Die Kurtisane Jamaica

Chapter 5

Chapter 53,888 wordsPublic domain

Ebeths Kränklichkeiten machten mir Sorge. Ich wußte, sie tanzte zuviel. Aber sie tanzte so leidenschaftlich gern, daß es unmöglich war, es ihr ganz zu verbieten. Es war ihr fast notwendig wie Brot und Atmen. Ich wehrte so viel es ging. Nicht selten hörte sie auch auf mich. Einmal aber übernahm sie sich so, daß sie gezwungen wurde, das geliebte Vergnügen auf lange hinaus ganz zu meiden.

Es war ein Frühlingsabend, lau, müde machend und verworrene Wünsche bringend, die man nicht zu nennen weiß. Wir saßen, es war ein Sonntag, mit einer kleinen Gesellschaft Bekannter im Tanzsaal eines Vergnügungsgartens, nachdem wir nachmittags in den Wäldern gewesen waren. Ebeth sprudelte über von Laune und Lustigkeit. Aber sie sah blasser aus als sonst. Unter ihren viel zu glänzenden Augen lagen dunkle Schatten. Sie hatte ein paar gelbe Rosen auf der Brust, zu denen sie sich öfter niederneigte, um den Duft einzusaugen. Sie tanzte unbändig und trällerte obendrein die Melodien mit. Ich bat sie, sich mehr zu schonen, aber sie lachte nur. Ich sah sie hinschweben durch die Reihen der Tanzenden, verlor mich in die heitere Grazie ihrer Bewegungen und dachte: Kind. Da sah ich, wie sie erschlaffte, taumelte und umfiel. Ich sprang auf, eilte hinüber, nahm sie auf den Arm und trug sie in ein Nebenzimmer. Sie war bewußtlos und bleich wie der Tod. Ihr Atem röchelte. Ich knöpfte ihr die Brust auf und besprengte sie mit kaltem Wasser. Allmählich kam sie wieder zu sich. Als sie die Augen aufschlug, sah sie mich groß an und erkannte mich.

»... zuviel getanzt ...«, murmelte sie und schloß die Augen wieder.

»Ja«, sagte ich.

»... nicht böse sein ...«, flüsterte sie, lächelte und griff nach meiner Hand.

Wie hätte man ihr böse sein können? --

Zuweilen gingen wir ins Theater. Auch Konzerte besuchten wir, und hier bewies sie ein auffallend feines Verständnis. Die Musik wirkte am nachdrücklichsten auf sie. Es konnte geschehen, daß sie nach einem Konzert, von dem sie besonders heftig bewegt worden war, noch im Traum die Melodien zu singen versuchte, die sie am Abend gehört hatte. Wir sangen auch allerlei Lieder in den Wäldern. Denn wir gingen viel in die dunkeln, leise rauschenden Kiefern, die sich um die Stadt hinziehen. Wir ließen uns auf dem hohen Ufer des Flusses nieder, wo die wilden Enten fliegen, sahen über den Fluß in die Ebene, ließen unsere Augen den großen Kähnen folgen, die langsam stromabwärts trieben, und Ebeths Hand ruhte auf meiner Schulter. Traumhafte Stunden des Sonnenunterganges, wo seid ihr?

Es war an einem Regentage im Herbst. Wir waren in meinem Zimmer, Ebeth lag müde und blaß auf dem Diwan, und der Regen sickerte sanft an das Fenster, in eintöniger Melodie. Ich saß neben ihr, wir schwiegen beide. Plötzlich schlang sie die Arme um mich, zog mich an sich und drückte meinen Kopf unsinnig heftig an die Brust. Ich sagte nichts. Allmählich wurde sie ruhiger. Dann nahm sie auf einmal meine Hand, biß mit aller Kraft hinein, daß das Blut kam, und wollte sich totlachen. Die Narbe dieser Wunde ist eine der wenigen Erinnerungen an Ebeth, die ich habe.

Einige Tage später war ein Sonnentag; dennoch sieht dieser Tag grau aus in meiner Erinnerung.

