Chapter 2
Inzwischen bricht die Dämmerung über die beiden herein. Jetzt erst zündet sich Bang eine Cigarette an und geht auf und nieder. Ganz anders als Hermann. Langsam, in einem gewissen Erwarten, sich wiegend. Er fühlt sich besonders erleichtert offenbar, denn später sagt er leichthin: »September! Wie bald es schon dunkel wird.«
Wirklich, es ist ganz dunkel. Man kann nur mit Mühe erkennen, dass Holzer am Rande des Sofas sitzt, den Kopf in die Hände gesenkt. Er ändert diese Stellung nicht und darum klingen seine Worte so dumpf in der Frage: »Das ist mir nicht klar, Bang, was mich das alles angeht, was ich dabei soll?«
Ernst Bang bleibt stehen. Da wird die Stille auf einmal schwer, schwer.
Holzer reisst die Hände vom Gesicht und schreit: »Ich zerbreche sie? Warum?«
»Ruhig, ruhig ...,« beschwichtigt Bang.
Aber Holzer springt auf. Er thut plötzlich wie Einer, der im Traum gelähmt war. Er streckt seine Arme, er probt seine Gelenke und will seine Stimme hören: »Warum?«
»Sieh sie Dir mal an, Hermann«, bittet Bang, selbst ein wenig mitgerissen. »Wie blass sie ist. Sie wird Dir krank werden, Du wirst sehen. Du quälst sie.«
Da legt ihm Holzer die Hand auf die Schulter. Und sie wird immer schwerer während dieser Worte: »Du weisst nicht, was Du sprichst, Bang. Ich thue für Helene alles, was ich kann, weisst Du. Alles mögliche. Nur Phrasen mach' ich keine. Das will sie auch nicht. Also, was quäl' ich sie?«
Bang weiss nichts zu erwidern.
Und langsam spricht Holzer weiter: »Wir sind Kameraden -- einfach. So gehört sich's. Wenn ich sie in der letzten Zeit manchmal vernachlässigt habe, so war die Arbeit daran schuld. Sobald sie ihr Kind haben wird, ihre Arbeit, wird sie mich auch vernachlässigen. Das ist so.« Pause.
Ernst Bang hat seine Cigarette ausgehen lassen. Er knöpft unruhig an seinem schwarzen Gesellschaftsrock; seine Hände sind sehr weiss. Dann hört man wieder die Stimme Holzers. Sie wird immer ruhiger und bekommt immer mehr heitere Ueberlegenheit.
»Ich finde übrigens gar nicht, dass sie schlecht aussieht. Alle Mädel sehen so aus um die Zeit. Das wird schon besser werden. Du kannst Dich darauf verlassen.« Pause. »Aber das ist so Eure Art: Sensation um jeden Preis. Nichts ruhiges. Lauter Trapezgefühle; und man wartet immer, ob sie nicht im nächsten Augenblick den Hals brechen. Ich kenne das. Aber man fällt Euch immer wieder hinein auf Eure Empfindelei.«
»Die Dinge sind vielleicht doch nicht so einfach.« Bang sagt das fast pfeifend.
»Gewiss, weil Ihr sie nicht einfach wollt.«
»Oh wollen --«, macht Bang, »überhaupt: wollen ...« und er schaut über alles weg ins Grenzenlose.
»Na ja, da wären wir ja glücklich wieder.« Holzer ist fast fröhlich jetzt. Er zündet die Lampe an und verneigt sich dann vor dem Freunde:
»Euer Hochwohlgeboren erlauben: Mein Name ist Holzer. Das ist wörtlich zu nehmen. Mein Vater selig war nämlich der »alte Holzer«. Sie können von ihm hören im Dorf drunten. Die meisten werden sich an den breiten Bauer erinnern, den Holzerbauer. Und ich hab' auch noch was aus seinem Blut, hoff' ich. So was Grades, Eichenes ...«
Ernst Bang fühlt sich durch das grelle, gelbe Licht der Lampe gestört: »Ich denke, ich gehe jetzt.«
Holzer lacht: »Wie Du willst. Aber damit die Lektion in Gottes Namen doch einen Schluss hat, sag' mir doch schnell, was ich, nach Deiner Meinung, in diesem Fall zu thun habe?...«
Bang macht eine Bewegung, so, an allem vorbei.
