Die Kurtisane Jamaica

Chapter 2

Chapter 23,930 wordsPublic domain

Man sah den Jagdwagen mit den Schimmeln, eine Staubwolke schwebte hinter ihm. Charlotte und ich faßten uns bei der Hand und liefen zur Landstraße hinüber. Dort pflanzten wir uns auf und winkten mit den Taschentüchern, während der Wagen vorüberfuhr. Auch Komteß Anna winkte und die Freundin und der Assessor. Die Freundin war schwarzhaarig, sie hatte schöne, freie Augen und einen ernsten Mund. Es war etwas Sicheres und Feines an ihr, eine bezaubernde Anmut. Ich sah sie gleich als Bild in meiner Vorstellung. Ein feines Kind, dachte ich, das wäre etwas für deinen Pinsel, Tedrahn!

Ich schlenderte mit Charlotte zum Schloß zurück. Wir hatten den Wagen so lange vor uns, bis er in die Lindenallee einbog. Charlotte hatte unterwegs Blumen gepflückt, sie gab mir davon ab, als ich auf mein Zimmer ging, um mich zum Essen umzukleiden. Ich wohnte nicht im Schlosse selbst, sondern in einem alten weißen Hause, das quer daneben lag, und das man das »Kavalierhaus« nannte.

Als ich dann zum Schloß hinüberschritt, stand Komteß Anna mit ihrer Freundin auf der Terrasse. Die Komteß hatte ein weißes Tuch um die Schultern und rote Monatsrosen auf der Brust. Die Freundin war kleiner von Gestalt. Ich wußte, daß sie auch siebzehnjährig war. Sie hatte ein bordeauxrotes Tuchkleid an, das Haar lag ihr üppig im Nacken. Ich schritt die Stufen zur Terrasse hinauf, Komteß Anna stellte vor: »Herr Konrad Tedrahn, Kunstmaler von Beruf, Fräulein Leonore Helfinger aus Lübeck.«

»Ah, Lübeck!« sagte ich sofort, »ich kenne die Stadt und liebe sie. Wie lebt man dort eigentlich? Haben Sie viel Verkehr? Gehen Sie viel aus?«

In dieser Weise fragte ich sie. Es geschah etwas lässig, sie war ja siebzehn Jahre alt, also ein Kind.

»Nein«, entgegnete sie in gleichgültigem Ton, »ich gehe nicht viel aus.«

Sie wendete sich wieder an die Komteß und plauderte mit ihr, als ob ich nicht vorhanden sei.

'Etwas eigensinnig', dachte ich, -- 'aber schön, mit allen Reizen der Jugend, feingliedrig und stolz, vielleicht etwas hochmütig. Hier ist etwas zu tun, Tedrahn, etwas zu schaffen ist hier! Diesen ernsten Kopf mit dem schwarzen Haar und den Augen des erwachenden Mai, -- wo bringe ich ihn hin? Vor einen Rosenbusch am Morgen oder direkt vor den blauen Himmel, der von dünnen, weißen, wehenden Wolken bewegt ist? Ich möchte sie tanzen sehen, ich möchte auch sehen, wie sie läuft. Ich möchte die Bewegungen ihres Körpers sehen, die Art ihrer Schritte, und wie sie die Arme wirft, beim Tennisspiel oder beim Reifenschlagen.'

Durch meinen Kopf schwirrten zahllose lockende Malereien. Ich verwünschte es im stillen, daß Leonore Helfinger nach Carnin gekommen war, denn ich fühlte, sie würde mich malerisch beschäftigen, ich würde Bilder der Phantasie komponieren, während ich mit meinen wirklichen Bildern während dieser letzten Tage noch gerade genug zu tun hatte. Denn in drei Tagen mußte ich reisen, also wozu diese unnütze Verwirrung in meiner Arbeit.

Ein Diener erschien in der Glastür und bat zu Tisch. Wir gingen hinein, die andern waren schon in dem blauen Vorsaal versammelt. Der Graf machte mich mit dem Assessor bekannt. Man begab sich in das schöne Eßzimmer, in dem schon die Lichter brannten und die Gardinen gegen den Park zu herabgelassen waren. Ich hatte meinen alten Platz neben der Gräfin, Leonore Helfinger saß mir schräg gegenüber. Der Graf begrüßte sie und den Assessor, indem er sein Glas erhob. Es wurde Champagner getrunken, wie immer, wenn ein neuer Gast aus Carnin einzog.