Sie kam des Nachmittags, Blumen in der Hand, und war wie immer. Nur etwas hutsamer schien sie und ein klein wenig ernster als sonst. Wir tranken Kaffee, plauderten, und Ebeth nähte etwas. Als dann das rötliche Licht der Abendsonne in den Gardinen hing, setzten wir uns ans Fenster und sahen den feinen, schnell dunkelnden Wolken über den Dächern zu. Ebeths Augen blickten schimmernd in die Ferne. Als ich genau in sie hineinsah, fand ich, daß etwas darin war, was ich noch nicht kannte. Wir schwiegen. Ein paarmal war mir, als wolle sie etwas sagen. Endlich sprach sie, ohne mich anzusehen, während sie ein Haar von mir zwischen die Zähne nahm:

»Weißt Du, daß wir uns trennen werden?«

Ich fühlte einen Stich in der Brust, bezwang mich jedoch und fragte:

»Wie meinst Du das?«

»Frage nicht«, sagte sie, »bist Du mir böse?«

»Nein«, sagte ich, »Du darfst doch tun, was Du willst.«

Wir waren wieder still. Die Zeit rann, als habe sie bleierne Gewichte an den Füßen. Endlich sagte Ebeth:

»Ich werde Dir öfter schreiben, -- darf ich?«

»Gewiß«, sagte ich und lächelte, »ich werde es immer gern sehen.«

»Du bist gut«, sagte sie. Und dann:

»Komm, wir wollen in den Stadtpark gehen. Die Abendstunde ist so schön unter den Bäumen.«

Ich nickte. Sie stand auf. Ich half ihr in das Jackett. Sie setzte den Hut auf, ich band ihr den Schleier fest.

Dann gingen wir in den Park, und sie hing an meinem Arme wie sonst. Sie plauderte vom Meer, wo ich im Sommer einige Tage mit ihr gewesen war, und ich merkte, wie sie sich Mühe gab, ungezwungen und heiter zu sein. Die gleiche Mühe gab auch ich mir. So unterhielten wir uns recht gut, lachten sogar, und die Leute, die uns sahen, mußten meinen, daß wir ein jungverliebtes Pärchen seien.

Wir traten in ein Kaffeehaus und tranken etwas. Mitunter mußte ich Ebeth ansehen, verwirrt, staunend und gewillt, mir jeden Zug ihres Wesens deutlich einzuprägen. Als wir das Kaffee verließen, brannten draußen die Laternen schon.

»Jetzt gehe ich«, sagte sie, sah an mir vorüber und reichte mir die Hand.

»Leb wohl, Ebeth«, sagte ich.

Sie wollte noch irgend etwas sprechen, aber ich wandte mich und ging.

Der Lärm der Menschen quoll um mich her. Der Himmel war ganz dunkel geworden. Ich schlenderte langsam durch die Straßen, dösig und beklommen. Als ich nachher in mein Zimmer trat, setzte ich mich einsam in die Dunkelheit, in der noch der feine Duft ihrer Kleider war.

Hin und wieder kamen Kartengrüße. Grüße in der feinen, langgezogenen Kinderhandschrift mit den kapriziösen Schnörkeln. Dann blieben auch die aus, und ich hörte nichts mehr von ihr. Mein Leben lief weiter, auch ohne sie, aber ich gedachte ihrer oft, ihrer schwebenden Füße, ihres Leichtsinns, ihres Lachens. An einem Wintertag, um Weihnachten, als weiße Flocken vom Himmel trieben, sah ich sie unvermutet wieder. Sie sah schlecht aus, sehr blaß, müde und ein wenig verwahrlost, was mich am meisten wunder nahm. Als ich den Burschen sah, an dessen Arm sie hing, erschrak ich. Es war, wie ich befürchtet hatte, eins jener stumpfen, dabei stark sinnlichen und rohen Gesichter, an denen sie zu meinem Unwillen schon früher Geschmack gefunden hatte. Diesen Menschen also liebte sie?

Wieder sah ich sie lange nicht. Mir war immer, als ob sie mir eines Tages schreiben müßte, einen armen, elenden Brief, und es gab Stunden, in denen ich darauf geschworen hätte, daß sie mir einen Brief von Ebeth bringen müßten, -- aber ich irrte mich.

