Chapter 4
Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes, weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl bedeute.
So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt haben.
»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms. Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben ihm verharrte.
»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen -- na ängstigen Sie sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast werden Sie los.«
»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von ihrem Stuhl aus.
»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? -- Abgemacht -- dann bleibe ich. -- Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. -- Guten Abend, mein liebes Fräulein -- alle Wetter, ich wage gar nicht mehr 'Du' zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«
So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.
Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen, gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver Koketterie gefallen wollte.
Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch einen Sitz für Hedwig herbei.
Wo sie nur bleiben mochte?
»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der Mägde.
»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«
»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie uns so lange auf? Ich versteh' das gar nicht -- der Herr Graf kennt sie doch auch.«
»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«
»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.
Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht. Ihre Tür stand offen.
Es war so seltsam still dort drinnen.
Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?
Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.
Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem benahm.
Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?
Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.
In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch, ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte die Gestalt der Bewohnerin auf.
Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.
Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.
Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken, während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.
Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen -- damals in den Stunden des Glücks -- aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer Schönheit.
Seine Lippen bebten.
Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort drinnen.
Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.
»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird -- das arme Weib,« -- war sein erster, unwilliger Gedanke, -- dann wartete er noch ein paar Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. -- Langsam wandte sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.
»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«
»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«
»Mich? -- Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. -- Sind denn unsere Gäste schon alle versammelt?«
»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen, Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich danke dir dafür, mein Kind. Und -- und Herr von Brachwitz befindet sich ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«
»Ja, ich sah ihn.«
»Sag' einmal -- Hedwig -- gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«
»Nein.«
»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«
»Ja -- nein -- das heißt, ich kenne ihn näher.«
»Sieh -- ich will mich nicht 'rein mischen -- es geht mich ja nichts an -- aber -- er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«
»Auch das.«
Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«
»Nein -- nie.«
»Nie?«
Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.
Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes Haar.
Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er nachgrübelte, und der ihn anwiderte.
»Hedwig« -- -- murmelte er unwillkürlich.
»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.
Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.
»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«
Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.
Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch -- eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem innigen Gefühl gesprochen werden könnte -- oder ob -- das Blut stieg ihm dabei in die Stirn -- ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.
»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«
»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.
Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus, so daß völlige Dunkelheit entstand.
Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:
»Lassen wir doch den Grafen. -- Er ist eine häßliche Erinnerung für mich, die ich gern abschütteln möchte. -- Übrigens« -- lachte sie leicht -- »brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager -- eine ganz alltägliche Dummheit. -- --«
Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine wohltuende Wärme von ihr ausströme.
Da stieß sie einen leichten Schrei aus.
Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab. Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.
Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«
Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. -- »Ja, ja,« stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. -- Seine Schuldenlast, die ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen, Mißernte und die hohe Pacht -- alles zusammen stürzte plötzlich wieder auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.
Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.
Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte ihr dann schweren Trittes.
Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband, das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin abstach.
»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.
VIII.
»Ha, ha, ganz ausgezeichnet -- ganz ausgezeichnet« schrie der Förster Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen -- stoß mit dem Herrn Grafen an -- -- Ihr Wohlsein, Herr Graf -- ganz großartig -- wahrhaftig. So was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. -- Nicht wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? -- Liebesbriefe unter das Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko -- --«
Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:
»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.
Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.
Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen Aristokraten.
»Mein Gott« -- schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde Greisenköpfchen. »Die Weiber -- die Weiber -- gar nicht auszustudieren -- Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde, jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde -- und nun dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den Weg läuft.«
»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die Höhe.
Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf, sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:
»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, -- Fräulein Schröder,« verbesserte er sich -- »sagen können. Denn sie hat sich ja auch in dieser Pension befunden.«
»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer lebhaft dazwischen.
Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? -- Na, wie war's denn?«
»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.
Alles sah auf Hedwig.
Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt, sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.
»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt wäre.
Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?
O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz, überredete sich der unglückliche Mann selbst.
»Weiter nichts -- gewiß -- gar nichts weiter.«
»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine Gedanken hinein. -- Was sie jetzt wohl antworten würde?
Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den Grafen zum erstenmal fest ansah:
»O ja -- der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde abgebunden.«
Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
»Bitte, Herr Pastor -- nicht ein Pfefferkuchen gefällig? -- Nein? -- Nun dann aber einen Apfel, -- ich werde ihn gleich schälen -- Sie erlauben.«
In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? -- Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? -- Sag' das doch den Herrschaften.«
Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten einzudringen.
Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens nicht? -- Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte: »Gewiß -- Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« --
»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen sichtlich zu mißfallen.
Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.
Was das nur bedeutete?
Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.
Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt fiel ihr das auf.
Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?
Aber was?
Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.
Worüber?
Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender Schmerz durchschnitt sie.
»Gott im Himmel -- Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu sagen, »ich möchte -- du solltest -- etwas singen -- so lange habe ich nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.
Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die Noten zu holen.
In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.
Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem Lichte.
Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.
Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem Notenschränkchen gebückt stand und suchte.
Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen, und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose Roheit gegen sie verübt hatte.
Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.
Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn völlig besinnungslos.
»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. -- Können Sie denn die Dummheit von damals nicht vergessen?«
Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.
War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?
»Liebe Hedwig, wenn -- --«
»Still -- ich will das nicht --« befahl sie flüsternd und heiser.
»Aber Sie wissen ja nicht -- --«
Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.
Was war das?
Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung, zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie hervor: »Nein, Sie wissen nicht -- Sie -- Sie wissen nicht, was Sie aus mir gemacht haben -- Sie -- --«
»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.
Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.
Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.
Was hatte sie nur vorgebracht? -- Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis, das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?
Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten müßte.
Er begann wieder zu lächeln.
Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos gemacht.
Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten, oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu werfen. Aber nichts regte sich.
Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.
»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da -- Gott sei Dank, sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr solle es nicht übel nehmen. -- Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu schlecht gestimmt sei.
Hedwig?
Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf sie hin.
Wollte man sie herausfordern?
»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte Kraft zusammenraffend.
Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken Nebel hindurch.
Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied gesungen:
»Täglich ging die wunderschöne Sultanstochter auf und nieder Um die Abendzeit am Springbrunn, Wo die weißen Wasser plätschern.«
Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig zusammen.
Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.