Ich sagte leise zur Gräfin: »Die kleine Helfinger ist ja wundervoll. Durch meinen Kopf schwirren Bilder auf Bilder, wie ich sie malen möchte.«

»Ich kenne sie kaum«, sagte die Gräfin, »nur aus Annas Erzählungen. Die Mädchen haben die Pensionszeit zusammen verlebt. Ich finde, sie ist schön zu nennen.«

Nach Tisch warfen wir die Mäntel über und gingen auf die Terrasse. Die Herren rauchten englische Zigaretten. Auch Komteß Anna zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich in einen Korbstuhl zurück und stieß kleine Wölkchen in die Luft. Leonore stand am weißen Geländer der Terrasse und sah in den Abend. Es war ein schöner Abend, im Dorf Carnin sangen die Mädchen wieder, der Mond stand am Himmel. Der Graf und der Assessor kamen in ein Gespräch über Brahms. Sie begaben sich in das Musikzimmer, und man hörte, wie zuweilen auf dem Klavier ein Thema angeschlagen wurde. Charlotte stand neben mir und hatte ihren Arm vertraulich unter meinen geschoben.

»Heute steht der Mond schon über dem Kavalierhaus«, sagte sie, »gestern stand er noch über den gescheckten Ulmen.«

Jetzt sah alles den Mond an. Leonore sah mit fast strengem Mund hinauf, -- aber so streng dieser Mund erschien, es lag etwas Schwärmerisches um ihn her. Es war wunderbar zu sehen, wie sich das Mondlicht auf den feuchten jungen Lippen brach. Der Mond stand über dem Dach des Kavalierhauses und wandelte dem riesigen Wipfel einer Kastanie zu. Nicht die mindeste Bewegung lag in der Luft. Der Hauslehrer, der an der geöffneten Glastür lehnte, sagte etwas von allzu lauen Frühlingsnächten, es würde einen regnerischen Sommer geben.

»Wir sollten eine Gondelfahrt machen«, schlug die Gräfin vor.

Alles stimmte ein, Charlotte war ganz entflammt, aber gerade sie mußte zurückbleiben, da ihre Mutter meinte, es sei auf dem Wasser zu kühl für sie. Wir verließen die Terrasse: die Gräfin, Komteß Anna, Leonore und ich. Wir schritten um das Schloß herum und durch den dunklen Park hinab zum Teich.

Die Gräfin setzte sich an das Steuer des Bootes, ich nahm die Ruder. Wir trieben sacht dahin. Mitunter hörten wir am Ufer ein Plumpsen, es waren aufgeschreckte Frösche, die in das Wasser sprangen. Leonore und Komteß Anna saßen dicht vor mir, der Mond schien in ihre Gesichter. Ich spürte den Duft dieser frischen, jugendlichen Gestalten. Leonore hatte ein grünes Jäckchen an, ihr Kopf war unbedeckt. Sie sah herrlich aus. Einmal merkte ich, wie sie zusammenschauerte. Es war die Abendluft über dem Wasser. Ich lenkte zum Bootssteg zurück.

Plaudernd schritten wir über den Rasen zum Schloß hinan. Leonore lachte ein paarmal hell auf, ich weiß nicht mehr worüber. Das Lachen höre ich noch, es war wie das Plätschern eines Brunnens. Ich fühlte immer deutlicher, daß ich sie malen müßte. Als ich ihr Gutenacht wünschte, sagte sie: »Morgen zeigen Sie mir Ihre Bilder.«

»Gewiß!« sagte ich. Meine Augen umfingen ihren Kopf mit dem schwarzen Haar wie ein Gemälde.

In meinem Zimmer brannte die Lampe schon. Ich setzte mich hin, nahm Kreide und Papier und suchte den Umriß von Leonores Kopf zu zeichnen. Dann machte ich einen Umriß von ihrer ganzen Figur. Dann wieder nur die Stirn mit dem Haar. Dann strich ich alles aus, da alles Unsinn war.

