Die Last

Chapter 3

Chapter 33,621 wordsPublic domain

Und merkwürdig. -- Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte sie etwas. -- Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr zurück und setzte dann seitwärts über das Feld.

Das Mädchen lachte plötzlich hell auf.

Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind die Wangen kühlen zu lassen.

So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.

Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.

Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen.

Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander.

»Leute, ich hab' euch doch gegeben, was ich hatte -- nun geduldet euch noch die paar Tage -- ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles durchmachen mußte -- eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins gleiche gebracht. -- Nicht wahr?«

»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus sieht's auch man mager aus.«

»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne -- dat tun wir nich --«

»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden's woll jetzt allein nich so haben, -- bloß Frau und Kinners --«

»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.«

Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer Geld bekommen -- so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und jetzt geht wieder an eure Arbeit.«

»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!«

»Guten Morgen.«

Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.

Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen.

Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens, das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden, schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.

Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.

Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die Einsamkeit.

Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen.

Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms' Schwägerin dies alles erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging.

Gott sei Dank. Es war auch besser so.

Bald mußte er verschwunden sein.

Und doch -- ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.

Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht.

Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte mit Gepolter in den Hohlweg hinab.

Wilms wandte sich ruckartig zurück.

Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort unten war wirklich -- ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher überrascht haben.

Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig.

»Wie kommst du dorthin?«

»Ich?« -- sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher -- »ich ging ein bißchen spazieren.«

»Warum bliebst du denn nicht bei Else?«

»Weil ich es nicht länger aushielt -- das Wachen, glaube ich, hat mich zu sehr angestrengt.«

Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so -- so -- was machst du denn eigentlich hier?«

Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.

Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.

Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und trotzig hervor.

Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte.

Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes -- Kostbares -- um sich selbst.

Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd anstarrte.

»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos.

»Ich?«

Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine brennende Röte jagte über ihre Züge.

Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an. Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete sich straff auf.

Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.

Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen, körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens nicht gefährlich.

»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie kurz und herb.

Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr.

O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu lassen.

»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn.

»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?«

»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.«

Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander.

Dann stürzte es aus ihm heraus.

»Und du -- -- was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? -- -- -- Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, -- aus dem Haus -- heute noch.«

Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und heiser:

»Was geht dich das an? -- Was soll das alles? Wozu drängst du dich in meine Angelegenheiten? Was?«

»Wozu? -- Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei denen ich von jetzt an leben soll.«

»Willst -- du denn wirklich bei uns bleiben? -- Hedwig -- aber -- aber du -- du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit -- du solltest lieber wieder gehen.«

Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten nebeneinander über die leere Heide.

Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter heftend.

Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest gehen.«

Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.

Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.

Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.

»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.

Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht werden sollte, in gänzliche Verwirrung.

»Ich -- nein, -- was denkst du, -- ich habe nichts gegen dich.«

»Und Else?«

»Meine arme Frau wohl auch nichts -- bloß --«

Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große Verlegenheit.

»Bloß -- nun also?«

»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« -- stammelte er. »Du hast soviel Bildung genossen -- drüben in der feinen Pension -- Else und ich, wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht gefallen.«

Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark, Schwager, und möchte euch gern helfen.«

»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in der Tat?«

Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?«

Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.

Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:

»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?«

»Ja früher« -- wiederholte der Landmann, tief Atem holend -- »früher -- da mag's wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging ich auch oft mit Else über das Feld -- --«

»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen.

Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst ihr eigentlich gar nicht ähnlich.«

»Nein,« bestätigte seine Begleiterin.

Es klang scharf und herb.

Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.

Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten und sich in Dämmerung zu verlieren schienen.

Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft.

Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien von einem festen Entschluß beherrscht zu sein.

»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz.

Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.

Sie blieb plötzlich stehen.

Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten Kiefern.

»Wohin du gehst, möchte ich wissen?«

Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde.

»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich will ihm Heu verkaufen.«

»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?«

Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen.

»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen möchte.«

Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine Frau?«

»Ja, jung verheiratet.«

»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.

»Ach ja, Hedwig, das wäre -- sehr schön -- von dir --« stotterte er mit niedergeschlagenen Augen.

Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch -- große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts.

Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem strömte ihm frisch entgegen.

Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.

Wie jugendfrisch und kräftig sie war.

»Hedwig, du fragtest vorhin -- -- --«

»Nach deinen Verhältnissen, ja.«

»Ich -- ich -- Hedwig -- wenn ich nur Vertrauen -- --«

Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß, wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen aus.

Und wahrlich, sie war schön.

Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er sie an und erschrak.

Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte.

Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück.

»Dort -- dort ist das Forsthaus,« stammelte er.

VII.

Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.

Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.

Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim zurückzuführen.

So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.

Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich gefühlt. -- Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.

Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht unbegleitet aufbrechen lassen wollen -- »es schicke sich nicht,« hatte er geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.

Die Uhr schlug.

Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.

Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.

Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte läuten können.

Ganz verlassen -- ohne jede fremde Hilfe.

Sie begann sich zu ängstigen.

Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig Ungewohntes.

Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her -- dann hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.

Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich die Blasen platzen -- -- aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt, ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den Hof gesprengt -- -- ein Pferd wieherte hell und anhaltend -- ein kurzer Stimmwechsel -- --

Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine kurze liebenswürdige Verbeugung.

Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der Lodenjoppe troff das Wasser herunter.

»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze -- »ich weiß, es ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit hineinbringe. Nicht wahr? -- Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«

»Nein -- nein -- leider« -- Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu erheben -- »mein Mann und meine Schwester sind fort -- aber wer -- -- mit wem habe ich denn --?«

Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten, wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des Reiters daran verhindert.

»Oh« -- meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte -- »ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. -- Aber dieses niederträchtige Wetter draußen -- Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie eine Morchel -- und da dacht' ich, Herr Wilms würde mich wohl ein Stündchen bei sich aufnehmen. -- Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der Sohn natürlich -- Ihr Mann kennt mich ganz genau -- vielleicht haben auch Sie schon von mir gehört -- -- ist's wirklich erlaubt? Sie sind zu liebenswürdig.«

Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.

»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? -- Oder falle ich Ihnen lästig?«

»O -- bewahre,« hüstelte die Kranke.

Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.

Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.

»So? -- hm« -- der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise: »Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. -- Ich bin auch prinzipiell dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? -- hm« -- -- -- er schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig zu werden.

»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen wollen?«

»Nein -- nein -- bewahre -- lassen Sie sich nur nicht stören -- wir plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm -- ein recht gemütliches Zimmer -- ein bißchen groß -- -- ja -- sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon wieder abgefahren?«

»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«

»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche junge Dame -- also, Ihre Schwester? -- Na ja, die Ähnlichkeit ist unverkennbar« -- hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. -- »Ein Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt -- nicht wahr?«

»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich geschmeichelt.

Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles suchen wolle. -- Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« -- fuhr er gleichgültig fort: »Wir kennen uns -- oberflächlich natürlich nur, denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne zusammengebracht -- das können Sie sich doch denken.«

»Ach -- der Herr Graf scherzen nur --«

»Durchaus nicht -- man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir -- -- na hier wird es ja auch bald losgehen und -- --«

Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? -- Dort draußen fährt ein Wagen über die Chaussee -- zwei feste Traber übrigens, jetzt lenken sie über die Brücke -- das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein Schwester sein.«

»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«

»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«

Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.

»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf -- seit -- seit langer Zeit.«

»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,« meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. -- Ich habe doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«

* * * * *