Die Last

Chapter 7

Chapter 73,750 wordsPublic domain

Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und weißes Feld -- halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von dickem Schneewall umgebenen Hof.

Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.

»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt, »die Dirn hat Mitleid mit mir.«

Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter den Pfosten stehen.

II.

Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«

In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich gedacht hatte.

Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. -- Halb religiöse Vorstellungen durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen hatte.

Sie war da.

Die Versuchung war wieder da.

All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.

»Hedwig -- -- willkommen -- du --«

Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.

»O --« sie verzog schmerzhaft den Mund.

Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.

Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen behilflich war.

Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.

Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.

Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.

Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und begann ungestüm zu fragen:

»Noch nicht -- noch nicht -- vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«

Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut -- überhaupt überraschend -- so gut, daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«

»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«

»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag besser.«

»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an, daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.

»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie endlich.

»Ja, -- das heißt -- --«

»Kannst du dir's wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch schwerfällig. -- Vorausgeschickt bin ich -- aufräumen soll ich, das Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«

»Mir? Warum?«

»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«

»Bewahre, Hedwig -- du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«

»Wirklich?«

Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.

Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen, die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu lauschen.

Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.

Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.

Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.

Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an etwas Fernes zu denken.

Der Pächter wurde unruhig.

»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.

»Ja, Schwager.«

Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Fragenden lenken.

»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«

»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«

»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte verlegen auf dem Tisch hin und her.

Eine Zeitlang blieb es still.

Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen. Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.

»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. -- Weshalb bist du eigentlich -- ich -- mein Kind -- ich meine, warum bist du eigentlich so gut zu uns?«

»Gut?«

»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und ich hab mir damit helfen können. Das hätt' mir schon kein anderer getan, -- nein, laß -- ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um die es nur wenige aushalten konnten. Und nu -- nu kommst du wieder hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen, ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann's mir ja gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«

Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen Ton.

Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände, durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.

Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das Webemuster ihres Kleides erkennen.

Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.

»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet: »Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher zurückkam in eure Einsamkeit.«

»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.

»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so still ist. -- Mir ist diese Stille Bedürfnis. -- Ich verabscheute schon als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist deinetwegen, Schwager.«

»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch aufgefaßt haben.

Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.

»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.

Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf das Sofa nieder.

»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden, Wilms.«

»Das bin ich nicht.«

»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? -- Nun, und hast du sie gefunden? -- Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit verloren -- und auch jetzt, Schwager, -- ich muß es dir sagen, mit vielem Schmerz, glaub' mir das -- auch jetzt wird dir meine arme Schwester dieses Glück nicht schaffen können.«

»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.

Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos enthüllte.

»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.

»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise, als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf -- du armer Mann.«

Ein leises Stöhnen unterbrach sie.

»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte, »und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«

»Und da wolltest du -- --?« stammelte er.

Er begriff es nicht.

»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«

»Aber -- aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er schämte sich, als er es sagte.

Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,« erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber --« -- sie zögerte und wurde zum erstenmal unruhig -- »das ist mir wohl nicht zum Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich gefalle, und der zu mir paßt.«

»O Hedwig, doch -- doch --« widersprach Wilms gedankenlos, -- »du bist ja schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach, mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.

Das verdarb ihm den Abend vollends.

Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. -- Nur als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer, erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.

So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.

Er gab über alles genau Auskunft.

Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.

Wilms empfand, daß er gehen müsse.

Er stand sofort auf.

»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«

Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.

Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen. Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.

Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.

»Schläfst du hier?« fragte Wilms.

»Ja, in Elses Bett.«

»Nun, gute Nacht.«

»Gute Nacht, Schwager.«

* * * * *

Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.

Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen Zettel mit den wenigen Worten:

»Lieber, guter, einziger Mann!

Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich wieder bei Dir.

Mit tausend innigen Küssen

Deine arme Else.«

Wilms griff nach dem Bilde.

Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den großen Augen ein wenig vornüber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.

Der Pächter schauerte, als er es sah.

Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender Schein.

Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt? dachte Wilms erschüttert.

In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte müde und zerbrochen sein Lager auf.

Bald erlosch das Licht.

III.

Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.

Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.

Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«

Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet, brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.

»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.

»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«

»Na, wie sie will. Es is gut.«

Die Obermagd ging.

Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.

Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.

Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten, damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.

»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.

Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den schneebedeckten Hof herunter.

In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die solange auf Hedwig geharrt hatte.

»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.

Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten Raum.

Richtig -- umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben und wieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten, es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.

Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie eine Wolke.

Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.

Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.

* * * * *

»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die Molkerei verließ.

Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«

Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.

Er hinkte unlustig vom Hof herunter.

Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach, als sie eilig dem Hause zuschritt.

»Die versteht's,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so is.«

Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für Mann und Heim zu sorgen hat.

Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine kleine Tanne schlagen zu lassen.

»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber keine.«

»Warum denn nicht?«

»Er sagte, weil er so allein is. -- Und -- dann -- unsre Frau fehlt auch.«

»Sagte er das?«

»Ja, so ähnlich sagte er woll.«

Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd: »Ich bin ja da -- höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. -- Haben wir etwas zum Putzen?«

»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«

»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. -- Und für euch auch,« setzte sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«

»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.

* * * * *

Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien, und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.

Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.

Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er vormittags betrieben.

Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu anblickte.

Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend, einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches geplant habe.

Dann trennten sie sich.

Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.

Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen Kaffee allein.

Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite Gesellschaft vermisse.

Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.

Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner, liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen mußte.

Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze ein.

Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit neckte.

Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.

Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.

Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«

»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.

Er verstand sie wieder nicht.

Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag, begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.

Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.

Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu wollen.

Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich zurück.

Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert stand.

Jetzt sah er auf:

»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte er weich, als ob er seine schwere Empfindung zurückdrängen wollte.

»Else?« fragte das Mädchen rasch.

»Ja. -- Komm, Hedwig -- ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir wollen es einpacken.«

Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte, fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.

»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.

Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.

Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche, wie ein runder Blutstropfen.

»O« -- rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«

»Mir?«

Sie hatte kaum etwas gemerkt.

»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.

Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. -- Dabei sah sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.

Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.

Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an sein fernes Weib?

Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte, wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und balgten sich immer toller -- das verwirrte seine Gedanken.

»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken abschütteln, aber im Geist beugte er sich und küßte sie auf diesen weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann schmiegt?«

Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.

Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches Stöhnen aus:

»Jesus Christus -- nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in Versuchung.«

Wie im Krampf faltete er die Hände.

Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim -- bum -- bim -- bum, feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.

IV.

So war das Fest herangekommen.

Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.

Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf, sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen Türen.