Ich zündete eine Zigarette an und schritt im Zimmer auf und ab. Ein schöner Kopf, ein süßer Kopf. Am schönsten so: halbes Profil und ein klein wenig nach unten geneigt. Bei Tisch hatte ich sie so gesehen und dicht vor mir im Kahn. So, dachte ich, müßte sie mir einmal sitzen, mit dieser geneigten Nase, mit dieser großen Linie des Haares. Ich ging wieder an den Tisch und machte von neuem ein paar Zeichnungen aus der Erinnerung. Warum war dieses Mädchen jetzt nach Carnin gekommen! Sie nahm mir beinahe das Interesse an meinen großen Bildern fort, an denen ich noch zu arbeiten hatte. Wäre sie doch geblieben, wo sie war! Unwillig warf ich die Kreide fort, entkleidete mich und legte mich schlafen. Draußen schrie eine Eule in den Ulmen. Durch die Dunkelheit sah ich noch immer ein junges, holdes Profil, Züge von einer verhaltenen Leidenschaft, zartrosige Wangen und schwarzes Haar ... Pastell, dachte ich, in Pastell muß man es machen. Lockere, leichte Farben, das Ganze nur wie ein Hauch. Mit diesen Gedanken schlief ich ein.

Der nächste Tag war der Sonnabend vor dem Fest. Ich stand früh auf und nahm das Frühstück auf meinem Zimmer. Dann schleppte ich eins der Bilder in den Park, um es im Frühlicht fertig zu machen. Es stellte ein Rosenbeet dar, rechts und links hohe Taxusbäume, hinten ein altes Gartenhäuschen mit hohem Dach. Ich malte also. Während ich malte, dachte ich: das Bild ist leer, es ist unvollständig. Vor dem Hause fehlt etwas. Die Gestalt der Leonore Helfinger müßte vor dem Gartenhaus stehen, rechts von der Tür, und sich neigen, um eine Blume zu pflücken. Ich kniff die Augen zu und stellte mir vor, wie das Bild dann aussehen würde. Gut, gut. Aber es war ja zu spät! Schade um dich, du leeres Bild. Ich seufzte und malte weiter, unlustig und unzufrieden.

Ich hörte Lachen, blickte mich um und sah die beiden Freundinnen im Sonnenlicht daherschlendern. Sie waren beide in Weiß und hatten gelbe, großkrempige Strohhüte auf.

»Guten Morgen, Herr Maler!« rief Leonore lachend. »Schon so früh bei der Arbeit?«

»Ja, aber es fleckt nicht«, erwiderte ich, »ich bin unzufrieden.«

»Wie schade!« sagte sie, indem sie meine Malerei betrachtete. »Ihr Bild gefällt mir, das ist wirklich der tauige Morgen, der da webt. Ich fände es freilich schöner, wenn eine Figur vor dem Häuschen stünde. Das Bild würde voller dadurch. Finden Sie nicht?«

Ich mußte lächeln.

»Gewiß finde ich das«, entgegnete ich. »Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, sich einmal dort vor dem Hause aufzustellen, damit ich die Wirkung sehe.«

Sie lief hinüber.

Komteß Anna sprach: »Leonore hat recht, -- sehen Sie, wie reizend sie dort zwischen den Blumen steht?«

»Ja«, sagte ich, »schade, daß ich nicht eher darauf gekommen bin! Schade! Wenn Sie wüßten, Komteß, wie Ihre Freundin mich malerisch entzückt!« Zu Leonore rief ich hinüber: »Kommen Sie, ich werde sonst traurig, wenn ich Sie noch länger so stehen sehe. Warum sind Sie nicht eher nach Carnin gekommen? Wie gern würde ich Sie malen! Ich möchte eine Skizze von Ihnen machen, heute nachmittag, darf ich?«

»Gern.«

»Hier im Park, in der Sonne, ich freue mich darauf.«

Komteß Anna drängte, zu gehen. Die Mädchen wollten eine Morgenwanderung in die Marsch unternehmen. Sie verabschiedeten sich und verschwanden zwischen den Bäumen. Ich sah die hellen Kleider sich verlieren im Dunkelgrün. Dann arbeitete ich weiter, voll Mißmut. Ich sehnte mich nach andrer Arbeit, aber ich mußte doch meine armen Bilder fertig machen ...