»Sprich, die ganze Kultur steht hinter Dir, bedenke!« Und er nimmt dem Zögernden den Hut wieder aus der Hand und begütigt, in anderem Ton:
»Wirklich, Ernst, Freund zum Freund. Du hast mir Deine Ansicht gesagt und, so sonderbar sie sein mag, ich bin Dir dankbar dafür. Ohne Zweifel hast Du auch einen Rat mitgebracht. Ein Medikament gegen das gefährliche Uebel, wie? Ihr seid ja alle Aerzte, Ihr modernen Menschen.«
Bang versucht zu lächeln.
»Ich bin gespannt. Was soll ich thun, Ernst? Was soll ich sagen?«
Und da wird Bang wieder sehr ernst. Er kommt ein paar Schritte zurück und antwortet sehr hastig: »Sagen? Hm. Ich glaube, es ist Deine Sache, einfach zuzuhören ...«
Auch Hermann lacht nicht mehr: »Ich versteh' Dich nicht ...«
»Nun, -- Helene ist von denen, die sich aussprechen müssen um jeden Preis ...« Pause. »Es könnte ja sein, dass Helene Dir etwas zu erzählen hat ... von ... früher ...« Pause.
»So«, sagt Holzer dann kurz und begleitet den Andern an die Thür.
Da tritt Helene ein, gerade den Beiden entgegen.
»O«, macht sie, als sie Ernst Bang erkennt, und Holzer lacht: »Eine Ueberraschung, was? Alte Freunde?!«
»Ja --«, versucht Helene und geht an Bang vorbei.
Da hat Hermann einen Einfall, ganz unvermittelt offenbar. »Du hast doch wohl noch Zeit?« Eigentlich klingt das für eine Frage recht entschieden. Unwillkürlich bleibt Bang stehen. Er sieht, wie Hermann das Mädchen bei der Hand nimmt und in den hellen Kreis der Lampe zieht, und es kommt ihm unerhört brutal vor. Dann hört er ihn sagen: »Blass? -- Bist Du blass, Helen'?« Pause.
»Möglich, dass das die Lampe macht; es ist ein ungünstiges Licht. Aber Du fühlst Dich doch wohl?« Pause.
»Dieser Herr da sagt nämlich ...«
Helene macht eine Bewegung, als ob sie flüchten wollte. Ernst Bang fühlt sich auf einmal vollkommen unbeteiligt, Zuschauer. Er möchte bequem sitzen, um nichts von dem zu verlieren, was kommt. Also:
»Dieser Herr sagt: Ich zerbreche Dich?« Pause.
Ernst Bang denkt: »Zu schleppend ist diese Szene. Flotter, bitte!«
Pause. Dann, sehr laut: »Ist das wahr?«
Heftiges Weinen.
Ernst Bang macht zwei Schritte; er hat die Empfindung: Schluss! Man kann gehen. Es kommt nichts mehr.
Aber das ist ein Irrtum; es kommt noch etwas: Hermann Holzers Riesenlachen. Und hinterdrein: »Kinder seid Ihr, richtige Kinder. Ihr beide. Du Helen' und der da. Gott sei Dank, dass wir jetzt beisammen sind, sonst thätet Ihr jeder was Sentimentales. Ich seh's Euch an. -- Wir wollen auch beisammen bleiben heute und irgend etwas feiern; es wird sich schon was finden lassen.«
Pause. Helene neigt sich mit halbgetrockneten Augen zu Hermann und flüstert ihm etwas zu. Er versteht nicht gleich. Dann lacht er: »Wir beide allein? Gott bewahre! Kinderei! Im Gegenteil, was ich jetzt zu sagen habe, muss Ernst mithören. Leg' nur Deinen Hut fort, mein Lieber.«
Und als Bang keine Anstalten macht, fügt Holzer an: »Wenn ich Dich darum bitte.« Und da auch das nichts hilft, braucht er ein letztes Mittel: »Helen' will es auch, -- nicht wahr?«
Und da wird eine Stille um ein kleines, farbloses »Ja« herum.
