Die Last

Chapter 14

Chapter 142,117 wordsPublic domain

Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. -- Sie -- sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? -- Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der Todverfallenen vorgezogen? -- Die Tote siegte, die Tote ging im Hause umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. -- Nein, so konnte sie sich nicht verscheuchen lassen. -- Schmeichelnd setzte sie sich neben Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du auch wieder gesund werden?«

Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.

»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich sein.«

»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«

»Nein, nein, Heting -- laß das -- an meine Frau denke ich nich mehr -- will nich mehr -- nur du.«

Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.

Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das Schlummerlied.

Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte Trennung weiter.

* * * * *

Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen abhob.

»Heting, trägst du da nicht -- -- --?«

»Ja, Elsens Goldherz.«

»Das besitzt du?«

»Ja, ich hab' es ihr abgenommen.«

Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.

»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen hat in die Erde. -- Mir wär' es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit begraben. -- So aber liegt es bei dir.«

Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der unerbittlich durch das Haus ging.

Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting -- Heting,« stammelte er, »ich werd' -- wohl nie wieder ganz glücklich werden.«

Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.

* * * * *

Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit quäle.

Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so -- mir is es immer, als wenn Else zusäh.«

Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das an ihr vorbei strich.

Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing an, an Gespenster zu glauben.

Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen beobachtete:

»Was hast du denn, Wilms?«

»Du -- du siehst -- ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.

Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms, anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.

Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.

Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke koste und scherzte mit der Verwesten.

* * * * *

»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich dagegen tun?«

Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.

»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich hab' dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag' ich, du mußt fort.«

Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.

»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. -- Nein, nein, mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben deshalb, Heting, bitt' ich dich, befrei' den armen Kerl von all' den bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die Tote bei ihm. -- Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«

Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende, saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter Staub dahinzog.

Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.

Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.

»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du zu tun hast?«

Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte sie nicht in das gelobte Land.

»Heting?« fragte der Arzt dringender.

»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie mit erstickter Stimme.

Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:

»Recht -- recht -- du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles wieder gut.«

* * * * *

»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm angezogen, willst du ausfahren?«

Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt, aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.

Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:

»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«

»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«

»Und mehr -- mehr als Else?«

»Ich bitt' dich, Kind -- daran mußt du nicht rühren -- laß sie doch ruhen.«

Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.

»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan, das weißt du doch, Wilms?«

Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.

Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft, wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den ersehnten Schlummer.

»Was soll ich spielen?«

»Ganz gleich, es is ja alles schön.«

»Nein, was du gern hast.«

»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«

Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal. Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel Müde eingesungen.

Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.

Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer. Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und das Rollen eines enteilenden Gefährts.

* * * * *

Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu ihr bewundernd in das Coupé hinauf.

Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der Gegend spähte, wo Wilmshus lag.

Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle angekommen war.

Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.

»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.

»Ich weiß nicht. -- Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen gibt. -- Die Welt ist groß.«

»Da haben Sie recht. -- Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder zurück?«

»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde bringt.«

Die Glocke klang. -- Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.

»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.

Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene Abendglut hinein.

Hedwig sah nicht mehr zurück.

Von Georg Engel erschienen ferner:

Hann Klüth. Roman. Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman. Der verbotene Rausch. Heitere Novellen. Zauberin Circe. Berliner Liebesroman. Die Furcht vor dem Weibe. Roman. Das Hungerdorf.

Ullstein-Bücher

Bis jetzt sind erschienen:

#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens #Georg von Ompteda# Maria da Caza #Heinz Tovote# Frau Agna #Rudolph Stratz# Arme Thea #Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe #Paul Oskar Höcker# Die Sonne von St. Moritz #Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer #Georg Engel# Die Last #Kurt Aram# Violet #Richard Voß# Der Todesweg auf den Piz Palü #Otto Ernst# Laßt Sonne herein #Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen #Wilhelm Jensen# Unter heißerer Sonne #Karl Rosner# Sehnsucht #Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glück #Peter Rosegger# Die Försterbuben #Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin #Joseph Lauff# Marie Verwahnen #Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Kött #Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt #Walter Bloem# Sonnenland #Richard Strowronnek# Bruder Leichtfuß #Felix Hollaender# Charlotte Adutti #Heinz Tovote# Mutter!.. #Karl Rosner# Georg Bangs Liebe #Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven #Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai #Georg von Ompteda# Denise de Montmidi

Jeder Band 1.-- Mark

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Jeden Monat erscheint ein Notenheft

Bisher sind unter anderen erschienen:

Tannhäuser, zwei Hefte -- Tristan und Isolde -- Lohengrin -- Meistersinger von Nürnberg, zwei Hefte -- Der fliegende Holländer -- Rienzi -- Sommernachtstraum -- Carmen, zwei Hefte -- Der Evangelimann -- Brahms-Heft -- Cavalleria rusticana -- Fra Diavolo -- Margarethe, zwei Hefte -- Die Geisha -- Hänsel u. Gretel-Heft -- Dollarprinzessin -- Der fidele Bauer -- Der Graf von Luxemburg -- Wiener Frauen -- Der Vogelhändler -- Hoffmanns Erzählungen -- Die Zauberflöte -- Die weiße Dame

Jedes Heft 50 Pf. (60 h)

Ausführliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. Erhältlich in allen Buch- und Musikalienhandlungen sowie direkt vom

Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 008: »Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl p 009: öffnende Anführungszeichen ergänzt: sprang auf -- »nicht wahr? p 119: Förster Elze -> Eltze p 148: Dörte -> Dörthe p 150: schließende Anführungszeichen ergänzt: Der hängt noch.« p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]

[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Ullstein edition, published around 1910. The table below lists all corrections applied to the original text.

p 008: »Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl p 009: added opening quotes: sprang auf -- »nicht wahr? p 119: Förster Elze -> Eltze p 148: Dörte -> Dörthe p 150: added closing quotes: Der hängt noch.« p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]