Gegen Mittag kam ich, eine Leinwand unter dem Arm, vom Park her über den Rasenplatz vor dem Schloß. Ich hörte schon aus der Ferne Lachen und Rufe. Die Mädchen spielten Tennis, mit Charlotte und dem Assessor. Fred und Klaus hoben die Bälle auf. Ich blieb, um die Ecke des Schlosses biegend, stehen und sah gerade, wie Leonore, den Schläger mit allen Kräften schwingend, sich hoch auf den Zehen erhob und den Ball durch die Lüfte jagte. Sie stieß einen kleinen Schrei dabei aus, ihr Kleid hatte einen wirbelnden Schwung um die Fesseln der Füße.

Schön, schön, schön! dachte ich. Wundervoll! Sie hat eine Hingabe in der Bewegung ...

Oben von meinem Fenster aus sah ich dem Spiel noch eine Weile zu. Ich setzte mich ans Fenster, hinter die Gardine, so daß mich keiner sah, und skizzierte einige Bewegungsstudien. Dann mußte ich wieder in den Park hinab zum Malen. Nach Tisch kamen die Freundinnen samt Charlotte auf mein Arbeitszimmer, um die Bilder anzusehen. Leonore sah auch die Studien vom Tennisspiel auf einem Stuhle liegen.

»Stammt das von heute?« fragte sie.

»Ja«, entgegnete ich, »erkennen Sie sich nicht? Das sind Sie. Sie hatten ein paar Bewegungen, die mich begeisterten.«

Sie sah mich an, etwas fragend. Ihr Blick war sehr schön. Ein seelenvolles Auge, dachte ich, beinahe kobaltblau, eigentümlich.

Dann gingen wir in den Park. Ich setzte Leonore in die Sonne vor eine grünumsponnene Laube und skizzierte sie. Komteß Anna und Charlotte gingen ans Wasser hinab. Sie schritten singend über eine Brücke. Singend entschwanden sie.

Ich skizzierte Leonore von vorn. Das Licht lag spielend in ihrem Haar. Es flirrte über die weiße Stirn und die rosigen Wangen, und das Grün der Laube gab der Haut und dem weißen Kleid einen eigentümlichen Ton; dies alles war schwierig zu malen.

Leonore plauderte. Erst antwortete ich, wenn auch zerstreut, dann hörte ich nicht mehr hin. Schließlich sagte sie nichts mehr. Es kam etwas Mattes in ihre Züge, ich merkte es wohl. »Verzeihen Sie«, sagte ich, »wenn ich schlecht darauf achte, was Sie sagen. Ich bin zu sehr beschäftigt mit dieser Studie. Wenn mich etwas malerisch in Anspruch nimmt, empfinde ich nichts andres. Verzeihen Sie.«

»Aber bitte«, entgegnete sie. Es klang müde, es klang ein wenig trotzig, es klang herb. Damals achtete ich nicht darauf, ich malte sie ja, das war mir genug. Ich hatte keinen andern Wunsch, als Bilder nach ihr zu malen, ich alberner Geselle!

Die Skizze wurde gut. Ich hörte zur richtigen Zeit auf, so daß sie das Unmittelbare, im Moment Empfundene behielt. Es war Leben darauf, das Gesicht lebte und das Licht der Junisonne auch.

»So habe ich doch wenigstens einen Begriff, einen Anhaltspunkt«, sagte ich. »Ich danke Ihnen.«

Auch ihr gefiel die Studie. Wir schritten zusammen zum Schloß hinüber, ich sprach vom Malen im Freien im allgemeinen. Unterwegs pflückte sie eine rosa Rose und reichte sie mir. Dann ging sie ins Schloß und ich ins Kavalierhaus, um mir eine andre Leinwand zu holen. Die Rose legte ich oben auf den Tisch, ich vergaß, sie ins Wasser zu stellen. Es war ja auch nur eine Rose, es gab deren viele im Park von Carnin.

