal über mich, die Menschen fortzuschicken: »Geht alle nach Haus, legt eure besten Kleider an, nehmt alles, was ihr in den Truhen habt, von den Grosseltern her, die lau duftenden Tücher, und die schweren, verschlungenen Broschen, die wie goldene Knoten sind. Und die Blumen, die ihr in den Töpfen vor den Fenstern zieht, gebraucht sie einmal! Gebt sie euren Kindern in die Hände, damit sie lächeln lernen. Und dann -- kommt wieder! Kommt alle wieder!« Aber Haralds Hände fallen mutlos aus seiner schönen träumerischen Willkommengebärde, und er fährt mit müder, enttäuschter Stimme fort: »-- und wenn sie wirklich wieder kämen, alle, in ihrer geschmacklosen Sonntagsmaskerade, mit den zu kurzen Hosen und den steifen, von Falten gebrochenen Shawlen, die nach Kampfer riechen, -- dann .... dann würden wir einander nichts zu sagen haben, und uns benehmen wie fremde Kinder, die plötzlich miteinander spielen sollen ...«
Pause.
Und da er nichts hinzufügt, schwärmt Marie Holzer, die im Schweigen keine Uebung hat: »Du sprichst erst wie ein König und dann -- wie ein Dichter ...« »Und bin -- keines von beiden ..« Harald ist aufgewacht. »Es gab ja wohl Könige in unserem Geschlecht, nicht wahr, Mama? -- Die Sage geht. In langverlorener Zeit. Vor tausend Jahren vielleicht ...«
Marie schliesst die Augen, wie auf einem hohen geländerlosen Turm: »Tausend Jahre ...«
»Ja; wenn du unseren Namen sagst, leise, -- klingt noch der alte Name darin, dumpf, dunkel, wie die Glocken einer versunkenen Kirche ...« Und Harald spricht weiter, wie mitten in einer Geschichte: »... Dann schlug eine grosse Welle über den Königsthron und riss den Letzten mit ins tiefe Vergessensein. Dort bleiben seine Enkel wohnen, Thalkinder. Aber viel später, im Mittelalter, kommt doch wieder einer von ihnen zu Macht und Land. Nicht wahr, Mama? In einem andern Reich zwar, mit verdunkeltem Namen und nur als kleiner, abhängiger König. Nach ihm bleiben sie eine Weile obenauf und erscheinen nochmals in der Geschichte, zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges. Aber schnell ermatten sie in kleinen Händeln und feindseligen Streitereien und lassen, ohnmächtig, den alten Namen los. Und er fällt, fällt lang bis auf die alten Heidenkönige zurück ... Und ich -- ich kam gerade in eine Namenlosigkeit hinein.« Niemand sagt etwas. Nur die Uhr spricht darüber, in ihrer milden altmodischen Art. Beim achten Schlag erinnert sich Harald an etwas.
»Wie ein Dichter .... Wer hat das gesagt? Du, Marie? -- Aber Du bist nicht die Erste! Lang vor Dir hat's eine Stimme ausgesprochen, tief in mir: Dichter! -- Ich kann nichts dafür. Weisst Du, es war dort, wo man nicht hinreicht. In jenem Dunkel, wo ein anderer Macht hat, war es -- ... Künstler sein, jung sein! Als ob das dasselbe wäre -- nicht?« Und plötzlich durchbricht es seinen Willen: »Möchtet ihr, dass ich ein Künstler wäre?« Pause. »Sag, Mama?«
»Bliebst Du dann bei mir, zu Hause?«
»Wer weiss. Ich kann nicht davon reden. Vielleicht. Vielleicht hat man dann alles in sich. Vielleicht giebt es dann nichts, was man nicht in sich hat. Vielleicht ... Möchtest Du's, Marie?«
»Dass Du ein Künstler wärst? Ich glaube, Du bist's, Harald.«
»Du irrst Dich, Kind. Gewiss! Du siehst das alles zu licht. Du hast so viel Licht in Dir für alles. Ich bin es nicht. -- Ich hätte es sein können vielleicht. Ich hätte es -- =bleiben= können, obwohl ich es noch nie war. -- Es ist zu spät.« Und ganz erregt tritt er auf Marie zu:
»Du sagtest früher, ich habe die Liebe, Marie. Ja, -- =hab'= ich sie denn? Hab' ich sie nicht vergeudet, ausgestreut mit vollen Händen? Ist das nicht mein Leben gewesen, sie zu verschwenden, seit zwei, seit drei Jahren, bis zu diesem Augenblick? Kann ich über sie verfügen, da Hunderte sich daran halten? Und =wenn= ich sie zurück begehre von ihnen, -- was soll ich thun mit dieser Liebe, die die Spuren von hundert krampfhaften Händen trägt, die abgenutzt, alt, welk geworden ist? Und das nicht hinter ihrem Sommer etwa. O nein! Ich habe sie gar nicht reif werden lassen; ich habe den Hungernden diese grünen Früchte zugeworfen: Da! da! da!... und sie konnten doch nicht satt und nicht gesund werden davon!
