Part 2
Erkenntnismässig ist ja ihr Weg vollkommen deutlich ausgestreckt, und schon sind alle Hochgefühle irgendwie von der Bewältigung seiner Fährnisse abhängig. -- O Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! wie bezeichnend ist es, dass euer göttlicher Impuls euch nicht davor bewahren konnte, zum Kompendium aller Irrtümer zu werden! Die Menschen sind _nicht_ gleich. Ihre schief aufgerichtete Gleichheit wird vornüber stürzen, mit ihrer Brüderlichkeit wird es so eine Sache sein wie bisher, und die auf krummer Axe gehobene Welt läuft Gefahr, endgültig ihren falschen Dreh zu nehmen, wenn nicht alle Anstrengungen geschehen, die missverstandene Brüderlichkeit und die misshandelte Freiheit nach einer anderen Himmelsrichtung und unter veränderten Gesichtspunkten neu aufzurichten. Wie aus einer brennenden Stadt müssen wir heute diese Begriffe retten und aus dem zerfallenen Tor unserer Zeit mit ihnen fliehen. Wer die menschliche Gesellschaft in allen ihren Schichten kennen lernte, hat keine Illusionen mehr. Dass es einen Plebs im Adel gibt, macht den Pöbel um nichts schöner! Tausendfältige Ungleichheit ist eben das Prinzip, auf dem die Menschheit wie auf Sprossen anhebt. Ein Feststellen, ein Unterordnen der wahren, bis in die tiefsten Ursprünge zurückzuleitenden Ungleichheiten könnte allein die wahre Gleichheit zu ihrem Rechte bringen und nur in Wahrung der (ach so vorhandenen!) Distanzen könnte die Brüderlichkeit unverletzt aufleben. Hier liegt das Problem der künftigen Jahrzehnte, Jahrhunderte. Es ist der Sinn der Leiter, von welcher Jakob träumte, und wir leben heute wirklich nur noch um der Erläuterungen willen, welche diese Dinge verlangen.
Wiederholungen.
So hätten wir heute alles von der Methode jener glücklichen Spekulanten zu lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schärfsten Psychologen erwiesen, indem sie irgend ein Präparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, dass sie deren Bezeichnungen in grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Säulen und Schlöten anschlagen, sich gleichsam an die Fersen des Vorübergehenden heften, selbst auf Bergeshöhen sich zwischen ihm und der Aussicht schieben, ja von Felswänden herab ihm unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.
Wäre heute nicht die Beachtung gewisser Zustände mit einer so vorbildlichen Hartnäckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ältesten wie der neuesten Schule erginge, um auf Bildern oder Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch die Wirklichkeit zu illustrieren und zu illuminieren; allen Brücken und Wegen entlang sie immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergründeten. Dass es keine intellektuelle Notwehr, dagegen einen hemmungslosen Mangel an Logik gibt, und dass wir lieber untergehen, als dass wir dächten, hielten wir ja nicht für möglich, bevor wir es erlebten. Wie hätte sonst über unsere Köpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande kommen können, die sich heute mit so bewundernswerter Regie über alle Grenzen hin in die Hände arbeiten? Dass sie dabei sehr ausdrücklich in Freunde und Feinde zerfallen, macht ihren stummen Pakt nur um so fester. Wir anderen aber, welche den entsetzlichen Humbug dieser »Feindschaft« durchschauen, auf uns, die ihn gewähren lassen, auf uns fällt der Fluch dieser Zeit zurück. Nicht auf die Schlechten, deren Tun im Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche sich zu unsern Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen knechten liessen! Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spät sein wird für unser Zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem Genius des Krieges, die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reissen. Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche dem Drachentöter die Sprache der Vögel verstehen liess, als er vom Blut des erlegten Ungeheuers genoss.
So läge es in unserer Macht, das Elend des Weltkrieges zum Segen zu wenden, wenn wir aus den Trümmern, die er häufte, das _Weltgericht_ mit letzter Anstrengung und letzter Entschlossenheit heben; mit ihm die grosse reinliche Scheidung, das Ende der Verkehrtheit, der falschen Gleichstellungen und des Gewühls; den Anfang jener neuen Hierarchie, nach der wir lechzen.
Uns aber, der kleinen, geschlagenen Avantgarde, welche der Krieg um ihre letzte Neugier brachte, wir, die seine Verwerflichkeit und Stupidität von jeher, lang bevor es ein Wort wie Defaitismus gab, kennzeichneten, uns steht heute das traurige Vorrecht zu, die neue Scheidung und den neuen Kampf hinauszurufen, bevor der Schutt der alten Zeit uns begräbt.
Schlusswort.
Die Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, dass sie schon unter dem Druck einer geradezu monströs gewordenen Langeweile aufziehen, und dass unser eigener Pathos mit der ganzen Öde eines Frohndienstes auf uns lastet.
Es kann jedoch sein, dass unser Gewissen oder unsere innere Stimme (wie man es nennen will) laut und unerbittlich die Forderung an uns stellt dies oder jenes _noch zu sagen_, bevor wir schweigen. Wer von uns wird nach dem Kriege noch von ihm reden? heute aber will ein désintéressement von den Dingen, die geschehen, erst erworben sein, denn unsere Zeugenschaft hat uns zu ihren Teilhabern gemacht, und auch wir haben verspielt.