Dann kam wieder einer der schönen Abende. Wir saßen wie meist auf der Terrasse, der Mond stand am Himmel, die Sterne hatten einen metallisch blanken Glanz. Die Gräfin, ein weißseidenes Tuch um die Schultern, griff Akkorde auf der Gitarre und sang ein französisches Lied. Dann spielte sie deutsche Volkslieder, und wir sangen mit. In den Pausen hörten wir ein süßes Tönen aus der Ferne, das waren die wandernden Mädchen in Carnin. Einmal hörten wir ein unterdrücktes Kichern ganz in der Nähe. Der Graf wußte sofort, was es zu bedeuten hatte. Er sah zu den Fenstern hinauf, hinter denen Fred und Klaus jetzt eigentlich schlafen sollten. Die Jungen lugten in ihren Hemden zum Fenster hinaus und hörten unserm Singen zu. Jetzt, da der Graf sie energisch zu Bett schickte, riefen sie noch einmal »Gute Nacht!«, man hörte, wie sie lachten, dann schlossen sie die Fenster, und es war wieder still.

Man begab sich in den Salon, um noch eine Tasse Tee zu trinken. Vorher verabschiedete sich Charlotte, da ihre Schlafenszeit gekommen war. »Charlotte«, sagte ich, »morgen ist Pfingsten, da kommen ganz früh die Elben von der Geest herunter, um die Maien zu bringen, du weißt. Ich möchte die Elben gern zu Gesicht bekommen, hoffentlich finde ich früh genug aus dem Bett. Ich werde sie für Dich um eine kleine Maie extra bitten, -- ja?«

»Das wäre reizend«, sagte sie, »aber Sie müssen auch für Fräulein Leonore eine Maie zu bekommen suchen, sie hat doch heute so fein stillgehalten beim Malen.«

»Das ist wahr«, sagte ich.

»Fräulein Leonore liebe ich sehr«, flüsterte Charlotte, als verkünde sie mir ein Geheimnis, »ihr Mund ist doch bezaubernd, und auch ihre Augen, -- nicht wahr?«

Dann ging sie, ich sah dem Schreiten ihrer Kinderfüße nach. Darauf sah ich zu Leonore hinüber. Sie saß in einem großen geblümten Polsterstuhl und führte gerade eine Schale Tee an die Lippen. Das rote Licht einer Lampe, auf der ein karmoisinfarbener Schirm lag, fiel auf sie. Natürlich sah ich sofort wieder ein Bild. Es war mein Verhängnis, daß ich immer Bilder, Bilder, Bilder sah, wenn meine Augen auf dies Mädchen fielen. Das rötliche Licht war magisch um sie her. Der zwanglos gehobene Arm, das schimmernde Haar, -- ich war schon wieder ganz mit einem malerischen Problem beschäftigt. Da brachte mir ein Diener Tee. Und kurz darauf trat der Assessor auf mich zu und verstrickte mich in ein Gespräch.

Der Graf machte, ehe er sich zurückzog, einen Vorschlag, der von allen freudig begrüßt wurde. Er schlug nämlich vor, daß man am folgenden Tage in den seidenen Kostümen des achtzehnten Jahrhunderts, deren es in der Kleiderkammer des Schlosses eine Menge gab, zum Diner kommen sollte. Auch er und die Gräfin versprachen, sich zu kostümieren.

Man trennte sich. Der Assessor und ich saßen noch eine Weile in den alten Lederstühlen der Bibliothek bei Tabak und Bier.

Endlich fingen wir an zu gähnen, erhoben uns und schlenderten zum Kavalierhaus hinüber. Es war eine laue, windstille Nacht, der Jasmin duftete betäubend. Unsere Schritte klangen einsam hallend auf dem hellen Kies, sonst hörte man nichts.

»Übrigens, dies Fräulein Helfinger«, sagte der Assessor, ehe wir in das Kavalierhaus eintraten, »ein entzückendes Geschöpf. Man möchte sie immer ansehen, finden Sie nicht?«

»Ein Bild«, entgegnete ich, »ein wirkliches Bild, ich versichere Sie, ich kann es beurteilen, ich bin ein Maler! Sie kann sich bewegen, wie sie will, es ist immer ein Bild. Es macht mich rasend, daß ich keine Zeit habe, sie zu malen. Was ist eine Skizze?«

»Ja, ja, ich glaube Ihnen«, sagte der Assessor.

Pfingstsonntag. Früh hatte ich zu arbeiten, nachher läuteten die Glocken zum Kirchgang; müde ließ ich meine Hände ruhen. Ich sah, wie das gräfliche Paar, der Hauslehrer, Charlotte und die Jungen gemeinsam zur Kirche schritten. Der Assessor streifte durch den Park, in weißen Beinkleidern und blauer Jacke. Als er mich sah, kam er auf mich zu und fragte, ob ich mit Tennis spielen wolle; die jungen Damen warteten schon auf der Terrasse. »Jawohl«, sagte ich, »mit Vergnügen.« Der Assessor half mir die Malsachen schleppen, dann spielten wir Tennis.