»Warum kamst Du mir damals die Hand reichen, Marie? Damals war es noch Zeit. Damals hätt' ich noch retten können und -- sparen.
»Ich will Dich nicht anklagen -- nein! Nur >Künstler< darfst Du mich nicht nennen. Das ist wie ein Hohn, wenn =Du= das thust ...« Und da beginnt er leise zu husten, so dass Frau Malcorns Augen starr und bange werden; aber Marie Holzer achtet jetzt nicht darauf. Sie fühlt die Verpflichtung zu antworten.
»Du bist erregt, Harald. Du hast kein Recht, so zu reden. Du bist durch Siege gegangen! Du darfst nicht wankelmütig werden! Du hast gewusst, was Du willst. Muss ich Dich daran erinnern?« Sie lässt sich von Haralds abwehrender Bewegung nichts befehlen. »Ich danke Dir alles, auch meine Zuversicht. =Du= hast sie mir gegeben. Sie ist mein Besitz. Und wenn Du sie wieder willst, -- nicht ohne Kampf!«
Harald fühlt den Husten kommen, und so sagt er nur rasch und hart:
»Du machst so grosse Worte, Marie.«
»Es sind Deine eigenen, die ich Dir wiedergebe -- alle, auch dieses: Kleingläubiger! Kannst Du Deinen Sommer nicht abwarten? Nicht halbreife Früchte, -- Samen hast Du ausgestreut an hundert Stellen und also musst Du warten auf hundert Ernten.«
Die Holzer erwartet eine Antwort, eine, die alles wieder gut macht. Aber Harald nickt nur, es scheint ihm so gleichgültig jetzt. Und dann fürchtet er den Husten, der kommt. Und seine Mutter sieht ihn immerfort an.
Da nimmt Marie noch einmal alle Kraft zusammen, und ihre Worte sind warm und unbefangen. »Hab' Mut, Harald! Du bist ungerecht. Denk! Einmal hast Du gesagt, wörtlich: »Ich möchte wohl Künstler sein, aber noch ist es nicht Zeit für die Kunst ...«
»Hab' ich das ....? Verzeih' also.« Es klingt fast spöttisch.
Aber Marie Holzer giebt nicht nach: »Ist nicht ein helfendes Leben ein zehnfaches? Haben wir nicht eine sehr stolze Pflicht? Macht uns das nicht reich? Wissen wir nicht unsern Weg, Harald? -- Sind wir nicht Sieger? Harald, glaubst Du an uns?«
Er muss doch die Hand sehen, die Marie Holzer ihm hinstreckt. Aber trotzdem geht er vorbei, geht auf die Mutter zu, die ihn bange erwartet, und sagt langsam im Gehen: »Ich -- bin -- müde ...«
Und die Holzer sieht, wie er sich in den Lehnstuhl fallen lässt und wie die zarte Frau, die sich zu ihm niederbeugt, ihn ganz verdeckt. Und sie sagt nichts weiter; man hätte es auch nicht gehört, denn Harald hustet sehr laut. --
* * * * *
Wie traurig muss es für die sein, die im Winter gesund waren, -- wenn der Frühling kommt. Wie können sie ihn verstehen, wenn sie nicht zugleich Genesende sind? -- denkt Harald, und er sieht immerfort den Himmeln zu, die, abwechselnd wolkig und klar, an den Fenstern vorüberjagen hoch über dem Nachmittag des Vorfrühlings. Er schaut nicht mit den strahlenden Augen allein, er schaut mit seinem ganzen Gesichte, in welchem nichts Verheimlichtes ist. Nur unter dem Bart, der wild die Lippen überwuchert, steht ein kleines Lächeln und blüht, wartend, dass ein Wort es mit zu den Menschen nimmt. Aber Harald schweigt.
