Die Last

Chapter 2

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»Bravo! -- ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend, als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?«

Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:

»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.«

»Und wenn ich wiederkomm', sieht es hier anders aus,« rief der Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte davon.

Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach.

Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und sinnend schritt er in sein Haus zurück.

IV.

Es war an einem Sonntag.

Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.

Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug es elf. -- Um diese Stunde mußte Wilms' junge Schwägerin eintreffen.

Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im Sonnenlichte gleißten und funkelten.

Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die er suchte? -- Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits eingeflößt. -- -- Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung herumzugrübeln.

Nein, er wollte -- -- --

Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte, daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da -- aus einem Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt.

»Schwager.«

Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. -- Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme Empfindung beschlich ihn dabei. -- Und diese vornehme Gestalt sollte bei ihm die Wirtschaft führen? -- Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm lachend in den Weg stellte.

»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell -- na, Mensch, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen, kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn schnupperte ein brauner Jagdhund herum.

»Herr Fritz -- Herr Graf« -- fuhr Wilms heraus.

»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen kommt's ja doch nicht drauf an. -- Habe nämlich quittieren müssen -- Papas Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms' Begleiterin.

»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein -- wirklich nicht? -- Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich die Mütze. -- »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt, verschwägert, oder wie ist das?«

»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu, und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus, der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem Murmeln Feuer.

»Gut -- brennt schon -- na, auf Wiedersehen, Wilms -- (er vergaß beiläufig das 'Herr') habe die Ehre, mein Fräulein -- heda, Hektor.« Er pfiff dem Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem, unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon.

Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes, spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte. Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge Mädchen zu solchen Bekanntschaften? -- Sie schien den jungen Herrn doch besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.

»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie für einen Hut trägt, was für Handschuhe?«

Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen hätte.

Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?«

Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich unwillkürlich.

Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer ganz nebensächlichen Person gegolten.

Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe erkundigte?

»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch -- genau so -- -- allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.«

Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl viel Geld gekostet?«

Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging's weiter.

Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.

Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille lockte Hedwig das erste Wort ab.

»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die Hand bot, »das hätt' ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so lautlos?«

»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute Sonntag.«

»Ja, so -- so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog. Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm -- gehen wir zur Schwester.«

V.

Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk, das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche Helle verbreitete.

»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen und sie instand gesetzt.

Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest umspannt hielt.

In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort, und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden Frauen hinüber.

Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel. Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. -- Nein, etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. -- Als sie nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt. -- Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen. Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit hineinbringt.

Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. -- Sie hatte sich in ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln über ihr blasses Gesicht.

Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.

Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. -- Und doch -- während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich verfolgte.

Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der Inhalt des Buches wiederspiegele, -- das gehörte alles nicht hierher, nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines, Unerträgliches. -- Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das war, was sie las.

Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark:

»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das Unerwartete.

»Nein,« -- Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch immer stören,« beklagte sie sich. -- »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« -- Und wieder drückte sie der Schwester die Hand.

Das auch noch.

Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und verließ mit starken Schritten das Zimmer.

Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich weiterlesen.

Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln.

Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er hatte es ja voraus gewußt. -- Das Mädchen paßte eben nicht in den beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu veranlassen? -- Er seufzte -- -- das durfte man leider nicht wagen. -- Und dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben nur als »Bauer«.

»Ha -- ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. -- Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie konnte er es nur einen Augenblick vergessen?

Die Schuldenlast -- die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes Inventar dem Juden. Aber woher? -- woher?

Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung, daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter raschelte.

Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander zu rauschen.

War das nicht, als ob ein Mensch spräche?

Hedwigs Stimme -- deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen, lachen und kichern.

Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. -- Ja, es war etwas krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen, genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß er den Verfallenen die Adern aufbeiße.

»Gott schütz' mich -- Elsing -- Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn -- »nach Hause -- nach Hause.«

Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden, schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer.

Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu.

Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und raunte kurz:

»Sie schläft -- ich werde heute bei ihr wachen.«

»Du?«

»Ja.«

»Du? Nein, das -- das will ich nicht.«

Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte.

»Und warum nicht?«

Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich, und dann -- Wilms trat zurück und murmelte müde:

»Meinetwegen.«

Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft genächtigt hatte.

Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben.

Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell, und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte Ruhe finden zu können.

Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der klagend über das Dach strich.

Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften Leibes.

VI.

Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett, das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.

Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.

»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester wohler befinde.

»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen -- wirklich prachtvoll -- überall ziehen Sommerfäden -- sieh nur -- und hier drinnen --« sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin das Wachen doch wohl noch nicht so recht gewohnt -- und dir geht es ja heute besser -- da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft machen. In einer Stunde bin ich wieder zurück.«

»Aber Hedwig, wenn ich so allein --«

»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den Hof schritt.

»Wer doch auch so --,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur einmal -- --« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott.

Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung, der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.

Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden.

Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres, zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung umfangen hielt.

»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig aus?«

»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.

Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht. Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse zu allerlei schwarzen Taten.

»Schnell -- nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit starker Hand hinauskehren.

Der Alte regte sich nicht.

Sie stieß ihn an.

Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser zur Antwort:

»Arbeiten? -- ne, vörbi -- all lang vörbi -- ne, ne, min Döchting, wenn Sei hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.«

»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie.

»Ick? -- ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.«

»Aufs Sterben?«

Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr.

Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren wollte.

Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.

Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit meinem Schwager über Sie sprechen.«

Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die Landstraße hinaus.

Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche, leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne, und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen kräftigen Erdgeruch mit sich führte.

Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und ab schwankten.

Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige wohltuende Ruhe.

Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen.

Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr, daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde abzwingen können.

Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken.

Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und quälte und ängstigte sie.

Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde, an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich sehnte.