Langsam kommt Ernst Bang näher. Er sieht unglaublich müde aus, und Holzer denkt, zur Beruhigung: »Es ist ein ungünstiges Licht ... so eine Lampe ...«
Dann zieht er das Mädchen auf seinen Schooss und scherzt: »Nun, kleine Frau, hast Du mich lieb? Und zerbrech' ich Dich nicht?« Da klammert sich das kleine, blonde Mädchen an seinen Hals an, mit einem Ungestüm, das ihn staunen macht. Eine Weile fühlt er sie weinen. Aber das können keine tiefen Thränen gewesen sein; denn als er das zarte Gesichtchen in die Höhe zwingt, atmet ihn eine strahlende Seligkeit an, deren er sich gar nicht zu entsinnen weiss.
Bang steht auf einmal am Fenster und zählt die schwarzen Schornsteine. Er will sich draussen beschäftigen um jeden Preis; dennoch hört er Wort für Wort:
»Jetzt ist es ja bald überstanden, Kind. Wenn heute Nachricht von Holms kommt, so können wir heiraten, gleich nach dem Examen.« Pause.
»Du willst doch?«
Ein glückseliges Lachen.
»So feiern wir heute die Zukunft.« Pause.
»Du bist doch dabei, Bang?« Und er wartet die Antwort gar nicht ab. »Noch eines feiern wir, richtig: Deine Kultur, Bang. Wir sind drei moderne Menschen, drei Menschen ohne Vorurteile, nicht? -- Wir dekretieren hiermit: es giebt keine Vergangenheit. Die Vergangenheit leugnen wir einfach.«
Ernst Bang ist rasch näher gekommen, wie um zu retten; er hört noch:
»Wer von der Vergangenheit spricht, lügt. Abgemacht.«
Helene ist sehr blass.
Hermann hat es nicht bemerkt. Eben hat jemand draussen geklingelt, und er beeilt sich, zu öffnen; es könnte von Holms sein. Helene erreicht ihn noch an der Thür. Ihre Lippen brennen. Es ist ein letzter Versuch.
Aber Holzer hält sich die Ohren zu und lacht laut.
Da lässt sie ihn los, lässt ihn los -- und kommt langsam zur Lampe zurück, ganz ruhig.
Bang steht an der anderen Seite des Tisches, und die Lampe singt zwischen ihnen merkwürdig laut.
Einmal schaut ihn Helene an mit traurigen, hilflosen Augen. Und Ernst Bang hebt ein wenig die Achseln, unmerklich.
Das ist alles.
DIE LETZTEN
Der Tag wird immer verlegen in der kleinen Mietswohnung, in welcher so schwere, unverständliche Möbel stehen. Aber die Dämmerung begreift alles. Sie weiss, dass das Vergangenheit ist, was da in Stühlen und Schränken und Bildern sich erhält, und dass die engen Stuben, drei Treppen hoch, schuldlos sind an dieser fremden Vergangenheit, wie Menschen, deren Gesicht von irgend einem Vorfahr den Namen eines Gefühls geerbt hat, das sie mit ihren eigenen schwächeren Herzen gar nicht zu tragen vermöchten.
Die beiden Fenster führen den roten Abend herein, der über die Dächer kommt und leise zu den wartenden Dingen tritt, welche ihn schweigend empfangen. Am freudigsten nimmt ihn die schmale, mit Säulen geschmückte Kommode auf, die wie ein kleiner Altar ist: mit all dem Silber und Glas auf ihr lächelt sie ihm zu.
Marie Holzer steht gerade vor dieser Kommode. Sie hält von den kleinen Miniaturen, welche da neben den massiven Armleuchtern aufgestellt sind, eine nach der andern in den Abend und betrachtet jede aufmerksam. Dabei ist ihr junges, helles Gesicht ernst und nachdenklich. Für eine Weile wendet sie es einer Dame in Schwarz zu, die, nah bei ihr, auf dem Fensterplatze sitzt und vor sich hinsieht, ohne dass ihre grossen Augen etwas halten. Und so kann Marie Holzer sie ruhig anschauen, als wäre auch das ein Bild: dieses Gesicht, dem man kein Alter zu geben wagt, obwohl es nicht jung ist, diesen feinen Mund, der von wehen Erinnerungen bewegt, ein unsichtbares Leiden überwindet, und dieses Haar, von dem man zu wissen glaubt, dass es schwer ist. Und vor allem die Vornehmheit dieser zarten, stillen Gestalt, die geduldige Ruhe dieser schwarzen Schultern, auf denen das schlichte Nutzkleid wie eine Würde liegt.