Die Mädchen hatten dunkelblaue, fußfreie Kleider und weiße Blusen an. Komteß Anna hatte einen roten Filzhut über das Haar gestülpt, Leonore trug das Haar frei. Ich spielte mit Komteß Anna, der Assessor mit Leonore. Ein Diener suchte die Bälle. Ich verwünschte es im stillen, daß ich an diesem Spiel teilnahm, ich hätte viel lieber daneben gesessen und Studien nach Leonores Bewegungen gemacht, die so sicher waren, so ruhig und doch von so starkem Temperament.

»Warum sehen Sie mich immer so an?« fragte sie einmal, nicht unwillig, sondern mit einem Lächeln.

»Sie wissen ja, Sie interessieren mich malerisch«, entgegnete ich, »verzeihen Sie, wenn ich Sie so oft ansehe.«

Ich machte eine Verbeugung wie vor einer Dame, wobei ich dachte: Diese Verbeugung ist unnötig, sie ist ja ein Kind. Ich bemühte mich, sie in Zukunft weniger anzusehen. Eine Weile gelang es mir. Dann fiel ich in meinen alten Fehler zurück.

Ich nahm mir vor, nachher neue Skizzen nach ihr zu machen. Sie hatte Bewegungen beim Spiel, die sie wie eine Blüte erscheinen ließen; das war, wenn sie den Hals streckte und den Kopf etwas zurückwarf. Einmal gab sie mir einen Ball in die Hand. Wie seltsam funkelnd waren ihre Augen, als sie mir den Ball gab. Das sind süße, leidenschaftliche Augen, dachte ich, und dieses sonderbare Blau. Ich dachte wieder daran, wie ich das malen könnte. Ich dachte immer nur ans Malen, ich Trottel, ich kindischer Geselle!

Nachmittags probte alles alte Kostüme. Ich hatte mir einen Rock aus hellgrauer Seide hervorgesucht, der mit Rosengirlanden bestickt war; dazu einen Kavalierdegen und Eskarpins. In diesem Kostüm saß ich noch eine Weile am Tisch meines Zimmers und machte aus der Erinnerung Bewegungsskizzen nach der tennisspielenden Leonore. Dann tönte das Gong, ich ging zum Diner hinüber ins Schloß.

In dem blauen Salon traf ich die beiden Freundinnen. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Die Mädchen sahen so überraschend echt in ihren Kostümen aus, daß ich meinte, ich sähe eine Vision aus der Zeit des =ancien régime=. Leonore trug ein langes, silberbesticktes Gewand aus blaugrauem Brokat, das hinten schleppte. Hals und Schultern waren frei. Sie trug eine hohe bepuderte Coiffüre, in der eine mattrote Rose steckte. Auf der einen Wange, nahe der Schläfe, lag ein schwarzes Pflästerchen. Ich sah sie zuerst im Profil, sie blickte gegen das Licht zum Fenster hin und hielt spielend einen alten Fächer in der Hand.

Komteß Anna war in Grünblau. Auch sie hatte bepudertes Haar, ihr Gewand war glockenförmig. Sie trat mir lachend entgegen und fragte:

»Wie gefallen wir Ihnen, Marquis?«

»Ich bin hingerissen«, sagte ich, »Sie sollten immer solche Kleider tragen. Auch Sie, Fräulein Helfinger.«

Leonore sah mich an, mit einem Lächeln. Wie wundervoll war die blaßrote Rose in ihrem bepuderten Haar! Wie mädchenhaft hold die Linie von dem feinen Hals zu den Schultern.

»Wahrhaftig, man sollte das malen«, sagte ich, »ganz in Silber und Grau.« Ich kniff die Augen ein wenig zu und betrachtete sie.

Da verschwand das Lächeln von ihrem Mund.

Sie wendete sich ab, fast verdrossen, und sah wieder zum Fenster hinaus, mit verhangenem Blick, als dächte sie an Fernes. Ich sah hinüber zu ihr und dachte: Wie reizend wäre es, wenn ich sie jetzt skizzieren könnte! ...