Dann freilich kam dennoch ein Brief. Nicht von ihr zwar, sondern von ihrer Vermieterin, aus einem der ärmlichsten Teile der Stadt. Die Person schrieb in kaum zu entziffernden Buchstaben, daß das Fräulein schwer krank liege und öfter von mir spreche. Das Fräulein würde sich gewiß sehr freuen, wenn ich sie einmal besuchen würde. Sie sei sehr hinfällig.

Ich ging hin. Es war eine armselige Kammer, in die ich geführt wurde. Dort lag Ebeth in einer Ecke auf schmutzigem Bett, abgemagert, mit müde flackernden Augen, ein Bild des Jammers. Als sie mich kommen sah, zog ein Schimmer der Freude über ihr Gesicht. Sie streckte mir die Hand entgegen und lächelte, indem sie meinen Namen nannte.

Dann erzählte sie. Der andere hatte sie verlassen, gerade zu der Zeit, als sie sich Mutter werden fühlte, was sie sich immer so innig gewünscht hatte. Gleichzeitig habe sich ihr Herzleiden verschlimmert, wozu wohl besonders die vielen erregten Szenen mit jenem Manne beigetragen hätten, den sie so liebe. Denn sie liebe ihn noch immer unbeschreiblich und werde niemals von dieser Liebe lassen, da er ihr das Teuerste auf der Erde sei. Sie habe ihre Arbeit aufgeben müssen und liege nun hier bei einer herzlosen Frau, die ewig mißgelaunt sei, ihr schlechtes Essen gebe und nur darauf ausgehe, sich an ihr zu bereichern. Jetzt sei sie so weit, daß sie nichts mehr bezahlen könne, und um das kommende Kindchen, daß doch nur neue Kosten verursachen werde, trage sie die größte Sorge. Sie sei von allen verlassen, fühle sich krank wie nie und glaube, daß sie sterben müsse.

Sie weinte.

Ich gab mir Mühe, ihren Mut wieder aufzurichten, machte ihr Vorwürfe, daß sie sich nicht längst an mich gewendet habe und versprach ihr, daß sie aus diesen Verhältnissen herausgenommen und vor allem der sorgfältigen Behandlung eines Arztes unterstellt werden solle. Dann werde alles wieder gut werden.

Ihre Dankbarkeit war rührend. Sie suchte meine Hände zu küssen, was ich verhinderte. Ja, sagte sie, nun hoffe sie auch noch einmal, sie werde bestimmt wieder gesund werden, sie wolle sich dazu zwingen mit allen Kräften, die ihr noch zu Gebote ständen, und wenn es erst erreicht sei, werde sie auch den Andern wiedersehen, und wenn sie wieder hübsch wäre, werde er sie auch wieder lieben. Dieser Gedanke schien der Gipfel aller ihrer Hoffnungen zu sein.

»Kannst Du ihn nicht vergessen?« fragte ich.

»Nein«, erwiderte sie, mit einem seligen Glanz im Auge, »ich weiß zwar, daß er schlechter ist als irgendeiner und tausendmal schlechter als Du, -- aber für mich ist er das Liebste und Schönste in der Welt.«

Ich ließ sie in eine saubere Wohnung schaffen, sie erhielt eine Diakonissin zur Pflege, der Arzt ging täglich zu ihr. Gleich nach seinem ersten Besuch hatte ich eine Unterredung mit ihm, in der er mir mitteilte, daß sie sterben müsse, da das Leiden schon zu weit vorgerückt sei.

Es wurde auch nicht wieder besser mit ihr. Sie wurde zwar zufrieden und in gewisser Hinsicht glücklich, aus Freude an der Reinlichkeit um sich her, an der liebreichen Pflege und meinen täglichen Besuchen. Aber das Bett hat sie nicht mehr verlassen. Sie glaubte selbst noch an Genesung. Doch war von Tag zu Tag zu beobachten, wie ihre Kräfte verfielen.

Eines Tages, als sie sehr verzagt war, eröffnete sie mir mit leise flehender Stimme einen Wunsch, den zu erfüllen mir nicht leicht wurde. Sie bat mich nämlich, zu dem Manne zu gehen, den sie liebte, und ihn zu bitten, daß er noch einmal zu ihr kommen möge, sie könne es vor Sehnsucht nach ihm nicht ertragen. Sie habe auch das untrügliche Gefühl, daß, wenn sie ihn wiedergesehen habe, sie schneller genesen werde.