Jetzt erhebt die schlanke Uhr, die fast verheimlicht zwischen den Fenstern steht, ihre zitternde Stimme und sagt feierlich sechs Schläge, von denen sie jeden anders betont; Marie Holzer lässt sie ganz ausreden und wartet auch noch das Geräusch ab, mit welchem die geteilte Stille sich hinter dem letzten Schlage wieder schliesst. Dann sagt sie: »Merkwürdig.« Und nimmt wieder ein Bild von der Kommode und wiederholt: »Merkwürdig.« Da erschrickt die Frau am Fenster: »Sie haben etwas gesagt, Marie?« Das Mädchen stellt zuerst die Miniatur wieder an die alte Stelle, ehe es antwortet. »Gesagt? -- Eigentlich nicht. Es ist nur so seltsam.« Die Dame sieht flüchtig über den Abendhimmel hin und fragt leise: »Was denn, Kind?«
»Dass man hier bei Ihnen immer so anders wird. So eigentümlich fromm. Man ist immer wie zum allererstenmal hier. Man kann das Staunen nicht verlernen.« Pause. Sie biegt die Arme in jungmädchenhafter Art hoch zurück und bettet den Kopf hinein, wie man es wohl während eines leisen Traumes thun mag, den man tief, mit allen Sinnen geniesst. Ihre Augen sind auch geschlossen, als sie fortfährt: »Und das giebt es hier, mitten in der Stadt, hoch in diesem lauten, alltäglichen Zinshaus, in dem nüchterne, unwichtige Menschen wohnen. Ueber ihnen ist dieses Seltsame. Sie tragen es gleichsam auf ihren Köpfen und ahnen nichts davon.« Sie lässt die Arme fallen. »Nein, sehen Sie, Frau Malcorn, dass es so etwas giebt!...«
»Aber was denn eigentlich, Kind?«
»Alles das: diese Bilder und diese Dinge und Sie, Frau Malcorn, und Harald -- ja, auch Harald.«
Frau Malcorn schüttelt leise den Kopf. »Sind denn einsame Menschen so anders als --«
»Einsame Menschen? -- Ja. Vielleicht. Aber das ist es nicht allein.« Marie Holzer geht zu dem anderen Fenster hin. Und dann: »Sie sind nicht einsam eigentlich. Sie leben unter vielen, bloss nicht unter uns, nicht unter uns heutigen. -- Sie haben so viel Bilder hier. Sie haben mir ja schon oft gesagt, wer alle diese Menschen waren. Diese traurigen Frauen alle und diese feierlichen Herren. Und ich weiss auch, dass sie längst gestorben sind. Manche vor zweihundert Jahren, manche noch früher. In Frieden gestorben, -- aber -- wissen Sie auch wirklich, dass das alles nur Bilder sind?«
Wie beunruhigt durch die leise Furcht, die diese Frage des Mädchens vor sich herjagt, steht Frau Malcorn auf und kommt zu Marie. Und während sie eine Hand auf Mariens Schulter legt, streichelt diese leise die andere Hand. »Sie sind so zart, so blass. -- Als ob viele Menschen von ihrem Leben mitlebten.« Pause. »Alle diese ....«
Man erkennt schon kaum mehr die furchtsame Bewegung, mit welcher Marie in das Zimmer weist. So dunkel ist es geworden. Und in das Schweigen wirft sich von draussen der Sturm.
Aber da beginnt Marie Holzer laut und in anderem Ton:
»Sie müssen sich schonen, Frau Malcorn. O, verzeihen Sie, wenn ich so spreche. Ich fühle mich manchmal älter, wie Ihre ältere Schwester.«
»Und sind doch so jung?« lächelt Frau Malcorn und küsst sie auf die Stirn.
»Ja, ich bin jung. Und ich bin dessen froh. Ich fühle so viel Kraft in mir. Ich möchte so vieles thun.« Und da ist eine Ungeduld in ihren Händen, als ob sie sie gleich an alles Werden legen wollte, das zu langsam geht.
