Chapter 13
Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
»Wenn ich -- ein Kind bekomm', -- und es -- wird ein Mädchen, dann -- soll Hedwig -- Pate stehen. -- -- Ist Hedwig noch nicht da?«
Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte sich das Bild nicht erklären.
»Komm', Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit schien, »waschen und -- kämmen -- das viele Haar drückt mich auf den Kopf -- hast du auch so weiches Haar? -- Sieh mal, ich kann mich ganz drin einwickeln -- Wilms freute sich immer damit -- -- -- Heting« -- hier herzte sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. -- Dann küßt er es. --« -- Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah, summte sie:
»Ihr Schlafenden im Friedensreich Gönnt allzugleich Auch mir ein Räumlein neben euch.«
Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.
Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.
Sie hatte etwas entdeckt.
Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.
Einen Moment sann sie nach.
»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen Ring? -- sieh mal, von Silber -- den wollte mein Mann mir ja immer schenken, und nun hat er ihn dir gegeben -- -- sieh mal -- bist du nun seine Braut?«
»Else -- laß meinen Finger -- es tut mir weh.«
»Bist du seine Braut? -- Komm', Heting, ich will dir was sagen,« sie beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme: »Ehebrecherin!« -- Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.
»Hilfe -- Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe flehend die Arme um seinen Hals.
Da vergaß sich Wilms.
Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.
»Heting, mein liebes Heting -- großer Gott -- wenn's nur schon vorüber wär'.«
Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder Laut tönte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jüngere geraubt hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und geöffnet.
Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.
Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.
Und sie hatte auch genug geschaut.
Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.
»Elsing -- sie stirbt.«
Keine Antwort.
Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.
In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte gerade im Stall.
Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit hinüberführt.
* * * * *
Es war nach dem Begräbnis.
Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen, schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars, und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn -- ich hätt' auch nicht geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«
Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein. Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf die sonnige Landstraße hinausblickte.
»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich haben.«
Sie sollte fort?
Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit hatte sie gar nicht gedacht. -- Und doch, es war ja so natürlich, sie konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden Pachthof bleiben.
Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.
Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen, nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.
Aber jetzt -- jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte -- da erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu leuchten -- jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.
O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun -- -- sie horchte und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.
Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.
»Wilms,« sagte sie leise.
Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er zusammen.
»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor Abend zurück sein wollen.«
Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.
Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich: »Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« -- und wieder atmete sie seltsam schwer -- »dann komm' ich dir nach.«
Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und putzte an seinem Zylinder. »So? -- Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch -- noch hier bliebe? Ja?« Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es verlangst -- natürlich -- du hast ja auch einen so großen Verlust erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na, dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts dagegen -- obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein wenig ruhiger -- und -- nun adieu, Wilms -- und daß wir uns zu besserer Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben -- hörst du?«
Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von dannen.
Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.
In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. -- Der Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie küssen und wiegen sollte, noch zärtlicher und glühender, als vor wenig Tagen, da Else darüber gestorben war.
Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu begeben.
Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.
Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn Hedwig atemlos an.
»Wilms.«
Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.
»Willst du -- willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«
Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.
Jetzt würde er verschwinden.
Es war die höchste Zeit.
»Wilms -- willst du nicht noch hier bleiben?«
Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte der Kranken gebildet.
Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper, man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.
Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine erschütternde, trostlose Selbstanklage.
Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden Treppe verhallten.
Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.
War es wirklich Wahrheit? -- Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?
Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.
Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter ihrer Pflege würde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust am Leben, und die Lust an ihr.
Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den Namen »Wilms«.
Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu träumen.
Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder, die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte, lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.
XII.
Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor, die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das Korbfuhrwerk wartete.
»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
Wilms nickte.
»Geschäftlich?«
Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es heraus: »Ja, es kann woll -- ein paar Tage dauern.«
Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck, seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in jähem Entsetzen zurückbebte.
Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken zu lassen?
Was hinderte ihn nur?
Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem Wagen.
Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt hinausgetreten war?
Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über das Land.
Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und Halmen perlten große Tropfen.
Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche überwunden. -- Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des kleinen Gutes zu besorgen.
»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie mit ihrer frischen Stimme an.
»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel'ge Frau nich durch das Wagengerassel gestört werden sollt.«
»Nun ja -- aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
* * * * *
Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner Versunkenheit aufgestört wurde.
Er wunderte sich.
»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin Himmelfahrt.«
Wilms faßte sich an den Kopf.
Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. -- Seitdem aber Hedwig auf dem Gehöft wirkte -- -- -- nein, nein, er wollte nicht weiter denken.
Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in das Gotteshaus hinein.
Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den gesegneten Fischzug tun zu lassen.
»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der Schnee.«
Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte, erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich im Kreise.
Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
Nur hinaus -- in die Luft -- ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend erhob er sich.
Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden. Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte ihm hinaus.
Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte, ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
»Wilms, sind Sie krank?«
Der Pächter starrte den andern an.
»Ja -- Eltze -- ich kann -- in der Nacht nich mehr schlafen.«
»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
»Weil -- weil meine Frau immer bei mir is.«
»Wilms -- um Gottes willen -- alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg, antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue Unwetter hinein.
»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den Abfahrenden nach.
Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die Nacht noch düsterer in ihm wurde.
Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle überbrückt war.
Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
Aber dann -- der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige Ufer hinüber.
Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines Knechtes.
»Jochen,« schrie er, »kehr' um.«
»Herr -- Herr Jesus -- wat is denn?«
»Jochen -- Jochen -- kehr' um.«
Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? -- Seggen Se mi's doch -- ick fürcht mi.«
Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm war, malte ein entsetzliches Bild.
Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder zurück.
* * * * *
Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte, verlassen.
Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel beschaute.
»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf -- »und dann, Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen -- -- paar Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft verbreiteten.
»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß, bewundernd, »komm, Heting -- und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch ein bißchen zusammenbleiben.«
Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
»Trägst du noch den Ring, Heting? -- Nicht wahr, den wirst du doch immer in Ehren halten? Weißt du noch -- am Weihnachtsabend?«
Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen hatte.
Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
»Nun, Herr Doktor, nun?«
»Ja, was soll ich sagen? -- Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das allereinzigste Mittel.«
»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
»Nein.«
»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir abhängt?«
Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten Freunde zu Boden.
Sie verstand ihn.
»Und morgen komm' ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe herunter.