Nun kamen die andern. Die Gräfin kam in schwarzer Seide, mit grauer Perücke. Der Graf hatte eine Uniform aus der Zeit der Freiheitskriege angelegt. Charlotte trug ein geblümtes Kleidchen von 1830. Auf ihrem offenen Haar, das zu langen Locken gedreht war, lag ein dünner Kranz aus Tausendschönchen. Dieses zarte Kind war wie ein schwebendes Lied, wie eine verwehende Melodie.

Der Assessor trug ein Kostüm vom Schnitt des meinigen, aber in Hellblau. Die Gouvernante hatte ein Gewand aus der Schwedenzeit angelegt. Der Hauslehrer ging in einem altväterlichen Rock mit breiten Aufschlägen aus Samt. Fred und Klaus kamen in ihren Matrosenkitteln und machten bösartige Glossen über die andern.

Wir gingen paarweis zu Tisch. Ich hatte Leonore zu führen. Leicht und ernst hing sie an meinem Arm, ein Traum.

Bei Tisch war ich mir immer bewußt, daß ein Profil von seltener Kostbarkeit an meiner Seite war; daß ich jammervoll die Zeit versäumte, da ich es nicht skizzieren konnte. Ich kam auf Marie Grubbe zu sprechen, den Roman von Jens Peter Jacobsen. Ich fragte Leonore, ob sie das Buch gelesen habe.

»Ja«, sagte sie, »ich habe es gelesen, aber ich habe es zerrissen und verbrannt.«

Oho! dachte ich, sie hat Marie Grubbe verbrannt!

»Später werden Sie das Buch wieder lesen«, sagte ich, »dann werden Sie es nicht verbrennen, sondern Sie werden es lieben.«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Wissen Sie, wie ich Sie malen möchte?« sagte ich. »Wie Marie Grubbe möchte ich Sie malen, als sie noch Kind war, ich meine die Szene, wo sie in der Laube sitzt und mit den nackten Armen in den Rosen wühlt.«

Sie sah mich an, es war etwas Schmerzliches in ihren Augen. Ich nahm das Glas, in dem der Sekt perlte, hob es ihr entgegen und trank auf ihr Wohl. Auch sie nahm ihr Glas, wir stießen an. Ich sehe noch die holde Neigung ihres Kopfes, da wir anstießen. Auf ihren rosigen Wangen waren Spuren weißen Puders zu bemerken, der aus dem Haar herabgeglitten war.

Ich betrachtete sie lebhaft. Ich studierte sie, ich suchte alles Wichtige der Form und der Farbe in mich hineinzusaugen. War es nicht beleidigend, daß ich immer nur ihr Äußeres betrachtete?

»Sie ahnen nicht«, sagte ich, »wie die mattrote Rose zum Grau Ihres Haares steht. Es ist eine Harmonie, die mich begeistert.«

»Darf ich Ihnen die Rose schenken?« fragte sie demütig.

»Nein, nein«, entgegnete ich, »lassen Sie die Blüte in Ihrem Haar, es gibt keinen besseren Platz für sie!«

Ich nahm die Rose nicht, die sie mir anbot.

Sie sah müde vor sich hin. »Ich werde sie Ihnen heute Abend schenken, ehe wir uns trennen«, sagte sie leise.

»Oh, ich danke Ihnen«, erwiderte ich, »ich danke Ihnen.«

Nach Tisch ging alles in den Park. Ich lief hinüber auf mein Zimmer, ergriff ein Skizzenbuch und steckte es in die Brust. Es war gegen Sonnenuntergang. Es war die Stunde, wo die Bäume des Parks in einer stillen Verklärung in die Lüfte ragen, wo alle Umrisse größer und feierlicher zu werden beginnen. Die Abendsonne hing goldig in den Wipfeln der Kastanien. Wir schritten paarweis die gewundenen Kieswege hin, Leonore und ich zuletzt. Es war ein traumhaftes Bild, die bunten, in Seide gekleideten Menschen zwischen den Bäumen und blühenden Bosketts des alten Gartens, der solche bepuderten Menschen schon früher gesehen hatte und sehr erstaunt sein mochte, sie plötzlich noch einmal auftauchen zu sehen.