Sogar als Frau Malcorn eintritt, leise, wie man zu Kranken kommt, und fragt: »Schon allein? Marie ist schon fort?« nickt er nur, sagt aber dann unbestimmt: »Sieh mal.« Mit dem geübten Verständnis der Pflegerin wendet sich Frau Malcorn den Fenstern zu, bemerkt aber nichts. Und so erklärt Harald: »Die Wolken ... Es ist ein wundersames Bild. Und ich habe es so lange nicht gesehen. Als Knabe manchmal und dann lange nicht mehr ...« Und dann nach einer Weile beantwortet er auch die Frage der Mutter. »Marie müsste eigentlich nicht mehr kommen. Ich habe sie fortgeschickt. Ich wollte schlafen, hab' ich ihr gesagt. Aber ich war bloss müde, -- müde sie zu sehen. Müde -- immer wieder diese alten Dinge zu hören. Ich meine, von denen da unten. Da war ich nun ein halbes Jahr nicht bei ihnen. Ein halbes Jahr! Und während dieser ganzen Zeit ist nichts geschehen, scheint es. Wenigstens was Marie erzählt ...«
»Siehst Du, sie können nichts anfangen ohne Dich ...«
»Du Gute. Sie können auch =mit= mir nichts anfangen. Und vor allem: =ich= kann nichts mit ihnen anfangen, wirklich.« Und er wendet sich wieder den Fenstern zu, als wäre jetzt nichts so wichtig wie dieser helle, bewegte Himmel. »Das hab' ich früher alles nicht gesehen. Und es ist doch so viel! Ich weiss nicht, Mama, macht das das Kranksein, dass man so aufmerksam wird auf alles und so dankbar, -- fast weise .... So unwillkürlich weise, wie man als Kind ist? Man kann garnicht aus der Rolle fallen.« Pause, dann leise: »Glaubst Du, dass es zu spät ist?«
Frau Malcorn richtet die Kissen, die über die Lehne des Sessels gelegt sind.
»Zu spät, Harald, wozu?«
»Zu beginnen. Noch einmal gleich hinter der Kindheit zu beginnen. Als ob diese drei Jahre da unten nichts gewesen wären. Oder, als ob sie eine lange Krankheit gewesen wären, aus welcher ich jetzt langsam zurückkomme ...«
Er fühlt einen Kuss auf seiner Stirne und fragt: »Nicht zu spät?«
Frau Malcorn schüttelt den Kopf; dann kniet sie neben Harald nieder, und er legt ihr seine feinen, ausgeruhten Hände leicht aufs Haar und spricht: »Schwer wird es mir nicht fallen, glaub' ich. Ich bin viel näher bei allem, was in der Kinderzeit liegt, als bei dem nachher. Alles weiss ich. Wenn Du mich doch prüfen wolltest. Bis ganz zurück. Bis damals, da Du ein Kleid trugst, ganz aus Spitzen, wie aus lauter solchen Wolken gemacht, -- aus Frühlingswolken. Und -- als Du oft weintest ... O ich weiss noch. Und als Du kleine, leise Lieder spieltest in der Dämmerung, -- kannst Du sie noch?