Dabei erinnert sich Frau Malcorn: »Das hat Harald auch immer gesagt: Ich habe so viel Kraft in mir.«
»Das hat er! Das hat uns zusammengeführt! Zusammengetrieben! Dieses Gefühl von Kraft.« Und Marie erzählt atemlos: »Gleich damals, als ich ihn zum erstenmal sprechen gehört habe, in der Versammlung. Viele hatten vor ihm gesprochen. Ich weiss noch: es handelte sich um die Organisation eines Hilfsvereins zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen, ihrer Frauen und Kinder. Die anderen hatten so trocken und von oben her die Sache erörtert. Man sah ihnen an, sie waren satt und kannten die Sorgen vom Hörensagen. Man war müde geworden dabei. -- Da kam er! Wie ein Sturm war das. Wie ein Erwachen bei Feuerschein! Nicht mehr von der Versorgung dieser paar armen Menschen war die Rede. Als sollte Raum werden für ein neues Geschlecht, mitten unter uns, rücksichtslos.«
Marie Holzer holt tief Atem und macht eine Bewegung, als stellte sie etwas in das Dunkel, als Ziel für ihre hellen, seligen Augen. »O Frau Malcorn, ich sehe ihn immer so vor mir. Er war gross geworden, -- gross. Und seine Stimme hing über den Unschlüssigen wie ein Schwert. >Kleingläubige,< -- rief er -- >Kleingläubige!< -- Und da kam sein Glauben über mich. Dieser Glaube eines Kindes oder eines Märtyrers. Er hatte seine Hände erhoben, und es war, als hielte er etwas in den Saal hinein, was uns blendete. Unsere Schatten waren auf einmal schwer, fielen uns ab und wir standen da: Licht von seinem Licht, Herz von seinem Herzen ....«
Unter den allzugrossen Wonnen sucht Marie nach etwas Sagbarem, und merkt nicht, wie Frau Malcorn ihr horchendes Gesicht in den Händen verbirgt. Endlich erzählt sie weiter.
».... Und dann, als alle gingen, drängte ich mich durch. So, mit den Ellbogen, mit den Fäusten, wie's kam. Ich hätte den gewürgt, der mich gehalten hätte. Zu ihm. Er sah gar nicht müde aus. Nur ruhiger, dunkler. Ich konnte nichts sagen, nicht eine Silbe. Ich hatte Weinen im Hals. Mich schwindelte. Ich griff nach ihm, ins Unbestimmte. Er nahm meine Hand und wärmte sie in seinen beiden. Und hielt sie. Und fragte: >Du willst mir helfen?< Da hab' ich mit einemmal weinen können; nie früher hab' ich's gekonnt, -- auch nicht, als meine Mutter starb. Aber damals. -- Und es war so gut!«
Hier unterbricht sie ein heftiges Schluchzen. Sie wird fast mütterlich, als sie zu der Weinenden tritt, leise den Arm um ihre zuckenden Schultern legt und bittet: »Aber! -- Das ist doch eine Freude, Frau Malcorn, nicht?«
Sie fühlt, dass die Andere eine bejahende Bewegung macht. »Also, sehen Sie ...«
»Aber auch eine Angst.« Und Frau Malcorn beschwichtigt ihre Thränen.
»Wie?«
»Er war nie so früher. Er war früher viel bei mir ... Früher war er gern zu Hause ...«
»Ja sehen Sie --« sagt Marie rasch mit ihrer breiteren Stimme -- »da müssen Sie schon freigebig sein. Er hat Reichtum für viele. Alle brauchen etwas von ihm. Er ist die Seele von allem. Begreifen Sie das?«
»Ja,« sagt Frau Malcorn, wie gestrafte Kinder ja sagen.
»Er ist reicher als wir alle. Er nimmt Ihnen nichts fort, auch wenn er hundert Andere beschenkt. Fühlen Sie das?«
Dasselbe Ja.
»Er ist ein König ...«
»Aber er meidet mich.« Und trotz Mariens abwehrender Geste beharrt sie, die zarte Frau. »Ja, ja, ja, er meidet mich, Marie. Mich und die Stube hier und überhaupt ...«
»Aber, liebe ...«
Frau Malcorn drückt das Gesicht an die starke, bewegte Brust des Mädchens und klagt, wie vor sich selbst beschämt: »O, warum hasst er mich?«
»Um Gotteswillen, Frau Malcorn, Sie versündigen sich ja! Wissen Sie, wie Harald von Ihnen spricht?« --
»Wie von einem Traum. Wie von einem Märchen, von dem schönsten Märchen, das man als Kind gehört hat und das man wiederfindet in jedem Schönen, immer und immer.« Ganz weich ist Mariens Stimme jetzt, ganz sanft.