Ich ging zu ihm. Von seinem Benehmen zu mir, den Gebärden, die er hatte, den Worten, die er in den Mund nahm, erzähle ich nichts. Nachdem ich alle Mühen aufgeboten hatte, versprach der Mann, daß er am nächsten Tage zu einer festgesetzten Stunde zu Ebeth kommen werde.

Ich war zu der betreffenden Zeit bei ihr. Sie ordnete sich mit zitternden Händen das Haar, glühte vor Erwartung und sah ihm entgegen wie eine Braut dem Bräutigam. Als es klingelte, öffnete ich und ließ ihn in Ebeths Zimmer. Ich blieb draußen im Korridor. Ich hörte einen kleinen, erleichterten Aufschrei, als er eintrat. Nach fünf Minuten ungefähr kam er wieder heraus, schritt stumpf an mir vorüber und verließ die Wohnung. Ich ging zu Ebeth hinein. Sie lag mit dem Kopf nach der Wand zu, wie eine Tote. Nie ist mir ein Mensch bejammernswerter erschienen als sie in diesem Augenblick. Ich trat an das Fenster und sah in den Frühsommertag, durch den das freudlose Treiben der Großstadt flutete. Dann hörte ich, wie Ebeth sich bewegte. Ich trat zu ihr, setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Schüttelfröste wallten über sie hin, während sie das Gesicht in den Kissen verbarg. Als sie ruhiger wurde, merkte ich, wie der Schlaf kam, sie zu umfangen. Ich blieb bei ihr, ihre magere Hand in meiner, bis sie erwachte, als es dunkel war.

Drei Tage später, am Vormittag, wurde ihr Zustand so schlimm, daß man mich holen ließ. Der Arzt war schon da. Er gab mir ein Zeichen, daß es zu Ende gehe. Ich setzte mich zu ihr auf die Bettkante, sah in ihre großen, brennenden Augen, küßte noch einmal die Stirn der Lebenden und ihre Hand. Sie war auffallend unruhig, in einer dunklen Vorahnung des Kommenden. Aus ihren armen hastigen Bewegungen waren tausend letzte Wünsche zu erkennen. Ich fragte, ob ich ihr irgend etwas zuliebe tun könne. Sie schüttelte den Kopf. Ob sie noch irgendeinen Menschen zu sehen wünsche, den sie gern habe, eine Freundin oder einen Freund.

»Nein«, flüsterte sie.

Dann hauchte sie nur noch ein einziges Wort, das ich nicht verstand, während ihre Augen schon geschlossen waren. Zwei Stunden später starb sie in meinen Armen, bewußtlos, das Kind unter dem Herzen.

Zweimal im Jahre besuche ich ihr Grab, im Mai und im Herbst. Im Mai höre ich dort die Nachtigall schlagen, im Herbst sehe ich die Blätter von den Linden treiben, sehe die letzte gelbe Rose über Ebeth welken und denke an den fernen Oktobertag, da ich sie zum ersten Male sah, lachend, in weißem Kleid.

Auf ihrem Grabstein steht nur »Ebeth«, mit großen Buchstaben in Gold.

Die Hochzeit des Freundes

Fridolin war jung, lang und hellblond. Etwas Ruhiges war in seinem Wesen. Er war zu besonnen, um sich von einer Leidenschaft knechten zu lassen, und zu leichten Sinnes, um sich über eine Torheit zu erregen, die er begangen hatte.

Auf das engste vertraut fühlte er sich mit der Schönheit des Meeres. Er meinte, daß es nichts Größeres, Rätselvolleres und doch dem Fühlen des Menschen Vertrauteres gäbe als diese in ewigem Wechsel sich erneuende Bewegung, und daß es nichts gäbe, was einen tieferen Frieden und zugleich eine so herrliche Lust an der Fülle des Daseins verliehe. Am Meere trieb er sich oft herum. Hier schien ihm alles verklärt von einem unbeschreiblichen Glanz: der spritzende Gischt wie das wehende Dünengras und die unheimlichen Vögel, die den Strand bevölkern; der scharfe Geruch von Salz und trocknenden Fischen, der Strandhafer und die Disteln, mit denen der Westwind spielt; das Mondlicht, das über das dunkle Wasser hinschillert, mit unzähligen blitzenden Klecksen; und jene göttlich faulen Stunden, da man, die brennende Pfeife im Munde, in einsamen Booten liegt, ziellos dahintreibt und mit wunschlosen Augen in den Himmel schaut.

