Die Last

Chapter 5

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Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes Amulett umspannt hielt.

IX.

Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit kannte.

Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.

Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht's?« stiefelte mitten in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.

In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu wachen.

Das stimmte den Arzt doch bedenklich.

Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.

Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das Gesicht vor Schmerz verzog.

»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.

Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein schlechtes Zeichen.

»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos mit mir? -- Sagen Sie es -- sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«

»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.

Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit den grünen Ripsmöbeln.

Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.

Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander gewechselt.

Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.

Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.

Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür hinter sich zu.

»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in ihr Denken.

Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.

»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der Pächter von neuem. »Ich kann's ja gar nicht mehr mit ansehen.«

»Trost? -- hm ja.« -- Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben hatte, freundlich die Hand.

»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«

»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«

»Großer Gott -- das -- das hätt' ich nicht erwartet.«

Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«

»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf, »leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen -- ich hab' mir's längst gedacht, längst. Und dann -- --«

»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«

In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände gegeneinander.

»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem Selbstgespräch gedankenlos zu.

Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad -- ja, ja -- ganz recht -- und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«

»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über die Stirn strich.

Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte er einwerfen: »Aber -- aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«

»Ja, billig ist's nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu gehen hat.«

Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich selbst, »Kindchen, hier -- dein Vater hat es mir mitgegeben. -- Es ist Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.« Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine Heilmethode jedesmal hinterließen. -- -- --

In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei Menschen allein.

Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.

Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die Lippen fest zusammen.

Eine Demütigung sollte nun folgen -- »nur kein Geld von ihr -- nur das nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte hinausgehen.

Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme dazwischen.

»Wilms -- Hedwig -- kommt zu mir.«

Beide erschraken.

Es klang so fern, so geisterhaft.

Nun mußte es geschehen.

Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem festen Blick den Brief in die Hand.

Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch einmal von sich.

»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt ihr so lange?«

»Hedwig -- was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.

»Schnell! -- Es sind 5000 Mark -- ein Drittel meines Erbteils -- Wilms, damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«

»Ich kann nicht -- ich darf ja nicht, Hedwig.«

»Warum nicht?«

»Weil -- weil -- --« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel erfaßt, das Geld weit von sich.

»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«

»Ja,« stöhnte er.

»Und aus welchem Grunde?«

»Weil -- --«

Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe, weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.

»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.

Beide blickten sich eine Sekunde lang an.

Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm durcheinander.

»Schlag sie nieder,« reizten die einen.

»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern, »umarm' sie, küss' sie.«

»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor. »Ich darf ja nicht!«

»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.

Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.

Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm' es ja -- wenn du es willst -- denn du bist gut -- ja du bist gut.«

Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.

Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.

Hedwig stand noch immer und lächelte.

»Geh nur.«

»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du bist gut.«

X.

Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.

Es war gerade der achte Tag.

Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der sich bereits in Dämmerung hüllte.

Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun, leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.

Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.

»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott -- so war ich auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«

»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem Krüppel -- ich ertrag's ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön, so jung, und ich -- -- ach, in dem Bade wird's ja auch nicht besser werden.«

Hedwig rührte sich nicht.

Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.

Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer, legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.

Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.

»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte, obgleich sie sich erregt hin und her warf.

»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene willig, indem sie die Zeitung hinlegte.

»Nein, mein Kind, noch nicht -- ich möchte, -- setze dich doch her zu mir ans Bett, -- -- Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja nicht mehr lange so sitzen.«

Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.

Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester, ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.

Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.

Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele gelegen hätte:

»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«

Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig wurde.

»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich zu pflegen --«

Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du -- von Wilms?« fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.

Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.

»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.

»O ja« -- murmelte diese verwirrt -- »dein Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig besorgt.«

»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. -- Dann drückte sie sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.

Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.

»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester. »Er liebt mich noch immer. -- Aber -- aber -- o Gott, Hedwig, ich will dir etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms -- o Gott -- verzeih' mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur das Elend« -- wimmerte sie dazwischen -- »Hedwig, dann ist es mir manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, -- hörst du? -- der mich zu alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen gehaßt habe. Und dabei -- ach, du kannst es ja nicht verstehen -- dabei sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.

»Nein -- nein -- nein -- ach, du mein Gott, was sag' ich nur alles -- das ist ja alles Todsünde -- Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere -- höre nicht darauf.«

Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den Worten des Psalms:

»Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir. Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis. Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? -- Erbarm' dich meiner -- Sela -- Sela.«

Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.

Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.

Fast eine Stunde verrann so.

Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer wilden, unreinen Leidenschaft.

»Unrein?«

Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen -- nein, seltsam -- beinahe lächerlich -- immer fort, und je länger desto deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer -- mit seinem ehrlichen Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. -- -- Und sie sagte sich in ihrem Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms Halse gehangen hätte, und dennoch -- und dennoch -- die Ahnung wurde immer deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.

Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.

Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.

»So spät schon? -- Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie darüber, daß sie ihn erwarte.

Da -- sie fuhr auf.

Sprach ihr zur Seite nicht etwas?

»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so still und sanft, mein süßes Heting.«

Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich dumpf im Zimmer um.

»Ist Wilms noch nicht zurück?«

»Nein, noch nicht.«

»Wo fuhr er denn hin?«

»Nach Grimmen.«

»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend -- »Erzählte er dir das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl viel Vertrauen zu dir?«

»Ja, ich denke.«

Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als bisher ausstrecken konnte.

Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die Wangen.

Sie wußte selbst nicht warum.

»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.

»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen -- Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen -- Sieh, da möcht' ich gern wissen, mein Heting, -- du darfst es mir aber nicht übel nehmen -- ob du -- was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«

Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.

Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. -- Es war ihr, als senke sich die Decke des niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft, als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. -- Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? -- Wieviel Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?

»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«

Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl leise hin und her.

»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, Hedwig, sag' mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«

»Was ich mit ihm hatte?«

»Ja -- du mußt mich recht verstehen -- -- ach, es regt mich so auf und jagt mir soviel Angst ein -- -- du bist ja auch noch so unerfahren -- -- diese schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. -- Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich --«

»Was ich mit ihm hatte?«

Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln, das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte. Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.

»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer, gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«

Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging, die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte, preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.

»Willst du mir keine Antwort geben?«

»Ja,« antwortete Hedwig.

»Nun also -- ich bitte dich.«

»Ganz einfach, Else. -- Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann --«

»O Gott -- und?«

»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei lockere Tändeleien anzuknüpfen.«

»Aber mit dir -- Hedwig -- mit dir?«

»Mit mir?«

»Ja.«

Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:

»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen -- weiter nichts.«

»Weiter nichts?«

Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke, zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen, Neid und Bewunderung glühenden Augen an.

»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.

»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«

Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.

Else bemerkte es.

»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.

»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«

»Er ist einfach frech gewesen.«

»Frech? -- Großer Gott -- Hedwig, dreh' dich doch um -- dann -- dann durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen -- wenn ich das gewußt hätt' -- -- Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«

»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.

Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.

»Hedwig, du sollst dich umdrehen. -- Ich will dich sehen können,« schrie die Kranke mit durchdringender Stimme.

Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende, so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck und achselzuckend auf das Bett zuschritt.