Die Kurtisane Jamaica

Chapter 7

Chapter 71,287 wordsPublic domain

Lange lag er so. Endlich hörte er ein schnell anschwellendes Getümmel auf den Korridoren und wußte, daß die Gäste sich jetzt zur Ruhe begaben. Hier und da klappte eine Tür, Geträller war zu hören, ein feines Lachen, ein Zuruf, ein Gähnen, dann wurde es wieder still. Eine Stunde später öffnete man ungeschickt laut die Tür zu seinem Zimmer. Fridolin tat, als schliefe er, aber durch die Wimpern hindurch beobachtete er genau, was vorging. Zwei Leutnants, lachend und mit geröteten Gesichtern, schleppten Paul herein, der völlig betrunken war. Der eine Leutnant, auffallend durch abstehende Ohren und einen riesigen blonden Schnurrbart, trug einen brennenden Leuchter in der Hand, den er schief hielt und von dem infolgedessen das Wachs fortwährend auf die Dielen tropfte. Paul, der nicht das geringste mehr von sich wußte, ließ alles mit sich geschehen. Die Leutnants setzten ihn aufs Bett, zogen ihm allmählich sämtliche Kleidungsstücke aus, nannten ihn eigentümlicher Weise immer »Majestät« und lachten unmäßig dabei. Als ihr Opfer bis auf das Hemd entkleidet war, schleppten sie es an den Waschtisch und gossen ihm eine Kanne Wasser über den Kopf. Paul gab nicht einen Mucks von sich und hielt auch meistens die Augen geschlossen, die so klein schienen wie die eines Ferkelchens. Die Leutnants packten ihn ins Bett, deckten ihn zu, legten mit eigentümlich pathetischen Gebärden einen Rosenstrauß auf seine Bettdecke, warfen einen scheuen Blick auf Fridolin, nahmen den Leuchter und verließen dann, nachdem sie erst so unnötig laut gewesen waren, merkwürdigerweise auf Zehenspitzen und mit leisem Flüstern das Zimmer.

Paul schlief sofort und fing an zu schnarchen. Fridolin war erst belustigt durch die groteske Szene, deren Zeuge er gewesen war, dann gewannen die tieferen Bilder des verflossenen Tages wieder Raum in ihm, und er hörte Asta immer von neuem mit der ganzen Energie ihrer Stimme zu ihm sprechen: »Ich wünsche, daß wir aufhören mit tanzen. Sofort.«

Es währte lange, ehe er Schlaf fand. Er schlief leis und unruhig.

* * * * *

Am nächsten Vormittag sollte Asta reisen. Sie sahen sich noch beim Frühstück, doch saßen sie so weit voneinander ab, daß sie kein Wort miteinander wechseln konnten. Fridolin empfand es eigentlich als eine Wohltat. Ihre Augen berührten sich mitunter. Asta schien ganz lustig zu sein; die Bewegungen ihrer Hände und ihres Kopfes waren viel lebhafter als gestern. Der Leutnant an ihrer Seite, es war der mit den abstehenden Ohren, zog sie in eine Unterhaltung, die ihr volles Interesse zu haben schien. Aber einmal bemerkte Fridolin, daß sie auf einen Augenblick die Augen schloß, wie in einem starken nervösen Gefühl oder von einer heftigen Ermattung ergriffen. Nach dem Frühstück trat er zu ihr, sah sie an, nahm lächelnd ihre Hand und sagte leise: »Leben Sie wohl«. Dann führte er die Hand an den Mund und biß hinein. Aber die Hand schien fühllos zu sein, denn sie zuckte nicht einmal. »Leben Sie wohl!« sagte Asta und lachte. Fridolin merkte trotz alledem, daß dieses Lachen nicht ehrlich war.

Er wollte den Abschied am Reisewagen nicht miterleben. Er ließ sich ein Pferd aus dem Stall ziehen, einen jungen Rappen, und stieg in den Sattel. Als er eben den Hof verlassen hatte, bemerkte er an seinem Ärmel einen goldigen Blitz. Er sah nach und fand, daß es ein langes, aschblondes Haar war, das nur von Asta stammen konnte. Die ganze Schönheit des blassen Mädchens trat mit einem so wehmütigen Schimmer und so überwältigend vor ihn hin, daß ihm war, er müsse liebkosend ihren Namen nennen und für alles um Verzeihung bitten. Er gab das Haar dem Winde preis, biß die Lippen zusammen, stach die Sporen mit unsinniger Heftigkeit in die Seiten des Pferdes, so daß es sich bäumte, und jagte über Feld und Gräben, gleich einem Besessenen.