»Wirklich?« Zaghaft hebt Frau Malcorn die verweinten Augen.
»Wie von einem Kleinod, das man am sichersten Platz verwahrt hält, -- wie von einem Feiertag.«
»O, mehr, mehr!«
»Ich hab' Sie doch schon so lieb gehabt, Frau Malcorn, lang, ehe mich Harald zu Ihnen führte. Lang, bevor ich Sie kannte. Woher sollte mir das gekommen sein?«
Ungeduldig und glücklich, bittet die zarte Frau: »Was hat er Ihnen von mir erzählt?«
»O, alles. Von seiner Kindheit. Wie die Tage waren. Und was Sie ihm am Abend vorlasen. Und welches Kleid Sie in die Kirche trugen ...«
»Das schwarze mit dem Spitzeneinsatz, -- ja?«
»Eben das. Oft unterwegs begann er davon zu sprechen. So, unvermittelt. Und seine Stimme war ganz anders dann, wärmer ...«
»Nicht wahr? Seine Stimme kann seltsam werden?...«
»Ja. So, als ob sie weit her käme ...« Pause.
»Sehen Sie, Marie, einmal war Harald so wie diese Stimme ... Eh' das ihn erfasste, das Fremde, Neue, Unruhige, das ich nicht begreife ...«
»Eh' er ein Mann wurde, Frau Malcorn; eh' er einen Beruf auf sich nahm, eine Pflicht, -- eh' er ins Leben sprang, Frau Malcorn.«
»Ja,« nickt Frau Malcorn traurig -- »ins Leben ...«
»O, fürchten Sie nicht für ihn! Er ist Einer, der es über sich hat, das Leben. Es ist keine Gefahr für ihn. Er hat es umgenommen wie einen Mantel, wie einen Purpurmantel ...«
»Das Leben?« fragt die Andere befremdet.
»Das moderne Leben, ja. Dieses ungestüme, stündliche Werden. Diese Hast eines Frühlingssturmes: alle Himmel über einem Tag. O, Sie glauben gar nicht, wie lieb man es hat, wenn man erst mitten drin steht. Wie man sich eins fühlt mit ihm ...«
»Wissen Sie das durch sich selbst, Marie?«
»Ja, Frau Malcorn. Ich gehöre ihm ja ganz. Das Schicksal hat mich so mittenhinein geworfen. Zeitig schon, als meine Mutter starb. Das Schicksal und -- die Sehnsucht ...«
»Sehnsucht, wonach?«
»Nach Macht.«
»Macht?«
»Ja, über sich und -- über das Leid.«
Pause. »Sie haben Ihre Mutter lieb gehabt?«
»O ja. Aber wir waren sehr arm. Wir haben nie Zeit gehabt, es uns zu sagen. -- Ich glaube, sie hat es nie gewusst.«
Pause. Und Marie Holzer fühlt eine Bangigkeit kommen. Und sagt rasch, wie jemand, der sich versprochen hat, nie traurig zu sein: »Aber wollen wir nicht die Lampe anzünden?«
»Ja, bitte, Marie. Uebrigens sollte doch Harald schon zurück sein!«
»O, Sie wissen ja, wie das geht.«
»Aber es ist halb sieben?«
Marie hat hinten auf der Kommode die Lampe angezündet und bringt sie zum Sofatisch, wo man abends zu sitzen pflegt.
»Er wird jemanden getroffen haben,« beruhigt sie, und ihr Gesicht, das sich über die Lampe neigt, beweist, dass sie nicht besorgt ist. »Oder er holt sich noch irgend etwas aus der Bibliothek.« Sie ist froh, noch eine Erklärung seines Ausbleibens gefunden zu haben.
Aber Frau Malcorn versteht es anders: »Diese Bücher --« klagt sie -- »diese vielen grossen Bücher!«
Marie lacht. »Ja, das ist seine alte Leidenschaft.«
»Und er liest so lange. Jede Nacht bis eins oder zwei.«
»Er lebt zwei Leben. Eines nach vorn und eines tief zurück in die Vergangenheit. Das macht ihn so, -- so breit ...«
Frau Malcorn, die noch immer nicht in den Kreis der Lampe kommt, steht irgendwo im Dunkel, unter den Dingen. Sie scheint die letzte Erklärung nicht gehört zu haben. »Ich schleiche oft bis zur Thür und schaue durch die Spalte: immer noch Licht. Ich wage nicht zu rufen. Aber ich horche immer ...«
»Ja, ja, er liest gern laut,« sagt Marie oberflächlich, zieht die Fenster-Vorhänge zu und vollendet damit den Abend. Und der Kreis der Lampe wird ruhig und rund.