Was die Liebe anlangt, so ist zu sagen, daß ihn am ehesten jene Mädchen entzündeten, aus deren gerade erwachenden Augen das blaue Frühlingsleuchten strahlt, das von den Blüten des Sommers noch nichts weiß; jene, deren zaghaft gegebene Hand ein reicheres Geschenk bedeutet als das Glühen der Wissenden, und die, wenn sie tanzen, wie junge, im Wind bewegte Zweige sind. Das Ende seiner Neigungen freilich war immer bitter, denn es war die Entsagung. Er hatte noch keinen Sinn dafür, daß es hold sei, das eigene Leben mit einem andern dauernd zu verketten. Er war zu sehr in seine Jugend verstrickt, und sein Freiheitsgefühl war viel zu groß, als daß er sich schon hätte entschließen können, einen mit Obacht vorgeschriebenen Weg zu gehen.

* * * * *

Er hatte einen Jugendfreund mit Namen Wilibald. Dieser war jetzt Leutnant in einem pommerschen Infanterieregiment und hatte sich mit der Tochter eines hinterpommerschen Gutsbesitzers verlobt. Die Hochzeit stand nahe bevor. Fridolin erinnerte sich einer hübschen Szene aus der Kindheit, wo er mit dem Freunde in einem blühenden Holunderbusch gesessen hatte, in dem sie, mit ernster Miene Zigaretten aus Kartoffelkraut rauchend und unendlich wichtige Gespräche über die Zukunft führend, sich das Wort gegeben hatten, daß einst der eine auf der Hochzeit des andern zugegen sein werde. Nun machte sich Fridolin auf, um an der Hochzeitsfeier seines Freundes teilzunehmen.

Er reiste mit einem andern Jugendgenossen, Paul, der auch geladen war. Es war im März, und nach langen Regentagen waltete der Vorfrühling in seiner ganzen Schönheit. Die Luft war erfüllt von Sonne und tausend seltsamen süßen Ahnungen. Die werdende Natur schien mit Schleiern von Gold behangen zu sein, nachdem das Auge sie wochenlang nur in Grau gesehen hatte. Paul und Fridolin saßen plaudernd im Zuge, der sie nach Norden trug. Sie ergingen sich in bunten Erinnerungen, und die Tage ihrer Kindheit standen so klar vor ihnen auf, als hätten sie sie gestern erst preisgegeben.

Fridolin blickte durch das geöffnete Fenster des Zuges, durch das die Sonne hereinkam, in die vorüberfliegende Landschaft. Er war überrascht von dem, was er sah. Er hatte gemeint, auf dieser Reise in die ödesten Bezirke zu geraten, und nun sah er sich unvermutet von einer Natur umgeben, die mit seinem landschaftlichen Fühlen im schönsten Einklang stand. Ein wundervoll blauer Himmel lag über der Erde, und die Strahlen der lange entbehrten Sonne umwoben jedes Ding mit einem goldhaltigen Schimmer. Braune Heideflächen, aus denen einzelne Birken, von dem ersten Glanz des kommenden Laubes verklärt, hervorragten, wechselten mit kleinen Nadelwäldern, Ackerstreifen und fetten Wiesen ab. Dann flog der Zug an Mooren vorbei, in deren schwarzen Lachen die Sonne wie bleiches Silber lag. Aufgeschichtete Torfhaufen sah man, und die vereinzelten Bäume, die sich aus dem Moor aufreckten, waren verkrüppelte Wesen von spukhafter Form, die, so dachte Fridolin, wenn man sie im Mondlicht sähe, etwas Furchterregendes haben müßten. Hier und da stand ein bemooster, grünlich schimmernder Windbock und ließ seine Flügel treiben. Über die Wiesen schritt der Storch. Einzelne Gehöfte, von Linden oder Eschen umgeben, die sie gegen die Winde schützten, lagen malerisch durch das Land verstreut. Verblüffend waren die kleinen Seen, die zuweilen auftauchten. Ihr Wasser war so märchenhaft blau, daß es schien, ein Stück des Himmels sei in sie hineingefallen.