Nachdem er auch die Heide durchquert hatte, wurde der Boden moorig, und er mußte abbiegen. Er ritt in ein Wäldchen junger Birken ein, deren weiße Stämme in der blauen, sonnigen Luft wie reines Silber glänzten, während das Zweigwerk, braunrot und voll keimenden Saftes, von einem violetten Duft durchwoben war. Dunkelgrüne Wacholderbüsche waren über den Waldboden hin verstreut. Fridolin machte einigemal halt, um schöne Durchblicke durch die hellen Stämme auf das Moor und die roten Dächer eines fernen Dorfes zu genießen.

Draußen kam er auf eine sandige Höhe. Nahe dem Horizont erkannte er das Dunkelblau eines kommenden Regens. Plötzlich drang ein Lärmen aus der Luft. Er sah empor. Zwei große, weiße Vögel, blendend von der Sonne beschienen, stürmten mit vorgereckten Hälsen durch die Luft und schrieen. Als er weiter Umschau hielt, auf das Wäldchen zu seinen Füßen, auf das rote Dorf, auf ein paar blaue, moorige Teiche und die Wege ringsher, sah er in der Richtung nach Garzigar den Reisewagen mit den beiden Braunen. Und wieder spornte er den Gaul und flog über Moor und Heide und Feld, und als er dann endlich in Obliwitz einritt, ermattet und triefend gleich dem Tier, auf dem er saß, rief ihm der Brautvater, der gerade aus dem Schafstall kam, mit deutlicher Stimme entgegen:

»Wenn Sie glauben, junger Mann, daß ich noch einmal die Dummheit begehe, Ihnen ein Pferd aus meinem Stall zu geben, irren Sie sich!«

* * * * *

Fridolin fuhr von Obliwitz direkt ans Meer. Er kletterte auf den Dünen herum, legte sich an den Strand, trieb in Booten durch das sonnige Wasser, das er selten so blau gesehen zu haben meinte, pflückte sich Sträuße von Leberblümchen, die auf einigen Hügeln in blauen Mengen standen, und fühlte, daß er an der See noch niemals so unruhig und verstört gewesen war. Aus jedem Raunen des Wassers hörte er die Stimme eines Mädchens, das blonde Haare hatte; wo er einen wehenden Halm sah, dachte er an dünne Handgelenke, und die Bläue des Himmels sah er nur als Vergleich mit dem Blau zweier jugendlicher Augen. Endlich hielt er es nicht mehr aus. Er setzte sich hin und schrieb an Asta, daß er am nächsten Tage auf der Heimreise um eine bestimmte Zeit mit dem Schnellzuge durch S. kommen werde, der Stadt, wo sie bei Verwandten zu Besuch war. Er schrieb, der sehnlichste Wunsch, den er habe, sei, sie am Bahnhof noch einmal wiederzusehen.

Er fuhr, und als er sich S. näherte, stürmte sein Blut vor Erregung. Er stand, als der Zug einlief, am Fenster und erkannte sie sogleich. Sie trug ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Federhut und an den Händen gelbe dänische Handschuhe. Merkwürdig, sobald er sie sah, hatte er seine Ruhe wiedergefunden. Sie winkte ihm zu, er sprang, als der Zug hielt, herab, ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und küßte sie.

Was sie hierauf miteinander sprachen, war sehr einfach: Erkundigungen nach ihrem Befinden, wie es ihm am Meere gefallen habe, wie ihr die Hochzeitsfeier bekommen sei, wie lange sie noch bei ihren Verwandten zu bleiben gedenke. Sie sagte, daß sie noch etwa vierzehn Tage in S. zu bleiben gedenke, und er, daß er die See nie so schön gesehen habe, daß er aber nicht in der richtigen Stimmung gewesen sei, sie zu genießen. Dann hieß es »Einsteigen!«, sie gab ihm schnell die Hand, er küßte sie, indem er den Handschuh zurückstreifte, auf den Puls. Dann bestieg er den Wagen, der Zug setzte sich in Bewegung, und langsam verschwand ihre dunkle Gestalt, während er winkte und noch bis zuletzt den herben Zug um ihre Lippen sah.

Sie hatten nichts mehr gemein in ihrem späteren Leben. Wenn sie einst sterben werden, wird keiner ahnen, daß sie in den Tagen ihrer Jugend voneinander wußten.

Der Druck des Buches erfolgte in der Druckerei von Gebr. Mann zu Berlin. Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.

[Anmerkungen zur Transkription:

Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.

Das im Original am Ende des Buches befindliche Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren Übersicht an den Buchanfang verschoben.

Offensichtliche Druckfehler und Inkonsistenzen wurden korrigiert.]