Von allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung ich Steine herbeischleppe -- so eilfertig und unter Hohngelächter gewiss! -- denn wo fände ich Glauben? -- Das Gerüst allein dürfte die Arbeit von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht, ja, vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol. Aber worauf es ankommt: bei allen Opfern, die er erheischen wird, allen Kämpfen, die ihm bevorstehen, ist er _möglich_.
Bis zum heutigen Wendepunkt unserer Geschichte gehörte es zu ihren integralen Beständen, dass unseren vielgenannten »heiligsten Gütern« niemals auch nur von ferne ein schützendes Patent zuteil wurde, je erhabener eine Idee, um so grauenhafter die Verbrechen, die in ihrem Namen geschahen, je tiefer eine Erkenntnis, desto grösser der Unsinn, der daraus entstand.
Die richtige Einsicht, dass es (merkwürdigerweise) niedrige und hohe Menschen gibt, führte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr ausser acht, und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer gemeinerer Weise das Bestreben jene Distanzen, welche der Wert zwischen den einzelnen liegt zu ignorieren. Das Missverständnis artete immer wilder aus: der königliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Fusstritt ohne weiteres vor die Tür. In der Tat, wir wissen alle, was wir der französischen Revolution verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Empörung zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine halbe Massnahme getroffen.
Kein Missbrauch wurde an der Wurzel gefasst, vielmehr entrann der Missetäter froh durch die Tür. So brach die französische Revolution wie das Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen und wir sind heute wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen müssen. Wir stehen wieder am Anfang aller Tage. Das heisst am Ende. Denn für das erkennende Auge sind ja die Menschen längst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben steht. Freilich ist vorläufig erst der Aufmarsch der Böcke geglückt, und unsere Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, dürfte auch fernerhin ein frommer Wunsch verbleiben, solange wir jene dunkle und geheimnisvolle Tatsache nicht ergründeten, dass die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die Hochgesinnten herausspüren, als diese sich unter sich erkennen. Wahrlich diese dunkle und rätselvolle Tatsache birgt Perspektiven von lockender Tiefe, und sie ziehen sich wie weite Zimmerflüchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, hin. --
Es heisst vom Himmelreich, es litte Gewalt. Indessen sehen wir zu, wie die Hölle immer mehr das Erdreich verschlingt. Dass allerorts so und so viele darüber jammern, ja auch vernünftig darüber raisonieren, hilft uns keinen Schritt vorwärts. Denn wo bleibt unser Zustrom, wo insbesondere bleibt unsere Sichtung?
Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor wird sich herausstellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Macht wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts, die Macht an sich zu reissen, eine neue Realpolitik zu ermöglichen, nicht ausdrückbar durch Lüge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen, welche die aus Lüge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verschmähen, und Lüge, Feuer und Mord nicht ausspielen würde gegen Lüge, Feuer und Mord. Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten, und was mich angeht, so musste ich, um meiner eigenen Grabesruhe willen, diese zukünftigen, für ein feineres Ohr heute schon ödesten Gemeinplätze noch äussern, bevor ich schweige oder von etwas anderem rede.
INHALT.
Seite Epilog zu den Briefen an einen Toten 3--4 August 1916 »Weisse Blätter«
Ausblick 4--6 Mai 1917 »Friedenswarte«
Zum Aufruf an die Frauen 6--8 26. August 1917 »Neue Zürcher Zeitung«
Letzte Folgerungen 8--11 22. Oktober 1917 »Neue Zürcher Zeitung«
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit 11--12 März 1918 »Friedenswarte«
Wiederholungen 12--14 Juli 1918 »Friedenswarte«
Schlusswort 14--15
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[p. 4]: ... besitzen. ... ... besitzen.« ...
[p. 6]: ... Aber all diese Kriege und die gewesenen sind ja nur Vorstufen ... ... Aber all diese Kriege, und die gewesenen sind ja nur Vorstufen ...
[p. 7]: ... ihrer Gattinen ungeduldig verbeten. Ihrer Angst und Sorge überlassen, ... ... ihrer Gattinnen ungeduldig verbeten. Ihrer Angst und Sorge überlassen, ...
[p. 8]: ... die ganze Welt hindurch geeinigt, mächtig genug, um ihr Tribmal ... ... die ganze Welt hindurch geeinigt, mächtig genug, um ihr Tribunal ...
[p. 9]: ... l'Ile Adam mit so grossem Nachdruck beim Namen nannte, an ... ... l'Isle Adam mit so grossem Nachdruck beim Namen nannte, an ...
[p. 12]: ... veränderten Gesichtspunken neu aufzurichten. Wie aus einer ... ... veränderten Gesichtspunkten neu aufzurichten. Wie aus einer ...
[p. 13]: ... des Gewühls; den Anfang jener neuen Hierarche, nach der ... ... des Gewühls; den Anfang jener neuen Hierarchie, nach der ...