Blau und Gold waren die herrschenden Farben in der Landschaft. Die Höhen, die in der Ferne auftauchten, waren ultramarin. Fridolin war es, er schaue in eine Wunderwelt.

Am späten Nachmittag, als die Farben matter wurden und sich ein feines, langsam zunehmendes Grau überall einzumischen begann, kam die kleine Station, auf der man aussteigen mußte. Fridolin lehnte, als der Zug einlief, aus dem Fenster, um Auslug zu halten. Der Bräutigam, in Uniform mit Pelzkragen, stand auf dem Bahnsteig und winkte. Die beiden Freunde waren nicht die einzigen, die den Zug verließen. Noch etwa fünf, sechs andre Wagentüren öffneten sich, und Herren mit Hut- und Helmschachteln, auch mehrere Damen stiegen aus. Wilibald begrüßte die einzelnen, stellte vor und überwies das Gepäck an die Diener. Dann ordnete sich die kleine, bunt zusammengewürfelte Kolonne in einer Reihe draußen wartender Landauer, die sie dem ungefähr eine Stunde entfernt liegenden Gutshof zuführen sollte.

Die Führung übernahm eine Jagdkalesche. Ein Paar schwarzbrauner Traber zog sie. Wilibald saß auf dem Bock und hatte die Zügel in Händen. Neben ihm saß Fridolin. Hinter ihnen ein Bruder der Braut, Paul und eine Reihe Leutnants.

Erst kam eine Pappelchaussee. Rechts und links, auf hügeligem Gelände, dehnte sich Feld und Heide. Ein kräftiger Wind strich von den Feldern her. Wilibalds Augen glänzten. Er knallte die Peitsche über die Gäule hin, sah zwischen den nickenden Köpfen durch und schien an etwas Fernes zu denken. Plötzlich kehrte er das Gesicht zu dem neben ihm sitzenden Freunde und blitzte ihn mit goldenen Augen an.

Da sprach Fridolin:

»Sie hat blaue Augen, und in ihrem Haar ist ein Ton wie Bernstein. Habe ich recht?«

Wilibald nickte.

»Das Schönste ist ihr Lachen«, erwiderte er, »Es ist wie ein Quell unter Blumen. In einer halben Stunde sind wir bei ihr.«

Der Wagen bog in einen sandigen Feldweg ein, um einen Hügel herum, und nun fuhr man auf einmal mitten in die untergehende Sonne hinein. Sie ging ganz ohne Strahlen hinüber, gleich einem riesigen Blutstropfen, der in einer bläulich dunstigen Atmosphäre hing. Auf einer Höhe rechts von dem roten Gestirn türmte sich ein armseliges Dorf empor, in wilden Linien. Weiße Häuser und hochragende Dächer aus Stroh. Eine alte, dickköpfige Kirche krönte das Ganze.

»Das ist Garzigar«, erklärte Wilibald, indem er mit der Peitsche hinüberwies. »In der Kirche findet morgen die Trauung statt. Heute machen wir noch einen Bogen darum.«

Fridolin war entzückt von diesem alten, hochgebauten Nest, das, die mächtige Sonne zur Linken, wie eine trotzige Faust aus der Einsamkeit der Heide ragte.

»Ich bin starr«, sagte er, »Ihr habt Punkte in diesem Lande, die unbeschreiblich sind. Wenn ich Maler wäre, hier ließe ich mich nieder.«

Wilibald nickte. »Das Land ist schöner als man ahnt. Sind Dir die blauen Töne der Ferne aufgefallen? Sie verschwinden fast nie.«

»Wie Ultramarin«, sagte Fridolin.