« Frau Malcorn senkt die Stirne tief, so dass Haralds Hände weitergleiten in ihrem Haar, von Stellen, die unter ihnen warm geworden sind, zu anderen, kühlen. Und wieder hört sie Haralds Stimme über sich. »... Freilich, das ist lang. Und doch, ich fühle genau, wie es war. Als ob ein Glänzen glitte durch die Dunkelstunde, ein Aufleuchten, ein letztes Lächeln der Dinge vor dem Einschlafen: so war Dein Lied. Und einmal, als ich ganz leise zu Dir trat (Du hörtest mich garnicht kommen), da nanntest Du mich ... Du nanntest mich damals ... Jerôme ... Seltsam: Jerôme ... trotzdem ich Harald bin ... und ... der Vater ... hiess auch Harald ... aber Du sagtest damals Jerôme zu mir trotzdem ... Und das passte so gut zu dem, was Du spieltest ... das war wie das Lied selbst ... Siehst Du wohl, was ich alles noch weiss?« Pause. Und dann steht Frau Malcorn auf und zwingt sich zu sagen: »Willst Du mir etwas zuliebe thun, Harald?«
»Alles.«
»Lass uns nicht nach Skal gehen, -- lass uns hier bleiben!«
Harald staunt über den flehentlichen Ton dieser Worte. »Aber das sollte doch ohnehin nur auf Deinen Wunsch geschehen?«
»Ja -- siehst Du -- es ist ein grosser alter Park beim Schloss und überhaupt ... deshalb hab' ich an den Onkel geschrieben, ob er uns nicht einladen möchte. Ich hoffte: dort würdest Du Dich rascher erholen, -- aber --« Rasch fällt Harald ein: »Ich hätte Dich wahrscheinlich um das Gleiche gebeten, Mama. Heut oder morgen. Im Anfang schien es mir ja eine grosse Freude und Freiheit ... Aber mir sind unsere Stuben hier doch lieber. Jetzt, weisst Du, während der Krankheit, sind sie mir so lieb geworden. Und ich kenne sie eigentlich noch wenig. Ich war ja so selten zu Haus -- früher, -- damals ... Natürlich: bleiben wir.«
Hilflos und gequält fängt Frau Malcorn wieder an: »Und Du fragst garnicht, weshalb ich diesen Plan ..?«
»Du wirst Deine Gründe haben, Mütterchen ... Und ich glaube beinahe, ich errate sie; ich kenne Dich ja! Es widerstrebt Dir, vom Onkel eine Gnade anzunehmen, -- Du Stolze ...«
Aber gerade damit zwingt er Frau Malcorn zum Reden. Und blindlings, ganz ausser sich vor Scham, wirft sie sich in die Worte: »Nein, Harald ... ich kann nicht lügen ... vor Dir ... ich muss es Dir sagen ... es ist nicht ... nicht ... aus Stolz, ... aus ... Furcht ...«
»Furcht?«
»Ja. Vor der weissen Frau ...«
Harald versteht noch garnicht: »Furcht? Vor Frau Walpurga? -- Aber meine mutige kleine Mama und -- Furcht?«
Frau Malcorn versucht zu lächeln. Doch am liebsten möchte sie dem Blicke ihres Sohnes entgehen. Sein Auge schaut so gross, und sie bleibt immer in seinem Kreis, seinem sanften Glanze erreichbar, wie sie auch unter den Dingen herumirrt. Endlich kauert sie sich vor den Ofen, als ob es dringend notwendig wäre, das Feuer zu erhalten. Und so, von dieser Zuflucht aus, knieend, das gesenkte Gesicht im heissen Schein der angefachten Glut, beginnt sie ein flüsterndes Gespräch.