Aber da flüstert Frau Malcorn, als ob das ein Geheimnis wäre: »Er hustet.«
»Na --« macht die Holzer, »-- das Wetter ist auch danach.«
»Nein, nicht so. Schon lange und so, so fürchterlich tief ...«
Da ist auch Marie erschrocken, ohne Fassung. Nur einen Augenblick freilich. Dann schüttelt sie's ab. »Sie sind aber auch, Frau Malcorn! Immer gleich alles von der schwärzesten Seite sehen.« Sie sieht ein, dass man schnell etwas Scherzhaftes sagen muss, um jeden Preis. »Wenn =Sie= nur mal reden müssten, so vor fünf-, sechshundert Menschen im heissen, dunstigen Saal und zwei, drei Stunden lang ...«
Frau Malcorn wagt sich ins Licht. »Meinen Sie wirklich, Marie?«
»Aber natürlich, Frau Malcorn. Denken Sie nur. Aber damit Sie ganz beruhigt sein können, will ich ihn überreden, mal zum Arzt zu gehen.«
»Wie gut --«
»Ja, zu Ihrer Beruhigung. Es wird kein leichtes Stück sein bei ihm. Weiss Gott! Er gönnt sich so ungern für sich selber Zeit. Aber ich glaube, ich kann schon etwas wagen bei ihm.«
»Er thut alles, was Sie wollen, Marie ...«
»O -- wir sind gute Kameraden. Da gleicht sich das aus. Im übrigen, er ist ja so weit über mir in allem.« Pause. »Ich bin oft ganz bange deshalb.«
»Bange?«
»Er fühlt alles so! Oft wenn wir unter Menschen sind: Ein Wort, ein Blick, eine Bewegung irgendwo. Ich merke es kaum, aber ich sehe an ihm sofort: es ist etwas geschehen. Dieses Wort, dieser Blick, diese Gebärde, war ein Ereignis, etwas Entscheidendes ...«
»Wie meinen Sie das, Marie?«
»Nun, das ist ja selbstverständlich. Er ist reif. Er hat jahrhundertelange Entwicklungen hinter sich. Unter ihm sind Feldherren, Bischöfe, -- Könige vielleicht sogar. Immer einer auf den Schultern des andern. Und ganz zuhöchst: Er, Harald. Und alle leisesten Schwankungen dieser breiten Basis sind in ihm sichtbar ...« Dann spricht Marie Holzer von sich, ganz anders im Ton, fast grob: »=Mein= Grossvater war Bauer ....« Und nun vergisst sie alle Ehrfurcht und fährt fort, trotzdem die Uhr siebenmal schlägt. Hastig, als ob sie erst froh sein könnte, sobald alles gesagt ist.
»Ich bin so von gestern. Ich bin der Erde näher, dem Lehm, mein' ich, dem Rohstoff. Ich bin jünger, jünger in der Kultur. Ich habe Gesundheit und Kraft. Aber meine Gesundheit prahlt. Meine Kraft ist protzig und voll Eigennutz; sie will hinauf, sie muss erst noch hinauf. Ja, ja, das ist es. Harald kann anderen helfen. Er kann es wirklich: andere heben. Er ist oben. Er war immer oben. Seine Hilfe ist reif, mühelos, schön ...«
Aber Frau Malcorn steht rasch auf und geht hastig an Marie vorbei und an allen Worten. Schon seit einer Weile weiss sie, dass Harald kommt. Und nun hört auch Marie seine nahen Schritte.
»Guten Abend, Mama. Es ist wohl spät? Guten Abend, Marie. Ihr habt wohl schon gewartet? Ja, es gab da wieder eine Menge unvorhergesehener Dinge ..« Alles das sagt Harald rasch und seine Stimme schwankt im Laufen. Er hebt sich aus der dunklen Umarmung der Mutter und reicht Marie eine Ledermappe zu. »Nimm, Marie. Wir müssen das dann durchsehen, heute noch. Es handelt sich um die Eingaben -- nun, du wirst ja sehen ....«