»Die Farbe kommt von der Feuchtigkeit der Moore und von der Nähe des Meeres. 'Das blaue Ländchen' heißt die Gegend im Munde der Leute. An manchen Tagen ist das Blau so fabelhaft, daß man mit dem Finger hineintauchen möchte, in der Meinung, daß es abfärben müßte.«

»Sieh jetzt die Sonne hinter den Birken. Wundervoll.«

»Gleich ist sie hinüber. Jetzt taucht auch Obliwitz auf, unser einsamer Gutshof. Dort neben dem Wäldchen die weißlichen Häuser. Auf dem höchsten weht eine Fahne.«

Ein Hohlweg kam. Hinter ihm tat sich ein Moor auf, mit verkrüppelten Kiefernbeständen und halb verfallenen Hütten. In den schwarzen Pfützen blänkerte die Abendröte.

Ein Volk Avosetten fuhr auf und stürmte über das Moor in die Dämmerung. Ein Hund schlug an und hörte nicht mehr auf mit Belfern. Man fuhr an kleinen, strohgedeckten Arbeiterhäusern vorüber, die etwas abseits von dem Gutshof lagen. Die feiernden Leute standen vor den Türen und zogen die Mützen. Eine mit Tannengrün und Feldblumen umwundene Ehrenpforte wölbte sich über den Weg. In großen bunten Lettern trug sie die Inschrift: »Willkommen«. Mit Hurrarufen fuhr man darunter hinweg. Wenige Minuten später bog man rasselnd in den weitläufigen Gutshof ein.

Im Herrenhause brannten schon die Lichter. Der Vater der Braut stand vor der Tür und begrüßte die Ankommenden. Sein Verwalter, ein junger, blonder Mensch, stand neben ihm. Im Hause wimmelte es schon von Gästen. Während Paul und Fridolin den Korridor des Seitenflügels passierten, rauschte eine Wolke junger Mädchen in hellen Kleidern an ihnen vorüber. Die Freunde nahmen ein gemeinsames Zimmer in Beschlag, säuberten sich und zogen sich um.

Während Paul sich rasierte, klopfte es.

Fridolin öffnete, der Bräutigam trat herein, im Überrock.

»Ihr müßt so fürlieb nehmen«, sagte er, »Es sind der Gäste zuviel. Wenn Ihr Wünsche habt, wendet Euch an meinen Burschen. Morgen spielt Ihr Brautführer. Paul ist für diesen Zweck ein Fräulein Gleiß zugefallen, braunhaarig und lustig, mit hübschen Augen. Du, Fridolin, führst eine große, blonde. Heute erkennst Du sie an einem blauen Kleid. Asta von Sebnitz heißt sie.«

»Oho!« machte Fridolin, »das klingt ja ganz feudal.«

»Ist es auch«, entgegnete Wilibald. »Ostpreußischer Adel, kühl und hochmütig. Du wirst ja sehen. Jetzt muß ich weiter. Macht schnell und erscheint bald. Adio!«

Er stieß ein übermütiges Gejubel aus und verschwand.

Bald darauf begaben sich Paul und Fridolin in die Gesellschaftsräume. Wilibald führte sie erst zu seiner Braut hinüber, die ein taubengraues, mit rosa Seide durchsetztes Kleid angelegt hatte und, indem sie sich sicher, aber durchaus mädchenhaft bewegte, ungemein reizend aussah.

Dann wurde weiter vorgestellt. Den Verwandten, den älteren Herrschaften, den jungen Mädchen. Als alles vorüber war, zog sich Fridolin in eine Fensternische zurück. Er sah durch die unverhüllten Scheiben auf den dunkelnden Hof, wo ein Knecht ein paar Pferde in den Stall führte und zwei Frauen blanke Eimer mit Milch trugen. Dann hielt er im Zimmer Umschau. Von den Namen hatte er so viel wie nichts verstanden. Gern hätte er gewußt, wo die Dame sei, die er morgen zu Tisch führen sollte. Ein blaues Kleid sollte sie tragen. Er sah keins.

Paul trat zu ihm, nahm seinen Arm, und sie gingen ins Nebenzimmer. Hier schien der Tummelplatz der Jugend zu sein. Man lachte, plauderte, und kleine Gläser mit Sherry wurden herumgereicht. Die Freunde nahmen an dem Tischchen Platz, an dem die Braut und der Bräutigam saßen. Ein Diener bot Zigaretten an. Fridolin nahm eine zwischen die Lippen, beugte sich zu Wilibald hinüber und fragte:

»Du, wo ist eigentlich dies Fräulein Asta?«