»Erinnerst Du Dich der Sage von Frau Walpurga?«
»Ungefähr. Sie ist in verschiedenen Schlössern gesehen worden?«
»Ja, am häufigsten in Skal.«
»So? Immer drei Tage bevor jemand stirbt, nicht wahr?«
»Ja. Es heisst so.«
»Und nach der Chronik ist es ja auch fünf- oder sechsmal in Erfüllung gegangen. Wenn man aber bedenkt, dass Frau Walpurga um die Mitte des 16. Jahrhunderts blühte und sich seither nur fünf- oder sechsmal bemüht hat zu erscheinen, muss man annehmen, dass die meisten Malcorns ohne ihren Vorantritt gestorben sind -- es sei denn, sie lebten noch?...«
»Und sonst weisst Du nichts von ihr?«
»Einmal hab' ich das alles gewusst, als Knabe, -- als Kind ... aber dann müsste ich's ja gerade jetzt, da ich die Kindheit wie gestern empfinde, wieder wissen ... Wart' mal: Sie war die Gemahlin des ... des ... Grafen (oder waren sie damals noch Freiherren?...), nein, ich glaube ... wir wollen später doch nachschlagen, ob es richtig ist ... und, im Falle ich recht habe, bitt' ich mir eine Belohnung aus -- ja?« Harald sucht in seinem Gedächtnis, und so fällt es ihm nicht auf, dass Frau Malcorn nicht scherzhaft erwidert auf die letzte Frage. Er richtet sich ein wenig im Stuhle auf und zitiert richtig und sicher die betreffende Stelle: »Sigismund Ferdinand, erster österreichischer Graf von Malcorn, Herr auf Tschakathurn und Hallpach u. s. w. Söhne: Ferdinand III., Apel, genannt der Lahme, Christoph. Christoph, nachmals Herr auf Sarnkirchen und Skal, vermählt mit Walpurga, Freiin von Indichar ...« da haben wir's! Siehst Du, Du wirst sehen, es stimmt. Willst Du weiter hören? Ich glaube, jetzt weiss ich Enkel und Enkelsöhne bis ins 18. Jahrhundert herein ...«
»Nein, nein,« wehrt Frau Malcorn heiser.
»Na, ich denke auch, das genügt. Ich begreife überhaupt nicht, warum wir uns so gründlich mit Frau Walpurga beschäftigen. Wenn sie schon mal keine Ruhe hat ...«
»Weisst Du, weshalb?«
»Weshalb sie keine Ruhe hat? Offenbar wie alle >weissen Frauen< der Welt: treulos, sündig, vom erzürnten Gemahl erstochen ...«
»Treulos, sündig ...« wiederholt Frau Malcorn mit so unsicherer Stimme, dass Harald sich erstaunt umblickt. Sie ist jetzt wieder ganz nahe, hinter seinem Stuhl, so nahe, dass die Flügel ihrer Worte ihn streifen, als sie fragt: »Erinnerst Du Dich an Deinen Vater, Harald?«
»Kaum. Er hatte einen dichten weissen Bart. Er war alt.«
Frau Malcorn möchte ihre Hand in Haralds Haar legen, aber sie hebt sie nur bis auf seine Schulter; denn ihre feine Hand ist schwer. Und in diesem Augenblick sagt Harald: »Seltsam wilde Hände hatte er ...«
»Harald!« Es ist wie ein Schrei, aber Harald kann ihr Gesicht nicht sehen.
»Könntest Du Dir denken, Harald ...?« hört er hinter sich, und weiter, in bangen, merkwürdig leeren Pausen -- -- »dass ... Dein ... Vater .. mich ...« Da wendet Harald doch den Kopf. Frau Malcorn schaut über ihn fort in die beginnende Dämmerung und schreit fast: »... dass er gethan hätte wie Graf Christoph?...«
Erst begreift Harald nicht. Dann langt er rasch nach ihrer Hand, die eiskalt ist, und zieht sie sanft zu sich. Und da kniet sie auf einmal neben ihm und drückt ihr Weinen in seinen Schooss und hört über sich Haralds Stimme gehen, leise, ernst, beinahe feierlich: »Er war ein Greis. Ich hab' ihn nicht geliebt.« Und da küsst sie seine erschrockenen, sich sanft wehrenden Hände. Harald aber ist schon bemüht, sie emporzuheben, und lächelt: »Siehst Du, dazu bin ich noch zu schwach. Das geht noch nicht. Heben kann ich Dich noch nicht.«
Dann, als sie leicht aufgestanden ist, lehnt er sich weit zurück, wie zu glücklichem Schlaf. Sein Gesicht ist unbewegt. Nur unter dem Kinn, auf dem gespannten, abgemagerten Halse fliesst eine kleine Ader in springenden Wellen dem stillen Herzen zu.
Nach einer Weile holt er tief Atem, und Frau Malcorn fragt: »Ist Dir gut?« Harald öffnet die Augen nicht: »Ja. Heute wird es am Ende gar nicht kommen -- das Abendfieber ...«
»Aber ruh' nur jetzt ...«
»Nicht -- fortgehen --«
»Nein, ich bin immer da.«